Räuberrad steht wieder an seinem Platz


Es ist eines der bekann­testen Markenzeichen der Hauptstadt: das Räuberrad vor der Volksbühne in Berlin-Mitte. Der Bühnenbildner Bert Neumann hatte das Symbol 1990 für das Theater entworfen. Seine Form nimmt Bezug auf soge­nannte Gaunerzinken, also grafi­sche Zeichen, die von Angehörigen des »fahrenden Volks« benutzt und nur von ihnen verstanden werden. 1994 schweißte der Metalldesigner Rainer Haußmann aus Neumanns Vorlage die 4 Meter große Metallskulptur direkt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz zusammenAnlass war die Wiederaufnahme der Frank-Castorf-Inszenierung von Friedrich Schillers »Die Räuber«. So wurde das Räuberrad zum Logo der Volksbühne.

Das Land Berlin kaufte die Skulptur Ende der 1990er Jahre und beließ sie dauer­haft auf der öffent­li­chen Fläche. Vor einem Jahr erfuhr das Kunstwerk über­re­gio­nale Bekanntheit, als es im Rahmen der Kontroverse um die Nachfolge von Frank Castorf abge­baut und nach Frankreich »entführt« wurde. Seit heute morgen steht das Räuberrad wieder am alten Platz. Wie die Kulturverwaltung mitteilt, wurde die Skulptur in den vergan­gene 6 Monaten restau­riert. An der Optik habe sich nichts verän­dert, nur die Statik sei ange­passt und die verros­teten Füße erneuert worden. (Foto: Marie Fischer)


Design-Themen auf der InnoTrans


Gemeinsam mit der Messe Berlin veran­staltet das Berliner IDZ wieder die Fachtagung Internationales Design Forum 2018 auf der InnoTrans, der Weltleitmesse für Verkehrstechnik (18. – 21. September).

Am 19. September präsen­tieren und disku­tieren Vertreter namhafter Hersteller und Designstudios ihre neuesten Projekte. Für Designer inter­es­sant:

  • Ageing Interiors – Designing for 30+ Years (mit Jan Wielert, MD büro+staubach)
  • Designing for the five senses – A multi-sensory approach (Christiane Bausback, MD, N+P Design)
  • The Ideas Train – A new customer expe­ri­ence (Julian Fordon,  d.lab Innovation Lab und Matthias Fischer, CEO neomind)
  • E-Bus Design (Yo Kaminagai, Head of Design Management RATP)

Zeit: Mittwoch, 19. September 2018, 10:15 bis 14:30 Uhr
Ort: Messe Berlin, City Cube, Level 3, M1-3, Messedamm 26, 14055 Berlin


»Neue« Regierungsschrift für die USA

Auf einer Website der US-Behörde GSA (General Services Administration) hat die haus­ei­gene Kommunikationsagentur 18F die Vorschau einer 9-schnit­tigen Schriftfamilie veröf­fent­licht, die aktuell für die Verwaltungen der USA entwi­ckelt wird. Die GSA ist eine unab­hän­gige Dienststelle der US-Regierung zur Unterstützung von Bundesbehörden mit Hauptsitz in Washington, D.C.

Wie GitHub zu entnehmen ist, heißt die Regierungsschrift seit zwei Monaten Public Sans – der Name ist Programm –, zuvor war sie unter Libre Franklin bekannt. Libre Franklin ist eine Neuinterpretation (besser: Kopie) des Morris Fuller Benton-Klassikers Franklin Gothic. Sie wurde von Pablo Impallari digi­ta­li­siert, ein argen­ti­ni­scher Schriftentwerfer, der eher für Nachahmungen als für origi­nelle Neuheiten bekannt ist. Seine Website impallari​.com wurde von einigen Monaten abge­schaltet. Die dort imple­men­tierten Font-Test-Routinen waren unter Schriftentwerfern beliebt. Im Copyright der Schriftdateien von Public Sans ist Pablo Impallari einge­tragen, zusammen mit Rodrigo Fuenzalida und Dan O. Williams, der für »Modifikationen« verant­wort­lich zeichnet.

