Maschine Grotesk

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Die Glyphen digi­taler Schriften werden mathe­ma­tisch über ihre Kontur defi­niert, auflö­sungs­un­ab­hängig mittels Vektorgleichungen. Der seri­fen­lose Großbuchstabe I ist aus digi­taler Sicht also kein senk­rechter Strich, sondern ein aufrecht stehendes, langes Rechteck, dessen Fläche eine Farbe zuge­wiesen wird, meist schwarz. Und genau so inter­pre­tieren auch Schneideplotter und Zeichenmaschinen die Lettern eines Wortes, auf dass sie es zehn­tel­mil­li­me­ter­genau und rand­scharf ausgeben.

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Der Mensch schreibt aller­dings anders: Er führt einen Stift oder eine Feder einige Millimeter übers Papier, wobei durch die Strichbreite eine lesbare Form entsteht. Auch die typo­gra­fi­sche Seele einer digi­ta­li­sierten Druckschrift basiert letzt­lich auf der Handschrift, wie uns der große Gerrit Noordzij bis heute lehrt.

Buchstabeneigenschaften wie Strichstärkenkontrast, Anstrich, Abstrich, Winkel, Strichendung sind Eigenschaften, die von der Handschrift herrühren und bis heute die Leserlichkeit einer Satzschrift beein­flussen. Und weil eine konstru­ierte (stati­sche) Schrift wie Helvetica ihre Herkunft unter­drückt, ihr also die eben aufge­zählten Eigenschaften wegope­riert wurden, ist sie eine schlecht lesbare Schrift … selbst wenn sie Apple noch so toll für sein neues Betriebssystem OS X Yosemite bild­schirm­op­ti­miert hat (oder gerade deshalb, denn je perfekter die geome­tri­schen Formen, umso verwech­sel­barer werden sie).

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Steffen Hartwig studiert Kommunikationsdesign an der Folkwang UDK in Essen, wo er eine Maschine entworfen hat, die wie ein Mensch schreibt. Gesteuert wird der Apparat von einer Font-Software namens Maschine Grotesk. Dieser Font ist prak­ti­sche eine Handschrift für Maschinen und Apparate, die mit Zeichenwerkzeugen umgehen können. Auf dem Computer sind die Zeichen prak­tisch unsichtbar, nur ein abstrakter Pfad, eine Handlungsanweisung. Erst durch die analoge Ausführung werden sie lesbar.

Durch ihre simplen Glyphen bleibt das Schriftbild, selbst bei primi­tivsten Malwerkzeugen, entzif­ferbar. Je nach Werkzeug, Geschwindigkeit, Untergrund und anderen Einflüssen entsteht ein leben­diger »Schriftschnitt«, in dem jeder Buchstabe ein Unikat ist. Zwischen exakten Ausführungen mit einem Kugelschreiber auf Papier und mit breitem Tuschepinsel direkt auf den Lithografiestein gemalten Kalligrafien spannt sich ein breites Spektrum auf.

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Ein Kommentar

  1. Uhlala

    Danke, inter­es­santer Beitrag. Bin kein Schriftenkenner wie viele hier, stehe aber persön­lich auf Strichstärkenunterschiede; sogar bei seri­fen­loser Linearantiqua. Und für Plakate liebe ich immer noch diese gebro­chenen Schriften, vor allem aber rund­go­ti­schen, die auch heute noch für die meisten lesbar sind. Schwabacher, goti­sche und Frakturschriften haben Fonts, die viele junge Menschen gar nicht erkennen würden.

    Diese Art der Strichstärkenunterschiede, wie sie durch den verwen­deten Stift des Schreibroboters bei z. Bsp. „DEUS EX MACHINA“ zustande kommt, gefällt mir aufgrund der inner­halb der Lettern verschie­denen Kontraste gar nicht. Gruß von einer ursprüng­lich gelernten Tischler- und derzeit Hartzerin.

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