Fontblog Designdiskurs

Emoji Chinesisch – müssen wir das lernen?

Gasteditorial von Jochen Gros

Als Designer und Designtheoretiker reflek­tiert Jochen Gros seit 1974 verschie­dene Entwicklungen der »Do-it-Yoruself«-Kultur, zunächst im Rahmen der Des-In-Gruppe mit selbst gebauten Möbeln aus Abfallmaterialien. Seit 1994 als Gründer des C-Labors und Initiator von Newcraft mit Enwürfen für die hand­werk­liche Fertigung durch compu­ter­ge­steu­erte Maschinen, und seit dem Ausscheiden aus der HfG Offenbach 2004 nicht nur mit Icons im Stil von Handschrift, sondern nun auch mit dem Versuch einer digi­talen Reanimation von Handschrift, d. h. einem alten grafi­schen Inbegriff des Selbermachens. Seit vielen Jahren beschäf­tigt sich Jochen Gros auch mit der visu­ellen Kommunikation mittels stati­scher Symbole (Icons) und animierter Symbole (Movicons).

Prof. Gros ist Autor verschie­dener Bücher und veröf­fent­licht seit 1976 in Fachzeitschriften wie form, Domus, Page etc. Auch im Fontblog meldet er sich nicht zum ersten Mal zu Wort.

– – – –

In dem Buch Die Schrift: Hat Schreiben Zukunft? prophe­zeit Vilém Flusser bereits 1993 ein neues “Universum der tech­ni­schen Bilder” und dafür war er sogar bereit, das Alphabet aufzu­geben. So weit sind wir natürlich noch lange nicht. So weit wird es nie kommen. Und doch:

1. Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine Email, einen Geschäftsbrief, was auch immer, und bei bestimmten Wörtern wird jedesmal ange­zeigt, dass sie auch durch Emoji zu ersetzen sind.

Wer älter als 13 ist, muss das nicht unbe­dingt cool finden. Aber genau so funk­tio­niert inzwi­schen die ganz normale chine­si­sche Texteingabe. Wer hier zum Beispiel “che” (Auto) tippt, der erhält zunächst ein Pop-up Menü mit synonymen Schriftzeichen und dazu gehören jetzt auch Emoji, Seite an Seite und gewis­ser­maßen auf Augenhöhe mit den klas­si­schen Schriftzeichen.

Emoji Chinesisch Abb 1

Na gut, könnte man jetzt sagen, die Chinesen erhalten ohnehin bei jedem Wort zunächst ein Pop-up Menü mit synonymen Zeichen, einfach weil es in ihrer Sprache so viele davon gibt. Und da kommt es wohl auf ein weiteres, anschei­nend gleich­be­deu­tendes Bildchen auch nicht mehr an. Unsere Textverarbeitung dagegen funk­tio­niert doch ganz anders, und da kann der Kinderkram sicher nicht so weit ausufern. Sie werden sich noch wundern.

2. Stellen sie sich vor, Sie schreiben auf dem iPad, wie gewohnt, einen Text, und einzelne Wörter erscheinen auto­ma­tisch im Highlight. Damit zeigt das Programm an, dass man nur mit dem Finger auf ein solches Wort tippen muss und es verwan­delt sich, Sim Sala Bim, in ein Emoji. Zukunftsmusik? Nein, genau so funk­tio­niert die Texteingabe bei Apple in dem neuen iOS 10 Messenger.

3. Und stellen Sie sich dann auch noch das umge­kehrte Verfahren vor: Bestimmte Wörter erscheinen gar nicht erst im Highlight, sondern werden, quasi ohne uns zu fragen, sofort durch ein Bildchen ersetzt. So können wir das Wortbild zwar nicht wählen, aber immerhin mit einem Sonderzeichen (#) wieder abwählen. Das aller­dings ist nun doch Zukunftsmusik. Gleichwohl kann man das Verfahren bereits mit einem expe­ri­men­tellen Font auspro­bieren, mit Emoji English.ttf (1).

Fassen wir zusammen: Alle drei Beispiele, und am Ende kommt noch eins dazu, illus­trieren eine Art Paradigmenwechsel: Emoji werden nicht mehr in Menüs ange­boten, sondern mit Wörtern in den Text einge­schrieben. Das ist in der Tat unschlagbar prak­tisch, hat aber auch weit­rei­chende Konsequenzen. Nichts für einge­fleischte Ikonoklasten.

Emoji-Typing mit Risiken und Nebenwirkungen

Das neue Verfahren, kurz Emoji-Typing, funk­tio­niert natürlich nur, wenn man Wörter defi­nitiv mit mehr oder weniger gleich­be­deu­tenden Bildchen asso­zi­iert. Und das wiederum führt mit der Zeit, fast wie in einer Muttersprache, zu einem, wenn auch nur parti­ellen Vokabular wohl­de­fi­nierter Wortbilder. Einen Vorgeschmack darauf vermit­telt zum Beispiel ein Emoji namens “Freudentränen”, das es immerhin schon zum Wort des Jahres 2015 gebracht hat (2). Wer jetzt also regel­mäßig Wörter durch bestimmte Emoji ersetzt, der entwi­ckelt nach und nach so etwas wie eine alpha­be­ti­sche und visu­elle Zweisprachigkeit mit jeweils unter­schied­li­chen Emotionen und Konnotationen.

Gäbe es einen Plan dahinter, abge­sehen vom prak­ti­schen Vorteil, es wäre die zusätz­lich Einführung einer neuen Bilderschrift. Aber auch heute schon ist infolge zuneh­mend prak­ti­ka­bler Verfahren durchaus zu befürchten, dass immer mehr Wörter durch kind­liche Emoji ersetzt werden. Und was sollen wir dann machen, wenn wir uns von den infan­tilen Bildchen beläs­tigt fühlen, die Freunde und Partner uns andau­ernd zusenden? Müssen wir die wört­liche Bedeutung der uns aufge­drängten Emoji dann am Ende auch noch erlernen? Hier gibt es wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zettelt einen gewal­tigen Aufstand gegen den ganzen Kinderkram an, oder man versucht “das Beste” daraus zu machen. Doch einerlei, wie man sich entscheidet, die zu Grunde liegende Technologie kann keiner mehr außer Acht lassen und schon gar nicht ihre fantas­ti­schen Möglichkeiten.

Und warum eigent­lich können Emoji nicht auch ganz anders aussehen?

Für eine Befürchtung immerhin, die zuneh­mende Infantilisierung, gibt es womög­lich einen Lichtblick. Wenn wir den Begriff Emoji nämlich nicht nur an den derzei­tigen Beispielen dafür fest­ma­chen, wenn wir viel­mehr von der japa­ni­schen Übersetzung ausgehen, von “e” Bild und “moji” Schriftzeichen, dann kommen heute nicht immer mehr Emoji auf uns zu, sondern neue Schriftbildzeichen. Und als solche wird man sie wohl – analog zu den alpha­be­ti­schen und chine­si­schen Schriftzeichen – früher oder später eben­falls in typo­gra­fi­scher Vielfalt und für unter­schied­liche Zielgruppen gestalten. Vielleicht gibt es dann auch “Emoji” für Erwachsene.

In der Praxis sieht das zunächst einmal so aus: Apple zum Beispiel inte­griert ab iOS 10 auch Emoji und Sticker von Fremdanbietern in seinen iMessenger. Und dafür gibt es nur einen Grund: typo­gra­fi­sche Vielfalt. Die Bandbreite der Emoji Gestaltung wäre dann aber  auch noch mit einer ganz  anderen Art von Schriftbildzeichen zu erwei­tern, mit Piktogrammen und Icons. Auch die haben ja in der Regel, und trotz vieler grafi­scher Varianten, eine nicht nur bei “Mann” und “Frau” wört­lich zu lesende Bedeutung und eine lange Vorgeschichte als “Hilfsbilderschrift” (3). In den Text einzu­schreiben sind Piktogramme aller­dings nur, wenn sie sich gewis­ser­maßen in die Zeile ducken.

Emoji ChinesischUnd wenn wir schon dabei sind: Mit Piktogrammen lassen sich offenbar noch viel mehr Begriffe visua­li­sieren, als im Stil heutiger Emoji. In der chine­si­schen Texteingabe jeden­falls finden sich bis heute noch keine Bildchen für zum Beispiel die folgenden Begriffe.

Emoji Chinesisch Abb-3

Doch selbst wenn sich nun Emoji entwi­ckeln, die auch ganz anders aussehen, als die bishe­rigen: grafi­sche und typo­gra­fi­sche Vielfalt macht, insbe­son­dere bei visu­ellen Begriffen, selbst­ver­ständ­lich nur Sinn, wenn man die neuen Schriftbildzeichen auch seman­tisch diffe­ren­ziert und lingu­is­tisch kulti­viert. Nennen wir es Grammatik.

Einsicht in eine Wort-Bild-Grammatik

Sicher kann man die wört­liche Bedeutung von Emoji auch aus dem Gebrauch heraus erlernen, beispiels­weise wenn dieses Zeichen ????  in der chine­si­schen Schrift immer Schlips bedeutet. Man kann Schriftbildzeichen aber auch so gestalten, dass sie einen Begriff überall eindeutig und dazu noch wie selbst­ver­ständ­lich bezeichnen! Dieses Projekt einer wort-bild­li­chen und gleich­wohl sich selbst erklä­renden Grammatik ist hier natürlich nur beispiel­haft zu veran­schau­li­chen, ange­fangen mit der regel­mä­ßigen Unterscheidung zwischen dem jeweils Gemeinten und seiner Umgebung, zwischen dem visu­ellen “Text” und seinem Kontext.

Emoji Chinesisch Abb-4

Eine umfas­sende Darstellung dieser Grammatik (4) reicht inzwi­schen von der Unterscheidung zwischen Artikel, Verb, Adjektiv usw. bis hin zur regel­ge­rechten Satzbildung. Und die funk­tio­niert offenbar allein schon mit zwei Personalpronomen und einem durch Speedlines gekenn­zeich­neten Tätigkeitswort bzw. Verb:

Emoji Chinesisch Abb 5 I love You1000

Doch wie auch immer wir heute versu­chen, “das Beste” aus den neuen Schriftbildzeichen zu machen, es erfor­dert Zeit, viel Zeit, und dabei rast uns die tech­no­lo­gi­sche Entwicklung nur noch weiter davon. Inzwischen nämlich funk­tio­niert das Bilder-mit-Wörtern-Schreiben nicht nur offline, wie bisher, sondern auch online – mit buch­stäb­lich Schwindel erre­genden Aussichten.

