Fontblog Spaß

bukowskigutentag 20/12: Let’s do the GEMA-Dance!

anchmal wird es mit der Ironie so übertrieben, dass keiner mehr hinterherkommt. Hier zum Beispiel: Hätten Sie als Außenstehender den kleinen Unterschied zwischen den beiden Jungen gleichen Vornamens bemerkt? Ohne diesen aufklärenden Tweet keine Chance, darf man annehmen:

Wirklich befremdlich wurde es neulich eines Abends, als wir einen Film genau 138 mal so schlecht fanden, dass wir ihn schon wieder gut fanden, dass wir ihn schon wieder schlecht fanden und so weiter, bis der Abend gelaufen und wir völlig hinüber waren. Danach lagen wir alle die nächsten Tage mit multiplen Ironismen darnieder und meinten selbst das schon wieder nicht ernst. Nicht mehr auszuhalten!

Aber jetzt naht Abhilfe, und zwar in Form einer eigens konzipierten Ironie-App, die gerade in Programmierung befindlich ist. Dank dieser App wird man sich solche Exzesse künftig sparen und den Ironisierungsgrad per einfachem Tipp aufs Smartphone auf einen Schlag lösen können. Das geht dann so:

Man gibt den gewünschten Begriff ein (Filmtitel, Band, Promi, Künstler o.ä.) und die App berechnet automatisch den Ironiefaktor, der in der Einheit »dsw« wiedergegeben wird, wobei Anzahl »dsw« für die Anzahl an »dass schon wieder«-Schleifen steht. In Härtefällen, haben erste Tests mit der App ergeben, wird sogar ein Wert in kdsw, also kilo-dsw ausgewiesen. (Als Testbegriff hatten wir die App mit »Scooter« gefüttert, woraufhin uns ein beeindruckender Wert von 1.236 kdsw angezeigt wurde.)

Trotzdem hätte ich persönlich mal Lust auf eine Ironiepause. Umso ärgerlicher daher, dass in Berlin gerade eine neue und leider schwer ironische Musikbewegung entsteht. Ähnlich wie das höchst alberne Easy Listening der 90er Jahre, nur mit dem Unterschied einer erzwungenen Ironie; und zwar erzwungen von der GEMA, die derzeit ihre Gebühren für Clubs und Diskotheken angeblich so drastisch anzieht, dass sich kein Betreiber den Spaß mehr leisten kann. Von Steigerungen um immerhin bis zu 1.400 Prozent ist die Rede.

Die ersten Clubs* in Berlin schalten nun auf die bizarre, gruselige, pornöse Mucke um, die lizenzfrei oder sogar völlig gratis zu haben ist, woraus sich unmittelbar die besagte neue Jugendbewegung entwickelt. Man hört nämlich nicht nur zwangsironisch gemeinte Fahrstuhlmusik und was sonst noch an kostenloser Beschallung erhältlich ist, sondern kreiert auch gleich einen eigenen Tanzstil. »Come on everybody, let’s do the GEMA!«, heißt es überall und der neue Stil steht auf dem Sprung, die ganze Welt zu erobern.

Ich persönlich kann und will aus Altersgründen zwar nicht Teil einer Jugendbewegung sein, aber ich habe den Tanz zuhause selbst ausprobiert (mit besonderer Betonung auf »ausproBIERt«, hahaha!). Einen Videomitschnitt davon habe ich bereits bei den Vereinten Nationen eingereicht, die mir inzwischen bestätigt haben, dass mein GEMA-Dance-Video umgehend auf den Index der unzulässigen, ironischen Verhör- und Foltermethoden gesetzt wurde, was mich ein klein wenig stolz macht (… is natürlich ironisch gemeint, jetze).

So weit, so schön. Trotzdem möchte ich noch einmal die Idee einer Ironie-Pause anregen. Ich habe nämlich so eine Ahnung, das selbst diese Idee mit der Ironie-Pause schon wieder ironisch gemeint ist … Jetzt reicht’s aber!

