Fontblog Designdiskurs

Gute Typografie, jetzt (2): Zitat Matthew Butterick

“If you believe typo­graphy matters — visually, histo­ri­cally, cultu­rally — consider it your duty to help make sure it doesn’t get washed away by decli­ning expec­ta­tions.” Matthew Butterick, Sep 6 2011, Fonts in Use

»Wenn du glaubst, Typografie sei wichtig – visuell, histo­risch, kultu­rell –, betrachte es als deine Pflicht mitzu­helfen, dass sie nicht durch sinkende Erwartungen zugrunde geht.« Matthew Butterick, 6. 9. 2011 auf Fonts in Use

Matthew Butterick studierte an der Harvard University Visuelle Kommunikation und Mathematik, bevor er Mitte der 90er Jahre bei The Font Bureau Schriften entwarf und digi­ta­li­sierte. Später grün­dete er in San Francisco das Web-Design-Büro Atomic Vision, das er 1999 verkaufte. Butterick zog nach Los Angeles, um seinem Berufsleben eine neue Richtung zu geben. Er studierte Jura und wurde Anwalt. Doch seine Leidenschaft für gut gestal­tete Texte ist unge­bro­chen. 2008 rief er die Website Typography for Lawyers ins Leben. Matthew Butterick war Sprecher auf der ersten FontShop-Konferenz FUSE95.


Ich fordere leidenschaftliche Typografie

(Aufklärung tut not. Deshalb habe ich in diesem Beitrag eine kleine Adobe-InDesign-Schulung versteckt … Wer ausschließ­lich typo­gra­fi­sche Nachhilfe wünscht, gehe einfach nur die Bilder und Bildunterschriften durch. Wer mitdis­ku­tieren möchte, lese die Absätze dazwi­schen.)

Sagt: Wollen wir mal alle zusammen für bessere Typografie im Land kämpfen? Meine Tochter Marie (15) fragte mich am Wochenende: »Warum sind eigent­lich die ameri­ka­ni­schen und engli­schen Bücher so viel schöner gemacht als die deut­schen?« Na weil die typo­gra­fi­sche Kultur dort weiter entwi­ckelt ist, antwor­tete ich. Außerdem probieren die gerne mal was Neues aus.

Bleiben wir kurz beim Buch. Selbst ein jahr­zehn­te­alter Wettbewerb wie Die Schönsten Deutschen Bücher leistet kaum einen Beitrag zur typo­gra­fi­schen Kultur. Er spornt zwar die kleinen Kunst-, Kinder- und Coffee-Table-Buchverlage an, aber auf das große Brot-und-Butter-Verlagsbusiness färbte …

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Die Web-Häuptlinge hassen Typografie…

… aber nicht mehr lange. von Seth Godin*

Es begann wahr­schein­lich mit HTML, und danach Yahoo, natür­lich. Doch eBay über­spannte den Bogen, bevor Google und Facebook es zur Methode erhoben: Eine beschis­sene Typografie, kein biss­chen darauf zu achten wie man was sagt sondern und nur was man sagt – der typi­sche Erst-die-Technik-Ethos des Internets.

Sergey Brin formu­lierte einst, dass Ausgaben für Marketing die Quittung für lausige Produkt sei, und natür­lich ist ein gut gestal­teter Text eine Form des Marketings. Sergey hat keine Ahnung vom Marketing, denn groß­ar­tige Produkte sind Marketing, und erst recht keine Ahnung vom Nutzen guter Typografie.

Es ist die Typografie, die Apple auf den ersten Blick vom Rest des Marktes unter­scheidet. Es ist die typo­gra­fi­sche Gestaltung, die ein selbst­ver­legtes Buch meist alt aussehen lässt gegen­über einem »rich­tigen«. Typografie (genauer: die falsche) ist eine Gefahrenquelle in Flugzeugen: Wer hat fest­ge­legt, das Sicherheitshinweise IN GROSSBUCHSTABEN GESCHRIEBEN SEIN MÜSSEN?

Die Wahl einer Schrift, ihre sorg­fäl­tige Zurichtung und ihre Leserlichkeit ergeben einen starken Eindruck. Wenn deine Visitenkarte nichts anderes ist als Arial auf einem Stück Karton, teilst du den Empfängern etwas mit … ziem­lich genau das Gegenteil von dem, was du ursprüng­lich mit der Karte beab­sich­tigt hast.

