Fontblog Rote Karte

Warum Steve Jobs ein Kontrollfreak war …

… nein: Warum jeder visuell anspruchs­volle Mensch ein Kontrollfreak sein sollte … beweist der Schutzumschlag der deut­schen Ausgabe von »Steve Jobs by Walter Isaacson« (oben links, rechts das briti­sche Cover, das mit dem US-ameri­ka­ni­schen iden­tisch ist). Wer sich ein biss­chen mit den Verdiensten des kali­for­ni­schen Unternehmers auskennt – das könnte man bei einer Buchcover-Gestaltung voraus­setzen, die sicher­lich an einem Mac verrichtet wird –, sollte Jobs’ jahr­zehn­te­lange Vorliebe für die Schrift Helvetica kennen. Sie ist seit der Geburtsstunde des Apple Macintosh Bestandteil des Betriebssystems und die Display-Schrift des iPhones (seit iPhone 4 und iOS 4: Neue Helvetica).

Diese biogra­fi­sche Tatsache kümmert die Verantwortlichen bei C.Bertelsmann wenig, genau so wenig wie die Proportionen des Titelfotos, das vertikal gestaucht wurde, damit eine weitere Textzeile über dem Portrait Platz findet. Dass sich die Biografie eines Weltstars nicht selbst erklärt sondern in Deutschland mit einer zusätz­li­chen Zeile gekenn­zeichnet werden muss liegt mögli­cher­weise am »nied­rigen Bildungsstand« (Zitat Schlecker) der Kunden. Ach ja, und wieder einmal bestä­tigt sich meine These, dass gute Typografie schneller und billiger geht als schlechte.


OPETUTTGART: Das Logo mit dem Paukenschlag

Die Oper Stuttgart gehört zu den Staatstheater Stuttgart, eine Drei-Sparten-Spielstätte für Oper, Schauspiel und Ballett in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Landeshauptstadt. Bis zum 17. September baut die Oper Stuttgart an einem neuen Internet-Auftritt, ein neues Logo scheint jedoch bereits gefunden, wie mir heute ein Freund des Hauses schreibt, dem es beim Blick in den PDF-Spielplan unan­ge­nehm aufge­fallen ist. »Die Entwerfer (und Auftraggeber!) scheinen der Meinung zu sein, Oper sei Lärm.« lautet das Fazit in seiner E-Mail.

Es stimmt einiges nicht, an diesem Logo, und wir können nur hoffen, dass es sich um einen Platzhalter handelt, einge­fügt von einem Scherzbold.

 


Samy Deluxe »Poesiealbum« [Update]

Tut mir auch leid, liebe EMI, dass ich hier das wunder­bare (typo­gra­fi­sche) Video von Samy Deluxe nicht zeigen kann. Daniel Meyer hat es mir ans Herz gelegt (vielen Dank dafür). Er schreibt: »Für einen Typofan ein leckerer Augenschmaus, das neue Video von Samy Deluxe, falls unbe­kannt, auf http://​www​.samy​-deluxe​.de/ einsehbar. Für die Umsetzung u. a. die ›Typeholics‹ aus Hamburg verantwortlich.«

Ich hätte gerne noch ein biss­chen mehr darüber geschrieben, aber dieser klein­ka­rierte Urheberrechtskrieg zwischen YouTube (die Beklagte; prak­tisch fürs platt­form­über­grei­fende Video-Einbetten), der GEMA (die Klägerin) und den Major-Musikfirmen (die Orientierungslosen) hat mir die Laune verdorben. Vielleicht geht es Samy Deluxe und den Video-Produzenten ähnlich und sie haben deswegen ein Making-of-Video produ­ziert und auf YouTube hoch­ge­laden. Immerhin haben sich das schon 31.000 Samy-Deluxe-Fans ange­sehen. Ist das jetzt die Zukunft, liebe Musikindustrie, das Angucken wie man Musik und Videos produ­ziert, also der Konsum von Metainformation?

[Update]
Tape-TV hat mir inzwi­schen einen Embedding-Code gesendet, den ich gemeinsam mit diesem Backlink veröf­fent­li­chen darf: Mehr von Samy Deluxe gibt es auf tape​.tv – Treppe Hoch!