Ich kenne das Briefing für die geplante Regierungsschrift nicht, aber irgendwie scheint mir der Prozess »von hinten durch die Brust ins Auge« zu gehen. Warum bastelt die Agentur der GSA an der digi­talen Kopie einer 1903 für den Bleisatz entwor­fenen Schrift herum, anstatt mit erfah­renen Schriftentwerfern ein maßge­schnei­dertes Font-Konzept zu entwi­ckeln, das sich an den aktu­ellen Herausforderungen der digi­talen visu­ellen Kommunikation einer Regierung orien­tiert?


Neuer Spaß mit dem Versal-Eszett ẞ


Eigentlich eine tolle Aufgabe für das Versal-Eszett … die in Großbuchstaben gesetzte Spitzmarke »Urlaubsspaß mit Urlaubspass«, auf Seite 9 der aktu­ellen Süwag-Kundenzeitschrift Menschen & Energie (Ausgabe 3/2018; Abb. oben). Doch die Hausschrift des Energieversorgers enthält gar kein Versal-Eszett, und so muss der Kleinbuchstabe herhalten, was natür­lich ziem­lich Schei… aussieht. Bei der Schrift handelt es sich übri­gens um die für RWE entwi­ckelt, was die wirt­schaft­li­chen Verflechtungen der betei­ligten Marken typo­gra­fisch wider­spie­gelt.

Wie ist es eigent­lich aktuell bestellt, um die Verbreitung des 2008 erfun­denen versalen ß? Ich denke, wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der sich zwei Amateurlager die Waage halten: die einen wissen (nicht mehr), dass im Versalsatz ein Doppel-S das ß ersetzt, die anderen erkennen schlicht nicht den bauli­chen Unterschied zwischen einem »klein geschrie­benen« ß und dem Versal-Eszett. ›Muss man auch nicht‹, denken sich jetzt die Gegner des künst­li­chen Buchstabens.


Kostenloser Color-Font: Brand New Roman

Das expe­ri­men­telle Designbüro Hello Velocity bietet seit einer Woche den Color-Font Brand New Roman zum »kosten­losen« Download an (Bezahlung mit Name und Mail-Adresse). Sein Zeichensatz setzt sich aus den Buchstaben-Logos welt­be­kannter Marken zusammen, von Amazon bis Zenith. Die Schöpfer schreiben dazu: »Wir haben sowohl eine farbige als auch eine Standard-Monochrom Version gebaut. Farbfonts sind noch relativ neu und nicht mit allen Browsern oder Programmen kompa­tibel. Colorfonts​.wtf hat einen voll­stän­digen Leitfaden zur Kompatibilität.« Wer die Download-Seite für den Font in Firefox aufruft, das Color-Fonts unter­stützt, kann dort umge­hend farbige Schriftmuster erstellen.

Mein abschlie­ßender Tipp: Ihr benutzt diesen Font nur für private Experimente, denn selbst­ver­ständ­lich genießt jeder »Buchstaben« welt­weiten Markenschutz. #brand­ne­w­roman


Beck’s lässt wieder gestalten


Eben im Supermarkt: Beck’s-Bier-Flaschen ohne Etikett, also … schon mit Etikett, aber ohne was drauf. Das finde ich so außer­ge­wöhn­lich, dass ich mir gleich 2 Exemplare in den Einkaufskorb lege. Zuhause dann das Kleingedruckte gelesen und die Website aufge­rufen: dein​becks​.de.

Immer wieder mal ruft Beck’s visu­elle Gestalter dazu auf, der Marke unter die Arme zu greifen. Hier im Fontblog haben wir das aufmerksam beob­achtet, zum Beispiel den Wettbewerb 2007: Volle Pulle daneben. Das Ergebnis dieser unglück­lich orga­ni­sierten Competition (Designverbände kriti­sierten) war ein Frauen-Six-Bag, entworfen von Oliver H. aus Gütersloh, hono­riert mit 5000 € und 100 Sixpacks des selbst gestal­teten Biers. Im Fontblog-Beitrag von 2017 sind zwar noch alle 60 Kommentare zu lesen, aber die verlinkten Abbildungen hat Beck’s inzwi­schen in den Giftschrank verbannt.

