Fonts unter iOS 7: Was wirklich dahinter steckt

Nein … Text und Worte sind keine sinkenden Schiffe unter iOS 7, ganz im Gegenteil

Es mangelte nicht an Ferndiagnosen zur Typografie der neu vorge­stellten Apple-Mobil-Oberfläche iOS 7. Die Live-Übertragung der Keynote von der Entwicklerkonferenz WWDC am letzten Montag hatte noch gar nicht begonnen, als die ersten Schriftenfreunde ihren Sorgen über Twitter Ausdruck verliehen. Unser Freund Stephen Coles machte sich bereits ange­sichts der leichten Helvetica auf den Werbebannern im Moscone-Center (San Francisco) große Sorgen:

Der Ex-New-York-Times-Art-Director Khoi Vinh verglich noch am selben Morgen die Oberfläche des neuen iOS mit der Kosmetik-Abteilung bei Macy’s:

Den frühere Adobe-Type-Kollege Thomas Phinney beschäf­tigte die iOS-7-Typo noch zwei Tage später:

Den frühen Vögeln, die bereits während der Keynote zwit­scherten, möchte ich kurz in Erinnerung rufen,

  • dass es noch mindes­tens 4 Monate dauern wird, bis die finale Version des iOS 7 auf den Markt kommt
  • dass man die Leistung einer Schrift in einem dyna­mi­schen OS nicht anhand von Videos oder Screenshots beur­teilen sollte
  • dass auf der Keynote kein Wort über die dem iOS zugrunde liegende Font-Technik verloren wurde, die sich augen­fällig geän­dert hat.

In den Folgetagen der einwö­chigen WWDC beru­higten sich langsam die Gemüter. Das lag vor allem an den ersten Vorträgen von Apple-Ingenieuren, die sich gezielt der neuen Fontbehandlung widmeten und erste Details durch­si­ckern ließen.

Ian Baird, bei Apple in Cupertino verant­wort­lich für die Text-Behandlung auf den Mobilgeräten, nannte es in seiner Session »das coolste Feature in iOS 7«: Text Kit. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich eine neue Programmierschnittstelle (API) für alle Entwickler, in deren Apps Text eine entschei­dende Rolle spielt. Text Kit setzt auf das hoch entwi­ckelt Core Text auf, eine mäch­tige Unicode-Layout-Engine, deren Möglichkeiten aller­dings nicht so einfach »anzu­zapfen« waren. In Zukunft muss sich niemand mehr mit Core Text herum­schlagen, weil Text Kit als Dolmetscher dazwi­schen geschaltet ist.

Text Kit ist eine schnelle, moderne Text-Layout und -Rendering-Engine, deren einfache Bedienung ins User-Interface-Kit inte­griert ist. Sie gibt den Entwicklern die volle Kontrolle über die Core-Text-Funktionalitäten, um auf diesem Weg das Verhalten von Schrift in allen User-Interface-Elementen fein abzu­stimmen. Hierfür hat Apple die Bausteine UITextView, UITextField und UILabel neu gebaut. Die gute Nachricht: Erstmals in der Geschichte von iOS ergibt sich eine naht­lose Verbindung von Text zu Animationen, sowie den Ansichten UICollectionViews und UITableView. Die schlechte Nachricht: exis­tie­rende text­las­tige Apps müssen umpro­gram­miert werden, um den vollen Textkomfort unter iOS 7 unter­stützen zu können.

Apple hat die Text-Layout-Architektur in iOS 7 neu aufge­baut, so dass Entwickler das Verhalten von Texten und Fonts mit bisher nicht gekannter Freiheit und Dynamik in das User-Interface ihrer Apps inte­grieren können

Was bedeuten die neuen Optionen in der Praxis. Erstmals lassen sich längere Texte in Apps lese­freund­lich und optisch attraktiv in ein Seiten-Layout packen, wahl­weise mit mehreren Spalten und frei­ge­schla­genen Flächen für Abbildungen. Aufregende neue Möglichkeiten verbergen sich hinter den Stichwörtern »Interactive Text Color«, »Text-Folding« und »Custom Truncation«. So wird es beispiels­weise bald möglich sein, dass sich beim Verfassen von Texten unter iOS die Schriftfarbe ändert, sobald die App eine dyna­mi­sche Textkomponente erkannt hat (z. B. Hashtag, Twitter-Account-Name, etc. …). Das Zusammenfalten wir auch das Beschneiden längerer Texte zu einer Vorschau muss nicht mehr den vorge­ge­benen Optionen vorne/hinten/Mitte folgen, sondern kann vom Entwickler frei defi­niert werden.

