Fontblog Reportage

Beck’s lässt wieder gestalten


Eben im Supermarkt: Beck’s-Bier-Flaschen ohne Etikett, also … schon mit Etikett, aber ohne was drauf. Das finde ich so außer­ge­wöhn­lich, dass ich mir gleich 2 Exemplare in den Einkaufskorb lege. Zuhause dann das Kleingedruckte gelesen und die Website aufge­rufen: dein​becks​.de.

Immer wieder mal ruft Beck’s visu­elle Gestalter dazu auf, der Marke unter die Arme zu greifen. Hier im Fontblog haben wir das aufmerksam beob­achtet, zum Beispiel den Wettbewerb 2007: Volle Pulle daneben. Das Ergebnis dieser unglück­lich orga­ni­sierten Competition (Designverbände kriti­sierten) war ein Frauen-Six-Bag, entworfen von Oliver H. aus Gütersloh, hono­riert mit 5000 € und 100 Sixpacks des selbst gestal­teten Biers. Im Fontblog-Beitrag von 2017 sind zwar noch alle 60 Kommentare zu lesen, aber die verlinkten Abbildungen hat Beck’s inzwi­schen in den Giftschrank verbannt.

Die aktu­elle Werbe-Initiative »Mach’s zu deinem Beck’s« ist anders, weil … es sind 11 (!) Jahre vergangen. Wir haben soziale Netze und unser Designtool tragen wir in der Hosentasche. Und so fordert die Biermarke ihre Fans auf, mal eben am Smartphone – und nur dort – ein eigenes Flaschenlabel zu gestalten, auf dein​becks​.de. Hier kann man dann mit einer Vielzahl von Hintergründen und Icons ein indi­vi­du­elles Etikett zusam­men­bauen. Alternativ lässt sich ein eigenes Bild hoch­laden und Text hinzu­fügen. Was mir sofort gefiel: Die verwen­dete Handschrift bietet Alternativzeichen an, wirkt echt authen­tisch.

Als Hintergrund für mein Etikett habe ich das Key-visual unseres kommenden CreativeMornings Berlin gewählt: Motto »Chaos«. Dann noch drei Zeilen Text mit Berlin-Bezug, ein Icon dazu, fertig. Hat Spaß gemacht. Danke Beck’s.


Die 3 überflüssigsten Produkte auf der IFA

1. Der flie­gende Luftreiniger (Ataraina)

Das japa­ni­sche Unternehmen Creative Technology (Halle 7.1c) bietet unter dem Markennamen Ataraina den »welt­weit ersten« Flying Magic Cleaner an. Dabei handelt es sich um einen Luftreiniger, der – auf eine Drohne montiert  – dröh­nend durchs Wohnzimmer schweben und Staub einfangen soll. Der Ataraina-Stand war gut besucht, vor allem weil viele Besucher wissen wollten, wo der Lärm herkommt … es war der Luftreiniger in seinem Käfig.

Auch die beiden anderen Produkte von Ataraina haben sich einen Platz im Bestseller »Chindogu oder 99 unsin­nige Erfindungen« verdient: Der Schuhgeruchstopper Deodorant One und das elek­tro­ma­gne­ti­sche Flipboard Esclip.

2. Dir virtu­elle Herdflamme (Samsung)

Samsung hat die viel­leicht beein­dru­ckendste Ausstellungsfläche … und die größte: 2 Etagen im CityCube am Südeingang. Im Bereich Küche ziehen die Induktionskochfelder mit der Komfortfunktion Virtual Flame die Besucher wie magisch an. Die virtu­elle Flammen werden per LED an die Außenseite von Töpfen oder Pfannen proji­ziert. Je nach einge­stellter Leistungsstufe verän­dern sich deren Farbe und Intensität. »So haben Sie die Leistung Ihres Kochfeldes immer im Blick. Dies sorgt für sichtbar mehr Sicherheit.« meint Samsung.

3. Die Selfie-Riesenwaschmaschinen (San Giorgio)

Der neapo­li­ta­ni­sche Waschmaschinenhersteller IT Wash zeigt auf seinem Stand Neuheiten seiner Marke San Giorgio. Als Blickfang haben die Italiener eine Riesenwaschmaschine im Verhältnis 1:2 ins Zentrum gestellt, mit rotie­render Waschtrommel, aber funk­ti­ons­un­fähig. Gegenüber befindet sich eine Hostess mit Stehtisch, Laptop und Fotodrucker, die Besuchern ohne Smartphone ein Waschmaschinen-Selfie mit auf den Heimweg gibt.


CUT-Magazin interviewt den Font FF Hertz

Cut-Typografie-Ausgabe-im-RegalVon A bis Z widmet sich das Winterheft des DIY-Modemagazins CUT (»Leute machen Kleider«) dem Thema Schrift. Foto: Norman Posselt

Auf diese Art hat sich noch keine unserer Schriften in den letzten 20 Jahren empfohlen: In Kooperation mit Monotype spielt das viel­fach ausge­zeich­nete Heft auf 150 Seiten mit Schrift und Buchstaben, bringt eine Vielzahl moderner und klas­si­scher Editorial-Schriften zum Einsatz, und widmet mehrere Stories und Fotostrecken typo­gra­fi­schen Themen. Besonderes Feature: CUT-Redakteurin Anke Eberhardt spricht mit Jens Kutíleks FF Hertz, über Gleichberechtigung, Magersucht und billige Kleider:

CUT: Seit Sommer 2015 bist du ganz offi­ziell bei font​shop​.com und anderen Schriftdealern zu haben. Deine Entwicklung begann aber schon 2012. Ist das eine normale Zeitspanne?

FF Hertz: Ach, das ist noch gar nichts! Mit oder ohne Serifen? Wie sieht der Strich vom Q in Extra Bold Italic aus? Das muss ja alles bis ins Detail ausge­ar­beitet werden! Insgesamt habe ich in meinen 12 Schnitten über 11.000 Zeichen, darunter mehrere Tausend Akzentbuchstaben, die für die euro­päi­schen Sprachen nötig sind. Mein Designer muss ein Faible für mono­tone Tätigkeiten haben.

