Das Eszett: Vortrag im Buchstabenmuseum

Am kommenden Samstag präsen­tieren Nadine Roßa und Ralf Herrmann ihre inter­na­tional gewür­digte Präsentation »Das kleine und das große Eszett« im Berliner Buchstabenmuseum, um 14:00 Uhr, Eintritt 2,50 €. Schon die verschie­denen Namen deuten darauf hin, dass das ß ein ganz beson­derer Buchstabe ist: scharfes S, Buckel-S, Rucksack-S, Dreierles-S … Seine gestal­te­ri­sche und funk­tio­nale Herkunft ist bis heute nicht restlos geklärt und die Tatsache, dass er in der Orthografie von Deutschland und Österreich benutzt wird, aber bislang keinen offi­zi­ellen Großbuchstaben besitzt, macht ihn einzig­artig inner­halb der gesamten latei­ni­schen Schrift. Dabei kommt das Eszett selbst im Deutschen nur selten vor – nach der Rechtschreibreform sogar noch weniger. Doch es behauptet sich weiter hart­nä­ckig und kämpft nun sogar wieder verstärkt um eine eigene Versalform.

Nadine Roßa und Ralf Herrmann (der in der Stadt Pößneck geboren wurde) schlagen sich mit den Irrungen und Wirrungen um diesen Buchstaben schon ihr ganzes Leben herum. Nadine Roßa trägt diesen Buchstaben heute sogar mit Stolz und widmete ihre Diplomarbeit an der HTW Berlin dem Eszett. Aus dieser Arbeit und ihrem Leben mit dem Eszett im Namen wird sie in diesem Vortrag berichten. Ralf Herrmann führt anschlie­ßend in die derzei­tige Debatte um Sinn oder Unsinn eines Versal-Eszett ein. Wie konnte es dazu kommen, dass ledig­lich ein Buchstabe der latei­ni­schen Schrift nicht über eine Versalform verfügt? Und wie ist dieser Umstand im Jahr 2011 zu bewerten? Ist dies eine geschicht­lich bedingte Eigenheit oder ein Grund zu handeln? Welche Gründe spre­chen heute für oder gegen die Etablierung eines großen Eszett?


20 Kommentare

  1. schneider

    The never ending story…. Mal unab­hängig davon, ob es sich bei der Frage des ›großen Eszett‹ um eine sprach­liche oder um eine typo­gra­fi­sche handelt, und auch unab­hängig von der Diskussion, ob ›der Gestalter‹ proble­ma­ti­sche Situationen nicht auch ohne großes Eszett lösen können sollte oder müsste, muss ich sagen, dass die sich derzeit einschlei­chende Form (von R.H. basie­rend auf histo­ri­schen Vorschlägen forciert) des versalen Eszett extrem subop­timal ist – und zumin­dest ästhe­tisch das ß-Problem nicht löst. Die Form ist zu ›komplex‹ (Stamm, großer Bogen, Diagonale/Schräge, Bauch), schlägt zu viele Haken und verur­sacht oben­drein weiterhin zu große Löcher in die jewei­ligen Wortbildern. Hier gilt es sicher­lich noch einmal auf die Suche zu gehen und die schrift­ge­stal­te­ri­schen Möglichkeiten (histo­risch, ästhe­tisch etc.) auszu­loten! (Vielleicht könnte man hier, ähnlich wie beim Rupien-Symbol, einen Wettbewerb starten!?)

  2. Andreas

    Vielleicht könnte man sich auch einmal das Posten verkneifen. Der Zug ist doch schon vor einer ganzen Weile abge­fahren.

  3. Martin Emmerich

    Eben. Wer sich für das Thema inter­es­siert, weiß, daß sich das Antiqua-​​ß bis auf 1667 zurück­füh­ren läßt und die frü­heste Ver­sal–Eszett–Type auf 1879…

    Seit dem 04.04.2008 ist das große Eszett im Unicode vertreten, seit 23.06.2008 auch in ISO/​IEC 10646. Diskussion unnötig.

