bukowskigutentag 26/12: Absurdes Theater?

eine Meinung, kein Fazit, nur eine Momentaufnahme aus der Social-Media-Redaktion der Berliner Volksbank, für die ich seit April diesen Jahres arbeite. Wir haben hier, wenig über­ra­schend, viel mit olle Facebook zu tun. Das fühlt sich manchmal recht befremd­lich an.

Stellen Sie sich ein Theater vor, dessen Besitzer die Bühne kostenlos einer Theatergruppe zur Verfügung stellt. Man darf also sein Stück auf dieser Bühne unent­gelt­lich aufführen, aber die Nutzung ist mit Auflagen verbunden. Der Theaterbesitzer behält sich das Recht vor, jeder­zeit eingreifen zu können. Und das tut er auch. Mal baut er das Bühnenbild um, mal streicht er den Schauspielern ein paar Textstellen – und das alles bei laufender Vorführung. Manchmal sperrt er auch Teile des Publikums aus und lässt es nur gegen Bezahlung wieder am Geschehen teil­haben. Ganz wie es ihm beliebt. Dagegen kann die Theatergruppe nichts machen. Man hat ja keinen Vertrag geschlossen.

So unge­fähr mutet es an, wenn Facebook wie letz­tens folgendes veran­staltet – auf unserer und den Bühnen anderer Unternehmen:

• Zum Beispiel werden Postings gelöscht. Das passierte kürz­lich dem ZEIT Magazin, das ein Titelfoto bei Facebook einstellte, auf dem ein nackter Mann mit Penis abge­bildet war. Man unter­liegt also der Zensur.

• Vor kurzem begann Facebook, die Reichweite unter den Freunden der eigenen Seite zu verknappen. Um in den Genuss der ursprüng­li­chen, vollen Reichweite zu kommen, muss seitdem bezahlt werden.

• Letztens wies Facebook die Seite unseres Unternehmens plötz­lich als »Ort« aus. Mit den Folgen, dass erstens »0 Leute waren hier« oben auf der Seite stand. Und dass zwei­tens – schon weniger witzig – der App-Reiter einer laufenden Marketing-Aktion durch das Bild einer Karte (weil Ort) ersetzt wurde. Unsere laufende Aktion war damit kurz­fristig unsichtbar für die Besucher unserer Seite.

Man kann es Facebook nicht verübeln, die bereit­ge­stellten Leistungen mone­ta­ri­sieren zu wollen, wie man grund­sätz­lich keinem privat­wirt­schaft­li­chen Unternehmen vorwerfen kann, Gewinn erwirt­schaften zu wollen. Problematisch aber scheint mir die Willkür. Unternehmen können sich wie gesagt kostenlos ihre Bühne in Form einer Facebook-Seite einrichten, müssen dafür aber redak­tio­nelle und tech­ni­sche Ressourcen einsetzen, während sich Facebook vorbe­hält, einem jeder­zeit irri­tie­rend bis sabo­tie­rend ins Handwerk zu pfuschen, was wiederum die Investitionen partiell entwerten kann.

Eine höchst unge­wöhn­liche Konstellation oder auch ein ziem­lich schräger Deal, dass man als Unternehmen einen Bühne nutzt, gegen­über dessen Betreiber man komplett machtlos ist. Keine Vereinbarungen, keine Verträge und keine Chance, irgend­etwas geltend zu machen bei Meinungsverschiedenheiten. Sicher weiß man nur: die nächsten Überraschungen kommen bestimmt.

Ich persön­lich würde dazu tendieren, für den Betrieb einer Facebook-Seite lieber eine ange­mes­sene Gebühr zu entrichten, wenn man dafür Planungssicherheit und Oberhoheit über die eigenen Inhalte erkaufen könnte. Sprich: Ich würde mir lieber eine Theaterbühne mieten und dem Besitzer für die Dauer des laufenden Mietvertrags Hausverbot erteilen.

Es kursiert auch allge­mein in der Öffentlichkeit eine Frage, die ich inter­es­sant finde: Ob nämlich nicht Facebook längst eine Position erreicht hat, die eigent­lich als Grundversorgung der Bevölkerung dekla­riert und entspre­chend regu­liert werden müsste, wie dies früher zum Beispiel im Bereich der Energieversorgung der Fall war. Auch hier keine Meinung, sondern nur eine erwä­gens­werte Betrachtung: Kann man die Leistung und Dominanz von Facebook noch unre­gu­liert in den Händen eines privat­wirt­schaft­li­chen Unternehmens belassen? Man wird sehen.

Michael Bukowski


5 Kommentare

  1. Markus

    Anders formu­liert:

    Kann man die Leistung und Dominanz von eines Marketingwerkzeugs noch unre­gu­liert in den Händen eines privat­wirt­schaft­li­chen Unternehmens belassen?

    Ja, spricht nichts dagegen.

  2. Neuropol

    FB wurde als private Kuschel-Plattform geplant und nicht als Marketing-Instrument.
    Genau wie Strom ursprüng­lich dazu da war, Städte zu elek­tri­fi­zieren und nicht als lukra­tive Einkommensquelle.

  3. Sondermann

    Klar ist es irgend­wann Alltag, und jeder ertappt sich dabei…
    aber sich im Bereich Social Media(!) einer Bank(!!) über Kraken wie FB aufzu­regen, sollte nicht unhin­ter­fragt bleiben, würde ich mal meinen wollen.

  4. reply

    Eine stär­kere Regulierung von Banken scheint mir sinn­voller als eine Social Media Seite per Gesetz für Marketingaktionen zu opti­mieren.

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