Exklusivschrift für den Berlin Brandenburg Airport

[Dieser Beitrag erschien am 20. Mai unter dem Titel »Eine Flughafen-, keine Bahnhofsschrift« im TYPOblog und beschreibt die Präsentation der BBI-Hausschrift von Alex Branczyk auf der TYPO Berlin 2011. Der Text erscheint hier im Fontblog, leicht ergänzt und mit aktu­ellen Abbildungen versehen. Autor: Harry Keller.]

Abflug und Landung: Die Schrift für den neuen Flughafen Berlin Brandenburg International

»Ist das jetzt Arial oder Helvetica? Keine Ahnung.« Über diese Art typo­gra­fi­scher Weltfremdheit kann der TYPO-Berlin-Besucher nur milde lächeln. Natürlich kennen wir die Unterschiede zwischen diesen beiden Schriftarten: Am G, am R, am C, um nur einige zu nennen … ein Dutzend Websites widmet sich ausführ­lich der Anatomie dieser beiden Schritarten. Dass der flap­sige Spruch aus dem Munde eines Vortragenden stammt, verwun­dert zunächst. Doch Alexander Branczyk darf das. Er hat die Schrift für den Berlin Brandenburg International Airport entwi­ckelt.

Um diese ging es zunächst gar nicht. Stattdessen stellte er andere Projekte vor, zum Beispiel ein Haus in Berlin Marzahn, das aus Buchstabenreihen konstru­iert ist. »Christlicher Garten« heißt der Bau, über den Fontblog schon mehr­fach berich­tete, und er ist zwei­fellos einen Besuch wert … Aber sollte nicht die neue BBI-Schriftart präsen­tiert werden? Das sah Branczyk dann auch irgend­wann – fast wider­willig – ein und legte los.

Seine Büro Xplicit ist auf dem Typografiegebiet nicht uner­fahren, schließ­lich entwi­ckelte es die typo­gra­fi­schen Komponenten im Spardabank- und Duravit-Erscheinungsbild. Im Vergleich mit diesen Projekten erscheint die Aufgabe, einen Flughafen mit Buchstaben zu bestü­cken, ungleich verant­wor­tungs­voller, weshalb das Publikum zunächst einen Einblick in die Recherchearbeit bekam. Fazit: Viele Flughäfen sehen gleich oder zumin­dest ähnlich aus: Frutiger, Arial und Helvetica domi­nieren schwarz auf gelbem Grund das Bild der Airport-Leitsysteme.

Dagegen sträuben sich Branczyk und seine typo­philen Mitstreiter von Xplicit, sowie der hinzu­ge­zo­gene Schriftentwerfer Georg Seifert. Sie und die für das Gebäudeleitsystem verant­wort­li­chen Moniteurs Berlin fanden, dass es an der Zeit sei, die omni­prä­sente Frutiger abzu­lösen. Die Uniformität der inter­na­tio­nalen Airports wider­strebt ihnen, sie wollen Individualität. Nicht eine Schrift für alle Flughäfen, sondern passende für jeden einzelnen.

Dennoch begann die Arbeit mit der Frutiger, schließ­lich ist diese für ihre Lesbarkeit bekannt und wurde ursprüng­lich von ihrem Namensgeber für den Charles de Gaulle Flughafen in Paris entworfen. Dann jedoch begannen bei Xplicit die Überlegungen, wie man die Schriftart an die Umgebung Berlin-Brandenburg anpassen könne. Zunächst fiel das Flughafengebäude selbst ins Blickfeld: Dieses empfängt den Reisenden mit einer geome­trisch-kantigen, konstruk­ti­vis­ti­schen Architektur. Daran solle sich auch die Schrift orien­tieren, fand Xplicit und entschied sich gegen Verspachtelungen, gegen ein zu weiches, orga­ni­sches Erscheinungsbild.

Stattdessen sollte die neue Type aufrecht, konstru­iert, gerade und schlank wirken: Leichtigkeit ausstrahlen, als würde sie fliegen. Unter diesen Gesichtspunkten wurden die Buchstaben geöffnet, verschlankt, weniger bauchig konzi­piert. Desweiteren ließ Xplicit typo­gra­phi­sche Feinheiten wie die tz-Ligatur der Berliner Straßenschilder einfließen – ob solche Details es letzt­end­liche in die finale Schrift geschafft haben, durfte oder wollte Branczyk nicht verraten. Die Präsentation des gesamten Corporate Design fand erst am 3. Juni dieses Jahres statt, also nach Branczyks Präsentation im Haus der Kulturen der Welt.

Eine weitere Besonderheit findet sich bei der Anbringung des Leitsystems im Flughafen: Hier wird weitest­ge­hend auf hängende, appli­zierte Schilder verzichtet. Stattdessen werden die Lettern direkt auf den dunklen Holzvertäfelungen des neuen Airports ange­bracht. Dadurch inte­griert sich die Schrift besser, sie wird Bestandteil der Architektur.

Lesbarkeits- und Funktionstest des Gebäudeleitsystems der Moniteurs

Ein Vortrag über eine einzige Schriftart – das gibt es nur auf der TYPO-Konferenz. Die rund 200 Zuhörer, darunter der Schriftenpapst Erik Spiekermann in der ersten Reihe, wissen selbst­ver­ständ­lich alle, welche Arbeit in der Erstellung einer solchen Schriftfamilie steckt, die sowohl für das Leitsystem, die Drucksachen wie auch die Website von BBI geschaffen wurde. Den eiligen Fluggästen hingegen, die Arial und Helvetica tatsäch­lich nicht unter­scheiden können und ab dem kommenden Jahr tagtäg­lich durch BBI eilen und vom durch­dachten Leitsystem profi­tieren werden, bleibt dies sicher­lich verborgen.


54 Kommentare

  1. R::bert

    Großartiges Projekt – groß­ar­tiges Ergebnis!
    Eine sehr sensible Vorgehensweise wurde da an den Tag gelegt. Was mir ganz beson­ders daran gefällt ist die formale Harmonie zwischen Font und Pictogrammen. Da will man ja schon allein wegen dem Leitsystem mal in Berlin landen ; )
    Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir Deutschen wirk­lich so reich sind, uns für einen Flughafen einen eigenen Font leisten zu können/müssen? Ich denke, da gibt es eine Menge guter Alternativen, welche man maximal um eine Serife und entspre­chende Pictos hätte ausbauen müssen. Vielleicht sollten wir auch hier, neben Atomausstieg & Co., langsam mal veran­wor­tungs­be­wusster an unsere Nachwelt denken, die den Schuldenberg irgendwie bewäl­tigen muss. Und dass geht eben meiner Meinung nach schon im »Kleinen« los.