One more thing ….. Nehmen wir zum Beispiel
Slash, ein App mit virtu­eller Tastatur und einer Sondertaste. Tippt man die an, dann erscheint zunächst eine Auswahl von Internet  Plattformen: /emoji, /sticker, /giphy, /soundcloud usw.. Hier wählen wir zum Beispiel /giphy und tippen “happy”.

Emoji chinesisch Abb 6 +text

In der oberen Zeile erscheinen jetzt verklei­nerte GIFs zum Scrollen und Durchblättern. Es sind vermut­lich alle, die bei giphy mit dem Wort “happy” einge­reicht wurden. So aber entsteht nur ein wüstes Durcheinander. Wesentlich brauch­barer wäre das Verfahren viel­leicht, wenn man auch hier zwischen unter­schied­li­chen Stilen wählen könnte, um die Anzahl wort-bild­li­cher Animationen für den jewei­ligen Gebrauch zu beschränken. Und das gilt im Prinzip dann auch für die Anbieter von Emoji, Fotos, Videos und Musikstücken, die über Slash und ähnliche Programme online abzu­greifen sind.

Nun wollte ich diesen Text eigent­lich so beenden, wie er ange­fangen hat, mit einem Zitat von Vilém Flusser, selbst wenn Flusser den Kern der Sache wiederum überspitzt: “Alle Revolutionen sind tech­ni­sche Revolutionen” (5). Doch jetzt drängt sich doch noch ein Verweis auf in Richtung Philosophie und Kunstwissenschaft.

Auf, auf zum erneuten Bilderstreit!

Der Streit um die Bedeutung, die Gewichtung und den Gebrauch von Wörtern, oder Bildern, der so genannte Bilderstreit, hat bekannt­lich eine lange Tradition bis hin zur Sinnbild feind­li­chen Abstraktion als Kennzeichen der Moderne. In seiner aktu­ellen Ausprägung geht es dabei jedoch vor allem um den„Pictorial Turn“ (6), um eine, in der Digitalisierung und im Zeitgeist ange­legte Tendenz zur Visualisierung unseres Denkens und Kommunizierens. Doch dieser „Pictorial Turn“ wird bislang vor allem philo­so­phisch, oder medien- und kunst­theo­re­tisch reflek­tiert. Inzwischen jedoch lenken kleine, nied­liche, kitschige Emoji, die quasi von ganz unten, aus einer kind­li­chen Graswurzelbewegung heraus aufge­taucht sind, den Blick immer stärker auch auf die Form und Formulierung einzelner Wörter und Begriffe, und damit zugleich auf den Kern unserer Kultur. Im Chinesischen jeden­falls schreibt man das Wort “Kultur” von je her als Inbegriff mit den Zeichen für „Schrift“ und „Entwicklung“.

(1) Gros, Jochen, Emoji English.ttf, ein Font zum Herunterladen
http://​icon​-language​.com/​b​a​s​i​c​/​t​o​d​a​y​.​h​tml

(2) Gros, Jochen (2016) Freudentränen – Word of the Year, in: form 264, S. 78-82

(3) Neurath, Otto, Gesammelte bild­päd­ago­gi­sche Schriften, Band 3, Wien 1991, S.432

(4) Gros, Jochen (2016) Emoji Chinesisch, PDF, mit einem Piktogramm-Vokabular und
einer ausführlichen Grammatik der visu­ellen Begriffsbildung und Satzbildung.
http://​icon​-language​.com/​b​a​s​i​c​/​t​o​d​a​y​_​f​i​l​e​s​/​E​m​oji %20Chinesisch_Essay.pdf

(5) Flusser, Vilém (1988): Alle Revolutionen sind tech­ni­sche Revolutionen.
In: Kunstforum International, Bd.97, 1988, S.120 (6) Mitchell, W.J.T.,
Pictorial Turn, in: Picture Theory, The University of Chicago Press,
Chicago 1994, S.11

(6) Mitchell, W.J.T., Pictorial Turn, in: Picture Theory, The University of Chicago Press, Chicago 1994, S.11


Kunde Antragsteller: Nutzererlebnis Hartz IV Formular

Während Sign-Up Prozesse digi­taler kommer­zi­eller Unternehmen bis ins letzte Detail opti­miert und auf das Nutzererlebnis ausge­richtet sind, sind Anträge von Bürgern an staat­liche oder kommu­nale Institutionen für den Antragsteller oft schwer verständ­lich und von Design und Wording ledig­lich auf die Bedürfnisse der jewei­ligen Institution ausge­richtet: Der Antragsstellende hat der leis­tungs­er­brin­genden Institution nach­zu­weisen, dass ein Anspruch auf Leistung besteht. Die Benutzerfreundlichkeit des Antrags ist zweit­rangig.

Wie würden Prozesse, wie ein Hartz-4-Antrag aus der Position des Antragstellers aussehen? Und wenn eine webba­sierte Form der Antragstellung den Antragsteller ermu­tigen und beim Ausfüllen unter­stützen würde?

Auch wenn der sechs­sei­tige Hauptantrag inzwi­schen als pdf-Dokument online auf dem Server der Arbeitsagentur zur Verfügung steht, kann er nicht ausge­füllt gesi­chert sondern nur ausge­druckt werden. Die Möglichkeiten des Mediums werden igno­riert. Ein großes Versäumnis, findet Thomas Weyres. Auf der dies­jäh­rigen Re:publica stellte er einen Antragsteller-freund­li­chen Ansatz für den Harz IV Antrag vor, der die Möglichkeiten des Web einsetzt.

Thomas Weyres Zentrale Intelligenz AgenturThomas Weyres ist Designer aus Berlin, hat für Marken wie MTV, Sony und Ableton gear­beitet, ist geschäfts­füh­render Gesellschafter der Zentralen Intelligenz Agentur und Lehrbeauftragter am Fachbereich Kommunikationsdesign an der HTW Berlin. Von 2012 bis 2014 war er Mitgründer und Creative Director der Social Reading Plattform dotdotdot. 

★ ★ ★

Sign up for Hartz IV

Wie der Hartz IV-Antrag aussehen könnte, wenn er vom Antragsteller aus gedacht werden würde.

von Thomas Weyres

Zusammenfassung der Session “Sign up for Hartz IV” auf der Re:publica 2015

Hartz IV, oder eigent­lich Arbeitslosengeld II, wird in diesem Frühjahr (2015) von ca. 4,4 Millionen Menschen bezogen. 4,4 Millionen Menschen, deren Lebenssituation so indi­vi­duell ist, wie wahr­schein­lich die Gründe, warum sie Hartz VI beziehen. Eines haben alle 4,4 Millionen gemeinsam: Sie haben den Hartz IV Antrag bewäl­tigt.

Der Antrag

Der Antrag, 2013 von Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit, mit Hilfe externer Experten, letzt­malig über­ar­beitet, umfasst sechs Seiten und, je nach indi­vi­du­eller Situation, bis zu 16, teil­weise mehr­sei­tige Anlagen.

Der Hauptantrag ist in neun Abschnitte unter­teilt, die den Antragsteller durch Kapitel mit Aussagen zu seinen persön­li­chen Lebensumständen leiten. Nach der schrift­li­chen Angabe persön­li­cher Daten zu Namen, Nachnamen und Adresse, müssen Aussagen mit Ja oder Nein bestä­tigt oder demen­tiert werden. Zudem gibt es Bereiche, bei denen zu Aussagen eine Auswahl an Antworten ausge­wählt werden kann.

Nach der Bestätigung einiger Aussagen bedarf es schrift­li­cher Nachweise, die dem Antrag hinzu­ge­fügt werden müssen. Zum Beispiel Bescheinigungen bzgl. der Krankenversicherung oder Nachweise über ein Ausbildungsverhältnis.

1-Harz-4-Anträge
Der Arbeitslosengeld II Hauptantrag: Der aktu­elle Antrag umfasst 6 Seiten

Der Hauptantrag und die Anlagen zu diesem, können auf den Webseiten der Jobcenter und der Bundesagentur für Arbeit als PDF herun­ter­ge­laden werden. Dieses müssen in Adobe Acrobat ausge­füllt werden, dann ausge­druckt und unter­schrieben an das zustän­dige Jobcenter per Post gesendet werden.

Der Antrag: Problem

Die große Schwäche des Antrages ist, dass dieser aufgrund seines stati­schen Charakters alle denk­baren Lebensumstände aller Antragsteller abbilden muss. Und diese jedoch in ihrer Vielfältigkeit nicht ihrer Gänze abbilden kann, sondern auf immer weitere Anlagen verweist und sich der Antrag immer weiter verschach­telt. Und für den Antragsteller mit jedem Fortschritt neue Aufgaben gene­riert.

Primär wird versucht, auf dem Antrag eine Lösung für zwei grund­sätz­lich unter­schied­liche Anforderungen abzu­bilden:

1. Die verwal­tungs­tech­ni­schen Prozesse bei der Bearbeitung des Antrages. Auf dem Antrag abge­bildet durch die Spalte rechts, auf der der Bearbeiter auf Seiten des zustän­digen Jobcenters Vermerke bzgl. einge­reichter Anlagen, etc. unter­bringen kann.

2. Die tech­ni­schen Anforderungen bei der Weiterverarbeitung des Antrages. Anträge, und Formulare allge­mein, werden oft mit der Software erstellt, die diese auch weiter­ver­ar­beiten kann. Das bedeutet, dass Formulare mit der Scan-Software, die die Formulare einliest, gestaltet werden — mit all den Limitationen die diese ggf. mit sich bringt.

Erst sekundär wird auf die Nutzererfahrung des Antragstellers einge­gangen — und auf den Kontext, aus dem heraus der Antrag gestellt wird.

Überlegungen

Wie könnte, bzw. sollte ein Antrag aufge­baut und gestaltet sein, der die Bedürfnisse des Antragstellers nach Orientierung, Verständlichkeit und Zeit- und Kosteneffizienz bei der Bearbeitung ernst nimmt – und der den Kontext, aus dem der Antrag gestellt wird, ernst nimmt?

Der Antragsteller befindet sich auf Arbeitssuche, dies bedeutet, dass sich dieser in vielen Fällen in einer sensi­blen emotio­nalen, und in den meisten Fällen keiner posi­tiven finan­zi­ellen Situation befindet — und diese Situation oftmals nicht selber verschuldet hat. Menschen inter­agieren mit staat­li­chen Stellen wenn sie dazu gezwungen sind — dies ist jedoch kein Grund, diese Interaktion auf Basis mangelnder gestal­te­ri­scher Empathie aufzu­bauen.

