Das Buch ist tot, es lebe das Lesikon

Am 11. November 2004 hatte ich mein Wikipedia-Schlüsselerlebnis. Warum weiß ich das so genau? Es war der Todestag von Jassir Arafat, dem dama­ligen Präsidenten der paläs­ti­nen­si­schen Autonomiegebiete. Am glei­chen Tag feierte das »ZEIT-Lexikon in 20 Bänden« Premiere. Den ersten Band (A-Bar) gab es kostenlos zusammen mit der Wochenzeitung, die Folgebände erschienen dann wöchent­lich zum Preis von 9,00 €, glaube ich. Ich spielte mit dem Gedanken, mir zum ersten und letzten Mal ein mehr­bän­diges Lexikon anzu­schaffen.

Doch Band 1 der ZEIT-Edition war am selben Tag veraltet, an dem er erschien: Arafat verstarb um 3:30 Uhr in der Früh in Paris, sein Leichnam sollte noch am selben Tag nach Kairo geflogen werden, wo 24 Stunden später die Trauerfeier statt­finden sollte. Im ZEIT-Lexikon lebte der Friedensnobelpreisträger weiter. Ich rief Wikipedia auf, suchte nach Arafat und stellte fest, dass nicht nur sein Todestag bereits einge­tragen war, sondern die gesamte Krankengeschichte der zurück­lie­genden 14 Tage.

Beim Stöbern in Wikipedia fiel mir auf, dass es zu einem Thema, das mich gerade sehr beschäf­tigte, noch keinen Eintrag gab: Eurozeichen. Ich wurde freund­lich von einem auto­ma­ti­schen Redaktionssystem aufge­for­dert, einen Beitrag zu schreiben, weil es zu diesem Begriff noch keinen gäbe. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich hatte einen Vortrag über das neue Schriftzeichen für die ATypI-Konferenz in der Schublade – Text plus Abbildungen –, den ich nur kürzen musste.

Wenige Stunden später waren bereits einige Wikipedia-Aktivisten am Werk, prüften meinen Artikel auf Herz und Nieren, disku­tierten und forma­tierten ihn schließ­lich nach den Wiki-Richtlinien. Noch heute ist er hier zu finden, inzwi­schen viel­fach aktua­li­siert, bedeu­tend kürzer, weniger typo­gra­fisch, eher tech­nisch ausge­richtet; eine Abbildung von mir hat immerhin über­lebt. Eine zweiten Wikipedia-Beitrag habe ich nie mehr geschrieben. Zwei Dinge hatte ich an diesem Tag gelernt: Das gedruckte Lexikon ist tot und Wikipedia wird es besser ersetzen, als man sich das im Moment vorstellen konnte.

Ich bekunde hier offen, dass ich das Aussterben von Wörterbüchern, Lexika, Telefonbüchern, eitlen Jahrbüchern, Coffee-Table-Books, Atlanten und all diese schnell veral­tenden Nachschlage- und Schaumschlägerwerke zutiefst begrüße. Ja, die Entwicklung geht mir gar nicht schnell genug: Spätestens wenn im Herbst wieder die Paletten mit den Gelben Seiten in den Supermärkten stehen ärgere ich mich wieder über diesen Unfug. Was wir statt­dessen brau­chen sind: liebe­voll geschrie­bene und ebenso liebe­voll herge­stellte Unterhaltungsbücher, sowie Sachbücher, die uns durch die unend­liche (digi­tale) Welt der Informationen lotsen. Und damit sind wir beim Lesikon.

Was soll das sein. Das Lesikon ist eine Erfindung von Juli Gudehus. Vor fast 9 Jahren, im Februar 2002, wurde ich erst­mals mit dieser Idee konfron­tiert. Juli schrieb mir einen Brief, in dem sie mir versprach, dass ich mich unsterb­lich machen könne, wenn ich zu den Begriffen Informationsdesigner, nichts­sa­gend, Handmarke, Erfahrung und visu­elle Früherziehung einen persön­lich Text, aber im lexi­ka­li­schen Stil verfassen würde. Ich antwor­tete noch am selben Tag und lieferte die fünf Texte ab, ohne zu wissen, was damit passieren soll. Dann hörte ich jahre­lang nichts mehr dazu.

Vor einigen Monaten dann weihte mich Juli Gudehus in das Projekt ein, dass jetzt unter dem Namen Das Lesikon der visu­ellen Kommunikation beim Verlag Hermann Schmidt in Mainz erscheint. Ich habe es selbst noch nicht in Händen gehalten und kann auch nur das zitieren, was der Verlag seit gestern dazu veröf­fent­licht hat: »9704 Begriffe der visu­ellen Kommunikation hat Juli Gudehus zusammen getragen, mit Unterstützung von 3513 ›Co-Autoren‹ defi­niert, kommen­tiert, mit Meinungen und Erfahrungen garniert und geordnet. Nicht von A bis Z, sondern von Avantgarde bis After Image, nicht streng logisch, sondern kreativ-asso­ziativ webt sie daraus eine unend­liche Geschichte. Widersprüche werden zum Denkanstoß. Ein lite­ra­ri­sches Labyrinth, in dem Sie surfen und sich treiben lassen, sich verlieren und Vertrautes wieder finden. Eine Odyssee, die genau so viele Fragen aufwirft, wie sie beant­wortet.« (Aha, ich bin also einer von 3513 Co-Autoren … mächtig, mächtig.)

