Ich fordere leidenschaftliche Typografie

(Aufklärung tut not. Deshalb habe ich in diesem Beitrag eine kleine Adobe-InDesign-Schulung versteckt … Wer ausschließ­lich typo­gra­fi­sche Nachhilfe wünscht, gehe einfach nur die Bilder und Bildunterschriften durch. Wer mitdis­ku­tieren möchte, lese die Absätze dazwi­schen.)

Sagt: Wollen wir mal alle zusammen für bessere Typografie im Land kämpfen? Meine Tochter Marie (15) fragte mich am Wochenende: »Warum sind eigent­lich die ameri­ka­ni­schen und engli­schen Bücher so viel schöner gemacht als die deut­schen?« Na weil die typo­gra­fi­sche Kultur dort weiter entwi­ckelt ist, antwor­tete ich. Außerdem probieren die gerne mal was Neues aus.

Bleiben wir kurz beim Buch. Selbst ein jahr­zehn­te­alter Wettbewerb wie Die Schönsten Deutschen Bücher leistet kaum einen Beitrag zur typo­gra­fi­schen Kultur. Er spornt zwar die kleinen Kunst-, Kinder- und Coffee-Table-Buchverlage an, aber auf das große Brot-und-Butter-Verlagsbusiness färbte er nicht ab. Doch …: die Schulbücher sind in den letzten 10 Jahren besser geworden. Aber vergleicht mal einen deut­schen Harry-Potter-Band mit den anglo-ameri­ka­ni­schen. Zwischenfazit: Die Kluft zwischen gut gemachten und schlecht gemachten Büchern vergrö­ßert sich im Land.

OpenType-Schriften (.otf) enthalten oft jede Menge typo­gra­fi­scher Leckerbissen, wie Kapitälchen, Ligaturen, Schwungbuchstaben oder alter­na­tive Zeichen … das Glyphen-Fenster in Adobe InDesign liefert die perfekte Schnellübersicht: Menü Schrift → Glyphen

Jüngst hieß es auf Twitter: Liegt es eigent­lich an der unprak­ti­schen OpenType-Bedienung von Adobe, dass kaum jemand im Land die OT-Features nutzt? Nee, es liegt nicht an Adobe, weil: Die briti­schen und ameri­ka­ni­schen Designer arbeiten mit denselben Programmen wie wir. Es liegt auch nicht an den Schriften, die noch nie seit Gutenberg eine derar­tige Ausdrucksvielfalt boten wie heute. Es liegt schlicht an der Faulheit und Trägheit einer viel zu großen Zahl von Verantwortlichen, die teils in Verlagshäusern, teils in Designbüros und teils auf Seiten der Auftraggeber anzu­treffen sind (die sich jeden Mist andrehen lassen).

Damit dieser Beitrag nicht in der Schublade Eigenwerbung landet, habe ich zur Bebilderung mit einer Schrift gespielt, die es bei FontShop (leider) gar nicht gibt. Sie wurde von der Berliner Designerin Ulrike Wilhelm gezeichnet, manche Fontblog-Leser kennen sie vom monat­li­chen Berliner Typo-Stammtisch. Ihre Kollektion trägt den sympa­thi­schen Namen Liebe Fonts, sehr zu Recht, denn die Alphabete sind mit viel Liebe gezeichnet und program­miert. Ja, program­miert! Moderne OpenType-Fonts sind keine Setzkästen, sondern intel­li­gente, dialog­fä­hige Softwares.

Neben dem Glypen-Fenster (siehe eine Abbildung weiter oben) bietet das OpenType-Menü den Zugang zu vielen typo­gra­fi­schen Leckerbissen, vor allem auch Voreinstellungen und Automatiken … zuge­geben, es liegt etwas versteckt im Kopf der Zeichen-Palette

Traurig aber wahr: Große Schriftenhäuser wie House Industries, Emigre, Linotype, LiebeFonts und auch FontFont liefern seit Jahren exqui­sites Rohmaterial, das am breiten Markt vorbei zu zielen scheint. Wenn das PostScript-Type-1-Format (so etwas wie die Glühbirne unter den Schriften) von der Industrie nicht beer­digt worden wäre … so mancher »Typograf« würde auch noch in 10 oder 20 Jahren seine Seiten im ASCII-Laufställchen zusammen basteln. Ich weiß wovon ich rede, weil wir tagtäg­lich mit Kunden am Telefon und per E-Mail kommu­ni­zieren … ich meine kommer­zi­elle Kunden, keine Heimarbeiter und keine Studierenden.