Die aktu­elle Werbe-Initiative »Mach’s zu deinem Beck’s« ist anders, weil … es sind 11 (!) Jahre vergangen. Wir haben soziale Netze und unser Designtool tragen wir in der Hosentasche. Und so fordert die Biermarke ihre Fans auf, mal eben am Smartphone – und nur dort – ein eigenes Flaschenlabel zu gestalten, auf dein​becks​.de. Hier kann man dann mit einer Vielzahl von Hintergründen und Icons ein indi­vi­du­elles Etikett zusam­men­bauen. Alternativ lässt sich ein eigenes Bild hoch­laden und Text hinzu­fügen. Was mir sofort gefiel: Die verwen­dete Handschrift bietet Alternativzeichen an, wirkt echt authen­tisch.

Als Hintergrund für mein Etikett habe ich das Key-visual unseres kommenden CreativeMornings Berlin gewählt: Motto »Chaos«. Dann noch drei Zeilen Text mit Berlin-Bezug, ein Icon dazu, fertig. Hat Spaß gemacht. Danke Beck’s.


Aretha Franklin Font Project

Der chile­ni­sche Designer Nico Rubio schreibt auf Behance: „Aretha Franklin, eine meiner Lieblingskünstlerinnen, starb im August 2018. Aus Respekt, und damit sie noch lange bei uns ist, habe ich ihre Handschrift aus Briefen und Songtext-Notizen in einen Font verwan­delt.« Als Dankeschön empfiehlt er eine kleine Spende an Aretha’s Krebsstiftung. Mehr zum Aretha Font Projekt…


Warsteiner setzt auf erfrischende Wahrheit

Diese Woche star­tete die neue Kampagne für Warsteiner Premium Pilsener, der Kernmarke des nord­rhein-west­fä­li­schen Großbrauerei. Entwickelt wurde sie von der Hamburger Agentur Freunde des Hauses. Kern der Kampagne seien erfri­schende Momente, die auf humor­volle Weise über­ra­schende Bierwahrheiten in Szene setzen.

Zur stra­te­gi­schen und krea­tiven Schärfung des Markenprofils setzt Warsteiner auf die Verbindung zweier Kernwerte: Erfrischung und Wahrheit. Die Leitidee „Nichts ist erfri­schender als die Wahrheit“ wurde von der Agentur mit dem Markenclaim „Das einzig Wahre. Warsteiner“ verkettet, um den Grundstein für die neue Kommunikation zu legen (alle 5 Spots auf dem YouTube-Kanal von Warsteiner).

Wie trag­fähig ist das Eis, mit dem die neuen TV-Spots beginnen? Früher war »Wahrheit« so etwas wie der Goldbarren unter den Markenwerten. Doch in Zeiten von Fake News, alter­na­tiven Fakten und Framing asso­zi­iert man in unserem Land gerade ganz andere Dinge mit Wahrheit. Ich denke an Chemnitz, Brexit und den nächsten Tweet von Donald Trump, wenn ich das Wort höre. Die Wahrheit ist relativ geworden. Am Stammtisch würde man sagen: Du kannst keinem mehr glauben.

Die Menschen trauen den Medien nicht mehr, die Medien trauen der Politik nicht mehr, die Politik traut sich selbst nicht mehr. Werden die Verbraucher einem Bier trauen, dass seit Jahrzehnten das (unver­bind­liche) »einzig Wahre« für sich bean­sprucht, und jetzt die Wahrheit als Erfrischungsgetränk in Flaschen anpreist? Ich habe meine Zweifel … wünsche aber meinem Lieblingsbier trotzdem viel Erfolg, seine Glaubwürdigkeit zu festigen.

Es wäre sogar ganz wunderbar für unsere Debattenkultur, wenn der Wahrheit mit Hilfe eines für jeder­mann verständ­li­chen Sachverhalts – nämlich das Biertrinken – der Rücken gestärkt würde.


