— Schriftgeschichten —


Heute ist Comic-Sans-Tag

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Der Moment ist gekommen, gleich zwei Festtage zu feiern, nein drei …
Da wäre zunächst mal der Comic-Sans-Tag, den die niederländischen Radiomoderatoren Coen Swijnenberg und Sander Lantinga 2009 ins Leben gerufen haben. Nach ihrer Definition fällt er stets auf den ersten Freitag des Monats Juli. Zweitens haben Comic-Sans-Entwerfer Vincent Connare und Microsoft die Schrift vor genau 20 Jahren herausgebracht, ein runder Geburtstag also. Dritter Grund zum Feiern ist der heute veröffentlichte »große Bruder« der Comic Sans, entworfen von Diederik Corvers und Serious Sans getauft.

comic_sampleDer als TYPO-2010-Sprecher bekannte Entwerfer von Ogentroost (Fontblog berichtete) sagt über seine Neuheit: »Sie sieht auf den ersten Blick ziemlich seriös aus. Aber weil sie direkt mit Comic Sans verwandt ist, kann Serious Sans eine gewissen Freundlichkeit nicht verbergen.« Pünktlich zur Premiere hat er die Website www.serioussans.com ins Leben gerufen, wo die neue Schrift ausführlich vorgestellt wird und geladen werden kann.

Corvers weiter: »Serious Sans erinnert an eine mit Filzstift gezeichnete Schrift. Die meisten Winkel und Ecken sind leicht gerundet, kaum eine Horizontale und Vertikale ist wirklich gerade.« Zu unser aller Freude bietet Diederik Corvers ab heute eine Basisversion der Serious Sans kostenlos an. Sie enthält 69 Zeichen, das sind alle Groß- und Kleinbuchstaben, die Ziffern, ein paar Satzzeichen und das @-Symbol. Die Vollversion wird 475 Glyphen enthalten und für 39 € erhältlich sein. Kursiv und Bold sind in Arbeit. Weitere Informationen …

12 Alternativen zur FIFA-WM-Schrift 2014

Über das Briefing der FIFA beziehungsweise deren Agentur The Works Ltd zur Brazil-0815-Schrift Pagode kann man nur spekulieren. Zwei Schnitte wurden gefordert – Regular und Bold –, der grafische Stil: irgendwas zwischen verspielt, spontan und handgemacht. Das Ergebnis: Kindergarten. Nichts gegen kindliche Schriften, ausgeschnittene Buchstaben oder Pinselstriche. Das Problem von Pagode ist, dass ihre Buchstaben keinen gemeinsamen Nenner haben. Und weil ihre Formen beliebig sind, ist Pagode keine Schrift sondern eine Ansammlung von Glyphen. Ein solches Konglomerat funktioniert noch halbwegs in der floralen visuellen Sprache der WM 2014, und in deren definierter Farbwelt. Außerhalb sind die Pagode-Lettern beliebig, was bei einer Produktserie wie den Lidl-Team-Shirts unmittelbar deutlich wird. Die Trikots sehen nicht offiziell lizenziert aus, obwohl sie es sind, sondern wie selbst mit einem Testilstift beschriftet.

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Die hier gezeigten Verwandten zur FIFA-Schrift Pagode tummeln sich auf dem gleichen Spielplatz: kindlich-naiv, unkonventionell, laut, teils  provokativ – ein durchaus spannendes Terrain im Schriftdesign. Sie alle wurden von angesehene Schriftentwerfern geschaffen, darunter Max Kisman, Hannes von Döhren, Cyrus Highsmith, Richard Kegler und Rian Hughes. Und obwohl ihre Lettern schriftintern starke Kontraste aufweisen, haben ihre Designer auf eines geachtet: eine gemeinsame formale Sprache. Diese manifestiert sich in den Formen und Dimensionen von Vertikalen, Horizontalen und Innenräumen, aber auch in den seit Jahrhunderten geltenden Regeln für das Zusammenspiel lateinischer Buchstaben. Erst wenn dies gelingt, entsteht ein Glyphen-Gebinde, das sich Schrift nennen darf und belastbar ist für die Kommunikation von Marken, Produkten oder Veranstaltungen. Pagode erfüllt dieses Kriterium nicht.

Grow, die Schrift mit 63 Geschmacksrichtungen

Die Schweizer Designer und Schriftentwerfer Johannes Breyer und Fabian Harb haben ein spannendes Schriftprojekt entwickelt, das sie Dinamo-Grow nennen und auf einer raffinierten Demo-Website präsentieren. Das Grow-Schriftsystem basiert auf sechs Grundschnitte. Aus diesen Grundschnitten lassen sich durch Kombination mit der eigens entwickelten Software insgesamt 63 individuelle Schriften generieren, die als separate Fonts generiert und eingesetzt werden können.

Jeder Zeichensatz umfasst Latin-Extended, es gibt 14 Stylistic Sets, Bruch- und Römische Ziffern, Pfeile und Ligaturen.

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Das Kombinationsschriftsystem Grow erzeugt aus 6 Grundschriften 63 verschieden Fonts 

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Kombinationsbeispiele aus den sechs verschiedenen Grow-Grundschriften

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Das erste Konzept für Grow entstand in einem Café …

Weitere Informationen auf www.dinamo.us und in diesen 4 PDFs …

Vom Preisschild bis zum Textilpflege-Symbol:
Wie die dm-Drogerie-Exklusivschrift entstand

Ein Gespräch mit den Markenexperten Claus Koch und Jörg Hemker

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Kein Handelsunternehmen in Deutschland ist so häufig an Spitzenpositionen in Rankings zu finden wie dm-drogerie markt. Jüngere Auszeichnungen wie »Beliebtester überregionaler Drogeriemarkt Deutschlands« und »Service Champion« sind nur zwei Beispiele. Zum 40 Geburtstag beschert sich das Unternehmen erstmals in seiner Geschichte eine starke visuelle Identität, basierend auf einer maßgeschneiderten Schrift-Großfamilie (»dmSoft«), einer überarbeiteten Farbpalette und einem ganzheitlichen Konzept, mit dem bereits der Gründer Prof. Götz Werner das Unternehmen zum Erfolg führte. Fontblog sprach mit dem Hamburger Markenexperten und Unternehmer Claus Koch und seinem Partner für Schriftentwurf Jörg Hemker über die Rolle der Schrift im neuen Erscheinungsbild von dm.