Michael Bukowski

(*mein Wohnzimmer)


bukowskigutentag 17/12 – Frau Zwinker & Herr Grins

Streitschrift zur Wiederherstellung der Ehre der Emoticons

Selbstverständlich reden wir hier nicht von der Unzahl an plastischen Emoticons (siehe Abbildung des Grauens). Diese teilweise sogar animierten Niederquerschnittsreifen unter den Bildmissbildungen bleiben selbstverständlich den Vodka-Gummibärchenwasser trinkenden Techno-Fans aus Schnuftihausen bei Pfrimelbach, also den sowieso emoticontional herausgeforderten Leutchen vorbehalten und das möchte bitte auch so bleiben. Danke. Gerne.

Stattdessen packen wir jetzt einen bekannten Kaventsmann von intellektuell dickst möglicher Hose aus unserer Asservatenkammer und hauen uns den und vor allem den hier Gemeinten mal zünftig um die Öhrchen. Die Rede ist von folgender, viel zitierter Statusmeldung: Leute, die Emoticons benutzen, signalisieren damit, dass sie den Empfänger für geistig zu tiefergelegt halten, als dass der die Ironie oder den Witz der Wortmeldung verstehen könnte.

Ui! Haben Sie’s gemerkt? Das hat gesessen!

Ach nee, doch nicht. Und zwar aus folgendem Grund: Nicht nur ich, sondern auch viele mir bekannte und meiner Meinung nach keineswegs durch den cerebralen Festplattenfehler 404 auffällige Zeitgenossen setzen in ihrer täglichen, digitalen Kurz-Korrespondenz auf die Dienste von Frau Smiley :-) und Herr Grins ;-) – wahlweise auch in zeichensparender ;) Kurzform :)

Haben wir es hier mit einem klassischen Anfall von Schwarmdemenz zu tun? Ist der Untergang des Abendlandes mit neuer, noch mal verbesserter Diesmal-aber-wirklich-Wirkformel eingeleitet, weil beim Gebrauch von Zwinker und Grins irgendwo im Moment bei der Lektüre dieses Textes hier ein Deutschlehrer an Finalverbitterung gestorben ist?

Nö.

Digitale Wortmeldungen in Emails, SMSen, Chats, Foren und sonstwo haben sich als hochwirksame Quellen für Missverständnisse und ungewollte Peinlichkeiten ergeben. Ohne Smileys, meine Damen und Herren, gingen mehr Ehen und Karrieren den Bach runter, als dies Ehen und Karrieren möglich machen könnten. Ich möchte sogar behaupten, dass Smileys mehr für den Weltfrieden getan haben als Miss Universum ’93. Denn offensichtlich reichen diese meist schnell aus der Hüfte geschossenen, kurzen Texte nicht aus, um einen bei längeren Formaten gegebenen Zweitkanal zwischen den Zeilen zu transportieren.

Meint jemand ernsthaft, Sportskamerad Goethe oder Onkel Nietzsche hätten, wenn zu ihrer Zeit zum Beispiel Twitter vorrätig gewesen wäre, vorbildlich ohne jedes Emoticon getextet? Meinen Sie etwa, good old Karl Kraus hätte es sich nehmen lassen, seinen Ausspruch »36 Hühner treten auf, gackern und treten wieder ab« in einer WhatsApp-Message zum Beispiel in ein zünftiges )-:< zu fassen oder so? (Ich weiß gerade nicht, ob das das richtige Zeichen für diesen Satz ist. Bei allem, was über :) und ;) hinausgeht, brauche ich noch Nachhilfe, wofür ich mich gerade bei der Volkshochschule um die Ecke im Kiez angemeldet habe.)

Aber selbst wenn es sich hier um ein »Millionen Deppen, eine Meinung«-Phänomen handeln sollte: Da mach ich mit! Und lassen Sie sich bitte auch kein schlechtes Gewissen einreden. Emoticons – in moderater Dosierung versteht sich – sind völlig legitim. (Wenn ich ehrlich sein darf, habe ich sogar neulich herzlich gelacht über so einen gelben Quietsche-Smiley, der animiert war und mir mit einem Bier zuprostete. Grins! Zwinker! Gacker!)

Michael Bukowski

P.S.: Hier noch abschließend meine Gebrauchsanweisung für einen guten Tweet; selbstverständlich mit Smiley. Funzt!

