Gastkommentar: Meirés Arch, Starcks Quarck oder …

… Bekenntnis zum brutalst­mög­li­chen Blödsinn. von Alex Branczyk

Kann mal jemand den Mike schüt­teln? Ist Design das Gegenteil von Aufrichtigkeit? Design hat selten eine andere Aufgabe, als die Dringlichkeit zu gestalten. Alles andere nenne man wie man will, bloß nicht Design. Ich nehme an, dass MM da etwas verwech­selt: Wenn er in Arch+ »Schluss mit Design« schreibt, dann kann ich ihm nur entgegen rufen: Schluss mit Stuss!

Anscheinend ist selbst­ge­rechtes Geschwätz jetzt en vougue. Neulich erst drückte sich Philippe Starck ähnli­ches raus … »Alles, was ich gestaltet habe, ist absolut unnötig.«

Bei MM ist das Gelaber allum­fas­send: »Von trieb­ge­steu­erten Überzeugungstätern, Nerds und Pornografie«; hier als PDF (250 K). Er redet, was ihm gerade so einfällt. Einige Sachen sind ganz richtig (»Der Biedermeier hat tausend Möglichkeiten, sich zu tarnen«), andere ganz falsch (»Der schwarze Balken oben auf der Seite stellt ein radi­kales Moment dar«), manches denkt er sich halt so (»Die Futura besitzt eine Reinheit … das sieht man z. B. am klein­ge­schrie­benen a«). Das meiste jedoch ist wider­lich frisiertes Marketinggeschwätz in eigener Sache – wie toll die Typen von Arch+ sind, die »so viel Idealismus und einen großen wich­tigen Teil ihrer Lebenszeit dafür einbringen«.

MM redet zeit­geis­tiges Zeug (»Was ich wieder einfor­dere, ist Absichtslosigkeit«) und verkauft sein Publikum für blöde: »Weißraum wird von mündigen Lesern als Design-Geste gelesen … jetzt ist mal Schluss mit Design« (abwer­tend gemeint). Seine Erkenntnis hindert MM jedoch nicht, seine Aufmacher halb­seitig schick weiss zu lassen. Und kess eine schräg­ge­stellte Zeile hinein­zu­de­si­gnen. Wer sich dieses »brutale Bekenntnis zum Inhalt« anschauen will: blät­tern Sie im neuen Heft …


»Brutales Bekenntnis zum Inhalt«

Schon weil das Publikum Architekten sind, die momentan ja offen­sicht­lich lieber Überraschungseier desi­gnen und über mangelnde chine­si­sche Steinqualitäten lamen­tieren (Kollhoff), anstatt vernünf­tige Stadträume ( »Grauwerte?«) zu gestalten, kann ich Mike Meiré nicht verstehen … wo ist da die Haltung?

In einem Radikalitäts-defi­zi­tären Deutschland ohne Design-Avantgarde ist Mike Meiré seit Jahren der oberste Non-Avantgardist. Er wurde für sein Visual Leadership ja des öfteren ausge­zeichnet – konse­quen­ter­weise! Auf eine fröh­liche gestal­te­ri­sche Revolution der frühen 1990er Jahre folgte die Konterrevolution der Rückwärts-Napoleons mit ihren wohl­feilen Phrasen.

Es ist eben einfa­cher, auf versu­chende Gestalter einzu­dre­schen, als selbst den Versuch einer Gestaltung zu wagen. Und es ist brutal einfach, moder­nis­ti­sches Retrozeug abzu­lie­fern (vergleiche Arch+ 109/110 von 1991 mit Otl Aichers Statement »Die Gestalt liegt in der Sache«) und sich hernach die Sache mit passenden Aicher-Zitaten schön­zu­reden.


»Es geht nicht darum, Grauwerte zu struk­tu­rieren, sondern Dringlichkeit zu gestalten«

Wann allein sehen denn die brand­eins, die form oder die Arch+ gut aus? Doch nur, wenn die Gala und der Focus neben ihnen liegen. Die deut­schen Architektur- und Designhefte messen sich am Boulevard. Nicht an der jewei­ligen Kultur! Da nützt es MM nichts, wenn er mögliche Gegenargumente gleich umge­polt mitlie­fert: »Das Problem ist, dass die Leute zu wenig wagen«.

Es sind ja nicht die Leute, die zu wenig wagen – es sind die laut­starken Retrokaiser unter uns Designern! Die eine bornierte (einge­schränkte) Auffassung von Design haben (»Ich arbeite in der Regel mit drei, vier Schrifttypen, darunter die Helvetica oder die Futura als Grotesk«). Und darauf noch stolz sind: (»Ich bin kein klas­si­scher Typograf«).


»Weißraum wird von mündigen Lesern als Design-Geste gelesen«

Hier hat Sagmeister recht: dass Deutschland das einzige Land sei, in dem die Studenten inter­es­san­tere Arbeiten machen, als die Profis. Jedenfalls als diese Sorte Profis!

Es ist doch so, lieber Mike Meiré: »Wir leben in einer Kulturgesellschaft und wir machen diese Kultur. Diejenigen, die sich nicht bewusst einbringen, werden letzt­lich Opfer ihrer eigenen Untätigkeit.«

Schluss mit Design?
Nein – fang doch erst mal damit an!


»… drei, vier Schrifttypen, darunter die Helvetica oder die Futura als Grotesk«

(Alle Abbildungen aus Arch+ No. 186/187)


80 Kommentare

  1. Pascal

    1a Design von Mike!

    Da kann sich der Jürgen noch so drüber aufregen, ich finds spitze und bin froh, dass es jemanden gibt wie Mike der echte Thesen aufstellt, die dann das unifor­mierte Ästhetenvolk zum Wanken bringt. Wenn das keine Haltung ist, dann weiss ich es nicht…

  2. ganesh

    Hat das nicht Alex Branczyk verfaßt? Ich kann den Inhalt durchaus nach­voll­ziehen. Glaube kaum, dass Jürgen sich so, äh.. undi­plo­ma­tisch :)äußern würde.
    Das am Ende gezeigte Satz-Beispiel spricht eigent­lich für sich …

  3. thomas | BFA

    ein schlauer archi­tekt wird sich von einem prak­ti­kanten vorlesen lassen!
    fututa als blei­wüste. das ist gelinde gesagt, bedenk­lich.

    lieber mike meiré, bitte machen sie mal urlaub. das soll erholen und dem kopf auch gut tun. sie waren doch mal gut …

  4. Otto-Normalleser

    BrandEins war eine wirk­liche Weiterentwicklung in der Gestaltung von Wirtschaftspublikationen, aber vieles, beson­ders aber das als Verweis dienende Arch+ Interview, kommt mitt­ler­weile als ein billiger Abklatsch daher, welcher auch durch den X-ten Einsatz eines Balkens (gleich welcher Farbe, Höhe, Breite) kein “radi­kales Moment” mehr zu erzeugen vermag.

  5. christoph

    etwas merk­würdig, die aufge­bla­sen­heit eines textes mit einem noch viel aufge­bla­se­nerem kriti­sieren zu wollen. bran­czyk springt leider völlig wirr zwischen den themen hin und her und stei­gerte sich in eine hoch­nä­sig­keit hinein, die ziem­lich lächer­lich wirkt ((»Schon weil das Publikum Architekten sind, die momentan ja offen­sicht­lich lieber Überraschungseier desi­gnen und über mangelnde chine­si­sche Steinqualitäten lamen­tieren…«). mike meiré schreibt um längen besser.

  6. Pascal

    Sry Jürgen, dass ich Dir das anlasten wollte, da habe ich mich im Übereifer verlesen. ;)

  7. daniel

    viel­leicht hat sich alex­ander da etwas in rage geschrieben, meinet­wegen. aber im kern muss man ihm wohl zustimmen. brand eins war, aus gestal­te­ri­scher sicht, unbe­stritten eine der größten neue­rungen in der bundes­deut­schen maga­zin­land­schaft der letzten paar jahre(jahrzehnte).

    nur: nicht erst seit dem relaunch von 032c muss man sich schon fragen ob der rummel denn noch gerecht­fer­tigt ist. war 032c viel­leicht noch als provo­ka­tion (und in gewisser weise retro­ver­such) zu verstehen und unter dem aspekt zur kenntnis zu nehmen, ist spätes­tens hier mit der arch+ gelinde gesagt sowas wie willkur zu spüren. über die mikro­ty­po­grafie braucht man nicht zu reden, wenn schon futura als text­schrift einge­setzt wird, hat das soviel revo­lu­tio­näres kapital wie wordart für den spei­se­plan einer betriebs­kan­tine. und die 45°- subhead­line.. naja, richtig moti­viert sieht das nicht aus.

    also alles in allem, meirés verdienste in ehren, aber alex­an­ders kritik meirés polemik gegen­über ist nicht unbe­rech­tigt!

