— Schriftgeschichten —


Der Hadopi-Krimi, ungekürzt und in Deutsch

Vor einer Woche sprach ich eine dringende Leseempfehlung aus: die Recherche unseres Kollegen Yves Peters im FontFeed über den Einsatz einer geklauten Schrift im Corporate Design der französischen Anti-Piracy-Organisation Hadopi. Ich bedauerte, den Beitrag nicht in übersetzter Form hier im Fontblog veröffentlichen zu können. Unser Leser Alexander Ihle sprang sofort ein und sendete mir wenige Stunden später den deutschen Text.

Vielen Dank Alexander, dass wir die Geschichte nun alle schnell und verständlich lesen können. Als Dankeschön geht noch heute der unbezahlbare Kalender Carte Blanche an dich raus, konzipiert und mit 10 Druckfarben gestaltet von Wehr & Weissweiler. Den gibt es nirgendwo zu kaufen, er ist inzwischen vergriffen … 5 Exemplare allerdings liegen auf meinem Schreibtisch, ein Geschenk von W&W für verdiente Fontblog-Aktivisten. Danke an Euch beide.

Jürgen Siebert

Es ist eher selten, dass typografische Themen in den Abendnachrichten landen. Ein Beispiel ist Peter Verheuls eigens für die niederländische Regierung angepasste Schriftfamilie Rijksoverheid, die Gegenstand der nationalen Fernsehnachrichten war. Keine breite Öffentlichkeit bekamen die heftigen Reaktion der Designerszene auf den Wechsel Ikeas zur Allerweltsschrift Verdana oder die Entrüstung der Typogemeinde über den Einsatz der abgedroschenen Papyrus in James Camerons Blockbuster Avatar (mehr darüber in der nächsten Ausgabe von ScreenFonts).

Beide Fälle waren nur Insidern bekannt. Der jüngste Fall eines Font-Fails Mitte Januar verbreitete sich jedoch wie ein Lauffeuer im französischen Internet, wurde von den großen Nachrichtenmedien aufgegriffen und bekommt mittlerweile sogar internationale Aufmerksamkeit. Warum? Weil sich mit Sicherheit sagen lässt, dass die Geschichte um das Hadopi-Logo in die Kategorie »epic Fail« einzuordnen ist – dieser Ausdruck steht im Internet-Slang für die amüsante Kombination aus Versagen aufgrund mangelnder Kompetenz (oder gesundem Menschenverstand) auf der einen Seite und bittersüßer Ironie auf der anderen. Die vielfältigen Ebenen des Versagens machen den Hadopi-Fall zu einer besonders tragische Geschichte.

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Schriften sind Schauspieler des geschriebenen Wortes

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Nicht immer fällt es Experten leicht, ihr Tun einem Laien zu erläutern. Kann sein, dass es Handwerkern eher gelingt als Dienstleistern, doch ganz sicher ist das Feld Design für Außenstehende ein unsagbar abstrakter Kosmos, vor allem die Sparte Kommunikationsdesign und Typografie.

Manchmal helfen Analogien aus vertrauten Branchen weiter. Die aktuelle Imagekampagne Was uns antreibt der Volks- und Raiffeisenbanken (VR) regt mich zur Brücke an, Schriften als Schauspieler zu betrachten. Während die menschlichen Darsteller das gesprochene Wort auf die Bühne (oder ins Hörbuch) bringen, inszenieren Schriften das geschriebene Wort.

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Es gibt männliche und weibliche Schauspieler. Schriften haben kein Geschlecht, aber eine Ausstrahlung, der man durchaus das Etikett männlich oder weiblich anheften möchte (vgl.: »Die neue FF Yoga: eine Schrift für Mädchen?«). Manche Schriften verkleiden sich, andere wollen allen gefallen und geben sich gerne geschlechtslos (vgl.: »Helvetica … die Schrift ohne Eigenschaften.«).

Spricht eine Schrift laut, ist sie groß gesetzt. Flüstert sie, können wir den Text kaum lesen, so klein ist er gedruckt. Die einen sind stark geschminkt, die anderen verrückt angezogen. Es gibt sexy Schriften, unauffällige, extrovertierte, falsch besetzte und eingebildete Schriften. Zum Glück brauchen sich die Leser (Zuschauer) keine Gedanken um die Besetzung oder die Qualität eines Schriftschauspiels zu machen: Wenn es gefällt, geben sie Applaus und empfehlen die Aufführung weiter.

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Um so bedauerlicher ist es – und da unterscheiden sich die Designer und ihre Auftraggeber ein wenig von den Regisseuren und Theatermachern –, dass viele »Experten« die Rolle der Schrift nicht kennen oder schlicht missachten. Ihnen ist es egal, welcher Schauspieler die mit Mühe und Sorgfalt geschriebenen Worte in Szene setzt. Man heuert den nächstbesten Darsteller an, egal ob er sich für die Rolle eignet oder seine Ausstrahlung dem Stil des Hauses entspricht.