Aufmacherabbildung: freeiconsdownload.com


bukowskigutentag 15/12: total verrückt!

ürzlich war ich einmal wieder vor Ort bei der Agentur, für die ich ab und an als Performance-Darsteller arbeite. Gerade saßen wir zur Besprechung zusammen, als plötzlich eine Mitarbeiterin in die Runde platzte.

»Hallo Leute, ich suche meine Kollegin, die Anne-Katrine? Hat die jemand gesehen?«

»Im Kühlschrank«, antwortete der Agentur-Chef beiläufig.

»Ah, danke!«, sagte die Mitarbeiterin und war schon fast wieder auf dem Flur, als sie sich noch einmal zu uns in den Besprechungsraum umdrehte. »Moment mal, meine Kollegin, die Anne-Katrine … im Kühlschrank!?«

»Was?«, antwortete der Agentur-Chef, »Ach so, die Anne-Katrine. Da habe ich mich wohl verhört. Ich dachte, Du meinst Margarine. Was für ein lustiger Verhörer!«

»Hahaha«, meinte ich, »habt Ihr das gehört, Leute? Der Chef hat sich verhört und meinte, Anne-Katrine sei im Kühlschrank. Dabei hatte er Margarine verstanden! Was für eine verrückte Geschichte!«

»Ich lach mich scheckig!«, meinte ein anderer aus der Runde. »So was Ausgeflipptes aber auch!«

»Wir sind schon ein echt durchgeknallter Haufen, nicht wahr, Leute!«, sagte der Chef.

»Aber echt«, meinte die Mitarbeiterin, die auf der Suche nach ihrer Kollegin war. »So herrlich ausgeflippt, spontan und verrückt wie wir muss man erst mal sein!«

»Und kreativ nicht zu vergessen,« wandte ich ein.

»Das sowieso«, bestätigte mich die Kollegin.

»Außerdem muss man sich auf so hohem Niveau auch erst mal verhören können«, fügte ich begeistert hinzu.

»Aber echt«, sagte der Chef. »Wir haben zwar wirklich wichtige Sachen zu besprechen, aber lasst uns das jetzt erst mal genießen. Mit der Besprechung machen wir später weiter. Also, weil’s so schön war, fasse ich noch mal die Ereignisse von eben zusammen. Wisst Ihr noch, wie eben die Kollegin vorbeikam und …«. … Was hatten wir Spaß!

An diese lustige Geschichte musste ich neulich wieder denken, als ich etwas las, das mir gar nicht gefiel. Da schrieb einer, ich zitiere: »Die banalsten Leute erkennt man am einfachsten daran, dass sie sich selbst als verrückt, durchgeknallt und flippig bezeichnen.« Das kann ich ja gar nicht leiden, wenn sich so ein verklemmter Zyniker als Spielverderber aufführt.

Viel lieber sind mir kreative Menschen. Zum Beispiel die Steuerberaterin, die mir kürzlich bei Twitter folgte und in deren Profil zu lesen war: »Kreative Steuerberaterin«. Wenn die Assoziation zu »kreative Buchführung« gewollt ist, super! Wenn nicht: auch super! Weil in jedem Fall sehr kreativ! So gefällt mir das.

Abschließend loben möchte ich noch all die Leute, die sich in ihren Accounts, Profilen etc. auf das wesentliche besinnen; nämlich auf das Menschsein. Das geht ganz einfach zum Beispiel so: »IT-Professional, Familienvater, Erfolgs-Coach, Mensch«. Oder »Autor, Redakteur, Erfolgs-Coach, Mensch«. Oder »Zahnarzthelferin, Erfolgs-Coach, Mensch, Schauspielerin«. Man weiß einfach gleich bescheid, dass dieser Account nicht von einem Staubsauger oder einem Zwergkaninchen betrieben wird, sondern von einem »Mensch«. Ich begrüße das!

Michael Bukowski


bukowskigutentag 12/12: Service-Hotline

n den letzten Monaten war ich oft mit der Bahn unterwegs. Insbesondere zu Stoßzeiten wie während der Weihnachtstage ist da bekanntlich recht viel los. Menschenmassen überall, nicht erst in den Zügen, sondern schon am Bahnhof.