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Kurz noch ein paar Zahlen. 1973 eröffnete der erste dm-Markt in Karlsruhe. Heute ist dm in 12 Ländern aktiv und Deutschlands umsatzstärkster Drogeriemarkt, mit 1417 Filialen (2802 Filialen im Ausland). Fast 32.000 Mitarbeiter erwirtschafteten im ersten Halbjahr 2013 in Deutschland einen Umsatz von 2,8 Milliarden Euro (im Ausland 0,9 Milliarden Euro), ein Plus von 16,2 Prozent (5,4 Prozent) gegenüber dem Vorjahreshalbjahr.

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Fontblog: Viele Menschen lieben die dm-Drogeriemärkte. In Umfragen verzeichnet das Handelsunternehmen gegenüber seinen Mitbewerbern  einen Vorsprung in Sachen Transparenz, Ausbildung der Mitarbeiter, Kundenzufriedenheit und Preisstabilität. Gerade stärkt die Drogeriekette – im laufenden Betrieb – ihren visuellen Auftritt, wobei der von Ihnen konzipierten Exklusivschrift eine wichtige Rolle zukommt. Welchen Markenwerte standen am Beginn des Projekts?

Claus Koch: Der Ausgangspunkt für die Entwicklung waren die dm-Markenwerte menschlich, ehrlich, ästhetisch, offen, authentisch, zurückhaltend, verlässlich. Die Schrift musste diese Haltung umsetzen.

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F: Wann ist eine Schrift menschlich, ehrlich und authentisch?

Koch: Grundlagen für den Entwurf waren die Formen einer humanistischen Grotesk … da ist der Begriff ›menschlich‹ bereits enthalten. Offene, organische Figuren und eine echte Kursive spiegeln die Markenwerten ›ästhetisch‹ und ›authentisch‹ wider. Die Zeichenformen sind geschrieben, nicht konstruiert wie bei statischen Groteskschriften. Die Offenheit und Differenzierbarkeit der Ziffern war eine weitere Anforderung. Wir haben die Kernwerte der Marke in Typografie relevante Kriterien übersetzt. Die dmSoft ist zeitlos, schnörkellos in den Formen, klar und unterscheidbar für die Lesbarkeit mit einem ökonomischen, ausgeglichenen Schriftbild.

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F: Neben den emotionalen Werten der Marke dm, welche sachlichen und technischen Voraussetzungen musste die Schrift erfüllen?

Jörg Hemker: Die beiden wichtigste Kriterien einer Corporate-Schrift sind natürlich die Lesbarkeit und ihr Charakter. Extravagante Display- und Schmuckschriften besitzen in der Regel zwar eine große Plakativität, meist jedoch zu Ungunsten der Leserlichkeit. Beim dm-Projekt war es von großer Bedeutung, beide Merkmale ungestört zueinander und positiv zu entwickeln.

F: Welche Bedeutung spielt die Internationalität der Schrift, also ihr Sprachausbau?

Koch: dm ist innerhalb Europas in 11 Ländern vertreten. Neben dem lateinischen Alphabet musste auch das kyrillische entwickelt werden, sogar in seinen individuellen Ausprägungen für Bulgarien und Serbien. Wichtig war uns dabei, dass die Schrift auch im Kyrillischen ihren Charakter beibehält und dm stets als Absender erkennbar ist.

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F: Wie kamen Sie auf die Idee der abgerundeten Strichenden

Koch: Wir rundeten die Schrift ab, um das Schriftbild möglichst eigenständig zu halten und den Werten menschlich und verlässlich zu entsprechen …

Hemker: … dabei war für mich die Definition der Radien von großer Bedeutung. Perfekt halbrund sollten die Enden keinenfalls werden, zumal dies auch nicht zur Grundform der Schrift passen würde. Die Lösung lag in einer weichen Form. Die Rundungen sind keine aufgesetzte Formalität sondern verschmelzen harmonisch und unterstreichen in jedem Zeichen auf passende Art den Schriftcharakter.

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F: Ich wusste gar nicht, dass es böse und gute Rundungen gibt

Hemker: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die Rundungen an kritischen Positionen zur Tropfenbildung neigen. Die hohe Auflösung in FontLab war dabei sehr hilfreich, vor allem als es darum ging, die hochgestellten Zeichen umzusetzen.

F: Stichwort »hochgestellt«. Bei der Preisauszeichnung arbeiten die dm Märkte sehr gerne mit hochgestellten Cent-Beträgen. Wurde daraus im Font reagiert?

Hemker: Ganz klar: Am Point of Sale spielen die Ziffern die Hauptrolle. Daher habe ich mich auch sehr intensiv mit der Gestaltung der Ziffern auseinandergesetzt. Preis- und Mengenangaben müssen für die Kunden sowohl unter verschiedensten Bedingungen verlässlich lesbar sein, aber auch in kultureller Hinsicht und in Bezug auf die Bildungserfahrung darf das Aussehen der Zahlen keine Missverständnisse provozieren. Dies alles haben wir bei deren Gestaltung bedacht. Und natürlich enthalten alle dmSoft Fonts diverse Ziffernsätze, einschließlich der verkleinert-hochgestellten, natürlich in der richtigen Strichstärke.

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F: Bei den verschiedenen europäischen Währungszeichen haben sie sich einen font-technischen Kniff einfallen lassen …

Hemker: Richtig, wir haben die Abkürzungen für die osteuropäischen Währungen als OpenType-Feature in die Fonts einprogrammiert.

F: Von welchen Währungen sprechen wir jetzt, haben die nicht alle den Euro?

Koch: Vonwegen. dm ist überwiegend in Nicht-Euro-Ländern präsent. Ganz konkret geht es um die tschechische Krone, den ungarischen Forint, kroatische Kuna, bulgarischer Lev, mazedonischer Denar, den weißrussischen Rubel und die tschechische Krone …

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Hemker: Für alle diese Währungen gibt es kein spezielles Zeichen, aber Abkürzungen mit einer bestimmten Schreibweise – z. B. Ft, Br, KM – mit denen die Kunden in diesen Ländern vertraut sind. Und damit nicht jeder Benutzer der dmSoft die Währung anders abkürzt oder eventuell ausschreibt, haben wir die kompletten Abkürzungen als je ein Zeichen im Font abgelegt, also praktisch Währungsligaturen erzeugt.

F: Und wo liegen die, wie tippt man ein solches selbstgemachtes Zeichen auf der Tastatur?