Die Komplexität des Antrages ist nicht ange­nehm, und sie kann es auch nicht sein, es gibt jedoch Wege, die Komplexität für den Nutzer im Prozess der Antragstellung zu redu­zieren:

1. Aufgabe folgt Aufgabe!
Anträge, die darauf basieren, möglichst viele Aufgaben, die der Antragstellende zu bear­beiten hat, auf möglichst wenig Platz unter­zu­bringen, sind fehler­an­fällig und für den Antragsteller oftmals schwer zu erfassen. Aufgaben lassen sich besser lösen, wenn diese einzeln bear­beitet werden können und aufein­ander folgen:

2-Harz-4-Online-Antrag-weyres

2. Aufgaben kontext­ab­hängig und dyna­misch gene­rieren!
Beim Bearbeiten der aktu­ellen Anträge muss der Antragsteller durch eine große Anzahl an Aussagen navi­gieren, die für ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht rele­vant sind. Eine dyna­mi­sche Gestaltung des Antrages würde es erlauben, durch die Bestätigung oder Ablehnung einer Aussage, Aussagen im weiteren Verlauf des Antrages auszu­schliessen und dem Antragsteller nicht anzeigen zu müssen.

3-Harz-4-Online-Antrag-weyres

3. Aufgaben gene­rieren Handlungsanweisungen:
Aus Angaben zu Aussagen müssen für den Antragsteller klare Handlungsanweisungen gene­riert werden. Das bedeutet, dass für den Antragsteller klar werden muss, welche Unterlagen er für die weitere Bearbeitung des Antrages benö­tigt, wie diese aussehen und wo er diese findet.

4. Fokus auf erle­digte Aufgaben — nicht auf noch zu lösende:
Für den Antragsteller ist die Bearbeitung des Antrages oftmals belas­tend und arbeits­auf­wendig. Ein Feedback bzgl. des Fortschrittes, den der Antragsteller schon gemacht hat, sollte moti­vie­rend sein und diesem zudem Orientierung vermit­teln.

4-Harz-4-Online-Antrag-Weyres

5. Keine Aufgaben stellen — sondern Dialoge führen:
Der Antrag sollte dialo­gisch gestaltet werden. Mit dem Ziel, dem Antragsteller das Gefühl zu vermit­teln, ernst genommen zu werden. Der Antrag sollte nicht wie ein Verhör aufge­baut sein — er soll im besten Falle Empathie zeigen und Konversation auf Augenhöhe ermög­li­chen.
Ein gedruckter Antrag ist nicht dazu geeignet, dyna­mi­sche Prozesse abzu­bilden — wie könnte also ein digi­taler Antrag aussehen?

5-Harz-4-Online-Antrag-Weyres

Prototyping

Der bishe­rige Antrag weisst, wie oben erwähnt, bei 16 Aussagen auf teil­weise mehr­sei­tige Anlagen. Um einen indi­vi­du­ellen, auf die Lebenssituation des Antragstellers zuge­schnitten Antrag zu gene­rieren, macht es Sinn, den Prozess der Antragstellung in zwei Teile aufzu­teilen:

a) Einen Fragenkatalog, der primär darauf abzielt, beson­dere Lebensumstände des Antragstellers abzu­fragen, um

b) im zweiten Teil auf diese Lebensumstände indi­vi­duell eingehen zu können.

6-Harz-4-Online-Antrag-Weyres
Das bedeutet, dass im ersten Teil alle Fragen gestellt werden, die im alten Antrag zu mögli­chen Anlagen geführt hätten, und im zweiten Teil auf die für den Antragsteller rele­vanten Fragen einge­gangen wird.

Dies verkürzt den Prozess der Antragstellung immens und ermög­licht zudem, dem Antragsteller nach Abschluss der Bearbeitung des ersten Teils eine To-Do-Liste mit allen Unterlagen zu gene­rieren, die er braucht, um den zweiten Teil bear­beiten zu können.

In einem Prototyp, könnte der erste Teil des Antrages so aussehen:

7-Harz-4-Online-Antrag-Weyres
Karten, als Designpattern, eignen sich hervor­ra­gend, den Antragsteller einzelne Aufgaben fokus­siert bear­beiten zu lassen. Zudem ermög­licht eine gesta­pelte Anordnung der Karten, dem Antragsteller Orientierung über die noch zu erle­di­genden Aufgaben zu geben.

Anstatt Aussagen, die der Antragsteller bestä­tigen oder demen­tieren muss, werden ihm Fragen gestellt — dies ermög­licht eine freund­li­chere Ansprache und führt aufgrund der dialo­gi­schen Form der Interaktionen zu weniger Anspannung während der Bearbeitung des Antrages.

Am Ende des ersten Teiles des Antrages, erwartet den Antragsteller eine Übersicht über die für den zweiten Teil benö­tigten Unterlagen — er kann sich Informationen zu diesen Unterlagen anzeigen lassen. Zudem ist jede Unterlage mit einem Bild ausge­zeichnet:

8-Harz-4-Online-Antrag-Weyres
Der zweite Teil, gene­riert aus den Antworten aus dem ersten Teil, geht nun auf die detail­lierten Lebensumstände des Antragstellers, mögli­cher weiterer Personen in seiner Bedarfsgemeinschaft und deren Vermögensverhältnisse ein:

9-Harz-4-Online-Antrag-Weyres
Am Ende des zweiten Teils des Antrages druckt der Antragsteller die Zusammenfassung seiner Antworten aus, unter­schreibt diese und sendet sie an das zustän­dige Jobcenter. Die Zusammenfassung sollte, je nach indi­vi­du­eller Sachlage um 80% kürzer sein, als der heutige Hauptantrag mit zusätz­li­chen Anlagen. Dies spart Papier, Druckkosten und Bearbeitungsressourcen. Alternativ über­mit­telt der Antragsteller seine Daten direkt, ohne für Antragsteller und Verwaltung arbeits­auf­wen­digen Medienbruch, digital.

One more thing

Unterschreibt ein Antragsteller auf einem Formular, bevor er dieses ausfüllt, steigt die Wahrscheinlichkeit dieses wahr­heits­gemäß auszu­füllen, signi­fi­kant an. Personalisiert man den digi­talen Antrag, und posi­tio­niert den Namen des Antragstellers promi­nent während der Prozesses der Antragsstellung, sollte dies zusätz­lich dazu führen, die Abbruchrate der Bearbeitung massiv zu verrin­gern — denn: Personalisierte Prozesse führen zu höherer Identifikation mit einer Aufgabestellung.

… and one more thing

URLs sind eine tolle Möglichkeit mit dem Antragsteller zu kommu­ni­zieren — in moti­vie­render, posi­tiver Tonalität:
… und nun?

Einkaufserlebnisse sind bis ins letzte Detail opti­miert, Teams von hoch ausge­bil­deten Experten arbeiten täglich daran, diese noch effi­zi­enter auf die Bedürfnisse des Nutzers auszu­richten. Designer verbringen viele Stunden, Tage und Wochen damit, Seiten so zu opti­mieren, dass der Nutzer möglichst viel Zeit auf einer Seite verbringt — mit dem Wissen, dass die Inhalte oft austauschbar sind, und die nächste Ablenkung nur einen Click entfernt ist.

Ausgerechnet Services und Leistungen für Menschen in einer unglück­li­chen und kata­stro­phalen Lebenssituation werden vernach­läs­sigt. Lasst uns das ändern!


Clinton-Logo: In Your Face

von Johannes Erler

HILL_ERLER

Seit Tagen streitet die Design-Gemeinde über das Wahlkampf-Logo von Hillary Clinton. Die Diskussion hat sogar die Feuilletons der großen Tageszeitungen erreicht und mal wieder ist es Erik Spiekermann, der den Takt vorgibt. In einem kurzen, vier Punkte umfas­senden Statement versucht er eine ausge­wo­gene Beurteilung. Übrig von seinen Worten bleibt aller­dings nur, was sich am besten zur Zeile eignet: das Logo sei eine »banale Arbeit, die an den Unis alle Studenten im Erstsemester machen«. Zack! Das freut das (Netz)Volk, weil es den Shitstorm so herr­lich aufbläst. Und verortet Design mal wieder dort, wo es seit Jahr und Tag am liebsten steht: in der formalen Ecke. Soweit der Status Quo dieser Diskussion, die eigent­lich gar keine ist.

Was mich wundert: lobende Wort exis­tieren entweder nicht oder sind zu unbe­quem, um die Gleichschaltung dieser medialen Meinungswelle zu gefährden. Zeit also für ein Gegengift.

Ich finde das Logo groß­artig! Ehrlich. Das ist nicht nur so dahin­ge­sagt und schon gar nicht ironisch gemeint. Ich wünschte, ich hätte es erfunden. Dann würde ich es mir als erstes groß auf ein T-Shirt drucken lassen und stolz durch die Gegend tragen. Das ist nämlich gleich schon mal der erste Pluspunkt: das Logo ist irre plakativ. Es knallt. Das mag ich.

Ist es (formal betrachtet) banal? Vielleicht. Who cares. Diese Diskussion erin­nert mich viel zu sehr an die gute alte Spießerdiskussion von der Kunst, die keine ist, weil »das ja jeder kann« (Yves Klein, Andy Warhol, Josef Beuys und 1000 andere). Und trifft diese Beurteilung dann nicht auch auf ganz viele andere gute Logos zu? Steht nicht zum Beispiel ein Großteil des Werkes von Paul Rand in genau dieser Tradition der Einfachheit und Plakativität? Wie sehr sehne ich mich in Zeiten der Photoshop-Effekte nach dieser Klarheit! Ich kann Schatten und Verläufe nicht mehr sehen. Ich mag es pur.

Ist das Logo zu hart? Das ist purer Chauvinismus, weil der ganze Satz in der Regel ja lautet: »Ist es nicht zu hart für eine Frau?« Clinton steht für klare Kante. Vielleicht muss sie das sogar – mehr als jeder Mann – betonen, um ernst genommen zu werden (worum ich sie nicht beneide). Und so tritt sie dann auch auf. Jetzt verglei­chen alle das Logo mit dem Obama-O mit den drei roten Streifen, und dem schi­cken Verlauf. Tja, das waren noch andere Zeiten, da ging noch die Sonne richtig schön auf und die Zukunft leuch­tete hell. Im Moment passt das viel­leicht nicht so gut.

Und was soll dieses Zeichen uns nun sagen? Für mich zeigt der Pfeil nach vorn. Ganz einfach. Er kommt aus der Mitte des Buchstabens und für die Mitte der ameri­ka­ni­schen Gesellschaft hat Clinton sich einzu­setzen verspro­chen. Und viel­leicht ist er ja auch auf das rechte, ameri­ka­ni­sche Lager gerichtet. Es ist eigent­lich ziem­lich simpel. Und simpel ist gut für ein Symbol, das nichts anderes können muss, als dass man es wieder­erkannt und mit bestimmten Inhalten verbindet. Nicht das Logo ist der Inhalt, sondern die Frau, für die das Logo steht, liefert diese Inhalte. Das sollte man nicht vergessen. Dass man darüber hinaus jede Menge anderer Interpretation in dieses Zeichen hinein­denken kann, ist klar (was fiele mir alles zu den drei roten Streifen im Obama-Logo ein …). Das ist immer so und irgendwo an dieser Stelle beginnt dann die Polemik.

