Karl-Heinz Lange (1929 bis 2010)

Ein Nachruf von Ivo Gabrowitsch

Karl-Heinz Lange lernte ich 2007 auf einem unserer ersten Typostammtische kennen. Kurze Zeit später lud er mich in seine Wohnung ein, um seinen ersten Vortrag, den er auf einer der folgenden Veranstaltungen zu halten gedachte, zu bespre­chen: »Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken«. Anlass für diesen Vortrag war ein Jubiläum der beson­deren Art. Lange blickte nämlich gerade zurück auf 60 Berufsjahre. 60 erfolg­reiche Jahre des Gestaltens und Schriftentwerfens.
Karl-Heinz Lange

Meine Lieblingsarbeit von ihm: Plakat für das Ballett »Le Papillon« [Der Schmetterling] (© Foto Florian Hardwig)

In seiner mit zahl­rei­chen Grafiken deko­rierten Wohnung in Berlin-Mitte zeigte er mir Zeichnungen, die er bereits im Kindesalter anfer­tigte und sein Talent schon früh erkennen ließen. Er offen­barte faszi­nie­rende Arbeiten seines krea­tiven Schaffens, spielte am Klavier und erzählte genuss­voll Anekdoten eines aufre­genden Lebens. Eine handelte davon, wie er einmal von seinem Arbeitgeber VEB Typoart den Auftrag bekam, eine Schrift ähnlich der im Westen popu­lären Optima von Hermann Zapf zu zeichnen.

Er über­nahm den Auftrag, hoffte aber, dass sich seine eigene Handschrift ausrei­chend auf die Einzigartigkeit der Formen auswirken würde — schließ­lich war er eigen­stän­diger Gestalter, kein Plagiator. Anlässlich einer Familienfeier durfte Karl-Heinz Lange nach Frankfurt/Main reisen. Dort traf er sich heim­lich mit Zapf, um mit ihm seine Entwürfe zu disku­tieren. Nicht ohne Stolz erin­nerte er sich, wie sein west­deut­scher Kollege sein Einverständnis gab und ihm gar großen Respekt für die geleis­tete Arbeit zollte. Die Publica war etwas völlig Eigenständiges geworden.

Karl-Heinz Lange

Karl-Heinz Lange an seinem Piano (© Foto Leslie Kuo, Pingmag)

Lange präsen­tierte mir an seinem Laptop vergnügt seine vorbe­rei­teten Folien, nicht ohne dabei immer weitere Anekdoten zum Besten zu geben. Er lebte jedoch nicht in der Vergangenheit, sondern nahm immer wieder Bezug zum Hier und Jetzt und bekun­dete ernst­haftes Interesse am aktu­ellen Geschehen in der Typografieszene sowie an seinem Gast. Lange war intensiv darum bemüht, seine Schriften mit Hilfe jüngerer Kollegen wie zum Beispiel Ole Schäfer in die Zukunft zu retten.

Zum ersten Mal kam ich an diesem Tage mit seiner tiefen Leidenschaft zur Gestaltung von und mit Schrift in Berührung. Sie beein­druckte mich nach­haltig. Das war kein zartes Leuchten in den Augen eines in die Jahre gekom­menen Mannes, das war ein Aufflammen in den Augen eines Kind Gebliebenen, das weiterhin die Welt erforscht. Aus einer geplanten Stunde wurde ein ganzer Nachmittag, der mich noch Wochen später beschäf­tigte. Sein Vortrag schließ­lich fesselte auch das Publikum auf magi­sche Weise.

Karl-Heinz Lange

Karl-Heinz Lange und Erik Spiekermann im Oktober 2007 beim Berliner Typostammtisch (© Foto Andreas Seidel)

Wann immer der sympa­thi­sche Gestalter konnte, berei­cherte er unsere Veranstaltungsrunde mit seiner Anwesenheit, was ihm aufgrund seiner Gesundheit nicht immer leicht fiel. Lange war um einen stän­digen inten­siven Diskurs bemüht und genoss die Gemeinschaft von Gleichgesinnten, egal welchen Alters. Er begeg­nete ihnen respekt­voll und inter­es­siert.

