Was ist Design? Eine Vortragsreihe.

Die Akademie Mode & Design (AMD) in der Pappelallee, Prenzlauer Berg, startet wieder eine Vortragsreihe, in der  das Sprechen über Design neu justiert wird. Dabei sollen fest­ge­fah­rene Designmythen (z.B. „form follows func­tion“ oder: „freie Kunst“ vs. „unfreies Design“) hinter­fragt, begriff­liche Missverständnisse aufge­deckt und ein histo­ri­sie­render Blickwinkel einge­nommen werden, der für die Gegenwart und Zukunft des Designs bisweilen vernach­läs­sigt wird. Darüber hinaus werden aktu­elle Entwicklungen in der Design-Praxis beleuchtet, die für das Designverständnis und seine poli­ti­sche bzw. gesell­schaft­liche Relevanz neue Akzente setzen. Im Vordergrund stehen sollen Designprozesse aus den verschie­denen Bereichen der Designbranche, etwa der Visuellen Kommunikation, Designmanagement oder dem Modedesign.

Vorträge von Oktober bis Dezember 2018

Mo, 29. 10.
Prof. Alex Jordan
Grafik? Design?
Alex Jordan war nach dem Ende von Grapus 1993 bis zu seiner Emeritierung 2013 Professor für Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Der Fotograf und Grafiker wird im seinem Vortrag über poli­ti­sches Engagement gestern und heute spre­chen. Ausstellung im Bröhan-Museum (Berlin): http://​www​.broehan​-museum​.de/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​d​a​s​-​f​r​a​n​z​o​s​i​s​c​h​e​-​g​r​a​f​i​k​e​r​k​o​l​l​e​k​t​i​v​-​g​r​a​p​us/
www​.nous​tra​vail​lons​en​semble​.fr

Di, 27. 11.
Prof. Dr. Ekkehart Baumgartner
Die krea­tive Revolte
In den kommenden Jahrzehnten fällt der Kreativwirtschaft eine entschei­dende Rolle zu, den Erfolg von Unternehmen sicher­zu­stellen und die Lebensbedingungen von Menschen zu verbes­sern. Voraussetzung wird aber sein, dass Designer zu unter­neh­me­ri­schen Entscheidern werden. Die Gründe dafür sind viel­schichtig. Interdisziplinäres und menschen­ver­ant­wort­li­ches Denken verdrängt die Philosophie des konven­tio­nellen Managements.

Di, 04.12.
Wer macht Mode?
Macht der Märkte vs. freie Gestaltung

Podiumsdiskussion (Leitung: Prof. Antje Drinkuth und Katharina Krawczyk)


Komfortabler Blindtext-Generator

Paola M. schrieb mir heute:

Hallo Jürgen,
ich benutze immer wieder den Lorem-Ipsum-Gereator, den du in diesem Fontblog-Beitrag vorge­stellt hattest: Endlich bairi­sche Blindtexte, dank bavaria​-ipsum​.de. Ich mag den, weil er so anders ist.
Vielleicht inter­es­siert dich (oder deine Leser) ein anders Tool, das den klas­si­schen Blindtext liefert, aber sehr flexibel und benut­zer­freund­li­cher als die meisten anderen ist. Du findest ihn hier: https://​www​.website​planet​.com/​d​e​/​w​e​b​t​o​o​l​s​/​l​o​r​e​m​-​i​p​sum.
Vielleicht konnte ich dir auf diese Art einen Gefallen tun.
Paola

Absolut. Der Lorem-Ipsum-Genrator von Website Planet spuckt auf Wunsch eine belie­bige Zahl von Absätzen, Sätzen oder Wörtern aus, wahl­weise als Rich Text oder HTML, er kann sogar Hebräisch (RTL = right to left). Danke, Paola.


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (6)

Messetagebuch

Dritter Messetag, nur Fachbesucher: Immer noch schönes Wetter, etwas weniger Betrieb am morgen, weil die Besucher aus der Region Westerwald bis Köln verspätet eintrafen, wegen ICE-Brand auf der Strecke Köln–Frankfurt und Vollsperrung der parallel verlau­fenden Autobahn A3.

500 m² Grundfläche, 6,5 m Höhe und eine selbst­tra­gende Holzkonstruktion mit licht­durch­läs­siger Membran – das ist der »Frankfurt Pavilion«, das neue Wahrzeichen der Buchmesse. Es ist der Ort, an dem Diskussionen geführt, Wissen geteilt, Kontakte geknüpft und Trends geprägt werden. Die Architekten von Schneider+Schumacher standen bei der Planung des »Frankfurt Pavilion« vor der Herausforderung, eine tempo­räre, solide Konstruktion umzu­setzen, die leicht abge­baut und wieder aufge­baut werden kann. Um eine nach­hal­tige Nutzung des Gebäudes inner­halb des Messegeschehens über die nächsten Jahre zu gewähren, wurden bei der Positionierung des Pavilion auch die übrigen bauli­chen, szeni­schen und gewerb­li­chen Elemente auf der Agora berück­sich­tigt.

Paul Maar (81) ist einer der bedeu­tendsten deut­schen Kinderbuchautoren. Seit 1968 schreibt er Bücher, mehr als 120 sind es inzwi­schen, viele davon hat er selbst illus­triert. Berühmt wurde er 1973 mit dem Sams, einem respekt­losen, kind­li­chen Wesen mit roten Haaren, Rüsselnase und blauen Punkten im Gesicht. Das Sams hat viele Menschen beein­flusst, mögli­cher­weise auch die rothaa­rige  Journalistin Roswitha Budeus-Budde, die Paul Maar am Stand der Süddeutschen Zeitung in Halle 3 inter­viewte. Der brachte sein neustes Werk mit, »Snuffi Hartenstein und sein ziem­lich dicker Freund«, bebil­dert von der Berliner Illustratorin Sabine Büchner. Es geht um unsicht­bare Hunde und echte Freundschaft.

Maar verriet auch schon einige Details zu dem Buch, an dem er gerade arbeitet. Während einer Norwegen-Rundfahrt beschäf­tigte er sich mit den Trollen und den Geschichten, die um sie ranken. Das sei ein sehr span­nender und ergie­biger Stoff, so dass er sogar über eine Serie nach­denkt.