Hemker: Ganz einfach: Man schreibt das dreistellige ISO-Kürzel der jeweiligen Währung mit einem $-Zeichen davor, also zum Beispiel $HUF für die ungarische oder $CZK für die tschechische Währung. Dank des OpenType-Features der bedingten Ligaturen werden diese Abkürzungen vom dmSoft-Font automatisch durch das Währungszeichen ersetzt.

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F: Zurück zu den Buchstaben. Welche Aufgaben – außer der Preisauszeichnung – muss eine dm-Schrift noch erfüllen.

Koch: Wir haben das sorgfältig analysiert und die folgenden typografischen Anforderungen herausgearbeitet: Headlines, Mengentexte, Preise und Pflichttexte, die unter besonders schwierigen Druckbedingungen wiedergegeben werden müssen. Dieses Spektrum kann nicht alleine von einer Schriftart abgedeckt werden. Und so haben wir die dmSoft in drei Untergruppen aufgeteilt, deren Name das jeweilige Einsatzgebiet beschreiben …

Hemker: Die dmBrand ist die Marken- und Headlineschrift. Sie prägt das Bild der Marke. Mit ihr werden alle plakativen Informationen umgesetzt. Das sind Regalbeschriftungen, Preise, Claims etc. Die dmSupport ist für Mengentexte gedacht. Die Zeichenformen sind gegenüber der Brand breiter gehalten, die Ober- und Unterlängen ausgeprägter. Die Support besitzt einen ausgeglichenen Grauwert im Mengensatz. Eine Kursive ergänzt die typografischen Möglichkeiten.

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Und schließlich die dmIntelligence. Auch wenn die Formen der Intelligence sicher sehr interessant sind, ist diese Schrift nicht für einen Einsatz jenseits von 8 oder 10 Punkt gedacht. Sie läuft schmaler als die Brand was durch eine große x-Höhe kompensiert wird. Inktraps steuern dem Zulaufen der Binnenräume unter schlechten Druckbedingungen entgegen. Drei Fetten reichen aus, um allen typografischen Eventualitäten zu begegnen.

Koch: Gerade haben wir noch eine spezielle, extraschmale Form der Intelligence entwickelt. Wir nennen sie dmLegal, und sie wird nur für die Preisetiketten in Österreich genutzt, da die dort bestehenden Rechtsvorschriften eine Mindestschriftgröße für Vergleichspreise vorschreiben.

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F: Sie überlassen aber auch nichts dem Zufall …

Hemker: So ist es, und darum gibt es sogar noch einen Symbolzeichensatz, der die wichtigsten Textilpflegezeichen beinhaltet.

F: Abschließend darf ich noch verraten, dass FontShops Corporate-Font-Abteilung für die technische Umsetzung der dmSoft-Familie verantwortlich war, also Sprach-Encoding, OpenType-Programmierung, Hinting, Font-Produktion … hab’ ich was vergessen?

Koch: Vielleicht, dass wir das Projekt immer noch weiter vorantreiben. Dank der ausgezeichneten Umsetzung durch FontShop macht die Schrift ja bereits im Druck und auf Bildschirmen eine hervorragende Figur. Brand und Support liegen komplett als gehintete Webfonts vor. Nun werden wir noch drei Schnitte der Support als Office-Fonts im TrueType-Format realisieren, damit die dm-Mitarbeiter auch in der internen Kommunikation mit der eigenen Schrift Texte erstellen und lesen können.

F: Herr Koch, Herr Hemker, vielen Dank für das Gespräch.

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Typo-Laufsteg: So sexy können Lettern sein

Wir dachten uns: neue Schriften verdienen eine liebevoll ausgestattete Bühne und eine gute Regie. Darum haben wir den Fontwalk geschaffen, die bald unseren statischen Fontletter ablösen wird: fontwalk.de. Danke an die Moniteurs (vor allem Heike und Berit), danke an das FontBook-App-Team bei Null2 (vor allem Andi und Georg), danke an Claudia und alle die mithalfen.

★ der Woche: Dulcinea, nur 49,– € statt 65,– €

Der neue Script-Font Dulcinea von Ramiro Espinoza ist das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit der spanischen Barock-Kalligraphie in all ihren Extremen. Die Schreibkünstler Pedro Díaz Morante und Juan Claudio Aznar de Polanco dominierten diese Epoche und beendeten mit ihrem unbändigen, floralen Stil die lange Tradition der disziplinierten, winkeligen Renaissance-Cancellaresca.

Morante war es, der die Schwellzugfeder in Spanien einführten und populär machte. Obwohl sein weltberühmter Text »Arte Nueva de escribir« (Die neue Art zu schreiben), erstmals veröffentlicht 1616, jede Menge Alphabete enthält, die viele Gemeinsamkeiten mit der Breitfeder-Cancellaresca aufwiesen, deutete sich der neue Stil bereits an, so wie ihn Gianfrancesco Cresci in Italien bereits praktizierte.

Die Schwünge der Schriften waren üppig und kompliziert, wobei sie jedoch eine Fülle von Ungereimtheiten aufwiesen. »Ganz knapp an der Hässlichkeit vorbei …« schreibt Ramiro Espinoza in seinen Erläuterungen zur digitalisierten Dulcinea. Und trotzdem enthielten diese Texte eine künstlerische Essenz, die durchaus in Beziehung gesetzt werden kann zum ironischen und manchmal düsteren Charakter des spanischen Barock. »Daher ihr Name – eine Hommage an ›Dulcinea del Toboso‹, der fiktiven Figur in Miguel de Cervantes Roman Don Quijote, die zu seiner imaginären Geliebten wurde.«

Dulcinea im Schriftmusterbaukasten (Compare) der FontBook-App fürs iPad

Und so ist Dulcinea weit mehr als nur ein Revival. Ihre Zeichen sind weder eine exakte Reproduktion der Lettern von Morante und Polanco, noch soll deren Stil digital wiederbelebt werden. »Hätte ich in diese Richtung gearbeitet, wären sehr archaische Buchstabenformen entstanden und eine Schrift, für die es in der heutigen Typografie keine Aufgabe gäbe.« betont Ramiro Espinoza. Trotzdem habe er unzählige interessante Details entdeckt und bewahrt, so dass der spielerischen Geist des Originals enthalten blieb.

