Fontblog Reportage

Mailchimp: Neues Logo, neuer Look

Mailchimp, der popu­lärste E-Mail-Kampagnen-Dienstleister, 500 Mio. Dollar Jahresumsatz, Platz 7 in der Forbes Cloud 100 Liste, stellt sich neu auf. »Wir sind immer noch dasselbe Mailchimp, aber mit mehr Raum zum wachsen.« heißt es heute auf der Ankündigungsseite des neuen visu­ellen Auftritts. Das Maskottchen Freddie ist geblieben, wurde aller­dings schwarz-weiß und verein­facht. Die von Jessica Hische 2013 über­ar­bei­tete Schreibschrift-Wortmarke wurde gegen eine modi­fi­zierte, extra­fette Antique Olive mit tiefen Einkerbungen (Ink-traps) ausge­tauscht. Neue Headline-Schrift auf der Mailchimp-Website ist Cooper Light, Textschrift ist Graphic. Auch die Bildsprache hat sich verän­dert: mehr Illustrationen und die Fotos jetzt im Instagram-Stil. Die betreu­ende Agentur ist Collins.

»Außerdem werden wir von MailChimp zu Mailchimp, mit klein geschrie­benem c.« schreibt Gene Lee, Vice President Design. Das Unternehmen sei mit einer spie­le­ri­schen Metapher gestartet, ein Schimpanse, der die Mails auslie­fert. Doch seit der Gründung habe sich Mailchimp enorm weiter­ent­wi­ckelt, so dass die Marke heute für mehr stehe als die beiden namens­ge­benden Komponenten. Mehr über Strategie und Komponenten des Redesigns hier: mail​chimp​.com/​d​e​s​ign

Hintergrund: Mailchimp ist ein leicht zu bedie­nender, cloud­ba­sierter Newsletter-Dienst, über den das gesamte Kampagnen-Management abge­wi­ckelt werden kann. Alle Prozesse werden – einschließ­lich Design und Abo-Verwaltung – nicht auf einem eigenen Server durch­ge­führt, sondern direkt online in Anspruch genommen (Software as a Service). Das Unternehmen wächst rasant: Im vergan­genen Jahr täglich um 14.000 Neukunden. Mailchimp gehört immer noch den beiden Gründern Ben Chestnut und Dan Kurzius und hat nie Venture-Kapital in Anspruch genommen. Die Kooperation mit Partnern und neue Dienstleistungen stehen im Fokus der kommenden Jahre.


Räuberrad steht wieder an seinem Platz


Es ist eines der bekann­testen Markenzeichen der Hauptstadt: das Räuberrad vor der Volksbühne in Berlin-Mitte. Der Bühnenbildner Bert Neumann hatte das Symbol 1990 für das Theater entworfen. Seine Form nimmt Bezug auf soge­nannte Gaunerzinken, also grafi­sche Zeichen, die von Angehörigen des »fahrenden Volks« benutzt und nur von ihnen verstanden werden. 1994 schweißte der Metalldesigner Rainer Haußmann aus Neumanns Vorlage die 4 Meter große Metallskulptur direkt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz zusammenAnlass war die Wiederaufnahme der Frank-Castorf-Inszenierung von Friedrich Schillers »Die Räuber«. So wurde das Räuberrad zum Logo der Volksbühne.

Das Land Berlin kaufte die Skulptur Ende der 1990er Jahre und beließ sie dauer­haft auf der öffent­li­chen Fläche. Vor einem Jahr erfuhr das Kunstwerk über­re­gio­nale Bekanntheit, als es im Rahmen der Kontroverse um die Nachfolge von Frank Castorf abge­baut und nach Frankreich »entführt« wurde. Seit heute morgen steht das Räuberrad wieder am alten Platz. Wie die Kulturverwaltung mitteilt, wurde die Skulptur in den vergan­gene 6 Monaten restau­riert. An der Optik habe sich nichts verän­dert, nur die Statik sei ange­passt und die verros­teten Füße erneuert worden. (Foto: Marie Fischer)


Beck’s lässt wieder gestalten


Eben im Supermarkt: Beck’s-Bier-Flaschen ohne Etikett, also … schon mit Etikett, aber ohne was drauf. Das finde ich so außer­ge­wöhn­lich, dass ich mir gleich 2 Exemplare in den Einkaufskorb lege. Zuhause dann das Kleingedruckte gelesen und die Website aufge­rufen: dein​becks​.de.