  2. czyk

    … zu erwähnen wäre noch, dass das Gebäude-Leitsystem von Moniteurs Berlin gestaltet wurde. Moniteurs arbeiten seit 5 Jahren gemeinsam mit den Architekten gmp und JSK am Projekt und haben wesent­lich an den Vorgaben für die neue Schrift und die Bauliche Corporate Identity mitge­wirkt. Das Corporate Design für die Print- und Webwelt entwi­ckelte im vergan­genen Jahr Schindler Parent Identity (Realisierung Scholz and Friends), welche die umfang­reiche BER Hausschrift letzt­lich auch in Auftrag gaben. Im Vorfeld hatte es für Moniteurs bereits Testfonts gegeben, die Laufweiten und spez. Schrift-Charakeristika fest­legten, denn das Gestaltungshandbuch für die fast 3.000 Schilder des Leitsystems musste bereits vor Beauftragung de CI fertig sein.

  3. Jürgen Siebert

    Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir Deutschen wirk­lich so reich sind, uns für einen Flughafen einen eigenen Font leisten zu können/müssen?

    Das ist nicht dein Ernst, R::bert?! Die Beschriftung eines Flughafens ist essen­ziell und über­le­bens­wichtig … man denke nur an die Brandkatastrophe im Flughafen Düsseldorf 1996 bei der 16 Menschen erstickten, weil sie die Fluchtwege nicht recht­zeitig fanden. Mal abge­sehen davon: Was glaubst Du denn, wie viele Millionen der Entwurf einer Exklusivschrift kostet? Die Gesamtkosten des Flughafens BBI belaufen sich auf 2,83 Mrd. Euro … ich glaube, die Entwicklung der Schrift lässt sich aus der Kaffeekasse des Betonlieferanten beglei­chen, ohne dass der es merkt.

  4. Ben

    Robert?????? Beim Font einsparen??? Hehe das war hoffent­lich ein Spaß ;-) Naja ich weiß, was du meinst. Aber am Design oder an der Typografie wird ja nur zu oft gespart. Wie Jürgen schon meinte sind die Ausmaße der anderen Kosten weit höher als eine eigene Schrift.
    Auch wenn die Frutiger toll ist und berech­tigt zu den Klassikern gehört. Aber Gott sei Dank, hat dieser Flughafen eine eigene Schrift :-) Es gibt tausende schöne Fonts – und dann immer die Frutiger? Ist ja nicht so, als wäre die Frutiger für Flughäfen genormt.
    Die BER Schrift als eigene Hausschrift finde ich von der Grundidee schon klasse, wie auch vom »Look«. Meine Meckerei wäre eher: Aaaahhhh warum ist diese super-sexy Schrift eine Hausschrift? Ich will sie haben!!! Fast schon gemein, sie uns so zu präsen­tieren, um dann zu sagen: »Du kannst sie aber nicht haben!« Wie fies ;-)

  5. alican

    „Das ist nicht dein Ernst, R::bert?! Die Beschriftung eines Flughafens ist essen­ziell und über­le­bens­wichtig … man denke nur an die Brandkatastrophe im Flughafen Düsseldorf 1996 bei der 16 Menschen erstickten, weil sie die Fluchtwege nicht recht­zeitig fanden.“

    Dieses Argument ist ungültig. Es ging R::bert darum, dass _eine eigene_ Schrift für ein Flughafen über­flüssig ist und nicht darum, die Schilder von Grundschüler machen zu lassen. Funktionell gäbe es mit dieser Schrift, die extra für diesen Flughafen entwi­ckelt wurde und die Schriften, die in anderen Flughäfen einge­setzt und für einige Hundert Euro gekauft werden kann, keinen unter­schied.

    „Was glaubst Du denn, wie viele Millionen der Entwurf einer Exklusivschrift kostet? Die Gesamtkosten des Flughafens BBI belaufen sich auf 2,83 Mrd. Euro … ich glaube, die Entwicklung der Schrift lässt sich aus der Kaffeekasse des Betonlieferanten beglei­chen, ohne dass der es merkt.“

    Das ist eben der Grund, dass die Verantwortlichen bei dieser großen Menge an Beträgen den Überblick verlieren und an vielen Bereichen nicht mehr an Kosten/Nutzen nach­denken. An vielen Bereichen klei­nere Beträge verbrennen führt dazu, dass wir am Ende hinter dem Komma zu höhere Zahlen haben.

  6. Heinrich

    … einige hundert euro …

    wenn aber jeder der für den flug­hafen arbeitet die ausge­wählte schrift kaufen muss kommt auf dauer auch einiges an geld zusammen oder sie nehemn eine ähnliche, passiert leider so oft.
    es musste ein komplettes erschei­nungs­bild erstellt werden also kann man gleich eine passende schrift machen.

    gratu­la­tion an alex und georg.

  7. Jürgen Siebert

    @Heinrich: Es ist doch gerade der Sinn einer Exklusivschrift, dass die Nutzungsrechte beim Auftraggeber liegen. Er alleine entscheidet, wer mit seiner Schrift arbeiten darf. Und wenn dem Flughafen BBI ein konsis­tentes Erscheinungsbild wichtig ist, wird er die Exklusivschrift alle seinen Partnern kostenlos zur Verfügung stellen, damit die gar nicht erst auf die Idee kommen, Ersatz-Fonts einzu­setzen.

    Ich glaube, hier im Fontblog ist mal wieder eine Nachhilfelektion »Corporate Font« ange­bracht.

  8. anderer ben

    @Ben: Nimm einfach Klavika, bei der ist wenigs­tens das Spacing nicht verhunzt.

  9. anderer ben

    @Jürgen: erzähl das der Deutschen Bahn und anderen Heinis, deren corpo­rate fonts man über URW kaufen muss.

  10. Jürgen Siebert

    @anderer ben: Ich kenne die Praxis der Deutschen Bahn nicht so genau. Wenn mir die Bahn den Auftrag erteilen würde, eine DB-Anzeige zu gestalten, ginge ich davon aus, deren Exklusivschrift kostenlos zur Verfügung gestellt zu bekommen. Es kann natür­lich sein, dass diese Praxis befristet war.
    Auch die Mercedes-Schrift Corporate ASE von Kurt Weidemann wurde irgend­wann frei verkäuf­lich. Das kann man nun bedauern … oder erfreu­lich zur Kenntnis nehmen. Nach dem Bericht über die BBI-Schrift in den Berliner Tageszeitungen bekam FontShop eine Handvoll Anfragen, ob es die Schrift zu kaufen gäbe. Alex Branczyk teilte mir dann in einem Telefonat mit, dass dies in den nächsten Jahren wohl nicht der Fall sein dürfte.

  11. Heinrich

    @ jürgen
    das meinte ich doch genau so, es ist besser wenn eine firma eine eigene hat und die an die dienst­leister weiter­gibt.

    ich habe schon selbst corpo­rate fonts erstellt.

    mein kommentar bezog sich auf #5 alican.