  8. Christian Speelmanns

    Ist das jetzt wirk­lich das Design, mit dem Die Arch+ in Zukunft auftreten will? Zum Glück hatte ich sie schon vor zwei Jahren abbe­stellt, als man das Format geän­dert hatte, und es nicht mehr in meinen Briefkasten passte, was den Briefträger aber nicht davon abge­halten hat, es dennoch hinein­zu­stopfen. Die schrift­ge­stal­te­ri­schen Qualitäten der Rotis mal außer Acht gelassen, war das Aichersche Layout allemal besser! Außerdem war es eine verläss­liche Marke unter allen Architekturzeitschriften.
    So muß ich Alex Branczyk leider recht­geben, daß die Architekten in den letzten 10 Jahren lieber lustige Knallbonbons entwerfen, als sich mit ernst­haften Themen zu beschäf­tigen! Daß meine Architektenkollegen leider viel zu oft die Helvetica oder eine leichte Futura mit falschen Kapitälchen verwenden, beklage ich schon lange. Um so schlimmer ist es dann, wenn Ihnen das auch noch von vermeint­lich profes­sio­neller Seite her dieses einge­redet wird! Wir bauen doch auch keine Häuser aus dem russi­schen Konstruktivismus? So sieht die Arch+ nämlich mitt­ler­weile leider aus. Als posi­tives Gegenbeispiel kann man da die Bauwelt sehen, die von SpiekermannPartners gestaltet wurde.

  9. matthias

    in kombi­na­tion alten foto­gra­fien oder faksi­miles wirkt das layout ja sogar noch wie eine hommage an die späten sieb­ziger (siehe tempo) … aber manchmal wünscht man sich eben wieder hingabe bei der gestal­tung und nicht nur prag­ma­tismus. das problem ist doch, wenn eine haltung zur masche verkommt! zum glück geraten maschen aber regel­mäßig aus der mode …

  10. CHR15

    ich finde es prima, wenn sich hier mal jemand laut traut – respekt für herrn branzcyk also.

    so bin ich mich voll freu­diger erwar­tung an diese erör­te­rung heran­ge­gangen: aber irgendwie bekam ich zuneh­mend den eindruck, dass meiré eine kommu­ni­ka­tor­funk­tion abver­langt wird, die dieser in keinster weise erfüllen will.

    warum auch. design ist (in diesem fall) ungleich typo­grafie. meiré setzt dies als bekannt vorraus.

    infor­ma­ti­ons­de­si­gner würden kultur­rele­vante publi­kums­me­dien anders gestalten. und zwischen gala und brand eins passt auch mehr als eine hand­voll schriften. na klar. na und?

    lasst doch grenzen AUSLOTEN, VERSCHIEBEN! von einer ERWEITERUNG muss man ja (auch wenn meiré das evtl. für sich so in anspruch nehmen würde) nicht gleich spre­chen.

    meine güte, ist das alles ernst. und ich mitten drin …

  11. Benjamin Hickethier

    Auf mich wirken die hier gezeigten spreads aus Arch+ wie, voll­kommen richtig von Alex benannt, ›moder­nis­ti­sches Retro‹ – wenn nicht sogar blosse Repetition, noch dazu schlechter als das Original (wie sollte es auch anders sein), versucht als ›Revival‹ zu über­höhen, aber eben kläg­lich geschei­tert. Re-, re-, re- … Die ewige Lobhudelei der brand­eins-Gestaltung als »unbe­stritten eine der größten neue­rungen in der bundes­deut­schen maga­zin­land­schaft der letzten paar jahre« (›unbe­stritten‹ – ha!) haut in die selbe Kerbe, ich frage mich was daran ›neu‹ gewesen sein soll (alles klar: »der letzten Jahre«; also der zwei Jahre vor brand­eins, und das eben ›bundes­deutsch‹).
    Zum Thema ›neu‹ und ›radikal‹ lob’ ich mir doch, bei aller berech­tigten Kritik, vor allem aus heutiger Sicht, die alten Frontpages von 1995, die ich zufällig gestern beim Aufräumen wieder­ge­funden habe. Danke Alex dafür, und danke für den wunder­baren Gastkommentar!

  12. Stefan

    Jaja…der Visual Leader hat wieder zuge­schlagen. Die Econy war meines Erachtens (bisher) das Beste, was er zustande gebracht hat. Schon bei der ersten Ausgabe der brand­eins hatte ich den Eindruck, dass er der Gestaltung weniger Gewichtung geben wollte. Trotzdem wurde brand­eins mit Preisen über­häuft. Möglicherweise wars für Meiré ein konse­quenter Schritt – die Reduktion auf den Nullpunkt des Nichtgestalteten. Die Qualtiät des Designs geht dabei irgend­wann verloren – bzw. Hässlichkeit zum Kredo erhoben (siehe 032c). Provokation gelungen, o.k. Diskussion an dieser Stelle auch o.k. Aber bitte nicht wieder mit ADC-Preisen zuschmeissen. Es gibt zu viele heraus­ra­gende Designobjekte, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Das Redesign der Arch+ ist morgen wieder vergessen. Beliebigkeit im Design (und den Eindruck habe ich manchmal bei Meiré) hatte noch nie Bestand. Trotz der Kritik an dieser Stelle bleibt Mike Meiré aber ein Meister des Editorial Design.

  13. Frank

    Habe den Eindruck, hier braucht so mancher drin­gend Urlaub – nur nicht Mike!

  14. thomas | BFA

    kannst du das bitte näher erläu­tern frank?

  15. Jürgen

    Dezente Vorankündigung: Die Idee eines kontro­versen Gastkommentars am Freitag – Arbeitstitel »Designstreit« – werde ich ab sofort wöchent­lich, immer Freitags vor 12:00 Uhr, einführen. Fühlt Euch einge­laden, ein/en Design-Thema/Design-Menschen/Design-Produkt gegen den Strich zu bürsten. Bewerbungen bitte per Mail an mich.

  16. Jürgen

    Freitag ist Streittag ;-)

  17. Chris Rehberger

    Vielen Dank, Stefan, fuer die Nennung der Econy.
    Mike aller­dings schmueckte sich bei diesem Produkt in sehr weiten Strecken mit fremden Federn.

  18. Chris Rehberger

    … erst denken, dann schreiben! Was denn nun?
    … ueber weite Strecken…
    … in weiten Teilen …
    Koennt Ihr Euch nach Belieben aussu­chen.
    Verzeiht die Unaufmerksamkeit.

    Und um ein Missverstaendnis erst gar nicht erst aufkommen zu lassen: Das Produkt auf das ich mich beziehe ist die Econy.

  19. Tom

    nun denn, ergreift die i-phones und duel­liert euch!
    desi­gners against war;))

  20. Stefan

    @ Chris

    Inwiefern schmückte er sich denn bei der Econy mit fremden Federn? (würd mich mal so ganz nebenbei inter­es­sieren).

    @ Jürgen

    Das mit dem Streitfreitag find ich gut…das machen wir.

  21. Arnd

    Also, Leute. Man muss sich nur die Homepage von Alex Branczyk anschauen, insbe­son­dere unter Editorial Design, um zu verstehen, warum sich der Alex von Mikes Aussagen so getroffen fühlt. Wo ist da die Haltung, von der er spricht und von dem tollen Design, das er einfor­dert? Ist doch nur pein­li­ches Zeug. Da hat Alex sich aber ziem­lich weit aus dem Fenster gelehnt, bei so einer Bilanz. Die Konsequenz von Mike ist mir da doch lieber.
    Vergleicht selbst und ihr werdet selbst zu einem Urteil kommen:
    Alex Branczyks website: http://​www​.xplicit​.de/​x​x​e​d​i​t​o​r​i​a​l​d​e​s​i​g​n​.​h​tml
    Mike Meirés website: http://​www​.meireund​meire​.de

  22. Arnd

    Also, Leute. Beim Lesen der Kritik von Alex hab ich mich gefragt, was der Grund sein mag, dass er sich derartig ange­griffen fühlt, dass er so teil­weise persön­lich reagiert. Er sagt ja in keinem Satz, was an der Gestaltung schlecht ist. Ist reine Polemik. Dann habe ich mir Alex’ Website mal ange­schaut und verstanden, was ihn umtreibt. Er macht gruse­liges Zeug mit viel Design, daher bezieht er die provo­kanten Thesen von Mike Meiré als direkten Angriff auf seine Arbeit. Ihr müßt nur bei Alex unter Editorial Design nach­schauen und das ganze mit der Arbeit von Mike verglei­chen, dann werdet ihr zu einem eigenen Urteil kommen. Finde es schon erstaun­lich, dass so jemand sich so weit aus dem Fenster lehnt, bei so einer Bilanz. Wo findet ihr eher eine Haltung, die Alex für sich rekla­miert und die angeb­lich bei Mike nicht vorhanden ist?