Karl-Heinz Lange

Zirkus (© Foto Florian Hardwig)

Im vergan­genen Jahr trat Karl-Heinz Lange mit einer außer­ge­wöhn­li­chen Bitte an mich heran: Anlässlich seines 80. Geburtstages wollte er nach Jahrzehnten der Hörsäle und Konferenzen gern seinen aller­letzten Vortrag im Rahmen unserer typo­gra­fi­schen Hauptstadtrunde halten. Der Besonderheit und der großen Ehre dieses Momentes bewusst nahmen an jenem Abend im August erst­mals mehr als 50 Leute am Typostammtisch teil. Von ihnen bereute niemand die zum Teil weite Anreise. Beginnend mit seinen beschwer­li­chen Kinderjahren in Westpreußen ließ er sein ganzes aufre­gendes Leben Revue passieren. Er berich­tete auf heitere Weise, wie er jahre­lang im Harz eine schwere Tuberkulose kurierte und wie letzt­lich dort seine ersten künst­le­ri­schen Aktivitäten und schließ­lich die fortan niemals endende Liebe zur Schrift entbrannte.

Karl-Heinz Lange

Doppelseite des Lange-Buchs »Schrift: schreiben, zeichnen, konstru­ieren, schneiden, malen.« 1965, VEB E.A. Seeman Verlag Leipzig (© Foto Dan Reynolds)

Karl-Heinz Lange hat den visu­ellen Alltagsausdruck der DDR entschei­dend mitge­prägt: vom Telefonbuch über zahl­reiche Literatur und verschie­dene Unternehmensauftritte. Zweifelsohne zählt der ehema­lige Schüler Herbert Tannhaeusers zu den wich­tigsten Schriftgestaltern der DDR. Als Beweis dienen auch für spätere Generationen seine Schriften:

Karl-Heinz Lange

Langes Neuzeichnung der Super Grotesk von Arno Drescher für den Fotosatz (© Foto Florian Hardwig)

  • 1955 Diplom-Antiqua (bleibt leider unver­öf­fent­licht)
  • Seine Schriften für VEB Typoart:
    • Bearbeitung der Bleisatzschriften Magna, Primus und Super Grotesk für Fotosatz
    • Publica (1983, Silbermedaille »Bienale of Graphic Design Brno 1984«)
    • Minima (1984, als Satzschrift für Telefonbücher und Gebrauchsanleitungen)
  • Seine Schriften für Elsner+Flake
    • Rotola (1985/2007)
    • Viabella (2009)
  • Seine Schriften für Primetype

Karl-Heinz Lange starb vergan­genen Dienstag kurz vor seinem 81. Geburtstag, nach einem – wie er selbst sagte – erfüllten Leben. Die Trauerfeier findet am 16. Juli 2010 um 12 Uhr statt.

»Was ist denn das Weiterleben nach dem Tode? Es funk­tio­niert nur über den Anderen. In den Enkeln. Alle fünf Enkel hatten bei mir Klavierstunde. Jetzt ist die Letzte dran mit Flöte und Klavier. Jeden Montag sitzt sie hier an meinem Flügel. Das ist mein Erbe, das ist mein Weiterleben.« [KHL]

Sein Erbe ist größer. Er lehrte uns, dass Leidenschaft niemals in Rente geht. Er lehrte uns, neuen Herausforderungen aufge­schlossen und inter­es­siert zu begegnen. Im letzten Jahr schrieb er mir im Vorfeld seines Vortrages in einer E-Mail: »Ich bin noch bei der Vorbereitung, die mir viel Freude macht, weil ich dabei durch gute Literatur noch zulerne.« Diese Leidenschaft und dieses Interesse ist Inspiration für unsere Arbeit.

Danke, Karl-Heinz. Du wirst uns fehlen.


12 Kommentare

  1. Tanja

    Kann man sich irgendwo die Publica ansehen?

