Familienzuwachs: Lukas Schneider & FF Utility

Wie wirkt die Erweiterung einer Schriftfamilie sich auf das Gesamtkonzept aus? Sind Familien je ausgewachsen?  FF Utility, 2002 als Diplomarbeitsprojekt begonnen, erhielt kürzlich zwei neue Light-Schnitte – und eine komplette Überarbeitung. Zu den Hintergründen haben wir mit Lukas Schneider gesprochen.

Eine Schrift zu gestalten war für Designer Lukas Schneider schon deshalb nahe­lie­gend, weil man während des Studiums „ständig mit Schrift hantiert“ – und er im Rahmen seiner Diplomarbeit kost­bare sechs Monate Zeit hatte. Zudem fand Lukas („Das war wie eine Erleuchtung für mich!“) am Schwarzen Brett einen Aushang von Linotype: Akira Kobayashi suchte eine studen­ti­sche Aushilfskraft („Ich hab den Zettel sofort abge­rissen, damit ihn kein anderer sieht“). So profi­tierte Lukas von Supervision bei der Entwicklung der FF Utility – oder damals noch ihrer Urform namens Gazoline. Die lag nach dem Diplom aller­dings „erstmal ewig rum“ …

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FontFont veröf­fent­lichte die Ur-FF-Utility-Familie mit fünf Fonts 2008. Im letzten Monat kamen die Erweiterungen Thin und Extra Light hinzu.  

Wie die weitere Entwicklung der FF Utility verlief, beschreibt Lukas so:

Lukas, war der Name Programm?

Nicht ursprüng­lich. Beim Gestalten dachte ich an 50er-Jahre-Schriften an Tankstellen in den USA und hatte Gazoline im Sinn; das fand ich kraft­voll – ging aber nicht, gab es schon. Es gab Namensvorschläge von Stephen Coles (soweit ich mich erin­nern kann), – Utility fand ich am passendsten. Irgendwann sieht man das prag­ma­tisch. Zudem hatte sich die Ästhetik der Schrift im Gestaltungsprozess geän­dert.

Warum kommt jetzt die Erweiterung? Was war deine Motivation?

Die Erweiterung, oder die Idee zur Erweiterung, war schon da, bevor die FF Utility mit fünf Schnitten 2008 als FontFont herauskam.

Das klingt, als hätte FontFont gedrän­gelt?

Ja, schon (lacht leise)… Zum Beispiel möchte das FF-Type-Department immer vier Ziffernsätze. Die haben wir für fünf Ur-Schnitte gemacht von Light bis Black. Damals dachte ich schon, es wäre schön, etwas noch Leichteres für große Headlines zu haben. Oder eine Condensed. Schon 2008  habe ich erste Versuche gemacht – nebenher – dann lagen die Sachen eine Weile rum – und jetzt war es einfach an der Zeit.

Inzwischen konzen­triere ich mich mehr auf Schrift (Lukas Schneider resü­miert).

Weil ich für mich gelernt habe, ohne Konzentration wird es nichts.

Die Entwürfe liegen sonst zu lange herum und man hinter­fragt Details ständig neu. Anfang des Jahres habe ich mir gesagt, jetzt ziehst du das durch. FontFont freuen sich ja auch immer, Ivo fragt: „Gibt’s denn auch mal Italics?“ Jetzt haben wir zwei neue leichte Schnitte gemacht, bzw. einen ganz dünnen Master, die Thin, und dann eine Interpolation, die Extra Light.“

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Die Gesamtheit aller Schriftschnitte muss stimmen, einer einheit­li­chen Formensprache folgen. Also über­ar­bei­tete Lukas Schneider anläss­lich der Neuzugänge die Ur-Familie gleich mit.

Der Prozess hielt konzep­tio­nelle Überraschungen bereit: Es war nicht so einfach wie anfangs gedacht. Diese zwei leichten Schnitte waren von mir damals nicht einge­plant. Das heißt, wenn ich sie genau nach Plan durch­ge­zogen hätte, wären die Proportionen im Gesamtbild nicht wirk­lich harmo­nisch gewesen.Das hat dazu geführt, dass ich dann doch auch die Proportionen der alten Schnitte über­ar­beitet habe, was vorher eigent­lich nicht so geplant war.