    Alex Branczyk: http://​www​.xplicit​.de/​x​x​e​d​i​t​o​r​i​a​l​d​e​s​i​g​n​.​h​tml
    Mike Meiré: http://​www​.meireund​meire​.de

  23. jamie oliver

    Ich finde der Unterschied zwischen den beiden Kritisierten Interviews und dem Text ist, dass Starck und MM mit viel Selbsthinterfragung und Selbstironie ein wesent­lich subti­lers Bild von sich und ihrer Meinung liefern als der dann doch sehr ober­fläch­liche Text von Alex Branczyk.

    Für mich waren die Interviews recht schön zu lesen weil man spürt, dass hier jemand weiter­denkt auch wenn man nicht unbe­dingt konform gehen muss mit der Meinung. Weil die beiden auch vieles preis­geben von sich selbst und dadurch auch angreifbar werden sind sie intres­sant zu lesen.

    Da könnte sich Alex Branczyk ruhig ein wenig inspi­rieren lassen.

  24. thomas | BFA

    ich würde beide nicht direkt verglei­chen. MM hat eine komplett andere heran­ge­hens­weise an die arbeit als AB. gestal­te­risch bin ich persön­lich eher auf der seite von MM, aus sicht der meisten kunden ist AB auf der sicheren seite. kein wunder, das ihm die schei­nende gestalt­lo­sig­keit der meiré­schen arbeiten bitter aufstößt. vermut­lich würden sich xplicit nicht trauen, solche art »nicht-gestal­tung« dem kunden zu verkaufen.

    oder um ein direktes beispiel zu nennen. die topdec-kata­loge kennt man ja viel­leicht, warum die aber so nach hund­s­nor­malen »wasauchimmer«-katalog aussehen müssen, ist mir eben­falls ein rätsel, wie die tatsache lese­texte als blei­wüste mit der futura zu insze­nieren. das man so etwas auch anders halten kann beweist meiré eindrucks­voll mit den sachen für dorn­bracht.

    ich denke MM hat eine haltung, die er vertritt, AB ist leider gesichtslos. das nimmt meiner meinung nach der kritik etwas die luft aus den segeln. denn jemandem eine haltung vorzu­werfen, selber aber keine zu haben, sondern sich die des kunden anzu­eignen ist sicher nicht der rich­tige weg, es sei denn man denkt in zahlen.

  25. kai

    warum erin­nert mich die neue ARCH+ nur derart
    an diverse plakat- und buch­ge­stal­tungen aus den
    reihen der bauhaus-insassen der 20er? futura,
    balken, verti­kale text­li­nien … hmm. drückt sich
    MMs design­ver­wei­ge­rungs­hal­tung evt. in purem
    rück­griff aus? da fällt jemandem nichts neues ein
    und er sucht dafür eine preis­werte ausrede bzw.
    versucht es als konzept zu beschö­nigen, oder irre
    ich mich?

  26. Benjamin Hickethier

    Vergleichen?

    Ich denke, ›Arch+‹ ist gerade das nicht nicht, was behauptet wird: ›Nicht-Gestaltung‹.

  27. Benjamin Hickethier

    Äh, ich meine: nicht. Da sieht man’s.

  28. Pascal

    Ich finde es ist kaum zu fassen, wieviel darüber geredet wird, ob seine Haltung nun OK ist oder nicht, Fakt ist doch Meiré besitzt eine! Ganz egal ob man (AB) damit einver­standen ist oder nicht, muss man jawohl zugeben, dass die Arch+ ein sehr gelun­genes Heft ist. Den Vorwurf, dass es sich um reinen Rückgriff handelt und das Magazin aussieht wie 20er Jahre Bauhaus, finde ich maßlos Polemisch. Meiré geht sehr ironisch mit den Klischees des Bauhaus um. Alleine die “dreist” auf 45° gestellte Subline oder das gnadenlos konse­quent durch­ge­hal­tene 4-spal­tige Raster! Wer sonst macht denn sowas in einem Magazin heute. Das ist radikal, auch wenn es ein Zitat ist. Aber wenn Zitate jetzt verboten sind, dann möchte ich auch bitten in eurer Freizeit keine elek­tro­ni­sche Musik zu hören, oder Rockmusik nach den 70ern oder euch mit Modedesign zu befassen. Denn dort entsteht vieles über­haupt erst aus Zitaten/Samples. Und das macht es nicht schlechter. Denn alles was heute passiert ist immer erst dann gut, wenn es sich BEWUSST mit der Vergangenheit ausein­an­der­setzt. Und ich finde, das Mike einen äusserst mündigen Eindruck auf mich macht, wenn es um die Frage geht, wie er sich mit dem Bauhaus ausein­an­der­setzt.

    Ich finde das Heft ist einfach gut gemacht und mir persön­lich wird das mit jedem Satz klarer, der hier darüber geschrieben wird. Denn ich glaube, wie Arnd, das viele, die hier contra geben, sich schlichtweg ange­griffen fühlen.

  29. erik

    Es ist schon komisch, wie wir mit kritik umgehen. Keinem theater- oder film­kri­tiker würde man sagen, er solle doch erstmal selber ein stück insze­nieren bevor er ein anderes kriti­sieren darf. Mir ist jetzt völlig egal, ob Alex eine bessere haltung hat als Mike, aber immerhin lehnt er sich aus dem fenster und bezieht stel­lung. Das allein zeigt mut und haltung. Aber kritik an kollegen wird hier immer gleich als nest­be­schmut­zerei ausge­legt. Natürlich hat Alex – wie wir alle – bestimmt etliche leichen im gestal­tungs­keller. Er macht schliess­lich keine kunst, sondern entwurf gegen geld. Im übrigen möchte ich mal den sehen, der einen katalog wie Topdeq, wo jeder milli­meter verkaufen muss und strengen regeln unter­worfen ist, anspruchs­voller gestaltet. Zumindest typo­gra­fisch ist das sehr ausge­klü­gelt, mit eigenen schriften und anderen fein­heiten (bin aller­dings nicht ganz unbe­lastet, weil Topdeq schon anfang der 90er auftrag­geber bei MetaDesign war, als Alex Branczyk und Thomas Nagel das dort verant­wor­teten).

    Mir wird heute noch vorge­worfen, dass ich vor jahren mal Kurt Weidemanns arbeit für die Bahn kriti­siert habe. Dabei ging es mir damals mehr darum, dass er seine privi­le­gierte stel­lung (als privater kumpel des bahn­chefs Dürr) nicht genutzt hatte, eine weiter­ge­hende lösung zu gestalten als nur einen A4 brief­bogen nach DIN in Helvetcia zu setzen. Es hat dann bis 2003 gedauert bis wir endlich ein rich­tiges lite­ra­tur­system für die Bahn gemacht haben – immer noch aus Helvetica. Aber meine kritik wurde nie inhalt­lich disku­tiert, sondern ich wurde beschimpft, weil ich es gewagt hatte einen kollegen zu kriti­sieren.

    Unsere arbeit ist öffent­lich. Also darf sie auch öffent­lich disku­tiert werden. Wem das zu gefähr­lich ist, hat den falschen beruf gewählt. Ich wünschte mir, man würde den anlass nehmen über die arbeit von MM zu disku­tieren, anstatt mit fingern auf den kritiker zu zeigen. Am besten, einer traut sich und schreibt eine rich­tige kritik zu ABs arbeit. Dann aber inhalt­lich begründet und ohne die übli­chen neidat­ta­cken.

  30. non redon-

    seite 142 & 143 wirken wie ein memo zum podcast – so wie wie Brand Eins irgendwie den eindruck erweckt es sei die bulimie kranke schwester von Econy – hingegen würde eine Frontpage von ’92 auch ins jahr 2012 passen, inso­fern… thanks czyk for type (r)evolution & m2 for the power of beauty – some day, past. neo noto • non (e)motion.