Mit wenigen Zeilen Code lässt sich unter iOS 7 die Uhrzeit in ansehn­li­cher Typo darstellen, mit propor­tio­nalen Ziffern und korrektem Trennzeichen

Den Ästheten unter den Typografen sei verraten, dass Kerning- und Ligatur-Support über das gesamte iOS 7 einge­schaltet sein werden. Selbst auf hoch­ent­wi­ckelte grafi­sche Effekte, wie die verblüf­fend realis­ti­sche Büttenpapier-Ästhetik (Apple nennt diese Makros »Font Descriptors«), lässt sich unter iOS 7 jetzt spie­lend leicht zugreifen. Zur Beruhigung: Der Buchdruck-Zauber ist im Moment der einzig verblie­bene Skeuomorphismus, der in iOS 7 über­lebt hat, ausge­rechnet in der Notizen-App. Betrachten wir ihn nur als ein Beispiel, was in Zukunft abrufbar sein könnte. Ob man es in Anspruch nimmt, bleibt jedem Entwickler selbst über­lassen.

Die heißeste typo­gra­fi­sche Nummer im neuen iOS 7 ist aller­dings Dynamic Type. Meines Wissens werden die Apple-Mobilgeräte damit die ersten elek­tro­ni­schen Geräte sein, die eine Schriftqualität als selbst­ver­ständ­lich erachten, wie sie zuletzt nur im Bleisatz derart konse­quent gepflegt wurde. Wohlgemerkt: Wir spre­chen von einem Betriebssystem, keine Anwendung oder einem Typografie-Job. Die opti­sche Schriftgrößenanpassung gab es natür­lich auch im Fotosatz und im Desktop Publishing … nicht wirk­lich auto­ma­tisch und mit einigen Sackgassen (Adobe Multiple Master). Und sicher­lich gibt es auch jede Menge Displays in Industrieprodukten, die verschie­dene »Grades« für kleine und große Texte verwenden. Doch bei iOS ist die opti­sche Textgröße ein Feature, mit verblüf­fenden Möglichkeiten, die darauf aufbauen.

Der Dynamic-Type-Wasserfall aus iOS 7 (Mitte), links der Headline-Font im Wasserfall, rechts der Font fürs Kleingedruckte: Noch sind die Laufweiten nicht perfekt … was kein Problem ist, denn iOS gestattet die Modifikation derselben, entweder durch Apple oder den Entwickler

Erstmals ist es Benutzern möglich, dank Dynamic Type die Lesetextgröße in allen Apps (die mit Text Kit für iOS 7 aktua­li­siert wurden) mittels Schieberegler unter Einstellungen → Allgemein  → Textgröße in 7 Stufen dem eigenen Geschmack anzu­passen. Falls die größte Schriftgröße nicht ausreicht, haben Sehbehinderte unter Einstellungen → Allgemein → Bedienungshilfen die Möglichkeit, Dynamic Type bis zur Maximalgröße aufzu­drehen; zusätz­lich gibt es an derselben Stelle noch die Optionen »Lesbarkeit verbes­sern« (stellt die Schrift – bei glei­cher Größe – auf einen leicht fetteren Grad um) und »Hintergrund-Kontrast« opti­mieren.

Fazit: Wenn iOS 7 in wenigen Monaten seri­en­reif ist, wird das Betriebssystem selbst viel­leicht noch nicht die beste Typografie liefern (mit Neue Helvetica). Aber die dem OS zugrunde liegende Text-Layout- und Rendering-Technik bietet (den Entwicklern und Apple selbst) alle Optionen, Texte in bisher nicht gekannter Dynamik und Lesequalität auf die Retina-Bildschirme zu zaubern.


