Das Berlinale-Plakat 2016

66. Berlinale Plakat

Es ist Tradition im Fontblog, alle Jahre wieder einen kurzen Blick auf die Plakatserie der Berliner Filmfestspiele zu werfen. Kurz vor Weihnachten wurden die Motive für die 66. Berlinale vorge­stellt, die vom 11. bis 21. Februar 2016 statt­finden wird. Nachdem der pres­ti­ge­träch­tige Job in den vergan­genen fünf Jahren von der Berliner Agentur Boros betreut wurde, wech­selte das Festival nun den Werbepartner.

Das Schweizer Designbüro Velvet​.ch schuf die 6 Motive und schlägt eine komplett neue Richtung für die Werbung des Filmfestival ein. Während jahr­zehn­te­lang Muster, Wörter, Abstraktes und Buchstaben die Berlinale-Poster domi­nierten, setzt Velvet auf format­fül­lende Fotos. Diese erzählen von »flüch­tigen Begegnungen einzelner Nachtschwärmer mit den Bären in der Stadt, … einge­klemmt zwischen Realität und Fiktion.« (Pressetext). Jedes Motiv ist in eine eigene Farbwelt getaucht. Allen gemein ist der fett in weiß gesetzte Veranstaltungsname plus Datum oben links, dazu an der rechten Seite gestürzt der Hashtag #Berlinale … alles gesetzt in ITC Avant Garde Gothic.

»›Der Bär ist los‹, so könnte das Motto unserer dies­jäh­rigen Plakatmotive heißen. Auf ihnen schwärmt der Bär aus und ist, wie das Festival selbst, nicht nur am Potsdamer Platz, sondern auch in den verschie­denen Kiezen unserer Stadt zu sehen.« Mit diesen Worten umschreibt Festivaldirektor Dieter Kosslick seine eigenen Assoziationen beim Betrachten der neuen Berlinale-Kampagne. Was er nicht verrät sind die Hintergründe für die visu­elle Kehrtwende sowie für zwei visu­elle Details, die um so mehr unsere Fantasie anregen.

1. Der Hashtag. Da die Berlinale nicht nur ein Industrie-, sondern auch ein Publikum-Festival ist, haben sich die Veranstalter dazu entschlossen, die Fans mit einem amtli­chen Hashtag zum Mitreden einzu­laden. Wer in den sozialen Medien zu Hause ist weiß natür­lich schon lange, dass dort sowohl die Stars als auch die Journalisten fleißig Informationen liefern (und natür­lich auch sammeln). Frischer als im Netz kommt man nicht an Festival-Infos. Mehr live geht nicht.

2. Das RGB-Muster. Wer sich den neuen Plakaten nähert stellt fest, dass die Fotos mit einem Pixel-Raster verfremdet sind, das sie wie Screenshots aussehen lässt, genauer: wie vom Bildschirm abfo­to­gra­fiert. Dieser Effekt ist unge­wöhn­lich für ein Festival zum Thema Film, einer Industrie, die zwar weit­ge­hend digi­ta­li­siert ist, aber letzt­lich ihr Geld mit dem Versprechen einer unge­trübten (= pixel­freien) opti­schen Bildqualität verdient. Andererseits deutet der Screen-Effekt an, dass die Zukunft des Films nicht alleine an der Kinokasse entschieden wird. Digitale Plattformen, die Filme verkaufen, verleihen oder streamen, werden in den kommenden Jahren eine entschei­dende Rolle für den Zugang zur Filmkunst spielen.

Beide Details betonen, dass die Berlinale ein publi­kums­nahes Festival ist und dass sie sich darum bemüht, so viele Menschen wie möglich dem Medium Film näher zu bringen. Unter diesem Blickwinkel sind die neuen Plakate inhalt­lich passend und grafisch gelungen.

(Abbildungen: Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin)


5 Kommentare

  1. Johannes

    Typographisch sehr traurig, die Avantgarde ist einfach äußerst selten eine gute Wahl. Dazu die Satzfehler …
    Der Hashtag kleiner als die Sponsoren und verschämt an den Rand gedreht, steht man bei der Berlinale nicht dazu?
    Die Bildmotive sollen die Berliner Kieze zeigen? Und dann gibt es nur innere Stadt? Berlin hat doch viel, viel mehr, nicht zuletzt viele Vororte.
    Schön, dass manche Ausschreibung der öffent­li­chen Hand offen­sicht­lich doch nicht vorent­schieden sind und nur pro forma durch­ge­führt werden. Über die sicher­lich auch hier verlangte unver­gü­tete Vorarbeit spre­chen wir ein anderes Mal.

  2. Wah?

    Digitale Plattformen, die Filme verkaufen, verleihen oder streamen, werden in den kommenden Jahren eine entschei­dende Rolle für den Zugang zur Filmkunst spielen.

    Nun, gut, wenn man’s so macht, dass man – wie im Kino – pro Film bezahlt, mag das noch so verstanden werden von Leuten wie mir.

    Will man aber mittels monat­li­chen Gebühren abzo­cken, dann hoffe ich, dass viele Leute so sind wie ich; dann würden sie nämlich gar nichts mehr einnehmen. Wieviele Träumer glauben denn noch, dass man sich gerade für das ihre monats­ge­bühr­be­zo­gene Angebot inter­es­siere?

    Die alte Welt war dies­be­züg­lich nicht nur besser, sondern ganz beson­ders leist­barer.

  3. Kirsten

    Bei allem Respekt für krea­tive Arbeit welt­weit, das Plakat erscheint mir provin­ziell und wenig zeit­gemäß. Nicht nur in seiner Ausführung schon in der Konzeption hakt es. Wie oben auch erwähnt, Berlin hat mehr zu bieten. Ich habe den Eindruck einer ober­schlauen Idee darüber, wie Berlin so ist….so jeden­falls nicht und schon gar nicht zur Berlinale.

  4. support your lokale designbude

    Konzeptionell und ästhe­tisch ziem­lich schwach. Das wich­tigste deut­sche Filmfestival glänzt mal wieder mit der Abwesenheit von Glamour, Ideen und zeit­ge­mäßer Gestaltung.

    Noch trau­riger ist, das die Veranstalter ihr Geld lieber einer Schweizerisch/Bayrischen Agentur geben, anstatt lokale Designer/innen zu enga­gieren. Ich finde der Senat sollte seine Fördergelder für die Berlinale an Bedingungen knüpfen, damit die hiesige Kreativwirtschaft davon profi­tiert.

  5. Torsten

    Das verstehe ich in der Tat auch nicht. Berlin rühmt sich häufig, dass es so hip und kreativ ist. Warum aber muss eine auslän­di­sche Agentur bemüht werden?

    Habt ihr das even­tuell die Verantwortlichen einmal gefragt?

    Page hat die Plakate deut­lich posi­tiver bewertet: http://​page​-online​.de/​k​r​e​a​t​i​o​n​/​b​a​e​r​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​p​l​a​k​a​t​-​k​a​m​p​a​g​n​e​-​d​e​r​-​b​e​r​l​i​n​a​l​e​-​2​0​16/

    LG

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