  4. thomas junold

    tatsäch­lich? diskus­sion unnötig? inter­es­santer ansatz … unicode befiehlt und wir folgen?
    aber ja, leider ist der zug abge­fahren und dümpelt nun auf dem völlig falschen gleis dahin um mal bei der meta­pher von andreas zu bleiben.

    ich finde die energie, die ralf und nadine jetzt da erneut rein­ste­cken ja groß­artig, aber ich bin mir sicher, beide haben auch noch jede menge andere themen von mehr rele­vanz im schrank liegen.

  5. Rene Hartmann

    Wird das große ß tatsäch­lich irgendwo verwendet? Mir kommt es vor wie eine Lösung, die nach einem Problem sucht.

  6. Christian Büning

    Ralf und Nina leisten da hervor­ra­gende Arbeit für präzise Typografie, auch wenn ich mit der Glyphe nicht so richtig warm werde. Mir fehlt da der Versalcharakter, aber diese Diskussion ist nach dem festen Unicode-Platz wirk­lich gelaufen. Das Zeichen ist in der Welt, jetzt muss es sich behaupten. Ich bin froh, dass ich »Viel Spaß« hier gemischt schreiben kann… :)

  7. Sebastian Nagel

    @Jürgen: versuche seit gestern Abend hier was zu schreiben … aber es taucht im Blog nicht auf. Mach ich was falsch in Hinsicht auf Spam-Verdacht?
    (diese nach­richtig ist gleich­zeitig ein Test, ob es mit einer anderen Nachricht klappt und kann ggf. gelöscht werden)

  8. robertmichael

    Vielleicht könnte man hier, ähnlich wie beim Rupien-Symbol, einen Wettbewerb starten!?

    was soll das bringen? dann erhalten wir ein ergeb­niss der form und jeder schrift­ge­stalter bastelt dann trotzdem seine eigene form. ähnlich wie beim dem konstru­ierten euro­zei­chen.
    sicher ist die form komplex, aller­dings bezieht sich das ja auch auf das kleine ß und hier gibts ja mitt­ler­weile ein paar passende beispiele das es möglich ist das zeichen umzu­setzten. ;) natür­lich liegt es immer am schrift­ge­stalter selbst was er draus macht, hier auch nochmal der blick zum € und @. ähnlich komplex, jedoch wurden größ­ten­teils gut gelöste formen gefunden.

    ich muss zugeben, auch als befür­worter des versal-ß (auch wenn ich konse­quent klein­schreibe) finde ich viele lösungs­vor­schläge eher GROBARTIG als groß­artig – aber wie gesagt: hier sind die schrift­ge­stalter gefragt passende lösung zu finden. deshalb leistet ralf diese aufklä­rungs­ar­beit.

  9. Belles Lettres

    Seit dem 04.04.2008 ist das große Eszett im Unicode vertreten, seit 23.06.2008 auch in ISO/​IEC 10646. Diskussion unnötig.

    Mit Unicode und DIN hat das nichts zu tun. Es ist Aufgabe der Schriftsetzer und Typografen, sich über das Versaleszett Gedanken zu machen. Der Bedarf ist doch objektiv gegeben, weil Eigennamen Eszetts enthalten und in der Datenverarbeitung nicht selten in Versalien geschrieben werden, und zwar von Behörden. Das sind genau dieje­nigen, denen die amtliche Rechtschreibung das Versaleszett in ihrer geltenden Fassung von 2006 verbietet. Dort ist Eszett als Versal in SS aufzu­lösen und alles andere falsch.

    Bedauerlicherweise ist die kluge Herr Forssmann als einziger Schriftsetzer aus dem Rechtschreiberat ausge­schieden. Er enthält jetzt nur noch Germanisten, die in der Sprachwissenschaft nicht gerade zur Kröm de la Kröm gehören.

    Es spielt auch keine Rolle, wie alt die Idee des Versaleszetts ist. Wenn die Zeit gekommen ist, wird es eben erfunden. Und das ist Aufgabe der Typografen. Im Isländischen hat man ganz unkom­pli­ziert den Versal Рerschaffen, der wie das Eszett nie am Wortanfang vorkommen kann.