  12. Tee

    Klavika rede­sign.

  13. czyk

    Der, lieber Tee, war fast so gut, wie meiner mit der Helveticarial – insbe­son­dere die großen T sind kaum von einander zu unter­scheiden :))
    Die Klavika ist klasse – aber unser ferner Leitstern war ganz klar die Frutiger, als „Mutter“ moderner Flughafenschriften. Und insbes. für das Gebäudeleitsystem von Moniteurs sollte die Schrift ja auch von Anfang an entwi­ckelt werden. Harry Keller schrieb das oben auch. Unser eigent­li­ches Formfindungstool war jedoch eine CI-Matrix, die wir für unsere Auftraggeber entwi­ckelt haben und nach der wir auch stilis­ti­sche Charakteristika der Schrift etwa nach dem Prinzip des Morphologischen Baukastens von Karl Gerstner sehr konkret auf die zu entwi­ckelnde Marke BER maßschnei­dern konnten. Das ist ein span­nendes Tool für die Gestaltung von Corporate Fonts und ich zeige es euch gern beim nächsten Typostammtisch.

  14. Simon Wehr

    Was kostet denn die Entwicklung und Lizenzierung so einer Schrift?
    Da würde mich eine (grobe) Angabe aber schon mal inter­es­sieren.

  15. fritz

    Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir Deutschen wirk­lich so reich sind, uns für einen Flughafen einen eigenen Font leisten zu können/müssen?

    ähäm?

    Warum brau­chen wir noch Schneider, wo es doch H&M gibt, warum noch Torten beim Konditor kaufen, Coppenrath & Co erzeugen Lebensmittel doch viel ener­gie­ef­fi­zi­enter. Warum eigent­lich Graphikdesign? Meine Tochter macht das genauso gut in Word und Paint.

    Herzlichen Glückwunsch an alle Beteiligten. Es freut mich sehr, dass so ein Job in Berlin statt­findet. Nach beBerlin in wenigen Jahren schon der zweite. Weiter so, Berlin!

  16. Mischa K.

    http://​ber​.berlin​-airport​.de/​d​e​r​-​n​e​u​e​-​f​l​u​g​h​a​f​en/
    Hier kann man unten rechts ein pdf down­loaden und die Schrift größer unter die Lupe nehmen.

  17. erik spiekermann

    Exklusivschriften kostenlos verteilen ist falsch, auch wenn das etliche unserer Auftraggeber so machen, Bosch zum Beispiel. Wenn aber ein Dienstleister die Fonts kaufen muss, wie bei der Bahn, dann ist der ganze Vorgang mit Bestellung, Rechnung, Unterschrift unter den Vertragsbedingungen auch ein gutes Instrument um die Bedeutung dieses Schrittes zu verdeut­li­chen. Abgesehen davon, dass es sich jede Agentur leisten kann, für einen Auftrag ein paar Schriften zu kaufen, werden kosten­lose Firmenfonts eher schlecht behan­delt, sie waren ja umsonst. So aber wird jedem Beteiligten deut­lich, dass Schriften einen Wert haben und nicht auto­ma­tisch auf jedem Computer vorhanden sind.

  18. CB

    sehr sehr schön! Kompliment. Die Lücke zwischen Klavika und Camingo hatte ich für ausge­reizt gehalten, sehe jetzt aber, dass da noch Platz ist. Freue mich schon auf die Eröffnung.

  19. Carlos

    Die Schrift gefällt mir gut, das prin­zi­pi­elle Erscheinungsbild auch!

    Aber ob ein Leitsystem, welches sich gut in die Architektur inte­griert, eine kluge Idee ist, wage ich vorsichtig zu bezwei­feln.

  20. HD Schellnack.

    >Exklusivschriften kostenlos verteilen ist falsch
    Das kommt auf den Einzelfall an, oder? Ich finde ja, nichts ist per se «falsch» oder «richtig», sondern man muss ja eine ange­mes­sene Lösung finden. Bestellungswesen kann für einen Klienten mit vielen Partnern schnell zu einem Shoot-Out-Argument gegen einen «eigene» Schrift für die Geschäftsleitung werden. Und macht auch schnell die Durchsetzbarkeit einer Schrift schwierig. In der Praxis habe ich es oft als sinn­voll empfunden, wenn der Kunde selbst unkom­pli­ziert – aber mit einem klaren Kontrollwerkzeug, etwa durch ein CI-Portal online – selbst flexibel und schnell entscheiden kann, was passiert.

    Für große Auftraggeber ist ein externer Parter – wie Lino oder FS – sicher meist hoch­gradig sinn­voll, weil er entlastet. Für klei­nere Einrichtungen oder Unternehmen, die sehr dezen­tral aufge­stellt sind oder mit vielen externen Partnern vernetzt arbeiten, kann es aber auch andere solide Lösungen geben. Wichtig ist, dass es am Ende möglichst reibungslos funk­tio­niert und die Schrift sich durch­setzt, damit am Ende nicht doch wieder Dokumente mit der Arial gestaltet werden, sondern am CD orien­tiert sind. Schrift nied­rig­schwellig verfügbar zu machen ist auf diesem Weg je nach Fall eine sinn­volle Maßnahme, Akzeptanz zu schaffen – ebenso wie digi­tale Templates aus meiner Sicht mehr bringen als CD-Manuals mit «Maßketten». Die sieht zwar schick aus und läßt uns Designer schön «archi­tek­to­nisch» wirken, in der Praxis sind fertige Indesign, Word-, Excel- und Powerpoint-Vorlagen oder AIR-Lösungen, die spezi­fi­sche Medien wie Newsletter maßge­schnei­dert für die Kunden gene­rieren, einfach schöner, weil sie den Leuten, die das CD im Alltag anwenden müssen, Arbeit abnehmen.

  21. mätt

    …und werden die Kosten für den Schriftenkauf letzt­lich nicht auf den Kunden umge­legt? Am Ende bezahlt dieser ein X-faches für etwas, was ihm bereits gehört.

  22. erik spiekermann

    …und werden die Kosten für den Schriftenkauf letzt­lich nicht auf den Kunden umge­legt?

    Wieso machen einige hundert Euro LIzenzkosten ein Projekt x-fach teurer? Ich meine hier nicht die Gestaltung einer Visitenkarte, sondern Kampagnen u.ä., die von Agenturen umge­setzt werden. Bei Honoraren von etli­chen tausend Euro fällt das kaum auf. Oder müssen die Agenturen bei jedem Projekt auch die Lizenzkosten für Photoshop, Indesign et al weiter­be­rechnen? Fonts sind Software und gehören zu den Kosten einer Agentur wie die Leasingraten für den Kopierer oder die Telefongebühren.

