Am Donnerstag erscheint »Hallo ich bin Erik«

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, Portrait, Büro 1986

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹: Erik Spiekermann 1986, dem Geburtsjahr des Desktop Publishing und der digi­talen Schriftgestaltung, in seinem Berliner Büro in der Motzstraße 58

Am kommenden Donnerstag feiert der Berliner Verlag Gestalten das Erscheinen der ersten umfas­senden Erik-Spiekermann-Biografie. Mehr as ein Jahr lang haben Johannes Erler und sein Team – gemeinsam mit Spiekermann und vielen Weggefährten – für das 320-Seiten-Werk recher­chiert, gesam­melt, geschrieben und gestaltet. Ich durfte über das Wochenende bereits einen Blick in das Buch werfen und den kosten­losen Font Real Regular down­loaden, die neueste Schrift von Erik, mit der die Texte der Biografie gesetzt sind.

Buchtitel ›Hallo ich bin Erik‹, erschienen bei Bestalten Berlin Schon der flap­sige Titel und seine Interpunktion demons­trieren eindrucks­voll: Korinthenkacker haben keinen Platz in Spiekermanns Kosmos. Auch solcherart veran­lagte Auftraggeber wurden mit ihm nie warm. Zitat: »Ich sieze nur Menschen, die ich nicht mag!« Natürlich wissen sowohl der Verlag, als auch die Texter und die Gestalter des Covers, dass in den drei Titelzeilen mindes­tens ein Komma sowie ein abschlie­ßendes Satzzeichen fehlen. So what. Cover sind in der grafi­schen Gestaltung das, was in der Schriftstellerei als Poesie bezeichnet wird – ein Kunstform, die sich die Freiheit nimmt wie es ihr gefällt. Wir blicken auf eine visu­elle Arbeit, die für sich gestal­te­ri­scher Freiheit rekla­miert, das Gegenstück zur dich­te­ri­schen Freiheit.

Erik Spiekermann hat selbst ein halbes Dutzend Bücher veröf­fent­licht, die sich meist nur am Rande mit dem eigenen Denken und Schaffen beschäf­tigten. Es erschienen auch schon Portraits über ihn, zum Beispiel die umfang­reiche Semesterarbeit »Ursachen und Wirkungen«, von Simone van Nes, im WS 2002/2003 an der FH Münster verfasst; sie beschäf­tigt sich über­wie­gend mit dem Schriftschaffen des Designers. Andere beleuch­teten sein Werk als Corporate Designer oder als Gestalter von Leitsystemen. Was bis heute fehlte, war eine visu­elle Biografie, die sich dem gesamten Spektrum des Spiekermannschen Schaffens der letzten 45 Jahre widmete, also dem Schriftentwerfer, dem Designer und dem Unternehmer.

Erik Spiekermann 1973, selbst gedruckte Neujahrskarte

Links: Die Spiekermann-Handpresse in der Arno-Holz-Straße (Berlin Dahlem); rechts: die damit gedruckte Neujahrskarte von Joan und Erik zum Jahr 1973

Eine solche Gesamtschau liegt nun vor, sehr persön­lich konzi­piert und gestaltet von Johannes Erler, der sich 1992 bei Spiekermanns MetaDesign als Praktikant ins Berufsleben stürzte. Danach wäre er gerne bei Meta geblieben, bekam dort aber keinen Job, worauf er in seine Heimatstadt Hamburg zurück­kehrte, um mit Olaf Stein, den er bei MetaDesign kennen­ge­lernt hatte, das Büro Factor Design zu gründen. »Vor über 20 Jahren habe ich Erik kennen­ge­lernt.« schreibt Erler in seinem Vorwort. »Seitdem haben sich unsere Wege unzäh­lige Male gekreuzt. Und so ist dies nicht nur das Buch über einen großen Gestalter, sondern auch über einen Menschen, der mir über all die Jahre sehr vertraut geworden ist.«

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, mit Gastbeitrag von Joan Spiekermann

Einer von 24 Gastbeiträgen: Joan Spiekermann über die erste Begegnung mit Erik, aben­teu­er­liche Reisen, Familiengründung und gemein­same beruf­liche Wege

Beschäftigt man sich etwas tiefer mit Spiekermann’s Lebenswerk, so fällt zum einen die Fülle wegwei­sender Arbeiten auf und zum anderen, wie eng seine diversen Talente mitein­ander verflochten sind. Wort, Schrift und Gestaltung verbinden sich mit Unternehmertum, Networking und der Neugier auf Technik. Aus diesem Triebwerk entstand in fast 50 Jahren ein beein­dru­ckender, grafi­scher Kosmos, der das Grafikdesign in Deutschland und weit darüber hinaus maßgeb­lich prägte.