FF Hertz Interview-mit-einer-SchriftInterview mit einer Schrift? Warum nicht! FF Hertz zeigt im Gespräch, dass die moderne Textschrift Stellung bezieht. Zu Buchstabenwerten, Lesbarkeitsanspruch, auch Lebens- oder Formfragen. Editorial-Doppelseite: CUT Magazin, Typographie-Special, Ausgabe #14

CUT: Im Gegensatz zu den momentan aktu­ellen, über­cleanen Schriften erscheint deine Hand… pardon: Satzschrift eher altmo­disch.

FF Hertz: Stimmt. Meine Ziffern sind zum Beispiel stark an eine Schreibmaschine aus den 1970er-Jahren ange­lehnt. Viel habe ich auch Hermann Zapfs Melior zu verdanken, von der mein Designer sagt, sie über­trage ein 50er-Jahre-Feeling auf jeden Text. Serifenschriften wie ich sind eigent­lich nie beson­ders im Trend. Sogar Google hat ja gerade sein Logo zu einer seri­fen­losen Schrift geän­dert. Wir sind eher die Arbeitspferde, die unbe­achtet im Verborgenen werkeln. Es gibt aber auch Ausnahmen: In der Welt der Modemagazine sind klas­si­zis­ti­sche Serifenschriften mit feinen Haarlinien ein gesetzter Standard.

CUT: Obwohl du also eine Vorliebe für Tradition hast, bist du über­ra­schend modern einsetzbar und oft in eBooks zu sehen.

FF Hertz: Anders kann man in der heutigen Zeit ja gar nicht mehr bestehen. Das Fernsehen macht einen bekannt­lich 5 Kilo schwerer, bei E-Publikationen ist es umge­kehrt. Da wird jeder unvor­be­rei­tete Buchstabe unfrei­willig mager­süchtig. Wenn du dann aber mal wieder klas­sisch auf Papier gedruckt wirst, kommt der Jo-Jo-Effekt und plötz­lich bist du über­ge­wichtig. Deswegen habe ich versucht, mich bei der Abstufung meiner Strichstärken gleich zu Beginn an die verschie­denen Einsatzgebiete anzu­passen.

CUT: Warum benö­tigt jeder deiner Buchstaben exakt den glei­chen Platz, egal ob Light, Regular oder Bold?

FF Hertz: Gleichberichtigung war mir schon immer wichtig. Nur die Kursiven tanzen wie immer aus der Reihe und nehmen ihren eigenen Platz ein. Aber was soll man machen, es sind halt schräge Typen. Dass meine Buchstaben „uniwidth“ sind, ist aber nichts, was man als Leser merken soll. Das ist eher etwas, das dem Typografen, der mit mir gestaltet, die Arbeit erleich­tern soll.

FF_Hertz_Reader_1320pxSchmale und gleich­breite Zeichen in allen Schriftschnitten, hervor­ra­gende Lesbarkeit auf Papier und Bildschirm und warme Serifenformen: die enga­gierten Eigenschaften der FF Hertz Textfamilie von Jens Kutílek

CUT: Typobanausen könnten nun sagen, das sei doch alles völlig unwichtig. Eine Schrift sei Mittel zum Zweck. Und wo das a seinen Bauch trägt, doch nur eines: völlig egal.

FF Hertz: Ja, klar. Das ist unge­fähr so egal wie das Kleid, das man trägt. Ob das jetzt ein zwickendes Billigteil aus Polyester oder perfekt fallende Seide ist: völlig gleich­gültig. Ist ja auch nur ein Kleid, nicht? Aber wenn bei einer Bewegung etwas kneift, hat das Kleidungsstück seinen Zweck verfehlt. Ich bin die alltags­taug­liche Kleidung, die einfach gut sitzt. Die man nicht bemerkt, wenn man sie trägt. Um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, braucht man natür­lich etwas Spektakuläreres. Ich gehöre nicht auf den Laufsteg. I’m the normal one …

0_cut-magazine-typo-specialDie CUT-Herausgeberinnen zeigen in zig DIY-Ideen, was man mit A, B, C & Co alles anstellen kann, Editorial-Doppelseite: CUT Magazin, Typographie-Special, Ausgabe #14

CUT: Wobei die Unterschiede in der Mode doch etwas offen­sicht­li­cher sind.

FF Hertz: Nicht für unser Unterbewusstsein! Bei Lesetexten sind die Menschen zum Beispiel Serifenschriften gewohnt, für Beschilderungen funk­tio­nieren aber seri­fen­lose besser. Da soll noch mal jemand behaupten, dass Typografie nur eine Spielwiese für Grafiker sei, wenn alle an der Autobahnausfahrt vorbei­fahren, weil das Erfassen des Ortsnamens eine Sekunde zu lang gedauert hat.

CUT: Da du nun fertig designt bist, stellt sich die Frage: Wie sieht die Zukunft aus?

FF Hertz: Ich komme ja aus Berlin-Wedding, da wächst man auto­ma­tisch in einer inter­na­tio­nalen Umgebung auf. Ich spreche über hundert Sprachen, deshalb ist mein Ziel, irgend­wann in jeder von ihnen mindes­tens einmal für eine Liebeserklärung und einmal fürs Fluchen verwendet worden zu sein.

CUT: Das ist ein Wort. Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Anke Eberhardt.

Cut-Kooperation-Launch-Party-RedaktionDas CUT-Team auf der Launchparty im soda. BERLIN im Dezember (von links nach rechts): Marta Olesniewicz (CUT Art-direc­tion), Anke Eberhardt (CUT Chefredaktion), Sebastian Steinacker (SodaBooks), Isabell Hummel (SodaBooks), Horst Moser (CUT Verleger). Foto: Norman Posselt

CUT wurde 2009 unter der Leitung von Horst Moser im Hause inde­pen­dent Medien-Design von den Grafikdesignern Lucie Heselich und Marta Olesniewicz ins Leben gerufen. Anja Kellner stieß kurze Zeit später für Mode und Text dazu. Seit 2012 ist Anke Eberhard Mode- und Chefredakteurin. Inzwischen ist CUT fester Bestandteil der Magazinlandschaft und Kreativ-Lesestoff der Guerilla-Gärtner, Strickmädchen und Selbermacher. Verschiedene Preise wie zum Beispiel der Red Dot Award (2009, 2010), der Lead Award (2010) sowie lobenden Anerkennungen von ADC und der Nominierung des Rat für Formgebung unter­strei­chen die gestal­te­ri­sche Qualität von CUT.