Als ich das Logo vor einigen Tagen zum ersten Mal sah, war ich über­rascht. So etwas hatte ich nicht erwartet. Eher hatte ich wohl gedacht, dass Clinton versu­chen würde, den genialen visu­ellen Feldzug des Obama nach­zu­ahmen. Sie hat dem wider­standen und das ist mutig. Statt dessen: In your face! Ich finde das toll.


Warum wir die Krautreporter brauchen

Der Journalist Stefan Niggemeier hat heute in einer Recherche darge­legt (die Fontblog mit freund­li­cher Genehmigung über­nehmen darf, siehe unten), wie sich Online-Journalismus und -Werbung in eine Sackgasse manö­vriert haben. Am Beispiel einer Meldung auf der RP-online-Site rechnet er uns vor, mit welchen Tricks die Zeitung einen redak­tio­nellen Beitrag in rund 30 Werbebausteinen vergräbt. Will sagen: Hier werden keine jour­na­lis­ti­schen Inhalte mehr gepflegt, sondern Werbeformen verflochten, wobei wahr­schein­lich niemand mehr in der Onlineredaktion weiß, warum das geschieht, denn »lesen« will und kann das keiner. Und von visu­eller Gestaltung, also der typo­gra­fi­schen Aufbereitung einer Zeitungsmeldung, kann sowieso keine Rede mehr sein …

Niggemeier ist einer von 28 Krautreportern, die der Ansicht sind, dass Journalismus im Netz auch anders gehen muss. Noch 9 Tage kämpfen sie für 15.000 Unterstützer, die ein Jahresabo (60 €) buchen, um bald darauf in den Genuss eines guten, werbe­freien Journalismus zu kommen. Fontblog macht da mit, und ich hoffe, eine Menge unserer Leser auch.

★ ★ ★

Wie Waldo im Wimmelbild:
Journalismus und die Inflation von Online-Werbung

von Stefan Niggemeier

rp-onlineNichts gegen Werbung. Werbung ist theo­re­tisch und oft auch prak­tisch eine wunder­bare Art, hoch­wer­tige Inhalte zu finan­zieren. Das Unternehmen gibt Geld und ich zahle mit meiner Aufmerksamkeit. Das ist oft ein guter, fairer Deal für alle Beteiligten: Leser, Medium, Werbetreibender.

Online aber ist aus Werbung ein Monster geworden, das alles zu fressen und zersetzen droht. Es gibt hier ein solches Überangebot an Werbeflächen, dass Werbung fast nichts kostet. Weil die einzelne Anzeige so wenig einbringt, verviel­fäl­tigen die Medien das Angebot an Werbeflächen — auf jeder einzelnen Seite und durch eine Maximierung der Klickzahlen. Durch die Vervielfältigung der Werbung sinkt der Wert jeder einzelnen Fläche weiter, ein Kreislauf: Inflation. Machen wir es konkret.

Nehmen wir die »Düsseldorf«-Seite der »Rheinischen Post«. Ich habe das ganze Werbegedöns mal abge­schnitten; das hier rechts ist die Spalte mit den eigent­li­chen Inhalten. Könnte man glauben. Nur dass jeder dritte Artikel eine Anzeige ist. Es steht sogar das Wort »Anzeige« darüber, und wenn man es weiß, kann man es an der Dachzeile erkennen, die nicht grau, sondern orange ist. Und am Rhythmus natür­lich: Redaktion, Redaktion, Werbung; Redaktion, Redaktion, Werbung … Die bezahlten Inhalte sind gekenn­zeichnet. Getrennt von den redak­tio­nellen Inhalten sind sie nicht. Sie sehen aus wie Artikel. Sie sind Artikel. Das ist native adver­ti­sing.

Die ganze Gestaltung ist darauf ange­legt, dass man das eine mit dem anderen verwech­seln kann und soll. Und selbst wenn man es nicht verwech­selt: Dass man bewusst an den als Artikelanrisse gestal­teten Werbeinhalten vorbei­lesen muss. Für zwei Artikel-Anrisse einen Anzeigen-Anriss lesen.

Das ist der Preis, den derje­nige zahlt, der sich bei der »Rheinischen Post« kostenlos und werbe­fi­nan­ziert über Düsseldorf infor­mieren will. (Der Preis, den die »Rheinische Post« dafür zahlt, dass sie die Arbeit ihrer Journalisten verwech­selbar mit irgend­wel­chen Anzeigentexten macht und eine klare gestal­te­ri­sche Trennung für verzichtbar hält, steht auf einem anderen Blatt. Aber für jemanden, der heute möglichst viel Geld verdienen will und sich nicht um sein Image morgen sorgt, ist das kein Problem.)

Nehmen wir an, ein Leser schafft es, auf einen Teaser zu klicken, der tatsäch­lich zu einem redak­tio­nellen Inhalt führt. Zum Beispiel eine etwas rätsel­hafte Meldung des nord­rhein-west­fä­li­schen Landesdienstes von dpa über einen Termin in einem Düsseldorfer Hotel: Udo Lindenberg zeigte hier der Presse, wo er vor vielen Jahren gear­beitet hat.

Lindenberg

Oben auf der Seite ist ein Banner mit Autowerbung. Über dem Artikel ist ein Banner mit Werbung einer Fluggesellschaft. Rechts neben dem Artikel ist ein Banner mit Telefonanbieter-Werbung. Im Artikel stehen Textanzeigen für Udo-Lindenberg-Bilder …

… und, ironi­scher­weise, für einen Journalismus-Lehrgang. Unter dem Artikel steht eine Textanzeige für ein Open-Air-Festival. Links neben dem Artikel ist Werbung für ein Jazz-Festival, für eine Medizin-Schule, für Sprachreisen, für das Rheinland. Man kann sie leicht an der orange hinter­legten Zeile und dem Wort »Anzeige« darüber erkennen.

Der graue Kasten darunter hat keine orange hinter­legte Zeile und keine Kennzeichnung als »Anzeige«, ist aber auch eine. Gelb hinter­legte Rubriken scheinen für redak­tio­nellen Inhalt stehen; orange hinter­legte Rubriken für werb­li­chen Inhalt. Könnte man glauben. Unter dem Artikel ist eine gelbe Rubrik »Das könnte Sie auch inter­es­sieren« mit redak­tio­nellen Empfehlungen. Danach folgt eine eben­falls gelbe Rubrik »Mehr aus dem Web« mit Werbelinks, erkennbar nur daran, dass darunter in hell­grau fast zu lesen ist: »Content Anzeigen empfohlen von …«.

Ganz rechts unten schiebt sich gelb ein Kasten »Auch inter­es­sant« in die Seite. Eine Anzeige.

Außerdem steht neben und unter dem Artikel noch Werbung für: ein Auto, »Zukunftstechnik aus Asien«, ein Casino, einen Obsthof. Das mitten im Artikel einge­bun­dene Video von center​.tv trägt zwar den Titel »Udo Lindenberg in Düsseldorf«, bezieht sich aber auf einen über ein halbes Jahr zurück­lie­genden Besuch (und beginnt natür­lich erst nach einem halb­mi­nü­tigen Werbevideo). Die verlinkte 16-teilige und mit dem Anlass des Artikels nur sehr indi­rekt verbun­dene Klickstrecke »Das ist das Hotel Atlantic in Hamburg« besteht ausschließ­lich aus PR-Fotos des Hotels.

Die verlinkte 13-teilige Klickstrecke »Bildband Udo Lindenberg ›Stark wie zwei‹« ist Jahre alt und nur scheinbar redak­tio­nell: Sie besteht aus Fotos aus dem Buch und demPR-Text des Verlages. Weitere Werbung verbirgt sich auf der Seite im Inhaltskasten oben, der sich öffnet, wenn man mit der Maus darüber fährt: Für einen Autohersteller (»erkennbar« an der orangen Färbung), einen Reiseanbieter, Lotto, noch einen Reiseanbieter.

Lindenberg

Lindenberg

Ich könnte ewig so weiter­ma­chen. In den Menuleisten finden sich manchmal kleine Texte, wie hier »Ihre Meinung NRW«. Man muss den Mauszeiger ein paar Sekunden darüber halten, um vor dem Klick zu erfahren, dass es sich um Werbung handelt. (Echte Profis erkennen es vermut­lich daran, dass hinter dem Wort ein kleiner oranger Pfeil ist.)

Lindenberg

Inhalte, die auf einer Seite als Anzeige verlinkt sind, kommen auf einer anderen Seite dann als scheinbar redak­tio­nelles »Extra« daher. Und natür­lich befindet sich im Fuß der Seiten immer ein bran­chen­üb­li­cher Kasten mit »Top-Services«, wohinter sich, bunt gemischt, redak­tio­nelle Inhalte, bezahlte Werbung und fremde E-Commerce-Angebote verbergen.

Lindenberg

Und im Seitenkopf stehen noch Links zu diversen redak­tio­nellen oder E-Commerce-Angeboten, an denen die »Rheinische Post« irgendwie betei­ligt ist. 27 Werbelinks habe ich alleine auf der Seite mit dem kleinen dpa-Artikelchen über Udo Lindenberg gezählt, und ich bin sicher, ich habe welche über­sehen. Die RP-Online-Seiten sind pracht­volle Wimmelbilder aus werb­li­chen Inhalten, in denen sich der Journalismus fast wie Waldo versteckt.

Hier dient Werbung nicht mehr der Finanzierung von Journalismus; hier ist Journalismus nur noch ein Vorwand dafür, Leser an die werbungtrei­bende Industrie zu verkaufen, zur Not durch Täuschung. Seien wir ehrlich: Bei RP-Online macht Werbung hoch­wer­tige Inhalte nicht möglich, sondern unmög­lich. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein nach­hal­tiges Modell zur Finanzierung von Journalismus ist.

*Offenlegung: Ich bin Autor bei »Krautreporter«, einem Versuch, Journalismus radikal anders zu finan­zieren.