Eines der raffi­nier­testen OpenType-Features für Schriften, die wie hand­ge­zeichnet aussehen möchten, sind kontext­be­dingte Varianten (einzu­schalten im OpenType-Menü), die bei LiebeDoni dafür sorgen, dass sich Doppelbuchstaben unter­scheiden

Verlassen wir mal den biblio­philen Bereich. Am Wochenende stieß ich zufällig im Lichthof des Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe) auf die Seidentuch-Ausstellung der fran­zö­si­schen Luxusmarke Hermès, Titel Seidenblicke. In Kooperation mit dem renom­mierten US-Künstler, Designer und Szenenbildner Hilton McConnico entstand eine Ausstellung in zehn Räumen, die ein Märchen erzählt, in das sich mit viel Liebe und Geschmack rund drei Dutzend klas­si­sche Hermès-Tücher einfügen. Ich kenne das Budget für dieses 5-wöchige Event nicht, schätze es aber auf locker 6-stellig.

Beim Bauen von Headlines oder Logos können alter­na­tive Zeichen, zu finden im Glyphen-Fenster oder im OpenType-Menü unter Stylistic Sets, für Überraschungen in Wort oder Zeile sorgen

Als Designinteressierter muss man Luxusmarken mögen, denn wo sonst bilden wert­volle Materialien, schöne Verpackungen und gute Gestaltung einen festen Produktbestandteil? Und wenn ich dann durch eine solch luxu­riöse Ausstellung wandere, für die auch noch das Designbüro Undo-Redo einen schönen Leporello entworfen hat, dann schau’ ich mir natür­lich aufmerksam die Beschriftung an.

Und dann leide ich meis­tens … Wieder einmal sind Texte lieblos gestaltet und unle­ser­lich, wieder einmal bestä­tigt sich meine These: Gute Typografie ist nicht teurer als schlechte*. Es hätte keinen Euro mehr gekostet, bei den Seidenblicke-Ausstellungstafeln (siehe unten) die Silbentrennung einzu­schalten und von Blocksatz auf links­bündig zu stellen. Und wenn der Auftraggeber auf echt luxus­mä­ßige, ange­nehm lesbar Typografie bestanden hätte … ja, es wäre eine Investition zwischen 30 und 80 € nötig gewesen, um die passende Schrift zu finden und zu erwerben. Sollte für Hermès bzw. für Hermès-Partner kein Problem sein.

Enthält eine Schrift seltene oder ausge­fal­lene Ligaturen, die nicht für jeden Text geeignet sind, verbergen sich diese unter dem OpenType-Menüpunkt Bedingte Ligaturen, mit dem man sie ein und ausschalten kann.

*Zwei Fotos von der Ausstellung »Seidenblicke« im KaDeWe:

10 Texttafeln in der Hermès-Ausstellung im Berliner KaDeWe erzählen eine Art Märchen aus 1000 und einer Seidennacht …

… doch die Typografie der Tafeln ist unter­ir­disch, mit lese­un­freund­li­chem Umbruch und eine belie­bigen Schrift (jeden­falls ist sie weder im Hermès-Corporate-Design zu finden, noch im Begleitfaltblatt zur Ausstellung)

Dieser Beitrag soll der Auftakt einer Typografie-Qualitätsoffensive werden. Ich weiß noch nicht, was als nächstes folgt und wie es weiter geht. Erst mal wünsche ich mir ein paar Verbündete. Auch wenn die ausbleiben sollten: Ich werde keine Ruhe geben, bis ich einen Sinneswandel im Land spüre. Danke.

Jürgen Siebert

PS: Vielen Dank an Ulrike Wilhelm und Frank Rausch, die mir nicht nur die Idee für diese Initiative lieferten (unwis­sent­lich), sondern auch die schöne Schrift LiebeDoni sowie (dann auf Anfrage) die Screenshots für den im Beitrag inter­gierten OpenType-Crashkurs. Und noch was, bevor hier der erste Kommentator über meine Jägerschnitzel-Typografie herzieht: Das ist ein Symbolbild, kein ernst zu nehmender Ratschlag für eine Speisekarten-Gestaltung.


49 Kommentare

  1. Schwalbenkoenig

    Die x-belie­bige Schrift scheint mir auf den ersten Blick die Helvetica zu sein. Ansonsten unter­stütze ich diesen Beitrag voll und ganz. Man bekommt viel zu oft Augen-Aua, wenn man die lieblos gesetzten Grauwerte sieht, die einem Tag für Tag entge­gen­ge­schleu­dert werden.