Die 3 überflüssigsten Produkte auf der IFA

1. Der flie­gende Luftreiniger (Ataraina)

Das japa­ni­sche Unternehmen Creative Technology (Halle 7.1c) bietet unter dem Markennamen Ataraina den »welt­weit ersten« Flying Magic Cleaner an. Dabei handelt es sich um einen Luftreiniger, der – auf eine Drohne montiert  – dröh­nend durchs Wohnzimmer schweben und Staub einfangen soll. Der Ataraina-Stand war gut besucht, vor allem weil viele Besucher wissen wollten, wo der Lärm herkommt … es war der Luftreiniger in seinem Käfig.

Auch die beiden anderen Produkte von Ataraina haben sich einen Platz im Bestseller »Chindogu oder 99 unsin­nige Erfindungen« verdient: Der Schuhgeruchstopper Deodorant One und das elek­tro­ma­gne­ti­sche Flipboard Esclip.

2. Dir virtu­elle Herdflamme (Samsung)

Samsung hat die viel­leicht beein­dru­ckendste Ausstellungsfläche … und die größte: 2 Etagen im CityCube am Südeingang. Im Bereich Küche ziehen die Induktionskochfelder mit der Komfortfunktion Virtual Flame die Besucher wie magisch an. Die virtu­elle Flammen werden per LED an die Außenseite von Töpfen oder Pfannen proji­ziert. Je nach einge­stellter Leistungsstufe verän­dern sich deren Farbe und Intensität. »So haben Sie die Leistung Ihres Kochfeldes immer im Blick. Dies sorgt für sichtbar mehr Sicherheit.« meint Samsung.

3. Die Selfie-Riesenwaschmaschinen (San Giorgio)

Der neapo­li­ta­ni­sche Waschmaschinenhersteller IT Wash zeigt auf seinem Stand Neuheiten seiner Marke San Giorgio. Als Blickfang haben die Italiener eine Riesenwaschmaschine im Verhältnis 1:2 ins Zentrum gestellt, mit rotie­render Waschtrommel, aber funk­ti­ons­un­fähig. Gegenüber befindet sich eine Hostess mit Stehtisch, Laptop und Fotodrucker, die Besuchern ohne Smartphone ein Waschmaschinen-Selfie mit auf den Heimweg gibt.


Fontblog … es geht wieder los

Waaaaas … es ist erst andert­halb Jahre her, dass ich hier den letzten Beitrag verfasst habe? Kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Hehe, es war der letzte Beitrag, also im Sinne von: ›Danach kommt nichts mehr. Ende. Aus.‹ Denkste.

Wie sagte schon einst Konrad Adenauer: »Was inter­es­siert mich mein Geschwätz von gestern.« Und in diesem Sinne, kehre ich an den Schreibtisch zurück. Gerade heute ist wieder so viel passiert in der Kreativszene. Der SPIEGEL hat sich auf der Titelseite der morgigen Ausgabe, die nur ein Wort enthält, einen typo­gra­fi­schen Patzer erlaubt, die neue Alternative Alternative kümmert sich mit viel Fantasie um Volk und Völker, und eben wurde die Rückkehr von NetNewsWire zu Brent Simmons verkündet, das heißt ihr könnt den RSS-Feed vom Fontblog bald wieder so komfor­tabel empfangen wie in alten Tagen.

Man bloggt wieder, man liest wieder, die Menschen nehmen sich wieder Zeit dafür. Außerdem muss ich diesem ganzen Fake-News-Gedöns mal was entge­gen­setzen, gerade auch in der Design- und Typo-Branche. Denn eins hab’ ich gelernt in den letzten 18 Monaten: Wenn du mal ein paar Monate das Maul hältst, wickeln dich andere mit Wahrheiten ein, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Zum Abschluss ein paar harte Fakten zum Einnorden: Ich arbeite immer noch und weiterhin bei Monotype. Ich bin auch im kommenden Jahr Gastgeber des CreativeMornings Berlin. Die TYPO Berlin fällt im nächsten Jahr aus. Die Brand Talks gehen weiter … im Mai 2019. Das letzte Album, das ich im iTunes-Store gekauft habe, war Maggot Brain von Funkadelic. Heute ist die aktu­elle PAGE bei den Abonnenten aufge­schlagen, und mindesten 3 Fotos darin hat Norman Posselt geschossen … so wie das Foto oben in diesem Beitrag.

Habt einen schönen Abend.