7 Kommentare

  1. Andreas

    Dann möchte ich auch mal kurz in Erinnerung rufen:
    *Entwickler-Accounts haben bereits Zugang zu iOS, von Fernanalyse kann keine Rede sein.
    *Die Kritik der Tweets bezog sich nicht auf die Text-Möglichkeiten in der iOS-Entwicklung, sondern um die fixen Schriften im iOS selbst und in den Standard-Apps. Der Anfang des Artikels hat also über­haupt nichts mit dem Ende des Artikels zu tun.
    *Eine Schrift die super­dünn und mit wenig Kontrast daher­kommt wird eine Qual für alle Personen mit Sehschwächen und auch für alle Umgebungen mit schlechter Sicht sein.

  2. Jürgen Siebert

    Danke für die Präzisierung, die ich gerne aufge­nommen habe:
    1. Es ging um die »frühen Vögel«, die bereits während der Keynote den typo­gra­fi­schen Untergang zwit­scherten (da war die Entwicklerversion noch nicht down­loadbar).
    2. Wer sagt denn, dass sich die »fixe Schrift« im iOS nicht noch ändern kann … Dies ist (jetzt auch für Apple), unkom­pli­zierter als früher, weil (vergleichbar mit CSS): Schriftform und Schriftinhalt jetzt getrennt ange­steuert werden.
    3. Man kann sie kräf­tiger einstellen (steht oben im Text), und sie ist nur in der Großdarstellung leicht (vgl. Abb Dynamic Type)

  3. R::bert

    Danke für diese inter­es­santen und Hoffnung spen­denden Einblicke, Jürgen!
    Habt Ihr eigent­lich eine Ahnung, warum man bei Apple so beharr­lich an der Helvetica fest hält?

  4. Jens Tenhaeff

    Schöner Überblick. Wo ist denn hier der Like-Button?

  5. Martin Taube

    Herr Siebert, danke für diesen aufklä­re­ri­schen Artikel. Sogar der Kollege Spiekermann hatte sich ja dies­be­züg­lich dieser Tage etwas unwis­send geäu­ßert.
    Allerdings sollte man sich bei Apple dann doch mal über die Schriftwahl Gedanken machen. Auch wenn es die beste der Welt ist. Siehe die 100 besten Schrift. Aber Spaß bei Seite. Gerade der wech­selnde Einsatz von Myriad und Neue Helvetica, auf der Website oder bei Mac und iOS erscheint mir inkon­se­quent. Aber ich denke wir sehen hier erst den Beginn von etwas Anderem, Besserem.

  6. jarjarthomas

    *Eine Schrift die super­dünn und mit wenig Kontrast daher­kommt wird eine Qual für alle Personen mit Sehschwächen und auch für alle Umgebungen mit schlechter Sicht sein.

    Genau das ist der Grund warum man nicht meckern sollte bevor man die Fakten kennt.
    In der Einführung zu TextKit wird explizit darauf einge­gangen, dass in den Einstellungen der Kontrast der Schriften erhöht werden kann und die Schriftgrössen in jeder Applikation die TextKit verwendet vom User in den Settings geän­dert werden kann so dass auch visually impaired people damit sogar besser klar­kommen als vorher.

    Es ist fast die Hälfte der Einführung zu Textkit genau dieser Punkt Accessibility.
    Und erste Tests mit meiner sehschwa­chen Mutter zeigen, dass, obwohl das ursprüng­lich auch meine Befürchtung war, wirk­lich besser funk­tio­niert als früher.

    Grundsätzlich finde ich es immer inter­es­sant wieviele Leute glauben es besser zu wissen als die Leute die sich mit dem Thema 2 Jahre lang beschäf­tigt haben (info stammt aus wwdc session zu textkit).
    Wenn etwas so offen­sicht­lich erscheint dass es tausende Leute inner­halb von Minuten twit­tern und meckern, dann könnte die Wahrscheinlichkeit dass man darüber schon lange nach­ge­dacht hat und entweder erkannt hat, kein problem bzw. eine bessere lösung gefunden hat, doch recht hoch sein.

  7. kintopp

    Ganz beson­ders zu empfehlen ist der WWDC ’13 Vortrag, „Using Fonts with Text Kit (Session 223)“ von Ned Holbrook. Dort wurde noch einiges mehr an Überraschungen vorge­tragen. I wish I could say more but my lips are sealed…!

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