  2. philipp

    Lieber Jürgen,
    wir sind dabei!!! Verbündete im Herzen und – vor allem – im Auge ;-)

  3. R::bert

    Feiner Artikel. Und wenn daraus noch eine Serie werden sollte, stehe ich glatt hinter Dir! (Gefällt mir auch, dass Du Ulrikes Arbeit hier hervor­hebst. Verdientermaßen wie ich finde. Der Liebe, die sie in Ihre Arbeit steckt, kann man sich in der Tat nur schwer entziehen.)
    Wenn Hermès wüsste, wie sie die gewünschte Kommunikation durch eine derart grobe und lieb­lose Typografie zerstören … nichts von samtig weicher Seide, geschweige denn osma­nisch geheim­nis­voller Märchenhaftigkeit. Da über­kommt einen ledig­lich eiskaltes Schaudern, welches in schnelle Flucht zwingt! Fesseln wird dieser Schriftsatz wohl kaum Jemanden.

  4. Christoph

    Danke, Jürgen!
    Du weißt, Typefacts kämpft seit jeher an Deiner Seite an vorderster Front!

  5. arti

    und von Blocksatz auf links­bündig zu stellen

    Ich stelle in meinem Umfeld relativ häufig fest, dass die Leute richtig Angst vor Flattersatz haben und Blocksatz fälsch­li­cher­weise als schlichter oder „aufge­räumter“ empfinden. Links ’ne Kante, rechts ’ne Kante, das ist anschei­nend einfa­cher, da kann man nichts falsch machen.
    Klar ist für schönen Flattersatz auch Handarbeit nötig, aber nach meiner Erfahrung auch nicht mehr als für optisch erträg­li­chen Blocksatz ohne Löcher.

  6. Peter

    Ein »Ja, sehr gerne!« von Studentenseite. Wir stehen bereit und Beiträge wie dieser moti­vieren defi­nitiv. Danke!

  7. R::bert

    @ arti
    Ich glaube, mit diesem Phänomen bist Du nicht allein. Kleiner Dialog von letzter Woche kurz vor Druckfreigabe von Ausstellungstafeln:

    Kunde:
    Und ich habe noch eine Frage. Haben Sie sich bewusst gegen Blocksatz entschieden?

    Darauf mein Erklärungsversuch:
    Wir sind hier alle gene­rell keine Fans von Blocksatz. Er verrin­gert die Lesbarkeit (Ist wie beim Bergsteigen: an einer glatten Wand haben Sie keinen Halt. Ähnlich ist es hier. Das Auge wünscht sich Stufen um sich besser orien­tieren zu können.) und reißt oft unschöne Wortabstände (Löcher) in das Textfeld. Daher »Ja!« – bewusste und von uns empfoh­lene Satzart. Besonders bei Ausstellungsdesign wie diesem, da meist viel Bewegung und Unruhe im Umfeld. Damit auch erhöhter Schwierigkeitsgrad für Konzentration und Lesen.

    Glücklicherweise war es über­zeu­gend.
    : )

  8. Ralf H.

    Aufklärung tut not.

    Deswegen muss ich auch leider immer wieder (nerven und) einwerfen, dass die Formulierung »Opentype (.otf)« zwar nicht falsch ist, aber wie schon in dem Beitrag über die typo­gra­fi­schen Milieus den Anwender eher verwirren kann. OpenType geht aus dem TrueType-Format hervor und kann auch die Endung .ttf haben. Und dies ist auch alles andere als eine Seltenheit. »Opentype (.otf)« sugge­riert aber, dass OpenType und .otf fest zusam­men­ge­hören würden und .ttf etwas anderes ist. Dies ist aber nicht der Fall.

    Aber dies nur nebenbei. Ansonsten ein toller Artikel. Du kommst mir knapp zuvor. Eine LiebeDoni-OpenType-Artikel hatte ich auch gerade in Planung. ;-)

  9. Dominik

    Sehr viele ameri­ka­ni­sche Bücher sind aber auch nicht leiden­schaft­li­cher gestaltet, sondern schreck­lich über­frachtet!

  10. Simon Wehr

    Jürgen, ich kömpfe mit Dir! Ümmer gerne! Seit über 4 Jahren leben wir bei uns im Büro leiden­schaft­liche Typografie und haben es bis heute nicht bereut. So lasst mich sein, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der – äh – 125ste? Wenn Du Themen für Artikel hast / suchst oder Input brauchst, weißt Du ja, wie Du mich bekommst.

    Aber bei den Büchern mag ich dann doch wider­spre­chen: Mich schau­dert es bei dem Anblick und der Haptik der engli­schen Taschenbücher. Graues Schmuddelpapier, bis an die letzten Ränder in auch nicht origi­nel­leren Schriften bedruckt, labberig gebunden. Da nehme ich lieber die deut­schen in die Hand. Und bei gebun­denen Büchern kommt’s wohl auch eher auf den Verlag an, als das Land.

  11. Marcus

    Der Artikel spricht mir aus der Seele, ich bin schon sehr gespannt was sich aus dieser Offensive entwi­ckelt. Eventuell brau­chen wir wirk­lich ein Bundesministerium für Typographie.