Ich dachte anfangs, die alten Schnitte packst du einfach gar nicht an (lacht leise):

Man sieht Sachen, die man vorher nicht gesehen hat. Das will man dann einfach nicht so stehen lassen wie es war.

Ich finde die Schriftfamilie ist durch die Anpassungen moderner geworden und durch die Erweiterung des Zeichensatzes durch SmallCaps beispiels­weise auch viel­sei­tiger einsetzbar.“

Lukas, warum eigent­lich keine Kursive?

Ich weiß, es gab Rezensionen zur FF Utility; einige meinten, dass es keine Kursive braucht und Auszeichnung auch anders geht. Jetzt geht das ja auch mit Small Caps. Ganz ehrlich – für mich war das damals zu viel Arbeit. FF Utility ist mein aller­erstes Schriftprojekt und so nicht geplant. Im Grunde wäre es schon gut, Kursive zu haben …

Gibt es einen Trend, auf Kursive zu verzichten?

Das sehe ich nicht so.

Selbst aktu­elle Monospace-Schriften haben Italics.

Wenn ich mich so umschaue, sehe ich keinen Trend darin – Gottseidank. Die FF Utility gibt das gestal­te­risch her. Prinzipiell bin ich auch sehr kritisch wenn es um die eigene Arbeit geht und die Überarbeitung der FF Utility hat mir bereits viel Zeit geraubt, also nicht ,geraubt‘, sondern mich Zeit gekostet. Heute erwarten ja viele von einer Schrift, dass sie mindes­tens 16 Schnitte hat. Ich denke aber, weniger ist manchmal mehr und ich finde es durchaus legitim einfach erstmal die Geradestehenden zu veröf­fent­li­chen und dann weiter zu schauen.

Meine Schlussfolgerung: Die Familienplanung damals war viel­leicht unbe­darft.

In Zukunft würde ich auch die Italics mitplanen.

Es wäre besser, parallel zu planen oder alles zumin­dest ansatz­weise mitzu­denken, mitzu­skiz­zieren. Es ist für mich schwierig, über eine – oder viel­leicht speziell diese – Schrift zu spre­chen.

Die FF Utility war sein Schneiders Einstieg. „Ohne inhalt­liche Hintergedanken“ sei er damals an die Schriftgestaltung heran­ge­gangen, ohne an bestimmte Anwendungsbereiche zu denken – „frei Schnauze“. Trotzdem, oder viel­leicht deshalb, trägt seine FF Utility ihren Namen selbst­be­wusst und ganz zu Recht und voller Würde.

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Zeichnen, drucken, korri­gieren, zeichnen drucken korri­gieren … Lukas Freizeitaktivitäten haben bis zum Release der neuen FF Utility Schnitte immens abge­nommen. Das wird jetzt anders. Oder kommen doch Italics? 

Und was macht Lukas Schneider, wenn er mal nichts Nützliches tut? Für ihn offenbar die scho­ckie­rendste aller Fragen: „Oh je. In letzter Zeit … oh je … das hat ganz schön abge­nommen. Fahrrad fahren, also bißchen inten­si­viert, Rennrad, aber … mmh … das ist immer echt schwierig.“ Ich bin mir nicht sicher, meint er „immer“ diese Fragen oder „immer“ diese Freizeit, und möchte ihn nicht länger quälen – da kommt ein entschie­dener Nachsatz: „Ich bastele gerne. Sachen vom Sperrmüll aufmö­beln, eine Designer-Couch zum Beispiel – einen alten Plotter habe ich umge­baut. Und sonst, ja … nee. Also es hat schon ziem­lich viel mit Schrift zu tun. Man rennt mit offenen Augen rum, foto­gra­fiert, sammelt“.

Wir freuen uns, wenn er weiter­bas­telt – auch an der FF Utility.