Immer wieder mal ruft Beck’s visu­elle Gestalter dazu auf, der Marke unter die Arme zu greifen. Hier im Fontblog haben wir das aufmerksam beob­achtet, zum Beispiel den Wettbewerb 2007: Volle Pulle daneben. Das Ergebnis dieser unglück­lich orga­ni­sierten Competition (Designverbände kriti­sierten) war ein Frauen-Six-Bag, entworfen von Oliver H. aus Gütersloh, hono­riert mit 5000 € und 100 Sixpacks des selbst gestal­teten Biers. Im Fontblog-Beitrag von 2017 sind zwar noch alle 60 Kommentare zu lesen, aber die verlinkten Abbildungen hat Beck’s inzwi­schen in den Giftschrank verbannt.

Die aktu­elle Werbe-Initiative »Mach’s zu deinem Beck’s« ist anders, weil … es sind 11 (!) Jahre vergangen. Wir haben soziale Netze und unser Designtool tragen wir in der Hosentasche. Und so fordert die Biermarke ihre Fans auf, mal eben am Smartphone – und nur dort – ein eigenes Flaschenlabel zu gestalten, auf dein​becks​.de. Hier kann man dann mit einer Vielzahl von Hintergründen und Icons ein indi­vi­du­elles Etikett zusam­men­bauen. Alternativ lässt sich ein eigenes Bild hoch­laden und Text hinzu­fügen. Was mir sofort gefiel: Die verwen­dete Handschrift bietet Alternativzeichen an, wirkt echt authentisch.

Als Hintergrund für mein Etikett habe ich das Key-visual unseres kommenden CreativeMornings Berlin gewählt: Motto »Chaos«. Dann noch drei Zeilen Text mit Berlin-Bezug, ein Icon dazu, fertig. Hat Spaß gemacht. Danke Beck’s.


Die 3 überflüssigsten Produkte auf der IFA

1. Der flie­gende Luftreiniger (Ataraina)

Das japa­ni­sche Unternehmen Creative Technology (Halle 7.1c) bietet unter dem Markennamen Ataraina den »welt­weit ersten« Flying Magic Cleaner an. Dabei handelt es sich um einen Luftreiniger, der – auf eine Drohne montiert  – dröh­nend durchs Wohnzimmer schweben und Staub einfangen soll. Der Ataraina-Stand war gut besucht, vor allem weil viele Besucher wissen wollten, wo der Lärm herkommt … es war der Luftreiniger in seinem Käfig.

Auch die beiden anderen Produkte von Ataraina haben sich einen Platz im Bestseller »Chindogu oder 99 unsin­nige Erfindungen« verdient: Der Schuhgeruchstopper Deodorant One und das elek­tro­ma­gne­ti­sche Flipboard Esclip.

2. Dir virtu­elle Herdflamme (Samsung)

Samsung hat die viel­leicht beein­dru­ckendste Ausstellungsfläche … und die größte: 2 Etagen im CityCube am Südeingang. Im Bereich Küche ziehen die Induktionskochfelder mit der Komfortfunktion Virtual Flame die Besucher wie magisch an. Die virtu­elle Flammen werden per LED an die Außenseite von Töpfen oder Pfannen proji­ziert. Je nach einge­stellter Leistungsstufe verän­dern sich deren Farbe und Intensität. »So haben Sie die Leistung Ihres Kochfeldes immer im Blick. Dies sorgt für sichtbar mehr Sicherheit.« meint Samsung.

3. Die Selfie-Riesenwaschmaschinen (San Giorgio)

Der neapo­li­ta­ni­sche Waschmaschinenhersteller IT Wash zeigt auf seinem Stand Neuheiten seiner Marke San Giorgio. Als Blickfang haben die Italiener eine Riesenwaschmaschine im Verhältnis 1:2 ins Zentrum gestellt, mit rotie­render Waschtrommel, aber funk­ti­ons­un­fähig. Gegenüber befindet sich eine Hostess mit Stehtisch, Laptop und Fotodrucker, die Besuchern ohne Smartphone ein Waschmaschinen-Selfie mit auf den Heimweg gibt.