Dulcinea bietet raffinierte Optionen für das Setzen von Texten und Überschriften. Zum Beispiel reichlich Ligaturen und Schwungbuchstaben, sowie ausladende Alternativzeichen. Bevorzugte Einsatzgebiete: Mode- und Frauenzeitschriften, Packaging, Rezeptbücher, sowie im Wäsche- und Kosmetik-Marketing.

Als Stern der Woche bietet FontShop die elegante und hochwertige Dulcinea im OpenType-Format statt für 65,- € für nur 49,– € auf www.fontshop.com an. Dazu bitte beim Bezahlen der Promocode DE_star_2012_37 eingeben. Mehr Schriftmuster im Dulcinea-PDF …

»Diese Schrift sollte sich Ikea mal ansehen …«

Ein Gespräch mit dem Kölner Typedesigner Felix Braden, der drei Jahre an seiner neuen Sans-Familie FF Scuba arbeitete

Er gehört noch nicht zu den großen internationalen Namen im Schriftdesign, was sich mit der gerade erschienenen FF Scuba sicherlich bald ändern wird. Felix Braden studierte an der Fachhochschule Trier bei Prof. Andreas Hogan Kommunikationsdesign, war einer der Gründer von Glashaus Design und hob bereits 2000 seine eigenes Schriftenlabel Floodfonts aus der Taufe. Seine Lizenzschriften erschienen zuletzt bei Fountain (Capri, Sadness), URW++ (Supernormale), Volcano Type (Bikini) und kürzlich bei FontFont. Wir sprachen mit Felix Braden, um mehr über sein typografisches Wirken in den zurückliegenden Jahren zu erfahren.

Felix, deine Bekanntheit in der Designszene basiert vor allem auf deiner Website Floodfonts.com und deiner Twitter-Identität @floodfonts. Seit 12 Jahren gibt es Floodfonts, ab 2004 kamen einige deiner Free-Fonts im Netz groß raus, zum Beispiel Moby und Hammerhead. Wirst du diese Schriften auch demnächst ausgebaut neu veröffentlichen?

Den meisten Spaß am Schriftgestalten habe ich eigentlich mit den ersten 52 Zeichen. Die Chance, dass ich ein altes Alphabet ausbaue, ist eher gering: Da bleibt ja nur Fleißarbeit übrig (Grinsen). Es müsste sich schon eine besondere Gelegenheit bieten. Als vor kurzem der Webfont-Service Typekit auf mich zukam und anfragte, ob sie Moby, Hydrophilia und Bigfish in ihr Programm aufnehmen könnten, war dies eine solche Gelegenheit. Deren Konzept, das komplette Hosting der Webfonts zu übernehmen, hat mich sofort begeistert. Die überarbeiteten Print-Fonts mit den erweiterten Zeichensätzen biete ich trotzdem kostenlos auf Floodfonts an.

Du hast an der FH Trier studiert. In den letzten Jahren sind einige Schriftdesigntalente aus Trier bekannt geworden, zum Beispiel Stefan Hübsch und Sascha Timplan. Gibt es an der FH spezielle Kurse zu Schriftdesign?

Leider wurde Schriftdesign zu meiner Studienzeit in Trier nicht als Fach angeboten. Soweit ich weiß hat sich daran auch nichts geändert. Allerdings gibt es einen guten Lehrer im Fach Typografie, Prof. Andreas Hogan, der die Studierenden immer wieder animiert, sich mit Schriftgestaltung zu beschäftigen. Er hat mich bei der Gestaltung meiner ersten Alphabete sehr gefördert. Man hatte zu meiner Zeit wenigstens die Möglichkeit, im Fach Typografie eine selbst gestaltete Schrift als Semesterarbeit einzureichen.

Bevor du dich intensiv mit dem Schriftentwerfen beschäftigt hattest, erschienen bereits ersten digitalen Alphabete von dir. Waren das für dich auch so 90er-Jahre-Schriftexperimente, wie sie von vielen exerziert wurden, die zum ersten Mal mit der Software Fontographer Bekanntschaft machten? Oder lauerte da eine tiefere Liebe auf den ersten Blick?

Irgendwie beides: Nach meinem Abitur 1993 wollte ich unbedingt zeichnen und Grafik-Design studieren. Ohne davon eine richtige Vorstellung zu haben, suchte ich mir einen Praktikumsplatz in eine Werbeagentur. Mit Glück landete ich bei Gaga, einem ambitionierten Designbüro in dem genau die experimentierfreudige Aufbruchstimmung der Neunziger herrschte und mir wirklich eine ganz neue Welt eröffnete. Hier traf ich auf den Designer Jens Gehlhaar, mit dem ich schon vor meinem Studium einen richtig guten Lehrer in Schriftgestaltung hatte. Die Tatsache, dass Fontographer zu dieser Zeit gerade total angesagt war und jeder Designer damit ’rumspielte, war hilfreich um Hemmungen abzubauen. Mein erstes Alphabet habe ich innerhalb einer Woche für das Demotape einer befreundeten Metal-Band digitalisiert.

Wenn Du einem Schriftdesig-Einsteiger einen Rat geben solltest, was würdest du empfehlen?

Nicht zögern, einfach machen! Beim Schriftgestalten rächt sich planloses Arbeiten zwar später auch mal, aber man muss ja nicht gleich mit einer Großfamilie starten.

Neben dem Schriftentwerfen arbeitest du vor allem als Grafikdesigner. Wir würdest du diesen Teil deiner Arbeit charakterisieren?

Ich bin froh, dass ich nicht nur Typedesign mache, sondern mich auch mit Editorial-Design, Corporate-Design und Illustration beschäftigen kann. Mir haben Ausflüge in andere Design-Bereiche immer sehr viel gebracht und auch der Austausch mit Leuten aus anderen Disziplinen. Wenn ich mich einordnen sollte, dann irgendwo zwischen Illustration und Typografie – meine gestalterischen Wurzeln liegen sicherlich im Zeichnen und Schrift ist das Thema, das mich in den letzten Jahren am meisten interessiert und beschäftigt hat. Letztendlich denke ich, dass mir beide Interessen beim Type- und Logo-Design sehr hilfreich sind und sich das, was ich jetzt tue, irgendwie zwangsläufig daraus ergeben hat.

Du wohnst und arbeitest in Köln. Wie erlebst du die lokale Designszene der Domstadt? Tickt sie anders als die der übrigen deutschen Design-Metropolen?