Kennt ihr Deutschlands erfolg­reichstes Krimi-Duo? Es heißt Klüpfel & Kobr, hat bisher 13 Bücher veröf­fent­licht und eine Gesamtauflage von über 5 Millionen Exemplare erzielt. Volker Klüpfel wuchs in Altusried im Allgäu auf, studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Kommunikationswissenschaft und Journalistik und arbei­tete zunächst als Journalist. Seit 2012 ist er haupt­be­ruf­lich Autor. Zusammen mit Michael Kobr schrieb er den Überraschungserfolg »Milchgeld«, einen Kriminalroman, mit dem es das Duo in die Bestsellerlisten schaffte und der inzwi­schen über 750.000 Mal verkauft wurde. Die Hauptfigur des Buches ist der schrul­lige Kommissar Kluftinger. Der zweite Krimi mit Kommissar Kluftinger, »Erntedank«, belegte wochen­lang Platz fünf in der Focus-Bestsellerliste. Zur Buchmesse erscheint der 10. Band, den Klüpfel und Kobr am Sonntag um 16:00 Uhr im Pavilion vorstellen werden. Der Event wird hier live über­tragen …

Wer ist nicht schon mal drüber gestol­pert: »111 Orte in Brüssel, die man gesehen haben muss«, »111 Orte in Istanbul, die man gesehen haben muss«, »111 Orte in Lissabon, die man gesehen haben muss«, »111 Orte in Brüssel, die man gesehen haben muss«, »111 Orte in Wiesbaden, die man gesehen haben muss«, und so weiter. Hinter diesen syste­ma­ti­schen Publikationen steht der Emons Verlag aus Köln. Er wurde 1984 von Hejo Emons gegründet. Mit Christoph Gottwalds 1984 erschie­nenem Köln-Krimi »Tödlicher Klüngel« star­tete der Verlag seine erste Regionalkrimireihe und ist mit über vierzig regio­nalen Krimireihen inzwi­schen Marktführer.

Die Reihe »111 Orte in …« erscheint seit dem Jahr 2008 und ist Reise-, Abenteuer- und Entdeckungsführer in einem. Der Slogan der Reihe lautet »Verreisen war gestern – Entdecken ist heute«. Aufgrund des großen Erfolges sind mitt­ler­weile fast 300 Bände erschienen, wobei es inzwi­schen nicht mehr nur um Orte geht, sondern auch um »111 tödliche Pflanzen«, »111 deut­sche Weine«, »111 deut­sche Draft-Biere«, »111 Pferde« und so weiter.

Immer wieder eine Augenweide in Sachen Konstanz, Branding und Kundenorientierung: Reclam. Der vor allem als Herausgeber der Reclams Universal-Bibliothek bekannten Verlag wurde 1828 von Anton Philipp Reclam in Leipzig gegründet. Der west­deut­sche Zweig des Verlages entstand im September 1947 in Stuttgart und hat seit 1980 seinen Sitz im nahen Ditzingen. Das Stammhaus wurde unter dem Namen Reclam Leipzig bis zum 31. März 2006 in Leipzig fort­ge­führt. Der Verlag befindet sich seit seiner Gründung in Familienbesitz. (Halle 3.0 B153)

Tinte & Feder-Signierstunde bei Amazon Publishing, mit den Autorinnen Emily Ferguson (vorn), Astrid Töpfer (rechts), Stefanie Hohn (links), sowie Kristina Moninger, Nelly Fehrenbach und Anja Saskia Beyer (nicht im Bild).

Amazon Publishing ist ein Verlag, der zu Amazon​.com (Seattle) gehört und 2009 gegründet wurde. Zu Amazon Publishing gehören unter anderem die Marken (Imprints) AmazonEncore, AmazonCrossing, Montlake Romance, Thomas & Mercer, 47 North und Powered by Amazon. Im Februar 2018 kündigte Amazon Publishing die Schaffung eines 15. Imprints mit dem Namen Topple Books an, wo ab 2019 unter Kuration von Jill Soloway insbe­son­dere Genderthemen im Mittelpunkt stehen sollen,

Die deutsch­spra­chigen Verlagsimprint von Amazon Publishing heißen Tinte & Feder (zeit­ge­nös­si­sche und histo­ri­sche Romane deutsch­spra­chiger Autoren) und Edition M (Krimis & Thriller); auch Montlake Romance (Romantic) und 47North (Science-Fiction) veröf­fent­li­chen Werke deutsch­spra­chiger Autoren.

[ENDE]


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (5)

Messetagebuch

Zweiter Fachbesuchertag: Noch schö­neres Wetter, noch mehr Betrieb – zwischen den Hallen und in den Hallen. Ich bin seit Montag auf der 70. Frankfurter Buchmesse, weil Monotype Gast des Gastlandes Georgien ist. Wie es dazu kam und was sonst noch so aufre­gendes auf der Messe passiert, vor allem aus typo­gra­fi­scher Sicht … auch heute wieder hier im Fontblog-Tagebuch.

Früh am Morgen lief ich den Studierenden der Forschungsgruppe Urban Health Games der TU Darmstadt in die Arme, die in Halle 3.0 die Barrierefreiheit der Buchmesse erfor­schen. Hierzu gehören, neben einem barrie­re­freien Musterstand, die im Projekt entwi­ckelten Konzepte zum Barriereabbau auf dem Messegelände, wie z. B. Anpassungen beim Orientierungskonzept und Leitsystem sowie das Leiten von Besucherströmen. Am Stand kann zudem durch ein Tastmodell (Abbildung oben) die Perspektive eines Blinden einge­nommen werden, der sich Orientierung auf dem Messegelände verschafft. Ein Rollstuhl vor Ort lädt Besucher zum Perspektivwechsel ein, bei dem man in die Rolle eines mobi­li­täts­ein­ge­schränkten Besuchers schlüpfen kann.