Ironie der Geschichte: Es waren die Computer, allen voran Apple, die das Gestalten von Drucksachen in unsere Hände legten. Und dieselbe Computerindustrie nahm es uns wieder weg, entwer­tete unsere Ausdrucksmöglichkeiten um zu demons­trieren wie beschäf­tigt wir mit dem Programmieren sind, auf dass nichts mehr vertrau­ens­voll oder reiz­voll aussehen kann. Typekit und andere Webfont-Dienste packen dieses Problem nun beim Schopf, und es ist ziem­lich sicher, dass die nächste Generation von Unternehmen online besser aussehen wird als die von heute.

Gute Typografie ist etwas aufwän­diger als schlechte, aber sie macht sich um ein Vielfaches bezahlt … nein: sie ist ein echtes Schnäppchen. Hier ein paar brauch­bare Bücher (englisch; eine deutsch­spra­chige Alternative) und ein nettes Tool, gefunden bei Swiss-Miss.
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*Übersetzung des Artikels The web leaders hate typo­graphy (but not for long) von Seth Godin, mit freund­li­cher Genehmigung des Autors. Seth Godin ist ein New Yorker Autor, Unternehmer und Marketing-Experte. Sein Lieblingsthema: die post-indus­tri­elle Revolution. Er schrieb 13 Bestseller die in 30 Sprachen über­setzt wurden.


Minimalismus: Chance oder Gefahr für große Marken?

Das Design-Beratungsunternehmen Antrepo Design Industry fragt sich: Kann es in einem maxi­mierten Markt mini­ma­lis­ti­sches Design geben? »Unser neustes Projekt beschäf­tigt sich mit Vereinfachung. Wir haben versucht, für welt­weit bekannte Markenprodukte ein redu­ziertes Packaging-Design zu entwi­ckeln. Wir glauben, dass sich jedes Produkt nach einer gewissen Zeit auf Minimalisierung unter­su­chen lassen sollte.« Die Designer von Antrepo prak­ti­zierten ein 2-stufiges rede­sign: a) minimal und b) extrem minimal.

Das inter­dis­zi­pli­näre Design-Blog Ignant schreibt zu dem Experiment: »Natürlich sind Geschmäcker verschieden und während die breite Masse eher die farben­frohe Variante vorzieht, würden mich zwei Farben, eine Typo und möglichst wenig Schnick-Schnack viel mehr anspre­chen.« Es steht also die Frage im Raum: Erreichen welt­be­rühmte Marken mit einem redu­zierten Design mögli­cher­weise ein anderes, neues Publikum? Oder aber: Reicht auch Stammkunden der schlichte Nutella-Schriftzug, um zu ihrem Lieblingsprodukt zu greifen? Sollte es für bestimmte Marken zwei Packaging-Design-Schienen geben?

Weitere über­ar­bei­tete Marken auf dieser flickr-Seite. (Via: Gerrit van Aaken)


Anti-Anti-Design

von Florian Pfeffer

Gestern, kurz nach Veröffentlichung des Kommentars »Anti-Design« von Erik Spiekermann, schrieb mir Florian Pfeffer, Direktor der Stiftung :output in Amsterdam und Herausgeber/Gestalter des inter­na­tio­nalen Jahrbuches :output für Designprojekte aus Hochschulen: »Im Interesse zweier Generationen, die im Jahr 1964 (ich) bzw. im Jahr 2000 (meine Kinder) noch nicht geboren waren, möchte ich eine Replik auf den von Erik veröf­fent­lichten Artikel und das Manifest »First things first« schreiben.« Gesagt, getan, veröf­fent­licht …

Lieber Erik. Auch ich bin (unter anderem) »Design-Professor« – und zwar genau auf der Nachfolgestelle jener Person, auf die du in deinem Artikel anspielst – die nächste Generation eben. Ich bin außerdem Designer, Unternehmer und Kurator, ich spreche also nicht aus dem Elfenbeinturm. Und ich bin mit Dir eins, dass poli­ti­sche Plakate hier und heute gestal­te­ri­sche Bigotterie sind und dass es nicht beson­ders mutig ist, einen Artikel in einem Surfer-Magazin in Zapf Dingbats zu setzen.