CUT-Magazin interviewt den Font FF Hertz

Cut-Typografie-Ausgabe-im-RegalVon A bis Z widmet sich das Winterheft des DIY-Modemagazins CUT (»Leute machen Kleider«) dem Thema Schrift. Foto: Norman Posselt

Auf diese Art hat sich noch keine unserer Schriften in den letzten 20 Jahren empfohlen: In Kooperation mit Monotype spielt das viel­fach ausge­zeich­nete Heft auf 150 Seiten mit Schrift und Buchstaben, bringt eine Vielzahl moderner und klas­si­scher Editorial-Schriften zum Einsatz, und widmet mehrere Stories und Fotostrecken typo­gra­fi­schen Themen. Besonderes Feature: CUT-Redakteurin Anke Eberhardt spricht mit Jens Kutíleks FF Hertz, über Gleichberechtigung, Magersucht und billige Kleider:

CUT: Seit Sommer 2015 bist du ganz offi­ziell bei font​shop​.com und anderen Schriftdealern zu haben. Deine Entwicklung begann aber schon 2012. Ist das eine normale Zeitspanne?

FF Hertz: Ach, das ist noch gar nichts! Mit oder ohne Serifen? Wie sieht der Strich vom Q in Extra Bold Italic aus? Das muss ja alles bis ins Detail ausge­ar­beitet werden! Insgesamt habe ich in meinen 12 Schnitten über 11.000 Zeichen, darunter mehrere Tausend Akzentbuchstaben, die für die euro­päi­schen Sprachen nötig sind. Mein Designer muss ein Faible für mono­tone Tätigkeiten haben.

FF Hertz Interview-mit-einer-SchriftInterview mit einer Schrift? Warum nicht! FF Hertz zeigt im Gespräch, dass die moderne Textschrift Stellung bezieht. Zu Buchstabenwerten, Lesbarkeitsanspruch, auch Lebens- oder Formfragen. Editorial-Doppelseite: CUT Magazin, Typographie-Special, Ausgabe #14

CUT: Im Gegensatz zu den momentan aktu­ellen, über­cleanen Schriften erscheint deine Hand… pardon: Satzschrift eher altmodisch.

FF Hertz: Stimmt. Meine Ziffern sind zum Beispiel stark an eine Schreibmaschine aus den 1970er-Jahren ange­lehnt. Viel habe ich auch Hermann Zapfs Melior zu verdanken, von der mein Designer sagt, sie über­trage ein 50er-Jahre-Feeling auf jeden Text. Serifenschriften wie ich sind eigent­lich nie beson­ders im Trend. Sogar Google hat ja gerade sein Logo zu einer seri­fen­losen Schrift geän­dert. Wir sind eher die Arbeitspferde, die unbe­achtet im Verborgenen werkeln. Es gibt aber auch Ausnahmen: In der Welt der Modemagazine sind klas­si­zis­ti­sche Serifenschriften mit feinen Haarlinien ein gesetzter Standard.

CUT: Obwohl du also eine Vorliebe für Tradition hast, bist du über­ra­schend modern einsetzbar und oft in eBooks zu sehen.

FF Hertz: Anders kann man in der heutigen Zeit ja gar nicht mehr bestehen. Das Fernsehen macht einen bekannt­lich 5 Kilo schwerer, bei E-Publikationen ist es umge­kehrt. Da wird jeder unvor­be­rei­tete Buchstabe unfrei­willig mager­süchtig. Wenn du dann aber mal wieder klas­sisch auf Papier gedruckt wirst, kommt der Jo-Jo-Effekt und plötz­lich bist du über­ge­wichtig. Deswegen habe ich versucht, mich bei der Abstufung meiner Strichstärken gleich zu Beginn an die verschie­denen Einsatzgebiete anzupassen.

CUT: Warum benö­tigt jeder deiner Buchstaben exakt den glei­chen Platz, egal ob Light, Regular oder Bold?

FF Hertz: Gleichberichtigung war mir schon immer wichtig. Nur die Kursiven tanzen wie immer aus der Reihe und nehmen ihren eigenen Platz ein. Aber was soll man machen, es sind halt schräge Typen. Dass meine Buchstaben „uniwidth“ sind, ist aber nichts, was man als Leser merken soll. Das ist eher etwas, das dem Typografen, der mit mir gestaltet, die Arbeit erleich­tern soll.

FF_Hertz_Reader_1320pxSchmale und gleich­breite Zeichen in allen Schriftschnitten, hervor­ra­gende Lesbarkeit auf Papier und Bildschirm und warme Serifenformen: die enga­gierten Eigenschaften der FF Hertz Textfamilie von Jens Kutílek

CUT: Typobanausen könnten nun sagen, das sei doch alles völlig unwichtig. Eine Schrift sei Mittel zum Zweck. Und wo das a seinen Bauch trägt, doch nur eines: völlig egal.

