BLINK – Kalenderprojekt aus Berlin

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Der BLINK-Fotokalender von Susanne Schwalbach und Etienne Girardet ist kein Themenkalender mit uniformem Stil. Im Gegenteil: der Kalender spricht seine eigene Sprache. Die Bilder begleiten durch jeden Tag des Jahres, inspirieren und erzählen Geschichten – jedes einzelne, viele auch als Teil einer Reihenfolge.

Mit der Verortung im Jahresgefüge machen die Fotos neugierig auf die nächsten – manchmal überraschend, oft im Kontext, immer aus einer besonderen fotografischen Sichtweise. So zeigt der Kalender Unerwartetes und Lustiges, Tiefgründiges und Trauriges, Vergangenes und Aktuelles.

Der Abreißkalender enthält Fotos von 40 Personen – von Amateurfotograf_innen bis zu Profis. Eine sehr spannende, stets unerwartete Mischung. Je nach Belieben auf dem Tisch stehend oder an der Wand hängend führt er im Format A6 mit 366 Momentaufnahmen durch das kommende Schaltjahr.

BLINK ist das perfekte Geschenk – fürs Herz, fürs Auge, für die Küche, fürs Wohnzimmer, für Freunde und Familie, für Fotoliebhaber_innen. Für 32,- Euro macht BLINK ein ganzes Jahr lang Freude.

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Etienne Girardet, Susanne Schwalbach
BLINK Fotokalender 2016
Format A6, fünf Zentimeter stark, 800 Gramm. Gedruckt im vierfarbigen Offsetdruck mit hochwertiger Klebebindung. Einsetzbar als  Tisch- oder Wandkalender.

→ Kalender bei den Herausgebern bestellen …

Unter allen Kommentierenden verlosen wir unser Rezensionsexemplar. Einsendeschluss ist Montag, der 26. September um 12:00 Uhr mittags.

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1. Teilnahmeberechtigt sind alle Personen ab 14 Jahren. Angestellte von Monotype und ihre Angehörigen sind von der Teilnahme ausgeschlossen. 2. Alle Personen, die sich mit einem Kommentar im Fontblog beteiligen, werden automatisch Teilnehmer am Gewinnspiel. 3. Der Gewinner wird durch Losentscheid ermittelt und per E-Mail am Ende des Gewinnspiels benachrichtigt. Der Gewinner erhält einen BLINK-Fotokalender. Der Preis kann nicht umgetauscht oder in bar ausgezahlt werden. 4. Monotype behält sich das Recht vor, diese Teilnahmebedingungen jederzeit zu ändern oder das Gewinnspiel ganz oder teilweise vorzeitig zu beenden. 5. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Fotos: © Etienne Girardet, www.pacificografik.de


Das TYPO Day Seminar besucht Wien

Wiener und alle Typografie-Profis aus der Alpenrepublik können sich am 23. Oktober im WestLicht auf den aktuellen Stand der Kommunikation mit Schrift bringen.

TYPO Day ist das Ein-Tages-Seminar für professionelle Designer, Markenbetreuer und Publishing-Experten und bringt die aktuellen Themen in der digitalen schriftlichen Kommunikation auf den Punkt.

Neben den Vorträgen sind die Begegnungen zwischendurch für viele Besucher der Hauptgrund für den TYPO-Besuch. Ein persönlicher Dialog unter Kolleginnen und Kollegen bringt oft mehr als Telefonate und E-Mails.

TYPO Day_Wien_Sketchnote-Nadine-Rossa

In kleiner Runde und im Detail zeigen hochkarätige Redner Wege wie beste Lesbarkeit und differenzierte typografische Ausdrucksmittel über alle Kanäle sichergestellt werden. Sketchnote: Nadine Roßa

Es sprechen: Erik Spiekermann (Video), Indra Kupferschmid, Atilla Korap, Johannes Bergerhausen, Henning Skibbe und Michael Hochleitner.

Diskussionen entwickeln Antworten auf alle Satz-Fragen: Wie wähle ich die richtige Schrift? Welche Anforderungen stellen E-Book und Screens? Was bedeutet Unicode? Brauche ich Emojis? Was muss ich beim Einsatz von Schriften in Zeitungen und Zeitschriften besonders beachten?

Noch bis 30. September können sich Teilnehmer zum Early-Bird-Preis von 198 Euro* anmelden (ab 1. Oktober 298 Euro*). Einen satten Rabatt gibt es für das 3er-Gruppenticket: 3 Personen für 447 Euro*. Hier zum TYPO Day Wien anmelden.

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 *Laut Kleinunternehmerregelung (§ 6 Abs. 1 Z 27 UStG) enthalten die Tickets keine Umsatzsteuer. 


Adrian Frutiger, 1928–2015

Adrian Frutiger, Interlaken 2004, © Fontblog

Gestern wurde bekannt, dass der große Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in seinem langjährigen Wohnort Bremgarten bei Bern verstorben ist. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien, zum Leidwesen der Familie, die den Todesfall – auf ausdrücklichen Wunsch des Designers – nicht direkt der Öffentlichkeit preisgeben wollte. Es wird auch keine Trauerkarten und keine Todesanzeige geben.
Die Bescheidenheit Adrian Frutigers war legendär. Doch bei aller Zurückhaltung konnten er und seine Erben nicht verhindern, dass sich tausende Schriftbenutzer und zig Schriftentwerfer in den vergangenen 24 Stunden von Frutiger verabschiedeten sowie sich für sein einflussreiches Schaffen bedankten. Einige Beispiele:

Adrian Frutiger wurde am 24. Mai 1928 in Unterseen an der Aare, Kanton Bern, geboren. Nach einer Schriftsetzerlehre in Interlaken und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich (1949–1951) bei Alfred Willimann und Walter Käch arbeitete Frutiger zunächst als Grafiker in Zürich. Ein Jahr später wurde er Mitarbeiter der Pariser Schriftgiesserei Deberny & Peignot. Im Sommer 1962 gründete er mit Bruno Pfäffli und André Gürtler sein eigenes Grafikatelier in Arcueil bei Paris.