  12. Thomas Hühn

    @Ralf H.: Und aus Postscript. Denkt denn endlich jemand mal an Postscript? ;-)

  13. Florian Hardwig

    Applaus für diesen Beitrag!

    Aber vergleicht mal einen deut­schen Harry-Potter-Band mit den anglo-ameri­ka­ni­schen.

    Nachdem ich genau das für die Ausstellung ›Lieblingsbuch‹ gemacht habe, will ich diesen Punkt nicht unkom­men­tiert stehen lassen. Was die Innentypografie angeht, kann sich die deut­sche Ausgabe (Beispiel: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Carlsen) nämlich durchaus mit der engli­schen (… and the Deathly Hallows, Bloomsbury) messen.

    Beide Versionen verwenden Blocksatz ohne opti­schen Randausgleich. Die engli­sche verzichtet auf Silbentrennungen und ist daher gele­gent­lich etwas löchrig, was sich aber durch die etwas brei­tere Kolumne (ca. 70 Zeichen pro Zeile gegen­über ca. 60 in der deut­schen) rela­ti­viert. Die deut­sche Ausgabe ist aus der Bembo gesetzt, und zwar aus jener erträg­li­chen Version, bei der das Bein des R einge­kürzt ist. Die Mikrotypografie ist akzep­tabel, mit Kerning, Guillemets und rich­tigen Apostrophen – aller­dings ohne Ligaturen. Versalfolgen stehen leicht verklei­nert.

    Die engli­sche verwendet die Berkeley Oldstyle. Auch hier wird auf Ligaturen verzichtet, obwohl die Schrift welche bereit­hält. (Das ist nicht weiter proble­ma­tisch, da es keine unglück­li­chen Kollisionen gibt – in beiden Fällen.) Die häufig vorkom­menden Versalfolgen sind in Grad und Laufweite unver­än­dert und drängen sich so stärker in den Vordergrund. Für die Kolumnentitel wurden unechte, elek­tro­nisch erzeugte Kapitälchen gewählt.

    Insgesamt sind beide Ausgaben weder grot­ten­schlecht noch preis­ver­dächtig. Dass aber die deut­sche gegen­über der engli­schen abfällt, kann ich nicht nach­voll­ziehen.

  14. Jürgen Siebert

    Vielen Dank, Florian.
    Beim direkten Vergleich aus Maries Bücherregal habe ich Harry Potter mit der Twilight-Saga verwech­selt. Zum Vergleich habe ich mal den Romanbeginn beider Ausgaben auf den Scanner gelegt: links »Breaking Dawn« (Atom Books, UK), rechts »Biss zum Ende der Nacht« (Carlsen). Mit einem Klick kannst Du die Großdarstellung aufrufen. Die Beurteilung über­lasse ich der Leserschaft … ich finde beide ordent­lich, aber nur eine leiden­schaft­lich:

    Zu Harry Potter. Ich habe eben keine englisch­spra­chige Ausgabe zur Hand, kann mich aber sehr gut an die erste Begegnung in einem Buchladen in San Francisco erin­nern. Ich war vor allem beein­druckt über die typo­gra­fi­sche Lobpreisung im Kleingedruckten. die ich auf dieser Website wieder gefunden habe:
    http://​www​.open​market​.org/​2​0​0​7​/​0​8​/​0​7​/​a​d​o​b​e​-​g​a​r​a​m​o​n​d​-​i​n​-​t​h​e​-​h​a​r​r​y​-​p​o​t​t​e​r​-​b​o​o​k​s​-​n​o​t​-​a​-​c​h​a​r​a​c​t​e​r​-​b​u​t​-​a​-​f​o​nt/

    Und während ich das schreibe fiel mir wieder ein, dass ich vor vier Jahren noch diesen Beitrag im Fontblog geschrieben hatte: Über die Ausstattung der Potter-US-Ausgabe

  15. Ivo

    Du weißt, Typefacts kämpft seit jeher an Deiner Seite an vorderster Front!

    … gemeinsam mit dem Fontwerk natür­lich!

    Allerdings sehe ich ebenso die Qualität ameri­ka­ni­scher Typografie nur teil­weise im Vorteil. Gerade das oftmals dunk­lere Papier und die fast immer unbe­frie­di­gende Weiterverarbeitung erschwert mir oft das Lesen ameri­ka­ni­scher Bücher. Auch Schriftwahl und Mikrotypografie zeigen regel­mäßig Schwächen. Im Magazinbereich scheinen mir die Unterschiede und der Vorsprung schon deut­li­cher.

    Aber wir brau­chen ja nicht unbe­dingt über den großen Teich zu schauen um fest­zu­stellen, dass hier­zu­lande tatsäch­lich eine Typografie-Qualitätsoffensive Not tut. Ich unter­stütze sie zu 100%.