Viel zu oft passt in der kommerziellen Typografie nicht zusammen was zusammen geschnürt wird. Manche Provinzbühne gibt sich mehr Mühe bei der Besetzung einer Komödie als ein Großunternehmen bei der Wahl seiner Haus- oder Kampagnensschrift. Konsequenz: Die Zuschauer schauen weg, bzw. blenden misslungene typografische Inszenierungen einfach aus. Diese Abkehr lässt sich leider viel schwerer messen als ein unausgelastetes Theater.

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Die Imagekampagne der Volks- und Raiffeisenbanken wurde von der Berliner Agentur Heimat im Mai 2009 auf die Schienen gesetzt (kreative Leitung: Matthias von Bechtolsheim und Guido Heffels). Inzwischen existieren über 80 Bild/Schrift-Motive, wobei sich die Zahl stets ändert, weil die regionalen Banken – das sind 1200 eigenständige Institute – selbst eigene Motive nach dem Layoutrahmen der Agentur mixen. Um typografische Beliebigkeit zu vermeiden, sehen die CD-Richtlinien für eigenproduzierte Motive als Fallback die hauseigene Frutiger VR vor.

Die inzwischen mehrfach preisgekrönte Kampagne (Horizont, New Business, ADC)  ist ein verständliches Beispiel dafür, wie Schrift schauspielt. Selbstverständlich darf sie nicht als Empfehlung missverstanden werden, eine Serie von Anzeigenmotiven mit 3 Dutzend verschiedener Schriften aufzusetzen. Es ist Teil des Konzepts der VR-Kampagne, diesen Weg zu beschreiten … kopieren zwecklos!

In dem ein oder anderem Fall hätte ich mir eine weniger naheliegende dafür aber raffiniertere Schriftwahl gewünscht (nicht immer Veronica Ferres oder Heino Ferch), auch auf die Anführungszeichen hätte ich verzichtet … doch das sind Peanuts, um mal im Bankenjargon zu bleiben. Die Kampagne hat hohe Qualität.

Die neue FF Yoga: eine Schrift für Mädchen? Interview!

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Interview mit dem Schriftentwerfer Xavier Dupré

Die neue Schriftfamilie FF Yoga von Xavier Dupré wurde schon bejubelt, bevor sie erschienen war. Einige vorab veröffentlichte Buchstaben und Mustersätze reichten aus, um Schriftexpert(inn)en in Entzücken zu versetzen. Zum Beispiel Indra Kupferschmid: »Heute habe ich meine neue typografische Liebe gefunden – eine Schrift für Mädchen?«.

FF Yoga ist eine Schriftsippe, bestehend aus je 4 Schnitten Sans und 4 analogen Schnitten Serif. Interessant ist ihre Entstehungsgeschichte. Während vergleichbare Konzepte meist mit einer fertigen Serif-Familie beginnen, aus der eine Sans abgeleitet wird (z. B. FF Scala, FF Quadraat, …), entwickelte Dupré beide Varianten parallel. Warum diese Vorgehensweise für ihn besser funktioniert und wieso das Endergebnis anders wird, erklärte mir Xavier Dupré in einem Interview, das ich für das Magazin Design Made in Germany führt. Dort liegt das Interview auch in gestalteter Form als PDF (10 S., 1,5 MB) laden, natürlich gesezt aus FF Yoga.
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„Der Körper eines Buchstabens ist mit dem eines Menschens vergleichbar — und beide interessieren mich brennend.“ (Xavier Dupré)

yoga_spannungFontblog: Wann und mit welcher Intention hast du die Schrift Yoga entworfen?

Xavier Dupré: Meine Arbeit an Yoga begann vor rund zwei Jahren mit dem Ziel, eine nüchterne und vielseitige Schriftfamilie zu entwerfen, die Originalität und Balance verbindet. Sie sollte noch besser für Mengentexte geeignet sein als meine Malaga, jedoch gleichermaßen ausdrucksstark, dank kräftiger Serifen und raffiniertem Kontrast.

Was inspirierte dich zu Yoga?

Mein gesamtes Schaffen ist vom humanistischen Stil beeinflusst, also vor allem vom holländischen und zeitgenössischen amerikanischen Typedesign. Und natürlich schwingt immer meine Leidenschaft für die Kalligrafie mit. Bei FF Yoga haben mich wahrscheinlich Gerard Ungers und Fred Smeijers’ Arbeiten am meisten beeinflusst.

Was bedeutet es, eine Sans und eine Serif parallel zu entwickeln?

Für mich ist es einfacher und interessanter, beide gemeinsam zu entwerfen, weil ich ständig umschalten kann zwischen Sans und Serif. Wenn ein Baustein im einen oder anderen Fall nicht funktioniert, kann ich ihn gleich über Bord werfen. So habe ich immer einen Überblick über das gesamte Werk.

Worin siehst du die Stärke der FF-Yoga-Familie?