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Das Berlinale-Plakat 2016

66. Berlinale Plakat

Es ist Tradition im Fontblog, alle Jahre wieder einen kurzen Blick auf die Plakatserie der Berliner Filmfestspiele zu werfen. Kurz vor Weihnachten wurden die Motive für die 66. Berlinale vorge­stellt, die vom 11. bis 21. Februar 2016 statt­finden wird. Nachdem der pres­ti­ge­träch­tige Job in den vergan­genen fünf Jahren von der Berliner Agentur Boros betreut wurde, wech­selte das Festival nun den Werbepartner.

Das Schweizer Designbüro Velvet​.ch schuf die 6 Motive und schlägt eine komplett neue Richtung für die Werbung des Filmfestival ein. Während jahr­zehn­te­lang Muster, Wörter, Abstraktes und Buchstaben die Berlinale-Poster domi­nierten, setzt Velvet auf format­fül­lende Fotos. Diese erzählen von »flüch­tigen Begegnungen einzelner Nachtschwärmer mit den Bären in der Stadt, … einge­klemmt zwischen Realität und Fiktion.« (Pressetext). Jedes Motiv ist in eine eigene Farbwelt getaucht. Allen gemein ist der fett in weiß gesetzte Veranstaltungsname plus Datum oben links, dazu an der rechten Seite gestürzt der Hashtag #Berlinale … alles gesetzt in ITC Avant Garde Gothic.

»›Der Bär ist los‹, so könnte das Motto unserer dies­jäh­rigen Plakatmotive heißen. Auf ihnen schwärmt der Bär aus und ist, wie das Festival selbst, nicht nur am Potsdamer Platz, sondern auch in den verschie­denen Kiezen unserer Stadt zu sehen.« Mit diesen Worten umschreibt Festivaldirektor Dieter Kosslick seine eigenen Assoziationen beim Betrachten der neuen Berlinale-Kampagne. Was er nicht verrät sind die Hintergründe für die visu­elle Kehrtwende sowie für zwei visu­elle Details, die um so mehr unsere Fantasie anregen.

1. Der Hashtag. Da die Berlinale nicht nur ein Industrie-, sondern auch ein Publikum-Festival ist, haben sich die Veranstalter dazu entschlossen, die Fans mit einem amtli­chen Hashtag zum Mitreden einzu­laden. Wer in den sozialen Medien zu Hause ist weiß natür­lich schon lange, dass dort sowohl die Stars als auch die Journalisten fleißig Informationen liefern (und natür­lich auch sammeln). Frischer als im Netz kommt man nicht an Festival-Infos. Mehr live geht nicht.

2. Das RGB-Muster. Wer sich den neuen Plakaten nähert stellt fest, dass die Fotos mit einem Pixel-Raster verfremdet sind, das sie wie Screenshots aussehen lässt, genauer: wie vom Bildschirm abfo­to­gra­fiert. Dieser Effekt ist unge­wöhn­lich für ein Festival zum Thema Film, einer Industrie, die zwar weit­ge­hend digi­ta­li­siert ist, aber letzt­lich ihr Geld mit dem Versprechen einer unge­trübten (= pixel­freien) opti­schen Bildqualität verdient. Andererseits deutet der Screen-Effekt an, dass die Zukunft des Films nicht alleine an der Kinokasse entschieden wird. Digitale Plattformen, die Filme verkaufen, verleihen oder streamen, werden in den kommenden Jahren eine entschei­dende Rolle für den Zugang zur Filmkunst spielen.

Beide Details betonen, dass die Berlinale ein publi­kums­nahes Festival ist und dass sie sich darum bemüht, so viele Menschen wie möglich dem Medium Film näher zu bringen. Unter diesem Blickwinkel sind die neuen Plakate inhalt­lich passend und grafisch gelungen.

(Abbildungen: Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin)


Fünf Fragen an Johannes Bergerhausen

Nach dem Kommunikationsdesign-Studium 1993 ging er nach Paris, Prof. Johannes Bergerhausen, Jahrgang 1965. Dort arbei­tete er für so unter­schied­liche Projekte wie für das Centre Pompidou, für Arbeitsloseninitiativen und bei den Gründern des Grafikerkollektivs Grapus, Paris-Clavel und Pierre Bernard. 1998 erhielt Johannes Bergerhausen das begehrte Stipendiat des Centre Nationale des Arts Plastiques.

Aus dem geplanten Jahr in Frankreich wurden an Ende sieben. 2002 berief die Hochschule Mainz Bergerhausen als Professor für Typografie und Buchgestaltung. 2004 star­tete er das viel­fach ausge­zeich­nete Projekt decode­u­ni­code, geför­dert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

TYPO-Berlin-15-05-22-Gerhard-Kassner-Monotype-0822Er spannte die Entwicklung der  Zeichen von der Keilschrift bis zu den Emojis: Johannes Bergerhausen, bekannt auch als Mr. Unicode, im Mai auf der TYPO Berlin. Foto: Gerhard Kassner/Monotype

Seitdem hält er zahl­reiche Vorträge welt­weit, ist Mitglied im ATypI und erhielt zahl­reiche Auszeichnungen.  Mit Kollegen in Mainz grün­dete er 2004 das Institut Designlabor Gutenberg. 2011 veröf­fent­lichte er gemeinsam mit Siri Poarangan decode­u­ni­code — Die Schriftzeichen der Welt, 2012 gab es dafür den Designpreis der Bundesrepublik in Gold. Seine aktu­elle Publikation: Digitale Keilschrift mit Keilschrift-Font.

Fontblog: Was hat Dich bewogen, Dein Augenmerk auf Schriftzeichen zu legen?

Die selt­same Welt der »Sonderzeichen«, also alles was über das übliche A bis Z und 0 bis 9 hinaus­geht. Jeder typo­gra­fi­sche Laie hat heute Zugang zu weit mehr Zeichen als es Gutenberg jemals hatte. Dabei ist vielen nicht klar, welcher Schatz sozu­sagen unter der Tastatur verborgen ist.