Skizzen zur Officina Display, 2000 entworfen mit Ole Schäfer

Eine von vielen Skizzen zur Officina Display (2000), die Spiekermann mit Ole Schäfer und später mit Christian Schwartz entwi­ckelte

Die ausführ­liche Werkschau, die auf Seite 28 von ›Hallo ich bin Erik‹ beginnt, unter­teilt Spiekermanns Wirken in sieben Felder. Der ›Schriftgestalter‹ zeigt die wich­tigsten Schriftentwürfe; ein komplettes Verzeichnis all seiner Schriften findet sich auf den rosa Seiten von 292 bis 307 (siehe unten). Der ›Designer‹ doku­men­tiert die wesent­li­chen Arbeiten auf dem Feld der visu­ellen Kommunikation. Der ›Unternehmer‹ beschreibt Spiekermann als Gründer zahl­rei­cher Firmen, einschließ­lich FontShop (1989) und zuletzt EdenSpiekermann (2009). Der ›Netzwerker‹ erzählt von seinen berufs­stän­di­schen Aktivitäten, zum Beispiel in Verbänden; Erik war unter anderem Vizepräsident des BDG, Mitbegründer des Forum Typografie und Sprecher auf unge­zählten Konferenzen. Der ›Autor‹ verweist auf das Werk als Buchmacher und Kolumnist. Der ›Techniker‹ schil­dert Spiekermanns Interesse an klas­si­schen und neuen Technologien für Schrift und Druck. Der ›Mensch‹ schließ­lich zeigt auf, dass Spiekermanns Begeisterung für Gestaltung weit in den privaten Bereich hinein­reicht.

Doppelseite über die erste FontShop-Konferenz, die FUSE 95 in Berlin

Aus der typo­gra­fi­schen Publikation FUSE (heraus­ge­geben von Neville Brody, Jon Wozencroft und FontShop) entstand 1995 die erste inter­dis­zi­pli­näre Typografie-Konferenz, aus der später die TYPO wurde, die Erik Spiekermann 10 Jahre lang mode­rierte

Die Themenfelder sind in der gestürzten Zeile am Rand jeder Seite ausge­wiesen. Sie wurden im Buch chro­no­lo­gisch verwoben, um zu zeigen, wie aus einer Aktivität die nächste entsprang. Der Werkteil beginnt mit der ersten Firmengründung im Jahr 1967. Auch die Jahreszahlen finden sich gestürzt. Sie bezeichnen stets den Beginn und das Ende eines Projektes. Das immense Lebenswerk verdanken wir Spiekermanns Talent, Partner und Mitarbeiter zu finden, die ihn bei seinen Ideen unter­stützen. Auch diesen Mitarbeitern, zu denen er in der Regel bis heute kolle­giale oder sogar freund­schaft­liche Verhältnisse pflegt, ist das Buch gewidmet. Zwei Dutzend von Ihnen, darunter Stars wie Neville Brody, Michael Beirut, Stefan Sagmeister, Wally Olins († 2014) und Christoph Niemann kommen mit eigenen Beiträgen zu Wort.

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, mit Illustration von Christoph Niemann

Die Buchstaben stehen ihm ins Gesicht geschrieben: So porträ­tiert der Illustrator Christoph Niemann seinen Kollegen und Freund Erik Spiekermann

Jedes Projekt, das in Kooperation entstand, weist die Biografie mit den wesent­li­chen Mitarbeiter aus. Auf Seite 308 des Buches beginnt eine Übersicht all dieser Kollegen und ihrer Kontaktdaten. Eine beson­dere Rolle nimmt im Buch das Schriftschaffen von  Spiekermann ein. Viele Alphabete er allein entwi­ckelt, die meisten entstanden jedoch in Kooperation mit anderen Schriftgestaltern. Die rosa Seiten 292 bis 307 zeigen sie alle, sowohl die kommer­zi­ellen Projekte (meist für das von Erik mitge­grün­dete Label FontFont) als auch die Exklusivschriften, zum Beispiel für die Bahn, Nokia und das Zweite Deutsche Fernsehen.

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Von Artz (Hamilton Wood Type), bis ZDF News (Zweites Deutsches Fernsehen): alle 25 Schriftfamilien, die Erik Spiekermann …

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 … in den Jahren 1967 bis 2014 erschienen sind, jeweils mit einlei­tenden Worten vom Entwerfer

Die Gründung von FontShop im Jahr 1989, als erstes Versandhaus für digi­tale Schriften, ist wahr­schein­lich das typischste Ergebnis aus Erik Spiekermanns Begabung, Typografie und Schrift mit Unternehmertum, Netzwerk und tech­ni­schem Know-how zu verknüpfen. Das Corporate-Design-Konzept sah vor, viele unter­schied­liche Schriften des FontShop einzu­setzen, aber nur drei Farben zu verwenden: Schwarz, Weiß und Gelb. Erik schreibt dazu: »Ich habe nie viele Farben jenseits der typo­gra­fi­schen Klassiker Schwarz und Rot verwendet. Vor 25 Jahren aller­dings, als Alex Branczyk und ich das Logo etc. für FontShop entwarfen, dachten wir, dass Schwarz und Weiß recht gut das digi­tale Prinzip symbo­li­sieren könnten, genauso wie den Prozess, der in einem Laserbelichter abläuft. Schwarz und Weiß alleine war aber zu unscheinbar, also nahmen wir Gelb dazu.«