Die Stärke der Familie ist ihre ausgezeichnete Lesbarkeit, gepaart mit kuriosen Details, die ihr Persönlichkeit geben. Die Sans hat ein recht lineares Design, vergleichbar einer Gill Sans. Doch in Kombination mit der Serif ergibt sich ein Spannungsbogen zwischen neutral und persönlich. Die kräftigen Serifen helfen beim Lesen kleinerer Texte und verleihen dem Schriftbild einen Bleisatzeffekt.

Planst du Erweiterungen für die Sippe?

Ja. Meine ursprüngliche Idee war die Ent- wicklung eines Schriftsystems für alle Anfor- derungen. Ich habe bereits mit dem Entwerfen optischer Größenvarianten für die Yoga Serif begonnen und mit Display-Fassungen der Yoga Sans. Aber ich brauche noch Zeit. Außer- dem arbeite ich parallel an zu vielen anderen Schriftfamilien.

Warum hast du die Schrift Yoga genannt?

Ich kam auf den Namen, weil ich vor einem Jahr das Yoga in Indien kennengelernt habe und es noch heute jeden Morgen nach dem Aufstehen praktiziere. Yoga hilft, dem Körper Elastizität, Balance und Spannung zu geben, Eigenschaften, die ich auch beim Schriftdesign als wichtig erachte. Der Körper eines Buchstabens ist durchaus mit dem eines Menschens vergleichbar – und beide interessieren mich brennend.

Vielen Dank.

FF Yoga Pro auf fontshop.de …

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Der Yoga-Steckbrief (PDF; klicken zur Vergrößerung): Schriftmuster, Familienübersicht, OpenType-Feature-Übersicht und Klassifizierung

SW-Foto: Matthieu Spohn (© PhotoAlto)

Bestenlisten 2009 von Fontwerk und Typefacts

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Die renommierten Font-Experten Ivo Gabrowitsch (Fontwerk) und Christoph Koeberlin (Typefacts) haben vor wenigen Minuten zeitgleich ihre beiden Schrift-Bestenlisten 2009 veröffentlicht. Obwohl die zwei im richtigen (Arbeits-)Leben eng zusammenarbeiten, gibt es kaum Überschneidungen, denn die LIsten entstanden natürlich in ihrer Freizeit.

Ivo hat mir verraten, dass er über die Feiertage fast 2 Wochen in die Recherche und die Bebilderung seines Rankings gesteckt hat. Er ließ sich alle nominierten Fonts im Original zustellen und untersuchte sie mit der Akribie eines Warentesters. Am Ende entschied er sich für 10 Gewinner, darunter Schriften von den Typejockeys, Büro Dunst, Primetype, Typotheque und Phospho. Sehr anregend!

Christoph Koeberlin steckte ebenfalls eine Menge in die Präsentation seiner 12 Siegerschriften. Alle Abbildungen lassen sich mit der Flash-Lupe detektivisch genau untersuchen. Die Wahl fiel ihm nicht leicht, denn es war seiner Ansicht nach »ein sehr ergiebiges Jahr mit sehr vielen wunderbaren Schriften!« Am Ende entschied er sich unter anderem für Schönheiten von Bold Monday, Linotype, Optimo, Enschedé, Restalten, Re-Type und HVD-Fonts. Tolle Entdeckungen!

Mein unbedingter Lesetipp für diese Woche:
Die besten Schriften 2009 von Fontwerk
Die besten Fonts 2009 von Typefacts:

Aus der Zeitungsspalte ins Fontmenü: FF Dagny

Dagens Nyheter p 1 Sep. 17th 2009

Der 4. Teil und letzte unserer FontFont-Neuvorstellungen* widmet sich FF Dagny, die ursprünglich für die größte Schwedische Morgenzeitung Dagens Nyheter (»Nachrichten des Tages«) entwickelt wurde. Wie sie entstand, warum sie heute anders aussieht und wo es den kostenlosen OpenType-Probierfont FF Dagny Thin gibt … alles in diesem Beitrag.
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Wie die neue Unit-Slab-Schriftfamilie entstand

Achtung, dies ist nur ein raffiniertes Unit-Slab-Schriftmuster im Schablonen-Look (klicken zum Vergrößern), entworfen von Alexander Roth bei FSI, … tatsächlich ist eine echte Unit Slab Stencil weder lieferbar, noch entworfen

Gestern erschien die neue Spiekermann/Schwartz/Sowersby-Schriftfamilie FF Unit Slab im FontShop. Zur schnellen Orientierung stelle ich einfach mal die Frage: Wie ist sie einzuordnen? Ihre Entwerfer formulieren die Verwandtschaft so: »Wenn FF Unit die große Schwester von FF Meta ist, dann sind Unit Slab und Meta Serif Großcousinen.« Während Meta Serif die spleenigen Windungen des Sans-Originals aufgreift, sind die Endstriche der Unit Slab kraftvoll und selbstbewusst angelegt. Das stabile, nüchterne Auftreten der Grundform ruft nach einem massiven Serifenmodell. Zum Teil erinnert das Ergebnis an Schreibmaschinentypen der 50er und 60er Jahre, speziell jene Formen, deren linke Serifenhälfte aus Platzmangel amputiert wurde.