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954 (weitere Schnitte sind inzwischen hinzugekommen): die erste Ziffer steht für die Strichstärke, die zweite für die Buchstabenbreite, wobei gerade Ziffern »oblique« bedeuten

Die Schrift Univers, die Adrian Frutiger weltberühmt machte, geht auf Übungen zurück, die er bereits 1949 als 21jähriger an der Kunstgewerbeschule durchführte. Das eigentlich Neue an Univers war, dass eine Schriftfamilie erstmals als geschlossenes System entworfen und vermarktet wurde. Ausgangspunkt ist der Normalschnitt Univers 55, von dem aus sich alle weiteren herleiten. Der Kontrast ist so austariert, dass sich die Schrift auch für lange Texte eignet. Frutiger legte großen Wert auf die Abstimmung der Strichstärkenunterschiede zwischen Versalien und Gemeine. Für damalige Zeiten ist die Mittellänge ungewöhnlich hoch.

Univers brauchte 15 Jahre, bis sie überall bekannt und auf den unterschiedlichen Geräten (Blei und Fotosatz) verfügbar war. Dem Ende der 60 Jahre vorherrschenden rationalistischen Stil in der Typografie kam die kühle, systematisch entwickelte Familie entgegen. Sie entsprach dem Anspruch auf ›Total Design‹, wie Wim Crouwel und Ben Bos ihr Designbüro 1964 tauften. In Holland wurde Univers eine Art Nationalschrift, in den USA und Deutschland setzten die Grafiker eher auf Helvetica.

Der technische Wandel des Fotosatzes spornte Adrian Frutiger an: »Im Blei habe ich die Schrift und ihre Fähigkeit, mit immer denselben Lettern die ganze geistige Welt lesbar werden zu lassen, zuerst erlebt. Damit erwachte in mir das Bedürfnis, die bestmögliche Lesbarkeit zu entwickeln.« erinnert er sich rund 30 Jahre später in einer Biografie. »Schnell kam die Zeit, in der ein Text nicht mehr mit Bleibuchstaben, sondern durch einen Lichtstrahl gesetzt wurde. Die Aufgabe, die Schriften der alten Meister vom Hoch- in den Flachdruck umzudenken, war für mich die beste Schule. Als es jedoch um den Grotesk-Stil ging, hatte ich meine eigene Vorstellung: es enstand die Univers-Familie.«

1997 wurde Univers von Adrian Frutiger und Linotype komplett überarbeitet, auf 59 Schnitte erweitert und dreistellig nummeriert: Linotype Univers. 2004 erschien Univers Next mit weiteren Stilen (71 Schnitte), erweitertem Zeichensatz und systematischem Aufbau.

Schnittmuster fr das zweisprachige Flughafen-Leitsystem

Gesetzt aus aus Frutiger: Schnittmuster für das zweisprachige Leitsystem des »Aéroport Charles de Gaulle«, eröffnet im März 1974

Als der französische Ministerrat 1964 beschloss, auf dem dünn besiedelten Ackergelände nahe der Dorfschaft Roissy-en-France einen neuen Großflughafen zu errichten, wurde der junge Architekt Paul Andreu mit dem Entwurf betraut. Er veranstaltet er eine Serie von Workshops mit Architekten, Designern, Psychologen und Künstlern, darunter Adrian Frutiger, der mit seiner 1957 erschienenen Erfolgsschrift Univers die Beschilderung entwickeln sollte.

Doch Univers war ihm zu geometrisch und geschlossen für die schnelle Wahrnehmung auf Wegweisern. Also griff Frutiger auf einen 7 Jahre alten Sans-Serif Entwurf namens »Concorde« zurück, den er mit André Gürtler für das Satzunternehmen Sofratype gezeichnet hatte. Die Farbpsychologen legten für das Leitsystem einen gelben Hintergrund fest, die französischen Hinweise sollten in weiß, die englischen in schwarz aufgedruckt werden. Für die Präsentation griff Frutiger zu Letraset-Farbfolien. Das Wort ›Départ‹ schnitt er mit einer kräftigeren Concorde aus, das schwarze ›Departures‹ klebte er darunter auf. Die bessere Lesbarkeit gegenüber Univers überzeugte sofort alle. Und Paul Andreu war begeistert von der Idee einer eigenen ›Flughafenschrift‹.
Als der »Aéroport Charles de Gaulle« im März 1974 eingeweiht wurde, setzte auch das Leitsystem Maßstäbe. Typografen aus aller Welt wünschten sich die Schrift für Drucksachen. 1977 brachten die D. Stempel AG und Linotype Frutiger auf den Markt. Sie wird rasch zum Bestseller und mehrfach erweitert, zuletzt 1999 vom Schöpfer selbst.

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Zwei Jahre nahm sich Adrian Frutiger Zeit für den »Relaunch« Frutiger Next. Alle Zeichen wurden neu digitalisiert, wobei die Grundformen nahezu unverändert blieben. Lediglich das ß und das et-Zeichens entstanden neu, s und t erfuhren ein dezentes Facelifting. Die Strichstärkenabstimmung ergab nun 6 statt 5 Stufen, und eine echte Kursive rundete Frutiger Next ab.