  16. Sven Winterstein

    Der Beitrag kann was. Und die Liebe Doni auch (kommt bei uns bald zum Einsatz).

  17. kunstbanause

    to cool things down…
    die Realität sieht (für mich und viele meiner Bekannten) doch leider ganz anders aus.
    Kleine Agenturen, wenig bis kein Personal, alle müssen alles können oder zumin­dest machen, von Fotos über Style Sheets bis Schriftsatz alles dabei. Dabei finde ich es nur natür­lich (wenn auch jedesmal ärger­lich) dass der ein oder andere Lapsus in vielen Arbeiten steckt. Hinzu kommt, dass Budgets oft keine Hingabe zum Detail/ Produkt ermög­li­chen, oder: was tun, wenn schon beim Auftraggeber keinerlei Liebe zur Sache drin steckt? Alles absagen geht zumin­dest nur kurze Zeit.
    Und noch ein völlig anderer Blickwinkel:
    Erfahrungen mache ich am inten­sivsten durch Fehler. Die sollen auch andere machen dürfen, niemand kennt alle Zaubersprüche gleich, auch Potter musste sich durchs Buch wühlen (und das war eins mit cheats).
    Der dritte Blickwinkel, der mir sofort einfällt ist wahr­schein­lich schon fast ketze­risch.
    Was tun, wenn der Zielgruppe die eigene Hingabe egal ist und diese einfach nicht bemerkt wird?
    Das beschäf­tigt mich oft, Klagen über diese Situation kann ich regel­mäßig in von mir frequen­tierten Blogs finden, nur Lösungsansätze finden sich selten.
    Daher ein inten­sives Danke für die InDesignTips, für so tolle Seiten wie typo​le​xikon​.de und auch für eine so char­mante Schrift wie die Doni.

  18. kunstbanause

    und ach:
    Leidenschaft!

  19. Luis M.

    @ Jürgen

    Die Beurteilung über­lasse ich der Leserschaft … ich finde beide ordent­lich, aber nur eine leiden­schaft­lich:

    mich wurde inter­es­sieren welche du nun leiden­schaft­li­cher findest, ich wurde ehe ein Buch wie »Breaking Dawn« lesen.
    Sonst wünsche ich mir mehr solche Berichte und wann Robert, Ivo, Christoph und andere dabei sind noch besser.
    PS: Ich finde die LiebeFonts klasse, bitte mehr davon LiebeUlrike.

  20. Ben

    Toller Artikel, Jürgen. Manchmal muss einem aber auch wieder ins Bewusstsein gerufen werden, dass es so viele tolle typo­gra­fi­sche Funktionen gibt. Und sie eigent­lich auch leicht zu errei­chen sind. Mehr dazu gibt es auch in meinem kleinen Beitrag: http://​www​.typo​lu​tion​.de/​t​y​p​o​-​k​u​r​s​-​i​n​d​e​s​i​g​n​-​4​-​o​p​e​n​t​ype

  21. Vroni

    Guter Artikel.

    Halte das Typo-/Design-Verhalten z. T. für Software-, Interfacebedingt.
    Der Rest kommt mögli­cher­weise von unserer Liebe zum Cleanen, Technischen.

    Schriftverspieltheit:

    Mir ist aufge­fallen, dass sogar ameri­ka­ni­sche Websites grund­sätz­lich verspielter mit Schrift umgehen als wir, nicht nur Bücher. Z. B. unbe­fangen mehr Unterschnitte einer Schriftfamilie verwenden, wo unser­einer eher streng darauf bedacht sind, nur ja nicht „zuviel des Guten“, und Strenge, Klarheit und Konsequenz einzu­halten.

    Steile Theorie:

    Bei uns wird in der Tendenz ein Design eher gelobt, das „konse­quent“ ist. Das geht schon in der Ausbildung los. (Frage an die hier mitle­senden Profs: Ist das noch so?). Konsequenz wird dann häufig als aske­ti­sche Strenge verstanden. Aber natür­lich ist eine verspielte Schrift genau mit Ligaturen und Swashes noch dazu verdammt konse­quent. Wenn verspielt, dann richtig.

    Ich mag zum Beispiel Dingbats, und auch die biblio­philen Schmuckzeichen sehr, wie sie der Verlag Hermrann Schmidt Mainz sogar in sein Logo gehoben hat. Fein.
    Aber als ich beim Relaunch meiner eigenen Website so eine Richtung anging, bin ich bereits intern wg. arger Verspieltheit zurück­ge­pfiffen wurden :-). Achja, seufz …

  22. koni

    Trotz der Befürchtung es wieder als

    Gemoser

    ausge­legt zu bekommen wage ich es trotzdem, das harmo­ni­sche Idyll hier grad ein wenig zu stören und zu Bedenken zu geben, daß nicht jeder, der nicht jeden typo­gra­fi­schen Schnickschnack bis in’s Letzte ausreizt deshalb typo­gra­fisch leiden­schaftslos, träge oder gar faul wär. So möge man mir verzeihen, daß ich nicht so ganz einstimmen mag in den Chor derer die die LiebeDoni so sehr in den Himmel jubeln sondern sie lieber als nette Spielerei verbuche.