Ihre Vorpremiere feierte Unit Slab bereits im Frühjahr 2009, als Hausschrift des frisch gegründeten Designunternehmens Edenspiekermann (Startseite, mit Unit Slab im Einsatz). Doch die Entwicklung der Schriftfamilie begann bereits vor mehr als 2 Jahren.

Als Erik Spiekermann und Christian Schwartz mit dem Entwurf von Meta Serif begannen, spielten sie bereits mit Ideen für eine Unit Slab, die entweder parallel oder kurz nach der Veröffentlichung von Meta Serif begonnen werden sollte. Weil FF Meta und FF Unit so viele Gemeinsamkeiten haben, lag es nämlich nahe, die beiden Serif-Versionen der Basisschriften so anzulegen, das sie sowohl mit der einen als auch der anderen Sans harmonieren könnten.

Meta, die starke humanistische Züge aufweist, musste zu einer traditionellen Antiqua führen, während Unit die perfekte Ausgangsbasis für eine Egyptienne (Slab Serif) in sich trägt, zumal das i und das j mit ihren Halbserifen bereits die Anlagen in sich trugen. Mit diesem Background machten sich Kris Sowersby und Christian Schwartz daran, die ersten Serif-Testwörter für beide Schriftsippen parallel auszuarbeiten. Unit Slab war bereits halbfertig, als Meta Serif im November 2007 herauskam. Dann begann die Feinarbeit.

Der folgende Protokollausschnitt vermittelt eine Vorstellung des Abstimmungsprozesses zur kursive Version der Unit Slab:

1. Sogar das f scheint bei dieser Strichstärke etwas zu ›schwer‹ am Kopf.
2. Bogenform: siehe Sans Italic.
3. Größerer Winkel bei Thin, Black, Ultra oder weniger bei Regular. Ich bevorzuge Black & Ultra, glaube aber, dass sie etwas extrem sind. Lass sie etwas überhängen und verringere den Winkel an diesem Zeichen – oder mach etwas, was für dich am besten aussieht.
4. Etwas weicher und am Ende ein bisschen mehr hochziehen. Ich möchte den Winkel eher auf dieser Seite der Innenform spüren.
5. Schau Dir die Alternates in den .vfb-Dateien an und wende es auf alle Strichstärken an. Und: Wenn du in der Roman keinen Schnabel hast, warum in der Italic?
6. Siehe Sans Italic.
7. Den Bogen etwas tiefer? Siehe Sans Italic.

Und so sehen die Testwörter heute aus, gesetzt aus Unit Slab Light Italic und Unit Slab Regular Italic (klicken zum Vergrößern):

Die Arbeit an Unit-Slab dauerte schließlich fast 3 Jahre, nicht zuletzt, weil sie – neben ihren 7 Strichstärken (Thin, Light, Regular, Medium, Bold, Black, Ultra) plus 7 Kursive plus 7 Small Caps – zu einem exquisiten OpenType-Familie ausgebaut wurde, mit breiter Sprachunterstützung (OT Pro) und Features wie: Ligaturen, historische Formen, Kapitälchen, Kapitälchen aus Versalien, kontextbedingte Varianten, Versalspationierung, Versalziffern, Proportionalziffern, Tabellenziffern, Brüche, Zähler, Nenner, Ordnungszahlen, wissenschaftliche Tiefstellung, Hochstellung, Tiefstellung sowie einem Dutzend stilistischer Varianten.

Das gesamte Leistungsspektrum der Schrift sowie ihre Entstehungsgeschichte, dazu ungezählte Schriftmuster und Hintergrundinfos liefert das von FSI konzipierte und gestaltete 28-seitige Schriftmuster-PDF FF Unit Slab (PDF, 28 S, 4,5 MB).

Die Korrekturen und Diskussionen über das Aussehen der Schrift sind auf 4 Seiten dokumentiert. Eine Doppelseite widmet sich ausführlich den Kombinationsmöglichkeiten von Unit Slab mit der Meta- und der Unit-Sippe. Fazit: Unit Slab wirkt überzeugend stark in Headlines (Präsentationen, Corporate Design, Editorial, Packaging, …) und eignet sich bestens als Auszeichnungsschrift in Texten gesetzt aus FF Meta, FF Unit und sogar FF Meta Serif (hier zum Beispiel als kontrastreiche, robuste Kursive). Auf weiteren 3 Seiten kommen die OpenType-Features der Schrift zur Sprache, dargestellt mit anschaulichen Beispielen. Den Abschluss der Broschüre bilden Informationen über den Sprachausbau, von Afrikaans bis Yiddish.