  23. erik spiekermann

    und die Schrift sich durch­setzt, damit am Ende nicht doch wieder Dokumente mit der Arial gestaltet werden

    Wenn ein Dienstleister anstatt blau einfach rot nimmt, weil die Farbe gerade im Menü erscheint, wird doch auch kein Auftraggeber den Job frei­geben. Warum sollte er sich die falsche Schrift gefallen lassen? Wenn eine Schrift die Vorgabe ist und diese nicht erfüllt wird, gibt’s kein Honorar. Was hast denn du für Auftraggeber?

    Das sind alles Argumente aus den 80er Jahren, als eine Bundespost noch meinte, die von mir vorge­schla­gene Unternehmensschrift (später als FF Meta veröf­fent­licht) müsste als schweres Blei im LKW zwischen Flensburg und Garmisch zu den Druckereien gefahren werden.

  24. HD Schellnack.

    >Warum sollte er sich die falsche Schrift gefallen lassen?
    Es geht nicht um uns oder andere profes­sio­nelle Dienstleister. Wann immer möglich machen wir CD am liebsten so, dass wir auch selbst die Umsetzer sind, zumin­dest für eine gewisse Zeit – nichts ist gruse­liger als am Reißbrett entstan­denes Corporate, dass dann von anderen Agenturen «evolu­tionär» behan­delt wird. Ich LIEBE es, erst einmal ein Jahr oder länger selbst im Team zu entwi­ckeln, bis in die kleinsten Medien hinein, und zu sehen was funk­tio­niert – anstelle eines Manual hat der Klient danach einen Batschen reale Unterlagen, die er weiter­geben kann und sicher weiß: This works.

    Es gibt aber für jeden Auftraggeber Partner, die – zu Recht – den Teufel tun wollen, sich eine Schrift zu kaufen, wenn Sie nur einen Fragebogen gestalten oder mit Medien des Kunden selbst in einer Kooperation arbeiten. Arbeitet ein Architekt mit einem Partner in Singapur, ist es einfach besser, diesem Partner die Fonts mitlie­fern zu können.

    Insofern sind die «Countdown»-Lizenzen, bei denen du als Partner den Font zwar bestellst, aber gratis bekommst, durchaus prima, aber tatsäch­lich ideal finde ich, wenn eine entspre­chend aufge­stellte CD/Marketing-Abteilung die Sache in der Hand hat und so auch die Kommunikation mit den Partnern etwas im Blick haben kann. Wie gesagt, es ist eine Frage der Unternehmensgröße und -aufstel­lung. Es gibt aus meiner Erfahrung – die ohne jeden Zweifel ja nicht so groß wie deine!!! – nicht den einen Königsweg, sondern immer das, was punk­tuell die besten Ergebnisse bringt.

    Ich glaube auch, einem profes­sio­nellem Design/Werbepartner muss man die Wertigkeit von Typographie nicht per aufer­legtem Schriftkauf beibringen. Es geht zudem oft weniger um desi­gnaf­fine Dienstleister, sondern eben auch um externe Partner, die gar keine Designer sind, aber eben auch mit Powerpoint, Indesign, Word und anderen Dokumenten arbeiten. Und denen unser Auftraggeber gar nicht immer «weisungs­be­fugt» gegen­über­steht, sondern auf Augenhöhe oder sogar als klei­nerer Partner. Da hilft es, wenn die dem Partner nicht erst 600 € für Fonts vorab aufer­legen, sondern eine smarte inte­grierte Lösung aus Templates plus CD-lizen­sierte Fonts haben.

    Man darf dabei nicht vergessen – zumin­dest bei uns ist das so – dass es auch bei durchaus größeren Klienten schon eine gewisse Arbeit ist, über­haupt eine indi­vi­du­elle Hausschrift als ökono­misch sinn­voll zu kommu­ni­zieren. Wobei ich hier nicht für BMW und die Post reden kann, sondern eher für unser Spektrum – also Kulturmarken, Mittelstand und Firmen, die nicht gleich Weltkonzern-Niveau spielen.

    Und ich hoffe nicht, meine Argumente klingen nach den 80s, es ist keines­wegs so gemeint – ich bin ja eher Kind des zuneh­mend digi­talen Workflows. Aber genauso wie ich heute tenden­ziell Kunden bei der Frage nach Bildlizenzen gut mit der Bitte um möglichst «offene» Lizenzen verstehe – so schwierig das zu kommun­zieren ist -, so verstehe ich auch den Wunsch, eine Schriftenlösung zu haben, die keine Hürden schafft, sondern hilft, die Kommunikationsgestaltung gemeinsam mit vernetzten verschie­denen Partnern best­mög­lich zu meis­tern. Durchaus auch hausINTERN also nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz oder Engagement für neue Schriften und Looks zu schaffen.

    Am Ende entscheidet das der Auftraggeber aber ja selbst – will er (zunächst) bei der Entwicklung even­tuell Geld sparen und die Kosten qua Verkauf auf mögliche Partner/Dienstleister verteilen und so ein Schrifthaus betei­ligen? Oder lässt er sich seine Schrift so exklusiv entwi­ckeln, dass er damit mehr oder minder machen kann, was er will.

    Am Ende ist ja am aller­wich­tigsten, dass es gut aussieht, funk­tio­niert und sich möglichst durch­setzt ;-D

  25. mätt

    …sondern Kampagnen u.ä., die von Agenturen umge­setzt werden. Bei Honoraren von etli­chen tausend Euro fällt das kaum auf…

    …fängt CI/CD nicht im Kleinen an? Auch und gerade bei Konzernen wie Die Bahn werkelt mehr als eine Agentur und diese haben nicht alle Bahnetats, bei denen derar­tiges kaum auffällt. Ich erlebe es als Realität, dass sich derar­tige Kosten dann in Honoraren nieder­schlagen, die mit den Realkosten zur Leistungserstellung nur noch wenig gemein haben. Bedingt zu Recht, denn ich finde, eine Exklusivschrift lässt sich in keinster Weise mit Programmen oder Kopierern verglei­chen. Materialkosten, die für einen Prototypbau entstehen, sind doch auch keine allge­meinen Agenturkosten. Kosten, die an einen Kunden gebunden sind, sollten auch so behan­delt werden. Dies hielte ich für fair, womit der Kunde letzt­lich zahlt.

    Ich sehe das wie HD. Wer gewis­sen­haft in diesem Beruf arbeitet, der weiß den Wert einer guten CI zu schätzen ohne sein Portemonnaie zu zücken. Und den rest­li­chen Beteiligten muss dieser Wert hinrei­chend kommu­ni­ziert werden, damit am Ende nicht Bahnhof raus­kommt, wo Bahn drauf­steht.

  26. Emma

    Finde es total süß wie die das Doppel-L so nach oben hoppst. Lebensfreude!
    Nein im Ernst: groß­ar­tige Arbeit – da fühlt sich der Abschied von Tegel hin nach Schönewostok gleich viel mach­barer an.