Ich weiß nicht, ob es in Zeiten von Behance und den immensen Möglichkeiten des Online-Austauschs unter Designern noch so etwas wie länderspezifische Stilrichtungen gibt, geschweige denn städtespezifische. Einen typischen Kölner Stil konnte ich jedenfalls noch nicht entdecken. Mir persönlich ist der direkte Austausch mit anderen Designern sehr wichtig. Leider ist die Typedesign-Szene in Köln sehr klein. Wir bekommen nur selten einen Typostammtisch hin, dem ich dann wochenlang entgegenfiebere. Dabei besuchen uns immer wieder mal interessante Gäste, wie Indra Kupferschmid, Dan Reyolds oder Alex Rütten, die mir eine große Inspirationsquelle sind. Manchmal schaue ich etwas wehmütig auf die Designszenen in Berlin und München, wo es fast wöchentlich ein solches Angebot gibt.

Was die Geschichte der Stadt angeht, finde ich Köln allerdings höchst interessant. Sobald jemand im Stadtgebiet ein Loch buddelt, kommt irgendein spektakulärer Fund zu Tage. Allein im Römisch-Germanischen-Museum finden sich viele großartige (typo)grafische Arbeiten aus der Antike, so dass sich ein Besuch unbedingt lohnt.

FF Scuba ist deine erste Schrift für die FontFont-Bibliothek. Zuvor erschienen bereits andere Familien bei Fountain, URW++ und Volcano Ttype. Was war anders bei FontFont?

Die Zusammenarbeit mit Fontfont war super. Die Intensität der Betreuung und auch der Aufwand, der in die Entwicklung von FF Scuba investiert wurde, waren bemerkenswert. Besonders dankbar bin ich dem typografischen Direktor bei FontFont, Andreas Frohloff, der mir unzählige Korrekturvorschläge gemacht hat und die Schrift einen Riesenschritt nach vorne gebracht hat. Während der zwei Jahre, in denen wir gemeinsam an Scuba gearbeitet hatten, habe ich enorm viel über Schriftgestaltung gelernt. Der Fairness halber muss ich ergänzen, dass ich bei den anderen Labels mit einem höheren Prozentsatz an den Verkäufen beteiligt bin. Ich denke, in der Summe haben beide Konzepte ihre Berechtigung.

Wenn du deine ersten Entwürfe auf Papier mit dem digitalisierten Endergebnis vergleichst, wie viel vom Original-Feeling steckt da noch drin?

Zur Premiere von FF Scuba habe ich einige alte Skizzen ausgegraben und war sehr überrascht, wie viel Ähnlichkeit das Endergebnis mit den Skizzen hat. Die Doppelseite »cobang« ist tatsächlich die erste Skizze, die ich zur Scuba – damals hieß sie noch Adria – gemacht habe. Einige Seltsamkeiten, wie die konisch zulaufende Oberlänge habe ich noch entfernt, aber ansonsten ist das doch recht nah an der Release-Version, oder?

Wie haben jüngst vernommen, dass eine der Inspirationen für Scuba der Wunsch war, einen Offline-Parter für Verdana zu schaffen. Wo gibt  es eine Verwandtschaft zwischen Scuba und Verdana, wo liegen die Unterschiede?

Die größte Ähnlichkeit mit Verdana hat FF Scuba in der Fernwirkung, bzw. am Bildschirm in kleinen Größen. Doch selbst in diesen Fällen läuft sie enger, und ihre Buchstaben sind viel schmaler. Sobald die Lettern größer werden und die Details wie die konisch zulaufenden Enden der Stämme oder die ans Rechteck angenäherte o-Form erkennbar sind, besitzen die Schriften kaum mehr Ähnlichkeit. Gerade bei den fetteren Schnitten zeigen sich die Unterschiede sehr deutlich: Bei Verdana Bold sind die Horizontalen – durch die Orientierung am Pixelraster – nur fast halb so schwer wie die Vertikalen. FF Scuba fehlt dieser Kontrast völlig, ihre Horizontale wirkt richtig massiv.

Manche Schriftentwerfer berichten von Blockaden, worauf sie wochenlang keine Buchstaben mehr sehen können oder wollen. Kennst du das Gefühl auch, wenn ja, wie überwindest du so was?

Leider gibt es immer mal wieder Phasen, in denen ich einfach keine Lust auf Buchstaben habe. Glücklicherweise ticken die Uhren im Typedesign langsam. In der Regel kann ich mein Projekt dann einfach zur Seite legen, etwas anderes machen und abwarten, bis der Drang wieder da ist. Meistens geht das recht schnell.

Gibt es deiner Ansicht nach Grafik-Jobs, bei den Scuba die erste Wahl sein könnte?

Ich denke, Scuba hat viel Charakter und ist für eine Mengensatz-geeignete Sans sehr eigen. Alleine das macht sie zu einem guten Tool zur Markenbildung. Ich glaube, mit Scuba ist es mir gelungen einen warmen, menschlichen Aspekt in einen sehr kühlen, technischen Designansatz einfließen zu lassen. Ein Kontrast, der meiner Meinung nach das Besondere der Schrift darstellt. Somit wäre Scuba perfekt geeignet für Unternehmen mit einer hohen technischen Affinität, die trotzdem den Menschen im Mittelpunkt ihres Handelns sehen, zum Beispiel in der Medien- und Computerbranche.

Jeder Designer träumt von einem Idealauftrag oder -kunden. Wenn du die freie Wahl hättest … wem würdest du mit FF Scuba ein Redesign verpassen?

Wie wahrscheinlich viele andere Type-Designer war ich vor einigen Jahren von der Nachricht schockiert, dass Ikea Verdana als neue Hausschrift durchgängig für alle Medien verwenden werde und somit Bequemlichkeit und Kostenersparnis über alle Designkriterien stellt. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, aber ich glaube irgendwann in dieser Zeit habe ich mit der Arbeit an Scuba begonnen. Ich würde mich extrem freuen, wenn sich Ikea die Schrift mal genauer ansehen würde, um sie irgendwann als Hausschrift für Print und Verdana weiterhin am Bildschirm einzusetzen – von mir aus auch für die Korrespondenz.

Vielen Dank für das Gespräch, Felix.

Für kurze Zeit gibt es FF Scuba OT Regular und  Web (Std Western) als kostenlosen Testfont.

