Fontblog Designdiskurs

Signaletik: Berlin testet blinkende Fußgängerampeln

Blinkende Fußgängerampeln sollen die Verkehrssicherheit in Berlin erhöhen. Am gest­rigen Donnerstag sind die ersten drei rot-blin­kenden Ampeln frei­ge­schaltet worden. Anfang Dezember sollen an anderen Kreuzungen drei grün-blin­kende Fußgänger-Ampeln hinzu­kommen. Mit den Modellprojekten soll die umwelt­freund­lichste und billigste Art der Fortbewegung sicherer und die Alterung der Bevölkerung berück­sich­tigt werden. Beide Methoden werden zunächst getestet. Welches Blinksystem – wenn über­haupt – ist »einleuch­tender«?

Rotes Licht blinkt: Fahrbahn nicht mehr betreten; Personen auf der Fahrbahn können ihren Weg sicher beenden

Grünes Licht blinkt: Grünphase endet gleich, Fahrbahn kann noch betreten und über­quert werden


Fatalismus ist der Feind guten Designs, oder:

Volkserziehung, nein danke!
von Helge Fischer

Unser Gastautor Helge Fischer studierte am Royal College of Art in London »Design Interactions« und arbei­tete für namhafte Auftraggeber als Designer und Berater. Später lehrte und forschte er als wissen-schaft­li­cher Mitarbeiter im Fachbereich Interface-Design der FH Potsdam. Gemeinsam mit der Kommunikations- und Service-Designerin Ann-Kristina Simon grün­dete er vor wenigen Monaten in Berlin das Designbüro Bold Futures, spezia­li­siert auf Innovationskommunikation. Fischer: »Wir nutzen Design als Medium zur Darstellung und parti­zi­pa­tiven Bewertung von wahr­schein­li­chen oder mögli­chen Zukünften.«

Der hier veröf­fent­lichte Denkanstoß erschien in unge­kürzter Form unter dem Titel »Nachhaltigkeitsdesign: Öko-Erziehung in der Welt der Dinge« in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Novu Argumente. Ann-Kristina und Helge werden in 14 Tagen den Creative Morning in Berlin bestreiten (16. November 2012, Orangelab, 8:30 Uhr).

Die verdienst­vollste Aufgabe von Design ist, bessere Lebensräume zu entwerfen, fesselnde Zukünfte herauf­zu­be­schwören und Träume zu wecken. Design kann einen enormen Nutzen für die Welt leisten, dazu muss es jedoch mutig und ambi­tio­niert sein. Das fällt heute nicht leicht, denn es domi­nieren eher düstere Bilder von der Zukunft, die den Glauben an eine posi­tive Gestaltbarkeit dem Reich der Fantasie zuordnet. Fatalismus ist der Feind guten Designs. Wenn wir die Auffassung akzep­tieren, wir lebten im Jahrhundert der Klimakatastrophen, Ressourcenverknappung, Überbevölkerung und der Ausbeutung der Natur, und schuld sei der Mensch, dann fallen unsere Entwürfe bescheiden, klein­laut und demütig aus: Design als Appell, unser Tun zu zügeln, unsere Erwartungen zurückzuschrauben.

Unter dem Dogma der Nachhaltigkeit entstehen oft mutlose und klein­liche Entwürfe, die weit hinter dem zurück­bleiben, was die heutige Technologie erlauben würde: Stühle aus recy­celten Zeitungen – zusam­men­ge­halten von Reiskleber, mit Pedalkraft betrie­bene Küchengeräte, oder gar ein durch Muskelkraft ange­trie­benes Gerät zur Herstellung von Papier. Dieselben Handgriffe, dieselben Produkte, dieselben Funktionen wie seit Jahrzehnten, nur mühsamer und zeit­auf­wen­diger zu bedienen. Wir bewegen uns zurück.