FF Hertz: Ja, klar. Das ist unge­fähr so egal wie das Kleid, das man trägt. Ob das jetzt ein zwickendes Billigteil aus Polyester oder perfekt fallende Seide ist: völlig gleich­gültig. Ist ja auch nur ein Kleid, nicht? Aber wenn bei einer Bewegung etwas kneift, hat das Kleidungsstück seinen Zweck verfehlt. Ich bin die alltags­taug­liche Kleidung, die einfach gut sitzt. Die man nicht bemerkt, wenn man sie trägt. Um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, braucht man natür­lich etwas Spektakuläreres. Ich gehöre nicht auf den Laufsteg. I’m the normal one …

0_cut-magazine-typo-specialDie CUT-Herausgeberinnen zeigen in zig DIY-Ideen, was man mit A, B, C & Co alles anstellen kann, Editorial-Doppelseite: CUT Magazin, Typographie-Special, Ausgabe #14

CUT: Wobei die Unterschiede in der Mode doch etwas offen­sicht­li­cher sind.

FF Hertz: Nicht für unser Unterbewusstsein! Bei Lesetexten sind die Menschen zum Beispiel Serifenschriften gewohnt, für Beschilderungen funk­tio­nieren aber seri­fen­lose besser. Da soll noch mal jemand behaupten, dass Typografie nur eine Spielwiese für Grafiker sei, wenn alle an der Autobahnausfahrt vorbei­fahren, weil das Erfassen des Ortsnamens eine Sekunde zu lang gedauert hat.

CUT: Da du nun fertig designt bist, stellt sich die Frage: Wie sieht die Zukunft aus?

FF Hertz: Ich komme ja aus Berlin-Wedding, da wächst man auto­ma­tisch in einer inter­na­tio­nalen Umgebung auf. Ich spreche über hundert Sprachen, deshalb ist mein Ziel, irgend­wann in jeder von ihnen mindes­tens einmal für eine Liebeserklärung und einmal fürs Fluchen verwendet worden zu sein.

CUT: Das ist ein Wort. Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Anke Eberhardt.

Cut-Kooperation-Launch-Party-RedaktionDas CUT-Team auf der Launchparty im soda. BERLIN im Dezember (von links nach rechts): Marta Olesniewicz (CUT Art-direc­tion), Anke Eberhardt (CUT Chefredaktion), Sebastian Steinacker (SodaBooks), Isabell Hummel (SodaBooks), Horst Moser (CUT Verleger). Foto: Norman Posselt

CUT wurde 2009 unter der Leitung von Horst Moser im Hause inde­pen­dent Medien-Design von den Grafikdesignern Lucie Heselich und Marta Olesniewicz ins Leben gerufen. Anja Kellner stieß kurze Zeit später für Mode und Text dazu. Seit 2012 ist Anke Eberhard Mode- und Chefredakteurin. Inzwischen ist CUT fester Bestandteil der Magazinlandschaft und Kreativ-Lesestoff der Guerilla-Gärtner, Strickmädchen und Selbermacher. Verschiedene Preise wie zum Beispiel der Red Dot Award (2009, 2010), der Lead Award (2010) sowie lobenden Anerkennungen von ADC und der Nominierung des Rat für Formgebung unter­strei­chen die gestal­te­ri­sche Qualität von CUT.

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Das Berlinale-Plakat 2016

66. Berlinale Plakat

Es ist Tradition im Fontblog, alle Jahre wieder einen kurzen Blick auf die Plakatserie der Berliner Filmfestspiele zu werfen. Kurz vor Weihnachten wurden die Motive für die 66. Berlinale vorge­stellt, die vom 11. bis 21. Februar 2016 statt­finden wird. Nachdem der pres­ti­ge­träch­tige Job in den vergan­genen fünf Jahren von der Berliner Agentur Boros betreut wurde, wech­selte das Festival nun den Werbepartner.

Das Schweizer Designbüro Velvet​.ch schuf die 6 Motive und schlägt eine komplett neue Richtung für die Werbung des Filmfestival ein. Während jahr­zehn­te­lang Muster, Wörter, Abstraktes und Buchstaben die Berlinale-Poster domi­nierten, setzt Velvet auf format­fül­lende Fotos. Diese erzählen von »flüch­tigen Begegnungen einzelner Nachtschwärmer mit den Bären in der Stadt, … einge­klemmt zwischen Realität und Fiktion.« (Pressetext). Jedes Motiv ist in eine eigene Farbwelt getaucht. Allen gemein ist der fett in weiß gesetzte Veranstaltungsname plus Datum oben links, dazu an der rechten Seite gestürzt der Hashtag #Berlinale … alles gesetzt in ITC Avant Garde Gothic.