Das Forschungsprojekt wurde 2017 ins Leben gerufen. In der ersten Phase standen drei Besuchergruppen im Fokus: Mobilitätseingeschränkte, sehein­ge­schränkte Besucher und Familien, die mit ihren Kindern die Messe besu­chen. Zu den in 2018 bereits umge­setzten Maßnahmen, die Zugang und Nutzbarkeit von Informationen und Messehallen verbes­sern, gehören eine neue Website, die z. B. für Lesegeräte besser auslesbar ist, sowie eine verbes­serte Beschilderung und Wegführung. Auf der dies­jäh­rigen Messe wird Weiteres getestet: In Halle 3.0 wird ein Gang stel­len­weise fünf Meter breit sein. Zudem wird durch roten Teppichboden ein Rundgang in der Halle und in den Gängen zum Freigelände hin markiert sein, um zu unter­su­chen, wie sich dies auf die Besucherströme auswirkt.

Gut gestaltet, Neugier weckend: Der Stand des jungen Berliner holmVerlag. »Unsere jungen Autoren schreiben von Liebe, Freundschaft und Fantasie, aber auch von Religion, Flucht und Angst.« heißt es knapp auf der Website des Verlags, der leider nicht erklären kann, was sich hinter der Edition 24 Kisses Adventskalender verbirgt und warum diese »Bücher« diagonal abge­schnitten sind. Auch am Stand zeigte man sich maul­faul: »Wir haben schon jede Menge Komplimente dafür bekommen« wirft mir die junge und einzige Mitarbeiterin, in Stuhl sitzend, entgegen. Ich hätte gerne gewusst warum, wollte dann aber doch nicht weiter bohren.

Kurzer Einwurf: Jimi Blue Ochsenknecht kann kochen! Sein Buch heißt Kochen ist easy und ist nicht nur das erste Druckwerk des beliebten Schauspielers, sondern »ein durch und durch authen­ti­sches Kochbuch« (Verlagswerbung). Marktlücke entdeckt und gefüllt.

Die Kunst des Letterings ist jetzt in der Volkshochschule und im Wohnzimmer ange­kommen. Beim EMF Verlag kümmert sich inzwi­schen ein Team von über 40 Mitarbeitern darum, die nächsten Trends des Selbermachens aufzu­spüren, krea­tive Autoren zu fördern, inno­va­tive Bücher zu gestalten und diese zu vermarkten. Bei den dicken Wälzer oben im Bild handelt es sich nicht etwa um einen Bestseller von EMF, sondern um deren Katalog.

Die Erfolgsgeschichte der Edition Michael Fischer begann 1985 mit dem Titel »Wie kopiere ich ein Kunstwerk« des spani­schen Zeichenkünstlers José Maria Parramón. Verlagsgründer Michael Fischer, Sohn des Boje-Verlegers Hanns-Jörg Fischer, entwi­ckelt EMF in den darauf­fol­genden Jahren zum führenden Verlag für Anleitungsbücher im Bereich Malen & Zeichnen. Unter seiner Leitung erscheinen heutige Klassiker wie die »Sammlung Leonardo« oder auch »Das Handbuch für Künstler«.

Habe ich eigent­lich schon gesagt, dass es langsam reicht, mir diesen Handlettering-Kritzeleien‽ Nein, ich glaube, so deut­lich habe ich das noch nicht formu­liert. Wohin die Amateurisierung dieser Kunst führt, lässt sich wunderbar am Stand von Coppenrath & Spiegelburg beob­achten, direkt neben dem Do-it-Yourself-Verlag EMF: links nach­ge­schlagen, rechts gleich haus­ge­führt. »Look poor« auf dem weißen Holzbrettt oben trifft es ganz gut. Aber es sieht sehr gemüt­lich aus.

Noch mehr zuge­ramscht ist die Sammlerecke. Das liegt aber in der Natur der Sache, denn der Shop in Esslingen bietet neue und gebrauchte Comics an. Mein Lieblingscomic »Bobo der Ausbrecherkönig« gibt es dort leider nicht. Ich verstehe auch warum: Bobo musste man sich in den 1970er Jahren selber basteln, aus einem Druckbogen im Fix-und-Foxi-Heftchen. Jedes Bobo-Comic ist ein Original, von dem sich niemand trennen möchte.

Apropos Comic: Heute hat uns ein alter Bekannter am Monotype-Stand besucht, den wahr­schein­lich nur Hessen kennen, die über 50 Jahre alt sind. Onkel Otto, der Fern-Sehhund. Onkel Otto wurde 1958 das Maskottchen des Hessischen Rundfunks. Er kam im regio­nalen Vorabendprogramm des HR als Werbetrenner zwischen den einzelnen Werbespots zum Einsatz. Dieses Video zeigt ab Minute 1:23 die Werbe-Intros der 1960er und 1970er Jahre, unter­malt von Holiday Party von Roger Roger.

[Fortsetzung folgt]

 


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (4)

Messetagebuch

Seit heute läuft die 70. Frankfurter Buchmesse auf Hochtouren. Ich bin seit Montag dabei, weil Monotype Gast des Gastlandes Georgien ist. Wie es dazu kam und was sonst noch so aufre­gendes auf der Messe passiert, vor allem aus typo­gra­fi­scher Sicht … auch heute wieder hier im Fontblog-Tagebuch.

Ausfahrt zur Frankfurter Buchmesse

Rund 7500 Aussteller aus 102 Ländern, 4000 Veranstaltungen, 10.000 akkre­di­tierte Journalisten und Blogger, über 300.000 zu erwar­tende Gäste – die Frankfurter Buchmesse ist ein kultu­relles Großereignis, das die Mainmetropole eine Woche lang in Atem hält. In den ersten drei Tagen stehen die Hallen nur Fachbesuchern offen, am Samstag und Sonntag sind alle Literaturfans will­kommen. Der erste Höhepunkt des heutigen Tages war der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der mit dem »Frankfurt Pavilion« einen neuen Veranstaltungsort auf der Agora der Messe eröff­nete, dem bunten und dieses Jahr sehr sonnigen Dreh- und Angelpunkt inmitten der Hallen.