    Wie das Versaleszett dann aussieht, ist die Entscheidung der Schriftentwickler. Auch die Minuskeln a und g haben ja geschlos­sene und geöff­nete Formen, je nach Schrift. Genormt muß das nicht werden.

  10. schneider

    vielen dank ›belles lettres‹!
    ich denke, genau so stellt sich die situa­tion dar! heißt: da es nun – ob sinn­voll, notwendig, richtig/falsch oder nicht – ein versal-ß gibt bzw. die defi­nierten codes und plätze dafür, müssen wir nun (leider) auch damit umgehen und entscheiden, ob wir es einsetzen wollen, sollen, dürfen oder nicht.
    und dennoch oder gerade deswegen bin ich der meinung, dass man die vermeint­lich defi­nierte form nicht einfach stumpf hin nehmen sollte. eine diskus­sion über form, anatomie, möglich­keiten und grenzen sollte m.e. schon statt­finden. da ist das euro-zeichen übri­gens auch ein eher wenig hilf­rei­ches beispiel, da die vorgabe eine sehr tech­ni­sche, konstru­ierte, logo-artige form war, die dem schrift­ge­stalter gerade durch ihre tech­ni­sche neutra­lität und die stilis­ti­sche inkom­pa­ti­bi­lität möglich­keiten zur inter­pre­ta­tion bietet. dies ist bei dem vermeint­lich rich­tigen versal-ß defi­nitiv nicht der fall!
    wenn es aber doch so ist, dass der schrift­ge­stalter alle frei­heiten hat, dann bin ich auf das kommende form­feu­er­werk bei den versal-ß gespannt! und hier auch darauf, in wiefern bezug genommen werden wird auf die beiden denk­baren herlei­tungen ›ſs‹ und ›ſʒ‹. (was wiederum einem kleinen wett­be­werb gleich käme… ;-)

  11. Sebastian Nagel

    (nochn Versuch, danach geb ich auf …)
    Die neve­r­en­ding story um die ganz furcht­bare Form … Formal ist das so „subop­timal“ wie das F und das P (kopf­lastig?), das L (extremes Loch?) das K (was für eine unty­pi­sche, komplexe, unflüs­sige Form?), das S (formal ein völliger Ausreißer im Versalalphabet?) oder das R (Stamm, Bauch, Diagonale – 3 Formen in einem Zeichen, schlägt viel zu viele Haken?) – als wäre unser Alphabet in einem grafisch durch­dachten Masterplan in einem Schlag erschaffen worden …
    Dabei ist das „neue“ Zeichen ja nicht aus der Luft erfunden, sondern es wurden bestehende Formen ermit­telt, und diese Form hat sich bisher bei Schriftgestaltern als gemein­samer Nenner durch­ge­setzt – die Alternativen offen­sicht­lich nicht (siehe auch Diskussionen auf typo​phile​.com, die doch einen Blick „von außen“ liefern können, mit allen Vor- und Nachteilen die daraus resul­tieren).
    So sich die Form eini­ger­maßen etabliert, werden die Schreiber (wenn es denn noch viele davon gibt) mit der Zeit das Zeichen weiter verformen, wenn sich die jetzige Form als zu umständ­lich erweisen sollte – wie es bei jedem anderen Buchstaben auch geschieht oder geschehen ist.
    Da jetzt mit einem „Wettbewerb“ ein neues Zeichen zu erfinden (Wer ruft ihn aus? Wer ist die Jury?) wäre noch viel weiter an den Haaren herbei­ge­zogen als das jetzige halb-etablierte Zeichen durch den Zahn der Zeit formen zu lassen.

    @5: Das Problem beim Fehlen eines Versal-ß ist, dass eine Übersetzung und Rückübersetzung von Eigennamen in Versalien wie z.B. „Preußen > PREUSSEN > Preussen/Preußen“ nicht eindeutig ist. Ob man dieses Problem nun als wichtig oder unwichtig erachtet, sei dahin­ge­stellt, es besteht aber.

  12. koni

    5 | Rene Hartmann

    Wird das große ß tatsäch­lich irgendwo verwendet? Mir kommt es vor wie eine Lösung, die nach einem Problem sucht.