Kurz vor Weihnachten zum Beispiel fanden im Hamburger Hauptbahnhof die Deutschen Meisterschaften im Im-Weg-Rumstehen statt, in die ich leider völlig unvorbereitet hereingeplatzt bin. Hätte ich davon gewusst, hätte ich natürlich vorher noch etwas trainiert. So aber hatte ich keine Chance auf eine nennenswerte Platzierung.

Dafür habe ich mir aber fest vorgenommen, für das nächste Weihnachtsfest zwei studentische Mitarbeiter zu engagieren und die beiden mit reichlich Gepäck wie übergroßen Rollkoffern etc. auszustatten. Zu dritt, mit viel Gepäck und im Team könnte ich dann den anderen Leuten unterwegs satte 200 Prozent effektiver im Weg rumstehen und … aber zum Thema.

Durch das regelmäßige Bahnfahren sammelten sich bei mir haufenweise »Bonus-Meilen« und »Comfort-Punkte« an. Die wollte ich kürzlich einlösen. Leider scheiterte das daran, dass ich mich bei bahn.de nicht einloggen konnte. Also rief ich bei der Service-Hotline an:

– Guten Tag.

– Guten Tag.

– Ich möchte gerne meine Bonusmeilen einsehen. Da steht aber auf der Website, ich bräuchte eine PIN.

– Dann brauchen Sie die wohl. Können Sie auf der Website beantragen.

– Wann verfallen denn meine Bonus-Punkte?

– Das weiß ich leider nicht.

– Hm. Steht aber sicher auf Ihrer Website, oder?

– Bestimmt.

– Dann lese ich das einfach da nach.

– Gute Idee.

– Und wie kommen zusätzlich zu den Bonus- und den Comfort- diese sogenannten Status-Punkte zustande?

– Hmmm …

– Ach, das steht sicher auch auf Ihrer Website.

– Bestimmt.

– Dann lese ich das da mal nach.

– Bestens.

– Warum rufe ich Sie eigentlich an, wenn Sie nichts wissen, aber dafür alles auf Ihrer Website steht?

– Ja genau! Das macht doch gar keinen Sinn!

– Darf ich Sie kündigen?

– Würden Sie das für mich tun?

– Gern! Hiermit erkläre ich Ihnen die Kündigung.

– Vielen Dank!

– Nichts zu danken. Ich freu mich doch, wenn ich helfen kann.

Und – zack! – wieder ein Arbeitsplatz weniger. Aber dafür stelle ich ja demnächst zwei Studenten ein. Unterm Strich werde ich also einen Arbeitsplatz schaffen. Eine volkswirtschaftlich zufriedenstellende Bilanz, finde ich.

Michael Bukowski


bukowskigutentag 7/12: Zeichen & Dschungel

nzählige unentdeckte pflanzliche Wirkstoffe harren im Amazonas-Dschungel ihrer Entdeckung und Nutzbarmachung. Die Erwartungen an die Pflanzen-Substanzen sind zu Recht groß. Denn wie viel besser ließe es sich im Alltag leben zum Beispiel mit Pillen, die eine wohltuende optoakustische Farbtonverschiebung beim Anblick eines Mitte-Hipsters erzeugen. Oder Tinkturen, die eine spontane Resistenz gegen Polit-Deutsch auslösen. Oder Drops, die gelutscht worden sein können. Oder spezielle Anglizismus-Exorzismus-Sprays, die aus einem »Brain Awareness Workshop« einen »Hier, Bewussthirnungs-Gruppen-Dings« machen. Und und und … was da nicht alles möglich wäre!

Um diese Angelegenheit genauer zu untersuchen, gab ich Anfang dieser Woche bei mir eine Studie in Auftrag, die ich auch umgehend in Angriff nahm. Ziel der Studie ist die kritische Prüfung, ob die immense Anzahl noch unentdeckter pflanzlicher Wirkstoffe im Amazonas-Dschungel für die Pharma-Industrie verwertbar sein könnte. Für meine Recherche zu dieser Studie bin ich spontan nicht nach Brasilien gereist, sondern zuhause sitzen geblieben. Da war ich aber nicht untätig. Im Gegenteil: Ich freue mich, Ihnen weltexklusiv das Ergebnis präsentieren zu können.