Der erste Aufreger des Tages – und jetzt geht es hier wieder ganz privat zur Sache –, begeg­nete mir heute morgen bei der Ankunft. Ich parke direkt neben dem Lieferwagen des Mainzer Gutenberg-Museums, einem der ange­se­hensten Druck- und Schriftmuseen der Welt. Seine Hauptattraktionen sind mehrere Ausgaben der Gutenberg-Bibel, das älteste mit beweg­li­chen Lettern gedruckte Buch. Vor diesem Hintergrund fragt man sich natür­lich: Warum ist das Fahrzeug des Gutenberg-Museums gestaltet wie der Bus einer Kita oder der Firmenwagen eines Partyclowns? Mann, wäre das eine Aufgabe für ein Designbüro: den Wagen des Gutenberg-Museums werbe­wirksam gestalten. Tatsächlich scheint es noch andere visu­elle Baustellen beim Museum zu geben, das sich dem geschrie­benen Wort verpflichtet fühlt. Ich war eben mal auf der Website guten​berg​-museum​.de … heiliger Johannes, das ist echt nicht mehr lustig.

Und jetzt zu den guten Nachrichten: das neue Buch von Judith Schalansky ist da, »Verzeichnis einiger Verluste«. Einige Fontblog-Leser erin­nern sich viel­leicht noch an das Erstlingswerk der Berliner Autorin, deren Karriere als Chronistin und Buchgestalterin begann. Es hieß »Fraktur Mon Amour«, erschien vor über 12 Jahren beim Verlag Hermann Schmidt, und diesen Prozess hatte ich damals detail­liert verfolgt, vom ersten Druckbogen (Druckfrisch: Fraktur mon Amour) bis hin zum Exklusivinterview und zur Signierstunde (»Das ist Typo-Sex, was Du hier machst«). [Ich finde, dass die alten Fontblog-Seiten irgendwie ähnlich verklemmt aussehen wie die des Gutenberg-Museums … heute]

Inzwischen erschienen Judith Schalanskys »Atlas der abge­le­genen Inseln«, zwei Jahre später der Bildungsroman »Der Hals der Giraffe«, beide mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst bedacht. Seitdem spielt die Autorin in einer anderen Liga. Das Tolle an ihrer lite­ra­ri­schen Arbeit ist, aus grafi­scher Sicht, dass sie – als diplo­mierte Kommunikationsdesignerin – alle ihre Bücher selbst gestaltet. Auch das neueste, in dem sie sich ´ den Dingen widmet, die das Verlorene hinter­lässt: verhallte Echos, verwischte Spuren, Gerüchte und Legenden, Auslassungszeichen und Phantomschmerzen. Der Klappentext macht neugierig: »So handelt dieses Buch glei­cher­maßen vom Suchen wie vom Finden, vom Verlieren wie vom Gewinnen und zeigt, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womög­lich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt – und eine Literatur, die erfahrbar macht, wie nah Bewahren und Zerstören, Verlust und Schöpfung beiein­ander liegen.«

Die Halle 4.1 ist immer noch Pflicht für alle visu­ellen Gestalter, auch wenn sie der Schmidt-Verlag wegen Halle 3.1 verlassen hat, Taschen nicht ausstellt und Die Gestalten schwä­cheln. Aber die Brueder, ein junges Verlagshaus mit digi­talen Wurzeln, das Magazine, Bücher und Webprojekte produ­ziert, laden zur Indiecon Island, Stand E 108. Zum dritten Mal koope­rieren hier unab­hän­gige Magazinmacher mit der Buchmesse. Auf der Insel können Besucher durch die Magazin-Bibliothek blät­tern, Magazin-Macher/innen treffen und die neuesten und besten Indiemags aus aller Welt kaufen. Mit dabei: Missy Magazine, Das Wetter, Edit, Die Epilog, ZurQuelle, gentle rain, Tau, Sand, Prothese, Slanted, Brasilia und FROH!, sowie der grau­stufen-Podcast. Feiern können die auch: am Freitag den 12. Oktober, Rave in the Parking Lot im AMP im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Die neueste Zeitschrift, die ich gekauft habe, am vergan­genen Sonntag im Frankfurter Hauptbahnhof, war Galore, das Interview-Magazin. Wie kann man da nicht zugreifen, wenn es auf Twitter heißt: »›Wer sich täto­wiert, ist ein Faschist.‹ – Ute Cohen hat mit Bazon Brock über Autonomie im Umgang mit dem eigenen Körper gespro­chen. Jetzt erschienen.« Leider stammt dieser Tweet nicht von der jungen Galore-Redaktion selbst, deren Account seit 2 Jahren verwaist ist, sondern vom Interviewten, dem 82-jährigen Bazon Brock. Wow, wenn ich 82 bin, möchte ich auch noch twit­tern, oder was man dann statt­dessen macht.

Als ich in das Inhaltsverzeichnis der aktu­ellen Ausgabe geschaut habe, musste ich zugreifen: Interviews mit Anke Engelke, Ahmad Mansour, Sebastian Koch, Katrin Bauerfeind, Aubrey Powell (siehe Fontblog-Beitrag 50 Jahre ›Album-Cover-Art by Hipgnosis‹, vom 30. 9. 2018), Jean-Michel Jarre, Lenny Kravitz und, und, und … ein tolles Konzept. Simplizität und Eigenständigkeit im Bereich Print-Medien, wie oft kommt das vor‽ Mir fällt eigent­lich nur noch 11 Freunde ein … und Mint, aus dem selben Haus wie Galore: Das Vinyl-Magazin für alte Männer.

Am Stand von Galore erfuhr ich, dass sie mit der jüngsten Ausgabe aktuell eine Art A/B-Cover-Test durch­führen: im Bahnhof-Buchhandel ziert Ahmad Mansour den Titel, am Kiosk Anke Engelke. OK, das ist jetzt nicht wirk­lich ein rando­mi­sierter A/B-Test, sondern eher Zielgruppen-Marketing, aber trotzdem: Viel Erfolg wünsche ich dem Magazin, dessen redak­tio­nelles Konzept nicht einfa­cher zu defi­nieren ist: Just inter­views.

