Der Typograf

Bei aller Popularität von iMac, iPod, iPhone und iPad: Die erste Industrie außer­halb der Computerbranche, die Steve Jobs revo­lu­tio­nierte, war die Druckvorstufe – 500 Jahre nach Gutenberg. Dies war Anfang 1985, als er mit seinem Unternehmen Apple und den Partnerfirmen Adobe, Linotype und Aldus das Desktop Publishing (DTP) erfand. An den Apple-Computern Lisa und Macintosh war es erst­mals möglich, profes­sio­nelle Drucksachen auf dem Schreibtisch zu gestalten und auf Offsetfilm zu belichten. Nebenbei befreite DTP die typo­gra­fi­sche Gestaltung, durch WISIWYG-Darstelllung (What You See Is What You Get) und endlich frei verfüg­bare Schriftarten, die zuvor an Satzmaschinen gebunden waren. Auf einmal enstanden die ersten unab­hän­gigen »Gießereien« für digi­ta­li­sierte Schriften (Emigre, The Font Bureau, Alphabets) und die Anbieter solcher Fonts, auch FontShop.

Spätestens seit seiner Rede vor Studenten in Stanford 2005 ist Jobs’ Leidenschaft für Typografie einem brei­teren Publikum bekannt. Er berichtet, dass im Reed College hervor­ra­gende Kalligrafie-Kurse ange­boten wurden, in denen er alles über Serifen und seri­fen­lose Schriften lernte, zum Beispiel was passiert, wenn man den Abstand zwischen einzelnen Buchstaben verän­dert, und was gute Typografie ausmacht. Wörtlich resü­mierte er: “None of this had even a hope of any prac­tical appli­ca­tion in my life. But ten years later when we were desi­gning the first Macintosh computer, it all came back to me, and we desi­gned it all into the Mac. It was the first computer with beau­tiful typo­graphy. If I had never dropped in on that single course in college, the Mac would have never had multiple typefaces or propor­tio­nally spaced fonts, and since Windows just copied the Mac, it’s likely that no personal computer would have them.”

Die Verdienste des genialen Unternehmers aus Cupertino werden häufig auf die Stichworte Marketing und Design redu­ziert. Wer den Erfolg Apples richtig verstanden hat weiß, dass es weit mehr ist. Doch die visu­elle Gestaltung war immer die sicht­bare Komponente des Apple-Erfolgs, bei der sich Jobs oft persön­lich einmischte. Ob beim Produktdesign, mit seinen Keynotes, der Architektur der Apple-Stores oder dem iOS auf dem Retina-Bildschirm: exqui­sites Grafikdesign und eine vorzüg­liche Typografie gehören zu den Kernqualitäten der Apple-Kommunikation und -Strategie. In den Worten der Typografie: Der Raum zwischen den Dingen und ihre Beziehung zuein­ander sind mindes­tens so wichtig wie die Dinge selbst.

Meine beruf­liche Laufbahn fußte von Anfang an auf dem, was sich der Visionär Steve Jobs ausdachte, um die Welt zu verbes­sern. Als Wissenschaftsjournalist kam ich 1986 nach Hamburg zum MACup-Verlag, Herausgeber des ersten euro­päi­schen Mac-Magazins. Im September desselben Jahres grün­deten wir PAGE, eine Zeitschrift fürs Desktop Publishing, die wir selbst­ver­ständ­lich auch mit diesem Verfahren produ­zierten. 1991 holte mich Erik Spiekermann nach Berlin in den FontShop, dem ersten Handelshaus für Schriften. Es folgten weitere Meilensteine … FontFont, FontBook, FUSE, FontBook fürs iPad … die auf dem basierten, was Steve Jobs der Medienindustrie bis zuletzt (iPad 2) persön­lich in die Wiege legte. Vielen Dank dafür, Steve.

»Keiner will sterben«, sagte Jobs am Ende der oben zitierten Stanford-Rede, »selbst Leute, die in den Himmel möchten, wollen nicht sterben, um dahin zu kommen. Und doch ist der Tod das Ziel, das wir alle gemein haben.« Ohne Dramatik fügte er an: »Und das ist so, wie es sein sollte, denn der Tod ist höchst­wahr­schein­lich die beste Erfindung des Lebens. Er bewirkt den Wandel. Er entrüm­pelt das Alte, um Platz zu machen für das Neue. Und das Neue seid Ihr.«

© Abbildung oben (Danke an Sebastiaan de With (Cocoia) für die Abdruckgenehmigung): das iPhone zeigt die Apple-Homepage von heute morgen ab ca. 03:00 MEZ
© Abbildung unten: Standbild aus dem Video des Apple Special Event vom 4. Okt. 2011, in dem mehr­fach der reser­vierte Sessel für den Firmengründer einge­blendet wurde


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