Fontblog Reportage

30 Tage Kunst im Orangelab, Berlin

30 Tage Kunst im Orangelab (Foto: Chloë Litchfield)

30 Tage Kunst, eine Veranstaltung des Orangelab (Foto: Chloë Litchfield)

Zum fünften Mal findet in diesem November die Veranstaltungsreihe 30 Tage Kunst statt, im Orangelab, das seit 3 Jahren auch die Heimat des Creative Morning Berlin ist. Die Idee für das einmo­na­tige Kunst-Event stammt vom Leiter des Orangelab, dem Schauspieler Hans Brückner. »Ursprünglich wollte ich in meiner Wohnung Lesungen im Stile der Salons des frühen 20sten Jahrhunderts anbieten.« erin­nert sich Brückner an die erste Idee. Doch seine Wohnung war zu klein dafür. 2009 lernte er Marc Maximilian Doege kennen, der am Kurfürstendamm gerade die Galerie POPUP 195 eröffnet hatte. Und genau dort fand am 1. November 2009 die Premiere von 30 Tage Kunst statt: Hans Brückner trug Edgar Allan Poe vor, am Flügel begleitet von Marco Maria. Fotos von diesem Abend gibt es keine, aber einen Blogbeitrag von Hans Brückner …

orangelab_schatton

Hans Brückner in seiner Spielstätte, dem Orangelab, wo er ab morgen 30 Tage Kunst anbietet (Foto: Robert Schatton)

Übermorgen, am Halloween-Freitag, startet also die fünfte Saison, mit einem Aufwärmabend unter dem launigen Motto: »Meet the artist in person. Stehrumchen mit Film.« Gezeigt werden die Film »Am Savignyplatz«, von Caterina Woj, und die 30-minü­tige Reportage »Von 6 bis 6 am Savignyplatz«. Im Programm heißt es: »Der Savignyplatz gehört den Bohemiens. Den Bildungsbürgern, Literaten, Künstlern und solchen, die sich dafür halten. Leute, die gern lange schlafen und spät ins Bett gehen. Lange ausharren. In den vielen guten Kneipen am Bermudadreieck der bürger­li­chen Piazza. Zum Beispiel im ›Zwiebelfisch‹. … Hier ist die Zeit stehen geblieben. Die Stammgäste altern mit. Auch Zappa, der Kneipenkater, verbringt hier lange Nächte.«

logo14

Wenn der Verleger Klaus Wagenbach und der Chef des Buchhändlerkellers in der Carmerstrasse über ihren geliebten Platz erzählen, gibt es viel zu schmun­zeln. Und zu lernen. Über die berüch­tigten 70er Jahre. Wie das alles hier einmal war. Beide Filme vermit­teln ein Bild vom Savignyplatz, das viele Altberliner vergessen haben und Neuberliner noch nicht kennen. Künstler und Verleger, Literaten und Schauspieler erzählen und führen in ihre Welt. Der Eintritt ist frei.

Am Samstag erwartet uns eine Veranstaltung, die auch bei Grafikern und Editorial-Designern auf Interesse stoßen sollte. Es geht um die Zeitschrift »Das Magazin«, und die Devise lautet: 90-60-90 – ein maßloser Abend mit dem Magazin. Die einen nennen das Heft »New Yorker des Ostens«, die anderen eine monat­liche Wundertüte. Gegründet 1924, erfindet sich Das Magazin immer wieder neu und hat mit seiner unge­wöhn­li­chen Mischung aus Journalismus und Literatur seit Jahrzehnten Erfolg.

Viel Platz, zentrale Lage, angenehme Atmosphäre: Das Orangelab, auch die Heimat des Creative Morning Berlin (Foto: Fabian Hamacher)

Viel Platz, zentrale Lage, ange­nehme Atmosphäre: Das Orangelab, auch die Heimat des Creative Morning Berlin (Foto: Fabian Hamacher)

Am ersten »amtli­chen« Abend von 30 Tage Kunst erzählen die Macher des Magazins Stories und Skurriles aus 90 Jahren Redaktionsarbeit. Hierzu begrüßt Hans Brückner Pierre Sanoussi-Bliss und Franziska Arnold, sowie die Magazin-Kolumnisten Kirsten Fuchs und Stefan Schwarz. Es singt Pascal von Wroblewsky. Eintritt: 12,50 €.

Das Programm der folgenden Tage ist bereits online, was die Planung der Novemberabende unge­mein erleich­tert. Hier alle Events von 30 Tage Kunst 2014. Karten online reser­vieren nicht vergessen!


Schreibschrift lebt!