Persuasive Design

Auf dem wich­tigen Gebiet des Sustainable Designs ist ein weiterer Ansatz deut­lich unbe­hag­li­cher. Sogenanntes »Persuasive Design« versucht beim Nutzer mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Verhaltenspsychologie »erwünschte« Einstellungen und Verhaltensweisen zu beför­dern. Anstatt durch Informationen zu über­zeugen und eine freie Entscheidung zu ermög­li­chen, will Persuasive Design Menschen unbe­wusst beein­flussen und ihr Verhalten in eine zuvor als »redlich« erkannte Richtung lenken. Es versucht, das emotio­nale, irra­tio­nale und impul­sive Denken unseres Unterbewusstseins zu mani­pu­lieren. Dies wird bereits seit Jahrzehnten in der Werbung prak­ti­ziert. Relativ neu ist aller­dings, dass es nun einge­setzt wird, um vermeint­lich Gutes zu tun, denn die »böse Seite« des Marktes für Persuasive Design ist längst übersättigt.

Sogenannte Zielverhalten könnten zum Beispiel sein, mit dem Rauchen aufzu­hören, mehr Sport zu treiben, Medizin regel­mäßig einzu­nehmen, oder – im Bereich nach­hal­tigen Handelns – weniger Strom zu verbrau­chen, oder das Fahrrad zu nutzen. So wird die gezielte Beeinflussung des Unterbewusstseins zum Wohle und im Eigeninteresse des Manipulierten propa­giert, um dessen Leben zu verbes­sern. Das einge­setzte Repertoire an Psychotechniken reicht vom Setzen von Zielen, über verschie­dene Anreiz- oder Abhaltungssysteme bis hin zu sozialer Kontrolle, Ausgrenzung oder Bevormundung. Ziel ist es, »gutes« Verhalten so auto­ma­ti­siert, so einfach, oder auch so sucht­er­zeu­gend zu machen wie Glücksspiel.

Ein paar Beispiele … Kleinere Mülleimer sollen uns dazu verleiten, weniger Abfall zu produ­zieren … nicht weil wir dies als sinn­voll erachten, sondern einfach, um seltener den Müll raus­bringen zu müssen. Der vom MIT Media Lab entwi­ckelte WaterBot wird am Wasserhahn instal­liert und misst den Wasserverbrauch. Bei zu langer Wassernutzung gibt das System visu­elle und audi­tive Alarmsignale, beim Zudrehen hingegen gibt es ein posi­tives Audiofeedback. Das zuge­ge­be­ner­maßen clevere »Erratic Radio« des Interactive Institute in Schweden empfängt zusätz­lich zum einge­stellten Sender noch die 50-Hz-Frequenz, die von elek­tri­schen Geräten ausge­strahlt wird und stört somit den Empfang bei gleich­zei­tiger Nutzung dieser Geräte. Es gibt eine App fürs Auto, die anzeigt, wie energie-effi­zient gefahren wird und die den Fahrer durch visu­elle Hinweise anleitet, möglichst gleich­mäßig zu fahren. Zahlreiche Angebote im Internet hoffen auf Nutzer, die im Rahmen eines Wettkampfs versu­chen, möglichst viele »Eco-Challenges« zu bestehen (z. B. eine Woche kein Fleisch essen oder einen Gemüsegarten anlegen).

Ein dras­ti­scheres Beispiel ist das vom Design Lab der Universität Sydney durch­ge­führte Projekt »Neighbourhood Scoreboards«. Die tägli­chen Veränderungen im Energieverbrauch von teil­neh­menden Haushalten wurden hierfür auf großen, der Straße zuge­wandten Schildern aufge­zeigt, zusammen mit lachenden (abneh­mender Verbrauch) und trau­rigen Smileys (stei­gender Verbrauch) plus der aktu­ellen Position im »Neighbourhood Ranking« für Energieeinsparungen.

Die Beispiele wirken einzeln besehen harmlos. Es gibt Parallelen zu Videospielen und mitunter machen sie sogar Spaß. Und es mag Lebensbereiche geben, in denen der Einzelne Verhaltenslenkung durch tech­no­lo­gi­sche oder soziale Systeme für sich selbst als nütz­lich empfindet. Doch beför­dert eine breite Anwendung von Persuasive Design, das letzt­lich eine Ergänzung zu den expli­zi­teren Maßnahmen der Volkserziehung ist, eine regres­sive Sichtweise auf die Möglichkeiten und Kapazitäten des Menschen: Wir akzep­tieren damit, dass wir anschei­nend hilf­lose und schwache Wesen sind, die der Lenkung bedürfen.