  23. carmen

    Öfter mal leiden­schaft­li­cherer Typografie begegnen – das ist mir doch auch schon lange ein Anliegen. Wie auch immer ich unter­stützen kann, ich bin dabei!

  24. Jürgen Siebert

    @kunstbanause
    Damit ich es nicht vergesse: Die Antwort zu Deinem Kommentar wird ein spitz­zün­giger eigener Beitrag … viel­leicht morgen.

  25. Gerhard Großmann

    Um das noch mal zu abzu­klären: Ein sauberer Blocksatz hat doch nichts mit Leidenschaft zu tun, sondern mit Handwerk. Genauso ist es mit korrekter Zeichensetzung („ – “ …). Solche Dinge liegen doch nicht an mangelnder Begeisterung, sondern an Unwissen, oder?
    Ich meine: Jeder, der etwas veröf­fent­licht, und schon mal die Grundregeln von typo­kurz (http://​www​.zvisi​onwelt​.de/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​.​h​t​m​l​#​t​y​p​o​k​urz) durch­ge­lesen hat, macht diese Dinge doch nicht mehr falsch. Erneut: Oder?

    Klar darf (Jägerschnitzel-)Typografie mal auf die Pauke hauen, um bewusst zu machen, was man mit etwas Begeisterung errei­chen kann und dass es eben nicht reicht, einmal kurz auf »Blocksatz« zu klicken. Wie koni meint (https://​www​.font​blog​.de/​i​c​h​-​f​o​r​d​e​r​e​-​l​e​i​d​e​n​s​c​h​a​f​t​l​i​c​h​e​-​t​y​p​o​g​r​a​e​#​c​o​m​m​e​n​t​-​1​3​7​311) darf man da aber ruhig unter­scheiden zwischen Pflicht und Kür. Die zweite ist optional, die erste darf aber auf keinen Fall fehlen.

  26. Joshua K.

    Ich schließe mich Gerhard Großmann an. Zwei Dinge sollten wir unter­scheiden, wenn wir von typo­gra­phi­scher Qualität reden: 1. Sauberes Handwerk, beachten der Grundregeln (rich­tige Zeichensetzung, ordent­li­cher Blocksatz …) und 2. „Leidenschaftliche“ Typographie, die mehr wagt.

    Im allge­meinen fehlt es schon am ersten Punkt, auf den sollte eine „Offensive“ (wie auch immer die aussehen mag) deshalb vor allem abzielen. Über den zweiten Punkt kann man dann mit denen reden, die ihr Handwerk bereits beherr­schen.

  27. Gerd Wippich

    Die Diskussion hier läuft sehr in Richtung ange­wandte Mikro-Typografie, die Ausgangsfrage war jedoch, warum ameri­ka­ni­sche oder engli­sche Buchumschläge oft so viel schöner und origi­neller sind als deutsch­spra­chige.

    Das liegt m. E. daran, dass man dort begriffen hat, dass ein attrak­tives Cover den ersten (und oft auch einzigen) opti­schen Berührungspunkt zum poten­ti­ellen Käufer darstellt. Mich wundert es auch, dass sogar Übersetzungen ins Deutsche häufig einen viel weniger attrak­tiven Umschlag bekommen. Das muss wohl tatsäch­lich an den Entscheidungsträgern im Verlagswesen liegen?

  28. Vroni

    @ koni
    Leidenschaft muss nicht zwin­gend verspielt aussehen.
    Man kann auch leiden­schaft­lich streng sein.
    :-)

    Es ist z. B. ein mitt­leres Kreuz mit der rich­tigen Zeichensetzung, wenn man, wie ich auch, hier auf dieser Blogsoftware flugs Kommentare ablaicht … (rich­tige Anführungszeichen … ) oder man beim Kommentieren mal wieder den Gedankenstrich vergisst und schlam­per­ter­weise dafür den Silbenstrich nimmt, Eigennamen wie Verlag Herrmann Schmidt Mainz unkor­rek­ter­weise nicht kursiv setzt, falsch zitiert etc.
    hinthint…

    Doch ein Blog ist ein flüch­tiges Medium vor dem Herrn und ich halte es für über­trieben vermessen, hier auch die leiden­schaft­li­chen Qualitätskriterien anzu­legen, die man bei (hoffent­lich gut lekto­riertem) Buchsatz anlegt.