Was ich hier noch gar nicht erwähnt habe, neben Gastland, Eröffnungsritualen und Ehrengästen: Die Buchmesse hat sich einer Kampagne ange­schlossen, die an vielen Stellen präsent ist. Im Gründungsjahr der Frankfurter Messe, vor 70 Jahren, verab­schie­dete nämlich die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Charta der Menschenrechte mit 30 Artikeln. Und deshalb nutzen die Frankfurter das Jubiläum in diesem Jahr, um das Bewusstsein für die Charta zu stärken.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Frankfurter Buchmesse haben gemeinsam mit ARTE, ZDF und dem SPIEGEL das Aktionsbündnis WE ARE ON THE SAME PAGE (gesetzt in Avenir Next) ins Leben gerufen. Mit Unterstützung von Amnesty International und den Vereinten Nationen lenkt das Bündnis die Aufmerksamkeit auf poli­ti­sche Missstände, die es zu besei­tigen gilt. Auf der Buchmesse erreicht die Kampagne ihren Höhepunkt, mit viele Veranstaltungen, Aktionen und Aktionsflächen, wie die hier gezeigte Wand im Eingangsbereich von Halle 4. Noch gibt es viele weiße Flächen … Ich werde sie am letzten Tag wieder foto­gra­fieren.

Ähnlich wie Thilo Sarrazin im Politischen beweist Manfred Spitzer im Digitalen mit seinen Bestsellern ein großes Gespür für die Ängste der Deutschen. Die Titel seiner Werke, »Vorsicht Bildschirm!«, »Digitale Demenz« oder »Cyberkrank!« sind unter Experten umstritten, bei Lesern aber sehr beliebt. Spitzers Methode ist eigent­lich ganz einfach zu durch­schauen: Korrelationen zu Kausalzusammenhängen umdeuten, Studien selektiv zitieren und immer das weglassen, was nicht zur eigenen These passt. Und immer so tun, als sei »Sucht« im Zusammenhang mit Medien eine allge­mein akzep­tierte wissen­schaft­liche Kategorie.

In seinem neuesten Werk spricht Spitzer nicht mehr von Sucht, sondern von Epidemie, quasi die Steigerungsform einer persön­li­chen Abhängigkeit, Angstmache auf höherem Niveau. »Die Smartphone-Epidemie« beschreibt die gesund­heit­li­chen Folgen der Smartphone-Benutzung. Im Gespräch mit Bärbel Schäfer ließ Spitzer sich immerhin dazu bewegen, sein eigenes Smartphone aus der Jackentasche zu ziehen.

Der Kern des Gesprächs und von Spitzers Argumentation: Eine Studie belege, dass 95 % der südko­rea­ni­schen Jungendlichen heute Augenschäden haben, weil sie das Smartphone stun­den­lang in kurzem Abstand vors Gesicht halten. Das habe ich als Jugendlicher auch mit meinen Karl-Mey-Büchern getan … manchmal über mehrere Stunden am Tag (die man damals nicht gezählt hat). Mit 14 bekam ich eine Brille, -5 Dioptrien. Spitzer hat recht.

[Bis morgen]


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (3)

Messetagebuch

Heute öffnet die 70. Frankfurter Buchmesse ihr Pforten. Ich bin seit Montag dort, weil Monotype Gast des Gastlandes Georgien ist. Wie es dazu kam und was sonst noch so aufre­gendes auf der Messe passiert, vor allem aus typo­gra­fi­scher Sicht … auch heute wieder hier im Fontblog-Tagebuch.

Wie das Georgische seine Großbuchstaben zurück bekam

Georgisch zählt zu den ältesten Sprachen der Welt … und zu den schwie­rigsten. Sie gehört zur südkau­ka­si­schen bzw. kart­we­li­schen Sprachgruppe, die eigen­ständig exis­tiert und mit keiner anderen Sprachgruppe und keiner der benach­barten Sprachen (slawisch, indo­ger­ma­nisch, iranisch) verwandt ist. Die kart­we­li­sche Sprachgruppe besteht heute aus noch drei Sprachen: mengre­lisch-lasisch, swanisch und geor­gisch. Alle drei werden in Georgien gespro­chen, wobei geor­gisch die einzige Literatursprache ist.

Die geor­gi­sche Grammatik zeichnet sich durch außer­ge­wöhn­liche Komplexität aus: Es gibt drei Arten der Verneinung, 7 Fälle und 11 verschie­dene Zeiten bzw. Modi. Eine beson­dere Eigentümlichkeit des Georgischen ist es, Handlung, Handelnden und Handlungsziel mit einem einzigen Wort auszu­drü­cken: z. B. matschuka = er hat es mir geschenkt.

Georgien … an der Grenze zwischen Europa und Asien in Transkaukasien gelegen, östlich des Schwarzen Meeres und südlich des Großen Kaukasus, im Norden von Russland, im Süden von der Türkei und Armenien, im Osten von Aserbaidschan begrenzt

Die geor­gi­sche Schrift hat eben­falls eine lange Tradition und ihr Alphabet zählt zu den ältesten der Welt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich drei Schriftarten entwi­ckelt, zwei Varianten für das kirch­liche Schrifttum, und die im 11. Jahrhundert daraus abge­lei­tete »Ritterschrift« (georg. მხედრული Mchedruli) für den welt­li­chen Gebrauch, woraus die heutige Schrift entstand. Seit 2016 zählt das geor­gi­sche Alphabet zum UNESCO Weltkulturerbe Georgien. 

Die geor­gi­sche Schrift und ihre Aussprache bilden eines der voll­kom­mensten Sprachsysteme welt­weit. Es gibt 33 Buchstaben (28 Konsonanten- und 5 Vokalzeichen), von denen jeder genau einem Phonem entspricht, so dass, wer die Schrift gelernt hat, jedes geschrie­bene geor­gi­sche Wort richtig ausspre­chen kann. Die Anordnung der Buchstaben im Alphabet entspricht der Reihenfolge des grie­chi­schen Alphabets, obwohl die Buchstaben keine Abwandlungen der grie­chi­schen Schrift sind. Am Ende des geor­gi­schen Alphabets befinden sich alle Laute, die im Altgriechischen keine Entsprechung haben.