Die Flexibilität der FF Unit Slab drückt sich auch in der Vielfalt der Produkte im FontShop aus: 21 Pakete bieten sich an, schon heute – fast maßgeschneidert – typografische Kommunikationsaufgaben zu lösen. Einzelschnitte gibt es ab 46,– €. Zur FF Unit Slab im FontShop …

FF Dingbats 2.0: »weltbewegte« PDF-Broschüre

Mit FF Dingbats erschien 1993 erstmals eine ästhetisch durchkomponierte Sammlung von Symbolen für die digitale visuelle Kommunikation, entworfen von Johannes Erler und Factor Design. Vor wenigen Wochen stellte FontFont die komplett überarbeitete FF Dingbats 2.0 vor (Fontblog berichtete). Aus 8 Fonts wurden durch die Aufnahme von mehreren hundert neuer Zeichen 12 Fonts. Alle Figuren wurden überarbeitet, Sortierung und Namensgebung verständlicher gelöst. Im Zeichensatz »Strong Forms« sind gebräuchliche Symbole etwas kräftiger gezeichnet. Eine OpenType-Funktionen erlaubt farbige Binnenräume.

Wer sich ausführlicher über FF Dingbats 2.0 informieren möchte, besuche die eigens eingerichtete Internetseite FF Dingbats Font.com [engl.], die unsere Kollegen bei FontShop USA gestaltet haben. Teilnehmer der TYPO Berlin 2009 erhielten mit der Konferenztasche eine von Factor Design konzipierte und gestaltete limitierte Dingbats-2.0-Broschüre. FontFont-Herausgeber FSI hat diese Broschüre nun übernommen, leicht überarbeitet und ins Englische übersetzt, um sie demnächst auf der Dingbats-Site als PDF zum Download anzubieten.

Die wunderbare Titelseite gestaltete Alexander Roth bei FSI, der sich von der goldenen Platte der Pioneer-Weltraum-Mission inspirieren ließ. Die Tafel wurden 1972 in der Hoffnung entworfen, etwaige intelligente, außerirdische Lebensformen könnten dadurch von der Menschheit und ihrer Position im Universum erfahren, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür äußerst gering sei.

Die deutsche Version gibt es schon heute, hier im Fontblog: FF-Fingbats-2.0-Broschüre (PDF, 1,8 MB, 29 S)

Joos – eine Schrift, die man sich merken muss

Im Moment besteht sie nur aus einem Schnitt, die aufrechte Italic Joos, entworfen von Laurent Bourcellier, erschienen bei typographies.fr …. doch sie hätte Zuwachs verdient. Joos basiert auf einer Vorlage des belgischen Druckers Joos Lambrecht aus dem 16. Jahrhundert. Er lebte und arbeitete in Gent und galt als einer der wichtigsten Drucker in dieser Zeit. Über Jahre versuchte er die Frakturschrift durch die Antiqua abzulösen. Mit Erfolg. Er schnitt einige bemerkenswerte Antiquas, darunter die aufrechte Kursive, die als Vorlage für Joos diente. Die digitalisierte Version fühlt sich den kursiven Formen eines Francesco Griffo verpflichtet, erfreut jedoch mit zeitgenössischen Details, wie sie bei vielen holländischen Schriften zu finden sind. Weitere Informationen in einem ausführlichen PDF.

FF Milo wird zur Großfamilie

Schriftmuster FF Milo SerifEs war Mike Abbinks erklärtes Ziel, mit der FF Milo ein robustes Arbeitstier zu gestalten, das sich den schwierigen Aufgaben der Magazin- und Zeitungstypografie stellen konnte. Um dieses Ziel zu erreichen verpasste der in New York lebende Grafikdesigner seiner neuen Schrift besonders kleine Ober- und Unterlängen und hauchte ihr – vor allem in den kursiven Schnitten – einen individuellen Charakter ein, ohne ihn dabei allzu außergewöhnlich werden zu lassen.

Schließlich zeichnet sich eine gute Satzschrift heute dadurch aus, dass sie unscheinbar, im Detail aber persönlich und vor allem hervorragend lesbar ist. Abbinks FF Milo zählt daher längst nicht mehr zu den aufgehenden, sondern bereits zu den scheinenden Sternen in der FontFont-Bibliothek.

Schriftmuster FF Milo Serif
Auch abseits der Zeitungs- und Magazintypografie macht die FF Milo Serif eine gute Figur
[Die Schriftmuster von F. Grießhammer und A. Roth entfalten sich durch Klick auf die Vorschau]

Mit der nun veröffentlichten Ergänzung FF Milo Serif empfiehlt sich die neu entstandene Großfamilie für höhere Aufgaben, sind es doch vor allem die umfangreichen Schriftsippen, die vielen Kunden im Dickicht des Marktes als Orientierung dienen. Gemeinsam mit Paul van der Laan, der Abbink beim Kerning, Spacing sowie der technischen Realisierung unterstützte, schuf der Designer aber nicht nur das perfekt harmonierende Gegenstück zu seiner erfolgreichen 18-schnittigen Familie, sondern eine ganz eigenständige Antiqua, die sowohl hervorragend für sich allein, als auch im Zusammenspiel mit anderen Serifenlosen funktioniert. Dabei trifft sie den Nerv des Zeitgeistes ohne jedoch ihre historischen Wurzeln zu verleugnen. Ein schwieriger Spagat, der nicht nur viel Talent, sondern allen voran viel Erfahrung verlangt. Die hat Mike Abbink mit der FF Milo Serif erneut bewiesen. Wir sind sehr froh, sie mit dem aktuellen Release als Teil unserer schwarz-gelben Schriftbibliothek anbieten zu dürfen.