  29. Vroni

    @ Gerd Wippich

    Das muss wohl tatsäch­lich an den Entscheidungsträgern im Verlagswesen liegen?

    Oder viel­leicht auch mit am Publikum?
    Ein Henne-Ei-Ding viel­leicht?

  30. Gerd Wippich

    @Vroni
    Soweit ich bislang mit Verlegern zu tun hatte, ist mir nicht bekannt, das dort durch A/B-Tests bei der Zielgruppe um den belieb­testen Buchumschlag gerungen wurde. Da entschied der Product Manager oder die Werbeleiterin.

    Oder hat hier im Forum jemand andere Erfahrungen gemacht? Wie läuft so eine Entscheidungsfindung in deut­schen Verlagen heut­zu­tage?

  31. HP

    witzig ist, dass es deine fi#ligatur aus der url gehauen hat :-)

  32. Vroni

    Bis dahin zur Kurzweil eine Einlassung aus der FAZ über die Optik , Sinn und Zweck von Buchcovern und wer wie entscheidet: Schau! Mich! An! (Buchmesse 2008)

    Wer weiß, ob ein Kunde, der einen Buchladen betritt, das Werk mit dem Cover im lieb­li­chen Grünstich in die Hand nehmen wird? Den Titel mit den fein gezeich­neten bunten Kinderblumen? Oder eher das Buch in schlichtem Weiß mit der seri­fen­losen Schrift? Niemand weiß es – aber alle rätseln.

  33. Suzu Pahlke

    Findet ihr nicht, dass schon der Text der HERMÈS-Ausstellung merk­würdig klingt? So spricht / schreibt doch niemand lite­ra­risch. Es sieht für mich so aus, als ob hier eine fran­zö­si­sche Ausstellung ins KaDeWe gewan­dert ist, und dabei jemand den fran­zö­si­schen Text 1:1 ins (na ja) Deutsche über­tragen und in ein bestehendes Ausstellungskonzept (Text in der Quadratform der Tücher?) gepresst hat.

    (Gute) Typografie fängt ja immer auch beim Text an, und etwas so holp­riges ist natür­lich auch schwer zu typo­gra­fieren. Ein guter Übersetzer mit lite­ra­ri­schem Gespür hätte sicher­lich einen flüs­sigen Text geschrieben. Blocksatz ist ja auch nicht grund­sätz­lich schlecht. Wie alle, die hier über guten Blocksatz schreiben ;-) wissen, hat jeder Autor einen eigenen Rhythmus, und es lassen sich immer eine schmale, eine mitt­lere und eine breite Satzbreite ermit­teln, bei den der Text fließt und es nur wenige Trennungen gibt. Wenn für die Ausstellung ein guter Übersetzer-Texter und ein guter Grafiker zusam­men­ge­ar­beitet hätten, hätten sie sicher­lich die Vorgaben der Ausstellung („Text im Quadrat“/quasi Figurensatz) erfüllen können, und es wäre noch eine schöne Sache daraus geworden. Knifflig, aber eine reiz­volle Aufgabe, hohe Kunst natür­lich, und alles Handarbeit – eben genau wie die schönen Tücher von HERMÈS.

  34. f:de

    Ich kann dem auch nur zustimmen viele Bücher in Deutschland sind wirk­lich nicht schön gemacht. Man siehe sich nur die aktu­ellen Bestsellerliste bei Spiegel an. Aber es gibt auch Ausnahmen, Verlage wie die Bücherguilde oder auch Kookbooks liefern immer wieder tolle Bücher.

  35. Gerd Wippich

    Danke für den Link, Vroni. Das ist schon mal inter­es­sant: in einem Markt mit jähr­lich etwa 100’000 Neuerscheinungen weiss anschei­nend niemand so genau, warum sich ein Buch nun gut verkauft (oder eben nicht). Bei der Titelgestaltung folgt man lieber allge­meinen Trends und kupfert vonein­ander ab.

    Auch bei der Stiftung Lesen hab ich zum Thema Kaufentscheid durch gute Gestaltung auf Anhieb nichts gefunden… wer weiss da mehr?

  36. koni

    @vroni: eben!

  37. Simon Wehr

    Wikipedia schreibt zu Leidenschaft: »Leidenschaft ist eine das Gemüt völlig ergrei­fende Emotion. Sie umfasst Formen der Liebe und des Hasses, wird aber auch für reli­giösen, mora­li­schen oder poli­ti­schen Enthusiasmus benutzt und beschreibt die inten­sive Verfolgung von Zielen von beispiels­weise Kunstliebhabern, Sammlern oder von Tierfreunden.«
    Ich sehe nicht, dass leiden­schaft­liche Typografie einen Grotesk-Blocksatz ausschließen soll. Eine wirk­lich ange­mes­sene, ordent­liche Schrift zu wählen, Zeilenabstand und -breite perfekt auszu­ta­rieren, Silbentrennung intel­li­gent anzu­wenden und einen feinen Kontrast für die Überschriften zu schaffen etc. Warum soll das nicht leiden­schaft­lich sein?
    Warum bitte sollte Handwerk und Leidenschaft ein Widerspruch sein? Ich behaupte, dass Leidenschaft eine Vorraussetzung für perfektes Handwerk ist.