Bergerhausen Unicode1

Unicode ist ein inter­na­tio­naler Standard, der für jedes sinn­tra­gende Schriftzeichen oder Textelement aller bekannten Zeichensysteme und Schriftkulturen einen Code fest­legt

Wir verwenden täglich Zeichen wie »€« oder das Komma — aber kaum bekannt ist, wer sie »erfunden« hat oder wo sie herkommen. Unicode hat sich dabei im letzten Jahrzehnt zu einer Sammlung der Schriftzeichen der Menschheit entwi­ckelt. Fast jede Schriftkultur ist dort vertreten und damit haben wir einen neuen, globalen und verglei­chenden Blick auf die typo­gra­fi­schen Zeichen.

Fontblog: Mainz gilt als Wiege des Buchdrucks. Wo kann man in Mainz heute auf den Spuren Gutenbergs wandeln?

Natürlich im Gutenberg-Museum. Keine 500 Meter von unserer Hochschule Mainz entfernt finden sich nicht nur zwei Exemplare der Gutenberg-Bibel in einem eigenen Raum mit Panzerschranktüren, sondern auch viele Wiegendrucke oder Originale von Rodtschenko. Die Bibliothek ist sehr gut sortiert und Forscher können dort auf Anfrage auch mal einen Originaldruck von Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer begut­achten. Dort laufen auch sehr gute Ausstellungen wie der Call for Type aus denen Publikationen wie die »Texte zur Typografie« oder »Neue Schriften« meiner Kolleginnen Eisele und Naegele hervor­ge­gangen sind. Das Museum betreibt einen eigenen Bereich in dem man Buchdruck-Workshops machen kann. Auch die Mainzer Kinder lernen hier drucken.

Übrigens gibt es kein authen­ti­sches zeit­ge­nöss­si­ches Portrait Gutenbergs, obwohl wir alle das Bild des bärtigen Patriziers im kollek­tiven visu­ellen Gedächtnis haben.

Fontblog:  Du widmest Dich seit vielen Jahren dem Unicode-Projekt, dem inter­na­tio­nalen Standard für Schriftzeichen für alle Sprachen der Welt. Hast Du ein persön­li­ches Lieblingszeichen?  

Unicode ist voll skur­riler, inter­es­santer Zeichen. Der fran­zö­si­sche Gestalter Pierre Bernard sagte einmal: »Alle Farben sind schön.« Nehmen wir diese beiden Zeichen:

¤ U+00A4: CURRENCY SiGN: Als der (ameri­ka­ni­sche) ASCII-Code in den 1960er Jahren inter­na­tional werden sollte, weigerten sich Vertreter der osteu­ro­päi­schen Gremien, den Dollar, das Zeichen des Kapitalismus, darin aufzu­nehmen. Im Kommunismus wirkte es wohl damals wie das Zeichen des Teufels. Also schlug man vor, ein allge­meines Zeichen für »Währung« zu entwerfen. Gesagt, getan: so entstand ¤. Es soll eine Münze darstellen, die im Sonnenlicht glänzt. Jeder Type-Designer muss heute ein Currency Sign entwerfen, dabei wurde es prak­tisch nie verwendet. In Japan soll es Teenager geben, die es jetzt als ein Zeichen für »Kuss« per SMS verwenden.

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Lieblingszeichen: Relikt aus dem kalten Krieg, das block­über­grei­fende Currency Zeichen und das aus einem alten japa­ni­schen Zeichen entlehnte Postal Mark Sign

U+3020 POSTAL MARK FACE, das Maskottchen der japa­ni­schen Post. Es wider­spricht eigent­lich der Unicode-Regel, keine Logos aufzu­nehmen. Da es aber aus einem alten japa­ni­schen Zeichencode stammt wollte man Kompatibilität herstellen, deshalb wurde es doch aufge­nommen. Es trägt im oberen Bereich das Zeichen U+3012 POSTAL MARK, das Logo der japa­ni­schen Post. Und das wiederum geht auf U+30C6 KATAKANA LETTER TE zurück, das Silbenzeichen für /te/, was sich wiederum aus dem japa­ni­schen Wort »teilshin« für »Kommunikation« ableitet.

Fontblog:  Vor einem Jahr enthielt der Unicode-Standard 113.021 Zeichen. Gibt es ein Zeichen, dass dort fehlt? Und eine Sprache, die für Unicode noch erschlossen werden muss?

Unicode codiert keine Sprachen (es gibt unge­fähr 7.000 welt­weit; Tendenz stark fallend), sondern Schriftsysteme (davon gibt es rund 200). Nach nun bald 25 Jahren Arbeit des Unicode Konsortiums fehlen immer noch ein paar Dutzend Schriftsysteme. Dies sind die soge­nannten »Minority Scripts«, die nur von kleinen Schreiber-Gruppen verwendet werden oder gar ausge­storben sind. Peu à peu sollen sie in den nächsten Jahren aufge­nommen werden.

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Minority Scripts Teil 1: Der Font DecodeCuneiform von J. B., Andrea Krause, Stefan Pott, Institut Designlabor Gutenberg, Hochschule Mainz, 2014

Auch die ausge­stor­benen Schriftsysteme müssen in den Unicode, damit diese Texte auch eines Tages digi­ta­li­siert vorliegen können. Wenn wir alle Schriftstücke der Menschheit digi­ta­li­sieren wollen, dann sollten z. B. die Texte der rund 500.000 Tontafeln in Keilschrift nicht fehlen. Deshalb haben wir letztes Jahr im Institut Designlabor Gutenberg (IDG) bei uns an der Hochschule Mainz eine digi­tale Keilschrift entwi­ckelt, ein typo­gra­fi­scher Font für die rund 1.000 Keilschriftzeichen.

Die Script Encoding Initiative (SEI) der Linguistin Dr. Deborah Andersons in Berkeley, USA unter­stützt seit Jahren die Codierung der noch fehlenden Schriftsysteme. Diese Arbeit braucht noch mehr Unterstützung!

Fontblog: Auf Mobilgeräten wird immer häufiger mit Zeichen statt Worten kommu­ni­ziert. Sind Emojis die kommende Schriftsprache?

Logogramme (Wortzeichen) wie die Emojis sind erstaun­liche Wesen. Sie können sowohl als Piktogramm als auch als Ideogramm fungieren. So steht das »« als Piktogramm (Bildzeichen) für das, was man sehen kann: das physi­sche Objekt »Herz«. Aber als Ideogramm (Begriffszeichen) steht das gleiche Zeichen »« für den nicht sicht­baren Begriff »Liebe«. Wie beim unsterb­li­chen Claim I♥NY von Milton Glaser von 1977. Übrigens wurde das 2011 als erstes Pikto in das ehrwür­dige Oxford English Dictionary aufge­nommen.

