Fünf Fragen an Johannes Bergerhausen

Nach dem Kommunikationsdesign-Studium 1993 ging er nach Paris, Prof. Johannes Bergerhausen, Jahrgang 1965. Dort arbei­tete er für so unter­schied­liche Projekte wie für das Centre Pompidou, für Arbeitsloseninitiativen und bei den Gründern des Grafikerkollektivs Grapus, Paris-Clavel und Pierre Bernard. 1998 erhielt Johannes Bergerhausen das begehrte Stipendiat des Centre Nationale des Arts Plastiques.

Aus dem geplanten Jahr in Frankreich wurden an Ende sieben. 2002 berief die Hochschule Mainz Bergerhausen als Professor für Typografie und Buchgestaltung. 2004 star­tete er das viel­fach ausge­zeich­nete Projekt decode­u­ni­code, geför­dert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

TYPO-Berlin-15-05-22-Gerhard-Kassner-Monotype-0822Er spannte die Entwicklung der  Zeichen von der Keilschrift bis zu den Emojis: Johannes Bergerhausen, bekannt auch als Mr. Unicode, im Mai auf der TYPO Berlin. Foto: Gerhard Kassner/Monotype

Seitdem hält er zahl­reiche Vorträge welt­weit, ist Mitglied im ATypI und erhielt zahl­reiche Auszeichnungen.  Mit Kollegen in Mainz grün­dete er 2004 das Institut Designlabor Gutenberg. 2011 veröf­fent­lichte er gemeinsam mit Siri Poarangan decode­u­ni­code — Die Schriftzeichen der Welt, 2012 gab es dafür den Designpreis der Bundesrepublik in Gold. Seine aktu­elle Publikation: Digitale Keilschrift mit Keilschrift-Font.

Fontblog: Was hat Dich bewogen, Dein Augenmerk auf Schriftzeichen zu legen?

Die selt­same Welt der »Sonderzeichen«, also alles was über das übliche A bis Z und 0 bis 9 hinaus­geht. Jeder typo­gra­fi­sche Laie hat heute Zugang zu weit mehr Zeichen als es Gutenberg jemals hatte. Dabei ist vielen nicht klar, welcher Schatz sozu­sagen unter der Tastatur verborgen ist.

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Unicode ist ein inter­na­tio­naler Standard, der für jedes sinn­tra­gende Schriftzeichen oder Textelement aller bekannten Zeichensysteme und Schriftkulturen einen Code fest­legt

Wir verwenden täglich Zeichen wie »€« oder das Komma — aber kaum bekannt ist, wer sie »erfunden« hat oder wo sie herkommen. Unicode hat sich dabei im letzten Jahrzehnt zu einer Sammlung der Schriftzeichen der Menschheit entwi­ckelt. Fast jede Schriftkultur ist dort vertreten und damit haben wir einen neuen, globalen und verglei­chenden Blick auf die typo­gra­fi­schen Zeichen.

Fontblog: Mainz gilt als Wiege des Buchdrucks. Wo kann man in Mainz heute auf den Spuren Gutenbergs wandeln?

Natürlich im Gutenberg-Museum. Keine 500 Meter von unserer Hochschule Mainz entfernt finden sich nicht nur zwei Exemplare der Gutenberg-Bibel in einem eigenen Raum mit Panzerschranktüren, sondern auch viele Wiegendrucke oder Originale von Rodtschenko. Die Bibliothek ist sehr gut sortiert und Forscher können dort auf Anfrage auch mal einen Originaldruck von Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer begut­achten. Dort laufen auch sehr gute Ausstellungen wie der Call for Type aus denen Publikationen wie die »Texte zur Typografie« oder »Neue Schriften« meiner Kolleginnen Eisele und Naegele hervor­ge­gangen sind. Das Museum betreibt einen eigenen Bereich in dem man Buchdruck-Workshops machen kann. Auch die Mainzer Kinder lernen hier drucken.

Übrigens gibt es kein authen­ti­sches zeit­ge­nöss­si­ches Portrait Gutenbergs, obwohl wir alle das Bild des bärtigen Patriziers im kollek­tiven visu­ellen Gedächtnis haben.

Fontblog:  Du widmest Dich seit vielen Jahren dem Unicode-Projekt, dem inter­na­tio­nalen Standard für Schriftzeichen für alle Sprachen der Welt. Hast Du ein persön­li­ches Lieblingszeichen?  

Unicode ist voll skur­riler, inter­es­santer Zeichen. Der fran­zö­si­sche Gestalter Pierre Bernard sagte einmal: »Alle Farben sind schön.« Nehmen wir diese beiden Zeichen:

¤ U+00A4: CURRENCY SiGN: Als der (ameri­ka­ni­sche) ASCII-Code in den 1960er Jahren inter­na­tional werden sollte, weigerten sich Vertreter der osteu­ro­päi­schen Gremien, den Dollar, das Zeichen des Kapitalismus, darin aufzu­nehmen. Im Kommunismus wirkte es wohl damals wie das Zeichen des Teufels. Also schlug man vor, ein allge­meines Zeichen für »Währung« zu entwerfen. Gesagt, getan: so entstand ¤. Es soll eine Münze darstellen, die im Sonnenlicht glänzt. Jeder Type-Designer muss heute ein Currency Sign entwerfen, dabei wurde es prak­tisch nie verwendet. In Japan soll es Teenager geben, die es jetzt als ein Zeichen für »Kuss« per SMS verwenden.