Deutsche WM-Schweinebauch-Typografie

Für uns Typografen eigent­lich nur von hinten inter­es­sant: Das DFB-Frauen-Trikot-Home-2011 (Foto: Wolfgang Kumm, dpa. Danke!)

Vorgestern habe ich mir im Fernsehen das Eröffnungsspiel der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ ange­sehen. Es war eine Quälerei für meine Augen … nicht wegen des Spiels der beiden Mannschaften, das hat mich richtig begeis­tert, wie 14 Millionen andere Zuschauer in Deutschland offen­sicht­lich auch, sondern wegen der Beschriftung des DFB-Frauen-Trikots.

Das Dress trägt im Kragen das stolze Zitat »Blüh im Glanze dieses Glückes« und wurde vor 100 Tagen von Adidas und dem Deutschen Fußball Bund in Frankfurt vorge­stellt. Bei solchen Premieren werden die Hemden zwar mit Ziffern, aber meist ohne Namenszüge präsen­tiert, so dass es für die Begutachtung der Beschriftung keine Grundlage gibt. Wobei man im aktu­ellen Fall sowieso gedacht hätte, es handele sich um eine Skizze der Schneiderin, weil die endgü­tigen Ziffern zur Pressekonferenz nicht fertig geworden waren.

Die Fußball-WM hätte so schön werden können, und die deut­schen Trikots ein Verkaufsschlager … zum Beispiel mit Unit Rounded Medium und Bold, der Einzelschnitt für 59 € … für den Trikothersteller eine zumut­bare Investition

Nun, mit dem Start der WM, entfaltet die DFB-Trikot-Typografie ihr ganzes Elend. Wie Preisschilder auf dem Wochenmarkt sind unsere Fußballfrauen beschriftet, das Kilo Bartusiak 3 €, eine Steige Garefrekes 18 €, Angerer pro Stück 1 €. … die Medien- und Werbebranche spricht in dem Zusammenhang gerne von SchweinebauchdesignComic Sans lässt grüßen … doch leider ist die Schrift auf den Damen-Trikots nicht nur genauso unge­eignet wie Comic Sans, sie ist grot­ten­schlecht gestaltet. Erschwerend hinzu kommt, dass die Versalschrift unfassbar stüm­per­haft gesetzt ist: Lena Goeßling trägt den Erstklässler-Fehler Nr. 1 auf dem Rücken, das gemeine ß mitten im Namen (GOEßLING), bei Spielerinnen wie Alexandra Popp und Birgit Prinz sind die Lettern hand­breit gesperrt. Wer macht so was – ohne Not? Der Schuhwart?

Wie jubelten Adidas und der DFB damals bei der Vorstellung: »Die amtie­renden Welt- und Europameisterinnen werden zum ersten Mal ein Jersey tragen, das von Frauen für Frauen entworfen wurde. Der leicht tail­lierte Schnitt und die runden und eleganten Rückennummern sorgen für ein femi­nines Design. Als Hingucker findet man im Kragen der Trikots die Zeile ›Blüh im Glanze dieses Glückes‹, die der deut­schen Nationalhymne entstammt. … Das Heimtrikot ist tradi­ti­ons­gemäß weiß gehalten. Die Hosen sind schwarz.« Wenn diese Rückennumern »elegant« sind, dürfte man Willi Lippens ab sofort nicht mehr »Ente« nennen sondern »Schwan« … die Geschichte der 1. Bundesliga und die der Typografie müssten neu geschrieben werden.

Auch nicht schlecht, und typisch deutsch: die FF DIN Round, Medium und Bold … nicht gerade origi­nell, aber solide und rund

Entworfen wurden die Trikots von der Designerin Annette Kres. Zu ihrer jüngsten Kreation erklärte sie: „Inspirieren ließ ich mich von den schnellen und dyna­mi­schen Bewegungen des Fußballs. Diese Eigenschaften sind in kleinen Designelementen im Trikot wieder zu finden.« Die 29-Jährige studierte Mode-Design in Trier, sie lebt in Fürth und arbeitet beim Sportartikel-Hersteller Adidas in Herzogenaurach. Unter ihrer Leitung entwi­ckelte erst­mals ein Designteam der Abteilung Frauenfitness das Trikot für die Damen-Auswahl.