  2. Jürgen Siebert

    Dieser Link führt zu einem PDF von Primetype (Ole Schäfer), in dem die Schrift auf den Seiten 7/8 zu sehen ist. Ole hat, in enger Kooperation mit Karl-Heinz Lange, die Publica neu digi­ta­li­siert und zeit­gemäß ausge­baut (Publicala):

    http://​prime​type​.com/​f​i​l​e​s​/​p​d​f​/​p​r​i​m​e​t​y​p​e​_​L​a​n​g​e​_​C​o​l​l​e​c​t​i​o​n​0​.​pdf

  3. Jürgen Weltin

    Schöner Nachruf. Genauso habe ich ihn in Erinnerung, wie er einen Vortrag bei der tgm in München hielt.

  4. Tobias

    Ja, sehr schöner Nachruf !

  5. verena

    Oh ist das ein schöner Nachruf, lieber Ivo. Karl-Heinz wäre begeis­tert.
    Kleine Ergänzung: Es ist sehr im Sinne von Karl-Heinz und seiner Familie, wenn sich auch seine Schriftkollegen zu seiner Beerdigung einfinden um sich von ihm zu verab­schieden.

  6. Thomas Kunz

    Hallo Ivo,

    vielen herz­li­chen Dank für diesen Nachruf. Ich bin Karl-Heinz Lange dreimal begegnet und finde das Bild, das ich mir von ihm gemacht habe, in deinen Worten wieder.

    Thomas

  7. Heinrich

    ich habe ihn auch kennen­lernen dürfen als ich ein semester in magde­burg unterichtet habe, ein ganz toller mensch, trotz des über 40 jahre alters­un­ter­schied haben wir uns super verstanden!
    ein mann den man nie vergessen wird.

  8. Oliver Adam

    Bravo, Ivo, für diesen gefühl­vollen, exzel­lenten Nachruf!

  9. erik spiekermann

    KHL war der erste schrift­ent­werfer aus der DDR, dem ich persön­lich begeg­nete. Nachdem ich 1984/85 die PT55 für die dama­lige Bundespost entworfen hatte, die vom auftrag­geber abge­lehnt wurde und 5 jahre später als Meta wieder erstand, hörte ich nach der veröf­fent­li­chung meiner entwürfe von kollegen aus der DDR, dass KHL eine schrift für die tele­fon­bü­cher dort entworfen hatte. Daraufhin schrieben wir uns briefe und trafen uns ende 1988 durch vermitt­lung von Wolfgang Geisler in der haupt­stadt. Seine arbeits­weise wahr natür­lich ganz anders als meine, denn die PT55 war nach meinen eher groben zeichungen auf Ikarus bei URW digi­ta­li­siert worden, während die Minima vor dem digi­ta­li­sieren sorg­fältig rein­ge­zeichnet worden war. Da aber beide schriften ein ähnli­ches problem lösen sollten (viel infor­ma­tion auf engem raum bei schlechter druck­qua­lität), waren uns beiden vergleich­bare lösungen einge­fallen. Karl-Heinz‘ schrift ist der kalli­graf anzu­sehen, der PT55/Meta eher der konstruk­teur.

    Ich erin­nere mich vor allem an seine wunder­bare neugier und kolle­giale offen­heit, die er mir als dama­ligem frisch­ling entge­gen­brachte. Ich bin froh, dass Ole mit seiner arbeit dafür sorgt, dass Karl-Heinz‘ arbeit ihn über­lebt.

  10. microboy

    Ein beein­dru­ckender Mensch und groß­ar­tiger Typograph und Grafiker. Er wird mir fehlen …

  11. sabine f.

    als einer meiner lieb­lings­do­zenten an der FWG Berlin hinter­ließ karl-heinz lange bei mir den nach­hal­tigsten eindruck und beför­derte in mir eine lebens­lange liebe zur typo­gra­phie, die seit jahren meinen beruf­li­chen alltag mit prägt. dafür danke ich ihm.
    dass ich ausge­rechnet JETZT nach ihm googelte, zeigt mir unsere innere verbun­den­heit

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