Univers und Frutiger sind nur zwei von über 20 Schriftfamilien, die Adrian Frutiger in rund 60 Jahren schuf. Dabei ist bemerkenswert, dass er in allen Schriftdesign-Stilen eine bahnbrechende Qualität schuf. Seine Avenir ist eine der besten geometrischen Sans-Schriften, Egyptienne F und Glypha werden von den Freunden der Slab-Serif-Schriften verehrt und seine Vectora ist immer noch einzigartig in der Klasse der Anglo-Grotesk-Schriften.

Alle diese Schriften tragen Adrian Frutigers Design-Philosophie in sich, nämlich dass »Lesbarkeit und Schönheit ganz nahe beieinander stehen und dass die Schriftgestalt in ihrer Zurückhaltung vom Leser nicht erkannt, sondern nur erfühlt werden darf. Die gute Schrift ist diejenige, die sich aus dem Bewußtsein des Lesers zurückzieht, um den Geist des Schreibenden und dem Verstehen des Lesenden alleiniges Werkzeug zu sein.« Mit anderen Worten: Die Qualität von Frutigers Schriften beruht nicht auf oberflächlichem bzw. formalen Kriterien, sondern einer strukturellen Leserlichkeit. Diese DNA in seinen Entwürfen zu entdecken bedarf eines geschulten Auges. So gesehen wäre es nicht überraschend, wenn auch die (noch) nicht so populären aber gleichermaßen vorzüglichen Schriften von Adrian Frutiger irgendwann den Durchbruch in der typografischen Welt schaffen.

Im Jahr 2007 führte der Berliner Filmemacher Sebastian Rohner ein langes Interview mit dem Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger. »Einer der größten Designer des 20. Jahrhunderts ist den meisten Menschen vollkommen unbekannt. Dieses Interview soll das ändern.« schrieb er in der Erläuterung des inzwischen auf YouTube freigegebenen Videos. Der aufschlussreiche Film wirft nicht nur ein Licht auf den bedeutenden Schriftentwerfer sondern auf eine Designdisziplin, die kaum exotischer sein könnte und doch alle (lesenden) Menschen berührt.


Frische Farben für das nächste Jahr

cmyk kalender 2016-1500

Das nächste Schuljahr hat in Berlin gerade begonnen. Begleitet von guten Vorsätzen für den Lernerfolg. Für die guten Farb-Vorsätze im kommenden Kalenderjahr bringt der Hermann Schmidt Verlag Mainz den C | M | Y | K Color Swatch Calendar 2016 heraus, ein schön gestalteter Kalender mit Farbinspiration für jeden Tag.

Peter von Freyhold gestaltete ein »Farb-Septett« pro Woche, das durch tägliches Abreißen eines Farbstreifens mit den darunter liegenden Farben in Dialog tritt. Jeder Farbstreifen zeigt die Wirkung seiner Farbe auf zweiseitigem Chromokarton (coated/uncoated) und verrät die exakten Prozentwerte von Cyan, Magenta, Yellow und Black.

cmyk kalender 2016 -1500pxMittels der im Kalenderkopf eingebauten Buchschraube lassen sich eigene Farbwelten zusammenstellen: beim Entwurfsprozess, im Kundenmeeting, während der Planungsphase. Und während die Kalenderblätter fallen, füllt sich das private Favoritenkästchen von Tag zu Tag. Selbstverständlich lassen sich die Farbstreifen auch als Lesezeichen, Notizzettel oder für analoge Short Messages verwenden.

cmyk kalender 2016-1500Peter von Freyhold:
CMYK-Farbfächer-Kalender 2016
, coated/uncoated, Wochenkalender mit 371 Tages-Farbstreifen zum Abreißen und Generieren täglich neuer Farbmischungen mit genauen CMYK-Werten in einer Box zum Archivieren der Farbstreifen, Format 11 x 24 cm.

→ Kalender beim Verlag bestellen …

Welche sind Eure persönlichen Farbtrends für diesen Herbst? Und warum? Unter allen Kommentierenden verlosen wir unser Rezensionsexemplar. Einsendeschluss ist übermorgen, Freitag, der 4. September um 12:00 Uhr mittags.

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Fotos: © Peter von Freyhold

 


Druckkunst und Typografie in Weimar

Walbaum-Workshop-Weimar

Ein Highlight der typografischen Veranstaltungen zum Sommerende beleuchtet die Rolle der Schriften im Bauhaus. Laszlo Moholy-Nagy erwähnt den Begriff der Neuen Typografie erstmals im Jahr 1923 in einem Beitrag zur Bauhaus-Ausstellung in Weimar. Jan Tschichold greift die radikalen Thesen der Bauhaus-Künstler auf und verbreitet sie im Laufe der 1920er-Jahre unter dem Begriff der Elementaren Typografie.

In Weimar, dem Gründungsort der Bauhaus-Bewegung, betrachtet das Druckgrafische Museum am 12. bis 13. September in seinem 2. Wochenend-Seminar die Elementare Typografie in Vorträgen und Workshops.

Zum Programm gehören:

  • eine Führung im Bauhaus-Museum
  • Vorträge von Albert-Jan Pool und Ferdinand Ulrich
  • ein Bleisatz-Workshop in den Werkstätten der Pavillon-Presse

Die Anmeldung für das 2. Walbaum-Wochenende ist bis 16. August möglich. Die Teilnahmegebühr beträgt 99,- Euro (für Studenten 45,- Euro). Die Teilnehmerzahl ist auf 35 Personen limitiert.