    Ein biss­chen Offtopic, aber ich würde schreck­lich gerne mal wissen, wer Font + Symbole in CGN verbro­chen hat… dort muss es nichtmal brennen bis was schlimmes passiert, es reicht voll­kommen wenn man verge­bens die Toilette sucht.

  27. reiner

    Ein biss­chen Offtopic, aber ich würde schreck­lich gerne mal wissen, wer Font + Symbole in CGN verbro­chen hat…

    feder­füh­rend war ruedi baur betei­ligt.

  28. R::bert

    Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir Deutschen wirk­lich so reich sind, uns für einen Flughafen einen eigenen Font leisten zu können/müssen?

    @ Jürgen, Ben und fritz
    Erstmal habe ich es bewusst als Frage formu­liert. Klar – klingt auf den ersten Blick lächer­lich und naiv, wenn man die Bauwirtschaft zum Vergleich heran zieht. Aber das hier ist ja kein Beton- sondern ein Fontblog. Mir geht es auch gar nicht so sehr um die Schrift als Solches. Auch nicht darum, Lebens- oder Gestaltqualität zu schmä­lern. Und schon gar nicht darum, die Arbeit der Kollegen madig zu machen. Eher um eine HALTung, welche wiederum VERHALTEN ausmacht. Und da wäre jeder gefragt. Der Betonlieferant ebenso wie der Gestalter. Würde jeder, der irgend etwas für den Staat (also auch für sich selbst) macht, die Reduzierung des Schuldenberges im Hinterkopf haben, kämen wir wahr­schein­lich zu ganz anderen Lösungen.

    Die Beschriftung eines Flughafens ist essen­ziell und über­le­bens­wichtig … man denke nur an die Brandkatastrophe im Flughafen Düsseldorf 1996 bei der 16 Menschen erstickten, weil sie die Fluchtwege nicht recht­zeitig fanden.

    Genau! Und warum muten wir es dann den Fluggästen zu, auf jedem Flughafen neue Leitsysteme lernen zu müssen? Bei der Bahn hat auch nicht jeder Zughafen, äh Bahnhof (sorry Cluseo ; ) ein extra Erscheinungsbild. Vom PKW-Verkehr mal ganz abge­sehen. Und keiner hat sich bisher über fehlende Individualität beschwert. Warum also auch bei Flughäfen nicht mal in die andere Richtung denken?
    Außerdem, was meinst Du wie vielen Leuten mehr es richtig mies gehen würde, wenn die Staatsschulden pro Kopf umge­la­gert würden?

    Mal abge­sehen davon: Was glaubst Du denn, wie viele Millionen der Entwurf einer Exklusivschrift kostet?

    Ich weiß es nicht. Willst Du es mir verraten? Mit 10.000 € wird man inkl. Leitsystem wohl nicht hinkommen.

    Ich glaube, die Entwicklung der Schrift lässt sich aus der Kaffeekasse des Betonlieferanten beglei­chen, ohne dass der es merkt.

    Das ist der Ansatz, mit dem sich, wenn alle so denken, nie etwas ändern wird.

  29. HD Schellnack.

    >Und warum muten wir es dann den Fluggästen zu, auf jedem Flughafen neue >Leitsysteme lernen zu müssen?
    Die Frage find ich richtig gut. Denn für eine Vereinheitlichung spricht ja einiges, Skalierungsfaktoren, schnel­lere Orientierung, Effizienz, Ersparnisse – eigent­lich die ganzen Argumente, die Web-Design-Vereinheitlicher gerne auch anführen. Ich kanns hier nur anhand eines Bildes beur­teilen – aber es sieht ja so aus, als hätte das Moniteurs-Team hier eine eher solide Lösung mit den übli­chen Pfeilen und anderen Signaletik-Standards gefunden, die nun wirk­lich niemanden kopf­krat­zend zurück­lassen wird. Die Individualität bezieht sich ja nicht auf die Semantik des Systems, sondern auf Details in Betonung und Akzenten. In den meisten Airports findest du dich doch sofort zurecht, egal ob nun Helvetica oder sonstwas, egal ob die Pfeile diesen oder jenen Winkel haben, da liegen ja Standards sozu­sagen einge­bettet.

    Auf der anderen Seite – ich selbst finde Köln-Bonn ja zum Beispiel ganz prima, zumin­dest die Absicht macht gute Laune und ich mag die poppigen Icons, die eben gerade nicht für immer sein können sondern visuell altern – ist es als Reisender doch auch schön, verschie­dene Leitsysteme zu entde­cken, sich zu ärgern oder zu freuen, so wie auch verschie­dene CDs bei Firmen Sinn machen und die Basics ja doch immer die glei­chen sind. Die vielen verschie­denen Ansätze – die über die Jahre ja auch vonein­ander lernen – sind ein evolu­tio­närer Lernprozess, während auf den Autobahnen eben genau das nicht passiert, viel­leicht auch nicht passieren kann, denn es ist EIN System (wenn auch ein großes) und Flughäfen sind mehrere verschie­dene Systeme. Mich würde viel­leicht auch irri­tieren, auf JFK zu starten und in Amsterdam mit dem glei­chen Look begrüßt zu werden. Das Alex hier etwa einen Schritt wegmacht von den me-too-Schriften ist doch eine span­nende Sache. Die Frage ist dann irgend­wann, ob es dauer­haft zeitlos (Vignelli) sein wird oder ob man nicht in 10 Jahren sagt: Müssen wir mal neu machen, weil diese Ästhetik nicht mehr passt. Das Ergebnis wäre, dass Airports sich wie andere Designs regel­mäßig abtasten, über­prüfen, «relaun­chen». Kann ich mir span­nend vorstellen, leben­diger.

    Und 10.-20.000 für eine gut ausge­baute haus­ei­gene, durch­li­zen­sierte Schrift für Leitsystem, Print, Web usw – das wäre ein für ein solches Projekt sehr sehr fairer Preis (ich kenne den Preis nicht, würde Czyk aber deut­lich mehr gönnen :-D), der auch sehr schnell wieder einge­spielt wäre. Und die Schrift ist ja auch eins der «Gesichter» des Auftritts ist – so prägnant wie sie ist sogar ein wich­tiges – ist das gut ange­legtes Geld. Vom Architekten bis zur Werbeagentur – der Rest ist wahr­schein­lich teurer.

  30. R::bert

    @ erik spie­ker­mann
    Wissen Sie, was aus den Exklusivschriften Audi Sans/Serif, Nokia Sans/Serif und IKEA-Futura geworden ist?

    Exklusivschriften kostenlos verteilen ist falsch, auch wenn das etliche unserer Auftraggeber so machen, Bosch zum Beispiel.