»›Der Bär ist los‹, so könnte das Motto unserer dies­jäh­rigen Plakatmotive heißen. Auf ihnen schwärmt der Bär aus und ist, wie das Festival selbst, nicht nur am Potsdamer Platz, sondern auch in den verschie­denen Kiezen unserer Stadt zu sehen.« Mit diesen Worten umschreibt Festivaldirektor Dieter Kosslick seine eigenen Assoziationen beim Betrachten der neuen Berlinale-Kampagne. Was er nicht verrät sind die Hintergründe für die visu­elle Kehrtwende sowie für zwei visu­elle Details, die um so mehr unsere Fantasie anregen.

1. Der Hashtag. Da die Berlinale nicht nur ein Industrie-, sondern auch ein Publikum-Festival ist, haben sich die Veranstalter dazu entschlossen, die Fans mit einem amtli­chen Hashtag zum Mitreden einzu­laden. Wer in den sozialen Medien zu Hause ist weiß natür­lich schon lange, dass dort sowohl die Stars als auch die Journalisten fleißig Informationen liefern (und natür­lich auch sammeln). Frischer als im Netz kommt man nicht an Festival-Infos. Mehr live geht nicht.

2. Das RGB-Muster. Wer sich den neuen Plakaten nähert stellt fest, dass die Fotos mit einem Pixel-Raster verfremdet sind, das sie wie Screenshots aussehen lässt, genauer: wie vom Bildschirm abfo­to­gra­fiert. Dieser Effekt ist unge­wöhn­lich für ein Festival zum Thema Film, einer Industrie, die zwar weit­ge­hend digi­ta­li­siert ist, aber letzt­lich ihr Geld mit dem Versprechen einer unge­trübten (= pixel­freien) opti­schen Bildqualität verdient. Andererseits deutet der Screen-Effekt an, dass die Zukunft des Films nicht alleine an der Kinokasse entschieden wird. Digitale Plattformen, die Filme verkaufen, verleihen oder streamen, werden in den kommenden Jahren eine entschei­dende Rolle für den Zugang zur Filmkunst spielen.

Beide Details betonen, dass die Berlinale ein publi­kums­nahes Festival ist und dass sie sich darum bemüht, so viele Menschen wie möglich dem Medium Film näher zu bringen. Unter diesem Blickwinkel sind die neuen Plakate inhalt­lich passend und grafisch gelungen.

(Abbildungen: Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin)


Fünf Fragen an Johannes Bergerhausen

Nach dem Kommunikationsdesign-Studium 1993 ging er nach Paris, Prof. Johannes Bergerhausen, Jahrgang 1965. Dort arbei­tete er für so unter­schied­liche Projekte wie für das Centre Pompidou, für Arbeitsloseninitiativen und bei den Gründern des Grafikerkollektivs Grapus, Paris-Clavel und Pierre Bernard. 1998 erhielt Johannes Bergerhausen das begehrte Stipendiat des Centre Nationale des Arts Plastiques.

Aus dem geplanten Jahr in Frankreich wurden an Ende sieben. 2002 berief die Hochschule Mainz Bergerhausen als Professor für Typografie und Buchgestaltung. 2004 star­tete er das viel­fach ausge­zeich­nete Projekt deco­de­u­ni­code, geför­dert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

TYPO-Berlin-15-05-22-Gerhard-Kassner-Monotype-0822Er spannte die Entwicklung der  Zeichen von der Keilschrift bis zu den Emojis: Johannes Bergerhausen, bekannt auch als Mr. Unicode, im Mai auf der TYPO Berlin. Foto: Gerhard Kassner/Monotype

Seitdem hält er zahl­reiche Vorträge welt­weit, ist Mitglied im ATypI und erhielt zahl­reiche Auszeichnungen.  Mit Kollegen in Mainz grün­dete er 2004 das Institut Designlabor Gutenberg. 2011 veröf­fent­lichte er gemeinsam mit Siri Poarangan deco­de­u­ni­code — Die Schriftzeichen der Welt, 2012 gab es dafür den Designpreis der Bundesrepublik in Gold. Seine aktu­elle Publikation: Digitale Keilschrift mit Keilschrift-Font.

Fontblog: Was hat Dich bewogen, Dein Augenmerk auf Schriftzeichen zu legen?

Die selt­same Welt der »Sonderzeichen«, also alles was über das übliche A bis Z und 0 bis 9 hinaus­geht. Jeder typo­gra­fi­sche Laie hat heute Zugang zu weit mehr Zeichen als es Gutenberg jemals hatte. Dabei ist vielen nicht klar, welcher Schatz sozu­sagen unter der Tastatur verborgen ist.

