Fundstücke aus der Provinz (2)

Unser Spaziergang beginnt im Feld, ober­halb meiner Heimatstadt. Mähdrescher der Marke John Deere ernten gerade Raps. Früher wurden hier Roggen, Weizen, Mais und Hafer ange­pflanzt, heute ist die Biodiesel-Pflanze die klare Nummer 1 auf den Äckern des Goldenen Grunds. Ich muss mich nicht bücken, um das beein­dru­ckende Michelin-Logo auf dem 2 Meter hohen Traktorreifen zu foto­gra­fieren.

Betritt man das Städtchen über die Lisztstraße, stößt man am Mühlweg auf das Restaurant Casamar, das vorges­tern geschlossen wurde. Trotz medialer Unterstützung durch die Kabel-1-Fernsehserie Hagen hilft (iTunes-Episoden-Link) gab der Wirt Jürgen Müller nach zwei Jahren auf. Er trägt es mit Fassung, für ihn ist das Kapitel Casamar Geschichte.

Ich glaube der Fall Casamar zeigt, dass ohne Kommunikationsdesign nichts läuft … da kann die Küche noch so gut und noch so günstig sein. Der TV-Unternehmensberater Stefan Hagen hat sich um die Speisen und die Positionierung des Restaurants geküm­mert, aber nicht um dessen Namen, das Erscheinungsbild und die Werbung. Wenn man sich im Hochparterre eines Ärtzehauses in einer Kleinstadt einnistet, das nicht nach Gaststätte aussieht, muss man mit eindeu­tigem Namen und Signalen auf sich aufmerksam machen. Warum nicht »Zur Mühle«, denn die stand dort zuvor jahr­zehn­te­lang und das wissen viele Bürger der Stadt noch. Casamar versteht keiner, und wenn man es versteht, werden viele Einheimische den Kopf schüt­teln, denn Meereskost am Emsbach ist ziem­lich weit herge­holt.

Völlig verun­glückt: das über­ge­schnappte Logo, mit unles­barem Namen, unver­ständ­lich in seiner Aussage. Am Haus funk­tio­niert es über­haupt nicht. Wenn man davor steht fragt man sich »Wo ist hier ein Restaurant, bitte­schön?«. Und so glaube ich, dass 90 Prozent in meiner Heimatstadt das Casamar gar nicht kennen, obwohl es direkt gegen­über der Post liegt.

Das Darstellungsproblem scheint der Wirt inzwi­schen gemerkt zu haben. Heute schreibt er auf seiner Webseite: »In nur zwei Jahren waren wir zu einem der besten aber immer noch wenig bekannten Restaurant der Gegend aufge­stiegen!« Dann schimpft er noch ein biss­chen auf jene Menschen, die er eigent­lich bewirten wollte. Adieu, Jürgen Müller.

Ebenfalls im Mühlweg, kurz vor der Kreuzung mit der Bundesstraße 8, trifft man an einer ehema­ligen Möbelfabrik auf ein kleines, sehens­wertes Kellerfenster. Es wurde in den letzten Jahren mit alten Holz- und Metallplatten gesi­chert: jede Saison eine neue dazu, wie am Walk of Fame in Los Angeles. Große Kunst.

Wir biegen rechts ab in die B 8 Richtung Frankfurt. Dort liegt eine der letzten geöff­neten Woolworth-Filialen im Land, doch auch sie wird bald schließen. Alles muss raus! Der Schlecker nebenan wird im September folgen, der Matratzenladen im selben Gebäude hat bereits vor mehreren Wochen die Segel gestri­chen. Wenn Schlecker eine Immobilie verlässt, muss sie wirk­lich wertlos sein.

In einer Brache gegen­über erblüht neues Geschäftsleben, links ein Imbisswagen mit Vorbau, der uns neugierig machen möchte, daneben ein Marktwagen, aus dem heraus Backwaren verkauft werden. Davor vier Halteflächen für Kurzparker, was sehr wichtig ist, wenn man in meiner Heimatstadt ein Geschäft betreiben möchte.


7 Kommentare

  1. Thomas

    Oh man, das ist jetzt etwas »off-topic«, aber wenn ich dieses kinder­gar­ten­mä­ßige Rumgeheule wegen der Raucherräume schon wieder sehe. Ist es nicht absolut erbärm­lich, einen ganzen Kneipenbesuch von diesen kleinen Kackdingern abhängig zu machen? Ist deshalb der ganze Spaß vorbei? Aber das ist wohl das Problem mit dem Rauchen – es ist nunmal erbärm­lich und alles, was da als Rattenschwanz dran­hängt, ebenso.

    Das Logo sollte vermut­lich einen total zuge­dröhnten Nikotinjunkie in einer blauen Dunstwolke darstellen :)

  2. robertmichael

    groß­ar­tige doku, bitte mehr davon! kannst du nicht noch etwas mehr urlaub nehmen und für uns durch die provinz reisen? ;)
    die belei­di­gungen auf der webseite von casamar sind echt der gipfel.

  3. körschgen

    solange man lebt soll man rauchen

  4. Stefan

    NichtMehrRauchen ist cool (seit knapp 4 Monaten) und die Type vom Casamar wird nichtmal mehr ne Stelle bei McDingens bekommen. Sorry, das geht mal gar nicht…..

  5. soso

    Ehrlicher weise sollte man dazu sagen das Kommunikationsdesigner immer eine Ausrede haben warum etwas nicht funk­tio­niert,
    Währe statt dessen die „alte Mühle“ pleite gegangen war dann eben das Konzept zu altba­cken, unkreativ, man konnte einfach die jungen nicht errei­chen, einfach schon wieder eine Dorfkneipe warum nicht was ausge­fal­lenes?
    Etwas das südlich klingt? Nach Meer?
    Wie währe es mit Casamar?
    :-P

  6. Jürgen

    @robertmichael: Deine Arbeit für das Brauhaus Pirna »Zum Gießer« zeigt, wie man es richtig macht und wie wichtig die visu­elle Begleitmusik für den Erfolg einer Gaststätte ist.

  7. robertmichael

    danke jürgen. wobei ich auch sagen muss, alles steigt und fällt mit der leis­tung und dem service des hauses. wenn das essen nicht schmeckt und der service nicht funk­tio­niert, da kann die werbung noch so gut sein – keiner würde das haus je wieder besu­chen. bei casamar sah es so aus als wollte man etwas sein was man nicht ist. schuster bleib bei deinen leisten. erst wenn das produkt stimmt, zahlen die kunden auch gerne mehr dafür.

    da finde ich den imbiss­wagen (oder ist das ein pavil­lion?) im letzten bild schon viel ehrli­cher. hier weiss ich was ich bekomme und wenn es mehr wird als erwartet (hey, der hat kunden­park­plätze! ;)) dann freue ich mich und komme gerne wieder.

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