FF Milo
FF Milo Serif und ihre große Schwester FF Milo [nach einem Schriftmuster von S.Coles]

Ivo Gabrowitsch

Das Redesign der Typoart-Schrift Kis

Da viel spekuliert wird über die Wiederveröffentlichungen der Typoart-Schriften, möchte ich heute mal einen  Blick auf die Schriftfamilie Kis Antiqua von Hildegard Korger werfen, die jetzt bei Elsner+Flake erschienen ist. Für das Redesign ist Erhard Kaiser verantwortlich, dem ich die nachfolgenden Informationen verdanke.

Die neu digitalisierte Version der Antiqua Kis, die übrigens auf Tótfalusi Kis Miklós (1650–1702) zurückgeht, wurde ausgebaut und mit neuer Zurichtung versehen. Hildegard Korger, emeritierte Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (und dort die ehemalige Lehrerin von Erhard Kaiser), hat diese Arbeit kritisch begleitet. Die Kis-Familie umfasst jetzt sechs Mitglieder: Antiqua und Kursive stehen im Text-Design jeweils als Regular- und Semibold-Schnitt, die Regular und Regular Italic auch als Headline-Design zur Verfügung. Die zwischen 1986 und 1990 entstandene Typoart-Kis findet sich mit neuer Zurichtung im jetzigen Headline-Schnitt wieder.

Das Figurensortiment der neuen Kis ist umfangreich. Es enthält neben dem Standard-Zeichensatz in allen sechs Schriften:
• Kapitälchen (mit zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• zahlreiche Ligaturen (auch das lange s und dessen Ligaturen),
• Versal-, Minuskel- und Kapitälchenziffern mit jeweils proportionaler und tabellarischer Zurichtung,
• Nominatoren und Denominatoren und deren Festbrüche (mit proportionaler und tabellarischer Zurichtung sowie zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• Superior und Inferior mit den daraus zusammengesetzten Festbrüchen (mit tabellarischer Zurichtung auf Halbgeviert sowie zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• Ordinalzeichen (in Fette, Form und Zurichtung speziell angepaßt)
• Rechenzeichen (im Stand den Minuskelziffern angepaßt und mit tabellarischer Zurichtung auf Halbgeviert).

Die beiden mageren Kursiven bieten darüber hinaus Zierbuchstaben (Swashes) an. Diese sind nach historischen Quellen verbürgt. In allen drei Kursiven stehen zusätzlich die Ligaturen gg und gy zur Verfügung. Des weiteren gibt es in allen sechs Schriften Alternativformen zu einigen Figuren. So sind z. B. die wichtigsten Währungszeichen neben der notwendigen schmalen Ausführung auf Halbgeviert auch in der Normalversion vorhanden, die gerade beim Euro-Symbol erheblich breiter und besser ist. Ein weiteres Beispiel sind französische Anführungen für Versalsatz, die deutlich größer sind und höher stehen als jene für den Mischsatz.

Im umfangreichen Sortiment der Akzentbuchstaben wurde in jeder der sechs Schriften Wert darauf gelegt, die Akzente gut an die Versalien, Kapitälchen und Minuskeln anzupassen, nämlich jeweils unterschiedlich in der Größe und manchmal auch in der Form.

Das Kerning der Kis-Schriftfamilie neigt nicht zur Übertreibung. Eine Besonderheit ist, daß im Regular-Text-Schnitt nach Satzpunkt, Komma und weiteren Satzzeichen ein verkleinerter Wortabstand folgt. Auch vor allen Versalien ist der Wortabstand kleiner, besonders vor T, V und W, darüber hinaus vor einigen Ziffern.

Die sechs Schriften der Kis Antiqua Now werden als OpenType Pro Fonts für Apple Macintosh sowie im PC TrueType-Format für Microsoft Windows mit erweiterter lateinischer Zeichenbelegung angeboten. Zudem sind Codepage-bezogene Belegungen im Format OpenType und TrueType in west- und zentraleuropäischer Belegung erhältlich. Weitere Informnationen zur Geschichte der Schrift auf dieser Seite …

FF Dingbats 2.0: Premiere plus kostenloser Sample-Font

Wollten Designer vor 16 Jahren einen Text mit Symbolen aufpeppen, kamen sie an einer Schrift nicht vorbei: Zapf Dingbats – als Systemfont auf Macs und PCs (noch heute) vorinstalliert. Allerdings waren die 1979 entworfenen Zapf-Symbole schon in den 90er Jahren nicht mehr zeitgemäß.