    Wenn die oben Genannten aber so einfach im Nirvana versauern, ist es doch auch schade drum. Eine kosten­lose Verteilung wäre da doch ganz okay, oder?
    ; )

  31. czyk

    Ein typo­gra­phisch charak­te­ris­ti­sches Erscheinungsbild ist keine Verschwendung von Material und Ressourcen: Weil du eine eigene Handschrift hast, brauchst du ja nicht mehr Tinte.

  32. Heinrich

    ist das hier neid was bei manchen durch­kommt? mögen die argu­mente auch einen sinn haben aber träumt nicht jeder von so einem projekt mit einer exklu­siven schrift?
    wenn es darum geht um geld zu sparen dann könnten wir alle aufhören zu arbeiten und unsere kunden machen alles selbst, endlich wird es deutsch­land besser gehen.

    wenn deutsch­land sparen soll, dann sollen sie privat­fern­seh­sender abschaffen und die folgen der verdum­mung würden mehr geld einsparren.

  33. R::bert

    @ czyk
    Wer redet denn von »Ressourcen«?

    Weil du eine eigene Handschrift hast, brauchst du ja nicht mehr Tinte.

    Anders: die eigene Handschrift muss ich nicht erst vorzeichnen, konstru­ieren, hinten, kernen, etc. Eine neue, gut lesbare Schrift dagegen schon. Und das für mehrere Schnitte. Aber wem sag’ ich das?
    Wo kommt eigent­lich die Serif-Version zum Einsatz? Im Mengentext beispiels­weise (Imagebroschüre) konnte ich sie nicht finden.

  34. erik spiekermann

    Wissen Sie, was aus den Exklusivschriften Audi Sans/Serif, Nokia Sans/Serif und IKEA-Futura geworden ist?

    Ja, die sind alle­samt durch neue ersetzt worden. Wobei Audi Sans nur eine eigene Version der Univers Extended war und die Audi Serif der Times. Nokia hat meine Fonts durch eine neutra­lere (man kann auch sagen: nichts­sa­gen­dere) Schrift abge­löst und Ikea hat in dem Moment eine Web-opti­mierte Systemschrift (Verdana) genommen, in dem es möglich wurde, auch eigene Schriften Web-taug­lich zu machen. Solche Konzerne brau­chen eben etwas länger. Es hat uns mindes­tens 3 Jahre gekostet, Bosch von den Vorteilen einer Exklusivschrift zu über­zeugen. Geld und Kontrolle des Vertriebs waren dabei entschei­dende Argumente. Ständig für neue Märkte und neue Versionen Lizenzen zu bezahlen war teurer als sich ein für allemal etwas eigenes bauen zu lassen. Die Eigenständigkeit im Auftritt war quasi der Bonus, nicht jedoch der Treiber.

    Übrigens kann man auch eine bestehende Schrift zur eigenen machen, die dann aber auch jeder Dienstleister bezahlen muss. Marlboro hat die Neo Contact als Erkennungstypo. Kann jeder billig kaufen, aber alles damit Gesetzte würde nach Marlboro aussehen.

  35. R::bert

    Ja, die sind alle­samt durch neue ersetzt worden. Wobei Audi Sans nur eine eigene Version der Univers Extended war und die Audi Serif der Times. Nokia hat meine Fonts durch eine neutra­lere (man kann auch sagen: nichts­sa­gen­dere) Schrift abge­löst und Ikea hat in dem Moment eine Web-opti­mierte Systemschrift (Verdana) genommen, in dem es möglich wurde, auch eigene Schriften Web-taug­lich zu machen.

    Danke – wusste ich aber doch schon. Ich meinte eher, wie es mit den alten Fonts weiter­geht bzw. weiter­gehen könnte? Ist ja gerade so, als ob da einer ’ne funk­tio­nie­rende Letterpresse in den Sperrmüll gegeben hätte. Okay – hier ist es nicht die Presse, hier sind’s die Lettern. Aber keiner von uns würde die Letterpresse doch ohne weiteres auf dem Sperrmüll stehen lassen ; )

  36. erik spiekermann

    Oh, danke! Ich weiss zwar nicht, wie das mit den Rechten ist, aber mich würde wohl niemand abmahnen, wenn ich jetzt die Nokia Schriften für den eigenen Gebrauch verwenden würde. Aber warum sollte ich? Ich habe genug eigene Schriften, und die Identifizierung mit der Marke wird noch eine Weile bestehen bleiben. Außerdem gibt es soviele tolle neue Schriften, dass es mir jeden Tag leid tut, dass ich keine Flyer oder sowas gestalten kann, auf denen ich das alles auspro­bieren könnte.

  37. R::bert

    Aber warum sollte ich? Ich habe genug eigene Schriften, und die Identifizierung mit der Marke wird noch eine Weile bestehen bleiben. Außerdem gibt es soviele tolle neue Schriften, dass es mir jeden Tag leid tut, dass ich keine Flyer oder sowas gestalten kann, auf denen ich das alles auspro­bieren könnte.

    Ja richtig! Man könnte aber den Futura- und Univers-Kunden mal etwas entgegen kommen ; )

  38. czyk

    „Ressourcen“: Ich wollte erst ernst­haft was zum Thema Senkung der Staatsverschuldung durch konse­quentes Sparen an Schrift und Typografie, aber dann wars mir doch zu blöd ;) Doch dabei war mir dieser hübsche Satz einge­fallen mit der Handschrift und der Tinte, den ich zu schön fand, um ihn wieder zu löschen – weil er ja ein Lichtchen auf das eigent­liche Problem wirft: nämlich unseren verschwen­de­ri­schen Umgang mit Ressourcen, der in der Tat sehr zu geis­seln ist! Aber eben nicht durch Verzicht auf Kultur(dienstleistung).
    @ Erik: Ja, so viele tolle neue Schriften, dass es schmerzt, sie nicht alle einsetzen zu können!

  39. HD Schellnack.

    >dass es schmerzt, sie nicht alle einsetzen zu können!
    Amen – so viele Kunden kann man derzeit gar nicht haben, wie es gute bis heraus­ra­gende Releases gibt. Immer wenn ich denke, Chris Rehberger hat Recht und man sollte sich auf 10 Schriften eingrenzen (seine Arbeit beweist ja, wie eben doch verschieden und zugleich irgendwie «bündiger» die Ergebnisse so werden) , kommt eine neue gran­diose Schriftenfamilie auf den Markt und man denkt doch sofort darüber nach, was man damit schönes anstellen könnte.

  40. Schwalbenkoenig

    Darf ich R::berts Frage (wie ich meine) noch verdeut­li­chen? Herr Spiekermann, ist es geplant, die ehema­ligen exklu­siven Hausschriften von Nokia etc. auch als Retail-Fonts heraus­zu­bringen?

  41. erik spiekermann

    ist es geplant, die ehema­ligen exklu­siven Hausschriften von Nokia etc. auch als Retail-Fonts heraus­zu­bringen?

    Das kann ich nicht sagen, mir gehören sie ja nicht.