Im Fontblog ist sie Stammgast: Die Schreibschrift. Totgesagt in der Schule. Digital wieder­be­lebt. Diskutiert, erklärt. Erst im Sommer griff FontShops Type Talk im Berliner Apple Store das Motto auf. Andreas Frohloff, gelernter Schildermaler, Kalligraf – heute typo­gra­fi­scher Direktor der FontFont-Schriftbibliothek, zeigte, wie die Schreibschrift mittels zuneh­mend ausge­feilter digi­taler Kalligrafie auf Computer und Pad Einzug hält.

Schriftenhäuser veröf­fent­li­chen Schreibschriften – auch Scriptfonts genannt – mit sehr unter­schied­li­chen Konzepten zur tech­ni­schen Umsetzung unter Bewahrung des Script-Charakters. Hier eine Zusammenstellung:

FontShop Schreibschriften 3FF Pepe, Feel Script, Kinescope (von oben nach unten): Das Genre Schreibschrift enthält Vertreter, wie sie kaum unter­schied­li­cher ausfallen könnten

FF Pepe entwarf der spani­sche Designer Pepe Gimeno 2002. Was kaum jemand weiß – Andy Warhol lieferte die Vorlage für Pepe: Das Langspielplatten-Cover einer Lesung von Tennessee Williams aus dem Jahr 1952 zierte die unre­gel­mä­ßige Schreibschrift der Pop-Art-Ikone. Allerdings ist sich die Fachwelt nicht einig, ob Andy die Kringelbuchstaben selbst zu Papier brachte oder seine Mutter Julia Warhola schreiben ließ, die in der frühen Phase seines Künstlerdaseins öfters für ihn zur Feder griff (mehr zu Warhols Frühphase bei Wikipedia).

Kinescope ist die Neuinterpretation einer US-Pinselschrift aus den 40er Jahren, die Mark Simonson (Bookmania, Proxima Nova) im Comic ‘Fleischer Brothers’ Superman’ gefunden hat. Die OpenType-Technik sorgt auto­ma­tisch dafür, das sich immer die zuein­ander passenden Buchstaben anschließen; hierfür hat der Entwerfer 6 stilis­ti­sche Varianten ange­legt (Formatsätze). Mehr Informationen und Anwendungsbeispiele im liebe­voll gestal­teten Kinescope-User-Guide-PDF (5 Seiten, 2 MB).

Feel Script greift ameri­ka­ni­sche Schreibschriften zwischen 1935 und 1955 auf. Mit Stift, Feder, Stahlstich und Reprokamera entstanden neue Script Fonts mit dem Beginn des Fotosatzes und durch die Entwicklung des Fernsehens. Im aufrechten und gut gelaunten Feel Script Font, der hervor­ra­gend für Auszeichnungen, Verpackungen oder Poster einge­setzt werden kann, stecken 1200 Zeichen raffi­nier­teste OpenType-Technologie. Mehr über Ale Paus Recherchen bei der Entwicklung der Feel Script im Feels-Good-Post.

Font-Pakete

• FF Pepe Multiformat | 1 Font | ab 39 Euro
• Kinescope OT und Web | 2 Fonts | ab 25 Euro
• Feel Script OT und Web | 1 Font | je 72,50 Euro

Mehr Schreibschriften - FontShop

Hipster Script, P22 Zaner (rechts), MeMimas & MeMimas Dots, Baka (von oben nach unten): Gekratzt, beschwingt oder sogar gepunktet – Schreibschriften sind Blickfänger mit Persönlichkeit

Hipster Scripts Entstehung beschreibt Alejandro Paul so: „Hipster Script schließt meine zahl­rei­chen Versuche, die Kluft zwischen manu­eller und digi­taler Schrift ein Stück weiter. Ich griff diesmal zum Pinsel, brachte den Schriftzug auf Papier und legte mein Augenmerk darauf, die Zeichen ebenso flie­ßend in den Computer zu bekommen.“ 1851 Hipster-Glyphen später, belohnte der Type Directors Club Pauls Bemühungen mit der Wahl unter die besten Schriften 2012.

P22 Zaner ist eine Federschrift, die auf der Handschrift des einfluss­rei­chen ameri­ka­ni­schen Schreiblehrer, Charles P. Zaner basiert, der 1888 das Zanerian Art Center grün­dete. Mit den beiden OpenType-Fonts (entwi­ckelt von Paul D. Hunt) lassen sich ausge­klü­gelte kalli­gra­fi­sche Schriftzüge konstru­ieren, wahl­weise mit mehr oder weniger Zierschwüngen, floralen Elementen und weiterem Zierrat (enthalten in einem zweiten Font). Ideal für Urkunden, Etiketten, Packaging und fest­liche Drucksachen. Mehr über die Geschichte von Zaner und Anwendungsbeispiele im Zaner-PDF.