Das alles voran­ge­stellt, finde ich den in deinem Artikel beschrie­benen Standpunkt aber ausge­spro­chen desil­lu­sio­nie­rend und visi­onslos. Er entlässt uns nicht aus dem Gefängnis, den beide Manifeste um uns Designer herum aufge­baut haben. Schlimmer noch, der Artikel macht das Gefängnis noch hoff­nungs­loser und die Mauern noch dicker: Nach fast 40 Jahren kommen wir zu dem Schluss, dass wir auch keine Lösungen haben. Aber immerhin funk­tio­nieren die Espressomaschine und die Zentralheizung noch … where do we go from here?

Deine Ehrlichkeit muss man dir hoch anrechnen.
Für das Manifest bedeutet dieser Umstand aber, dass es geschei­tert ist.
Es musste zweimal geschrieben werden und beim dritten Aufwärmen wird es schal.

Ich finde das nicht beson­ders über­ra­schend.
So nobel das Ziel des Manifestes, so eindi­men­sional seine Botschaft.

Das Manifest hat einen Geburtsfehler, der das Design auf Jahre hinaus in seiner Entwicklung blockiert hat: Es unter­scheidet zwischen »denen« (Hersteller von Hundekuchen, Kreditkarten, Haargel etc.) und »uns«, die mit Geld dazu gezwungen werden, für diese Dinge Werbung zu machen, das »kranke System stützen« und sich dafür schämen. Ich glaube, uns ist die histo­ri­sche Dimension dieses Geburtsfehlers gar nicht bewusst. Wo wäre Design heute ohne diesen Unterschied?

Dieser Unterschied ist unser Gefängnis: Wir müssen uns entscheiden, ob wir zu »denen« oder zu »uns« gehören. Es gibt keine Alternative. »Die« machen die Fehler, »wir« verkaufen sie … oder werden »Künstler-Designer«. Pest oder Cholera. Hat schon mal jemand auf slanted​.de nach­ge­zählt, wie viele von Designern gemachte (und in homöo­pa­thi­schen Auflagen selbst finan­zierte) Magazine über »Orte«, »froh sein« oder »Kunst, Design und Fotografie« jeden Monat raus­kommen? Das scheint die einzige real exis­tie­rende Alternative zwischen denen und uns zu sein. Deprimierend.

Ich will nicht die billige Polemik aufma­chen, dass wir alle Haargel, Kreditkarten und (so hoffe ich doch zumin­dest) Putzmittel verwenden bzw. Konsumkritik üben, während wir auf Designermöbeln sitzen. Das ist nicht das Problem.

Das Problem ist: Wir wollen als Designer mit der Planung und Herstellung sowie mit der Gestaltung der Umstände, unter denen diese Dinge das Licht der Welt erbli­cken, nichts zu tun haben. Das sollen die machen: Die Wirtschaft und die Politik. Wir machen das Drumherum, ob nun dafür (Werbung/Corporate Design), dagegen (poli­ti­sche Plakate) oder weder/noch (Kultur). Damit sind wir nur mitschuldig, unschuldig oder weder/noch-schuldig.

Das ist zu wenig!
Designer müssen endlich aus diesem Gefängnis ausbre­chen!
Weg mit den Grenzen von DIN A4, HKS und 72 dpi!
Ich fordere Designer auf, sich schuldig zu machen, und zwar richtig!

Damit würden wir tatsäch­lich Verantwortung über­nehmen und könnten haftbar gemacht werden.
Man müsste uns ernst nehmen, weil wir ernst­haften Schaden anrichten könnten.
Ganz nebenbei würde auch die Bezahlung besser werden (wie an dieser Stelle so oft gewünscht wird).

Warum sind die meisten Wirtschaftsführer Ingenieure?
Warum sind die meisten Politiker Lehrer oder Juristen?
Weil sie nicht das Gefühl haben, ihren Beruf zu verraten, wenn sie an die entschei­denden Stellen in unserer Gesellschaft aufsteigen. Wir hingegen glauben, dass wir aufhören würden, Designer zu sein, wenn wir »die Seiten wech­seln«. Dann wären wir einer von denen, schmut­zige Finger, der Feind … vorbei das schöne Leben aus Farben und Formen.