Die Walbaum-Wochenenden sind eine Veranstaltungsserie der Pavillon-Presse in Weimar. Sie verbinden die Vermittlung von theoretischem Fachwissen mit Workshops im Museum. Nach dem erfolgreichen Auftakt im Juni findet im September das zweite Walbaum-Wochenende in Weimar statt.

Details und Anmeldung unter: http://walbaum-wochenende.de


Für Mikroverleger: #indiemagday in Hamburg

„Lasst uns die Vielfalt der unabhängigen Magazine feiern und ihre smarten und furchtlosen Mikroverleger“. Unter diesem Motto findet am Sonntag, den 30. August im Hamburger Oberhafen der erste #indiemagday statt. Die Veranstaltung soll Menschen zusammen bringen, die ohne großen Verlag im Rücken ein Magazin publizieren – und sie zeigt die Vielfalt ihres kreativen Schaffens. Die „Free Trade Zone for Printed Goods“ im Oberhafen ist von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet.

Indiecon 2015: The independent Magazine Festival Conference: 28+29 Aug 2015 #indiemagDay: 30 Aug 2015 Hamburg, Germany Poster Serial for #indiemagday

© Malte-HM-Spindler-Die-Brueder-Indiecon-2015

Gemeinsam mit etwa 50 Magazin-Verlegern aus aller Welt wird im Hamburger Oberhafen die unabhängige Magazinkultur gefeiert. Mit dabei sind internationale Vertreter der unabhängigen Magazinkultur, Mikroverleger wie Ibrahim Nehme aus Beirut („The Outpost“), Kai Brach aus Melbourne („Offscreen“) und Ryan Fitzgibbon aus New York („Hello Mr.“). Die Veranstaltung bietet Raum für den Austausch, mit den Menschen hinter den Magazinen, um nach Raritäten zu stöbern und Indiemags aus unterschiedlichsten Sparten zu entdecken, zu kaufen oder zu tauschen.

Der #indiemagday ist Teil der Fachkonferenz Indiecon – The Independent Magazine Festival, das am 28. und 29. August für unabhängige Magazin-Verleger aus Kunst, Design, Fotografie und Illustration statt findet. Wann und wo? 30. August, 8:00 bis 18:00 Uhr, „Oberhafen“, Halle 4, Stockmeyerstr. 41, 20457 Hamburg.

Weitere Informationen zum #indiemagday → www.indiemagday.de und zur Indiecon → www.indieforever.de


Kunde Antragsteller: Nutzererlebnis Hartz IV Formular

Während Sign-Up Prozesse digitaler kommerzieller Unternehmen bis ins letzte Detail optimiert und auf das Nutzererlebnis ausgerichtet sind, sind Anträge von Bürgern an staatliche oder kommunale Institutionen für den Antragsteller oft schwer verständlich und von Design und Wording lediglich auf die Bedürfnisse der jeweiligen Institution ausgerichtet: Der Antragsstellende hat der leistungserbringenden Institution nachzuweisen, dass ein Anspruch auf Leistung besteht. Die Benutzerfreundlichkeit des Antrags ist zweitrangig.

Wie würden Prozesse, wie ein Hartz-4-Antrag aus der Position des Antragstellers aussehen? Und wenn eine webbasierte Form der Antragstellung den Antragsteller ermutigen und beim Ausfüllen unterstützen würde?

Auch wenn der sechsseitige Hauptantrag inzwischen als pdf-Dokument online auf dem Server der Arbeitsagentur zur Verfügung steht, kann er nicht ausgefüllt gesichert sondern nur ausgedruckt werden. Die Möglichkeiten des Mediums werden ignoriert. Ein großes Versäumnis, findet Thomas Weyres. Auf der diesjährigen Re:publica stellte er einen Antragsteller-freundlichen Ansatz für den Harz IV Antrag vor, der die Möglichkeiten des Web einsetzt.

Thomas Weyres Zentrale Intelligenz AgenturThomas Weyres ist Designer aus Berlin, hat für Marken wie MTV, Sony und Ableton gearbeitet, ist geschäftsführender Gesellschafter der Zentralen Intelligenz Agentur und Lehrbeauftragter am Fachbereich Kommunikationsdesign an der HTW Berlin. Von 2012 bis 2014 war er Mitgründer und Creative Director der Social Reading Plattform dotdotdot. 

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Sign up for Hartz IV

Wie der Hartz IV-Antrag aussehen könnte, wenn er vom Antragsteller aus gedacht werden würde.

von Thomas Weyres

Zusammenfassung der Session “Sign up for Hartz IV” auf der Re:publica 2015

Hartz IV, oder eigentlich Arbeitslosengeld II, wird in diesem Frühjahr (2015) von ca. 4,4 Millionen Menschen bezogen. 4,4 Millionen Menschen, deren Lebenssituation so individuell ist, wie wahrscheinlich die Gründe, warum sie Hartz VI beziehen. Eines haben alle 4,4 Millionen gemeinsam: Sie haben den Hartz IV Antrag bewältigt.

Der Antrag

Der Antrag, 2013 von Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit, mit Hilfe externer Experten, letztmalig überarbeitet, umfasst sechs Seiten und, je nach individueller Situation, bis zu 16, teilweise mehrseitige Anlagen.

Der Hauptantrag ist in neun Abschnitte unterteilt, die den Antragsteller durch Kapitel mit Aussagen zu seinen persönlichen Lebensumständen leiten. Nach der schriftlichen Angabe persönlicher Daten zu Namen, Nachnamen und Adresse, müssen Aussagen mit Ja oder Nein bestätigt oder dementiert werden. Zudem gibt es Bereiche, bei denen zu Aussagen eine Auswahl an Antworten ausgewählt werden kann.