Baka bedeutet auf japa­nisch Dummkopf. Was als Schreibexperiment auf Papier begann, gefiel Neil Summerour so gut, dass er Baka digital in eine perfekte Form brachte. Mehr als 1000 Zeichen wurden von ihm auf Baumwollpapier entworfen und in die beiden Zeichensätze Baka und Baka Too über­führt. Er zeich­nete die Lettern übrigen nicht mit einem Pinsel, sondern mit einen Füllfederhalter, dessen Spitze er abge­schrägte.

MeMimas Dots von Joan BarjauJosé Manuel Urós ist der Star der MeMimas-Familie. Sorgfältig plat­zierte Punkte machen die Skript zu einem abso­luten Hingucker und ermög­li­chen ein weites Spektrum von Effekten — allein oder in Kombination mit weiteren Schnitten aus der umfang­rei­chen MeMimas-Familie. Wie bei Type-Ø-Tones Standard, verfügen alle Mitglieder der MeMimas-Familie einen üppigen Zeichenvorrat: einen Schriftschnitt mit Alternatebuchstaben und einen mit Ligaturen und Endbuchstaben.

Font-Pakete

• Hipster Script OT Pro und Web | Font | je 58 Euro
• P22 Zaner Pro Set OT und Web | 12 Fonts | ab 333,50 Euro, Font ab 24,95 Euro
• MeMimas Familie OT und Web | 12 Fonts | 392 Euro, Font ab 42 Euro
• Baka OT | Font | 16  Euro

– – –
Foto: Shutterstock (modi­fi­ziert), Schriftmuster: FontShop Plugin, Preise zzgl. MwSt., Preisänderungen vorbe­halten.


»Mann trifft Frau« von Yang Liu ist erschienen

Mann zieht sich aus: krank, Frau zieht sich aus: sexy

coverBeim Creative Morning im April (Thema: Sex) mussten wir den Ball flach halten, denn der ursprüng­liche Veröffentlichungstermin des Büchleins wurde vom Verlag über­ra­schend auf den Spätsommer verschoben. Doch immerhin bekam Yang Liu die Erlaubnis, viele Bilder aus dem Büchlein zu zeigen. Sogar eine Ausstellung war möglich, einen Monat später auf der TYPO Berlin. Doch in unserem Creative-Mornings-Video durften wir leider keine großen Abbildungen hinein­schneiden (»wegen der Raubkopierer«), sondern nur die Leinwand abfilmen. Das mindert aber nicht den Reiz der gespro­chenen Worte, mit denen die (hoch­schwan­gere) Autorin die Beweggründe und Gedanken zu ihrem Buch schil­derte:

Inzwischen ist das Baby da. Es trägt den schönen Namen »Immi«. Und das Buch ist auch erschienen. Werfen wir mal einen ausführ­li­cheren Blick hinein. Sein Stoff ist zeitlos. Das Ringen für die Gleichstellung von Frau und Mann ist in allen Industriestaaten ein Dauerthema. Und so hat sich die poli­ti­sche und gesell­schaft­liche Ungleichheit beider Geschlechter in den letzten Jahrzehnten tatsäch­lich kaum verrin­gert. Was bleibt sind Vorurteile und tatsäch­lich abwei­chende Verhaltensmuster, die wir lieben oder an denen wir uns reiben.

waffe

In ihrem neuen Buch wirft die deutsch-chine­si­sche Designerin Yang Liu (Ost trifft West) einen unbe­fan­genen Blick auf unser Verhalten. Weit entfernt von Stereotypen decken ihre Piktogramm-Paare die feinen Differenzen zwischen männ­li­chem und weib­li­chem Verhalten auf: beim Shoppen, beim Rendezvous, in der Familie, am Arbeitsplatz. Blättert wir eine Seite weiter, begegnet uns plötz­lich dasselbe Verhaltensmuster beim anderen Geschlecht.

Die Wegbeschreibung von Frauen und Männer

Diese Doppeldeutigkeiten sind es, die unseren Blick auf das andere Geschlecht und auf uns selbst neu justieren. Frauen sind auch nur Männer, und umge­kehrt … das ist die verblüf­fend simple Erkenntnis von »Mann trifft Frau«, und damit bietet Yang Liu einen amüsanten Grundkurs in Sachen Verständnis und Toleranz.