Fazit

Nachhaltiges Design und insbe­son­dere Persuasive Design unter­mi­nieren den Glauben an unsere eigenen Fähigkeiten. Gleichzeitig sind sie ein Angriff auf mensch­liche Selbstverantwortung, Autonomie und Freiheit. Wir trauen weder uns selbst noch der Mehrheit unserer Mitmenschen zu, dass wir rich­tige Entscheidungen treffen und diese konse­quent umsetzen könnten. Stattdessen akzep­tieren wir die Manipulation unseres Verhaltens durch (selbst ernannte) Experten, die uns in einer unüber­sicht­li­chen Welt den rechten Weg weisen wollen. Die von ihnen entwor­fenen Produkte ersetzen den freien Willen durch das Managen von Nutzerverhalten.

Wenn wir unsere Lebensbedingungen weiterhin welt­weit verbes­sern möchten, stehen wir vor großen Herausforderungen. Dabei ist unsere Fähigkeit, Neues zu schaffen und dabei Risiken einzu­gehen (und Fehler zu machen) nicht das Problem, sondern die Lösung für globale Zerwürfnisse. Wir sind Zerstörer, aber vor allem Schöpfer und Erschaffer, wir sind Konsumenten, aber auch Produzenten. Zu oft beschränkt sich aktu­elles nach­hal­tiges Design auf eine Bewahrung des Status Quo.

Wenn wir in einer Transformationsgesellschaft leben, in der herge­brachte Methoden des Wirtschaftens und Lebens nicht mehr unein­ge­schränkt tragen, dann benö­tigen wir ein Vertrauen in mensch­liche Intelligenz, Kreativität, Imagination und Kraft. Zukunftsoptimisten sind die besseren Designer. Sich selbst und die Menschheit zuvor­derst als schwach und hilflos zu sehen, mag in einer kompli­zierten Welt bequem sein, doch ist es ein Luxus, den wir uns nicht leisten dürfen.

(Der hier veröf­fent­lichte Beitrag von Helge Fischer erschien in unge­kürzter Form unter dem Titel »Nachhaltigkeitsdesign: Öko-Erziehung in der Welt der Dinge« in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Novu Argumente. Foto oben: Marco Floris, Abbildung Mitte © DeVIce Fotolia​.com)


Steve-Jobs-Bio seit heute als Taschenbuch

Aber glaubt bitte nicht, dass an der Typografie des Titels etwas geän­dert wurde. Wir hatten hier im Fontblog ausführ­lich darüber disku­tiert (Warum Steve Jobs ein Kontrollfreak war), wieso die Originalausgabe so aussieht wie sie aussieht, und warum der deut­sche Titel lieblos (oder kennt­nislos) loka­li­siert wurde.

Der streit­bare Werber Bernd Kreutz in Düsseldorf stieß auf seinem Reklamehimmel kurz darauf ins gleiche Horn: Die Leichenschänder von Bertelsmann. Wir wissen auch aus sicherer Quelle, dass Bertelsmann damals mitlas. Bewegt hat’s nicht viel. Das Cover der Taschbuchversion von btb ziert schlicht eine verklei­nerte Version des Dreizeilers vom Herbst letzten Jahres, allein das Foto wurde entzerrt.


Das London-2012-Logo: Ein Fazit

Was wurde geschimpft und geläs­tert über das Londoner Olympia-Logo, als es am 4. Juni 2007 erst­mals vorge­stellt wurde (Fontblog berich­tete: Das Olympia-Logo 2012 ist für alle da). Bereits ein Tag später habe ich das freie Konzept (das 1 Jahr später verworfen wurde) hier im Fontblog vertei­digt: London 2012 will doch nur spielen. Die Debatten waren heiß und span­nend, führten aber nicht weiter. Daher lautete mein Fazit am 11. Juni 2007 »Freiheit nicht erwünscht … Designer mögen es eher dikta­to­risch«. Diskussion beendet.