    Chris Rehberger hat Recht und man sollte sich auf 10 Schriften eingrenzen

    Dieser Spruch (auch von Weidemann seiner­zeit immer gerne gebracht) ist nur eine Ausrede für Faulheit. Möchte mal wissen, ob Chris immer die glei­chen 10 Musikstücke hört und seit 20 Jahren keinen Film mehr gesehen hat. Gestaltung ist eben Arbeit, und die macht Arbeit.

  42. Schwalbenkoenig

    Das kann ich nicht sagen, mir gehören sie ja nicht.

    Tatsächlich? Ist es bei Schriften nicht auch so wie bei Fotografen u.a., dass dem Schöpfer das Werk gehört, nur der Benutzer (exklusiv) die Schrift verwenden darf? Oder haben Sie Ihren Exklusiv-Schriften eine immer­wäh­rende Lizenzvereinbarung mit dem Kunden gewährt? Andere Schriftenhäuser bringen ja auch ihre ehema­ligen Exklusivschriften nach Ablauf der Lizenzvereinbarung als Retail-Font heraus.

  43. HD Schellnack.

    >Dieser Spruch (auch von Weidemann seiner­zeit immer gerne gebracht) ist nur eine >Ausrede für Faulheit.

    Das Zitat ist etwas verzerrt – ich habe ja gesagt, manchmal denke ich…

    Das Ding ist, Chris‘ «Faulheit» wie du es nennst, sieht nun wirk­lich verdammt gut aus. Sie schafft einen kohä­renten Charakter in seiner Arbeit für verschie­dene Kunden und sozu­sagen qua Einschränkung einen Stil, der dann durch andere Mittel gebro­chen wird. Im besten Sinne same­same­but­dif­fe­rent. Ich halte Chris für einen verteu­felt guten Designer (und ein guter Designer kann und darf ja auch mal faul sein, im Sinne von effi­zient), und wenn so einer sagt: 10 reicht, dann denke ich über so was im Hinblick auf meine eigene Haltung natür­lich und auch gern nach. Der Mann spielt nur ein Instrument, im über­tra­genen Sinne, und kriegt zig verschie­dene Sounds daraus – das ist enorm respek­tabel, denn eine schlichte Moderne à la Vignelli fährt Chris ja nicht unbe­dingt.

    Ich erin­nere mich auch, das Niklaus Troxler mir mal erzählte, Geheimnis seiner großen Kreativität bis in die hohen Jahre sei, dass er sich immer wieder Dinge wegnähme und selbst Grenzen setzt. Dieses Plakat jetzt NUR in Schwarzweiß. Dieses NUR als Collage. Dieses NUR hand­made. So kleine, selbst­ge­wählte Grenzen – und darin findet er dann wieder Möglichkeiten, auszu­bre­chen und sich gegen die (eigenen) Grenzen zu wehren und wird dadurch kreativ. Finde ich nicht faul, finde ich eine sehr nach­voll­zieh­bare Strategie, um sein Gehirn unter Feuer zu halten – und Niklaus Arbeit spricht da ja für sich.

    Aber unterm Strich bin ich ein Fontjunkie, plain & simple. Ich mag die kleinsten Unterschiede, die feinsten Nuancen, ich könnte nie nur mit Univers durchs Leben, ich liebe es, immer wieder ein anderes Instrument zu spielen, mich auch mal zu verspielen, aber ich bin effektiv viel zu neugierig, um immer wieder die glei­chen Schriften in die Hand zu nehmen. Für mich gilt das absolut perfekt passende, leider schon von dem gran­diosen Bill Cahan verwen­dete «I am always hungry». Und ich will eben nicht jeden Tag Schinken und Ei essen.

    Aber – und das ist das schöne – unter dem «Umbrella» Design finden wir alle auf ganz unter­schied­li­chen Wegen zu (hoffent­lich) guten Ergebnissen und (hoffent­lich) Erfolg. Ich glaube gerade in unserem Feld gibt es kein «falsch» und «richtig» im Weg (viel­leicht aber in den Resultaten, keine Ahnung) – und das ist auch gut so. Ich entdecke immer, dass ich in bestimmten Dingen 400% wie Kollegen denke, in anderen einen ganz anderen Weg habe. In der Art, den Kunden ins Zentrum zu stellen, also eine Dienstleistung zu liefern, bin ich glaube ich immer sehr von dir und deiner irgendwie «briti­schen» Denke inspi­riert, ich mag viel «künst­le­ri­sche» Sachen, aber am Ende lande ich immer bei Strategie, Neugier, Ordnung – und bei so Sachen die du lange vorher bei Meta und jetzt bei Eden so phan­tas­tisch machst und die andere Büros ja auch so denken… während andere Kollegen atem­be­rau­bende Sachen machen, indem sie ganz intuitiv und künst­le­risch, mit «House Style» und durchaus auch sehr egozen­trisch (also eigenen Inhalten/Zielen folgend) vorgehen.
    Wäre es anders, wär die Branche auch gräß­lich lang­weilig, oder?

    Es ist weder bei Weidemann noch bei Chris inso­fern «Faulheit», sondern ein eigener Weg zu eigenen Zielen, und es gibt kaum span­nen­deres, als von solchen anderen Wegen mitzu­lernen. (Find ich). Ich kenne ja nicht SO viele Kollegen, weiß aber, das mich immer wieder ansteckt, wie ein Uebele, ein Erler, ein König, ein Sagmeister denkt – selbst wenn die Ergebnisse nicht unter­schied­li­cher sein könnten, weil ich sehr ange­wandt arbeite und Eike nun so gar nicht, ist doch immer verblüf­fend, meine Sicht in seiner zu finden und dadurch wieder zu lernen und (immer noch, und bitte noch lange) zu LERNEN.

    Argh, ich WOLLTE kürzer schreiben (Ehrenwort, demnächst nur noch mit iPhone, das diszi­pli­niert ;-D).

  44. czyk

    Streng dich mal an, HD-Mann ;) Guck, wie einfach kurz geht:

    Für wen soll das gut sein: ein kohä­renter Charakter der Arbeit eines Gestalters für dessen unter­schied­liche Auftraggeber? Für seine unter­schied­li­chen Auftraggeber etwa?

    Aber das wäre viel­leicht ein gutes Thema für einen extra Blogeintrag …

  45. HD Schellnack.

    >Guck, wie einfach kurz geht.
    Für dich, ich erfind immer beim Schreiben.