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Die erste Geschäftsausstattung von FontShop, den Spiekermann 1989 mit seiner Frau Joan gegründet hat, entstand in Kooperation mit Alex Branczyk

Ende 2013 gab Spiekermann bekannt, dass er im Mai 2014, also zu seinem 67. Geburtstag, als Vorstandsvorsitzender bei EdenSpiekermann ausscheiden und in den Aufsichtsrat wech­seln werde. Selbstverständlich ist auch diese Zäsur Bestandteil von »Hallo ich bin Erik«, wie auch die Zukunftsplanung des Designers. Seit Anfang dieses Jahres verschiebt sich das Zentrum seines Wirkens in der Potsdamer Straße von EdenSpiekermann in das gegen­über liegende Hinterhof-Erdgeschoss einer ehema­ligen Mädchenmalschule. Hier hat Spiekermann auf über 200 Quadratmetern seine Sammlung von Satz- und Druckutensilien aufge­stellt, Straßenname und Hausnummer geben dem Ort seinen Namen: Galerie P98a.

Mit seinem Partner Jan Gassel will Erik im P98a auspro­bieren, wie sich die alten Druckverfahren mit digi­talen Werkzeugen kreuzen und nutzen lassen. Eigene Plakatschriften aus Holz sind in Arbeit, seit Sommer werden Workshops für Handsatz und Buchdruck vorbe­reitet. Demnächst mehr dazu hier im Fontblog.

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Erik Spiekermann heute, in seiner Druck- und Satzgalerie P98a

Über den Autor: Johannes Erler ist einer der führenden Köpfe der deut­schen Gestaltungs- und Kreativszene. Mit seiner ersten Agentur Factor Design, die er 2010 verließ, prägte er visu­elle Erscheinungsbilder und Positionierungen vieler namen­hafter deut­scher Marken und Institutionen. Seit 2011 arbeitet er mit dem Bureau ErlerSkibbeTönsmann für Kunden wie die Süddeutsche Zeitung, das Theater Bremen oder den Versandhausriesen Otto und verant­wor­tete in dieser Zeit als Art Director auch den Relaunch des Wochenmagazins stern.

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Im Impressum des Buchs »Hallo ich bin Erik« befindet sich ein Freischaltcode für die Textschrift Real Regular, mit dem sich der Font auf font​shop​.com down­loaden lässt: einfach anmelden, Font auswählen, in den Warenkorb legen, mit dem Code »bezahlen« und down­loaden

Die neue Real ist inspi­riert von einem seltenen, halb­fetten Schnitt der Akzidenz Grotesk, den es nur in ganz großen Plakatschriften gab – leichter als die Halbfett in Blei, Fotosatz und Digital. Extra für das Buch hat Erik Spiekermann eine Text- und eine Headline-Version der Real digital gezeichnet und die Daten dann an Ralph du Carrois gegeben, der sie gesäu­bert und ergänzt hat. Markante Änderungen in Real Text gegen­über der histo­ri­schen Vorlage sind zum Beispiel ein anglo­ame­ri­ka­ni­sches g, eine Serife am l, Mediävalziffern mit einer anglo­ame­ri­ka­ni­schen 8, Serifen am Versal-I, ein brei­teres f und t sowie runde Punkte.


7 Kommentare

  1. anderer Jürgen

    Sehr schön. Soll denn aus der tollen Real irgend­wann mal eine rich­tige kleine Familie werden, die man regulär kaufen kann? Die finde ich spitze!

  2. Jürgen Siebert

    Wir planen etwas in der Art, ja.

  3. Mann, da

    hätten Sie als Marketinginstrument so was wie ’nen Mastersatz rein­pa­cken sollen. Was sollen wir mit einem Einzelschnitt? Solche Angebote verär­gern besten­falls, man fühlt sich dabei auch ein biss­chen so was wie: verarscht.

  4. erik spiekermann

    Das ganze Buch ist aus diesem Einzelschnitt gesetzt. Muss man aber können.

  5. Georg klein

    «Genauso ist das beim Schriftentwerfen: 95% einer Schrift müssen sein wie alle anderen Schriften auch, sonst wirkt sie störend; ich rede natür­lich nur von Textschriften.» (Erik Spiekermann)

  6. R. Egular

    @Georg Klein: Ich vermute dein Kommentar ist nicht als Kompliment gemeint.

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