Bertold Brecht hat geschrieben: Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank?
Heute wissen wir: Wir können das Gründen von Banken nicht allein den Bankern über­lassen. Das wird nichts.

Ich will beileibe nicht behaupten, dass Designer die besseren Menschen, Politiker oder Banker wären.
Genauso wenig sind Frauen die bessern Kanzlerinnen oder führen weniger Kriege.

Aber: Wir vertrauen unsere Welt immer mehr Experten an, die die komplexen Probleme für uns lösen sollen.
Das bringt unsere Demokratie in Gefahr. Es ist heute beispiels­weise nicht mehr möglich, den korrupten Vorstand einer Hamburger Bank zu entlassen, weil das den Einsturz der Bank bedeuten würde. Wir sind in der Geiselhaft der Technokraten!

Designer hingegen sind Generalisten.
Sie arbeiten sich in eine Vielzahl von Themen ein.
Sie beschäf­tigen sich mit den Motivationen und Interessen von anderen Menschen.
Sie machen Dinge benutzbar und nütz­lich.
Sie machen Zukunftsvorstellungen und Strategien verständ­lich.
Sie entwerfen und stellen Lösungen für Probleme auf den Tisch – greifbar, konkret und über­prüfbar.
Sie vertrauen nicht immer dem »das haben wir schon immer so gemacht«“, sondern suchen neue Wege.

Das alles soll nur dazu gut sein, Magazine, Webseiten, Erscheinungsbilder und Plakate zu machen?

Für mich ist beispiels­weise Muhammed Yunus, der Erfinder des Mikro-Kredits, ein Designer im besten Sinne. So viel zu den verteu­felten Kreditkarten. Jetzt brau­chen wir nur noch die besseren Hundekuchen. Wir sollten ganz oben ins Regal greifen. Das können wir auch.

Die Grenzen in unseren eigenen Köpfen sind bekann­ter­massen am schwie­rigsten zu über­winden. Das Land dahinter ist aber aufre­gend. Und dort liegt sehr viel Zukunft für das Design.


Das Doppelleben des Designers (Anti-Design)

von Erik Spiekermann

Der nach­fol­gende Beitrag erschien vorges­tern unter dem Titel “The Designer’s Double Life” auf der Website des briti­schen Magazins Blueprint und wurde über Twitter tausend­fach empfohlen. Ich habe mir beim Autor die Genehmigung zum Übersetzen und veröf­fent­li­chen hier im Fontblog geholt. Foto: Jürgen Siebert.

Wenn Architekten vom Funktionalismus genervt sind, ändern sie Louis Sullivans Lehrsatz »Form follows func­tion« in »Form follows fun« um und schmü­cken ihr Gebäude mit belie­bigen Elementen. Türmchen, Betonsegel, Stufenpyramiden, Bögen, Architrave und jede Menge Zierrat, der keinen Zweck erfüllt außer Zierrat zu sein. Wenn Grafikdesigner gelang­weilt sind von der Perfektion ihrer neuen Rechner, die ihre Arbeit pixel­genau rendern, rebel­lieren sie mit einem selbst geschrie­benen Programm, das die Konturen von Buchstaben per Zufall verän­dert und Texte bei jedem Druck anders aussehen lässt. Ein Editorial Designer, dem der gelie­ferte Text eines Autors nicht gefiel, setzte ihn einfach aus einer unles­baren Dingbats-Schrift.

Dieser Akt unfassbar mutiger Missachtung machte ihn berühmt, zumin­dest in jenen Kreisen der Studenten, die dazu verdammt waren, ihr Leben als Layout-Sklave in einer Werbeagentur zu fristen. Mich nannte mal einen Design-Professor Verräter, weil ich meine Mitarbeiter dazu anhielt, für fins­tere kapi­ta­lis­ti­sche Unternehmen zu arbeiten, während er seinen eigenen Kampf gegen die Ausbeutung unseres Berufsstandes lobend hervorhob, der darin bestünde, Plakate gegen die Verbreitung von Aids und Hunger zu entwerfen. Er dachte, dies seien unglaub­lich mutige Botschaften gegen das Establishment. Wen wundert’s, dass er heute, nach 30 Jahren in einem sicheren Job, die staat­liche Rente genießt während ich immer noch die Peitsche über die armen Abhängigen in meinem Büro schwinge.