  31. ole

    Mal ganz ehrlich: Die Gestaltung des Magazins ist schlecht. Ich weigere mich schlicht, Bleiwüsten in Futura zu lesen; bei dem wider­wil­ligen Versuch stelle ich fest, dass ich eine deut­liche Vorliebe für einfache und verständ­liche Sprache habe, die ich dort nicht finden kann. Im Übrigen hat das Design nichts mit dem Bauhaus zu tun; soweit man es in den Beispielen sehen kann, stammt es eher aus den Siebzigern. Die Futura war 1928 ein grosser Wurf, also vor 70 Jahren, heute gibt es deut­lich bessere Satzschriften.

    Falls man es kann, kann man auch lesbare Texte gestalten, nur für den Fall, das es jemand lesen möchte. Dies sollte dann der kleinste Nenner sein, auf den Zeitschriftengestalter sich einigen. Wer in die Mottenkiste greifen möchte, soll dies tun. Wer glaubt unge­staltet gestalten zu können, dem sei dies sein Aberglaube und: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. (Helmut Schmidt)

    Zum Glück kann man Plastik und Papier wieder verwerten, weiter so Alex.

  32. jamie oliver

    @ erik

    ich finde es wird soviel an Alex Branczyk rumge­hackt weil er selber in seinem Kommentar an MM rumhackt. Der Gastkommentar ist ja nicht ein Kritik im normalen Sinne am Produkt sondern zielt ja auch auf die Person selber.

    Vielleicht bin ich als Schweizer ein wenig zu fest Konkordanz orien­tiert, aber braucht es diese Art von Kritik? Bringt dies irgend­je­mandem etwas? Kritik, die selber selbst­ge­fällig ist und wenig offen?

    Man kann an arch+ sicher vieles bemä­geln, aber eine konstruk­tiver Idee dahinter hilft der Sache sicher mehr.

    “Kritisieren kann jeder!” Aber die Kommentarschreiber haben z.T halt doch recht: “Besser machen kann es nunmal doch nicht jeder!”

  33. jamie oliver

    Vielleicht spiel ich auch einfach hier den Gutmenschen weil ich vor ein paar Wochen die Erstausgabe eines schwei­zers Lifstyles Magazines auf meinem blog auch eher unkon­struktiv kriti­siert habe. Ich hatte zwar ein wenig schlechtes Gewissen immerhin braucht es viel Arbeit, Mut und Idealismus etwas neues auf die Beine zu stellen und dies sollte man ja auch hono­rieren, aber die Selbstgefälligkeit im Vorwort haben mich zur Kritik getrieben.

    Die Moral der Geschichte: ein paar Tage später meldet sich der Chefredaktor per Mail, lobte mein Arbeit und fragte mich ob sie meine Arbeit im dem Magazin vorstellen könnten. Ich habe nicht lange gezö­gert, Stolz und Position auf die Seite geschoben und aufs ego gehört. Gute Entscheidung fand und find ich. Aber nach­denk­lich macht es.

  34. Ijn

    Vorneweg möchte ich sagen, dass ich die Idee eines Gastkommentares sehr gut finde. Hoffe ich doch, dass in den nächsten Wochen neben einigem provo­zie­rendem auch neue Ideen oder konstruk­tive Antworten rumkommen.

    Nun zur Kritik von Alex.
    Ich werde dass Gefühl nicht los, dass Alex hier zwei Spielwiesen von Design verwech­selt. ‘Corporate Grafik Design’ und nennen wir es einfach nur Design. Gut, wo liegt der Unterschied. Arch+ bezahlt schließ­lich auch Geld (und sicher nicht zuwenig) um ihr Magazin neu gestaltet zu bekommen und genauso ist Arch+ ein kommer­zieles Unterfangen, spielt es auf dem Zeitschriftenmarkt mit.
    Daneben aller­dings hat Arch+ auch durch die hohe Qualität die Möglichkeit sich aus diesem Spiel heraus­zu­ziehen. Häufig liest man, der Gestalter soll seine eigene Handschrift vermeiden, doch das Produkt gestaltet und nicht sich selbst. Diese Idee halte ich für Quatsch genauso wie die seit Jahren nach vorne geprü­gelte Benutzerfreundlichkeit (Beispiele besser lesbare Schriften für jeden Vorstellbar mögli­chen Anwendungsbereich, Optimierung von Internetseiten darauf dass sie in jedem Browser gleich aussehen). Für mich haben ein Großteil dieser Entwicklungen die von ihnen gefor­derte Qualität längst erreicht und jetzt geht es darum, eine hunder­stel Sekunde schneller zu sein.
    Mike Meire ist kein Typograf und wie du richtig sagst, ist die Aussage nur 3-4 Schriften zu nutzen wahr­schein­lich Blödsinn genauso wie es nicht wahr ist. Da mag ich dir durchaus zustimmen, dass Mike sich da ums Image redet. In dieser Arch+ Ausgabe ist auch ein groß­ar­tiges Feature über die Magazinkultur der ’60 und ’70 Jahre. Dieser illus­triert den Unterschied sehr gut, den ich zwischen Arch+ und anderen Projekten ziehen muss. Diese Projekte entstehen aus dem Drang etwas auszu­drü­cken, etwas zu verän­dern und die Grafik, die dazu entstanden ist, ist natür­lich keine die mit der kommer­zielen Grafik vergli­chen werden kann. Wissen und Möglichkeiten fehlten einfach, es war aber auch nicht so wichtig.
    Nun kann man Arch+ Marketing vorwerfen, was ich aber nicht möchte. Aber ich sehe das Arch+ Design einfach als Versuch, sich aus der Diskussion einer­seits raus­zu­ziehen und einen Gegenpol zu schaffen um sie zu beein­flussen. Vielleicht möchte es nur Mike Meire, aller­dings hat er damit einen Punkt getroffen. Geh in den Buchladen deines Vertrauens und sie dir die Magazine an, abge­sehen von kleinen Layoutänderungen gehen sie alle visuell in die gleiche Richtung. ‘Nutzerfreundlichkeit’. Ich kenn mich in der deut­schen Magazinkultur eher schlecht aus, aber wenn ich mich an die Gestaltungsmagazine derin­nere, wird einem jetzt noch kalt. Mike Meire setzt einfach auf die Statmentkarte und das Design ist ein Ausdruck davon.

    Du kannst das Arch+ Design bestimmt und konstruktiv in genauen Punkten kriti­sieren, aber dabei geht es Arch+ und Meire über­haupt nicht. Du verfehlst den Punkt der Diskussion. Das Ding hat Ecken und Kanten, da ist nicht jede Entscheidung wie was machen ist so (durch­pro­gram­miert) durch­dacht, wie man es von anderen Magazinen kennt.

    Du wirst Meire fehlende Haltung vor. Oder sich eine Haltung anzu­ei­genen, die eigent­lich keine ist. Ich denke auch im Interview ist sehr viel mehr Haltung zu erkennen, als ich in deiner Kritik sehen kann. Abgesehen dass dein Kommentar zur Architekturszene momentan absulter Blödsinn ist (Gott sei Dank passiert mehr, als nur die großen Namen andeuten), wird die Kritik ein wenig sehr flach. Wenn man Meire ernst­haft disku­tieren möchte, muss man wohl weiter ausholen. Da hat Design sehr viel mehr mit Lebenseinstellung, Philosophie und anderen Dingen zu tun als mir visu­eller Gestaltung. Dann kann man auch keine Meires Selbstdarstellung kriti­sieren.

    Und auf dein Ende zu kommen.
    Hier hat Sagmeister recht: dass Deutschland das einzige Land sei, in dem die Studenten inter­es­san­tere Arbeiten machen, als die Profis. Jedenfalls als diese Sorte Profis!

    Sicher hat Sagmeister recht, wenn er dies sagt. Dabei bezieht er sich aber meiner Ansicht weniger auf Meire als auf den Rest der Designszene. Denn neu ist Meires Gestaltung nie, aber er verpasst ihr den entspre­chend Unterbau. Passenderweise sieht er sich ja auch nicht als Gestalter sondern als Gestalter/Kurator/… (Kritik daran ist erlaubt, aber er sagt doch klar was er nicht macht. Und das ist nun mal das ‘einfache’ Gestalten)

    Nun ist der Text doch sehr lang geworden, wieder­holt sich mindes­tens zweimal und liefert nicht wirk­lich viel neue Erkenntnis.