Zu den stärksten Kritikern der London-2012-Identity gehörte die briti­sche Designpresse, allen voran Creative Review und Design Week. Letztere feiert das einst »Scherbenlogo« getaufte Signet heute als Design-Ikone (London 2012 design icons – the Olympic logo) und schreibt wört­lich: »Klug, ener­gie­ge­laden und leicht unprak­tisch … es reflek­tiert London.« Nur Schade, heißt es weiterhin, dass es über mehrere Jahre »wie eine Briefmarke einge­setzt wurde«, anstatt mit ihm zu spielen. Als einzigen Ableger der Ursprungsidee erin­nert das Magazin an ein adidas-Video von Matt Pyke (Universal Everything), das vor 3 Jahren entstand:

London 2012 Olympics / Adidas launch from Universal Everything on Vimeo.

Creative Review wirbt heute im Blog für seine aktu­elle Print-Ausgabe, in der sich Adrian Shaughnessy ausführ­lich mit dem London-2012-Logo und seinen Machern beschäf­tigt, die erst­mals offen über den Entwurfsprozess reden. In einem Vorwort zeigt sich CR-Chefredakteur Patrick Burgoyne versöhn­lich: “I still can’t bring myself to love it and I do think that the goals of 2012 could have been achieved with some­thing more appe­aling. But I abso­lutely admire the thin­king behind what Wolff Olins did for 2012. They set in motion, from the very begin­ning, a principle that London would reinvent what it means to host an Olympic Games. That principle succeeded brilliantly.”

Fazit: Weniger meckern, mehr wagen, Neues akzeptieren.


Und noch mal: Die vorbildliche Website von Zwölf

Weil’s so schön war: Auch heute wieder eine Website, die mir gefällt. Sie löst eine vergleich­bare Aufgabe wie das gest­rige Beispiel, jedoch anders. Stefan Guzy schrieb mir eben dazu: »Wir haben mal unser Online-Portfolio aktua­li­siert und ein paar neue typo­gra­fi­sche Projekte und Fotos aus der Werkstatt hoch­ge­laden. Ein Videointerview gibt’s auch: zwoelf​.net/​p​o​r​t​f​o​lio. Beste Grüße«

Die beiden letzten Beiträge basieren übri­gens auf offi­zi­ellen (Presse)-Mitteilungen, die auch andere Medien und Blogger erhalten haben. Ich schreibe am liebsten über Dinge die mir gefallen und Dinge die mir miss­fallen. Mittelmäßiges versandet. Gefälligkeiten für Freunde kommen mal vor … die beiden letzten Artikel gehören defi­nitiv nicht dazu.


Brauchen wir einen Kreativquotienten?

Design-Modewörter

Der Journalist (Business Week), Buchautor und Design-Thinking-Verfechter Bruce Nussbaum hat einen Traum: Wenn sich sein Patenkind Zoe 2020 um einen Studienplatz bewirbt, sollen nicht nur ihr Wissen und der IQ gecheckt werden, sondern auch ihr CQ – der Creative Quotient. Er ist seine Erfindung. Das Buch dazu (»Creative Intelligence«) muss er noch schreiben. Und weil ihm dazu noch Ideen fehlen, setzte er den Geistesblitz im April einfach mal auf den FastCo-Blog und bat die Leser um Kommentar-Input: “I hope to have a conver­sa­tion with the Fast Company audi­ence on this blog about how we should teach, measure, and use CQ.” So gene­riert man heute in einem Aufwasch Buchinhalte und die Leser gleich mit.