Bergerhausen Unicode4Minority Scripts Teil 2: Zwei Glyphen des Schriftsystems Bamum, es wird in Kamerun von ca. 215.000 Schreibern verwendet. Jetzt auch im Unicode.

Heute haben erst zwei von sieben Milliarden Menschen einen Internetzugang. In den nächsten Jahren soll mindes­tens eine Milliarde aus den soge­nannten Schwellenländern dazu kommen, die meisten über Smartphones. Je mehr Menschen die Emojis entde­cken, desto eher könnte es Zeichen geben, die inter­na­tio­nale Karriere machen, wie die analoge Geste »okay«. Der Daumen nach oben wird heute welt­weit verstanden. Den haben ja schon die römi­schen Kaiser verwendet.

Ich glaube aber nicht, dass die Emojis die Alphabete wie das Lateinische verdrängen werden. Die Emojis sind eben keine komplette Schriftsprache. Es gibt solche Gags wie »Emoji Dick« (Moby Dick als Text aus Emojis), das ist einen Tag lustig, aber das kann ja kein Mensch wirk­lich lesen! Sehr viele Emojis werden nur als Kommentar auf einen geschrie­benen Text verwendet.

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Johannes Bergerhausen veröf­fent­lichte über Schriftzeichen und Zeichensysteme im Verlag Hermann Schmidt Mainz:

Am Freitag kommender Woche (26. Juni) spricht Johannes Bergerhausen auf dem TYPO Day Zürich.


Wenn Schriften altern: Grimoire und Sadness

von Felix Braden

Gerade sind Felix Braden’s Erstlingswerke Sadness und Grimoire in der Neuauflage bei Myfonts erschienen. Nach dem trau­rigen Ende der Fountain Type Foundry musste er sich die Frage stellen, ob seine 20 Jahre alten Entwürfe noch eine Existenzberechtigung haben.

felix_braden

Ziemlich genau zur Jahrtausendwende grün­dete ich die Freefont Domain Floodfonts. Ich hatte mich mit zwei Freunden selbst­ständig gemacht, und um ein wenig Presse zu bekommen, entschieden wir uns, die während des Studiums entstanden Schriftprojekte zum kosten­losen Download anzu­bieten. Kaum hatten wir eröffnet, meldete sich Peter Bruhn aus Schweden mit der Frage, ob wir die Schriften nicht lieber über sein Label Fountaintype vertreiben möchten, statt sie zu verschenken. Aus den insge­samt 10 Schriften von Floodfonts wählte Peter drei aus, die daraufhin über­ar­beitet und auf den umfang­rei­chen Zeichensatz von Fountain ausbaut wurden. Peter unter­stützte uns mit vielen wich­tigen Infos und Korrekturen und nach einem knappen Jahr wurden Sadness und Grimoire bei Fountain veröf­fent­licht. Leider habe ich Peter nur ein einziges Mal persön­lich getroffen. Aber letzt­end­lich verdanke ich ihm viel, denn er hat in mir den Gedanken geweckt, dass Schriftgestaltung für mich mehr werden könnte als nur ein Hobby.

Nach Peters tragi­schem und uner­war­tetem Tod im letzten Jahr musste ich mich der Frage stellen, wie er nun mit den Schriften weiter geht. Lotta Bruhn, Peters Frau, hatte sich entschieden, die Fountain Website im Netz zu lassen, wollte aber die Foundry nicht weiter­führen. Mir gefiel der Gedanke, Peters Lebenswerk zu ehren. Aber Sadness und Grimoire sind während meines Studiums entstanden und mitt­ler­weile fast 20 Jahre alt. Haben diese Schriften heute noch eine Existenzberechtigung? Wenn mich Leute fragen, was mich an Type Design so begeis­tert, nenne ich als Argument stets auch Zeitlosigkeit. Wenn man bedenkt, dass die Garamond aus dem 16. Jahrhundert heute noch die meist gele­sene Buchschrift ist, würde das bedeuten, zum Beispiel über­tragen aufs Modedesign, dass wir mit Ritterrüstungen oder Brustharnischen herum­laufen und in Pferdekutschen zur Arbeit fahren. Der Gedanke, dass ein Designkonzept über 500 Jahre bestand haben kann, übt auf mich eine unglaub­liche Faszination aus. Nicht, dass ich meine Schriften für derart bahn­bre­chende Entwürfe halte, aber im Type-Design ticken die Uhren eben anders und vergli­chen mit einem halben Jahrhundert sind die 20 Jährchen von Grimoire und Sadness ja nur ein Wimpernschlag.

Also entschloss ich mich, die beiden in die Jahre gekom­menen Fonts dezent zu über­ar­beiten und noch einmal auf den Markt zu bringen. Ich habe die Hoffnung, dass man damit auch heute noch zeit­ge­mäßes Design machen kann und bin sehr gespannt auf die ersten Anwendungen.

Sadness basiert auf Experimenten mit der ›Blendfonts‹-Funktion von Fontographer, einer Typedesign-Software, mit der Zwischengrößen von Schriften errechnet werden können, um den Gestaltungsaufwand bei großen Schriftfamilien zu mini­mieren. Dabei wurden völlig unter­schied­liche Schriften eines befreun­deten Designers inter­po­liert, was in der Regel nur funk­tio­niert, wenn die Konturen der Schriften ähnlich aufge­baut sind. An einigen Stellen konnte das Programm neue Outlines errechnen, doch die Ergebnisse waren sehr frag­men­ta­risch. Daraus wählte ich die charak­te­ris­tischsten Elemente aus und gestal­tete damit eine neue Schrift.

Grimoire lebt von dem Gedanken, zwei stark kontras­tie­rende Konstruktionsprinzipien zu verbinden: Den zeich­ne­ri­schen, tech­ni­schen mit dem kalli­gra­fisch, schrei­be­ri­schen Schriftgestaltungsansatz. Die Schrift basiert auf einem modu­laren System, simu­liert aber dennoch eine Schreibschrift. Die Idee hat mich seitdem so faszi­niert, dass ich viele Schriften nach diesem Konzept gestaltet habe, wie z.B. die bei Volcanotype veröf­fent­lichte Bikini. Auch meine jüngste Schrift, die mehr­fach ausge­zeich­nete FF Scuba lebt von diesem Konzept aller­dings bin ich mit zuneh­menden Alter weniger expe­ri­men­tier­freudig und will weniger exzen­tri­sche als viel­seitig einsetz­bare Schriften gestalten.