Lesen Sie in folgendem Satz die Einleitung, die komplette Studie und das Ergebnis: »Gäbe es im Amazonas-Dschungel für die Pharma-Industrie brauchbare Wirkstoffe, dann gäbe es den Amazonas-Dschungel noch.«

Eine überzeugende Arbeit, wie ich finde. Allerdings etwas kurz geraten. Da mich die Arbeit nur zehn Minuten anstatt der ursprünglich avisierten sechs Wochen in Anspruch nahm, hatte ich plötzlich sechs Wochen minus zehn Minuten Zeit zur freien Verfügung. Also schrieb ich mir noch schnell die Rechnung für die Studie und ging erst mal gassi mit mir ins Café um die Ecke.

Tja, hm … und nun?

Bisschen kurz, nech? Ach, sagte ich schon?

Hm. Also rund fünfhundert Wörter sollte so ein Kolumnen-Beitrag schon umfassen. Sonst krieg ich womöglich noch Schimpfe von Jürgen Siebert.

Bis zum letzten Satz waren es erst 284 Wörter. Jetzt sind’s insgesamt immerhin schon 300 Wörter.

Immer noch zu wenig …

Aber wo wir gerade beim Thema sind: Ich saß also kürzlich im Café und erblickte neben mir am Nachbartisch eine, wie mir schien, recht attraktive Frau. Ich machte mir so meine Notizen und meinte, bei der Dame eine dezente Aufmerksamkeit konstatieren zu können.

Also notierte ich fleißig weiter; und zwar solches:

14.289
12.717
———-
27.006

Je mehr Zahlen und Additionen dieser Art ich notierte, desto stärker schien mir das Interesse der Frau. Immer öfter lugte sie zu mir und meinen Notizen herüber. Mittlerweile summierten sich meine Berechnungen auf einen Betrag von 123.348. Ich fasste mir ein Herz und sprach die Frau direkt an:

»Ich rechne gerade die Zeichenmengen aller Entwürfe und Textfragmente für mein aktuelles Buch zusammen, wissen Sie. Mit 123.348 Zeichen inklusive Leerzeichen habe ich schon locker ein Viertel zusammen!«

Daraufhin nuschelte Sie irgendwas wie »Termin, dringend« oder so und ging.

»Euro! Ich meinte Euro! War nur’n Witz mit den Zeichenmengen …«, rief ich ihr hinterher, aber da war sie schon weg.

Na ja, was soll’s! Nach dem letzten Satz zähle ich 487 Wörter und 3.235 Zeichen. Passt für heute!

Michael Bukowski


bukowskigutentag 6/12: Green Bullshit

rüher kursierte der Witz, dass man irgendwelche minderintelligenten Wortmeldungen »akustische Umweltverschmutzung« nannte. Wie Sie sicher bemerkt haben, hält sich die Witzigkeit dieses Witzes in Grenzen. Ich hätte das auch längst vergessen, gäbe es nicht das Internet mit Social-Media, was dem Thema überraschend neues Leben einhaucht.

Bekanntlich bietet Social-Media jedem Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit, sich in Kommentaren oder Postings nach Belieben auszutoben. Neben konstruktiven Beiträgen läuft auch die Produktion von Bullshit auf Hochtouren. Das war früher anscheinend nicht anders: Jeder kann sich auf dem Markplatz sein Plätzchen suchen und dort ungezwungen seine ohne Zweifel die Geschicke der Menschheit vorantreibende Meinung coram publico kund tun.