Bezugsquelle: FF Scuba auf www.fontshop.com (bis 30. Juni 2012 gibt es 20 % Rabatt mit dem Promocode FS_Promo_FSD_2.0)

PDF mit vielen Schriftmustern und erläuternden Texten: FF Scuba-Broschüre

Einführung in FF Chartwell

Der seit wenigen Stunden lieferbare neue FontFont FF Chartwell ist die einfachste Lösung für Designer, schnell ansprechende Charts zu erstellen – mit maximaler grafischer Freiheit und ohne in Tabellen herumzufummeln. Konzipiert wurde Chartwell von Travis Kochel, einem interdisziplinären visuellen Gestalter aus Portland (Oregon), der am Art Institute of Chicago studierte. Weil die Schrift exzessiv mit OpenType-Features spielt und diese in den meisten Browsern noch nicht unterstützt werden (was sich bald ändern wird, siehe Fontblog-Beitrag OT-Features im Web … wer braucht das?), kann die Funktionsweise von FF Chartwell im Moment nicht in unseren Shops dargestellt werden, auch nicht in der FontBook-App. Daher dieser kurze Beitrag zur Einführung. Eine PDF-Anleitung gibt es auch (4 S., 320 K)

Inspiriert wurde Travis Kochel von den OpenType-Spielereien früherer FontFonts, zum Beispiel in FF Beowolf (Beowolf OT kommt, mit 85.000 Zeichen) und FF PicLig (Neue FF PicLig: eine Schrift zum Liebhaben). Er ahnte die Möglichkeit, mit Hilfe von OpenType-Font-Features aus Zahlen Diagramme zu bauen: einfach die Ziffern tippen, verschiedene Farben vergeben und mit einem Schriftwechsel in Balken- oder Torten-Grafiken umwandeln. Das nachträgliche Editieren sollte mit dieser flexiblen Technik ein Kinderspiel sein.

In 4 Schritten ein Tortendiagramm mit Chartwell erstellen

1. Sicherstellen, dass die Spationierung auf NULL eingestellt ist.

2. Zahlenwerte zwischen 0 und 100 bereithalten. Die Werte eintippen und mit einem Pluszeichen verknüpfen. Ein Buchstaben zwischen a und f zu Beginn der Zeichenkette definiert das zugrunde liegende Raster, zum Beispiel Rose, Rings oder Radar. Der Schriftschnitt Bars Vertical erzeugt ein Balkendiagramm, mit dem Font FF Chartwell Lines lassen sich Megenverteilungen in einem waagrechten Balken darstellen. Durch einfallsreiche Überlagerungen können sich ungezählte Varianten ergeben.

3. Die Ziffern einfärben, damit sich die Diagrammflächen nachher abgrenzen:

4. Den OpenType-Befehl Stylistic Alternates bzw. Stylistic Set 1 auf die Zeichenkette anwenden, fertig:

Unsere Kollegen bei FontShop International, Herausgeber der FontFonts, haben einen kleinen Screencast gedreht, in dem die Funktionsweise von FF Chartwell in 4 Minuten erläutert wird. Es spricht und führt vor: Unser TYPO-Day-Referent Jens Kutilek:

Chartwell erschien erstmals 2011 im Eigenverlag des Entwerfers und wurde in den letzten Monaten (auf seinen Wunsch) bei FontShop International von 3 auf 7 Schnitte ausgebaut; das unterstützende Alphabet für die Beschriftung der Charts erhielt einen Pro-Zeichensatz-Ausbau.

Superfamilie Novel wächst weiter, Einführungspreis

Die Novel-Superfamilie wächst kontinuierlich weiter. Nach der Antiqua Novel, der Novel Sans und der erst vor wenigen Wochen erschienenen Novel Mono, erhielt die Familie soeben einen weiteren wichtigen Zuwachs, die Novel Sans Condensed (12 Schnitte), eine platzsparende Serifenlose. (mehr…)

Corporate-Font FF Sero: Transparenz und Präzision

Ich habe viel zu selten die Gelegenheit, für die Fontblog-Rubrik Schriftgeschichten einen längeren Beitrag zu verfassen. Die letzten großen Portraits liegen Wochen zurück und widmeten sich FF Suhmo (Meine aktuelle Lieblingsschrift), FF Amman (Amman: die Stadt, die Schrift, der Film) und der Azuro (Ideal für das Lesen am Bildschirm: die neue Azuro). Heute ist es wieder mal soweit. Ich bin fasziniert von einer Neuerscheinung, über die ich berichten möchte … ja ich bin gezwungen, hier und jetzt über diese Schrift zu schreiben: Ein Satzfehler im aktuellen Fonts-16-Mailing veranlasst mich dazu, die Story nicht auf die lange Bank zu schieben.

Das ist Fonts 16:

Auf Seite 5 wird die neue FF Sero vorgestellt, in der gedruckten Ausgabe leider mit einem vertauschten (= falschen) Text. In der oben eingebetteten Digitalausgabe ist das inzwischen korrigiert.

Kurz nach Erscheinen von Fonts 16 am letzten Montag rief ich Jörg Hemker, den Entwerfer von FF Sero an, um mich für die Panne zu entschuldigen. Dabei verriet er mir, dass er jede Menge Abbildungen und Hintergrundwissen zu Sero in petto habe, woraus man sicherlich irgendwann eine etwas ausführlichere Vorstellung der Schrift verfassen könnte um so die fehlenden Informationen nachzuliefern. »Nicht irgendwann,« beschloss ich im selben Moment, »das machen wir noch diese Woche«. Und hier ist sie …

Was mich sofort bei FF Sero fasziniert hat, als ich den Text für Fonts 16 schrieb, der aber nie erschien, war die filigrane Abstufung bei den leichten Strichstärken: Welche andere Schrift bietet schon Schnitte wie Extra Thin, Thin, Extra Light und Light? Und damit sind bereits 50 % des Strichstärken-Repertoires von Sero aufgezählt … Es folgen lediglich noch Regular, Medium, Bold und Black, ohne Semi, Extra und Ultra. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Und ich war froh, die Ursache für diese Familienarchitektur direkt vom Entwerfer zu erfahren: »Ein besonderes Merkmal der Sero ist die gleichbleibende x-Höhe über alle Strichstärken. Bei zunehmendem Gewicht nehmen die Zeichen in den Binnenräumen an Schwärze zu. Dadurch bleibt die Schriftgröße in allen Fetten durchgehend gleich, und die Zeichen werden in der Black nicht zu breit.«

Mit anderen Worten: Eine fette Sero nimmt kaum mehr Platz ein als eine Sero Light, was in der Strichstärkenübersicht oben recht gut zu erkennen ist. Eine andere Schrift, die ähnlich funktioniert, ist die FF Fago von Ole Schäfer, erschienen 2000.