Beide Schriften, Grimoire und Sadness, sind bei Myfonts bis zum 19. Mai 2015 mit einem Einführungsrabatt von 80 Prozent erhält­lich.


FontFonts für die Page: Redesign in Print und Web

PAGE_Cover

Kreative und Profis in Design, Werbung und Medien schätzen die PAGE seit ihrer Gründung, 1986, in der Frühzeit des Dekstop-Publishings. Nach der Entwicklung einer Magazinschrift durch Ole Schäfer 2007 (siehe Fontblog-Beitrag vom November 2007) ist PAGE in das neue Jahr 2015 mit dem Relaunch des Online-Auftritts samt neuer Webfonts gestartet und setzt gleich­zeitig neue Print-Schriften im Heft ein.

Redaktion und Agenturen wählten für den Fließtext der Print-Ausgabe FF Quadraat. Es warFred Smeijers moderner Satzschrift-Klassiker den die Page-Redaktion in einem Magazin entdeckt und der sie so beein­druckt hatte, dass sofort beschlossen wurde, sie für den Fließtext einzu­setzen. FF Quadraat ist eine digital erstellte Schrift, ihre Ausgangsbasis waren jedoch unzäh­lige Zeichnungen von Hand. Die Familie sollte gleich­zeitig neu aussehen und an altbe­währte Vorbilder anknüpfen, zum Beispiel Garamond, Times oder Plantin. Die fast senk­rechten Kursiven dagegen, legte Smeijers ausge­spro­chen eigen­willig und origi­nell an – sie wurden zu einer Art Markenzeichen der Quadraat.

Für die Auszeichnung und online zusätz­lich als Text- (Web-)Font kommt Hannes von Döhrens  FF Mark zum Einsatz. Als zusätz­liche Auszeichnungs-Antiqua entschied man sich für Ingeborg, eine Familie von Michael Hochleitner für sein Wiener Schriftenhaus Typejockeys.

PAGE_13 Headline Subline

Spannung durch Kontrast: FF Mark Headline mit Ingeborg Italic Subline

FF Mark ist eine moderne geome­tri­sche Sans. Sie entstand in einem zwei­jäh­rigen Gemeinschaftsprojekt zwischen Hannes von Döhren, Christoph Koeberlin und dem FontFont-Technik-Team, begleitet von Erik Spiekermann. Ende 2013 wurde die Großfamilie mit 10 Strichstärken (von Hairline bis Black) und die dazu­ge­hö­rigen Kursiven (= 20 Fonts) veröf­fent­licht, wobei die extremen Schnitte für den Einsatz in Headlines opti­miert, und die mitt­leren auf Textleserlichkeit getrimmt wurden.

PAGE_10 Headline und Text

Geometrische Sans mit Bauhaus Anklängen und Neu-Antiqua: FontFonts FF Mark und FF Qudraat als Headline und im Fließtext im Page Layout

Relaunch und Redesign der Page entstanden in Zusammenarbeit mit den Agenturen digi­tal­mobil und SQUIECH. Besucher der Page-Site können der Umstellung auf WordPress weiterhin online beiwohnen.

Fotos: Alexander Roth


»Kreativität lässt sich trainieren …«

Fontblog-Interview mit Mario Pricken

Vor 15 Jahren entwi­ckelt der öster­rei­chi­sche Berater Mario Pricken ein neues Kreativitätsmodell: Ideen sind kein Zufall, sie lassen sich syste­ma­tisch herleiten, Kreativität trai­nieren auf Basis von rund vierzig Prinzipien. Sein Buch »Kribbeln im Kopf« verkaufte sich welt­weit in sieben Sprachen über 135.000 mal. Jetzt kommt die iPad-App zum Buch. Sie heißt »Trigger me« und stellt drei Kreativmethoden zur Verfügung. Fontblog sprach mit Mario Pricken über Genie, Zufall und Bodybuilding.

Kreativberater Mario Pricken in seinem Wiener Büro

Fontblog: Herr Pricken, wie kommt man auf die gewagte Behauptung, dass jeder Mensch Ideen entwi­ckeln kann wie einst David Ogilvy oder Steve Jobs?

Mario Pricken: Anfang der 90er Jahre war …

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Fünf Fragen an Jens Kutilek, FF Font-Techniker

Vermutlich ist Azuro die erste Schriftfamilie, deren Bildschirmverhalten bereits in der Entwurfsphase unter Windows, Mac-OS und Apple iOS uner­müd­lich getestet wurde, Rückwirkung auf den Designprozess inbe­griffen. Daher ist Azuro am Bildschirm und auf Papier in hohem Maße leser­lich (zum Beweis: Azuro als Webfont für diesen Blog oben auswählen). 2011 bei FontShop erschienen, wurde Azuro von Georg Seifert entworfen und von Jens Kutilek gemas­tert.

Jens_Kutilek-FontShop

Neben seiner Arbeit an vielen FontFonts hat Jens auch dafür gesorgt, daß die Webfonts der Süddeutschen Zeitung am Bildschirm gut aussehen, ebenso wie der Schriftschnitt der Real Text, der Erik Spiekermanns Buch „Hallo, ich bin Erik“ beiliegt

Kommenden Freitag (14. November) spricht Jens  auf dem TYPO Day München darüber, wie sich sorg­sames Mastering auf die Qualität einer Schrift auswirkt. Jens Kutilek studierte Kommunikationsdesign in Braunschweig, grün­dete nach dem Studium mit zwei Freunden das Webdesign-Büro Netzallee und arbeitet seit 2007 als Fonttechniker bei FontShop.