    Von daher gutes Design und noch bessere inhal­tiche Arch+ Ausgabe.

  35. Ijn

    Wie ich vergaß zu sagen, dass der Fontblog (ich habe mich über Links hier­her­ge­klickt) auch wahr­schein­lich immer ein wenig einseitig bleiben wird. Das ist keine Kritik sondern einfach nur eine Feststellung der unter­schied­li­chen Interessen.

  36. Ijn

    Nun zur korrektur meines Beitrages:
    < Ich denke auch im Interview ist sehr viel mehr Haltung zu erkennen, als ich in deiner Kritik sehen kann.
    Ist doch sehr irre­füh­rend formu­liert. Mir geht darum, dass sich Meires Haltung sehr viel mehr vom ihm Fontblog vertre­tenen Haltungen unter­schiedet.

    <Dann kann man auch keine Meires Selbstdarstellung kriti­sieren.
    Doch, kann man. Wo ein k ist sollte keines sein.

  37. Arnd

    @ Erik
    Du schreibst, “Keinem theater- oder film­kri­tiker würde man sagen, er solle doch erstmal selber ein stück insze­nieren bevor er ein anderes kriti­sieren darf.”

    Der Vergleich hinkt. Wenn es ein Kritiker ist, der selber insze­niert, dann würde sich die Frage schon stellen, ob die Kriterien und Ansprüche, die er für andere aufstellt, auch von ihm erfüllt werden. Das ist ja der Unterschiedlich zwischen einem Kritiker und einer kriti­schen fach­li­chen Auseinandersetzung unter Kollegen. Es sagt ja keiner, dass unter keine Kritik geübt werden darf. Das wäre der Tod einer jeden Disziplin. Allerdings gehorcht die Kritik unter Kollegen anderen Kriterien, weil man sich ja selbst “in die Niederungen der Praxis begeben hat” und inso­fern selber vor dem Hintergrund des eigenen Schaffens bewertet und bewertet wird. Nur so viel zum falschen Ton der Kritik der Kritik.

    @ Ijn
    Das ist die erste inhalt­lich fundierte Kritik, die hier geäu­ßert wurde, weil es sich jemand die Mühe gemacht hat, sich die Inhalte des Heftes auch anzu­schauen, um sie mit der Gestaltung rück­zu­kop­peln. Und hier hat Ijn absolut recht, dass man die Gestaltung der Ausgabe nicht losge­löst vom umfang­rei­chen Feature über die Magazinkultur der ’60 und ’70 betrachten kann. Hier gehen Form und Inhalt aufein­ander ein. Und das ist die Stärke des Designs. Egal, was drum­herum geredet wird, bleibt das die immer wieder einzu­lö­sende Anforderung an Gestaltung. Nicht irgend­welche subjek­tiven Festlegungen, was angeb­lich lesbar ist und was nicht.

  38. klaus

    Erik hat so recht, dass man es nicht mal nochmal unter­strei­chen muss. Mach ich trotzdem, und danke ihm für seinen Kommentar.

  39. Alexander Branczyk

    Hab ich den Propheten belei­digt und ernte jetzt den Zorn der Gotteskrieger?
    Ja, wir versu­chen da was mit Design für unsere Auftraggeber. Nein, wir sind „aus Sicht der meisten Kunden“ leider „nicht auf der sicheren Seite“. Ja, wir sind nur ein kleines Studio und ich bin kein „Besserer Designer“, sondern nur Designer (und kein klas­si­scher Typograf haha). Und dennoch lass ich andere Gestalter und mich nicht doof verkaufen:
    Gut, Leute: Schluss mit Design. Schluss mit Lesbarkeit. Schluss mit Kommunikation. Weg mit dem Designstudium! Futura für tral­lala! Meiré sagt „Nieder mit dem Weißraum“ und verwendet ihn wie ein Malermeister. „Weg mit Design“ – aber designt auf Teufel komm raus. Haltung oder Kollegen-Verarschung? Reinstes PR-Geschwätz (… und brutal kalter Kaffee)!

    Mein Brass diese Art von „Haltung“ kommt viel­leicht manchem Leser auch etwas unklar rüber, weil Jürgen meinen Schlusssatz „äh, diplo­ma­tisch;)“ kassierte:

    Eine weitere Doppelseite mit präch­tigstem Designgesten-Weißraum: Links hübsch kleine Pille auf voll­sei­tigem Meiréweiß, rechts hübsch unbe­klei­dete kopf­ab­ra­sierte (!) Frau, räkelnd 45° halb­fette Times stöh­nend. Meine Bildunterschrift dazu war eine Frage, die sich beson­ders auch auf das Titelbild bezog: »Und welche Design-Geste, bitte schön, sind gesicht­lose Frauen in verbrau­cher-gerechter Zugreifposition?«

    War das jetzt „Wir werfen immer wieder Sand ins Getriebe“? War das „die Sollbruchstelle, die Komplexität der Gegenwart“? Oder die „Dringlichkeit von Pornoseiten, in dem Sinne, dass ich das Triebgesteuerte zum Thema machen möchte“?

    Ach, ich fürchte, ich bleibe auch beim Texten weit hinter Meiré zurück, er hat das einfach klasse drauf – aber das hatte ja auch schon jemand fest­ge­stellt ;) Ich sollte mich viel­leicht mehr dem Weißraum widmen – aber das kann ja auch EINER besser (q.e.d.) …

    Also: Weg mit den Studiengebühren!

  40. Pascal

    Sry Alexander,

    ich finde jetzt wird es pein­lich.

    Was hat Dir Herr Meiré eigent­lich angetan, dass Du so reagierst? Ich finde die Seite oben schön. Muss denn jede Doppelseite alle Kriterien der Idee enthalten. Ist nicht im Editorial so etwas wie “Heftdramaturige” tonan­ge­bend? Im Fluss der Seiten ist das eine wunder­schöne Seite.

    Ganz ehrlich, wo ist das Problem?

  41. christoph

    klasse, dass es gestalter gibt, die entwürfe abseits der gängigen desktop-publi­shing-gefäl­lig­keit wagen. also lieber lob für mike meiré als applaus für die ansonsten tonan­ge­benden päpste des typo-klein-kleins, die glauben machen wollen, dass es in der gestal­tung vor allem darauf ankommt, fonts zu kennen, die zu fami­lien mit mindes­tens 140 schnitten ausge­baut worden sind.

  42. Marc

    @ chris­toph
    »… abseits der gängigen desktop-publi­shing-gefäl­lig­keit wagen …«
    Was ist den an Futura, Helvetica, Times und Courier abseits und gewagt? Das sind die Schriften die MM nur noch benutzen will. Wenn es nach Starck ginge wären diese Schriften auch über­flüssig? Quält euch mal durch den Text.

  43. Gerd Wippich

    Schaut doch alle bitte mal richtig hin! Ich finde Alexanders Kritik in fast allen Punkten gerecht­fer­tigt. Warum vertei­digen die meisten hier MM so heftig? Daniel (Kommentar 7) bringt es m. E. auf den Punkt. Futura Versal als Headline zu benutzen funk­tio­niert ebenso wenig wie Futura als Fliesstext. Eine Zeitschrift sollte auch gelesen werden können…

  44. Yanone

    Übrigens hab ich erst gelesen, »… dass Deutschland das einzige Land sei, in dem die Studenten inter­es­san­tere Arbeiten machen, als die Profs«
    Buhaha!

  45. Heinrich

    haupt­sache »cool«? man sollte sich doch in seiner jugend austoben.

    (hallo czyk, ich würde dir ein bier ausgeben)

    jetzt möchte ich gerne bertolt brecht zitiren

    »Der größte Teil der kultu­rellen Produktion wäre durch einfa­ches Turnen und zweck­mä­ßige Bewegung im Freien mit großer Leichtigkeit zu verhin­dern gewesen.«

  46. christoph

    »man sollte sich doch in seiner jugend austoben« ist eine lebens­weis­heit, die ich mir sehr schön in kleine bieder­meier-kissen gestickt vorstellen kann.

  47. Heinrich

    so ein kissen mit dieser stickerei wäre doch ein super cover für brand eins.

  48. thomas | BFA

    ich hoffe mental nie so alt zu werden, als das ich verbit­tert reagieren müsste auf neue dinge.