Gehaltsverhandlungen von Mann und Frau unterscheiden sich

Yang Liu wurde in Peking geboren und lebt seit 1990 in Deutschland. Sie studierte an der University of the West of England (Bristol) und schloss ihr Studium mit einem Master an der Berliner Universität der Künste ab. Sie arbei­tete mit Derek Birdsall und Thomas Manss (London, Berlin), bei Chermayeff & Geismar (New York), bevor sie 2004 ihr eigenes Büro Yang Liu Design in Berlin grün­dete. Seit 2010 ist Yang Liu Professor und Leiterin des Fachbereichs Kommunikationsdesign an der TU Berlin. Sie gewann verschie­dene inter­na­tio­nale Preise und veröf­fent­lichte mit dem Buch »Ost trifft West« einen ersten Bestseller.

Das Kaufverhaten von Mann und Frau

Weitere Informationen zu Mann trifft Frau beim Verlag ….

Mann trifft Frau, Verlag Taschen, Hardcover, 13 x 13 cm, 128 Seiten, € 12


bukowskigutentag 3/14: Akkurater Widerstand

emo_demoDas Thema Überwachung geht alle an, aber in der Breite der Bevölkerung hält sich die Empörung in Grenzen. Noch tut es ja auch niemandem direkt weh. Ein paar tapfere Widerständler enga­gieren sich und orga­ni­sieren wieder die »Freiheit statt Angst«-Demo, diesmal am kommenden Samstag in Berlin. Dort sieht man wie in den Jahren zuvor Alu-Hüte, Grumpy Cats und andere Internet-Folklore. Das mag lustig sein, spricht aber niemanden außer­halb der eigenen Filterblase an. Deswegen sieht man auf der dies­jäh­rigen FSA noch eine andere Fraktion: den »Akkuraten Widerstand«. Und das ist? Zitat:

»Wir sind der akku­rate Widerstand und sehen auch so aus. Wir tragen Anzüge, Oberhemden, Blusen, Röcke. Wir wollen, dass Oma Krause in den Nachrichten proper geklei­dete Leute sieht. Wir wollen, dass der Widerstand gegen die Radikalüberwachung in die Breite der Bevölkerung getragen wird. Wir wollen unsere Wut gegen­über den frei­dre­henden Geheimdiensten und die Abschaffung unserer Zivilgesellschaft in ange­mes­sener Form äußern. Wir wollen sichtbar machen, dass nicht ein paar Internet-Freaks um ihren digi­talen Spielplatz kämpfen, sondern dass unsere elemen­taren Bürgerrechte abge­schafft werden. Und mit ‘uns’ sind Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher gemeint. Genau so sehen wir auch aus.«

Der Akkurate Widerstand ist bereits als offi­zi­eller (Anzugträger)-Block bei der FSA 14 gelistet. Los geht’s am Samstag, 30.8., um 14 Uhr am Brandenburger Tor. Wer akkurat mitde­mons­trieren möchte, einfach nach gut geklei­deten Leuten und Fahnen Ausschau halten.

FSA-14-Widerstand-v4
Dresscode: Come as you are, bunt, entspannt, aber akkurat. Nicht über­trieben aufbre­zeln, denn das soll keine Kostümtruppe werden. Gutes Oberhemd oder Bluse reicht schon. Anzug und ähnli­ches erwünscht.

Mehr zum Thema nach­lesbar hier bei jetzt​.de, bei t3n​.de und hörbar hier im Interview bei Radio Fritz. Zur Homepage der Aktion geht’s hier und zur Facebook-Seite hier.

In eigener Sache: font​blog​.de gefällt die Aktion und Jürgen Siebert spen­diert dem Akkuraten Widerstand auch das Online-Banner, das hier rechts im Wechsel mit dem Typo Day ange­zeigt wird. Vielen Dank, Herr Siebert!

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.

 

 


Braucht die Welt einen deutschen E-Book-Award?

buch_isolation

Leider ja! Weil die tradi­tio­nellen Buchwettbewerbe das E-Book igno­rieren. Zwei Gespräche, die ich zum Thema E-Book mit der Stiftung Buchkunst geführt habe, die Veranstalterin des Wettbewerbs Schönste Deutsche Bücher, waren nicht sehr ergiebig. Die Druckbücherwelt ist entweder

  • verna­gelt, weil selbst­ver­liebt
  • verängs­tigt, weil Geschäftsmodelle zusam­men­bre­chen, oder
  • betriebs­blind, was einem Todesurteil gleich­kommt

Mich erin­nert das an die Druckvorstufe vor knapp 30 Jahren. Wir haben 1986 die Zeitschrift PAGE mit der Mission gestartet, die neue Technik des Desktop Publishing (DTP) zu feiern. Heute ist alles DTP, und die Maschinen und die Jobs von damals sind unter­ge­gangen. Wir wurden belä­chelt: »Mickey-Maus-Design«, »miese Qualität«, »alles nur eine Phase«. Aber wir waren berauscht von den neuen Möglichkeiten. Genauso wie die E-Book-Freunde heute berauscht sind von den neuen Möglichkeiten.