1. Was hat Dich bewogen, Dein Augenmerk auf die tech­ni­sche Seite des Schriftenentwurfs zu legen?

Meine Interessen haben sich schon immer zwischen den tech­ni­schen und künst­le­ri­schen Feldern bewegt. Als Jugendlicher habe ich am C64 program­miert und gepi­xelt, und in der Schule meine Lehrer zum Verzweifeln gebracht, weil ich die Schulstunden damit verbracht habe, in mein Notizbuch zu zeichnen. Ich habe dann, weil ich an der Kunsthochschule nicht genommen wurde, ein Ingenieursstudium begonnen, was eigent­lich von vorn­herein zum Scheitern verur­teilt war. In den vier Semestern begann ich, mich für Serveradministration und Webdesign zu inter­es­sieren, und nicht zuletzt haben die Vorlesungsskripte für Mathematik mit all ihren Formeln mein Interesse für Typografie am Computer entfacht. Die waren offen­sicht­lich nicht mit Word gesetzt, sondern es gab (für mich) geheime, viel mäch­ti­gere Textsatzsysteme.

FF-Comic-Jens

Als Alternative zur allge­gen­wär­tigen Comic Sans veröf­fent­lichte Jens 2008 für den Einsatz in Kindergärten, Vereinen, im Büro und zu Hause  – Comic Jens. Inzwischen erfreut der Creative-Commons Font sich großer Beliebtheit und erhält im kommenden Jahr einen kommer­zi­ellen Nachfolger.

Beim zweiten Versuch bin ich dann an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig gelandet und habe dort Kommunikationsdesign studiert. Dort enteckte ich Typedesign – meine Professoren befassten sich jedoch mehr mit der Anwendung von Schrift. Diese Richtung habe ich nicht konse­quent weiter­ver­folgt und mich auf Webdesign konzen­triert. Die Erkenntnis, daß sich meine Interessen in der Schrifttechnik fast ideal vereinen lassen, entstand nach dem Studium, und ich hatte das Glück, dies zu meinem Hauptberuf machen zu können.

2. Berlin gilt zur Zeit als Hochburg für Typedesigner. Wo findet man die typo­gra­fi­schen Techniker? Bei GitHub?

Viele span­nende Tools werden aber auch als Auftragsarbeiten für Kunden entwi­ckelt und errei­chen die Öffentlichkeit nicht. Man sieht höchs­tens mal einen Screenshot davon.

Ja, auf GitHub stellen viele aus der neuen Generation der „program­mie­renden Typedesigner“ ihre selbst­pro­gram­mierten Tools freund­li­cher­weise der Allgemeinheit zur Verfügung.

Persönlich treffen kann man viele der im norma­ler­weise im Verborgenen arbei­tenden Fonttechniker aus aller Welt auf Konferenzen wie der Robothon in Den Haag, oder der jähr­li­chen ATypI-Konferenz.

3. Welche tech­ni­schen Anforderungen sollte eine moderne Schriftenfamilie erfüllen?

Zeitgemäße Font-Familien sollten in allen Umgebungen gut funk­tio­nieren, sei es als OpenType-, als Office-, Web- oder App-Font. Das hört sich selbst­ver­ständ­lich an, ist aber nicht ganz einfach zu errei­chen. Bei FontShop haben wir es gut, da wir durch die Automatisierung und unsere eigenen, ständig weiter­ent­wi­ckelten Produktionsstandards viele Klippen ganz auto­ma­tisch umschiffen.

Als „Einzelkämpfer“ ist man da im Nachteil, weil man nie so viele Testsysteme, sowohl hard­ware- als auch soft­ware­seitig, auf aktu­ellem und auch älterem Stand, vorhalten kann, und die Fontproduktion mit viel mehr Handarbeit verbunden ist.

FF-Hertz

Schmale Zeichen und hervor­ra­gende Lesbarkeit, vor allem am Bildschirm – die heraus­ste­chenden Eigenschaften der FF Hertz Textfamilie von Jens Kutilek, die sich zur Zeit im finalen Mastering befindet und Anfang 2015 als FontFont erscheint  

Immer noch wichtig ist auch die Bildschirmoptimierung, trotz ständig stei­gender Bildschirmauflösungen. Da ist die Handarbeit der Automatik immer noch über­legen, und wird es auch in den kommenden Jahren sein.

4. Deine Font-Technik-Tool Top 5?

Mein Schweizer Messer sind sicher­lich die Python-FontTools, mit denen man prak­tisch jedes Bit einer Fontdatei einzeln modi­fi­zieren kann. AnchorOverlayTool-RobofontUnd wenn es eine Funktion nicht gibt, kann man sie sich selbst dazu­pro­gram­mieren. Python hat sich als Programmiersprache der Wahl für alles, was mit Fonts zu tun hat, etabliert.

Ein ähnli­ches Tool, ohne Erweiterbarkeit, dafür mit grafi­scher Oberfläche, ist DTL OTMaster.

Glyphs und RoboFont sind zwei moderne Fonteditoren mit unter­schied­li­chem Konzept. Glyphs nimmt einem viel Arbeit und tech­ni­sche Entscheidungen ab und läßt einen so schnell zum Ziel kommen, RoboFont ist mehr eine Plattform, auf der man sich ein Schriftentwurfs- und -produk­ti­ons­system nach eigenen Vorstellungen detail­liert selbst bauen kann.

ToGA-Animation

Für die Bildschirmoptimierung von Fonts benutze ich immer noch FontLab Studio. Es gibt zwar Programme, die in dem Bereich mehr können, aber das beste Tool ist immer das, was man beherrscht.

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Abb. links: AnchorOverlayTool ist ein Tool, das Jens für RoboFont selbst program­miert hatt, um die Positionen der Akzente als Vorschau sehen zu können. Glyphs enthält diese funk­tion bereits, in RoboFont muss man sie selber program­mieren. Abb. rechts: ToGA (Topographic Glyph Analyzer) ist eines der so genannten „geheimen“ Tools, das charak­te­ris­ti­sche Punkte in nicht inter­po­lier­baren Glyphen iden­ti­fi­zieren kann. Der links ange­klickte gelbe Punkt wird vom Programm im rechten Buchstaben gesucht und dort mit einem blauen Kreis markiert.

5. Welche Deiner gemas­terten Schriften ist Dein persön­li­cher Liebling?

Technisch am span­nendsten sind Schriften, die an die Grenzen der Fonteditoren und Tools gehen, wie etwa Schriften mit mehreren Schreibsystemen. Die Superfamilie FF Amman von Yanone vereint zum Beispiel latei­ni­sche und arabi­sche Buchstaben in sich.