Aber es gibt einen erheblichen Unterschied zu vordigitalen Zeiten. Vor ein paar Jahren nämlich tauchten Studien auf, die den Energieverbrauch von Suchabfragen bei Google analysierten. Im Schnitt verbraucht eine Google-Suche die Menge Energie, mit der man eine Glühbirne eine Stunde lang leuchten lassen kann. Das gilt natürlich nicht nur für Suchabfragen, sondern ebenso für online eingestellte Kommentare und Postings. Auch für Bullshit-Beiträge lässt sich also ein durchschnittlicher Energieverbrauch berechnen. Und da die Serverfarmen dieser Welt nicht vollumfänglich aus regenerativen Energiequellen betrieben werden, kann auch jedem Bullshit-Beitrag ein eigener CO2-Fußabdruck zugewiesen werden. Da Tag für Tag auf der ganzen Welt circa drölf Zillionen Bullshit-Beiträge publiziert werden, kann man sich ungefähr vorstellen, dass allein eine komplette Serverfarm unter Volldampf steht nur für die Verarbeitung von Bullshit-Beiträgen.

Damit haben Sie inzwischen sicher gemerkt, wohin diese Berechnung zielt: Der alte Witz mit »Blödsinn = Umweltverschmutzung« ist wahr geworden! Denn kaum ein Blogpost oder Facebook-Posting wird publiziert, ohne dass mindestens eine Leuchte mit einem Kommentar um die Ecke kommt, der so viel Energie verbraucht, dass man damit eine echte Leuchte, nämlich eine Glühbirne, eine Stunde lang hätte brennen lassen können.

Sicher denken Sie jetzt wie ich, dass man unter diesen Umständen das Internet besser wieder abschaltet. Aber warten Sie, es gibt noch eine andere Option!

Man entwickle einen Alogrithmus, der jeden Online-Kommentar unmittelbar auf seinen Bullshit-Gehalt hin analysiert. Jede Meldung wird dann auf einer Skala von 1 = »gar nicht blöd« über 5 = »Facepalm!« bis 10 = »final in die Petersilie gehagelt« bewertet und kennzeichnet. (Stellt sich die Frage, wer die objektiven Kriterien für diese Bewertung festlegt … joa, könnte ich machen …)

Der einer Meldung zugewiesene Bullshit-Faktor fungiert dann ähnlich wie Punkte in Flensburg für Autofahrer. Er ist die Grundlage für eine sofortige Sanktionierung des Bullshittenden, der als Ausgleich für seine Bullshittung die Auflage zu erfüllen hat, seine nächsten Google-Suchen nicht mit Google, sondern mit Blackle durchzuführen; und zwar genau so oft, wie es sein Bullshit-Konto mit seinen gesammelten Punkten ausweist.

Falls jemand Blackle nicht kennen sollte: Es handelt sich um eine Energiesparversion von Google mit inverser Farbgebung; also schwarzer Hintergrund mit weißer Schrift. Das spart Strom. Laut Blackle-Website mit Stand vom 20. Februar 2012 wurden bereits »2,959,893.374 Watt hours saved«. Mehr über grüne Suchmaschinen finden Sie hier in einem Bericht bei utopia.de.

Der Bullshit-Algorithmus ist zwar noch nicht implementiert, aber Sie können diesen Beitrag gemäß der oben genannten Bullshit-Skala händisch bewerten. Verfassen Sie dazu einen Kommentar mit Ihrer Bewertung von 1 bis 10. Wir sammeln und addieren alle abgegebenen Bewertungen und der Autor wird dazu verdonnert, genau diese Anzahl seiner nächsten Internet-Suchen mit einer grünen Suchmaschine zu tätigen.

Michael Bukowski


Comic des Tages

 
 
 
 
Für Leute, die du nicht ausstehen kannst: Lehre sie, wie man schlechtes Kerning erkennt.

 

(© http://xkcd.com/1015/; danke an Jörg für den Tipp)


bukowskigutentag 1/12: Kabel & Liebe

ensch, so eine spannende Geschichte und ich finde den Link nicht mehr zu der Webseite, auf der ich das gelesen habe. Egal. Ich erzähle es Ihnen einfach:

Kürzlich haben amerikanische Wissenschaftler ein Experiment mit denkbar simplen Mitteln, aber epochalem Ergebnis durchgeführt. Der Versuchsaufbau bestand aus nicht mehr als zwei handelsüblichen Kabeln, wie man sie zum Beispiel für den Anschluss von Elektrogeräten aller Art nutzt. Diese beiden Kabel wurden nun in einem Laborraum parallel nebeneinander, also ohne Berührung miteinander auf einen Tisch gelegt und der Raum wurde danach verriegelt. Kein Mitarbeiter und schon gar kein Außenstehender hatte Zugang zum Versuchsraum. Einzig eine Kamera hielt fest, was im Inneren des Raums geschah.