Nach der Bestätigung einiger Aussagen bedarf es schriftlicher Nachweise, die dem Antrag hinzugefügt werden müssen. Zum Beispiel Bescheinigungen bzgl. der Krankenversicherung oder Nachweise über ein Ausbildungsverhältnis.

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Der Arbeitslosengeld II Hauptantrag: Der aktuelle Antrag umfasst 6 Seiten

Der Hauptantrag und die Anlagen zu diesem, können auf den Webseiten der Jobcenter und der Bundesagentur für Arbeit als PDF heruntergeladen werden. Dieses müssen in Adobe Acrobat ausgefüllt werden, dann ausgedruckt und unterschrieben an das zuständige Jobcenter per Post gesendet werden.

Der Antrag: Problem

Die große Schwäche des Antrages ist, dass dieser aufgrund seines statischen Charakters alle denkbaren Lebensumstände aller Antragsteller abbilden muss. Und diese jedoch in ihrer Vielfältigkeit nicht ihrer Gänze abbilden kann, sondern auf immer weitere Anlagen verweist und sich der Antrag immer weiter verschachtelt. Und für den Antragsteller mit jedem Fortschritt neue Aufgaben generiert.

Primär wird versucht, auf dem Antrag eine Lösung für zwei grundsätzlich unterschiedliche Anforderungen abzubilden:

1. Die verwaltungstechnischen Prozesse bei der Bearbeitung des Antrages. Auf dem Antrag abgebildet durch die Spalte rechts, auf der der Bearbeiter auf Seiten des zuständigen Jobcenters Vermerke bzgl. eingereichter Anlagen, etc. unterbringen kann.

2. Die technischen Anforderungen bei der Weiterverarbeitung des Antrages. Anträge, und Formulare allgemein, werden oft mit der Software erstellt, die diese auch weiterverarbeiten kann. Das bedeutet, dass Formulare mit der Scan-Software, die die Formulare einliest, gestaltet werden — mit all den Limitationen die diese ggf. mit sich bringt.

Erst sekundär wird auf die Nutzererfahrung des Antragstellers eingegangen — und auf den Kontext, aus dem heraus der Antrag gestellt wird.

Überlegungen

Wie könnte, bzw. sollte ein Antrag aufgebaut und gestaltet sein, der die Bedürfnisse des Antragstellers nach Orientierung, Verständlichkeit und Zeit- und Kosteneffizienz bei der Bearbeitung ernst nimmt – und der den Kontext, aus dem der Antrag gestellt wird, ernst nimmt?

Der Antragsteller befindet sich auf Arbeitssuche, dies bedeutet, dass sich dieser in vielen Fällen in einer sensiblen emotionalen, und in den meisten Fällen keiner positiven finanziellen Situation befindet — und diese Situation oftmals nicht selber verschuldet hat. Menschen interagieren mit staatlichen Stellen wenn sie dazu gezwungen sind — dies ist jedoch kein Grund, diese Interaktion auf Basis mangelnder gestalterischer Empathie aufzubauen.

Die Komplexität des Antrages ist nicht angenehm, und sie kann es auch nicht sein, es gibt jedoch Wege, die Komplexität für den Nutzer im Prozess der Antragstellung zu reduzieren:

1. Aufgabe folgt Aufgabe!
Anträge, die darauf basieren, möglichst viele Aufgaben, die der Antragstellende zu bearbeiten hat, auf möglichst wenig Platz unterzubringen, sind fehleranfällig und für den Antragsteller oftmals schwer zu erfassen. Aufgaben lassen sich besser lösen, wenn diese einzeln bearbeitet werden können und aufeinander folgen:

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2. Aufgaben kontextabhängig und dynamisch generieren!
Beim Bearbeiten der aktuellen Anträge muss der Antragsteller durch eine große Anzahl an Aussagen navigieren, die für ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht relevant sind. Eine dynamische Gestaltung des Antrages würde es erlauben, durch die Bestätigung oder Ablehnung einer Aussage, Aussagen im weiteren Verlauf des Antrages auszuschliessen und dem Antragsteller nicht anzeigen zu müssen.

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3. Aufgaben generieren Handlungsanweisungen:
Aus Angaben zu Aussagen müssen für den Antragsteller klare Handlungsanweisungen generiert werden. Das bedeutet, dass für den Antragsteller klar werden muss, welche Unterlagen er für die weitere Bearbeitung des Antrages benötigt, wie diese aussehen und wo er diese findet.

4. Fokus auf erledigte Aufgaben — nicht auf noch zu lösende:
Für den Antragsteller ist die Bearbeitung des Antrages oftmals belastend und arbeitsaufwendig. Ein Feedback bzgl. des Fortschrittes, den der Antragsteller schon gemacht hat, sollte motivierend sein und diesem zudem Orientierung vermitteln.

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5. Keine Aufgaben stellen — sondern Dialoge führen:
Der Antrag sollte dialogisch gestaltet werden. Mit dem Ziel, dem Antragsteller das Gefühl zu vermitteln, ernst genommen zu werden. Der Antrag sollte nicht wie ein Verhör aufgebaut sein — er soll im besten Falle Empathie zeigen und Konversation auf Augenhöhe ermöglichen.
Ein gedruckter Antrag ist nicht dazu geeignet, dynamische Prozesse abzubilden — wie könnte also ein digitaler Antrag aussehen?