Weil uns keiner zuhörte, haben wir 1988 einen eigenen Designwettbewerb ins Leben gerufen und drei Jahre durch­ge­führt. Zugelassen waren nur Drucksachen, die im Desktop Publishing erstellt wurden. Ein ziem­lich hirn­ris­siger Ansatz, denn gutes Grafikdesign ist – unab­hängig vom Werkzeug – einfach nur gutes Grafikdesign. Aber gut, wir waren jung, wir waren high, wir wollten den bran­chen­po­li­ti­schen Paukenschlag.

Geschichte wieder­holt sich. Den Deutschen E-Book-Award muss es geben, weil das E-Book das Buch der Zukunft ist. Vergesst die klas­si­schen Buchverlage und die klas­si­schen Wettbewerbe. Je länger sie das E-Book ausblenden, um so schneller werden sie unter­gehen. Von dieser Seite ist keine Hilfe zu erwarten, wenn wie die E-Book-Qualität verbes­sern möchten … zum Beispiel mit einem Gestaltungswettbewerb für E-Books.

Habe ich »Gestaltung« gesagt? Oh, das tut mir leid. Das Wort ist nicht gerne gesehen beim E-Book-Wettbewerb. Oder genauer: Es stößt auf Unverständnis, wie meine Twitter-Konversation belegt. Irgendwie seltsam, wenn man auf der Suchen nach den »schönsten deutsch­spra­chigen eBooks« ist, Themen wie Leserführung, Bildsprache, Typografie und derglei­chen auszu­blenden.

Der Schriftentwerfer und Screenfont-Experte Tim Ahrens war der erste, dem etwas in der Jury auffiel:

Tatsächlich besteht die Jury aus drei Buchhändlern, zwei E-Book-Herstellern, einem Journalisten und einem App-Entwickler. Kein Typograf, kein Buchgestalter, kein UX-Designer. Ich glaubte zunächst: »Hoppla, vergessen.« Nee, die Sache hat System, denn:

OK, dachte ich kurz, Ahnungslosigkeit in Reinform. Was kann man da noch machen. Vielleicht einen (vor)letzten Versuch der Erläuterung wagen:

Das nenne ich Lagerdenken. Selbst über­zeuge Buchregalanbeter nervt, wie sich die Börsenbuchhandeldruckfraktion nur noch am Duft von Papier, seiner Haptik, der Druckerschwärze und ihren feuchten Zeigefingern berauscht. Plötzlich schlagen die E-Book-Apologeten in die gleiche Kerbe. Das Potenzial des E-Book liege in »tech­ni­schen Aspekten«. Das würde der Hersteller eines gedruckten Buchs sofort unter­schreiben: Papiergewicht, Seitenzahl, Schutzumschlag, Lesezeichen, Bindung, Druckverfahren, Repros, Schriftart, … alles tolle tech­ni­sche Aspekte. Nur: Wer ist denn für die Regie dieser tech­ni­schen Aspekte verant­wort­lich, damit ein schönes Buch entsteht? Dreimal darfst du raten, @eBookAward.

Mein letzter Versuch:

Hey, wacht auf beim Deutschen E-Book-Award. Wenn ihr gar nicht erst versucht, die Ignoranten der Printfraktion mit ihren eigenen Argumenten und Ansprüchen umzu­drehen, wird der Award schon im Geburtsjahr im selbst gemau­erten Ghetto verhun­gern. Es geht um das Buch an sich, nicht um das E-Book und nicht um das Papierbuch. Nur um das Buch und seine Inhalte. Die Zukunft des Buches liegt im E-Book. Erst recht, wenn es schön gestaltet ist. Aber das »schöne E-Book« wird weder von künst­li­cher Intelligenz, noch von Programmierern gestaltet. Es gibt einen Beruf für diese Aufgabe und ein Dutzend Hochschulen im Land, wo Buchgestalter ausge­bildet werden. Das sollte sich im Land der Dichter und Denker viel­leicht auch mal in der E-Book-Ecke herum­spre­chen.

(Aufmacherfoto: Courtesy of Shutterstock)


Effekt-Fonts: Schneller, Weiter, Höher – 2. Weiter

FontShop Breeze™ Rightie weit entfernten Teile Asiens, mit den Ländern um China, Japan und Korea und auch Indien, bezeichnen wir oft euro­zen­trisch als Fernost. Selbst Amerikaner spre­chen von Far East, obwohl die Region west­lich von Amerika liegt. Als Begriff, der aus der Kolonialzeit stammt, weicht Fernost zuneh­mend der Bezeichnung Ostasien (Quelle: Wikipedia). Die Ruhe ausstrah­lende Buddha-Statue auf dem Regal, der Asia-Snack aus der Garküche (oder Tüte), konfu­zia­ni­sche Kalender-Sinnsprüche oder die Bubble-Tee-Erfrischung hekti­scher Metropolen – sie alle belegen, wie selbst­ver­ständ­lich asia­ti­sche Kultur unseren Alltag prägt.