  49. Thomas Nagel

    Natürlich geht es MM weiterhin um die große Rock’n’ Roll-Pose. 032c als Lead-Magazin, the »new ugly« als nächstes heisses Ding. Dort und hier bei Arch+: Alles drin was die Obergutfinder und Alleserlauber der 90er als letzte Reste der eher pein­li­chen No-Gos defi­nieren würden. Die Punks von gestern sind halt auch nur die CSU von heute. Nur einer ist immer vorne dran. Wenn das aber eine gestal­te­ri­sche Haltung sein soll, sich bei der jeweils nach­fol­genden Generation dadurch anzu­bie­dern, daß man nur alle Sachen zusam­men­rührt, die gerade noch verboten sind, dann sollten wir hier viel­leicht mal die Diskussion zum Thema Haltung vertiefen. Denn das ist meines Erachtens eher eine Masche als eine Haltung.

    Nun hat sich Alex mit seiner Aufregung genau in dieses Schema gefügt und sich mit Vehemenz als ein weiterer der Lordsiegelbewahrer der »echten (typo­gra­fi­schen) Werte« geoutet. Und sich damit aus Sicht der Revolutionäre selbst als ewig Gestriger disqua­li­fi­ziert. Die Unversöhnlichkeit der beiden Lager kann man hier an den Kommentaren schön ablesen. Eine zentrale Frage aber bleibt: was soll man den Design-Studenten heute erzählen? Häßlichkeit ist besser, weil schwie­riger oder künst­le­ri­scher? Laßt uns gemeinsam die über­kom­menen Kategorien der Kommunikationsgestaltung vergessen, Hauptsache ihr seid als (Künstler)-Entwerfer vorne dran? Oder frei nach MM: jetzt aber mal Schluß mit Design?

    Das wäre natür­lich der totale Sieg fürs Meiré-Marketing: Disqualifikation der noch amtie­renden KollegInnen wg. reak­tio­närer Haltung, bei gleich­zei­tiger Ausschaltung der nach­fol­genden Konkurrenz. Leider verbunden mit einigen Flur- und Kolateralschäden, denn manche der Abonnenten z.B. der Arch+ würden wahr­schein­lich ein lesbares Magazin einem »revo­lu­tio­nären« vorziehen. Aber das sind ja eher klein­liche Bedenken. Im Vergleich zur großen Sache…

  50. till

    alex punkt ist doch nicht, dass MMs Entwürfe schlecht aussähen.
    es ist nur eher so: mike wider­spricht sich wieder­holt. z.b. seine “factory” ist toll, weil ganz viel raum – weiß­raum auf dem blatt ist aber eine über­flüs­sige, selbst­ver­liebte design­geste. häh?

    ich wünsche uns noch viele jahre gestal­tung von meire – und möglichst keine schwa­fel­in­ter­views mehr.

  51. christoph

    Thomas Nagel, #49: »Eine zentrale Frage aber bleibt: was soll man den Design-Studenten heute erzählen?«

    design-studenten sind doch erwach­sene menschen, denen soll über­haupt keine gestal­tungs-auffas­sung als die einzig rich­tige gepre­digt werden, oder? man könnte aber mike meirés gestal­tungen zeigen, um zu vermit­teln, dass konse­quenz und eigen­stän­dig­keit wich­tige quali­täts­kri­te­rien sind. für andere tugenden könnte man auf andere grafiker verweisen. wir müssen uns also keine sorgen machen, dass die deut­sche desi­gn­ju­gend an arch+ schaden nimmt.

  52. s

    Der entschei­dende Punkt ist doch: Zwischen der ganzen “hauptsache-es-sieht-gut-aus”-Gestaltung in Deutschland muss man sich doch über jeden Gestalter freuen, der es wagt eine These zu formu­lieren – wenn diese These in einer Doppelseite Futura umge­setzt wird, dann ist das sicher diskus­si­ons­würdig. Aber es IST wenigs­tens diskus­si­ons­würdig, während der Rest der Magazinwelt keinerlei Reaktion mehr hervor­ruft.

  53. HD

    Wow, kaum lese ich mal zwei Wochen kein Fontblog, geht hier die Luzy.

    Alex klingt ja fast wie ich im entspre­chenden Modus, da werden aber Lizenzgebühren fällig, Meister – so rumzu­punken ist MEIN Copyright :-D.

    Ich blicks nicht – ich mag Mike Meiré EXTREM, auch wenn ich die ARCH+ tatsäch­lich auch etwas unge­lungen finde. Und ich mag Czyks Arbeiten seit jeher, seit den Frontpage-Tagen.

    In Wahrheit geht es hier nur um verschie­dene Suchen. Meiré sucht – völlig zeit­ge­recht, wie ich finde – nach einer Gestaltung, die unde­si­gned ist, die sich etwas unge­wollter, etwas «clumsy» anfühlt. Und das ist auch gut so. Diese Suche nach einem Design ohne Design kann ich nach­voll­ziehen – und es reflek­tiert auch,was seit langem in der Kunst passiert: Ein Unwohlsein mit dem Gestaltungsprozess, der ein zu geschlif­fenes, ein unehr­li­ches Endprodukt hervor­bringt.

    Auf der anderen Seite kann und darf das nur ein Moment sein, Design mit dem Anspruich des Anti-Design hat keine Zukunft, das ist deka­dent. Eine Zeitlang ist eine manuell quer­ge­stellte Times-Roman mit dicken Balken witzig, dann gehts aber weiter. Und der neue Retro-Stuff ist weit weit weit weit weg von den echten alten Sachen, die viel expe­ri­men­teller und mutiger waren, keine Frage. Wenn «ugly» design zur Geste wird, sozu­sagen das grafi­sche Gegenstück zum Lofi-Produktionsound der Strokes, und wenn es dann noch hundert­fach kopiert wird, dann ist die Sache bald durch und eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben.

    Und es ist tatsäch­lich so, das kann ich aus der eigenen Arbeit reflek­tieren, dass das Problem mit der Zeit mehr und mehr wird in einer Welt voller visu­ellem Müll – zu dem man täglich brav beiträgt – zu bestimmen, was man als Designer eben NICHT tut. Die Tätigkeit wird mehr und mehr zum Wegwerfen, Selegieren, Unterlassen. Ich erwi­sche mich auch bei einer Vorliebe für Schriften, die fast keine mehr sind, das war vor zehn Jahren anders. Franklin, Futura, Helvetica, Univers… irgendwas, was nicht gleich «schick» sein will. Sonder nur ist, wie ein Straßenschild, wie dreckige Windschutzscheiben. Was nicht so aufge­setzt wirkt. Wobei das aufsetzen ja der eigent­liche Job ist – wo also ist die Balance zwischen dem Nicht-Design und dem eben-doch-noch–professionell-gestaltetem. Die ist schwim­mend. Vor allem, wenn dann die Laien drauf­schaun :-D

    Generell ist der Diskurs hier – wie JEDER halb­wegs gut geführte Streit – sinn­voll bei der Selbstbestimmung unseres ja doch recht jungen «Berufes».

    Insofern haben beide Recht. Meirés Suche nach einer eigenen Ausdrucksform ist – zumal nach der langen Zeit und der Karriere – essen­tiell wichtig. Alles andere wäre Quatsch. Alexanders Suche führt ihn auf andere Pfade – und genau von diesen diver­genten Suchsträngen KANN das Design als ganzes nur profi­tieren – und damit letzten Endes auch die Auftraggeber. Nichts ist gruse­liger als ein Pitch, bei dem alle ähnliche Ideen abgeben, oder?

    In diesem Sinne: Weiter so, alle beide!!!!

  54. thomas | BFA

    design-studenten sind doch erwach­sene menschen

    naja. das ist leider nicht so. diese frischen hüpfer, die gerade aus dem gymna­sium gefallen sind. wo sind das denn erwach­sene menschen? die verän­dern sich im studium doch ziem­lich stark.
    am ende des studiums haben sie hoffent­lich die idee einer einen haltung. das wäre das ziel.