Nussbaum ist ein Experte im Buzzword-Bingo. In den letzten Jahren ritt er voller Überzeugung auf der Design-Thinking-Welle. Heute verkündet er: »Das Zeitalter des Design Thinking ist zu Ende und ich widme mich einem neuen Rahmenmodell, der krea­tiven Intelligenz, kurz dem CQ. … Design Thinking hat dem Berufsstand und der Gesellschaft alles gebracht was möglich war, doch langsam erstarrt das Konzept, ja es richtet Schaden an«. Er verweist auf seine Kollegin Helen Walters, die der glei­chen Ansicht sei. Im März 2012 kam sie in ihrem Leitartikel Design Thinking Won’t Save You (Design Thinking wird Sie nicht retten) zu dem Fazit: »Designberater hatten geglaubt, dass ein Prozesstrick Veränderungen bewirken könne.«

Design Thinking … nur ein Trick

Was war noch Mal Design Thinking? Es bedeutet, einen Schritt zurück­zu­treten von der akut zu lösenden Gestaltungsaufgabe und das Ganze anschauen. Es fordert Systemdenke: Das aktu­elle Problem ist Teil eines Ganzen, das ich als Designer in seiner Gänze erst mal verstehen muss. Das tiefe Eindringen in ein Thema ist gefragt, oft gepaart mit einer umfang­rei­chen Recherche, gefolgt von einer Analyse. Dies geschieht meist in einer Gruppe, multidisziplinär.

Eigentlich arbeiten Werbeagenturen und größere Designbüros schon sein Jahrzehnten nach dieser Methode. Warum also das neue, leicht über­kan­di­delte Etikett Design Thinking? »Weil es sich gut verkauft« sagt der Core77-Kolumnist Don Norman. Beratungsunternehmen lieben solche Floskeln: »Beauftrage uns, und wir bringen die Magie des Designs in dein unpro­duk­tives, schein­totes Unternehmen … und das wird Wunder wirken« (Don Norman). Design als Geheimwaffe, hilf­lose PR-Welt.

Ein biss­chen Zauber schadet nicht

Wie weit darf Design mit Heilsversprechen (= Buzzwords) gehen? Es ist ein biss­chen wie in der Medizin: Wenn’s wirkt, war es nütz­lich und der Arzt wird geliebt. Wittert man hinter einer Therapie nur heiße Luft (Placebo), fällt dies auf den Arzt (=Designer), die Klinik (= Designbüro), die Branche (= Design) zurück. Niemand braucht ein Design-Patentrezept mit einem gut klin­genden Namen, doch manchmal öffnet es Türen. Zum Beispiel für ein Umdenken bei notlei­denden Unternehmen oder Marken. Vergessen wir nicht, dass die meisten Führungskräfte Design-Laien sind. Trotzdem müssen sie über Investitionen in diesem Bereich entscheiden. Ein verständ­li­ches, simples Modell über­zeugt meist schneller, als eine tief schür­fende Diskussion über Farbpsychologie, Typografie und Key-Visuals.

Wie lautet nun die Antwort auf die Frage: Brauchen wir einen Kreativquotienten? Wir brau­chen weder den CQ, noch ein Buch dazu. Kreativität ist als isolierter Rohstoff wertlos … sowohl in Kunst und Kultur, als auch im Design. Erst wenn sie sich mit einer Intention paart, entstehen Ideen und Produkte.

(Abb: ©ƒstop, # 1123.049, Photographer: Carl Smith)


Braucht die Welt einen »Made in Berlin«-Stempel?

Was soll man auf eine solche Frage anderes antworten, als: Natürlich nicht! Was braucht die Welt über­haupt? Sicher keinen Sack Reis, der in China umfällt. Viele 1000 Säcke Reis …unbe­dingt … zur Verfügung gestellt von wohl­ha­benden Erzeugern für rund 900 Millionen hungernde Menschen auf diesem Planeten.
  
Wenn das nur so leicht zu reali­sieren wäre, wie es ausge­spro­chen ist.