Musterung: Das Festivalplakat zur Berlinale 2014

Das Berlinale-Maskottchen, Sony-Center, 2002 ,© Berlinale

Der Berlinale-Bär im Sony-Center am Potsdamer Platz (Foto: © Berlinale)

Es hatte einst Tradition im Fontblog, dass wir das wich­tigste Berliner Kulturplakat des Jahres unter die Lupe nahmen. Diese Tradition möchte ich wieder aufgreifen, drei Wochen vor dem Start der 64. Berlinale. Die ersten Poster hängen schon, rund um den Potsdamer Platz und berlin­weit, um auf das Festival vom 6. bis 16. Februar 2014 aufmerksam zu machen.

Nach einigen schwer verständ­li­chen Experimenten wech­selnder Designbüros in den 00er-Jahren, setzt Dieter Kosslick seit 2011 auf die Agentur von Christian Boros. Sie spielt zum wieder­holten Male mit dem von ihr entwor­fenen Berlinale-Signet, genauer: der Bärenillustration. »Der Berlinale-Bär ist und bleibt ein abso­luter Sympathieträger, nicht nur für unsere kino­be­geis­terten Berliner Zuschauer, sondern auch für unsere inter­na­tio­nalen Gäste. In diesem Jahr wird gleich eine ganze Bärenparade als buntes Highlight in der Berliner Stadtlandschaft aufleuchten und den Weg ins Kino weisen.« verkün­dete Festivaldirektor Dieter Kosslick anläss­lich der Vorstellung des Plakatmotivs.

Die Agentur Boros ergänzte: »Wenngleich das Signet der Berlinale schon Kultstatus hat und Grafik-Designer zum spie­le­ri­schen Umgang verleitet, so ist und bleibt er dennoch das stolze Wappentier der Berlinale. Das prägnante Plakatdesign in unter­schied­li­chen, starken Farben macht Lust auf die Vielfalt, die uns die Berlinale verspricht.«

Fazit: Mutig oder wegwei­send buch­sta­biert sich anders. Das aktu­elle Plakat reiht sich ein in die Palette ähnlich gemus­terter, kurz­le­biger Merchandising-Produkte wie T-Shirts, Taschen, Kissen und Smartphone-Schutzhüllen, die während der Veranstaltung reißenden Absatz finden. Schade. Als visu­eller Rufer für die Veranstaltung verdient das Berlinale-Plakat eigent­lich einen künst­le­ri­schen Überschuss, der es unver­wech­selbar macht, viel­leicht sogar unver­gess­lich … jeden­falls könnte es mehr darstellen als ein Tapetenmuster.

Das amtliche Berlinale Plakat 2014, designed by Boros, © Berlinale

Das offi­zi­elle Plakat der 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin, gestaltet von der Agentur Boros (Abbildung: © Berlinale)


Axel Springer gestaltet jetzt Websites

Der Verlag Axel Springer hat in den letzten beiden Jahren zwei große Verteidigungskämpfe geführt (mal abge­sehen von dem mit sich selbst):

  • gegen die öffent­lich-recht­li­chen Sender, die in das Territorium des Print-Journalismus einmar­schierten
  • gegen Suchmaschinen, die Auszüge von Print-Nachrichten unge­fragt auf News-Sammelseiten aggre­gierten

Jetzt wird er selbst zum Angreifer. Berliner Firmen sollen sich ihre Websites von den haus­ei­genen Experten texten, bebil­dern und gestalten lassen. Ist Webdesign der neueste Fluchtweg aus dem maroden Zeitungsgeschäft? Aber moment mal … gibt es für solche Jobs nicht erfah­rene Selbstständige und zig Designbüros in der Stadt?

Morgenpost-Teaser-Anzeige für den eigenen Webdesign-Service

Wir erin­nern uns: Im Sommer 2011 gab es viel Wirbel um die Online- und Mobil-Angebote von ARD und ZDF (Stichwort: Tagesschau-App). Weil deut­sche Tageszeitungen befürch­teten, dass die gebüh­ren­fi­nan­zierten Sender ein kosten­loses, pres­se­ar­tiges News-Angebot im Netz aufbauen, anstatt sich auf ihre Kernkompetenz zu konzen­trieren, das Bewegtbild, gab’s Zoff. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die gemein­same Klage von acht Zeitungsverlagen, darunter Axel Springer, Süddeutsche und FAZ, bei der Wettbewerbskammer des Landgerichts Köln gegen ARD und NDR.

Ein Jahr später setzte sich der Axel-Springer-Verlag an die Spitze des Kampfes für ein Leistungsschutzrecht, durch das kleine Ausschnitte aus Zeitungsartikeln für ein Jahr ab Veröffentlichung gesetz­lich geschützt werden sollen. Solche Snippets sind in der Regel kürzer als drei Sätze und werden in Suchergebnissen ange­zeigt, zusammen mit der Headline und der URL. Hierfür müsse eine ange­mes­sene Vergütung an die Verlage gezahlt werden. Am 22. März 2013 stimmte der Bundesrat der Einführung eines solchen Leistungsschutzrechtes für Presseverleger zu, wobei Snippets weiterhin kostenlos einge­setzt werden dürfen.

Vor diesem Hintergrund staunte ich nicht schlecht, als ich vor einer Woche beim Frühstück der ersten Anzeige für einen neuen haus­ei­genen Service in der Berliner Morgenpost (noch Axel Springer AG) begeg­nete. Ein fiktiver Bäckermeister Müller wendet sich hand­schrift­lich an die MoPo-Redaktion und bittet um Hilfe für den Aufbau eines eigenen Webauftritts. »Ich kann viel erzählen über Teig und Brot und Zuckerguss. Aber SEO? Das habe ich noch nie gehört. Meine Freunde sagen aber, das bräuchte ich, damit man mich im Internet findet.«

mopo02

Die Antwort kommt prompt, einen Tag später als Folgeanzeige: »Liebe Unternehmer, Sie benö­tigen Hilfe bei der Erstellung Ihrer Website? Dann nutzen Sie jetzt den neuen Website-Service der Berliner Morgenpost! … Sie machen Ihr Business, wir Ihre Website. Mit Hosting, SEO, Mobile Sites … inkl. indi­vi­du­ellem Web-Design … inkl. zusätz­li­chem Text- und Foto-Paket.« Moment mal … die Berliner Morgenpost bietet jetzt unter morgen​post​-website​-service​.de das Texten, Bebildern und Gestalten von Internet-Auftritten für Berliner Firmen an? Gibt es dafür nicht Texter, Bildagenturen und Webdesigner? Ist das nicht das urei­gene Geschäft hunderter Selbstständiger und kleiner Kommunikations- und Designbüros in der Stadt?

Das weiß natür­lich auch die Morgenpost, denn sie berichtet gera­dezu vorbild­lich jeden Tag über die vitale Berliner Start-up-Szene. Das Blatt weiß aber auch, dass es mit dem Zeitungsgeschäft bergab geht. Genauer: Der Axel Springer Verlag weiß das. Und deshalb will er die Morgenpost mit einigen anderen Zeitungen und Magazinen bald los werden, um sich noch stärker auf das digi­tale Geschäft zu konzen­trieren. Sollte das neue digi­tale Geschäft der Axel Springer AG darin besteht, junge Berufsstände arbeitslos zu machen? Oder bekommen die Berliner Unternehmer über die neue Plattform nur 08-15-Websites, auf der Basis uniformer Gestaltungsvorlagen, einschließ­lich billiger Stockfotos … so wie es der MoPo-Website-Service selbst vormacht?

Ein Vorschlag in Güte. Langweilige Websites gibt es schon genug. Warum nicht die starke lokale Kreativwirtschaft mit ins Boot holen und mal richtig gute Websites anbieten. Individuell getextet, bebil­dert und gestaltet. Klingt nach einer blühenden (digi­talen) Landschaft.


Das Ende des TrueType-Schriftformats?

Das kali­for­ni­sche Softwarehaus Adobe (San Jose) hat vorges­tern eine wegwei­sende Entscheidung für die allge­meine Entwicklung der Font-Technik bekannt gegeben. Zum dritten Mal in seiner Geschichte voll­zieht das Unternehmen damit eine poli­ti­sche Kurskorrektur für sein PostScript-Schriften-Format, das 1984 einge­führt wurde. Fünf Jahre später, im September 1989, wurde den Betriebssystem-Herstellern Microsoft und Apple die Abhängigkeit vom proprie­tären Adobe-Format zu heikel, und so kündigten sie ein eigenes, offenes Font-Format namens Royal an (späterer Name: TrueType). Als Antwort darauf veröf­fent­lichte Adobe umge­hend die bis dahin gehü­teten Geheimnisse des PostScript-Type-1-Schriftformats mit dem Ergebnis, dass endlich jeder Schriftentwerfer »amtliche« PostScript-Schriften gene­rieren konnte und sich das Format im grafi­schen Bereich erfolg­reich durch­setzte.

1996 schloss Adobe einen Friedensvertrag in dem von der EDV-Industrie »Font War« getauften Font-Format-Streit. Der PostScript-Erfinder stieg in den ursprüng­lich von Microsoft entwi­ckelten OpenType-Standard mit ein, der wesent­liche Beschränkungen der Formate TrueType und PostScript-Type-1 über­wand:

  • nur noch eine platt­form­über­grei­fend funk­tio­nie­rende Datei pro Schriftschnitt
  • bessere Unicode-Unterstützung (wichtig für Fremdsprachen)
  • typo­gra­fi­sche Funktionen (z. B. Ligaturen, Kapitälchen, …)
  • zeichen­klas­sen­ba­siertes Unterschneiden
  • digi­tale Signatur

Seitdem gibt es OpenType-Fonts in zwei Ausprägungen (engl flavours):

  • TrueType-flavoured (Dateiendung .ttf) und
  • PostScript-flavoured (Dateiendung .otf)

Die beiden Geschmacksrichtungen beziehen sich auf die mathe­ma­ti­sche Beschreibung der Buchstabenumrisse, die entweder mit Polynomen zweiten Grades defi­niert werden (TrueType) oder mit Polynomen dritten Grades (PostScript-CFF = Compact Font Format). Darüber hinaus erlauben TrueType-flavoured OpenType-Schriften auch die Zuweisung mehrerer Codes zu ein und derselben Glyphe, z. B. als A (U+0041), Alpha (U+0391) und kyril­li­sches A (U+0491).