Nach der Veröffentlichung der aus Schutz- und Warnzeichen bestehenden FF Care Pack schien dem FontFont-Marketing [damals in den Händen von einem gewissen Jürgen Siebert] der Hamburger Designer Johannes Erler genau der Richtige für die Gestaltung einer modernen Alternative zum Platzhirschen zu sein. Die Anforderungen waren klar: die neue Schrift sollte umfangreicher ausgestattet sein – z. B. mit den Symbolen für neue Kommunikationsmittel – und eine homogene, zeitgemäße Formensprache aufweisen.

Gemeinsam mit Olaf Stein erfüllte Erler das Briefing von FSI FontShop International: FF Dingbats wurde nach ihrer Veröffentlichung 1993 nicht nur ein großer Erfolg sondern auch ein Maßstab für alle danach erschienenen Piktogramm-Fonts.

FF Dingbats 2.0
FF Dingbats 2.0: Neues »Look & Feel« für alle Glyphen und fast 50 Prozent mehr Symbole

In der Zwischenzeit hat sich die Welt weiter gedreht. USB-Sticks nehmen heute den Platz von Disketten ein, E-Mails den von Briefen, iPods den von Walkmans und Energiesparlampen lösen gerade die Glühbirne ab. Höchste Zeit, den jüngsten technischen Trends gerecht zu werden und die FF-Dingbats-Familie aufzufrischen. Ganz nebenbei hat sich die Font-Technologie weiter entwickelt, so dass sich auch in Sachen Ästhetik und Komfort neue Dimensionen für einen Dingbats-Font ergeben.

Für die Renovierung der FF Dingbats sicherte sich Johannes Erler die Hilfe seines Kollegen Henning Skibbe. Gemeinsam mit FSI überlegten sie, wie eine neue universelle Version der Schriftfamilie den gewachsenen Ansprüchen gerecht werden könnte. Veraltete und bezuglose Symbole sollten wegfallen, Lücken gefüllt, unübersichtliche Strukturen ausgeglichen und technische Innovationen berücksichtigt werden.

Mit der heute erscheinenden FF Dingbats 2.0 werden all diese Forderungen umgesetzt, wobei auch von den älteren Zeichen keins unangetastet blieb. Damit sprechen alle Symbole eine einheitliche und zeitgemäße Sprache. Aus ehemals 8 Fonts wurden durch die Aufnahme von rund 50 Prozent neuer Symbole nun 12 Fonts, wobei sich die Namensgebung heute intuitiver erweist. Im Zeichensatz »Strong Forms« gibt es die gebräuchlichsten Symbole speziell aufbereitet für kleine Schriftgrößen und den Einsatz am Bildschirm.

Für manche Symbole wurde eine OpenType-Funktionen integriert, die farbige Binnenräume erlaubt. Hierzu wurden Hintergrundflächen in die Fonts aufgenommen, die man zunächste hintereinander in ein OpenType-fähiges Programm tippt, dann einfärbt und anschließend mit der Funktion Formatvarianten (Formatsatz 1 in Adobe InDesign) übereinander legt. Selbst ohne OpenType-Unterstützung helfen diese Hinterleger weiter, zum Beispiel in Grafikprogrammen, wo man sie frei einfärben und bewegen kann.

FF Dingbats 2.0
FF Dingbats 2.0 – Layer-Funktion: Zuerst Layer auswählen, einfärben und OpenType-Funktion im Anwendungsprogramm aktivieren [hier »Formatvarianten« in Adobe Illustrator]

Neugierig geworden? Dann schnell den kostenlosen Testfont FF Dingbats 2.0 OT Sampler downloaden und ausprobieren. Die Abbildung ganz unten zeigt die enthaltenen Zeichen, die aus 12 verschiedenen FF-Dingbats-2.0-Fonts entnommen wurden.

Wer sich ausführlicher über FF Dingbats 2.0 informieren möchte, besuche die eigens eingerichtete Internetseite FFDingbatsFont.com [engl.], die unsere Kollegen bei FontShop USA gestaltet haben. Neben der Story hinter FF Dingbats 2.0 sind dort Screencasts, eine Galerie und viele Anwendungstipps zu finden. Der Kauflink am Ende der Site führt zum FontShop USA. Kunden in Deutschland kommen hier in ihren FontShop, wo die Schrift sowohl im TrueType- als auch im OpenType-Format angeboten wird.

Die (Factor-)Designer selbst widmen ihrer jüngsten Arbeit ein eigenes Monatsheft, das in den nächsten Tagen noch eine Titelseite und weitere Innenseiten erhält. Der aktuelle Zustand kann aber schon geladen und studiert werden. Die Abbildung ganz oben ist dem Heft entnommen.

FF Dingbats 2.0
Kostenloser FF Dingbats-2.0-Sample-Font: Diese Zeichen plus einige mehr enthält der Beispielfont

Ivo Gabrowitsch

Ist Mister K die neue Zapfino?