    Und du hast ja komplett recht – und da ich auch klien­ten­zen­triert arbeite, funk­tio­nieren wir ja auch genau so. Wir haben uns sozu­sagen nicht auf einen «Style» oder eine Branche spezia­li­siert, sondern auf einen Typus von Denken und Zusammenarbeiten – ich find sogar wichtig, immer wieder komplett andere Projekte und Dinge am Start zu haben. Ich bin ja neugierig. Auch wenn Klienten sich damit schwer tun, dass es gut sein kann, wenn ein Designer etwas zum ERSTEN Mal tut statt zum HUNDERSTEN Mal.
    :-D

  46. erik spiekermann

    haben Sie Ihren Exklusiv-Schriften eine immer­wäh­rende Lizenzvereinbarung mit dem Kunden gewährt?

    Ja, weil es anders bei großen Unternehmen nicht geht. Lässt sich weder kontrol­lieren noch sank­tio­nieren. Wir haben leider nicht den Status von Architekten, wo auch noch die banalsten Bauten urhe­ber­recht­lich geschützt sind und kein Türgriff ohne Zustimmung des Urheber verän­dert werden darf.

  47. mr johnson

    Werden die Grossbuchstaben noch einge­rahmt (quasi wie bei den app-icons), und auch vier Farben benutzt? (also Pier A rot, B grün, C orange, D blau).

    Wäre das so nicht viel über­sicht­li­cher?

  48. Sibylle Schlaich

    Nein, die großen Buchstaben/Gatebereiche werden nicht einge­rahmt und auch nicht farb­lich codiert.

    Die Farbe des Leitsystems ist rot, es ist bewusst ein Akzent in der Architektur, hier taucht Rot ansonsten nicht mehr auf. Dadurch wird es eindeutig und gut erkannt werden. Zusätzlich zum Rot als Farbe für Fluginformation gibt es noch ein dunkles Grau für die Serviceinformation. Das heißt, durch diese konse­quente Reduktion der Farbigkeit können wir die Information deut­lich verständ­lich und erkennbar halten.

    Wir/Moniteurs haben uns bewusst gegen eine Farbkodierung der Gate/Pierbereiche entschieden. Dieser Flughafen, wie auch alle anderen Großflughäfen auf der Welt, ist auf Wachstum ange­legt. D.h. auch das Leitsystem wächst mit und über die Jahre würde das Leitsystem immer bunter werden. (Siehe Madrid Barajas, 14 Farben). Die Unterscheidung wird dann immer schwie­riger.

    Zur deut­li­chen Erkennbarkeit erscheinen die Gatebuchstaben durch­ge­hend im ganzen Gebäude in einem anderen Tonwert als die übrige weisse Schrift. Unterschiedliche Informationsebenen im Leitsystem werden von uns überall auf doppelte Weise unter­schieden, also z.B. durch Farbton und Schriftgröße oder durch Schriftschnitt und Schriftgröße – eine Besonderheit des Leitsystems.

    Wir können durch die soge­nannte Tonwertoptimierung der Gatebuchstaben sehr groß abbilden, ohne dass der Betrachter in weiße über­strah­lende Löcher blickt. Das heißt die Formen von A, B, C, D werden für sich spre­chen.

  49. G H O S T A R M Y

    Hier gibt es noch mehr Bilder:
    http://​ghost​army​.de/

    Viel Spaß,
    Jonas, Lars und Alex

  50. Zoran

    Ganz ehrlich die Verbindungen zum Flughafen sollen wirk­lich gut werden. Auf der offi­zi­ellen Seite des Flughafens fand ich dieses Beschreibung:

    „Der Airport-Express verbindet den Flughafen Berlin Brandenburg im 30-Minuten-Takt mit der Berliner Stadtbahn (RE7, RB14) sowie eben­falls im 30-Minuten-Takt mit der Achse Südkreuz-Hauptbahnhof (RE9). Damit besteht vier Mal stünd­lich eine Verbindung zwischen Hauptbahnhof und BER. Zusätzlich verkehrt die S-Bahn im 10-Minuten-Takt (S9 und S45).

    Die RB22 führt von Potsdam über Golm zum BER, ab dem Potsdamer Hauptbahnhof beträgt die Fahrzeit 42 Minuten. Weitere Direktverbindungen nach Brandenburg führen mit dem Airport-Express über die Berliner Stadtbahn und Potsdam Babelsberg nach Dessau (RE7) sowie über Königs Wusterhausen nach Senftenberg (RB14).

    Zahlreiche Busverbindungen ergänzen das Angebot im Personennahverkehr: Die Schnellbusse X7 und X11 verbinden den BER im 5-Minuten-Takt mit Rudow und damit dem Anschluss an die U-Bahnlinie
    U7, die X11 fährt weiter über Lichterfelde-West nach Dahlem. Weitere Buslinien verkehren eben­falls zu Anschlussmöglichkeiten an das ÖPNV-Netz und Zielen in Brandenburg.“

  51. TJ

    Wir haben leider nicht den Status von Architekten, wo auch noch die banalsten Bauten urhe­ber­recht­lich geschützt sind und kein Türgriff ohne Zustimmung des Urheber verän­dert werden darf.

    Schön wär’s. Erforderlich ist eine „künst­le­ri­sche Höhe“ des Bauentwurfs, die von Richtern – gestal­te­ri­schen Laien – fast nie attes­tiert wird. Deshalb werden solche Prozesse auch nur sehr selten ange­strengt und noch viel seltener gewonnen. Aus Architektenperspektive exis­tiert dieses Urheberrecht de facto nicht.

    Zum Thema Staatsverschuldung und dem „Luxus“ einer eigenen Schrift: Der Flughafen ist doch ein Unternehmen, das sich im int. Wettbewerb posi­tio­nieren muss. Dazu kann eine eigen­stän­dige visu­elle Identität beitragen. Es geht nicht nur um höhere kultu­relle Werte, sondern um einen konkreten Nutzen. Wenn man bedenkt, dass die wirt­schaftl. Ausgangslage für diesen Flughafen (Passagier- und Frachtaufkommen der Region) nicht wirk­lich einfach ist, halte ich diese beson­dere Differenzierungs-Anstrengung im Wettbewerb für hinrei­chend begründbar.

  52. Florian

    Da ist man als Designer schon einmal recht­zeitig mit seinem Job fertig, bekommt der Kunde den Rest nicht auf die Reihe :)

  53. R::bert

    Da ist man als Designer schon einmal recht­zeitig mit seinem Job fertig, bekommt der Kunde den Rest nicht auf die Reihe :)

    Dazu gibt es heute 20.15 Uhr eine sicher span­nende Dokumentation im ZDF. Im Beschreibungstext auf heute​.de heißt es:

    Der neue Berliner Airport entwi­ckelt sich zum Fluchhafen. Mehrfach wurde der Betriebsbeginn verschoben. Nun haben ZDF-Reporter heraus­ge­funden: Die Flughafengesellschaft wusste deut­lich früher als bisher bekannt von den Problemen. Und: Sie wurde ausge­rechnet von den Architekten gewarnt, die später als Sündenböcke gefeuert wurden.

    Mehr Informationen hier: Der Fluchhafen Berlin

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