Ein weiterer Unterschied beider OpenType-Font-Arten liegt in der Steuerung ihres Verhaltens am Bildschirm, auch Hinting genannt. In der Font-Datei hinter­legte Anweisungen sorgen dafür, dass eine mathe­ma­tisch exakt defi­nierte und verlust­frei skalier­bare Buchstabenkurve ohne Störungen in einen Buchstaben aus Bildpunkten (Pixel) umge­wan­delt werden kann (= rastern). Bei TrueType-Fonts haben Schriftentwerfer mit soge­nannte Instructions umfang­reiche Möglichkeiten, die Bildschirmqualität zu beein­flussen, und dies für jede Schriftgröße einzeln. Bei CFF-Fonts geben sie dem Rasterizer ledig­lich grund­le­gende Hinweise über die Proportionen der Buchstaben (hori­zon­tale und verti­kale Stämme), was dann für alle Punktgrößen gilt und vom Umwandler intel­li­gent weiter verar­beitet wird. Die Intelligenz dieses Rasterizers lag bis zuletzt in den Händen von Adobe, ein Industriegeheimnis. Sein Kern steckte zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution in einem Hilfsprogramm namens Adobe-Type-Manager (ATM); später kam die Technik in Druckern, im Betriebssystem Windows (DirectWrite) und im Mac OS X zum Einsatz.

Vorgestern nun lüftete Adobe das Geheimnis um seinen CFF-Rasterizer, ange­trieben von Google, das diese Entscheidung auch »finan­ziell förderte« (Adobe). Der Adobe-Rasterizer-Quellcode wird Bestandteil des  FreeType-Projekts, eine freie Programmbibliothek, die Computerschriften verschie­dener Formate als Rastergrafiken darstellt. Derzeit werden die Vektorschriftformate TrueType, OpenType, PostScript Type 1 und Type 2 (CFF) und PostScript CID-keyed Fonts unter­stützt, CFF-basierte Fonts lange Zeit nur in mäßiger Qualität. FreeType ist ein Open-Source-Projekt, das in belie­bige Anwendungsprogramme einge­bunden werden kann. Die Bibliothek ist im Bereich der Computerspiele weit verbreitet und millio­nen­fach auf Mobilgeräten im Einsatz, denn Android und iOS bedienen sich auch bei FreeType, sowie Chrome OS, GNU/Linux und andere Linux-Derivate.

Was bedeutet die Kooperation von Adobe, Google und FreeType?

Aus Sicht von Adobe: Der Erfinder von PostScript, Acrobat, PDF und domi­nie­rende Entwickler grafi­scher Software stärkt die Position seines CFF-Formats, also der .otf-Fonts – das Blut in den typo­gra­fi­schen Gefäßen von Adobes Anwendungen, z. B. InDesign, Illustrator und Photoshop. In der grafi­schen Industrie (Verlage, Designbüros, Medien …) ist es sowieso seit Jahren das bevor­zugte Font-Format, weil alte und neue Schriften in dieser Form auf dem Markt sind bzw. auf den Markt kommen.

Gleichzeitig öffnet Adobe für .otf die Türen von Anwendungsbereichen, wo bisher TrueType das Sagen hatte: Office-Anwendungen, Web-Design, Apps und mobile Betriebssysteme. Hier war TrueType bis zuletzt im Vorteil, weil sich die Bildschirmqualität dieser Schriften (frei­lich mit hohem manu­ellem Aufwand) bis zum Optimum aufpo­lieren ließ. Laut Adobe wird es aufgrund des nun zur Verfügung gestellten Rasterizers keine Qualitätsunterschiede mehr zwischen .otf und gut gehin­tetem .ttf geben. Ein weiterer Vorteil der .otf-Schriften im Web und in Mobilgeräten ist die klei­nere Dateigröße von CFF gegen­über TrueType sowie die einheit­liche Bildschirmqualität über alle Browser, Bildschirme und Mobilgeräte, weil nicht mehr die Qualität des (aufwän­digen) Hintings das Schriftbild bestimmt, sondern der (mitden­kende) Rasterizer diese Arbeit über­nimmt.

Aus Sicht der Schriftentwerfer: Schriftentwerfer wünschen sich schon lange eine Bereinigung der Formatvielfalt. So antwor­tete der FontFont-Produktmanager Ivo Gabrowitsch vor drei Wochen auf die Frage eines TYPO-San-Francisco Besuchers, ob irgend­wann mal auf allen Geräten und im Web ein einziges Font-Format zum Einsatz kommen werde, mit einem schlichten: »Ja«. Der nun voll­zo­gene Schritt von Adobe macht deut­lich, dass dieses Format sicher­lich nicht TrueType sein wird.

Entworfen werden die meisten Schriften sowieso seit fast 30 Jahren auf Basis kubi­scher Bezierkurven in Programmen wie Robofont, Fontlab oder Glyphs. Die Technik der Kurvenbeschreibung mit Stützpunkten und Vektoren ist den Designern vertraut aus Programmen wir Adobe Illustrator oder Photoshop. TrueType ist für die meisten ein eher unbe­liebtes Zwischen- oder Zielformat, wobei das Hinting ein mühsame Fleißarbeit darstellt. Wenn diese also in Zukunft entfällt, umso besser.

Aus Sicht der Anwender: Hier ändert sich erst mal nicht viel. Alle Android-Geräte, die kein OS-Update erleben werden, kommen auch nicht in den Genuss einer verbes­serten Schriftdarstellung. Wer jedoch Webseiten baut, dem stehen in naher Zukunft weit mehr Schriften zur Auswahl als bisher, weil nicht nur die eher seltenen hand­ge­hin­teten TrueType-Webfonts (beispiels­weise die Web-FontFonts) am Bildschirm bestens lesbar darge­stellt werden, sondern nun auch die CFF-basierten Schriften. Schließlich wird sich das verwir­rende Angebot unter­schied­li­cher Formate für ein und dasselbe Schriftdesign auch irgend­wann berei­nigen.

Es sind jedoch weniger nur die latei­ni­schen Schriften, die vom befreiten Adobe CFF profi­tieren werden, wie Stuart Gill und Brian Stell von Google erklären. Vor allem bei chine­si­scher, japa­ni­scher und korea­ni­scher Schrift gebe es endlich deut­lich weniger Irritationen im Schriftbild. Weil das manu­elle Hinting asia­ti­scher Schriften mit tausenden von Zeichen unglaub­lich aufwändig ist (oder gar aussichtslos), profi­tieren diese Sprachregionen ganz beson­ders vom intel­li­genten CFF-Rasterizer und FreeType.


Tod der Handschrift? Von wegen … !

Gasteditorial von Jochen Gros

Als Designer und Designtheoretiker reflek­tiert Jochen Gros seit 1974 verschie­dene Entwicklungen der »Do-it-Yoruself«-Kultur, zunächst im Rahmen der Des-In-Gruppe mit selbst gebauten Möbeln aus Abfallmaterialien. Seit 1994 als Gründer des C-Labors und Initiator von Newcraft mit Enwürfen für die hand­werk­liche Fertigung durch compu­ter­ge­steu­erte Maschinen, und seit dem Ausscheiden aus der HfG Offenbach 2004 nicht nur mit Icons im Stil von Handschrift, sondern nun auch mit dem Versuch einer digi­talen Reanimation von Handschrift, d. h. einem alten grafi­schen Inbegriff des Selbermachens.

Prof. Gros ist Autor verschie­dener Bücher und veröf­fent­licht seit 1976 in Fachzeitschriften wie form, Arch+, Domus etc. Auch im Fontblog meldet er nicht zum ersten Mal zu Wort.

 . . .

»Das Verschwinden der Handschrift im digi­talen Zeitalter« wird viel­fach beklagt, oder einfach hinge­nommen. Tatsächlich kündigte schon das iPad eine Trendwende an. Seitdem können wir auf Touchscreens nicht nur zeichnen, sondern im glei­chen Zug auch eigen­händig schreiben. Und jede Nachricht, die wir auf diese Weise formu­lieren, ist auch als E-Mail zu versenden – so einfach wie bisher und womög­lich sogar alltäg­lich.

Bisher galt:

  • Der Bedeutungsverlust der Handschrift beginnt mit dem Buchdruck
  • infolge der Schreibmaschine verschwindet das Schreiber-Handwerk aus dem Büro und
  • preis­werte Computer plus Tastatur verall­ge­mei­nern die Maschinenschrift bis hin zur Liebes-Mail und Trennungs-SMS.

Aber noch immer verwenden wir den Computer wie eine bessere Schreibmaschine, also mit einer Tastatur, und sei es einer virtu­ellen. Der Fortschritt besteht also weniger in einer grund­sätz­lich neuen Schreibweise, als darin, dass große und kleine Tastaturen inzwi­schen fast jedem in allen Lebenslagen so einfach zur Hand sind. Ute Mings bemerkt: »Spätestens ab der Pubertät brau­chen die Besitzer von digi­talen Apparaten kaum noch mit der Hand zu schreiben.«(1)

Auch Peter Praschl hält die aktu­elle Diskussion zur Einführung der »verein­fachten Grundschrift« bereits für über­holt: »Das Groteske an dieser Debatte, bei der es wie so oft in Bildungs- und Erziehungsfragen um alles oder nichts zu gehen scheint: Beide Positionen stehen auf völlig verlo­renem Posten. Denn gleich­gültig, welche Schreibschrift man deut­schen Schülern beibringt – sie werden sie in ihrem späteren Leben kaum je verwenden.«(2)

Doch genau das steht inzwi­schen schon wieder in Frage.

Neu ist: Nach dem Aufkommen von Tablet-PCs und Smartphones können wir Handschrift nicht mehr nur als Verlierer, sondern auch als Gewinner der digi­talen Technologie betrachten. Mit geeig­neten Apps jeden­falls erweisen sich diese Apparate nicht länger als Bremse, sondern viel­mehr als Ansporn zum alltäg­li­chen Gebrauch von Handschrift.

Gleichzeitig verliert die Tastatur an Bedeutung. Einerseits indem sie auf dem Touchscreen nur noch ein mecha­ni­sches Gerät abbildet, das als solches besser funk­tio­niert, und ande­rer­seits in Folge neuer, alter­na­tiver Eingabeverfahren für die Digitalisierung von Sprache und Schrift.

Zwar wird die Tastatur – im Gegensatz zur Maus, die sich auf dem iPad durch Fingerzeige erüb­rigt – auch weiterhin eine wich­tige Rolle spielen, vor allem im Büro. Doch ihre virtuell vermin­derte Brauchbarkeit mindert auch die Brauchbarkeit der Maschinenschrift und in der Finger- oder Stifteingabe entwi­ckelt sich erst­mals eine auch für Handschrift geeig­nete Alternative.

Wirklich zu reani­mieren ist Handschrift aber nur, wenn wir mit dem Finger oder Stift auch E-Mails schreiben.

Doch wer weiß heute schon, ob die großen E-Mail Clients wie Outlook, GMail, Thunderbird oder iMail jemals eigen­hän­dige Schreibschrift ermög­li­chen? Macht nichts! Denn so wie es aussieht, werden wir unsere Mails ohnehin immer öfter mit ganz anderen Programmen verfassen: mit Apps, die auf eine breite Palette indi­vi­du­eller Interessen eingehen, die verschie­dene Schwerpunkte ausprägen, und die, ganz nebenbei, auch Mails expor­tieren.