Die 33 Kleinbuchstaben des geor­gi­schen Alphabets, und ihre Aussprache (nach Georgia Insight)

Die Schreibrichtung der geor­gi­schen Schrift ist von links nach rechts. Die Schrift hat Ober- und Unterlängen, wodurch sich ein sehr leben­diges Schriftbild ergibt. Des weiteren hieß es bis zuletzt in der Literatur über die geor­gi­sche Schrift, zum Beispiel auch auf Wikipedia: Das Georgische kennt keine Unterscheidung zwischen Klein- und Großbuchstaben. Diese Aussage ist falsch. Im Bleisatz gab es Großbuchstaben, doch im Digitalen waren sie bis zu diesem Jahr ausge­storben. Nun gibt es sie wieder. Und so kam es dazu …

Es war im Sommer 2016, als der geor­gi­sche Designer Akaki Razmadze den Monotype-Kollegen die Adresse seines Lieblingsrestaurants aufs Smartphone sendete. Doch statt ALTSTADT TIFLIS, gesetzt in geor­gi­schen Großbuchstaben, zeigte deren Stadtplan an dieser Stelle … Tofu. So nennen Schriftentwerfer die kleinen Rechtecke, die immer dann erscheinen, wenn in einer Schrift Buchstaben fehlen. »Das ist bei mir auch so …« bestä­tigte Razmadze »… und bei meinen 4 Millionen Landsleuten.

Großes Staunen im Technik-Department des Schriftherstellers, wo der Georgier gerade sein Praktikum antrat. Ja, das sei eine tragi­sche Entwicklung für die Schreibkultur seines Landes: Mit der Digitalisierung seien die Versalien aus den Betriebssystemen und Textverarbeitungen verschwunden. »Das müssen wir ändern!« entgeg­nete der tech­ni­sche Leiter, und damit war Akaki Radmadzes wich­tigstes Praktikumsziel defi­niert:  Die Rettung der geor­gi­schen Versalien und ihre Rückführung in die digi­tale Schrift. 

Die geor­gi­schen Versalien (schwarz) neben den Kleinbuchstaben, beides gesetzt aus Neue Frutiger World

Sechs Monate später war das Werk voll­endet. Auf 60 Seiten stellten Razmadze und das Monotype-Schriftenatelier die Geschichte der gedruckten geor­gi­schen Schrift dar, belegten die Verwendung der Großbuchstaben im Buchsatz, auf Geldscheinen und Straßenschildern. Die Petition reichten sie beim Unicode Consortium in den USA ein. Das Gremium wacht über die Schriftzeichen der Menschheit, einschließ­lich Emoji, und defi­niert ihre Position auf den digi­talen Tastaturen von Apps und Smartphones. 

Akaki Radmadze vor den von ihm entwor­fenen Großbuchstaben für H&M Georgien

Im Juni 2018 wurde die aktu­elle Unicode-Version 11 frei­ge­geben, die endlich die geor­gi­schen Großbuchstaben (Mtavruli) enthält. Jetzt müssen nur noch die Fonts der Betriebssysteme mit den neuen Schriftzeichen erwei­tert werden.  Als eine der ersten Industrieschriften enthält die gerade erschie­nene Neue Frutiger World von Monotype alle geor­gi­schen Zeichen gemäß Unicode 11.

Noch ein Tipp für die Messebesucher: Am Freitag den 12. Oktober, wird Akaki Razmadze die hier nach­er­zählte Geschichte am Monotype-Stand auf der Arts+ Fläche in Halle 4.1 live auf der Bühne erzählen. Details …


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (2)

Messetagebuch

Morgen öffnet die 70. Frankfurter Buchmesse ihr Pforten. Ich bin seit gestern dort, weil Monotype Gast des Gastlandes ist. Wie es dazu kam und was sonst noch so aufre­gendes auf der Messe passiert, vor allem aus typo­gra­fi­scher Sicht … ab heute täglich hier im Fontblog.

Georgische Lettern, in Acryl geschnitten

Die News des Tages

Gestern Abend wurde die Preisträgerin des Deutschen Buchpreis 2018 verkündet: Die Berliner Autorin Inger-Maria Mahlke, für ihren Roman Archipel (Rowohlt), ein euro­päi­scher Familienroman von der Peripherie des Kontinents, der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa. In der Begründung der Jury heißt es: »Gerade hier verdichten sich die Kolonialgeschichte und die Geschichte der euro­päi­schen Diktaturen im 20. Jahrhundert. Inger-Maria Mahlke erzählt auf genaue und stim­mige Weise von der Gegenwart bis zurück ins Jahr 1919. Im Zentrum stehen drei Familien aus unter­schied­li­chen sozialen Klassen, in denen die Geschichte Spaniens Brüche und Wunden hinter­lässt. Vor allem aber sind es die schil­lernden Details, die diesen Roman zu einem eindrück­li­chen Ereignis machen. Das Alltagsleben, eine beschä­digte Landschaft, aber auch das Licht werden in der Sprache sinn­lich erfahrbar. Faszinierend ist der Blick der Autorin für die feinen Verästelungen in fami­liären und sozialen Beziehungen.«

Der Rowohlt-Verlag ist gut gerüstet: Ausreichend Exemplare des preis­ge­krönten Romans »Archipel« von Inger-Maria Mahlke werden morgen zum Durchblättern bereit­liegen

Achtung, Freunde des Verlag Hermann Schmidt: nach 18 Jahren in der Halle 4.1 ist das auf hoch­wer­tige Grafik- und Design-Bücher spezia­li­sierte Verlagshaus aus Mainz nun in der Halle 3.1 zu finden, Stand F 134. Achten sie einfach auf das Aldusblatt in Neon, das den Stand an beiden seit­li­chen Flächen ziert.

Der neue Stand vom Schmidt-Verlag in Halle 3.1, auch aus der Ferne am leuch­tenden Aldus-Blatt zu erkennen

Vor wenigen Minuten hat die geor­gisch-fran­zö­si­sche Pianistin Khatia Buniatishvili den Stand des Gastlandes besucht. Die 1987 gebo­rene Buniatishvili spielt seit dem dritten Lebensjahr Klavier und gab mit sechs ihr Orchesterdebüt. 2012 erhielt sie den Echo Klassik in der Sparte Nachwuchskünstlerin (Klavier) und wurde im glei­chen Jahr der »Rising Star« des Wiener Konzerthauses und des Wiener Musikvereins. Von 2012 bis 2015 war sie eine der Künstlerinnen in der Reihe »Junge Wilde« am Konzerthaus Dortmund. 2014 trat sie beim iTunes Festivals in London auf. Buniatishvili spricht fünf Sprachen (Georgisch, Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch) und lebt in Paris.