Displayschriften im Asien-Stil greifen die Ästhetik chine­si­scher, japa­ni­scher oder korea­ni­scher Schriftzeichen auf und über­tragen Sie auf unsere latei­ni­schen Zeichen. Auf Verpackungen, in Auszeichnungen oder auf Flyern und Anzeigen: Wo diese Fonts auftau­chen entsteht unver­wech­sel­bares Asia-Ambiente. Wir haben latei­ni­sche Asia-Schriften in der  Fontliste »Faux Asian« versam­melt:

FontShop_Wanton Regular

Wonton™ Regular,  Linotype  | 1 Font | 26 Euro

FontShop_Mandarin Caps

URW Mandarin Caps OT Std ,  URW | 1 Font | 29 Euro

FontShop_Kanban

Kanban™ ,  ITC  | 1 Font | 26 Euro

FontShop FF Manga Steel

FF Manga Steel OT ,  FontFont | 4 Fonts |  39 Euro

FF Manga Stone

FF Manga Stone OT ,  FontFont | 4 Fonts | 39 Euro

FontShop Breeze Complete

Breeze Complete Pack

, Linotype

| 2 Fonts | 51 Euro

FontShop Sho Roman

Sho™ Std Roman Linotype   | 1 Font | 29 Euro

FontShop Totally Gothic

Totally Gothic ,  Emigre  | 3 Fonts | 50 Euro

Mao Mao ,  Elsner+Flake  | 1 Font | 35 Euro

FontShop Chineze

Linotype Chineze Pack ,  Linotype  | 3 Fonts | 78 Euro

FontShop Fusaka

Fusaka™ Std Regular ,  Linotype   | 1 Font | 29 Euro

FontShop CS Takahashi

CS Takahashi OT Std ,  URW  | 1 Font | 29 Euro

drei Asia Sterne

Direkt in der Faux-Asia-Liste können Sie eigene Schriftmuster erstellen. Fontlisten finden Sie zu einer Vielzahl von Themen, zum Beispiel Genres, Formate, Non-Latin oder Entstehungsperiode. Hier zur Fontlisten-Übersicht.


Wie sich ein 7-jähriger das Versal-ß vorstellt

brief_lukas
FontShop hat Post bekommen, von Lukas Mascher, aus Berlin, 7 Jahre alt, 2. Klasse. Kurz vor Ende des Schuljahres schrieb er uns: »Ich wollte oich das große ß zeigen« und legte eine Reinzeichnung dazu. Seine Mutter erläu­terte auf einem sepa­raten Briefbogen: »Liebe FontShopler, nachdem Lukas gehört hat, dass es gar kein großes ß gibt, hat er eines erfunden und schickt es euch. Er wird (0der ist) Erfinder und hat den Mangel mal schnell behoben.«

versal_sz_lukasLieber Lukas, wir freuen uns, dass du Erfinder werden möch­test: Hilfreiche Ideen und Geräte machen viele Menschen glück­lich, und erst recht den Erfinder selbst. Über einen Großbuchstaben ß, den wir auch Versal-Eszett nennen, haben sich tatsäch­lich schon einige Experten Gedanken gemacht. Da sich noch keine verbind­liche Form durch­ge­setzt hat, wird der neue Buchstabe noch nicht in der Schule gelehrt. Einen Entwurf mit drei Bäuchen hat übri­gens noch kein Schriftentwerfer zur Diskussion gestellt. Vielen Dank für den tollen Vorschlag. Mal sehen, wie deine Idee hier im Fontblog disku­tiert wird.


Webfonts im Layout testen auf FontShop​.com

Mit dem Tryout-Feature können jetzt Webfonts auf der FontShop.com-Site direkt für Standard-Layouts ausprobiert werden. Drei Layout-Umgebungen: Postkarte, Blog und Buch, können in der unteren linken Ecke ausgewählt werden.