Es war schon immer leicht, in der sicheren Umgebung von Kunstzeitschriften oder Galerien zu protes­tieren, vor einem Publikum aus Designern, die viel lieber Künstlern wären, wenn es eine Aussicht auf ein sicheres Einkommen gäbe. Es ist in der Tat schwer mit dem Widerspruch zu leben, Botschaften zu entwerfen die Menschen dazu bewegen sollen, Geld auszu­geben, das sie nicht haben, für Dinge, die sie nicht brau­chen. Wenn sie die Hochschule verlassen haben, möchten Designerinnen allzu gerne Kinderbücher illus­trieren und Designer Plakate gegen das Böse in der Welt gestalten. Monate später sind sie froh vor einem Computer zu sitzen, der am laufenden Band endlose Variationen diagonal gestreifter Etiketten für die nächste  »Light«-Produkterweiterung ausspuckt. Natürlich ist unsere Welt in einem trau­rigen Zustand. Öffentliche Einrichtungen sind pleite, der Verkehr ist ein Alptraum, die Luft ist das Atmen nicht wert, an käuf­liche Politiker und hohe Arbeitslosenquoten haben wir uns gewöhnt. Sollten wir unser Fähigkeiten als Kommunikatoren, Strategen und Problemlösen nicht auf die wich­tigen Themen des Lebens richten? Den öffent­li­chen Verkehr? Effiziente und nach­hal­tige Energiequellen schaffen, bezahl­bare Wohnungen und einen lebens­werten Kiez?

Als das First-Things-First-Manifest von 1964, unter­schrieben von 22 briti­schen Designgrößen, im Jahr 2000 wieder­ver­öf­fent­licht wurde, unter­schrieben es jede Menge Designer aus aller Herren Länder. Viele von ihnen arbei­teten und arbeiten immer noch in einem Umfeld, das im Manifest so beschrieben wurde:

… Designer … setzen ihr Talent und ihr Phantasie dafür ein, Hundekuchen zu verkaufen, Designerkaffee, Diamanten, Putzmittel, Haargel, Zigaretten, Kreditkarten, Turnschuhe, Kosmetik, Light-Bier und Geländelimousinen. Kommerzielle Arbeit hat unsere Rechnungen bezahlt, aber viele Grafikdesigner haben sie inzwi­schen zum einzigen werden lassen, was ein Grafikdesigner tut. Und genauso nimmt die Außenwelt inzwi­schen das Design wahr. Die Zeit und Energie unseres Berufes wird dafür benutzt die Nachfrage nach Dingen zu schüren, die besten­falls unwichtig sind …

Auch ich habe das Manifest unter­schrieben, weil ich daran glaube, dass wir unsere Fähigkeiten viel eher dafür einsetzen sollten, die drän­genden Fragen zu lösen als die oben zitierten. Aber wovon sollen wir dann leben? Regierungen und Behörden sind die schlech­testen Auftraggeber, die man sich vorstellen kann. Sie unter­schätzen und unter­be­werten unsere Arbeit dauer­haft. Wir werden als das wahr­ge­nommen, was wir haupt­säch­lich tun: Leute, die dem häss­li­chen Gesicht des Kapitalismus ein Make-up verpassen. Außerhalb der kommer­zi­ellen Welt traut uns niemand einen wert­vollen Beitrag zu. Dieser Teufelskreis wird nicht durch­bro­chen, indem man gegen seine Teuflischkeit protes­tiert. Wir werden uns keine Freunde außer­halb unserer kleinen eigenen Welt machen, wenn wir die Hand beißen, die uns füttert. Am Abend in Kunstgalerien mit unserer nicht-kommer­zi­ellen Arbeit gegen Konsumterror und Überdesign protes­tieren, um am nächsten Morgen wieder unserer gewohnten Arbeit nach­zu­gehen mag unser Gewissen beru­higen, es löst aber nicht die Zwiespältigkeit unserer Arbeit.