  55. Arnd

    “Wow, kaum lese ich mal zwei Wochen kein Fontblog, geht hier die Luzy.” HD

    Wie HD finde ich es auch span­nend, dass MM hier anschei­nend einen Nerv getroffen hat und so viele kontro­verse Meinungen auslöst. Weiter so Leute, denn nichts ist tödli­cher als “busi­ness as usual”. Insofern habe ich ja auch nichts gegen AB’s Kritik an sich, nur das sie in vielen Punkten nicht inhalt­lich begründet ist und teil­weise grob fahr­lässig. Nehmen wir die Doppelseite, die er unter Kommentar 39 gegen MM ins Felde führt. Ich habe mich infor­miert und das Heft durch­ge­sehen. Die Doppelseite ist kein Design von MM, sondern ein Zitat aus den 60er, genauer aus einem Architektur-Manifest. Der Witz ist, dass dieses Faksimile genau das Gegenteil dessen belegt, wofür AB es ausgibt: Sie deutet nämlich auf die Überschreitung einer Disziplin, ihre Hinterfragung hin. Dafür wurden die Autoren damals genau so scharf von ihren Architektenkollegen ange­griffen, wie es einige hier mit MM tun. Das Faksimile argu­men­tiert mit der Sprache der Zeit aber doch ziem­lich zeitlos, weswegen wir gar nicht zögern, es MM zuzu­schreiben. Insofern irgend­welche vermeint­lich frau­en­feind­li­chen Tendenzen darin zu sehen ist völliger nonsense. Genau das unter­scheidet unsere Wahrnehmung nach 40 Jahren doch von der dama­ligen Zeit.

  56. HD

    Was man Meiré übri­gens aner­kennen muss, neben Rick Poynor, ist die absolut dring­lich Erkenntnis, dass Pornographie und Design zuneh­mend konver­gieren und dass man das irgendwie behan­deln und reflek­tieren MUSS.

    Aber damit ist es nicht getan – und das IST auch längst getan. MIke Meiré veredelt nur, was in Kunst und in dem Design etwas jenseits des Mainstreams längst durch­ge­früh­stückt und vorbei ist, für den breiten Mainstream. Was an sich sehr gut und tref­fend ist, aber im Grunde nur nach­betet, was seit ewig in FFFFOUND, diese komi­sche Magie der 60s und 70s (wobei letz­tere uns noch richtig treffen müssen), während der Nachwuchs schon längst und brutalst die 80s wieder aufleben lässt. Nur noch eine Frage der Zeit, bis Czyks 90er-Design wieder der letzte Schrei ist.

    Das Ding ist: Wir sind in einer Simulation von Design, einer Schleife, in der nur noch alte Sachen spak­ta­ku­lärer warm­ge­kocht werden, Guy Debord hätte seine wahre Freude dran. Das hat nichts mit Mike Meiré zu tun, das ist eine Virus, der alle Kreativbranchen erffasst – das Zitat, das Aufwärmen von Halbwert-Restbeständen des kultu­rellen Gedächtnisses. Wir zitieren, aber wir erfinden nichts neues mehr.

    Und Alex hat völlig recht, anzu­pran­gern, wenn dies auch noch zur großen Geste hoch­ge­jazzt wird – weil nichts daran wirk­loich groß IST. Groß ist, Sachen nach vorne zu entwi­ckeln, nicht den Stillstand zu zele­brieren.

  57. thomas | BFA

    HD wie du selber gesagt hast in deiner podi­ums­dis­kus­sion: uns fehlt die revo­lu­tion. der erobe­rungs­drang. das jäger und samm­ler­da­sein.

  58. CHR15

    WER
    würde denn
    WANN
    die revo­lu­tion erkennen und benennen?

  59. thomas | BFA

    das ist eine gute frage. thema für nächsten freitag? ;-)
    tja woran erkennt man revo­lu­tionen? benennen würde sie glaube ich der main­stream, weil so so ekla­tant vom bestehenden abwei­chen würde, das es zu einer reak­tionen kommen muss.

  60. HD

    Thomas meint meinen Satz bei der MITTELMASS-Diskussion mit Eric Schmidt. Keine Ahnung, was ich da gesagt hab, ich vergess immer besser schnell, was ich sage.

    Aber n biss­chen mehr Revolution wär schon nice. Ich bleib dabei: Grafik Design erkaltet, gerinnt. ein ster­bendes Medium, das nicht mehr die bren­nende Energie der 80s hatte. Wie in der Musik: Als die Technik primitv, aber neu war, entstanden krude, aber gandiose Sachen. Heute ist die Technik perfek­tio­niert, der Look geschliffen, aber alles irgendwie lang­weilig, jeder Krautladne benutzt die Thesis oder sowas. Jede Bank hat ne Hausschrift.

    Ich glaube, Meiré versucht einfach, mehr Lo-fi zu sein und die Unschuld zurück­zu­ge­winnen. Verständlich. Und Alex weißt zurecht auf die Unmöglichkeit hin, vor allem wenn es von der Spex schon vor drei Jahren besser vorge­lebt wurde.

  61. nora

    … Aber n biss­chen mehr Revolution wär schon nice …

    Was soll das denn sein … ein biss­chen Revolution? Also irgendwie stellen sich mir bei diesem Satz die Nackenhaare hoch … viel­leicht liegt es ja auch an der Sprache.

    … Grafik Design erkaltet, gerinnt. ein ster­bendes Medium, das nicht mehr die bren­nende Energie der 80s hatte …

    Das ist doch auch ein völliger Allgemeinplatz. Das sagt noch jede Grafikergeneration sobald die nach­fol­gende anrollt. Es gibt eben Menschen mit mehr Energie und welche mit weniger. Und viel­leicht gibt es mitt­ler­weile einfach zu viele Spielplätze auf welchen wir unsere Energie verschwenden.

    Vielleicht sollte man Designer einfach nicht so viel inter­viewen, dann besteht auch nicht die Gefahr, dass man sich so verzet­telt. Sieht man ja auch oft bei Fussballern nach dem Spiel … da fragt man sich schon, warum um alles in der Welt man jetzt Fragen stellen muss, und vor allem welche.

  62. thomas | BFA

    wir brau­chen wieder die brachiale energie von tekkno. das war die letzte revo­lu­tion. wird zeit, wird zeit.

  63. christoph

    beim klagen über die fehlende revo­lu­tion besteht die gefahr, in ein selbst­ge­fäl­liges und träges »früher war alles besser«-lamento abzu­driften.

    banken sahen auch in den 80ern nicht aufre­gender aus.

    und die arbeiten im hier und jetzt von tollen büros wie cyan finde ich nicht unin­ter­es­santer als die klas­siker der vergan­gen­heit.

  64. HD

    Führerwar alles besser ist nicht mein favo­rite song, aber tatsache ist: Ruder, Müller-Brockhaus et al haben Retro besser gemacht als ihre Wiedergänger heute. Nur war es da kein Retro, sondern konse­quente, fundierte Auseinandersetzung mit Bauhaus, der Technisierung der 50s/60s und der Notwendigkeit der Zeit – das Design dieser Phase spie­gelt sehr klar das Zeitklima wieder.

    Das heutige Design, wie alle Popkultur, eben auch. Und so wie die Musik zuneh­mend aus Zitaten besteht, so eben auch das Design und die Architektur, teil­weise sogar die Kunst. Was April Greiman in den 80ern gemacht hat – auch wenn die Banken da scheiße aussahen – war im Bereich des Printdesigns relativ neu und bahn­bre­chend… jenseits der indi­vi­du­ellen Geschmacksfrage (ich fands immer scheiße, aber toll). Dito Emigre. Ich glaube, Leute dieses Kalibers machen heute Motion statt Print, weil das Medium noch nicht so klar defi­niert ist. Heute sehen die Banken immer noch scheiße aus, aber die Studenten machen im Diplom Corporate Designs statt sich auszu­pro­bieren.

    Und ja, da jammer ich halt etwas rum :-D. Weil ich mich so ungern lange­weile.

  65. jamie oliver

    Man komm ich mir jung vor hier drin.
    Hört auf jammern und geht an die Arbeit! ;-)

    Die tollen Sachen finden doch heute in anderen Disziplinen statt. Ich als 30jähriger freue mich an all dem char­mant simplen und symbol­hafen Streetart Illustrationen und Grafiken, an den selbst genähten Wollmonster, den lieb­voll auge­schnitten Plakaten den Wandzeichnungen, den Kartonbildern, an den hand­ge­zeich­neten Schriften an all den grellen Farbe und sniff all den Illusionen. Scheinbar sind das die neuen Orten wo die Jungen von heute grosse Dinge leisten können ohne von den “alten” und der Welt da draussen gebremst zu werden mit ihren CI Richtlinien, Sonderfarben und Schriften mit mehr als 10 Schnitten. Die ganze Perfektion nervt doch auch manchmal ganz gewaltig. Wo sind all die die Gefühle geblieben.
    Der MM hat schon recht. Alles sieht gut aus aber wo ist die Seele davon?