Die geor­gi­sche Pianistin Khatia Buniatishvili (rechts) und Medea Metreveli, die Direktorin der Nationalen Georgischen Buchverbands, besich­tigen den Stand des Gastlandes

[Fortsetzung folgt]


Nächste Ausfahrt: Frankfurt Buchmesse (1)

Messetagebuch

Am Mittwoch beginnt die 70. Frankfurter Buchmesse. Ich werde die gesamte Zeit dort sein, weil Monotype Gast des Gastlandes ist. Wie es dazu kam und was sonst noch so aufre­gendes auf der Messe passiert, vor allem aus typo­gra­fi­scher Sicht … ab heute täglich hier im Fontblog.

Ausfahrt zur Frankfurter Buchmesse … aus dem Wagen gegen die Morgensonne aufgenommen

Dem Buch geht es über­ra­schend gut. Obwohl: Der Fischer Verlag hat seine Party abge­sagt, so wie Rowohlt und Hanser. BLV, Gräfe und Unzer, sowie Hoffmann & Campe kommen gar nicht erst nach Frankfurt. Trotzdem sind die Hallen dieses Jahr prall gefüllt, mit 7500 Ausstellern, mehr als je zuvor, davon zwei Drittel aus dem Ausland. Vor allem die Aussteller aus Nordamerika haben zuge­legt, was in der Branche als gutes Zeichen gewertet wird, denn die USA seien immer noch der welt­weit größte Medienmarkt (FAZ). Die Lust der Menschen, Geschichten zu erzählen und zu lesen, ist unge­bro­chen.

Es gehört zur Tradition der Frankfurter Buchmesse, dass sie Jahr für Jahr ein anderes Land als Ehrengast begrüßt. Das nomi­nierte Land – 2017 war es Frankreich –  präsen­tiert nicht nur seine Literatur und Kultur auf einer großen Sonderfläche, sondern auch in der City und an weiteren Orten im Land; auf diese Art verleiht es der Buchmesse jähr­lich ein neues Gesicht. In diesem Jahr ist Georgien das Gastland. Sehr zur Freude von Typografen und Schriftfans lautet das Motto der Kaukasus-Republik: »Georgia – Made by Characters« (deutsch: Georgien – Aus Typen gemacht), was natür­lich doppel­deutig gemeint ist, im Sinne von Persönlichkeiten und Buchstaben. Im Mittelpunkt der geor­gi­schen Aktivitäten stehen die 33 Buchstaben des einzig­ar­tigen Alphabets sowie die Geschichten und Autoren, die dahin­ter­stehen. Das nach­fol­gende Video bietet eine Einführung in die geor­gi­sche Schriftkultur.

Das geor­gi­sche Alphabet (geor­gisch: ქართული ანბანი kartuli anbani) ist ein Zeichensatz, der 33 Buchstaben umfasst, von denen jeder genau einem Phonem entspricht. Georgisch hat als Schrift- und Literatursprache eine lange Tradition. Außer im Heimatland wurde das geor­gi­sche Alphabet für weitere Sprachen verwendet, zum Beispiel Ossetisch (offi­ziell 1937–1954), Abchasisch (offi­ziell 1938–1954), sowie – mit Zusatzbuchstaben – für Mingrelisch, Swanisch und Lasisch. Die Anordnung der geor­gi­schen Buchstaben entspricht der Reihenfolge des grie­chi­schen Alphabets, obwohl die Glyphen keine direkte Abwandlungen der grie­chi­schen Lettern sind. Am Ende des geor­gi­schen Alphabets befinden sich alle Laute, die im Altgriechischen keine Entsprechung haben. Die Schreibrichtung der geor­gi­schen Schrift ist von links nach rechts.

Plakat des Gastlandes Georgien für die Frankfurter Buchmesse

Die heute im Alltag domi­nie­rende Form der geor­gi­schen Schrift heißt Mchedruli (geor­gisch: მხედრული, Ritterschrift, von Mchedari = Ritter, Reiter) und besteht aus 28 Konsonanten- und 5 Vokalzeichen. Während es im Bleisatz sowohl Großbuchstaben (Majuskel) als auch Kleinbuchstaben (Minuskel) gab, sind die Großbuchstaben im Zeitalter der Digitalisierung verschwunden, was viele Typografen im Land bedauern. Dass die Versalien sein einigen Monaten wieder Bestandteil der geor­gi­schen Schrift sind, das hat auch etwas mit Monotype zu tun und darüber werde ich morgen berichten. Zunächst aber mal ein Blick auf den Messestand des Gastlandes.

Der Pavillon des Gastlandes Georgien auf der Buchmesse

Auch bei der Gestaltung des geor­gi­schen Pavillons im Forum der Messe Frankfurt standen die Buchstaben des Landes Pate. Seine Architektur lag in den Händen des Art-Directors und Architekten George Bokhua, der die Lettern seines Landes mit klas­si­schen geor­gi­schen Baudekorationen kreuzte. Die bevor­zugten Materialien sind geformtes Schichtholz und halb­trans­pa­rente Textilien.

Im nach­fol­genden Video erläu­tern George Bokhua und Medea Metreveli, die Direktorin der Georgischen Nationalbibliothek, das Konzept des Standes und des Mottos für die Frankfurter Buchmesse:

In der morgigen Folge meines Messetagebuchs geht es um die Wiedergeburt der geor­gi­schen Großbuchstaben, die offi­zi­elle Eröffnung der Buchmesse und die ersten Buch-Highlights der Messe.


Neue, lebendige »Holzdruck«-Schriftfamilie Kontiki

Meine Begeisterung für die Digitalisierung indus­tri­eller Schriften – also Stempel-, Schablonen-, Baukasten-Schriften und ähnli­ches –, begann an einem Sonntagnachmittag vor 27 Jahren, in den Räumen von MetaDesign/FontShop in der Bergmannstraße in Kreuzberg. Ein Praktikant namens Just van Rossum legte mir einen Plastikstreifen mit Buchstaben aus der Dymo-Prägepistole auf den Schreibtisch und sagte: »Das müsste man mal digi­ta­li­sieren, oder‽« Ich antwor­tete: »Ja, mach mal …« und keine zwei Stunden später hatte ich die Dymo-Buchstaben auf meinem Computer.