Die Betonung der leichten Schnitte ist also systemimmanent bei FF Sero, weil die kräftigeren Schnitte nach »innen wachsen«, und dieser Raum ist beschränkt. Jörg Hemker macht aus der Not eine Tugend, siedelt die Hälfte der Familie unterhalb der Regular-Strichstärke an und gibt der gesamten Familie im wahrsten Sinne des Wortes Leichtigkeit. In Rahmen einer Corporate Identity könnte man die Attribute transparent, klar, zurückhaltend oder präzise in den Raum werfen … und spätestens an dieser Stelle werden die ersten Corporate Designer vielleicht sagen: FF Sero füllt eine Lücke in Bereich der Corporate Typography, wo es im Moment eine große Nachfrage gibt.

Kommen wir zur Ästhetik der Schrift. Als fleißiger Benutzer der FontBook-App, die – anders als das gedruckte FontBook – die Klasse der Sans-Schriften in die Untergruppen Dynamisch (Humanist), Geometrisch, Grotesk, Statisch (Anglo Grotesk) und Grotesk einteilt, fragte ich mich des öfteren: Zu welcher Gruppe gehört denn nun Sero? Dass mir die Aufgabe nicht leicht fiel, ist der Antwort von Jörg Hemker zu entnehmen, als ich ihn nach den Wurzeln der Schrift befragte:

»Mein Gedanke hinter der Sero war es, die Eigenschaften einer amerikanischen Grotesk mit denen einer humanistischen Sansserif zu vereinen. Ich untersuchte, welches sind die positiven, welches die negativen Merkmale, wie gehen beide Dinge zusammen und welche sind die richtigen für eine neue Schrift.«

Die Formen amerikanischer Schriften (zum Beispiel Franklin Gothic, Benton Sans, News Gothic …) sind geschlossen, da sie auf ein klassizistisches Formenprinzip zurückgehen. Hingegen sind die Zeichen einer humanistischen Schrift (Frutiger, FF Meta, …) offen gehalten, besitzen eher organische als geometrische Merkmale. Sind die Stärken einer Grotesk ihre Plakativät, wirkt eine Sans-Serif lesefreundlich in Textgrößen.

»Meine Sero ist der Versuch, diese entscheidenen Charakteristika zu vereinen. Ein geringer Kontrast schafft einen robusten, warmen Charakter, die betonten Oberlängen geben der Schrift spannungsvolle Stabilität. Wirkte meine FF Zwo noch recht statisch, fällt die Sero wesentlich dynamischer aus.« erläutert Jörg Hemker

Und weiter: »Anfangs waren die Buchstabenformen recht expressiv gehalten, was sich jedoch während des Entwicklungsprozesses abmilderte. Mein wichtigstes Gestaltungskriterium war Sachlichkeit, was bedeutete, dass die Buchstaben neutraler wurden … und feiner. Dadurch gewann die Sero am Ende ein hohes Maß an Transparenz – wie die Schweizer sagen. Da die Figuren von modischen Elementen befreit sind, wirken sie langlebig … stehen somit für Kontinuität. Das Schriftbild wirkt sachlich, besitzt aber eine individuelle Ausprägung.«

Das Ziffernsystem von FF Sero ist umfangreich und bietet vielfältige typografische Möglichkeiten, wie sie gerade im Corporate Design gefordert sind. Es gibt Ziffern für Auszeichnungen, den Texteinsatz und für Tabellensatz. Während die Versalziffern auf einen plakativen Einsatz zielen, war das Kriterium für die Text- und Tabellenziffern die Differenzierbarkeit der Zeichen. Jede Ziffernart verfügen über jeweils passende Währungszeichen. Besonders wichtig für Tabellen, Formulare, Rechnungen und Geschäftsberichte: In allen Strichstärken haben Tabellenziffern und Währungszeichen gleiche Dikten. Schließlich bietet FF Sero komplette Ziffernsätze für Zähler und Nenner, sowie einen Satz an Kreisziffern.

Die Sero-Schriftfamilie beherrscht – vom ersten Entwurf an – neben den lateinisch basierenden Sprachen auch Griechisch und Kyrillisch. »Mir erschien dies sehr wichtig«, erläutert Jörg Hemker diese Vorgehensweise, »weil ich so die spezifischen Eigenarten vermeintlich gleich wirkender Zeichen bereits im Entwurfsprozess berücksichtigen konnte.« Außerdem hatte er von Anfang an den Wunsch, eine Schriftfamilie für internationale Corporate-Design-Jobs zu entwickeln. Die Vorteile von FF Sero liegen nicht zuletzt in ihrer Vielsprachigkeit. Vergleichbare Sans-Serif-Familien liegen nur bedingt oder gar nicht in nicht-lateinischen Varianten vor.

Zum Abschluss noch etwas Zukunftsmusik. Um die Schrift auch fürs Editorial-Design attraktiv zu mache, arbeitet Jörg Hemker bereits an einer schmallaufende Version. »Darüber hinaus plane ich eine spezielle Displayvariante (Abb oben), die durch eine größere x-Höhe und geringe Ober- und Unterlängen einen plakativen Satz ermöglicht und so neue gestalterische Freiräume schafft. Spannend hierbei ist es herauszufinden, wie weit die Schwärze der Zeichen verdichtet werden kann.«

FF Sero ist ab sofort auf www.fontshop.com lieferbar, und zwar als OpenType- oder OpenType-Pro-Version (Fremdsprachen), das gleiche für den Office-Bereich (Format TrueType) sowie als Webfonts (Formate .woff und .eot).

Adrian Frutiger – Der Film

Im Jahr 2007 führte der Berliner Filmemacher Sebastian Rohner ein langes Interview mit dem Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger, der zu den maßgebenden Schöpfern der Schweizer Typografie gehört. Seine zwei bekanntesten Schriften sind die serifenlose Linear-Antiqua Univers und die für den Pariser Flughafen Charles de Gaulle entworfene Roissy, eine frühe Form der später veröffentlichten und mehrfach ausgebauten Frutiger. Daneben entwarf Frutiger die nicht minder beliebten Avenir, Centennial, Iridium, Meridien und Serifa. Seine auf Maschinenlesbarkeit optimierte OCR-B wurde 1973 zum ISO-Standard erhoben.