Wenn das 3000-seitige Lesikon so geworden ist, wie ich es mir in den zurück­lie­genden Wochen ausge­malt habe – nach vielen Telefonaten mit der Autorin und der Verlegerin – dann wird es eine Sensation. Dann wird man das Buch in 20 oder 30 Jahren als Übergangslektüre einordnen, eine Brückenbuchspezies zwischen dem ausster­benden Lexikon und dem nahenden E-Book. Dann ist das Lesikon exakt der Wissenslotse, den wir jetzt brau­chen, in einer Zeit, in der prak­ti­sche alle Informationen frei zugäng­lich sind, aber selbst intel­lek­tu­elle Größen wie Frank Schirrmacher vor dieser Flut kapi­tu­lieren.

Ich gehe jede Wette ein, dass es bald Lesika für die Politik, die Wirtschaft, die Popmusik, Mode, Sport und Autos geben wird – die uns an die Hand nehmen, damit wir unseren ganz eigenen, persön­li­chen Pfad durch den Dschungel des Fachwissens finden können … ohne nervös zu werden, ohne zu kapi­tu­lieren, ohne aufgeben zu müssen. Ich freue mich auf die erste Begegnung mit dem neusten Werk von Juli Gudehus. Danke schon mal im voraus dafür Juli, dass du uns Designern mit dieser Premiere sowohl einen takti­schen Vorsprung als auch ein Vorbildmedium geschaffen hast.

Selbstverständlich wird es das Lesikon nach der Buchmesse auch auf www​.font​blog​.de geben. Und wie damals beim wunder­baren »Fraktur Mon Amour«, das die Autorin Judith Schalansky signierte, werden auch die ersten 100 Exemplare des Lesikon unser Haus mit Signatur und persön­li­cher Widmung verlassen (vgl.: … das ist Typo-Sex, was Du hier machst, Fontblog im März 2006).

Abbildungen: Wikimedia Foundation, Inc., World Economic Forum,  swiss​-image​.ch (Foto: Remy Steinegger), Verlag Hermann Schmidt, FontShop (Foto: Marc Eckardt)


7 Kommentare

  1. Karin Schmidt-Friderichs

    Lieber Jürgen,

    Du weißt, dass Blaupausen noch kein Buch sind, aber ein entschei­dender Schritt auf dem Weg dorthin.
    Zum Verkürzen der Vorfreude sende ich jetzt gleich einen Abschnitt aus den 7,8 Kilo Blaupausen, die auf meiner Arbeitsablage zum Lesen locken an Dich raus – und merke natür­lich ein Exemplar für Dich vor!
    Sehen wir uns auf der Buchmesse? Bis dahin dann auch bei fertigem Lesikon!
    Herzlich Karin

  2. Jürgen Siebert

    Ich weiß, was Du meinst. Kann mich gut an dein Foto von Bertram erin­nern, wie er erfreut die Blaupausen spazieren trägt. Ich habe es eben noch mal für die nicht-twit­ternden Fontblog-Leser aus Twitpic heraus­ge­fischt:

  3. Simon Wehr

    Was bitte sind den Blaupausen? Rohbögen? Andrucke? Korrekturabzüge?

  4. Roland

    ich finde das Aussterben von Lexika nicht so toll. Denn sie stehen für einen Zeitpunkt, sie halten das Wissen zu dem Zeitpunkt fest.
    Die Wikipedia ist flie­ßend, sie wandelt sich.
    Aber fest­zu­stellen, wie der Wissensstand vor 5, 10, 20, 100 Jahren war (um Entscheidungen, die damals gefällt wurden, nach­zu­voll­ziehen), wird dann prak­tisch unmög­lich bzw erheb­lich schwerer sein.

    Bei der Gelegenheit: vielen Dank für das schöne Blog!

  5. Hans Schumacher

    Was bitte sind den Blaupausen? …

    Andrucke eher nicht, Korrekturabzüge schon. Ozalidkopien von Fotosatzfilmen, ähnliche Herstellungsform wie Kontaktabzüge vom foto­gra­fi­schen Negativ, aller­dings ein Trockenverfahren, Färbung bläu­lich, rochen immer so schön …

  6. Simon Wehr

    @ Hans
    Danke für die Aufklärung, aber meine Frage war unprä­zise. Was ist mit Blaupausen in diesem Zusammenhang gemeint. Ozalidkopien von Offsetfilmen werden es wohl kaum sein, gell?

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