Diese Frage ist mindestens so sinnvoll (oder dämlich) wie: Ist Duffy die neue Amy Winehouse? Jeder sieht den Unterschied, jeder hört ihn … warum also diese Vergleiche? Ganz einfach: Weil man nichts dagegen tun kann. Unser Gedächtnis, unsere Wahrnehmung ticken so. Die Experten nennen das »Lernen am Modell« oder »Beobachtungslernen«. Alles Neue, was der Mensch erkennt, versucht er in die vorhandenen Regale des Gelernten abzulegen. Und so erging es mir, als ich die Weihnachtskarten von FSI und FontShop sah.

Jeder sieht, dass FF Mister K eine ungekünstelte Schreibschrift ist, während Zapfino als kunstvolle Federschrift angelegt ist. Zu Recht enthält ihr Name das italienische Wort für »fein«, die feine Federschrift von Hermann Zapf. Formal gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen beiden, außer dass es verbundene Schreibschriften sind, die ein handgefertigtes Vorbild in guter Qualität digital simulieren.

Warum gibt es überhaupt digitalisierte Schreibschriften? Zwei Gründe: Erstens hat nicht jeder eine schöne Handschrift und zweitens fehlt vielen die Gerätschaft bzw. das Know-how (ganz sicher auch die Zeit), um die eigene Schrift zu scannen und so digital aufzubereiten, dass sie mit der gleichen Flexibilität in Photoshop weiter verarbeitet bzw. korrigiert werden kann wie andere grafische Elemente. Stichwörter: verlustfrei skalierbar, positiv, negativ, farbig u. ä.

Zapfino feiert in diesen Tagen ihren 10. Geburtstag. Ihrem Durchbruch verhalf die Tatsache, dass sie 2000 von Apple in die Grundausstattung des neuen Mac OS X aufgenommen wurde. Aufgrund ihrer Ausschmückung mit bis zu 8 Varianten pro Buchstaben und einer Ligaturautomatik konnten Apple-Vorführer auf Betriebssystemebene demonstrieren, wohin die Zukunft des digitalen Schriftsatzes gehen wird – lange bevor OpenType auf den Computern der Designern lief: automatische Buchstabenverbindungen, ja das Wort »Zapfino« verwandelte sich sogar in einen geschlossenen Schriftzug, sobald man das letzte o getippt hatte.

Trotz der neuen technischen Möglichkeiten sehen in den darauf folgenden Jahren aus Zapfino gesetzte Grußkarten, Weinetikette oder Logos seltsam einfallslos und mechanisch aus. Der Grund liegt in der etwas aufwändigeren Bedienung der Schrift (man könnte auch sagen an der Faulheit der Benutzer). Ihre wahre Größe entfaltet Zapfino erst, wenn man sich manuell aus den Glyphenvarianten bedient, 8 unter OS X und 10 bei der Zapfino OpenType. Tatsächlich stecken im Zapfinozeichensatz mehrere tausend Glyphen, die entdeckt und kombiniert werden wollen. Wer seinen Gruß einfach so in den Computer tippt, nutzt weniger als 5 % der Schrift. Und genau das ist der Grund dafür, warum sich inzwischen viele Typografinnen und Typografen an der Schrift satt gesehen haben.

FF Mister K arbeitet mit der gleichen Technik wie Zapfino, die sie aber auf andere Art nutzt. Ihre Stärke sind Hunderte bedingter Ligaturen. Dir Schrift ist vollgepackt mit fest verknüpften 2er-, 3er- und 4er-Buchstabenverbindungen. Dazu gibt es nur 1 (!) Set mit Glyphenvarianten, die man konsultiert, falls die Automatik hier und da mal ein unbefriedigendes Ergebnis liefert. Für Schwungbuchstaben steht ein zweiter Zeichensatz zur Verfügunge, der On-stage heißt. Ergebnis: FF Mister K liefert ganz automatisch ein abwechslungsreichen Schriftbild, das nur an wenigen Stellen korrigiert werden muss.

Julia Sysmäläinen, die Designerin von Mister K, war es, die auf diese Organisation ihrer Schrift bestand. Und die FontFont-Techniker bei FSI haben ihre Wünsche vorbildlich umgesetzt. Julia ist keine hauptberufliche Schriftentwerferin, sondern arbeitet als Kommunikationsdesignerin bei EdenSpiekermann. Daher kennt sie das Verhalten von Schriften und was sie dabei stört aus alltäglicher Erfahrung.

Wenn es also zwischen Mister K und Zapfino formal kaum Ähnlichkeiten gibt, wenn sie sich zudem – bei gleicher Technik (OpenType-Programmierung) – unterschiedlich benehmen … warum soll dann Mister K die neue Zapfino sein. Ich glaube, wir werden ihr bald in vielen Anwendungen begegnen, wo Zapfino bisher die falsche Wahl war. Oder wo Zapfino einfach nur lieblos angewendet wurde. Der Hauptgrund für die Benutzung beider Schriften ist nazu identisch: Designer wünschen sich eine persönlich anmutende, verbundene Schreibschrift, die nicht nach Computer aussieht. Aus technischen Gründen könnte FF Mister K hier zu schnelleren Erfolgserlebnissen führen.