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Lieblingszeichen: Relikt aus dem kalten Krieg, das block­über­grei­fende Currency Zeichen und das aus einem alten japa­ni­schen Zeichen entlehnte Postal Mark Sign

U+3020 POSTAL MARK FACE, das Maskottchen der japa­ni­schen Post. Es wider­spricht eigent­lich der Unicode-Regel, keine Logos aufzu­nehmen. Da es aber aus einem alten japa­ni­schen Zeichencode stammt wollte man Kompatibilität herstellen, deshalb wurde es doch aufge­nommen. Es trägt im oberen Bereich das Zeichen U+3012 POSTAL MARK, das Logo der japa­ni­schen Post. Und das wiederum geht auf U+30C6 KATAKANA LETTER TE zurück, das Silbenzeichen für /te/, was sich wiederum aus dem japa­ni­schen Wort »teilshin« für »Kommunikation« ableitet.

Fontblog:  Vor einem Jahr enthielt der Unicode-Standard 113.021 Zeichen. Gibt es ein Zeichen, dass dort fehlt? Und eine Sprache, die für Unicode noch erschlossen werden muss?

Unicode codiert keine Sprachen (es gibt unge­fähr 7.000 welt­weit; Tendenz stark fallend), sondern Schriftsysteme (davon gibt es rund 200). Nach nun bald 25 Jahren Arbeit des Unicode Konsortiums fehlen immer noch ein paar Dutzend Schriftsysteme. Dies sind die soge­nannten »Minority Scripts«, die nur von kleinen Schreiber-Gruppen verwendet werden oder gar ausge­storben sind. Peu à peu sollen sie in den nächsten Jahren aufge­nommen werden.

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Minority Scripts Teil 1: Der Font DecodeCuneiform von J. B., Andrea Krause, Stefan Pott, Institut Designlabor Gutenberg, Hochschule Mainz, 2014

Auch die ausge­stor­benen Schriftsysteme müssen in den Unicode, damit diese Texte auch eines Tages digi­ta­li­siert vorliegen können. Wenn wir alle Schriftstücke der Menschheit digi­ta­li­sieren wollen, dann sollten z. B. die Texte der rund 500.000 Tontafeln in Keilschrift nicht fehlen. Deshalb haben wir letztes Jahr im Institut Designlabor Gutenberg (IDG) bei uns an der Hochschule Mainz eine digi­tale Keilschrift entwi­ckelt, ein typo­gra­fi­scher Font für die rund 1.000 Keilschriftzeichen.

Die Script Encoding Initiative (SEI) der Linguistin Dr. Deborah Andersons in Berkeley, USA unter­stützt seit Jahren die Codierung der noch fehlenden Schriftsysteme. Diese Arbeit braucht noch mehr Unterstützung!

Fontblog: Auf Mobilgeräten wird immer häufiger mit Zeichen statt Worten kommu­ni­ziert. Sind Emojis die kommende Schriftsprache?

Logogramme (Wortzeichen) wie die Emojis sind erstaun­liche Wesen. Sie können sowohl als Piktogramm als auch als Ideogramm fungieren. So steht das »« als Piktogramm (Bildzeichen) für das, was man sehen kann: das physi­sche Objekt »Herz«. Aber als Ideogramm (Begriffszeichen) steht das gleiche Zeichen »« für den nicht sicht­baren Begriff »Liebe«. Wie beim unsterb­li­chen Claim I♥NY von Milton Glaser von 1977. Übrigens wurde das 2011 als erstes Pikto in das ehrwür­dige Oxford English Dictionary aufge­nommen.

Bergerhausen Unicode4Minority Scripts Teil 2: Zwei Glyphen des Schriftsystems Bamum, es wird in Kamerun von ca. 215.000 Schreibern verwendet. Jetzt auch im Unicode.

Heute haben erst zwei von sieben Milliarden Menschen einen Internetzugang. In den nächsten Jahren soll mindes­tens eine Milliarde aus den soge­nannten Schwellenländern dazu kommen, die meisten über Smartphones. Je mehr Menschen die Emojis entde­cken, desto eher könnte es Zeichen geben, die inter­na­tio­nale Karriere machen, wie die analoge Geste »okay«. Der Daumen nach oben wird heute welt­weit verstanden. Den haben ja schon die römi­schen Kaiser verwendet.

Ich glaube aber nicht, dass die Emojis die Alphabete wie das Lateinische verdrängen werden. Die Emojis sind eben keine komplette Schriftsprache. Es gibt solche Gags wie »Emoji Dick« (Moby Dick als Text aus Emojis), das ist einen Tag lustig, aber das kann ja kein Mensch wirk­lich lesen! Sehr viele Emojis werden nur als Kommentar auf einen geschrie­benen Text verwendet.

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Johannes Bergerhausen veröf­fent­lichte über Schriftzeichen und Zeichensysteme im Verlag Hermann Schmidt Mainz:

Am Freitag kommender Woche (26. Juni) spricht Johannes Bergerhausen auf dem TYPO Day Zürich.


4 Kommentare

  1. .

    Jeder typo­gra­fi­sche Laie hat heute Zugang zu weit mehr Zeichen als es Gutenberg jemals hatte.

    Tja, leider kann der wenig versierte Laie wenig mit den Sonderzeichen anfangen; er wird tatsäch­lich schon vom großen Eszett über­for­dert.

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