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Prototyping

Der bisherige Antrag weisst, wie oben erwähnt, bei 16 Aussagen auf teilweise mehrseitige Anlagen. Um einen individuellen, auf die Lebenssituation des Antragstellers zugeschnitten Antrag zu generieren, macht es Sinn, den Prozess der Antragstellung in zwei Teile aufzuteilen:

a) Einen Fragenkatalog, der primär darauf abzielt, besondere Lebensumstände des Antragstellers abzufragen, um

b) im zweiten Teil auf diese Lebensumstände individuell eingehen zu können.

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Das bedeutet, dass im ersten Teil alle Fragen gestellt werden, die im alten Antrag zu möglichen Anlagen geführt hätten, und im zweiten Teil auf die für den Antragsteller relevanten Fragen eingegangen wird.

Dies verkürzt den Prozess der Antragstellung immens und ermöglicht zudem, dem Antragsteller nach Abschluss der Bearbeitung des ersten Teils eine To-Do-Liste mit allen Unterlagen zu generieren, die er braucht, um den zweiten Teil bearbeiten zu können.

In einem Prototyp, könnte der erste Teil des Antrages so aussehen:

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Karten, als Designpattern, eignen sich hervorragend, den Antragsteller einzelne Aufgaben fokussiert bearbeiten zu lassen. Zudem ermöglicht eine gestapelte Anordnung der Karten, dem Antragsteller Orientierung über die noch zu erledigenden Aufgaben zu geben.

Anstatt Aussagen, die der Antragsteller bestätigen oder dementieren muss, werden ihm Fragen gestellt — dies ermöglicht eine freundlichere Ansprache und führt aufgrund der dialogischen Form der Interaktionen zu weniger Anspannung während der Bearbeitung des Antrages.

Am Ende des ersten Teiles des Antrages, erwartet den Antragsteller eine Übersicht über die für den zweiten Teil benötigten Unterlagen — er kann sich Informationen zu diesen Unterlagen anzeigen lassen. Zudem ist jede Unterlage mit einem Bild ausgezeichnet:

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Der zweite Teil, generiert aus den Antworten aus dem ersten Teil, geht nun auf die detaillierten Lebensumstände des Antragstellers, möglicher weiterer Personen in seiner Bedarfsgemeinschaft und deren Vermögensverhältnisse ein:

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Am Ende des zweiten Teils des Antrages druckt der Antragsteller die Zusammenfassung seiner Antworten aus, unterschreibt diese und sendet sie an das zuständige Jobcenter. Die Zusammenfassung sollte, je nach individueller Sachlage um 80% kürzer sein, als der heutige Hauptantrag mit zusätzlichen Anlagen. Dies spart Papier, Druckkosten und Bearbeitungsressourcen. Alternativ übermittelt der Antragsteller seine Daten direkt, ohne für Antragsteller und Verwaltung arbeitsaufwendigen Medienbruch, digital.

One more thing

Unterschreibt ein Antragsteller auf einem Formular, bevor er dieses ausfüllt, steigt die Wahrscheinlichkeit dieses wahrheitsgemäß auszufüllen, signifikant an. Personalisiert man den digitalen Antrag, und positioniert den Namen des Antragstellers prominent während der Prozesses der Antragsstellung, sollte dies zusätzlich dazu führen, die Abbruchrate der Bearbeitung massiv zu verringern — denn: Personalisierte Prozesse führen zu höherer Identifikation mit einer Aufgabestellung.

… and one more thing

URLs sind eine tolle Möglichkeit mit dem Antragsteller zu kommunizieren — in motivierender, positiver Tonalität:
… und nun?

Einkaufserlebnisse sind bis ins letzte Detail optimiert, Teams von hoch ausgebildeten Experten arbeiten täglich daran, diese noch effizienter auf die Bedürfnisse des Nutzers auszurichten. Designer verbringen viele Stunden, Tage und Wochen damit, Seiten so zu optimieren, dass der Nutzer möglichst viel Zeit auf einer Seite verbringt — mit dem Wissen, dass die Inhalte oft austauschbar sind, und die nächste Ablenkung nur einen Click entfernt ist.

Ausgerechnet Services und Leistungen für Menschen in einer unglücklichen und katastrophalen Lebenssituation werden vernachlässigt. Lasst uns das ändern!


3. Granshan Konferenz über Non-Latin Schriften

Vom 23. bis 25. Juli findet in Reading die 3. Granshan Konferenz statt. Es spechen: Jo de Baerdemaeker, Piyaluk Benjadol, Edik Ghabuzyan, Frank Grieshammer, Jae-Joon Han, John Hudson, Chang Sik Kim, Bruno Maag, Thomas Milo, Toshi Omagari, Hrant Papazian, Fiona Ross, Victoria Sarapina, Sara Soskolne, Adi Stern, Gerard Unger, Onur Yazicigil, Susanne Zippel und auf viele mehr …  Timothy Donaldson und Kang Byung-in werden Kalligraphie-Performance aufführen.

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Die Veranstalter beschreiben die Zielsetzung: „Die GRANSHAN Konferenz zelebriert die Vielfalt von Schrift als Fundament globaler Kommunikation, Gesellschaften und Identitäten. Einmal im Jahr widmen wir uns der Typografie bekannter und unbekannter Schriften, greifbarer und unfassbarer Schriftsprachen. Und gestalterischen Herausforderungen, gewachsene Tradition mit Neuland zu vereinen, in dem Innovation das einzige Fortbewegungsmittel sein kann.“

Gemeinsam mit der  University of Reading organisiert die GRANSHAN 2015 unter dem Motto »Global design in practice« Konferenz und Festival anlässlich des 15-jährigen Jubiläums des Masterkurses Type Design. Die Veranstaltung bietet allen Besuchern eine Drehscheibe für Theorie und Praxis globaler Schriftgestaltung.