Das fand ich genial: Kein Prägegerät, keine Kunststoff-Streifen in verschie­denen Farben, kein Fehlprägungen, keine Größenvorgabe … einfach nur ohne Ende Dymo-Schriftzeilen tippen, und nach Belieben weiter­ver­ar­beiten. Einige Wochen später haben wir Justs Dynamoe mit 4 weiteren Industrieschriften als FF Instant Types auf den Markt gebracht, und sie begrün­deten ein neues Genre im Bereich digi­ta­li­sierter Schriften.

Einen sehr ähnli­chen Weg hat jüngst auch der Kölner Schriftentwerfer Felix Braden zur Entwicklung seiner neuen Schriftfamilie Kontiki beschritten, wobei die Vorlagen bei weitem mehr Handwerk und Raffinesse erfor­derten, als das Bedienen einer Etiketten-Präge-Maschine. Kontiki simu­liert einen hand­ge­machten Holzdruck, ist aber im Digitalen weniger aufwändig in der Produktion und besser zu steuern. Den Anwendern bieten sich so die Möglichkeit, ein Druckbild – ähnlich einem tradi­tio­nellen Holzschnitt – zu schaffen, ohne dass Missgeschicke und Fehldrucke dazwi­schen­funken. Der Charme von manuell herge­stellten Drucksachen hat immer noch einen beson­deren Wert und gilt heute als Zeichen »hand­made« oder »mit Liebe gemacht«.

Für die Erstellung der Schrift wurden 193 Glyphen per Hand aus fünf Holzplatten geschnitten und manuell gedruckt. Aus unzäh­ligen Testdrucken wurden die inter­es­san­testen vier ausge­wählt und digi­ta­li­siert, um die unter­schied­li­chen Schnitte von Kontiki zu erstellen. Zu jedem der 560 Zeichen bietet die Schrift vier verschie­dene Druckbilder und gibt den Benutzern so die Möglichkeit zu vari­ieren und ein bewegtes Schriftbild nach eigenen Vorstellungen zu schaffen.

Die Kontiki Familie bietet vier Schnitte mit unter­schied­li­chem Druckbild als sepa­rate Schriftdateien mit jeweils 560 Glyphen. Die Pro Version vereint alle 2240 Zeichen in einer Schriftdatei und enthält die einzelnen Varianten als Stylistic Alternates. Außerdem ermög­licht das Opentype Feature Contextual Alternates eine zufäl­lige Variation der Glyphen mit unter­schied­li­chem Druckbild. Beim Kauf der Pro Version sind die einzelnen Schnitte kostenlos enthalten. Wer mit seiner Layout-Software keinen Zugriff auf diese Opentype Features hat, sollte die Einzelschnitte verwenden. Alle anderen sollten die Pro-Version nutzen, schon wegen des opti­mierten Kernings bei Glyphen aus unter­schied­li­chen Schnitten.

Kontiki wird aktuell bei MyFonts zum Einführungspreis (50%) ange­boten.

Felix Braden lebt und arbeitet in Köln. Er hat an der Fachhochschule Trier Kommunikationsdesign bei Andreas Hogan studiert und mit Jens Gehlhaar bei Gaga Design gear­beitet. Er war eines der Gründungsmitglieder von Glahaus-Design, und arbeitet zur Zeit als Art Director bei MWK Cologne und als frei­schaf­fender Schriftgestalter. Im Jahr 2000 grün­dete er die Foundry Floodfonts und gestal­tete viele Schriften die über Adobe Typekit verfügbar sind (Moby, Bigfish, Hydrophilia, u.a.). Seine kommer­zi­ellen Schriften werden vertrieben vom Fontshop (FF Scuba), Floodfonts (Capri, Sadness, Grimoire), URW++ (Supernormale), Volcanotype (Bikini) und Ligature Inc (Tuna als Kooperation mit Alex Rütten). FF Scuba ist einer der Gewinner des Communication Arts Typography Annual 2013.


Berlin: 50 Jahre ›Album-Cover-Art by Hipgnosis‹

Aubrey „Po“ Powell, briti­scher Fotograf, Designer, Filmemacher, Stage-Designer und Mitgründer von Hipgnosis, eröff­nete gestern Abend in der Berliner Browse Gallery die Ausstellung »50 Jahre Hipgnosis«

Ihre Album-Cover für Pink Floyd, Peter Gabriel, T.Rex, 10cc, Led Zeppelin, Wings, Styx oder Genesis schrieben in den 1970er Jahren Designgeschichte. Die Künstlergruppe Hipgnosis wurde 1968 von Storm Thorgerson (1944–2013) und Aubrey Powell (geb. 1946) gegründet und gestal­tete in den 15 Jahren danach die Langspielplatten der popu­lärsten Künstler, die bei der EMI-Tochter Harvest Records unter Vertrag standen. Typisch für ihre Titelgestaltung waren surrea­lis­tisch insze­nierte Fotomontagen, ohne Band- und Albumname: Nicht das Objekt selbst prägte ihre Kunst, sondern die Idee, der Akt des Gestaltens.

Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie in Berlin zeigt die Browse Gallery in der Bergmannstraße seit heute Fotografien und Illustrationen von Hipgnosis, die als Grundlage für deren Cover-Art entstanden (kura­tiert von John Colton und Emily Smeaton in Zusammenarbeit mit Aubrey Powell). Viele der Bilder sind welt­be­kannt und vertraut, selbst wenn man die damit ausge­stat­teten Alben nie gehört oder erworben hat. Sie zeugen vom goldenen Vinyl-LP-Zeitalter großer Bands, die ihre Musik mit spek­ta­ku­lären Visuals zu den Plattenkäufern trans­por­tierten.

Heute Abend um 18 Uhr zeigt die Browse Gallery, in Zusammenarbeit mit Community Impulse Initiative e.V. und HiFi im Hinterhof, den Film »The Art of Storm Thorgerson and Hipgnosis« (Trailer nach diesem Absatz). Anschließend bietet sich die Gelegenheit, den Hipgnosis-Mitgründer Aubrey Powell bei einem Gespräch kennen­zu­lernen und ihm Fragen zu stellen. Das ist sehr unter­haltsam, weil er jede Menge amüsanter Anekdoten aus den wilden 1980er-Popmusik-Jahren darzu­bieten hat.