FS.Next-Layout-Feature-grossTryout-Postkarte mit Trend Slab Five (Zeile 1 und 3) und in der Mitte Acta Poster. Hintergrundbild: Riksarkivet – National Archives of Norway, Flickr Commons 

In drei vorein­ge­stellten Feldern des Postkartenlayouts können Headlines zum Beispiel mit Display- oder Script- Fonts auspro­biert werden. Weitere Felder können mit Klick auf „+“ hinzu­ge­fügt werden. Eine Zeichenpallette erscheint als Kopfzeile, sobald man in ein Schriftenfeld klickt. Die Klappmenüs links  enthalten Tipps, Angaben über zuletzt getes­tete Fonts oder der Link zu allen verfüg­baren Webfonts. Nach der Auswahl erscheint rechts die gelbe Spalte, die alle test­baren Webfonts von FontShop, unter­teilt nach typo­gra­fi­schen Kategorien enthält.

FS.Next-Layout-Feature-DetailZum Gestalten des Layouts stehen die obere Zeile mit Zeichenmenü und die rechte Spalte mit Webfont-Familien zur Verfügung. Schriften, die in grau erscheinen stehen nur im Printformat OpenType zur Verfügung. 

Mit Klick neben die Textrahmen verschwinden die Zeichenpaletten. Die fertige Postkarte kann betrachtet und an Team oder Auftraggeber verschickt werden. Oben rechts bei Klick auf den Pfeil wird ein indi­vi­du­eller Link zum Layout erzeugt.

Ob sich der ausge­wählte Font im Blog verhält wie erwartet, lässt sich in diesem Test-Template schnell heraus­finden. Einfach oben links im Klappmenü Font auswählen – und los. Ein Klick auf das ⓘ – Icon oben rechts zeigt neben den Schriftblöcken Font und Schriftgröße an.

FS.Next-Layout-Feature-BlogIm Blog-Template könne Laufeigeneschaften der Text-Schriften und die Kombination von Text- und Headline- und Auszeichnungs- Schriften getestet werden

Die Gestaltung von E-Books stellt hohe Anforderungen an Laufverhalten und Lesbarkeit der einge­setzten Textschriften. Das Book-Template konzen­triert sich auf den Vergleich von Fließtexten. Wie belastbar eine Textschrift Inhalte trans­por­tiert und ob ihre Anmutung zum Thema des Textes passt, kann links- oder rechts­bündig, zentriert oder im Blocksatz heraus­ge­funden werden. FS.Next-Layout-Feature-Book Dreimal Kafka: Wie unter­schied­lich Lesbarkeit und Stimmung des Textes ausfallen können, zeigen die Fließtextmuster in Bernhard Modern (1937), Magda Clean Mono (1998) und FF Videtur (2013)

 Daisy-LudwigType-Asterisk


Fresh Fonts: Neuerscheinungen der Woche

Freshfonts-NeuLogoNeue Schriften veröf­fent­li­chen in dieser Woche Garage Fonts, gegründet 1993 als Font-Label für David Carsons expe­ri­men­tier­freu­diges Ray Gun Magazin, die Chilenen Latinotype und die fran­zö­si­sche Font-Kooperative FontYou.

Latinotype legt mit Clasica Slab eine viel­sei­tige Familie mit neun Schriftschnitten auf, die sich hervor­ra­gend in Überschriften und Aufmacher in Zeitschriften und Büchern einsetzen lässt. Auch Leitartikel und Logos hebt sie gekonnt hervor.Classica Slab - LatinotypeIhre Identität gewinnt Classica Slab aus ihren feinen Haarlinien und den streng-symme­tri­schen Serifen. Bis zum 23. Juli gilt der Einführungspreis mit 75% Rabatt auf die Familie mit neun Schriftschnitten von Thin bis Ultrablack und passenden Kursiven.

Clasica Slab OpenType | 18 Fonts |  € 99 statt € 27 *

Wie jede Woche können Kurzschriftmuster aller Font-Neuerscheinungen auf unserem Board Fresh-Fonts bei Pinterest betrachtet werden.

FF-Quixo-rot

Aktu­elle Einführungspreise

Hamilton Wood Typ HWT Artz – 20% Rabatt bis 30. Juni ★ Abdo Fonts Abdo FreeAbdo LineAbdo TitleAbdo ScreenAbdo Logo, & Abdo Master – 15% Rabatt bis 2. Juli Abdo EgyptAbdo Joody, & Abdo Misr – 25% Rabatt bis 2. Juli Abdo Rajab & Abdo Salem – 35% Rabatt bis 2. Juli ★ FaceType Pinto – 50% Rabatt bis 2. Juli ★ FONTYOU Sperling FYSuzee FYWes FY – 40% Rabatt bis 5. Juli Gauthier FY & Zitrone FY – 50% Rabatt bis 5. Juli Brixton FYSaya FY – 70% Rabatt bis 5. Juli Archille FY – 75% Rabatt bis 5. Juli Booster FY – 80% Rabatt bis 5. Juli ★ Cocijotype Calavera FamilyChichaQuincha, & Zipolite Rounded Family – 40%Rabatt bis 15. Juli ★ More FaceType Adria Slab and Adria Slab Web – 90% Rabatt bis 15. Juli ★  Sudtipos Abelina Pro and Abelina Redux OT – 30% Rabatt bis 20. Juli ★ Latinotype Clasica Slab – 75% Rabatt bis 23. Juli ★ More FONTYOU Gauthier Next FY & Gauthier Display FY – 40% Rabatt bis 24. Juli Normandie FYMarianina FY Extended / Wide / XWide — 50% Rabatt bis 8. August ★ & Bold Monday Brando – 30% Rabatt bis 15. August*