Bergerhausen Unicode1

Unicode ist ein inter­na­tio­naler Standard, der für jedes sinn­tra­gende Schriftzeichen oder Textelement aller bekannten Zeichensysteme und Schriftkulturen einen Code festlegt

Wir verwenden täglich Zeichen wie »€« oder das Komma — aber kaum bekannt ist, wer sie »erfunden« hat oder wo sie herkommen. Unicode hat sich dabei im letzten Jahrzehnt zu einer Sammlung der Schriftzeichen der Menschheit entwi­ckelt. Fast jede Schriftkultur ist dort vertreten und damit haben wir einen neuen, globalen und verglei­chenden Blick auf die typo­gra­fi­schen Zeichen.

Fontblog: Mainz gilt als Wiege des Buchdrucks. Wo kann man in Mainz heute auf den Spuren Gutenbergs wandeln?

Natürlich im Gutenberg-Museum. Keine 500 Meter von unserer Hochschule Mainz entfernt finden sich nicht nur zwei Exemplare der Gutenberg-Bibel in einem eigenen Raum mit Panzerschranktüren, sondern auch viele Wiegendrucke oder Originale von Rodtschenko. Die Bibliothek ist sehr gut sortiert und Forscher können dort auf Anfrage auch mal einen Originaldruck von Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer begut­achten. Dort laufen auch sehr gute Ausstellungen wie der Call for Type aus denen Publikationen wie die »Texte zur Typografie« oder »Neue Schriften« meiner Kolleginnen Eisele und Naegele hervor­ge­gangen sind. Das Museum betreibt einen eigenen Bereich in dem man Buchdruck-Workshops machen kann. Auch die Mainzer Kinder lernen hier drucken.

Übrigens gibt es kein authen­ti­sches zeit­ge­nöss­si­ches Portrait Gutenbergs, obwohl wir alle das Bild des bärtigen Patriziers im kollek­tiven visu­ellen Gedächtnis haben.

Fontblog:  Du widmest Dich seit vielen Jahren dem Unicode-Projekt, dem inter­na­tio­nalen Standard für Schriftzeichen für alle Sprachen der Welt. Hast Du ein persön­li­ches Lieblingszeichen? 

Unicode ist voll skur­riler, inter­es­santer Zeichen. Der fran­zö­si­sche Gestalter Pierre Bernard sagte einmal: »Alle Farben sind schön.« Nehmen wir diese beiden Zeichen:

¤ U+00A4: CURRENCY SiGN: Als der (ameri­ka­ni­sche) ASCII-Code in den 1960er Jahren inter­na­tional werden sollte, weigerten sich Vertreter der osteu­ro­päi­schen Gremien, den Dollar, das Zeichen des Kapitalismus, darin aufzu­nehmen. Im Kommunismus wirkte es wohl damals wie das Zeichen des Teufels. Also schlug man vor, ein allge­meines Zeichen für »Währung« zu entwerfen. Gesagt, getan: so entstand ¤. Es soll eine Münze darstellen, die im Sonnenlicht glänzt. Jeder Type-Designer muss heute ein Currency Sign entwerfen, dabei wurde es prak­tisch nie verwendet. In Japan soll es Teenager geben, die es jetzt als ein Zeichen für »Kuss« per SMS verwenden.

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Lieblingszeichen: Relikt aus dem kalten Krieg, das block­über­grei­fende Currency Zeichen und das aus einem alten japa­ni­schen Zeichen entlehnte Postal Mark Sign

U+3020 POSTAL MARK FACE, das Maskottchen der japa­ni­schen Post. Es wider­spricht eigent­lich der Unicode-Regel, keine Logos aufzu­nehmen. Da es aber aus einem alten japa­ni­schen Zeichencode stammt wollte man Kompatibilität herstellen, deshalb wurde es doch aufge­nommen. Es trägt im oberen Bereich das Zeichen U+3012 POSTAL MARK, das Logo der japa­ni­schen Post. Und das wiederum geht auf U+30C6 KATAKANA LETTER TE zurück, das Silbenzeichen für /te/, was sich wiederum aus dem japa­ni­schen Wort »teilshin« für »Kommunikation« ableitet.

Fontblog:  Vor einem Jahr enthielt der Unicode-Standard 113.021 Zeichen. Gibt es ein Zeichen, dass dort fehlt? Und eine Sprache, die für Unicode noch erschlossen werden muss?