Diese Drift von der E-Mail zur AppMail zeigt sich unter anderem in einer gera­dezu explo­die­renden Anzahl und Vielfalt grafi­scher Programme. Diese Programme bezeichnen sich zwar nach ihrem jewei­ligen Schwerpunkt als Notepad-, Foto- oder Sketchbook-App, doch mit allen können wir auch Handschrift aufzeichnen und den Text – wahl­weise zusammen mit Fotos und Zeichnungen – als E-Mail versenden bzw. auf Facebook, Twitter usw. veröf­fent­li­chen.

Wer also digi­tales Schreibzeug sucht, findet immer auch virtu­elle Farbtöpfe, Buntstifte, Pinsel etc. und umge­kehrt. Mit anderen Worten: Handschrift und Illustration begüns­tigen sich wech­sel­seitig. Und damit begründet, ermög­licht, verur­sacht die digi­tale Technologie nicht nur eine grapho­lo­gi­sche, sondern viel­mehr eine »grafi­sche Wende« im Sinn von Grafik als »be-/schrei­bende Kunst«. (Wikipedia)

Die folgenden Beispiele konkre­ti­sieren nun einige der tech­ni­schen und gestal­te­ri­schen Möglichkeiten dieser »grafi­schen Wende« – wenn auch nur in fast verlernter Handschrift.

Notepads: Am einfachsten betrachten wir AppMail wie einen Notizzettel. Nur wird die Nachricht dann nicht auf Papier gekrit­zelt und an den Kühlschrank geheftet, sondern mit dem Finger oder Stift auf virtu­elles Papier geschrieben und als Mail expor­tiert.

Hierzu empfehlen sich so einfache und kinder­leicht zu bedie­nende Apps, wie Bamboo Paper und SketchTime.

Wer aller­dings längere Texte oder ausführ­li­chere Mails mit der Hand schreiben möchte, benö­tigt eine Art Lupe, mit der man vergrö­ßert schreiben und die Schrift verklei­nert darstellen kann. Das funk­tio­niert, beispiels­weise mit Jotter oder UPAD, schon nach kurzer Zeit recht flott.

Post-it fürs Internet: Bamboo Paper ist so einfach zu beschreiben wie ein Notizzettel

So kommt Handschrift ins Internet: Mit Jotter kann man direkt loslegen, so flott wie auf Papier und so lange man mag

Notebooks: Zu dieser Kategorie gehören über­wie­gend komple­xere Apps, die aber alle auch grafi­sche Tools enthalten und Handschrift ermög­li­chen. Verwendet werden digi­tale Notebooks vor allem in der Schule und Universität, aber auch im Beruf lassen sich damit z.B. Protokolle oder Memos aufzeichnen und gera­dezu ideal eignen sie sich für illus­trierte Tagebücher.

Wer nun aber sein Notebook ohnehin tagtäg­lich verwendet, für den liegt es auch auf der Hand, damit gele­gent­lich eine Mail zu verfassen und den Text, so gut es geht, zu illus­trieren. Empfehlenswert sind hier u.a. neu.Notes+ und Noteshelf.

Noteshelf ist nicht nur ein Multimedia-Schulheft oder -Tagebuch, alle Erzeugnisse lassen sich direkt als Mail senden

Foto-Apps: Vermutlich konzen­triert sich heute schon ein Großteil persön­li­cher Mails, Tweets etc. auf eigene Fotos. Texte wirken dabei schon fast wie Attachments.

Und nun bieten Foto-Apps u.a. die Möglichkeit, den Text direkt in die Bilder hinein­zu­schreiben – auch mit der Hand. Für den Anfang eignet sich hierzu insbe­son­dere A+Signature.

Eine umfang­reiche Bildbearbeitung mit erfreu­lich einfa­cher Handhabung bietet vor allem Photoshop Touch. Stifte oder Pinsel zum Schreiben und Illustrieren gehören auch hier zum Programm. Weitere Skizzen sind aus anderen Apps, wie Zen Brush, zu impor­tieren und auf verschie­denen Ebenen abzu­spei­chern.

Fotogrüße gehören heute zu den häufigsten Mails und Posts … mit A+Signature werden sie noch persön­li­cher

Auch Photoshop Touch expor­tiert alles als Mail, Tweet etc.

Sketchbooks: Virtuelle Skizzenbücher enthalten zwar in erster Linie künst­le­ri­sche Werkzeuge zum Zeichnen und Malen, tatsäch­lich aber könnten diese Apps sogar eine Rückkehr zur Schönschrift in die Wege leiten, in etwa so wie Zen Brush, ein App für japa­ni­sche und chine­si­sche Kalligrafie.

Wer heute »Handschrift« sagt, sollte digi­tale Kalligrafie mit einschließen: So wie Zen Brush auf japa­ni­sche Kalligrafie abhebt.

Sicher, bei uns wäre digi­tale Kalligrafie erst einmal erneut und wohl auch in erneuten Formen zu kulti­vieren. Am besten mit druck­emp­find­li­chen Stiften, wie Jot Touch und Pogo Connect, die den Duktus virtu­eller Pinsel- oder Federstriche schon recht gut abbilden.

Zu den einfachsten Apps mit annä­hernd künst­le­ri­schem Anspruch gehört Paper 53. In der Szene gilt das Programm als cool, sein Leistungsumfang lässt aber noch zu wünschen übrig.

Handgeschriebene Einladungen sind stets etwas beson­deres … mit Paper 53 wirken sie sogar ohne Schönschrift schon cool

Nahezu profes­sio­nelle Werkzeuge bieten u.a. Procreate und ArtStudio. Doch nun gilt es, auch das Design der Illustrationen weiter­zu­ent­wi­ckeln, d.h. den Text nicht nur mit Strichgesichtern zu emotio­na­li­sieren, sondern viel­mehr mit visu­ellen Begriffen zu konno­tieren.

Procreate bietet alle Möglichkeiten der Vektorgrafik,auch zum Schreiben mit der Hand und zum eigen­hän­digen »Einschreiben« linearer Illustrationen

Nach der Wende? Eigentlich wäre jetzt auch dem Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann zuzu­stimmen, der meint: »Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhe­ti­scher Natur. Wer in Zukunft Schönschrift lernen will, kann das im Kunstunterricht tun.«(3)

Doch während Brügelmann damit bereits der Abschaffung des Schreibschriftunterrichts das Wort redet, könnte der Kunstunterricht ihn heute schon wieder verstärkt einfor­dern, um Handschrift zusammen mit den neuen, digi­talen Illustrationsformen weiter zu schulen. Warum nicht nach dem Motto: Schreiben hilft denken, illus­trieren hilft einsehen, und am besten ist beides zugleich.

So gesehen wirkt die grafi­sche Wende aber nicht nur als sinn­volle Einheit von Handschrift und Illustration, zu prüfen ist jetzt auch, welche Form von Handschrift in Mails, Notebooks usw. am besten ankommt und wie digi­tale Illustrationen den Text möglichst einsichtig visua­li­sieren, d.h. emotio­na­li­sieren und konno­tieren.

Das beginnt mit dem Bearbeiten und Einfügen von Fotos, d.h. mit einer Form von Illustration, die inzwi­schen kaum mehr jemanden tech­nisch, zeit­lich, oder finan­ziell über­for­dert. Für eigen­hän­dige Skizzen aller­dings benö­tigen wir wohl erst einmal grund­le­gend neue gestal­te­ri­sche Impulse, Beispiele, Vorbilder und am Ende womög­lich, mit der Kalligrafie vergleich­bare Schulung.

Auszugehen wäre hier z.B. von Emoticons und Smileys – wie von einer Avantgarde der digi­talen Illustration.
Nun aller­dings gilt es, diese Figuren im Kontext der »grafi­schen Wende« gewis­ser­maßen in Handschrift zu über­setzen, d.h. so zu gestalten, dass sie mit einer durch­ge­zo­genen Linie zu zeichnen und wie Buchstaben von jedem nach­zu­zeichnen sind..

Vor allem aber sollten wir die Smileys jetzt nicht mehr nur als Strichgesichter betrachten, sondern buch­stäb­lich verkör­pern, sozu­sagen als Smileyman und Smileywoman mit Hand und Fuß zum Ausdruck von Gebärden und mit einem kompletten Körper, zur Darstellung von Sex oder Kleidung. Und wenn dann noch glei­cher­maßen linear gezeich­nete Tiere, Pflanzen und Gegenstände hinzu kommen, dann erwei­tert sich die Körpersprache schon fast zu einer elemen­taren Bildersprache im Stil von Handschrift – bestens geeignet, nicht zuletzt um einzelne Wörter eigen­händig zu illus­trieren und gele­gent­lich zu ersetzen. (4)

Offen bleibt hier aller­dings die Frage, wie weit wir tatsäch­lich schon bereit sind, unsere Mails nicht nur mit Buchstaben, sondern auch mit digi­talen Farben, Pinseln und Stiften zu formu­lieren. Und trotzdem gilt: Nur im Zusammenspiel von Handschrift und Illustration gewinnt die grafi­sche Wende ihre sinn­vollste, bedeut­samste und sicher auch reiz­vollste Perspektive: eine Art Renaissance der illus­trierten Schrift.

Folgt man dieser Vision, dann werden künf­tige Apps aber auch noch Bilder-Fonts (nach chine­si­schem Muster) verwenden und damit zugleich profes­sio­nell gestal­tete Illustrationen allge­mein zur Verfügung stellen (5). So etwas funk­tio­niert per Tastatur, d.h. mit der alpha­be­ti­schen Bezeichnung einer Zeichnung, über ein Menü, oder mit Handskizzen, die sich auto­ma­tisch in die entspre­chenden Figuren aus einem Bilder-Font verwan­deln.

Vermutlich aber lassen sich viele Illustrationen am Ende sogar sprach­ge­steuert in die Zeile einschreiben.

Pst: Handschrift und visu­elle Begriffe entgehen vorläufig noch der Zensur.