– – –

* alle Preise zzgl. MwSt., Irrtümer und Preisänderungen vorbe­halten.


Die 2014-FIFA-WM-Brazil-Typografie

brazil_karte

Da ich in den letzten Tagen mehr­fach auf die Schrift der laufenden Fußball-WM ange­spro­chen wurde, hier nun ein kleiner Beitrag dazu.

wm_pokalWarum haben in diesem Jahr nicht nur Fontblog, sondern auch andere typo­gra­fi­sche Instanzen kein Wort über den typo­gra­fi­schen Murks der FIFA WM 2014 verloren? Vielleicht, weil wir gar nicht auf die Idee kamen, dass aus dem flott hinge­pin­selten »Brasil« im vor vier Jahren vorge­stellten Bildzeichen der WM, jemals ein komplettes Alphabet entstehen würde … das dann sogar für teuer lizen­zierte Kommunikations- und Werbemittel einge­setzt wird. Zum Beispiel für die offi­zi­ellen WM-Team-Shirts (Abbildung unten), mit denen sich Lidl vor Wochen einge­deckt hat.

deutschland_shirt

Auch mir wurde erst mit Erscheinen dieser Kollektion bewusst, die von der FIFA amtlich abge­segnet ist, dass es sich bei dieser Schrift nicht um eine Neckarsulmer Geschmacksverirrung handelt. Doch mehr als ein Hilferuf über Twitter/Instagram war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr drin. Kann ja sein, dass der ein oder andere Kunde dieses Playmobil-Design lustig findet. Aber mit lustig verkauft man weder eine WM, noch T-Shirts. Das hat wohl auch Lidl zu spüren bekommen, denn noch vor dem Eröffnungsspiel hat der Discounter den gesamtem WM-Krempel um 20 % im Preis gesenkt, wo doch eigent­lich bekannt ist, dass das Gros der Fan-Mitläufer sich erst während des Turniers ausrüstet.

brasilientypo

Was hat es nun mit dieser grau­samen Schrift auf sich? Zunächst einmal steht sie 1A in der Tradition der FIFA-Schriften vergan­gener Fußball-Weltmeisterschaften. Wer erin­nert sich nicht mehr an das »bekiffte-Smileys«-Logo der WM 2006 in Deutschland, mit dem leiden­schaft­li­chen Techno-Font Welcome (den FontShop mit der kosten­loses Trivia vorführte) … ach, niemand mehr?! Vollkommen verdrängt?! Das ist ja wunderbar.

Die T-Shirts von damals sind seit Jahren entsorgt. Vielleicht ist es ja gera­dezu die Absicht der FIFA, mit einem schnell­le­bigen 0815-Merchandising-Design das Vergessen zu beschleu­nigen. Das ist zwar alles andere als tradi­ti­ons­be­wusst und nach­haltig gedacht, aber dem Fußballweltverband sind ja auch die leeren Stadien scheiß­egal, die so eine WM in Südafrika und Brasilien hinter­lässt. Also finden wir uns einfach damit ab, dass die Menschen bei der nächsten WM keine Fan-Hemdchen von vor 4 Jahren auftragen, eine Hygienemaßnahme, die ins Corporate Design der FIFA-Turniere einge­baut ist.

So, und was gibt es jetzt noch Substantielles zu der aktu­ellen WM-Schrift zu sagen? Schriftentwerfer? Keine Ahnung … den muss auch nicht kennen. Schriftname? Pagode. Gibt’s die zu kaufen? Natürlich nicht, weil sie nur den FIFA-Exklusivpartnern zur Verfügung steht. Wer etwas ähnli­ches sucht, google mal nach »font« mit den Zusätzen »Brasil2014« und/oder »Samba«. Damit habe ich das Schriftmuster oben gebaut, Akzente und ß sind mit heißer Nadel selbst­ge­strickt.

Bis in 4 Jahren dann wieder … ach nee, das Design der WM 2018 wird ja schon Anfang Juli bekannt gegeben.