Unicode codiert keine Sprachen (es gibt unge­fähr 7.000 welt­weit; Tendenz stark fallend), sondern Schriftsysteme (davon gibt es rund 200). Nach nun bald 25 Jahren Arbeit des Unicode Konsortiums fehlen immer noch ein paar Dutzend Schriftsysteme. Dies sind die soge­nannten »Minority Scripts«, die nur von kleinen Schreiber-Gruppen verwendet werden oder gar ausge­storben sind. Peu à peu sollen sie in den nächsten Jahren aufge­nommen werden.

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Minority Scripts Teil 1: Der Font DecodeCuneiform von J. B., Andrea Krause, Stefan Pott, Institut Designlabor Gutenberg, Hochschule Mainz, 2014

Auch die ausge­stor­benen Schriftsysteme müssen in den Unicode, damit diese Texte auch eines Tages digi­ta­li­siert vorliegen können. Wenn wir alle Schriftstücke der Menschheit digi­ta­li­sieren wollen, dann sollten z. B. die Texte der rund 500.000 Tontafeln in Keilschrift nicht fehlen. Deshalb haben wir letztes Jahr im Institut Designlabor Gutenberg (IDG) bei uns an der Hochschule Mainz eine digi­tale Keilschrift entwi­ckelt, ein typo­gra­fi­scher Font für die rund 1.000 Keilschriftzeichen.

Die Script Encoding Initiative (SEI) der Linguistin Dr. Deborah Andersons in Berkeley, USA unter­stützt seit Jahren die Codierung der noch fehlenden Schriftsysteme. Diese Arbeit braucht noch mehr Unterstützung!

Fontblog: Auf Mobilgeräten wird immer häufiger mit Zeichen statt Worten kommu­ni­ziert. Sind Emojis die kommende Schriftsprache?

Logogramme (Wortzeichen) wie die Emojis sind erstaun­liche Wesen. Sie können sowohl als Piktogramm als auch als Ideogramm fungieren. So steht das »« als Piktogramm (Bildzeichen) für das, was man sehen kann: das physi­sche Objekt »Herz«. Aber als Ideogramm (Begriffszeichen) steht das gleiche Zeichen »« für den nicht sicht­baren Begriff »Liebe«. Wie beim unsterb­li­chen Claim I♥NY von Milton Glaser von 1977. Übrigens wurde das 2011 als erstes Pikto in das ehrwür­dige Oxford English Dictionary aufgenommen.

Bergerhausen Unicode4Minority Scripts Teil 2: Zwei Glyphen des Schriftsystems Bamum, es wird in Kamerun von ca. 215.000 Schreibern verwendet. Jetzt auch im Unicode.

Heute haben erst zwei von sieben Milliarden Menschen einen Internetzugang. In den nächsten Jahren soll mindes­tens eine Milliarde aus den soge­nannten Schwellenländern dazu kommen, die meisten über Smartphones. Je mehr Menschen die Emojis entde­cken, desto eher könnte es Zeichen geben, die inter­na­tio­nale Karriere machen, wie die analoge Geste »okay«. Der Daumen nach oben wird heute welt­weit verstanden. Den haben ja schon die römi­schen Kaiser verwendet.

Ich glaube aber nicht, dass die Emojis die Alphabete wie das Lateinische verdrängen werden. Die Emojis sind eben keine komplette Schriftsprache. Es gibt solche Gags wie »Emoji Dick« (Moby Dick als Text aus Emojis), das ist einen Tag lustig, aber das kann ja kein Mensch wirk­lich lesen! Sehr viele Emojis werden nur als Kommentar auf einen geschrie­benen Text verwendet.

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Johannes Bergerhausen veröf­fent­lichte über Schriftzeichen und Zeichensysteme im Verlag Hermann Schmidt Mainz:

Am Freitag kommender Woche (26. Juni) spricht Johannes Bergerhausen auf dem TYPO Day Zürich.


Wenn Schriften altern: Grimoire und Sadness

von Felix Braden

Gerade sind Felix Braden’s Erstlingswerke Sadness und Grimoire in der Neuauflage bei Myfonts erschienen. Nach dem trau­rigen Ende der Fountain Type Foundry musste er sich die Frage stellen, ob seine 20 Jahre alten Entwürfe noch eine Existenzberechtigung haben.