Die authen­ti­sche Filzstift-Schrift FF Duper, von Martin Wenzel, mit drei Varianten pro Buchstaben (siehe A und A) … aber gehört eine Edding-Schrift auf ein Fußball-Trikot? Eher weniger …

Seit dem Wochenende ist die Schrift der Damen-Nationalmannschaft auch im Internet ein Thema, zum Beispiel auf Twitter. Der Westen, das Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, schreibt: Schrifttyp auf den deut­schen Trikots sorgt bei Frauen-WM für Häme. Was die Leser des Fontblog schon lange wissen, nämlich seit den letzten beiden Fußball-WMs 2006 und 2010, kann die Redakteurin des Westen nur bestä­tigen: »Die Kritik prallt an Adidas, dem Hersteller der Trikots, ab.« Welche Schrift die Designerin verwendet hat, wolle sie nicht verraten. Muss sie auch nicht, denn mein Blogger-Kollege Michael Preidel, freier Art-Direktor und Autor von Esse est percipi, hat das längst heraus­ge­funden: Trikot-Typografie.

Ach wär’s wenigs­tens Comic Sans … (Eer hätte gedacht, dass ich mich auch nur einmal hier im Fontblog nach dieser Schrift sehne.)

Die Beschriftung der Trikots wurde mit einem lausigen Free Font namens Action Man zusammen gefum­melt, den man zum Beispiel auf dieser Seite laden kann: http://​www​.iconian​.com. Macht das ruhig mal und scheut euch mal die Fontdaten an. Bei den 10 Fonts handelt es sich um einen Grundschnitt, dessen Varianten ohne jegliche opti­sche Korrektur auto­ma­tisch gene­riert sind, also verschrägt (statt kursi­viert), hori­zontal verzerrt (statt extended), maschi­nell gefettet und schat­tiert … eine abscheu­li­ches Typomonster.

Der scheuß­liche Free-Font ›Action Man‹, mit dem die Trikots unserer Fußball-Frauen verun­staltet sind; ihr müsst die Namen in dieser Schrift übri­gens in Kleinbuchstaben setzen, um die Original-DFB-Ästhetik zu erreichen


Ronald W. ist sauer auf uns Typografen

Im November letzten Jahres habe ich ihn (selbst­ver­ständ­lich scherz­haft) im Rahmen meiner Fontnäpfchen-Kolumne »Schriftverbrecher« genannt. Eben hat Ronald W. den Beitrag entdeckt und kommen­tiert: »Habt Ihr Vögel nichts anderes zu tun, als Euch über irgend­eine Schrift aufzu­geilen? An einem Werbeschild kann ich doch wohl mit der Schrift machen was ich will. Sucht Euch endlich Arbeit, viel­leicht als Werbegrafiker, dann könnt Ihr auch mal sehen was man alles mit Schriften anstellen kann. Übrigens wurde es in Corel gemacht. Viel Spaß noch, Ihr Klugscheisser. Ronny.«

Eine Google-Suche führte mich dann zu Ronnys Firma Wisdesign, in Berlin-Neukölln. Zum Glück hat sie eine Website mit vielen schönen Beispielen ihrer Arbeit, und ich muss sagen: Da gibt es eine Menge zu entde­cken, zum Beispiel Deppen-Apostrophe (Ossi´s Bistro), oder Deppen-Gänsefüßchen (Lecker-“Bäcker”), auch falsche Akzente und fehlende Bindestriche (Back und Stehcafè), darüber hinaus tolle Schatten- und Buchstabeneffekte. Dieses Corel will ich auch haben.


Schriftverbrecher

Vielleicht finden das manche schon wieder geil … gleich drei Schwerverbrechen an einer wunder­baren Schrift, gesehen heute morgen in Berlin Schöneberg, Bundesallee (vgl. Fontnäpfchen 19 auf Twitter):

  • falsche Schriftart (Bell Centennial für Kleingedrucktes)
  • mecha­nisch verschrägt
  • um über 50 % hori­zontal gestaucht

Es war gar nicht leicht für mich, diesen Mist zu verbo­cken. Erst in Word die Bell Centennial Bold Listing künst­lich schräg gestellt, dass als PDF gespei­chert, in Photoshop geöffnet und verzerrt. Die wunder­bare Geschichte der Originalschrift, entworfen von Matthew Carter, ist auf 100bes​te​schriften​.de nach­zu­lesen.


Schlechter lesbar = besseres Lernen?