Nach einer Woche, während der die Kamera ununterbrochen lief, wertete man die Aufnahmen aus. Dazu ließ man die Filme im Zeitraffer ablaufen. Das Ergebnis: Nach wenigen Tagen und ohne jeglichen äußeren Einfluss begannen die beiden Kabel sich zunächst langsam aufeinander zuzubewegen und sich später dann heillos ineinander zu verknoten, verstricken und verwirren. Sprich: ein klassischer Kabelsalat war entstanden – ganz ohne menschliches Zutun. Was alle ahnten, wäre damit empirisch bewiesen. Kabel neigen von Natur aus dazu, sich ineinander zu verknäueln. Ist so.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich neulich mal wieder in der Agentur war, für die ich ab und an als Senior-Trainee arbeite. Es stand gerade der Besuch eines wichtigen Kunden an, als ich plötzlich unter einem Schreibtisch den Texter und die Art Directorin entdeckte, die beide offensichtlich schwer ineinander verschlungen waren. »Kinder, der Kunde kommt gleich«, sagte ich, »wichtiger Termin jetzt. Ihr könnte doch hier nicht unter dem Tisch rumliegen und Euch ineinander verwursteln. Losloslos!« – »Ey, was’n?«, antworteten die Beiden, »Wir sind Kabel!« – »Ach so, verstehe«, sagte ich.

Da wir die Art Directorin und den Texter nicht mehr rechtzeitig entknäulen konnten, ließen wir die Beiden einfach unterm Tisch liegen und erklärten dem Kunden, dass die Mitarbeiter gerade ein Experiment durchführen würden, von dem wir uns neue Kampagnen-Impulse für die kabelherstellende Industrie versprechen. Das kam gut an und der Termin verlief auch sonst erfolgversprechend.

In meinem speziellen Tagebuch, in dem ich Vorfälle notiere, die mit Kabeln und/oder Liebe zu tun haben, machte ich an diesem Tag noch folgenden Eintrag: »Wo die Liebe hinfällt, da stehen viele ja so schnell erst mal nicht wieder auf.«

 

Michael Bukowski


Neue Freitag-Serie im Fontblog

iebe Fontblog-Leserinnen und -Leser,

zu jedem guten Themen-Blog gehört eine Kolumne, die nichts mit dem Thema zu tun hat. Die fehlt uns leider seit über einem Monat. Warum? Die knallhart geführten Honorarverhandlungen mit unserem Hofkolumnisten Michael Bukowski zogen sich länger hin, als geplant. Das Ergebnis: Leider zahlt uns der Mann weniger Honorar für die Publikation seiner Kolumne, als wir in unserem Business-Plan vorgesehen hatten. Aber da der Herr Bukowski irgendwie ein netter Kerl ist, machen wir das trotzdem mal. Ab morgen also jeden Freitag um 13 Uhr 30 ein neuer Beitrag.

Und das dürft ihr erwarten: Um Material für seine Texte zu sammeln, verkleidet sich Bukowski aufwändig und schlüpft à la Wallraff undercover in die Rolle eines »Herrn Bukowski«, der gerne mal für die eine oder andere Agentur arbeitet oder auch mal im Café rumsitzt. Bei ersterem kommt Geld rein, bei letzterem fließt’s wieder ab. Aber unterm Strich bleibt ausreichend Futter für mehr oder weniger tiefgründig-bekloppte Schoten aus dem Berufs- und sonstigen Leben.

Wir freuen uns und wünschen euch gute Unterhaltung!

P.S.: Bitte beachten: Die Kolumne sieht eine Mischung von tagesaktuellen Themen und Spaßbeiträgen vor. Insbesondere Letztere sind reine Unterhaltung, weswegen wir im Gegensatz zu unseren sonstigen Gepflogenheiten die Kommentar-Funktion deaktivieren.