Nicht dass ich eine Lösung hätte … Wenn mein Sohn mir vorwirft, dieses kranke System zu stützen, kann ich nur darauf verweisen, wenigs­tens unseren Mitarbeitern ein menschen­wür­diges Umfeld zu bieten. Wir haben eine Zentralheizung, Espressomaschine, schnelle Computer und eine ange­nehme Beleuchtung. Wir zahlen pünkt­lich Gehälter, gewähren 30 Tage Urlaub im Jahr, Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub und niemand wird einge­stellt ohne Zustimmung der zukünf­tigen Kollegen. Wir arbeiten auch nicht für echt-böse Produkte, wie Zigarettenmarken oder Banken. Obwohl wir niemanden umbringen und uns selbst nicht für unsere Kunden umbringen lassen, respek­tieren sie uns und wir respek­tieren sie und sie behan­deln uns genauso gut wie wir sie behan­deln. Wir bieten ein Umfeld mit so wenig wie möglich Entfremdung. Es geht nicht darum, was wir tun, sondern wie wir es tun. Ein ehrli­chere Antwort fällt mir nicht ein.


Braucht »Atomkraft? Nein Danke.« ein Redesign?

Die Süddeutsche Zeitung fragt sich: »Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke? Das gilt auch für den Widerstand. Es wird also Zeit, über ein neues Design für ein altes Protestbild nach­zu­denken.« Die berühmte Sonne mit dem Schriftzug »Atomkraft? Nein Danke.« wurde 1975 von einer Bürgerinitiative gegen Kernkraft im däni­schen Aarhus entwi­ckelt. Im Original hieß er »Atomkraft? Nej tack«. Die SZ meint nur: »Nur weil die Politik einen Salto rück­wärts gemacht hat, müssen wir das nicht auch tun. Wir wollen einen neuen Look. Laufzeitverlängerung für die alten Chiffren und Logos lehnen wir ab. Also haben wir den großen deut­schen Gestalter und Typographen Erik Spiekermann gefragt, ob ihm ein paar zeit­ge­mäße Versionen zum alten Klassiker einfallen.«

Spiekermann schickte vier Varianten und seine Thesen dazu, darunter ein nur leicht aktua­li­sierter Entwurf (oben rechts), der an die zeit­lose Stärke des Originals anknüpft: die höfliche Gewaltlosigkeit. Die Alternative dazu wäre eine Verschärfung der Tonart. Süddeutsche: »Redet ihr nicht mit uns, mauschelt ihr eure Deals mit der Atomwirtschaft, nehmt ihr unser Anliegen und eure eigenen Versprechen nicht mehr ernst, dann reden wir auch nicht mehr mit euch.«


Keine Angst vor dem Tod des Buches

Nelson, Coupland und Alice sind drei E-Book-Konzepte der welt­weit agie­renden Innovationsberatung Ideo (Palo Alto, Kalifornien). Das oben einge­bet­tete Video »The Future of the Book« stellt sie in 4 Minuten vor. Ein Klick auf das Vollbild- und das HD-Icon erhöht den Sehgenuss. Die Diskussion ist eröffnet …


Was von Jungdesignern erwartet wird, was sie verdienen

Absolventen von Gestaltungshochschulen stehen am unteren Ende der Gehaltsskala: Dies ist das Fazit einer Umfrage, die das Mainzer Corporate Identity Institut (FH Mainz) gerade durch­ge­führt hat. Ziel der Befragung war, die finan­zi­elle Situation von Berufsanfängern in Kreativjobs zu beleuchten.

»Sexy und arm« – so über­schrieb der BDG im Februar 2010 eine Blitzumfrage unter Designern zum Thema Gehälter (Fontblog berich­tete). Dem voraus­ge­gangen war eine rege Diskussion im Fontblog im Januar 2010, die sich mit einer im »stern« erschie­nenen Umfrage befasste: »Grafikdesigner verdienen so wenig wie nie zuvor!«. Nach dieser Umfrage erhielten Designer 2008 durch­schnitt­lich 4.690 € brutto.