Lieben Dank für das Interview, Lukas! Das Interview führte Sonja Knecht .


5 Kommentare

  1. Kurt

    Ein schöner Font. Sehr funk­tio­nell und lesbar. Empfehlenswert!

    Ich bin ohnehin davon über­zeugt, dass es derzeit die deut­schen Jungdesigner sind, die welt­weit in das Qualitätstonhorn blasen. Besonders aufge­fallen ist mir Rene Bieder, Hannes von Döhren, aber natür­lich auch Lukas Schneider und ganz klar noch andere. Gunnar Link zum Beispiel, in anderem Zusammenhang zwar (was die Lesbarkeit anbe­langt, oft muss etwas auch einfach nur wirken – je nach Anwendung!), aber dort gewaltig.

    Natürlich sind es nicht nur die Deutschen, die mir aufge­fallen sind: Laura Worthingtons Fonts sind einfach immer der Hammer. Und ähnlich wie die meisten deut­schen Designer, ist auch sie nicht nur quali­täts­be­wusst, sondern schnell dabei, Fehler auszu­bes­sern, wenn man ihr welche meldet.

    Auch in Polen, Rumänien, Brasilien etc. habe ich durch­wegs tolle Typen (hehe!) kennen­ge­lernt, die tolle Fonts zeichnen. Leider sind die nicht wider­standslos bereit, ihre Fehler auszu­bes­sern, was aufgrund der oftmalig einma­ligen Grundkonzeptionen wahr­lich schade um den einen oder anderen Font ist. Ein Beispiel dazu stiftet uns der Erschaffer der Texta, der die nötigen Verbesserungen leider nicht so ohne weiteres bereit ist umzu­setzen.

    S-Core aus Süd Korea dann ist sehr fleißig in seinen Glyphenbelegungen und auch die Formen sind gewaltig. Ob das hier mal wo erwähnte Druckbild bezüg­lich eines dünnen Schnittes tatsäch­lich auch die ange­nom­menen Probleme innehat, muss sich erst zeigen; aber ich vermute nicht, da dieser Schriftschneider nicht bereit ist hin und her zu kommu­ni­zieren. Ich bin ja auch nicht fehler­frei in meinen Urteilen.

    Und nie vergessen darf man hiesige alte Hasen wie zum Beispiel Herrn Erik Spiekermann, die immer noch das Nonplusultra der Szene bilden – ganz zu Recht!

    • … Ganz ehrlich

      – für mich war das damals zu viel Arbeit …

      Juhui, das kann ich mir bezüg­lich einer Abschlussarbeit vorstellen. Sechs Monate sind eh für alles zu knapp. Und der Absatz mit dem leisen Lacher hat mich zu Lachsalven hinge­rissen, animiert. Ich bin ziem­lich froh darüber, dass ich diese Art der Arbeit stets als Dienstleistung habe zukaufen können und mir nicht habe antun müssen. Danke an die Foundryaner! Trotzdem würde ich dieses Handwerk gerne können. Leider gibt es keine adäquaten Ausbildungsstätten dazu – schon gar nicht in Europas mitt­lerem Süden. Hier denkt nämlich jeder: (Kunst-)Uni besucht, dann kann ich schon alles.

  2. Denis Potschien

    Eine wirk­lich schöne Schrift: prägnant, ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu stellen. So mag ich das. Kursive wären sicher toll, muss aber nicht immer sein. Als Grafikdesigner fallen einem da schon genü­gend Möglichkeiten ein, ohne dass man eine Kursive braucht.

    • Kurt

      Museo und Museo Sans verwendet Denis also, schön! Und der Kulturspiegel? Hausschrift? Erinnert mich ein biss­chen an die Factoria in ihrer Eckigkeit und durch Formen wie das Majuskel-K auch an die Directors Gothic, halt mit Serifen. Die Directors ist sowieso ein Hammerfont.

  3. Lukas

    Danke für euer Lob! Freut einen natür­lich sehr, so etwas zu hören!

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