felix_braden

Ziemlich genau zur Jahrtausendwende grün­dete ich die Freefont Domain Floodfonts. Ich hatte mich mit zwei Freunden selbst­ständig gemacht, und um ein wenig Presse zu bekommen, entschieden wir uns, die während des Studiums entstanden Schriftprojekte zum kosten­losen Download anzu­bieten. Kaum hatten wir eröffnet, meldete sich Peter Bruhn aus Schweden mit der Frage, ob wir die Schriften nicht lieber über sein Label Fountaintype vertreiben möchten, statt sie zu verschenken. Aus den insge­samt 10 Schriften von Floodfonts wählte Peter drei aus, die daraufhin über­ar­beitet und auf den umfang­rei­chen Zeichensatz von Fountain ausbaut wurden. Peter unter­stützte uns mit vielen wich­tigen Infos und Korrekturen und nach einem knappen Jahr wurden Sadness und Grimoire bei Fountain veröf­fent­licht. Leider habe ich Peter nur ein einziges Mal persön­lich getroffen. Aber letzt­end­lich verdanke ich ihm viel, denn er hat in mir den Gedanken geweckt, dass Schriftgestaltung für mich mehr werden könnte als nur ein Hobby.

Nach Peters tragi­schem und uner­war­tetem Tod im letzten Jahr musste ich mich der Frage stellen, wie er nun mit den Schriften weiter geht. Lotta Bruhn, Peters Frau, hatte sich entschieden, die Fountain Website im Netz zu lassen, wollte aber die Foundry nicht weiter­führen. Mir gefiel der Gedanke, Peters Lebenswerk zu ehren. Aber Sadness und Grimoire sind während meines Studiums entstanden und mitt­ler­weile fast 20 Jahre alt. Haben diese Schriften heute noch eine Existenzberechtigung? Wenn mich Leute fragen, was mich an Type Design so begeis­tert, nenne ich als Argument stets auch Zeitlosigkeit. Wenn man bedenkt, dass die Garamond aus dem 16. Jahrhundert heute noch die meist gele­sene Buchschrift ist, würde das bedeuten, zum Beispiel über­tragen aufs Modedesign, dass wir mit Ritterrüstungen oder Brustharnischen herum­laufen und in Pferdekutschen zur Arbeit fahren. Der Gedanke, dass ein Designkonzept über 500 Jahre bestand haben kann, übt auf mich eine unglaub­liche Faszination aus. Nicht, dass ich meine Schriften für derart bahn­bre­chende Entwürfe halte, aber im Type-Design ticken die Uhren eben anders und vergli­chen mit einem halben Jahrhundert sind die 20 Jährchen von Grimoire und Sadness ja nur ein Wimpernschlag.

Also entschloss ich mich, die beiden in die Jahre gekom­menen Fonts dezent zu über­ar­beiten und noch einmal auf den Markt zu bringen. Ich habe die Hoffnung, dass man damit auch heute noch zeit­ge­mäßes Design machen kann und bin sehr gespannt auf die ersten Anwendungen.

Sadness basiert auf Experimenten mit der ›Blendfonts‹-Funktion von Fontographer, einer Typedesign-Software, mit der Zwischengrößen von Schriften errechnet werden können, um den Gestaltungsaufwand bei großen Schriftfamilien zu mini­mieren. Dabei wurden völlig unter­schied­liche Schriften eines befreun­deten Designers inter­po­liert, was in der Regel nur funk­tio­niert, wenn die Konturen der Schriften ähnlich aufge­baut sind. An einigen Stellen konnte das Programm neue Outlines errechnen, doch die Ergebnisse waren sehr frag­men­ta­risch. Daraus wählte ich die charak­te­ris­tischsten Elemente aus und gestal­tete damit eine neue Schrift.

Grimoire lebt von dem Gedanken, zwei stark kontras­tie­rende Konstruktionsprinzipien zu verbinden: Den zeich­ne­ri­schen, tech­ni­schen mit dem kalli­gra­fisch, schrei­be­ri­schen Schriftgestaltungsansatz. Die Schrift basiert auf einem modu­laren System, simu­liert aber dennoch eine Schreibschrift. Die Idee hat mich seitdem so faszi­niert, dass ich viele Schriften nach diesem Konzept gestaltet habe, wie z.B. die bei Volcanotype veröf­fent­lichte Bikini. Auch meine jüngste Schrift, die mehr­fach ausge­zeich­nete FF Scuba lebt von diesem Konzept aller­dings bin ich mit zuneh­menden Alter weniger expe­ri­men­tier­freudig und will weniger exzen­tri­sche als viel­seitig einsetz­bare Schriften gestalten.

Beide Schriften, Grimoire und Sadness, sind bei Myfonts bis zum 19. Mai 2015 mit einem Einführungsrabatt von 80 Prozent erhältlich.