Rohner über Frutiger: »Einer der größten Designer des 20. Jahrhunderts ist den meisten Menschen vollkommen unbekannt. Dieses Interview soll das ändern.« schreibt er in der Erläuterung des nun frei gegebenen Videos auf YouTube. Der aufschlussreiche Film wirft nicht nur ein Licht auf den bedeutenden Schriftentwerfer sondern auf eine Designdisziplin, die kaum exotischer sein könnte und doch alle (lesenden) Menschen berührt. Vielen Dank für dieses Zeitdokument, Sebastian.

Zwanzig Jahre FF Hands

Als im Jahr 1991 die beiden Handschriften FF Erikrighthand und FF Justlefthand als erste FontFonts auf den Markt kamen, hatten die beiden Scripts zwei (durchaus beabsichtigte) Geburtsfehler:
• Sie wurden als »Hands 1« veröffentlicht, es erschien aber nie »Hands 2«
• Die zwei Handschriften waren mit heißer Nadel gestrickt

Beide Makel wurden erst heute, nach 20 Jahren ausgebügelt. Beide konnten auch nicht verhindern, das die Jugendwerke von Erik van Blokland und Just van Rossum zu weltweiten Bestsellern wurden und viele Nachahmer fanden.

Ursprünglich waren Erikrighthand und Justlefthand als reine Spaßschriften gedacht, als provokante Statements gegen den Perfektionismus, ähnlich wie der Random-Font Beowolf. Ihre Entstehungsgeschichte ist nachzulesen im Buch »Made with FontFont«. Ende 1990 hält sich Erik van Blokland in New York, sein Random-Twin Just van Rossum in Berlin auf. Eines Abends fällt ihnen ein, dass sie auf Wunsch von Joan und Erik Spiekermann für die gerade gegründet FontFont-Bibliothek noch zwei Script-Fonts beisteuern sollen, eine leichte und eine fette. Wegen der Entfernung bzw. der steinzeitlichen Übertragungstechnik (Fax), zeichnet »Erik der Ferne« mit seiner rechten Hand und einem Filzstift kräftige Buchstaben auf ein Fax-Formular, Just greift mit seiner linken Hand zu einem Fineliner und tut dasselbe in Light. Anschließend verrichten ein Scanner sowie die Software-Programme Photoshop, Streamline und Fontographer ihren Job, und fertig ist das Schriftpaket FF Hands 1 mit 4 Fonts. Es stößt in die gähnend leere Marktlücke der ungekünstelten Handschriften und werde weltberühmt.

Da ich seit 20 Jahren Mitglied im FontFont-Typeboard bin und somit mitverantwortlich für die Veröffentlichung neuer Schriften, möchte ich heute mal einen Traum zerplatzen lassen, den mir Außenstehende schon häufig angetragen haben: Die Vorstellung von der Schriftschöpfung als Auftragsarbeit. Es ist ein Märchen zu glauben, das ein Schriftenhaus seine Designerschützlinge – wie es ihm gefällt – Bestseller am Fließband produzieren lassen könne. Das funktioniert nicht. Auch Buchverlagen gelingt dies nur in Ausnahmefällen, denn den wenigen Serientätern wie Stephen King oder Joanne K. Rowling steht eine Heerschar von One-Hit-Wondern gegenüber.

Ihr glaubt gar nicht, in wie vielen der bis heute 55 Typeboard-Sitzungen ich bei Erik van Blokland nachgefragt habe – er ist ebenfalls Typeboard-Gründungsmitglied –, wann denn nun endlich Hands 2 fertig sei. Es sollte eine Display-Version der Grundschriften werden, mit feineren Buchstabenkonturen, und mehr Stützpunkten. Tatsächlich waren die ersten Fassungen 1991 ja nicht aus Schlampigkeit so grob digitalisiert: Die damalige PostScript-Umgebung (Rechner, Drucker, Adobe Type Manager) ließ es aus Gründen der Stabilität nicht zu, dass man ausgefranste Script-Glyphen bis in die letzte Verästelung digital nachbildete. Die Faustregel damals: mehr als 20 Stützpunkte/Buchstabe können dafür sorgen, dass eine Quark-QPress-Seite abstürzt oder ein Druckjob nicht ausgeführt wird.

Nun endlich, mit dem Erscheinen des FontFont-Release 54, liegen FF Erikrighthand und FF Justlefthand in neuer, verbesserter Qualität vor. Verpackungsdesigner, Plakatgestalter, Ladenbeschrifter (typische Anwendungsfelder für die beiden Hands) können aufatmen. Der Grund für die Überarbeitung war der Abschied von PostScript. Dieses Format gibt es bei FontFont nicht mehr, sondern nur noch OpenType (als .otf und .ttf). Erik van Blokland und Just van Rossum haben diese Gelegenheit genutzt, ihren Klassiker nun zu überarbeiten.

Die beiden Schriftentwerfer aus Den Haag sind weiterhin gut befreundet, arbeiten jedoch nicht mehr so eng zusammen wie vor 10 oder 20 Jahren. Daher haben sie ihr jugendlichen Handschriften mit unterschiedlicher Philosophie überarbeitet. Erik van Blokland nutzte den Technologiewechsel, so wie er es bei der FF Trixie bereits meisterhaft vorgeführt hat (siehe Fontblog-Beitrag Neu: FF Trixie OT, von Erik van Blokland), für eine grundlegende Überarbeitung der einzelnen Glyphen. Er verpasst Erikrighthand einen neuen Schwung, der sie noch authentischer nach Filzerschrift aussehen lässt. Dabei hat sie ihren spontanen Charme behalten, so dass man sie weiterhin als Handschrift-Imitation und endlich auch für die großdimensionale Gestaltung einsetzen kann.

Just van Rossum entschied sich für eine werktreue Überarbeitung, keine neue Abmischung … wie die Beatles mit ihrer Musik. Er tastete die einzelnen Glyphen nicht an, baute aber mehrere Hundert Ligaturen und Akzentbuchstaben hinzu, so dass nun auch Justlefthand den modernen Ansprüchen einer OpenType-Typografie genügt – in den Features und der Sprachunterstützung.

Die einst separat erschienen Schnitte Expert und Small Caps sind selbstverständlich im OpenType-Zeichensatz aufgegangen. Damit werden die Schriften auch leichter bedienbar. Mehr über ihre Ästhetik und die technische Ausstattung verraten die beiden Steckbriefe (PDF), die sich hinter den Abbildungen links oben und rechts verbergen.