    Bei mir genügt ein Blick auf den Ausweis um zu sehen, daß das Problem eine Lösung braucht.
    Oder auf den Rücken von Kevin Großkreuz und Lena Gößling.
    (Gottseidank hat die Action Man ein Versal Eszett ;-) )

  13. R::bert

    Wer hat sich nur einfallen lassen das ß (Ligatur sz) in Versalschreibweise als Doppel-S zu bringen? Wäre es hier beim SZ geblieben, hätten wir wahr­schein­lich eine völlig trans­pa­ren­tere Diskussionsgrundlage und wahr­schein­lich auch ein einmü­ti­geres Ergebnis …

  14. R::bert

    @ Christian: Darf ich Dich korri­gieren?

    Ralf und Nadine leisten da hervor­ra­gende Arbeit für präzise
    Typografie, …

    (Nur, dass es keinen Ärger gibt ; )

  15. Ralf H.

    Wäre es hier beim SZ geblieben, hätten wir wahr­schein­lich eine völlig trans­pa­ren­tere Diskussionsgrundlage und wahr­schein­lich auch ein einmü­ti­geres Ergebnis …

    Was willst Du damit sagen? Sprichst Du von der mögli­chen Form des Versal-Eszett?

  16. R::bert

    Ja, warum nicht. Es wäre mögli­cher­weise die logi­schere Konsequenz, da alle Ligaturen nur in der gemischten Schreibweise Anwendung finden. Und da die deut­sche Sprache schon genug (logisch schwer nach­voll­zieh­bare) Stolpersteine bietet, bin ich dafür Sie etwas auf zu räumen ; )
    Jetzt würden mich natür­lich auch Eure Gedanken inter­es­sieren. Schade, dass ich nicht dabei sein kann …

  17. StefanB

    Es wäre mögli­cher­weise die logi­schere Konsequenz, da alle Ligaturen nur in der gemischten Schreibweise Anwendung finden.

    Das ist so nicht korrekt. Im Ursprung ist das Eszett eine Ligatur, okay. Aus dieser hat sich aber ein eigen­stän­diger Buchstabe entwi­ckelt, wie dies auch bei dem W der Fall ist. Es stimmt also nicht, dass im Versalsatz keine (ursprüng­li­chen) Ligaturen Anwendung finden.

  18. R::bert

    Bitte nicht falsch verstehen, war nur ein gedank­li­cher Ansatz. Stehe für fundierte Argumente natür­lich zu wenig im Stoff …

  19. Christian Büning

    @ Robert: lieben Dank, man sollte nicht gleich­zeitig posten und Emails lesen. Nadine, niemals wieder werde ich deinen Namen mit dem von Nina verwech­seln… :)

    @ß: Ich denke, dass der Weg über eine neue Glyphe nicht gerade der einfachste ist. In Behördenpost, amtli­chen Dokumenten und sons­tigen typo­gra­fie­fernen Schriftstücken ist es sicher einfa­cher, eine einheit­liche Schreibweise mit den gege­benen Buchstaben einzu­führen als eine neue Glyphe, wo noch nicht einmal Zoll- und Anführungszeichen als getrennte Zeichen verwendet werden und derzeit keine Tastatur Platz dafür bereit hält. Für meine Begriffe versucht diese Glyphe, das Feld von hinten aufzu­rollen. Das kann auch funk­tio­nieren, braucht aber deut­lich mehr Anschub.

  20. Joshua K.

    Hier gilt es sicher­lich noch einmal auf die Suche zu gehen und die schrift­ge­stal­te­ri­schen Möglichkeiten (histo­risch, ästhe­tisch etc.) auszu­loten!

    Der Antrag zur Unicode-Aufnahme des großen Eszetts stammt von Andreas Stötzner, er hat auch die sog. Leipziger Form vorge­schlagen. Herr Stötzner hat sich über die Form viele Gedanken gemacht und die schrift­ge­stal­te­ri­schen Möglichkeiten ausführ­lich ausge­lotet. In SIGNA Nr. 9 ist das nach­zu­lesen: eine Pflichtlektüre für alle, die beim großen Eszett mitreden wollen.

    SIGNA Nr. 9

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