Das Mainzer Institut erin­nert sich: »Die Umfrage des BDG wider­sprach dieser Aussage deut­lich: 65% der Designer verdienen jähr­lich nur bis zu 25.000 €. Und auch wenn die BDG-Umfrage nicht reprä­sen­tativ war, so zeigt sie sehr klar, dass Designer in Bezug auf ihre Bezahlung sehr schlecht dastehen. Die Gründe hierfür sind viel­fältig.«

Die nun vom CI-Institut veröf­fent­lichte Studie (PDF laden), die auf einer nicht reprä­sen­ta­tiven Kurz-Umfrage basiert, widmet sich einem vergleich­baren Thema, nämlich der  Situation von Absolventen zu Beginn ihres Berufslebens. Der Leiter der Befragung, Prof. Robert Paulmann betont: »Bei unserer Umfrage ging es nicht darum, ein möglichst realis­ti­sches Bild der Gesamtsituation zu erstellen. Dass diese nicht rosig aussieht, ist allen Beteiligten bekannt. Vielmehr sollte darge­stellt werden, was gute, seriöse und faire Arbeitgeber Absolventen zahlen und von ihnen verlangen. Absolventen die sich hier­über im Klaren sind, werden es leichter haben, sich zu orien­tieren und u. a. ihr Studium entspre­chend auszu­richten.«

Eines sollte den Studierenden jedoch bewusst sein: Die von den Mainzern ange­fragten Agenturen gibt es nicht wie Sand am Meer. Das bedeutet, dass über­haupt nur ein Teil der Absolventen die Gelegenheit bekommen wird, einen dieser inter­es­santen und eini­ger­maßen fair bezahlten Arbeitsplätze zu bekommen. Welche Kriterien – neben einer hervor­ra­genden Mappe – hierbei eine zentrale Rolle für die Auswahl spielen, wurde eben­falls abge­fragt und fest­ge­halten. Zahlreiche Kommentare der Agenturen runden das Bild ab.


Edenspiekermann macht’s richtig

Als ich hier vor mehreren Wochen die ersten Webfonts vorstellte – Heute ist Webfont-Tag (1) vor allem aber Heute ist Webfont-Tag (2): Fragen & Antworten – entbrannte schnell eine Diskussion über Preise, Lizenzen, Technik und die Frage ›Mieten oder selbst hosten?‹. Was ich vermisst habe war eine wie auch immer formu­lierte Vorfreude auf neue Herausforderungen und Jobs für Designer. Erik Spiekermann drückte das in einem Kommentar damals so aus: »… dieje­nigen, die immer schon vernünf­tige typo­grafie auch online fordern, (sollten) dankbar sein, dass es diese möglich­keiten endlich gibt. FontShop International ist vorge­prescht, weil in unserem typeboard leute aus der praxis sitzen, die ihren lebens­un­ter­halt mit dem gestalten von kommu­ni­ka­tion in unter­schied­li­chen medien verdienen. Die webde­si­gner in meinem büro sind auf jeden fall froh ….«

Die logi­sche Konsequenz dieser Einstellung ist die heutige Pressemitteilung von Edenspiekermann, die eigent­lich nichts Sensationelles vermeldet und doch beispiellos ist, weil ich sie von anderen Designbüros so noch nicht wahr­ge­nommen habe. Unter der Headline »Typografische Freiheit fürs Web« wirbt die deutsch-nieder­län­di­sche Agentur um Aufträge für das lange Zeit brach­lie­gende Feld der Netz-Typografie: »Ein für Webdesigner lang ersehnter Schritt erlaubt freies typo­gra­fi­sches Gestalten im Internet. Dies ermög­licht Unternehmen und Marken künftig einen medi­en­über­grei­fenden visu­ellen Auftritt. Edenspiekermann testet die neue Freiheit am eigenen Leib. Ab sofort erscheint die Homepage in der Hausschrift ESPI Sans & Slab.« Fazit: »Edenspiekermann plant, seinen Auftraggebern die neue Dienstleistung bald anbieten zu können.«

Das ist vorsichtig formu­liert. Auch wenn das Angebot an Webfonts noch klein ist und der ein oder andere Browser noch nicht im Boot ist: Die Zeit ist reif für die ersten Akquisen!