Dort ist man mit FontLab schnell am Ende, und muß sich andere Tools suchen, mit denen man arbeiten kann, oder, wenn es nichts passendes gibt, selbst anfangen zu program­mieren. Die Tools im Dialog mit den zu bear­bei­tenden Schriften weiter­zu­ent­wi­ckeln bringt das tech­ni­sche Know-How in unserem Type Department am meisten voran, glaube ich.

Bei den Webfonts für die Süddeutsche Zeitung, die ich für den Bildschirm opti­miert habe, bin ich stolz auf einen kleinen Hinting-„Trick“: Nachdem die neuen Fonts bei Lesern mit älteren Windowssystemen nicht gut ankamen, habe ich sie so gehintet, daß sie auf den alten Systemen fast nicht von der vorher benutzten Georgia zu unter­scheiden sind.

Auf neuen Systemen sieht die Schrift dagegen deut­lich unter­schied­lich aus, was ja auch der Sinn einer eigenen Hausschrift ist.

Das Mastern der FF Quixo von Frank Grießhammer hat mir großen Spaß gemacht. Vielleicht liegt es nur daran, daß ich Frank persön­lich kenne, aber ich habe in vielen Details der Buchstabenzeichnungen Franks Persönlichkeit und Humor erkannt. Außerdem hat er sehr gute und voll­stän­dige Arbeit gelie­fert, so daß ich nicht mehr viel zu tun hatte und nur noch ein wenig tech­ni­schen Feinschliff anbringen mußte …

Weil Jens nicht nur an den Schriften anderer Leute arbeiten wollte, hat er über die letzten Jahre konti­nu­ier­lich an einer eigenen Handschrift- und einer Textschriftfamilie gear­beitet. Die Familien FF Comic Jens und FF Hertz werden 2015 in der FontFont-Bibliothek erscheinen.


30 Tage Kunst im Orangelab, Berlin

30 Tage Kunst im Orangelab (Foto: Chloë Litchfield)

30 Tage Kunst, eine Veranstaltung des Orangelab (Foto: Chloë Litchfield)

Zum fünften Mal findet in diesem November die Veranstaltungsreihe 30 Tage Kunst statt, im Orangelab, das seit 3 Jahren auch die Heimat des Creative Morning Berlin ist. Die Idee für das einmo­na­tige Kunst-Event stammt vom Leiter des Orangelab, dem Schauspieler Hans Brückner. »Ursprünglich wollte ich in meiner Wohnung Lesungen im Stile der Salons des frühen 20sten Jahrhunderts anbieten.« erin­nert sich Brückner an die erste Idee. Doch seine Wohnung war zu klein dafür. 2009 lernte er Marc Maximilian Doege kennen, der am Kurfürstendamm gerade die Galerie POPUP 195 eröffnet hatte. Und genau dort fand am 1. November 2009 die Premiere von 30 Tage Kunst statt: Hans Brückner trug Edgar Allan Poe vor, am Flügel begleitet von Marco Maria. Fotos von diesem Abend gibt es keine, aber einen Blogbeitrag von Hans Brückner …

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Hans Brückner in seiner Spielstätte, dem Orangelab, wo er ab morgen 30 Tage Kunst anbietet (Foto: Robert Schatton)

Übermorgen, am Halloween-Freitag, startet also die fünfte Saison, mit einem Aufwärmabend unter dem launigen Motto: »Meet the artist in person. Stehrumchen mit Film.« Gezeigt werden die Film »Am Savignyplatz«, von Caterina Woj, und die 30-minü­tige Reportage »Von 6 bis 6 am Savignyplatz«. Im Programm heißt es: »Der Savignyplatz gehört den Bohemiens. Den Bildungsbürgern, Literaten, Künstlern und solchen, die sich dafür halten. Leute, die gern lange schlafen und spät ins Bett gehen. Lange ausharren. In den vielen guten Kneipen am Bermudadreieck der bürger­li­chen Piazza. Zum Beispiel im ›Zwiebelfisch‹. … Hier ist die Zeit stehen geblieben. Die Stammgäste altern mit. Auch Zappa, der Kneipenkater, verbringt hier lange Nächte.«

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Wenn der Verleger Klaus Wagenbach und der Chef des Buchhändlerkellers in der Carmerstrasse über ihren geliebten Platz erzählen, gibt es viel zu schmun­zeln. Und zu lernen. Über die berüch­tigten 70er Jahre. Wie das alles hier einmal war. Beide Filme vermit­teln ein Bild vom Savignyplatz, das viele Altberliner vergessen haben und Neuberliner noch nicht kennen. Künstler und Verleger, Literaten und Schauspieler erzählen und führen in ihre Welt. Der Eintritt ist frei.

Am Samstag erwartet uns eine Veranstaltung, die auch bei Grafikern und Editorial-Designern auf Interesse stoßen sollte. Es geht um die Zeitschrift »Das Magazin«, und die Devise lautet: 90-60-90 – ein maßloser Abend mit dem Magazin. Die einen nennen das Heft »New Yorker des Ostens«, die anderen eine monat­liche Wundertüte. Gegründet 1924, erfindet sich Das Magazin immer wieder neu und hat mit seiner unge­wöhn­li­chen Mischung aus Journalismus und Literatur seit Jahrzehnten Erfolg.

Viel Platz, zentrale Lage, angenehme Atmosphäre: Das Orangelab, auch die Heimat des Creative Morning Berlin (Foto: Fabian Hamacher)

Viel Platz, zentrale Lage, ange­nehme Atmosphäre: Das Orangelab, auch die Heimat des Creative Morning Berlin (Foto: Fabian Hamacher)

Am ersten »amtli­chen« Abend von 30 Tage Kunst erzählen die Macher des Magazins Stories und Skurriles aus 90 Jahren Redaktionsarbeit. Hierzu begrüßt Hans Brückner Pierre Sanoussi-Bliss und Franziska Arnold, sowie die Magazin-Kolumnisten Kirsten Fuchs und Stefan Schwarz. Es singt Pascal von Wroblewsky. Eintritt: 12,50 €.

Das Programm der folgenden Tage ist bereits online, was die Planung der Novemberabende unge­mein erleich­tert. Hier alle Events von 30 Tage Kunst 2014. Karten online reser­vieren nicht vergessen!