  38. Simon Wehr

    @kunstbanause
    ja, die Realität besteht leider wirk­lich nicht ausschließ­lich aus 10.000€-Budgets für eine kleine Broschüre. Aber Leidenschaft sollte immer drin sein, meinst Du nicht? Ich denke zwischen einer leiden­schaft­lich gestal­teten Broschüre mit kleinen Makeln und einer lieblos hinge­klat­schen wird man trotzdem den Unterschied sehen.

  39. Thomas Hesselmann-Höfling

    Spricht mir aus dem Herzen … und wird sofort an meine Mitarbeiter weiter­ge­leitet, als Pflichtlektüre … tja, hoffe nur das ganze predigen bringt auch was.

  40. nora

    :)
    Ich bin dabei! Vielen Dank für den schönen Beitrag Jürgen!
    Wobei ich sagen muss, dass die am schlech­testen gebun­denen Paperbacks auch aus den USA kommen. Da habe ich schon mehr als eines unge­lesen in die Tonne gedrückt, weil das Aufschlageverhalten so mise­rabel war. Aber das hat ja jetzt eigent­lich gar nichts mit dem Thema der leiden­schaft­li­chen Typografie zu tun … für mich gehört das Finish eben auch immer mit dazu.

  41. Lorer

    Es heißt übri­gens kämpfen und nicht kömpfen ;-) Erster Satz unterm Jägerschnitzel. #Rechtschreibnazi

  42. Jürgen Siebert

    Puh, und das gleich im ersten Satz. Ich hab’s korri­giert. Danke für den Hinweis.

  43. Florian Fischer

    »Wenn der Zielgruppe die (typo­gra­fi­sche) Hingabe egal ist«.

    Hingabe ist immer Selbstzweck. Geben ist Selbstzweck. Nehmen verpflichtet.
    Sorgfalt, Achtsamkeit, Hingabe, die angeb­lich keiner merkt, hat eine posi­tive Langzeitwirkung, indem Schäden ausbleiben, die sonst sehr merkbar entstehen würden. Schlechte Typografie ist für Augen und Wachheit wie Gift im Essen für Magen und Wohlbefinden. Man merkt es nicht gleich, aber wundert sich irgend­wann über Müdigkeit und Unlust und Siechtum. Typografie ist Lebensmittel für die Augen.

  44. R::bert

    Sorgfalt, Achtsamkeit, Hingabe, die angeb­lich keiner merkt, hat eine posi­tive Langzeitwirkung, indem Schäden ausbleiben, die sonst sehr merkbar entstehen würden. Schlechte Typografie ist für Augen und Wachheit wie Gift im Essen für Magen und Wohlbefinden. Man merkt es nicht gleich, aber wundert sich irgend­wann über Müdigkeit und Unlust und Siechtum. Typografie ist Lebensmittel für die Augen.

    Das haben Sie aber schön ausge­drückt!

    PS.: Es gibt auch wunder­volle Webfonts – für Augen, die am Bildschirm essen …
    ( ; Die FF Good stünde Ihnen sicher good! : )

  45. R::bert

    Hingabe ist immer Selbstzweck. Geben ist Selbstzweck. Nehmen verpflichtet.

    Ich wage zu bedenken:

    Kommt auf die Haltung an. »Nehmen verpflichtet.« Wenn ich mich nicht beschenken lassen kann, ja. »Geben ist Selbstzweck.« Wenn ich nie beschenkt wurde, ja.

  46. Matthias

    Lässt sich einschätzen, ob Sonderzeichen (»«, –, ’ etc.) von aktu­el­leren E-Mail-Programmen sinn­voll verar­beitet werden? Via Mac-Mail ist das ja kein Problem, aber oft bekommt man in der Antwort die eigene Mail noch mal in der Windows-Lesart zu sehen – besten­falls mit Kästchen oder Bruchzahl statt »ö«, schlimms­ten­falls mit »freund­li­chen Gr«. Das bremst die Leidenschaft dann schon ein wenig.

  47. Wolfgang

    Für mich ist gute Typografie die Leidenschaft, die ich mir persön­lich leiste, damit ange­messen zu verdienen wird immer schwie­riger.

  48. Sara

    Hmm, der Jägerschnitzel-Font ist toll! Wie heißt denn der?

    Viele Grüße
    Sara

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