Der Österreichischer Rundfunk (ORF) berichtet auf seiner News-Site von einer Studie an der psycho­lo­gi­schen Fakultät der Universität Princeton, nach der wissen­schaft­liche Texte in einer mühsam zu lesenden Schrift um 14 Prozent erfolg­rei­cher aufge­nommen würden als mit einer gut lesbaren.

Lukas Zimmer, vom ORF erläu­tert: »Für ihre Tests verfassten die Psychologen fiktive Biologietexte über Außerirdische. Damit sollte ausge­schlossen werden, dass die Resultate durch Vorwissen der Versuchspersonen verfälscht werden. Eine Gruppe bekam die Texte in der Schriftart Arial, eine andere in den oft geschmähten Schriften Comic Sans und Bodoni. Die Tests … ergaben regel­mäßig, dass die Gruppe mit den schlechter lesbaren Texten sich mehr gemerkt hatte, sogar wenn Schriften wie Haettenschweiler, Monotype Corsiva und Comic Sans Italicised zum Einsatz kamen.«

Der Leiter der Untersuchung, Prof. Daniel Oppenheimer, erklärt das Ergebnis mit der gestei­gerten Mobilisierung des Geistes: »Wer sich beim Zuhören oder Lesen anstrengen muss, denkt inten­siver, was sich auf allen Ebenen auswirkt.« Sein briti­scher Kollege Dylan Wiliam zwei­felt nicht an den Ergebnis der Studie, zieht jedoch einen anderen Schluss: »Wir brau­chen keine schlechte Druckqualität, sondern bewuss­teres Lesen«.

Ich zweifle an der Fähigkeit der Psychologen, eine gute lesbare von einer schlecht lesbaren Schrift zu unter­scheiden. Im Sinne der Zeichenerkennung ist Comic Sans eine gute lesbare Schrift, vergli­chen mit Arial, was man in der Abbildung oben am ersten Wort gut beob­achten kann. Im übrigen erin­nert das kurz geschlos­sene Oppenheimer-Resüme an die Trainingsmethode Magath (die eben­falls ein Märchen ist): Medizinball-Drill ergibt zwar kräf­tige Sportler, aber noch lange keine gute Fußballmannschaft.

Abb: Fontblog; Schriften, von oben nach unten: Arial, Haettenschweiler, Monotype Corsiva und Comic Sans Italicised


Das Wunder von Mittweida

Du bist Deutschland war eine kontro­vers disku­tierte, auf ein neues deut­sches Nationalgefühl zielende Social-Marketing-Kampagne im Jahr 2005. Sie wurde von 25 Medienunternehmen ins Leben gerufen und von Bertelsmann koor­di­niert. Im Zentrum stand ein 2-minü­tiger TV-Spot, der auf fast allen großen TV-Kanälen lief (Musik: Alan Silvestri aus »Forrest Gump«). Die Kritik an der Kampagne reichte vom verun­glückten Logo (schwarz-rot-goldener Schei…haufen), über die anbie­dernde Duzerei bis hin zur Blutleere der betei­ligten Prominenten.

Was die Kampagne nicht hin bekam, leis­tete ein halbes Jahr später die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Sie war alles andere als blut­leer, dafür ehrlich, mitrei­ßend und begeis­terte Millionen. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg fand in Deutschland eine frei­wil­lige flächen­de­ckende Nationalbeflaggung statt – in Form von Autowimpeln, unver­krampft und augenzwinkernd.

Ganz und gar nicht unver­krampft geriet so manche Kopie der Du bist Deutschland-Kampagne. Dazu zähle ich sowohl die »Du bist Terrorist«-Aktion aus dem Jahr 2009, als auch das Mitarbeiter-Motivationsvideo »Du bist Audi« und das unfrei­willig komi­sche »Du bist der Rettungsdienst«. Auch die Hochschule Mittweida ließ sich zu einer schlecht gemachten Kopie hinreißen. Dieser Fall ist umso tragi­scher, weil das Video an der Fakultät Medien entstand, unter Mitwirkung des Rektors Prof. Dr.-Ing. Lothar Otto, der Kanzlerin Dr. Sylvia Bäßler und vieler Angestellter. Ich kann nur hoffen, dass sie das Filmchen nie zur Abnahme vorge­legt bekamen und dass es – inzwi­schen als privat gekenn­zeichnet – nur gegen ihren Willen auf YouTube zu finden ist.