Bleiben wir beim Thema dieses Blogs, der visu­ellen Kommunikation. Gütesiegel, Herkunftsbezeichnungen, Testplaketten, Markenzeichen … es gab noch nie so viele davon wie heute. Zuletzt berich­tete ich hier im Blog unter anderem über den Blauen Engel, das neue Stiftung-Warentest-Abzeichen, das Bio-Logo der EU, das EU-Sicherheitslogo für Versandapotheken, ein Siegel für Bio-Mineralwasser, das HTML-5-Logo oder das neue Logo Stiftung Preußischer Kulturbesitz – selbst das deut­sche Ei hat seit wenigen Tagen ein Logo. Dazwischen ging es immer wieder mal um Standort-Werbung, für Cottbus, das Ruhrgebiet, die Region Stuttgart, Olympiabewerber und natür­lich Be Berlin.

Herkunftslogos verkleis­tern. Wenn das Image einer Stadt für Produkte oder Dienstleistungen positiv veran­kert ist, reicht ihr Name als Qualitätsmerkmal. Ein Start-up mit dem Ortsnamen San Francisco in der Adresse steht posi­tiver da als eines aus Hamburg. Einer Zeitschrift aus Hamburg unter­stellen Leser eine profes­sio­nel­lere Qualität als einer aus Dortmund. Dortmunder Bier muss besser schme­cken als Leipziger Bier. Aber Bücher aus Leipzig sind ordent­li­cher gesetzt und gedruckt als Bücher aus Düsseldorf. Das ist alles so wahr wie falsch … aber die mensch­liche Beurteilung basiert nun mal auf Urteil und Vorurteil.

Der Berliner ist dafür bekannt, das er vor Großmauligkeit kaum laufen kann. Seitdem die Spreemetropole wieder Hauptstadt ist, steht die Größenwahnsinnsampel auf grün, grüner geht’s nicht. Seit einigen Jahren lieben uns auch noch die Touristen …  Kunst, Design und Mode feiern sich pausenlos in Berlin … seit Montag sendet auch noch Thomas Gottschalk täglich live vom Gendarmenmarkt … wo soll das noch hinführen. Zu weniger Schulden? Die Stadt ist sexy, aber arm. Können Logos daran was ändern? Das lokale Weblog tech­berlin glaubt: Ja. Und so rief es im November 2011 zur Findung eines Made-In-Berlin-Badge auf, ein Abzeichen, mit dem sich Start-ups zukünftig schmü­cken sollen, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark (und locken die kali­for­ni­schen Investoren in unsere Büros).

Das »offi­zi­elle« Made-in-Berlin-Signet, Platz 1 beim techberlin-Wettbewerb

Nun steht der Sieger fest (Abb. oben), gewählt von der Leserschaft, was nicht immer die beste Wahl garan­tiert. Mir gefällt Platz 3 viel besser (Abb. ganz oben), nicht nur weil er die Schrift FF Ernestine enthält und aus der Feder unserer Freundin Nadine Roßa stammt … das Signet bringt genau die Portion Ironie (und Sympathie) mit, die es für die Einführung und Akzeptanz eines solchen Siegels braucht. Misslingt das Experiment, war‘s wenigs­tens ein schöner Versuch – schön im Sinne von ästhetisch.


»Gibt es nicht schon genug Schriften…?« oder:

Warum wir in die Zukunft der Typografie inves­tieren müssen

von Matthew Butterick

[Dieser Beitrag wurde heute morgen im Fontfeed in engli­scher Sprache veröf­fent­licht. Ich freue mich, dass ich ihn über­setzen und hier veröf­fent­li­chen darf – als letzter Designdiskurs des Jahres. Sein Autor Matthew Butterick ist Sprecher der TYPO Berlin im Mai 2012.]

Es ist wahr­schein­lich die am häufigsten gestellte Frage an Schriftentwerfer … die sie gleich­zeitig verär­gert, weil sie unter­stellt, dass ihr Job über­flüssig oder nutzlos sei: »Gibt es nicht schon genug Schriften?« Ich selbst bekam sie zum ersten Mal vor 20 Jahre gestellt. Damals empfand ich sie absurd. Das Schriftsetzen befand sich gerade auf dem Weg in die Desktop-Publshing-Ära. Genug Schriften? Wir hatten kaum welche.

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