Lagerfelds »The Karl Daily« ist da

karl_daily_s_1 Karl Lagerfeld liebt Bücher. Seine private Bibliothek soll rund 300.000 Werke umfassen, verteilt auf verschie­dene Wohnungen, Häuser und mehreren Lagerplätzen. 1987 begann der Modeschöpfer zu foto­gra­fieren und eigene Bücher zu gestalten. Im Jahr 2000 grün­dete er mit dem Verleger Gerhard Steidl die Edition 7L, benannt nach seinem Buchladen im Pariser Stadtteil St.-Germain-des-Prés: L steht für die Adresse, Rue de Lille Nº 7.

»Meine Lieblingsbücher sind Wörterbücher. In meinem Pariser Haus gibt es einen Raum, da steht fast nichts anderes.« verriet der Modezar 2002 der Tageszeitung Die Welt (»Ich bin ein Papierfresser«). Weitere Werke, die er häufiger zur Hand nimmt, sind Gedichtbücher von Emily Dickens und die Essay-Sammlungen von E. B. White. Man könnte also davon ausgehen, dass eine Zeitung, die seinen Namen trägt und unter seinen Augen entsteht, für Freunde des Gedruckten ein Leckerbissen darstellen sollte. Seit Samstag kann man The Karl Daily am Bildschirm lesen oder das PDF davon drucken.

Aber The Karl ist eine Enttäuschung. Obwohl der Ton der Zeitung beschwingt ironisch ist, mit der Katze Choupette als Gast-Kommentator, ist ihr opti­scher Auftritt mehr als bieder. Um mal einen Vergleich aus dem Bekleidungsmarkt zu wagen: The Karl ist nicht mal H&M, nein, The Karl ist Kik. Statt hoch­wer­tiger Woll- und Seide-Schriften, sind die Karl-Texte aus Helvetica, Cheltenham und Akzidenz Grotesk gesetzt, immerhin mit Nähten aus Gotham und Neutraface. Die Verarbeitung der Texte spottet jeder Beschreibung: tech­nisch erzwun­gener Blocksatz (ohne Silbentrennung) mit gesperrten Zeilen, Riesenwortabständen und lese­un­freund­li­chem Umbruch. Das Layout ist brett­steif, Bilder und Texte sind streng in Spalten unter­ge­bracht, keine Luft, keine Überraschung, nicht mal eine groß­zügig gestal­tete Doppelseite.

The Karl Daily beweist vor allem eins: gutes Editorial Design ist ein harter Job. Lagerfeld hätte sich einen erfah­renen Experten holen sollen. In der aktu­ellen Form schadet The Karl seinem Ruf als anspruchs­voller Designer. Er hätte es besser zu Papier bringen müssen, denn schließ­lich war der 81-jährige bereits für eine Ausgabe Chefredakteur der Welt am Sonntag und der Libération. Damals sagte er: »Ich glaube an das Gedruckte, aber nur in hoher Qualität«.


8 Kommentare

  1. Dave

    Es traut sich ja keiner. Gegen Karl darf man einfach nichts sagen.
    Ich finde es einfach super! Diese Eleganz, diese Finesse, diese Leichtigkeit! (Duck und weg) Oder auch: Ein Hauch von Nichts!

    @Jürgen: Was mich aber ir­ri­tiert: Die „o” Kommentare. Hier finde ich die Medä­vial­ziffer in der Scuba schlecht einge­setzt. Ich lese ständig „o(h) Kommentare”.

  2. Benny, steh mehr auf Zitate (aus dem Spiekerblog)

    es ist keine schwer­ar­beit. ein stein, eine nadel und ein biss­chen schnur – das ist alles, was du benö­tigst.
    aber: nicht jeder stein braucht vernäht zu werden, du musst dazu einen wirk­lich armen aussu­chen. sobald du einen gefunden hast, der arm genug ist, nähst du ihn einfach zusammen.
    aber: es gibt ein kleines Problem. du musst Künstler sein.
    es ist äußerst gefähr­lich, wenn du einen stein vernähst und Polizist, poli­tiker, Prinz oder Priester bist!
    Wenn du mit der Kunst nichts am hut hast, darfst du unter keinen umständen steine vernähen, nicht einmal einen klit­ze­kleinen!
    Wenn du jedoch gewiss ein/e Künstler/ in bist, dann ist es einfach: nimm die nadel, näh’ den stein und vergiss nicht auf die Knoten! Michael Kos

    • Tja,

      bei jedem Umzug verschwindet der Zusammenhang mehr aus unseren Augen. Nun stimmt der Link der Helvetica nicht mehr; deshalb sollte man keine neuen Zuordnungen treffen, nur weil man eine Site neu gestaltet!

  3. Hab

    ich mir nun die ganze Arbeit umsonst angetan? Nämlich die oben erwähnten Schriften zu verlinken. Weshalb haben Sie das gelöscht?

  4. Curd

    Thx als Nachtrag muss ich wohl noch sagen. Also: Thx!

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