Anmeldungen und Detailinformationen unter www.granshan.com


Fünf Fragen an Johannes Bergerhausen

Nach dem Kommunikationsdesign-Studium 1993 ging er nach Paris, Prof. Johannes Bergerhausen, Jahrgang 1965. Dort arbeitete er für so unterschiedliche Projekte wie für das Centre Pompidou, für Arbeitsloseninitiativen und bei den Gründern des Grafikerkollektivs Grapus, Paris-Clavel und Pierre Bernard. 1998 erhielt Johannes Bergerhausen das begehrte Stipendiat des Centre Nationale des Arts Plastiques.

Aus dem geplanten Jahr in Frankreich wurden an Ende sieben. 2002 berief die Hochschule Mainz Bergerhausen als Professor für Typografie und Buchgestaltung. 2004 startete er das vielfach ausgezeichnete Projekt decodeunicode, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

TYPO-Berlin-15-05-22-Gerhard-Kassner-Monotype-0822Er spannte die Entwicklung der  Zeichen von der Keilschrift bis zu den Emojis: Johannes Bergerhausen, bekannt auch als Mr. Unicode, im Mai auf der TYPO Berlin. Foto: Gerhard Kassner/Monotype

Seitdem hält er zahlreiche Vorträge weltweit, ist Mitglied im ATypI und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.  Mit Kollegen in Mainz gründete er 2004 das Institut Designlabor Gutenberg. 2011 veröffentlichte er gemeinsam mit Siri Poarangan decodeunicode — Die Schriftzeichen der Welt, 2012 gab es dafür den Designpreis der Bundesrepublik in Gold. Seine aktuelle Publikation: Digitale Keilschrift mit Keilschrift-Font.

Fontblog: Was hat Dich bewogen, Dein Augenmerk auf Schriftzeichen zu legen?

Die seltsame Welt der »Sonderzeichen«, also alles was über das übliche A bis Z und 0 bis 9 hinausgeht. Jeder typografische Laie hat heute Zugang zu weit mehr Zeichen als es Gutenberg jemals hatte. Dabei ist vielen nicht klar, welcher Schatz sozusagen unter der Tastatur verborgen ist.

Bergerhausen Unicode1

Unicode ist ein internationaler Standard, der für jedes sinntragende Schriftzeichen oder Textelement aller bekannten Zeichensysteme und Schriftkulturen einen Code festlegt

Wir verwenden täglich Zeichen wie »€« oder das Komma — aber kaum bekannt ist, wer sie »erfunden« hat oder wo sie herkommen. Unicode hat sich dabei im letzten Jahrzehnt zu einer Sammlung der Schriftzeichen der Menschheit entwickelt. Fast jede Schriftkultur ist dort vertreten und damit haben wir einen neuen, globalen und vergleichenden Blick auf die typografischen Zeichen.

Fontblog: Mainz gilt als Wiege des Buchdrucks. Wo kann man in Mainz heute auf den Spuren Gutenbergs wandeln?

Natürlich im Gutenberg-Museum. Keine 500 Meter von unserer Hochschule Mainz entfernt finden sich nicht nur zwei Exemplare der Gutenberg-Bibel in einem eigenen Raum mit Panzerschranktüren, sondern auch viele Wiegendrucke oder Originale von Rodtschenko. Die Bibliothek ist sehr gut sortiert und Forscher können dort auf Anfrage auch mal einen Originaldruck von Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer begutachten. Dort laufen auch sehr gute Ausstellungen wie der Call for Type aus denen Publikationen wie die »Texte zur Typografie« oder »Neue Schriften« meiner Kolleginnen Eisele und Naegele hervorgegangen sind. Das Museum betreibt einen eigenen Bereich in dem man Buchdruck-Workshops machen kann. Auch die Mainzer Kinder lernen hier drucken.

Übrigens gibt es kein authentisches zeitgenösssiches Portrait Gutenbergs, obwohl wir alle das Bild des bärtigen Patriziers im kollektiven visuellen Gedächtnis haben.

Fontblog:  Du widmest Dich seit vielen Jahren dem Unicode-Projekt, dem internationalen Standard für Schriftzeichen für alle Sprachen der Welt. Hast Du ein persönliches Lieblingszeichen?  

Unicode ist voll skurriler, interessanter Zeichen. Der französische Gestalter Pierre Bernard sagte einmal: »Alle Farben sind schön.« Nehmen wir diese beiden Zeichen:

¤ U+00A4: CURRENCY SiGN: Als der (amerikanische) ASCII-Code in den 1960er Jahren international werden sollte, weigerten sich Vertreter der osteuropäischen Gremien, den Dollar, das Zeichen des Kapitalismus, darin aufzunehmen. Im Kommunismus wirkte es wohl damals wie das Zeichen des Teufels. Also schlug man vor, ein allgemeines Zeichen für »Währung« zu entwerfen. Gesagt, getan: so entstand ¤. Es soll eine Münze darstellen, die im Sonnenlicht glänzt. Jeder Type-Designer muss heute ein Currency Sign entwerfen, dabei wurde es praktisch nie verwendet. In Japan soll es Teenager geben, die es jetzt als ein Zeichen für »Kuss« per SMS verwenden.