  66. HD

    Schließ ich mich an – aber man kann der Falle nicht entkommen, das auch eine solche neue Naivität nicht wirk­lich «neu» ist. Ich sag das übri­gens gar nicht abwer­tend… aber es ist so, dass in einem Feld eine Phase ist, wo Neuland entdeckt wird, dann wird konso­li­diert, dann wird ab und zu mal aufge­mischt, aber im großen und ganzen passiert nicht mehr viel aufre­gendes. Ob Carson-Punk oder Minimalistisch – alles konver­giert darauf zu, nur noch «Style» zu sein.

    Die große Sache, die noch kommen kann, ist natür­lich auch nicht neu, aber ich fände super, wenn wir mehr davon hätten: CONTENT. Die Frage nach dem Inhalt, nach so abge­schmackten Dingen wie Moral und Werten und Zielen der Sachen, an denen man arbeitet. DAS ist jetzt echt Old-Folks-Gejammer, aber das ist das, worum es geht. Nicht im Sinne er blöden Wertedebatte, sondern im Hinblick darauf, dass Designer und Architekten viel­leicht weg können vom Spektakel (und Minimalismus ist auch nur Spektakel, so wie Atheismus auch eine Religion ist) und hin der simplen Frage: «Wieso machen wir das eigent­lich?»

    Aber viel­leicht müssen wir uns bis dahin noch viel müder gesehen haben :-D, um uns nicht mehr an dem rein Retinalen aufzu­ki­cken.

  67. s

    Gerade bei den Architekten gibt es doch – leider vor allem im Ausland – ein paar kluge Büros, die diesen Fragestellungen nicht aus dem Weg gehen.

    Ich denke also nicht, dass dein Vergleich stimmt. Architektur ist viel theo­re­ti­scher als Design, was aber vermut­lich einfach am eigenen Anspruch liegt.

    Im weiten Bereich des Grafikdesigns wird man doch einfach viel zu schnell hoch­ge­ju­belt. Wenn ich mir anschaue, welche Büros in Deutschland die vielen Preise gewinnen, dann finde ich das äußerst erschre­ckend: Das ist haupt­säch­lich komplett ober­fläch­li­ches Zeug. Ästhetisch gut, inhalt­lich grau­en­voll – es gibt nämlich einfach keinen Inhalt, keine These, keine Provokation. Keine Ideen. Keine Aufbruchstimmung.

  68. Alexander Branczyk

    Wer sich für Designmeister und -vorbilder aus erster Hand inter­es­siert: Bernard Stein zeigt am Freitag, 25. April 2008, 19 Uhr, in der Berliner Transfer-Galerie die Filme „Ich schreibe über das Denken, das aus dem Machen kommt“, Otl Aicher (1991, 45 min) und „Ask me, I‘m here to help”, Milton Glaser (1982, 57 min).

    Näheres zum Programm unter: http://​www​.design​transfer​.udk​-berlin​.de/​d​-​m​o​v​ies

    Ich empfehle hier auch gerne noch mal „Die Gestalt liegt in der Sache“ über Otl Aicher und Arch+, in dem sich der bemer­kens­werte Satz findet: „Herr Kuhnert, ich bin Designer und Typograf und kein … “ (Archplus Heft 109/110, 1991)

  69. Hans

    Na, hoffent­lich wirds nicht zu voll – Wo kriegt man „Die Gestalt liegt in der Sache“ her? Die neue Arch+ gibts am Kiosk, und die werde ich mir mal holen, bevor sie ausver­kauft ist. Danke für den Beitrag, das war ja wohl »real emotional trash« mit der gewissen Unschärfe (die das so mit sich bringt) ,-) schönen Gruss.

  70. fjord

    Mehr als die Theoriegebäude inter­es­sieren mich die Skizzen- und Notizbücher von Mike Meiré. Also das Gedachte vor dem Ausformulierten, das Gezeichnete an Stelle des Vektorisierten.

  71. Alexander Branczyk

    @ Hans: Wenn du willst, mach ich dir einen Scan aus dem alten Heft und schick ihn dir. Auf selber DS ist auch ein Nachruf auf Otl Aicher von Norman Foster.

  72. nora

    Weiß jemand von Euch wo man diese Filme von Glaser und Aicher erstehen kann? Beim Googeln war ich jetzt erfolglos … und Berlin ist so weit weg …

  73. erik

    Allerdings gehorcht die Kritik unter Kollegen anderen Kriterien

    Warum? Auf eine Frage mit einer Gegenfrage antworten oder auf einen Vorwurf mit einem eben­sol­chen verhin­dert jede Diskussion. Immer erstmal abar­beiten, was auf den Tisch gebracht wird und dafür Argumente bringen. Eine Frage wird in ihrem Gehalt nicht geringer, wenn der Fragesteller angeb­lich nicht quali­fi­ziert ist. Mit diesem Argument bringt man auch gerne Kinder zum Schweigen, wenn sie kluge Fragen stellen: „Werd du erstmal groß!“

  74. Arnd

    ach, wer von uns ist denn noch so unschuldig wie das sprich­wört­liche kind? wenn wir schon bei klischees ange­langt sind, dann möchte ich auch mit einer gegen­frage antworten: wer ohne schuld ist, der werfe den ersten ersten stein. ist so gar biblisch.

    aber nun mal im ernst. es geht doch hier um fach­liche haltungen und wie man diese zum ausdruck bringt, oder täusche ich mich?

  75. Hans

    ## Betr. Scan: Danke, Alex – war eine quasi rheto­ri­sche Frage, und ist hoffent­lich keine rheto­ri­sche Antwort – aber ja, will ich haben – ich denk mir was aus womit ich mich revan­chieren kann. ciao, ich schick dir auch ne mail ##

  76. HD

    Was ich an Alex recht genial finde – er lästert nicht hinter vorge­hal­tener Hand, was ja mal bran­chen­üb­lich ist, sondern sagt es laut. Respekt, Meister. Man mag nicht unbe­dingt der glei­chen Meinung sein, aber respekt, sich nicht anonym auszu­kotzen, sondern offen.
    Eigentlich schade, dass Meiré nix sagt, das fänd ich super.

  77. erik

    Eigentlich schade, dass Meiré nix sagt

    Das ginge ja nun über­haupt nicht: sich erst auf den Designolymp schwingen und Abstand zum gewöhn­li­chem Designervolk herstellen, die ja durch diese Aussagen alle als Banausen entlarvt sind (die gestalten noch, dazu mit altmo­di­schem Handwerk!), und dann womög­lich mit diesen „Kollegen“ auch noch auf Augenhöhe disku­tieren! Da müssen wenigs­tens Architekten her, die Chefärzte der Designwelt. Ich würde mich nicht wundern, wenn MM als nächsten Trend die Rückkehr der Rotis verkündet. Wenn alle sie schlecht finden, muss ja was Gutes dran sein.

  78. Hans

    ## (erik: du hast die schreib­weise groß/klein geän­dert; verflixt!) Liebe Freunde des Boxsports: Alex(ander) Branczyk hält Wort – das war schneller als ich mich mit erhöhter Dringlichkeit zum Bahnhofskiosk schleppen kann … weiter mit Musik, cheers. Ich geh schlafen ##

  79. Pascal

    Branczyks Arbeiten sind der letzte Müll… also sowas von gesichtlos und 0815… habe ich selten gesehen. Wir brau­chen in Deutschland einfach mehr richtig gute Gestalter mit einer Haltung wie Fons Hickmann, Mike Meiré, Florian Lambl, Ade Hauser Lacour, Mario Lombardo, Krieger des Lichts etc. DAS sind gute Designer, und sorry, nicht Hr.Branczyk. Das sieht aus wie von nem durch­schnitt­li­chen Mediengestalter aus dem tiefen Westerwald….

  80. lara

    pascal hat ja irgendwo recht: man muss sich nur so wunder­volle sachen anschauen wie mike’s farm­pro­ject und das star­dust festival von mark borthwick… er schafft halt absolut kultu­relle rele­vanz. seine arbeiten sind bedeu­tend, vor allem weil sie halt anders sind.

    bran­c­zyks macht , und das muss man jetzt mal so sagen, absolut mittel­mä­ßige sachen, die halt nicht wirk­lich charakter oder seele haben. aber solange die kunden zufrieden sind und das geld rein­kommt, ist doch okay für ihn…

    an mikes sachen wird man sich auch später noch erin­nern……….

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