––––––––––––––––––––––––––––

(1) Ute Mings: Verschwindet die Handschrift? > Bayern2 > Kulturjournal 25.09.2012

(2) Peter Praschl: Das Ende der Handschrift? > SZ-Magazin 15.02.2912

(3) Hans Brügelmann in einem Beitrag von Julia Koch: Lernforscher und Lehrer fordern die Abschaffung des Schreibschriftunterrichts > Der Spiegel 03.01.2011

(4) Jochen Gros: AppMail Emoticons – Draw-it-yourself Icons in the style of hand­wri­ting, Apple iBookstore 2012

(5) Jochen Gros: Pictoperanto – Pictograms, Icons, Pictorial Fonts (Deutsch/Englisch), BoD 2011


Signaletik: Berlin testet blinkende Fußgängerampeln

Blinkende Fußgängerampeln sollen die Verkehrssicherheit in Berlin erhöhen. Am gest­rigen Donnerstag sind die ersten drei rot-blin­kenden Ampeln frei­ge­schaltet worden. Anfang Dezember sollen an anderen Kreuzungen drei grün-blin­kende Fußgänger-Ampeln hinzu­kommen. Mit den Modellprojekten soll die umwelt­freund­lichste und billigste Art der Fortbewegung sicherer und die Alterung der Bevölkerung berück­sich­tigt werden. Beide Methoden werden zunächst getestet. Welches Blinksystem – wenn über­haupt – ist »einleuch­tender«?

Rotes Licht blinkt: Fahrbahn nicht mehr betreten; Personen auf der Fahrbahn können ihren Weg sicher beenden

Grünes Licht blinkt: Grünphase endet gleich, Fahrbahn kann noch betreten und über­quert werden


Fatalismus ist der Feind guten Designs, oder:

Volkserziehung, nein danke!
von Helge Fischer

Unser Gastautor Helge Fischer studierte am Royal College of Art in London »Design Interactions« und arbei­tete für namhafte Auftraggeber als Designer und Berater. Später lehrte und forschte er als wissen-schaft­li­cher Mitarbeiter im Fachbereich Interface-Design der FH Potsdam. Gemeinsam mit der Kommunikations- und Service-Designerin Ann-Kristina Simon grün­dete er vor wenigen Monaten in Berlin das Designbüro Bold Futures, spezia­li­siert auf Innovationskommunikation. Fischer: »Wir nutzen Design als Medium zur Darstellung und parti­zi­pa­tiven Bewertung von wahr­schein­li­chen oder mögli­chen Zukünften.«

Der hier veröf­fent­lichte Denkanstoß erschien in unge­kürzter Form unter dem Titel »Nachhaltigkeitsdesign: Öko-Erziehung in der Welt der Dinge« in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Novu Argumente. Ann-Kristina und Helge werden in 14 Tagen den Creative Morning in Berlin bestreiten (16. November 2012, Orangelab, 8:30 Uhr).

Die verdienst­vollste Aufgabe von Design ist, bessere Lebensräume zu entwerfen, fesselnde Zukünfte herauf­zu­be­schwören und Träume zu wecken. Design kann einen enormen Nutzen für die Welt leisten, dazu muss es jedoch mutig und ambi­tio­niert sein. Das fällt heute nicht leicht, denn es domi­nieren eher düstere Bilder von der Zukunft, die den Glauben an eine posi­tive Gestaltbarkeit dem Reich der Fantasie zuordnet. Fatalismus ist der Feind guten Designs. Wenn wir die Auffassung akzep­tieren, wir lebten im Jahrhundert der Klimakatastrophen, Ressourcenverknappung, Überbevölkerung und der Ausbeutung der Natur, und schuld sei der Mensch, dann fallen unsere Entwürfe bescheiden, klein­laut und demütig aus: Design als Appell, unser Tun zu zügeln, unsere Erwartungen zurück­zu­schrauben.

Unter dem Dogma der Nachhaltigkeit entstehen oft mutlose und klein­liche Entwürfe, die weit hinter dem zurück­bleiben, was die heutige Technologie erlauben würde: Stühle aus recy­celten Zeitungen – zusam­men­ge­halten von Reiskleber, mit Pedalkraft betrie­bene Küchengeräte, oder gar ein durch Muskelkraft ange­trie­benes Gerät zur Herstellung von Papier. Dieselben Handgriffe, dieselben Produkte, dieselben Funktionen wie seit Jahrzehnten, nur mühsamer und zeit­auf­wen­diger zu bedienen. Wir bewegen uns zurück.

Persuasive Design

Auf dem wich­tigen Gebiet des Sustainable Designs ist ein weiterer Ansatz deut­lich unbe­hag­li­cher. Sogenanntes »Persuasive Design« versucht beim Nutzer mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Verhaltenspsychologie »erwünschte« Einstellungen und Verhaltensweisen zu beför­dern. Anstatt durch Informationen zu über­zeugen und eine freie Entscheidung zu ermög­li­chen, will Persuasive Design Menschen unbe­wusst beein­flussen und ihr Verhalten in eine zuvor als »redlich« erkannte Richtung lenken. Es versucht, das emotio­nale, irra­tio­nale und impul­sive Denken unseres Unterbewusstseins zu mani­pu­lieren. Dies wird bereits seit Jahrzehnten in der Werbung prak­ti­ziert. Relativ neu ist aller­dings, dass es nun einge­setzt wird, um vermeint­lich Gutes zu tun, denn die »böse Seite« des Marktes für Persuasive Design ist längst über­sät­tigt.

Sogenannte Zielverhalten könnten zum Beispiel sein, mit dem Rauchen aufzu­hören, mehr Sport zu treiben, Medizin regel­mäßig einzu­nehmen, oder – im Bereich nach­hal­tigen Handelns – weniger Strom zu verbrau­chen, oder das Fahrrad zu nutzen. So wird die gezielte Beeinflussung des Unterbewusstseins zum Wohle und im Eigeninteresse des Manipulierten propa­giert, um dessen Leben zu verbes­sern. Das einge­setzte Repertoire an Psychotechniken reicht vom Setzen von Zielen, über verschie­dene Anreiz- oder Abhaltungssysteme bis hin zu sozialer Kontrolle, Ausgrenzung oder Bevormundung. Ziel ist es, »gutes« Verhalten so auto­ma­ti­siert, so einfach, oder auch so sucht­er­zeu­gend zu machen wie Glücksspiel.

Ein paar Beispiele … Kleinere Mülleimer sollen uns dazu verleiten, weniger Abfall zu produ­zieren … nicht weil wir dies als sinn­voll erachten, sondern einfach, um seltener den Müll raus­bringen zu müssen. Der vom MIT Media Lab entwi­ckelte WaterBot wird am Wasserhahn instal­liert und misst den Wasserverbrauch. Bei zu langer Wassernutzung gibt das System visu­elle und audi­tive Alarmsignale, beim Zudrehen hingegen gibt es ein posi­tives Audiofeedback. Das zuge­ge­be­ner­maßen clevere »Erratic Radio« des Interactive Institute in Schweden empfängt zusätz­lich zum einge­stellten Sender noch die 50-Hz-Frequenz, die von elek­tri­schen Geräten ausge­strahlt wird und stört somit den Empfang bei gleich­zei­tiger Nutzung dieser Geräte. Es gibt eine App fürs Auto, die anzeigt, wie energie-effi­zient gefahren wird und die den Fahrer durch visu­elle Hinweise anleitet, möglichst gleich­mäßig zu fahren. Zahlreiche Angebote im Internet hoffen auf Nutzer, die im Rahmen eines Wettkampfs versu­chen, möglichst viele »Eco-Challenges« zu bestehen (z. B. eine Woche kein Fleisch essen oder einen Gemüsegarten anlegen).

Ein dras­ti­scheres Beispiel ist das vom Design Lab der Universität Sydney durch­ge­führte Projekt »Neighbourhood Scoreboards«. Die tägli­chen Veränderungen im Energieverbrauch von teil­neh­menden Haushalten wurden hierfür auf großen, der Straße zuge­wandten Schildern aufge­zeigt, zusammen mit lachenden (abneh­mender Verbrauch) und trau­rigen Smileys (stei­gender Verbrauch) plus der aktu­ellen Position im »Neighbourhood Ranking« für Energieeinsparungen.

Die Beispiele wirken einzeln besehen harmlos. Es gibt Parallelen zu Videospielen und mitunter machen sie sogar Spaß. Und es mag Lebensbereiche geben, in denen der Einzelne Verhaltenslenkung durch tech­no­lo­gi­sche oder soziale Systeme für sich selbst als nütz­lich empfindet. Doch beför­dert eine breite Anwendung von Persuasive Design, das letzt­lich eine Ergänzung zu den expli­zi­teren Maßnahmen der Volkserziehung ist, eine regres­sive Sichtweise auf die Möglichkeiten und Kapazitäten des Menschen: Wir akzep­tieren damit, dass wir anschei­nend hilf­lose und schwache Wesen sind, die der Lenkung bedürfen.

Fazit

Nachhaltiges Design und insbe­son­dere Persuasive Design unter­mi­nieren den Glauben an unsere eigenen Fähigkeiten. Gleichzeitig sind sie ein Angriff auf mensch­liche Selbstverantwortung, Autonomie und Freiheit. Wir trauen weder uns selbst noch der Mehrheit unserer Mitmenschen zu, dass wir rich­tige Entscheidungen treffen und diese konse­quent umsetzen könnten. Stattdessen akzep­tieren wir die Manipulation unseres Verhaltens durch (selbst ernannte) Experten, die uns in einer unüber­sicht­li­chen Welt den rechten Weg weisen wollen. Die von ihnen entwor­fenen Produkte ersetzen den freien Willen durch das Managen von Nutzerverhalten.

Wenn wir unsere Lebensbedingungen weiterhin welt­weit verbes­sern möchten, stehen wir vor großen Herausforderungen. Dabei ist unsere Fähigkeit, Neues zu schaffen und dabei Risiken einzu­gehen (und Fehler zu machen) nicht das Problem, sondern die Lösung für globale Zerwürfnisse. Wir sind Zerstörer, aber vor allem Schöpfer und Erschaffer, wir sind Konsumenten, aber auch Produzenten. Zu oft beschränkt sich aktu­elles nach­hal­tiges Design auf eine Bewahrung des Status Quo.

Wenn wir in einer Transformationsgesellschaft leben, in der herge­brachte Methoden des Wirtschaftens und Lebens nicht mehr unein­ge­schränkt tragen, dann benö­tigen wir ein Vertrauen in mensch­liche Intelligenz, Kreativität, Imagination und Kraft. Zukunftsoptimisten sind die besseren Designer. Sich selbst und die Menschheit zuvor­derst als schwach und hilflos zu sehen, mag in einer kompli­zierten Welt bequem sein, doch ist es ein Luxus, den wir uns nicht leisten dürfen.

(Der hier veröf­fent­lichte Beitrag von Helge Fischer erschien in unge­kürzter Form unter dem Titel »Nachhaltigkeitsdesign: Öko-Erziehung in der Welt der Dinge« in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Novu Argumente. Foto oben: Marco Floris, Abbildung Mitte © DeVIce Fotolia​.com)