Bergerhausen Unicode 2-1

Lieblingszeichen: Relikt aus dem kalten Krieg, das blockübergreifende Currency Zeichen und das aus einem alten japanischen Zeichen entlehnte Postal Mark Sign

U+3020 POSTAL MARK FACE, das Maskottchen der japanischen Post. Es widerspricht eigentlich der Unicode-Regel, keine Logos aufzunehmen. Da es aber aus einem alten japanischen Zeichencode stammt wollte man Kompatibilität herstellen, deshalb wurde es doch aufgenommen. Es trägt im oberen Bereich das Zeichen U+3012 POSTAL MARK, das Logo der japanischen Post. Und das wiederum geht auf U+30C6 KATAKANA LETTER TE zurück, das Silbenzeichen für /te/, was sich wiederum aus dem japanischen Wort »teilshin« für »Kommunikation« ableitet.

Fontblog:  Vor einem Jahr enthielt der Unicode-Standard 113.021 Zeichen. Gibt es ein Zeichen, dass dort fehlt? Und eine Sprache, die für Unicode noch erschlossen werden muss?

Unicode codiert keine Sprachen (es gibt ungefähr 7.000 weltweit; Tendenz stark fallend), sondern Schriftsysteme (davon gibt es rund 200). Nach nun bald 25 Jahren Arbeit des Unicode Konsortiums fehlen immer noch ein paar Dutzend Schriftsysteme. Dies sind die sogenannten »Minority Scripts«, die nur von kleinen Schreiber-Gruppen verwendet werden oder gar ausgestorben sind. Peu à peu sollen sie in den nächsten Jahren aufgenommen werden.

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Minority Scripts Teil 1: Der Font DecodeCuneiform von J. B., Andrea Krause, Stefan Pott, Institut Designlabor Gutenberg, Hochschule Mainz, 2014

Auch die ausgestorbenen Schriftsysteme müssen in den Unicode, damit diese Texte auch eines Tages digitalisiert vorliegen können. Wenn wir alle Schriftstücke der Menschheit digitalisieren wollen, dann sollten z. B. die Texte der rund 500.000 Tontafeln in Keilschrift nicht fehlen. Deshalb haben wir letztes Jahr im Institut Designlabor Gutenberg (IDG) bei uns an der Hochschule Mainz eine digitale Keilschrift entwickelt, ein typografischer Font für die rund 1.000 Keilschriftzeichen.

Die Script Encoding Initiative (SEI) der Linguistin Dr. Deborah Andersons in Berkeley, USA unterstützt seit Jahren die Codierung der noch fehlenden Schriftsysteme. Diese Arbeit braucht noch mehr Unterstützung!

Fontblog: Auf Mobilgeräten wird immer häufiger mit Zeichen statt Worten kommuniziert. Sind Emojis die kommende Schriftsprache?

Logogramme (Wortzeichen) wie die Emojis sind erstaunliche Wesen. Sie können sowohl als Piktogramm als auch als Ideogramm fungieren. So steht das »« als Piktogramm (Bildzeichen) für das, was man sehen kann: das physische Objekt »Herz«. Aber als Ideogramm (Begriffszeichen) steht das gleiche Zeichen »« für den nicht sichtbaren Begriff »Liebe«. Wie beim unsterblichen Claim I♥NY von Milton Glaser von 1977. Übrigens wurde das 2011 als erstes Pikto in das ehrwürdige Oxford English Dictionary aufgenommen.

Bergerhausen Unicode4Minority Scripts Teil 2: Zwei Glyphen des Schriftsystems Bamum, es wird in Kamerun von ca. 215.000 Schreibern verwendet. Jetzt auch im Unicode.

Heute haben erst zwei von sieben Milliarden Menschen einen Internetzugang. In den nächsten Jahren soll mindestens eine Milliarde aus den sogenannten Schwellenländern dazu kommen, die meisten über Smartphones. Je mehr Menschen die Emojis entdecken, desto eher könnte es Zeichen geben, die internationale Karriere machen, wie die analoge Geste »okay«. Der Daumen nach oben wird heute weltweit verstanden. Den haben ja schon die römischen Kaiser verwendet.

Ich glaube aber nicht, dass die Emojis die Alphabete wie das Lateinische verdrängen werden. Die Emojis sind eben keine komplette Schriftsprache. Es gibt solche Gags wie »Emoji Dick« (Moby Dick als Text aus Emojis), das ist einen Tag lustig, aber das kann ja kein Mensch wirklich lesen! Sehr viele Emojis werden nur als Kommentar auf einen geschriebenen Text verwendet.

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Johannes Bergerhausen veröffentlichte über Schriftzeichen und Zeichensysteme im Verlag Hermann Schmidt Mainz:

Am Freitag kommender Woche (26. Juni) spricht Johannes Bergerhausen auf dem TYPO Day Zürich.


Start-up-Dokusoap »Unlimited Ltd.«, der Pilot

Alles redet von der Berliner Startup-Szene. Doch wie sieht es tatsächlich hinter den Kulissen aus? Der Fontblog-Humor-Agent Michael Bukowski hat sich unter die Nerds und IT-Strippenzieher in der Hauptstadt gemischt, um die unterkapitalisierte, überperformante Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Die Pilotfolge seiner gerade gestarteten Dokutainment-Mockumentary-Reality-Fiction-Cameo-Venture-Capital-Serie »Unlimited Ltd.«, ausgestrahlt auf YouTube, liefert einen erster Eindruck.

Die Redaktion von Unlimited Ltd. lädt euch zum Feedback ein, auch Whistleblower und Product-Placement-Verkäufer sind herzlich eingeladen mitzumachen … die im Film genannte e-Mail-Adresse funktioniert wirklich und führt direkt in den Newsroom der Redaktion getunlimitedlimitedapphq23@gmail.com.