Fontblog Persönliches

Zwischenbilanz: 25.000 Mails an George Clooney

Das nenne ich vorbild­liche, zeit­nahe Kommunikation … Am Montag hatte ich hier im Fontblog auf die gelun­gene Nespresso-Werbe-Parodie aufmerksam gemacht (Nespresso-Engagement fällt auf George zurück), der Auftakt einer Petition von Solidar Swiss. Eben schreibt mir Christian Engeli von Solidar:

»Guten Morgen Jürgen Siebert. Herzlichen Dank! Vor drei Tagen haben wir die Kampagne für fairen Nespresso lanciert. Dank Ihnen und vielen Tausend weiteren Menschen wird die Aktion zum Erfolg! Bis jetzt wurden 25’000 E-Mails an George Clooney geschickt! Der Spot wurde auf Youtube mehr als 400’000 mal ange­sehen – unglaub­lich! Gemeinsam haben wir die Diskussion über fairen Handel welt­weit(!) in die Medien gebracht.

Nespresso verweist in seiner Antwort auf unsere Kampagne auf das ›Nespresso AAA+ Sustainability Programm‹. Dieses firmen­ei­gene Label erachten wir als unge­nü­gend. Unsere Kritik am AAA-Programm finden Sie hier. … Nespresso hat uns für morgen, Freitag, zu einem ersten Treffen einge­laden. Wir haben die Einladung ange­nommen. Wenn wir jetzt den Druck aufrecht erhalten, wird fairer Nespresso schon bald Realität.«

Gern geschehen und weiterhin viel Erfolg.


Tanzende Konturen – ein Vergleich

Ich war 2003 ein großer Fan der frühen iPod-(Classic)-Werbevideos, zum Beispiel von diesem hier (Musik: Black Eyed Peas, »Hey Mama«):

Als ich gestern zum ersten Mal den Blaxploitation-Film Foxy Brown (Wikipedia-Link) auf arte in ganzer Länge gesehen habe (dessen Hauptdarstellerin Pam Grier 23 Jahre später auch die weib­liche Hauptrolle in Quentin Tarantinos Jackie Brown spielte), war ich über­rascht, in dem 37 Jahre alten Vorspann die Vorlage für die Ästhetik dieser iPod-Werbespots aus dem Hause TBWA Chiat Day zu entde­cken:

Choreografie: Anita Mann. Special-Effect-Design: Imagic, Inc. Musik: Willie Hutch.

Einen span­nenden Blogbeitrag (englisch) über das Zusammenspiel von Text und Körper in den Film-Vorspännen von Vertigo, Foxy Brown und Superbad habe ich hier gefunden: Intertextuality and The Body.


Alles richtig gemacht, SZ-Magazin fürs iPad

Bis vor fünf Wochen war das SZ-Magazin bei und in der Familie eine unre­gel­mä­ßige Lektüre, obwohl wir es alle mögen. Der gedros­selte Konsum lag meis­tens daran, dass uns beim Samstageinkauf einfiel: »Oh, gestern erschien wieder das SZ-Magazin«. Für alle Leser, die nicht so vertraut sind mit den Printobjekten des Süddeutschen Verlag: Das Süddeutsche-Zeitung-Magazin ist die vier­far­bige Beilage, ein soge­nanntes Supplement, in der Freitagsausgabe der SZ und mit 430.000 Auflage eines der größten deut­schen Zeitschriften.

Gestern Abend erschien zum 6. Mal die digi­tale Ausgabe des Magazins. Wir haben sie alle gekauft (für je 79 Cent) und erfreuen uns seit der ersten digi­talen Ausgabe jede Woche über:

  • das Erscheinen am Donnerstagabend
  • die zeit­lich unbe­grenzte Lieferbarkeit
  • den güns­tigen Preis
  • den Mehrwert im Vergleich zur Print-Version
  • die selbst­be­wusste, konse­quente Inszenierung

Damit ist eigent­lich schon alles gesagt. Vor allem den letzten Punkt möchte ich ausdrück­lich hervor­heben und vergleich­baren Verlagsprojekten zwecks Überprüfung ans Herz legen. Dem SZ-Magazin für das iPad merkt man auf jeder Seite an, dass es – unter dem Ex-Jetzt-Redaktionsleiter und Ex-Neon-Chefredakteur Timm Klotzek – mit »Liebe zum Gerät« gemacht ist (anstatt mit »Liebe zum Papier, aber weil das ja bald ausstirbt, müssen wir das gezwun­ge­ner­maßen jetzt aufs iPad bringen«). Die Liebe fürs Detail zeigt sich nicht nur im digi­talen Heft selbst, sondern sogar an der Metadaten-Pflege im App-Store, wo aktu­elle ScreenShots für die App werben … eigent­lich ein Kinderspiel, man muss es nur verstehen und wollen, Woche für Woche.

Ein Beispiel für den Mehrwert der digi­talen Ausgabe ist die aktu­elle Titelgeschichte: Vor sieben Jahren hat das SZ-Magazin ein Heft über Dreizehnjährige gemacht. Nun haben Fotograf und Redaktion sie alle noch mal getroffen, »für ein Heft über die Zwanzigjährigen von heute«. Ein 5-minü­tiger Film doku­men­tiert die Erinnerungen und Gedanken des Fotografen. Und weil es in digi­talen Magazinen keine Platzprobleme gibt, werden nicht nur alle alten und neuen Fotos der Jugendlichen ganz­seitig insze­niert, man bekommt sogar noch mal die Texte von damals gelie­fert. Ähnlich geht die Redaktion mit Rezepten um (groß bebil­dert), der Kolumne von Axel Hacke (inkl. Audio-File, vom Autor gelesen) und den beliebten Kolumnen »Sagen Sie jetzt nichts« oder dem verzwickten Kreuzworträtsel, das selbst­ver­ständ­lich auch mit der iPad-Tastatur gelöst werden kann. So macht man iPad-Magazine.

Zum selben Thema auch meine aktu­elle Kolumne in PAGE: Warum e-Books nur ein Zwischending sind


Marshall McLuhan: »Das Ende des Buchzeitalters«

Morgen würde der kana­di­sche Philosoph Marshall McLuhan 100 Jahre alt werden. Seine Anhänger feiern den runden Geburtstag bereits seit Januar diesen Jahres: MMXI Events. Auch wer nichts über McLuhan weiß, kennt die geflü­gelten Worte vom »globalen Dorf« oder »das Medium ist die Botschaft«, die seinen Werken entstammen, wenn auch gerne verdreht ausge­legt. McLuhans zentrale These: Neue Technologien, vor allem Massenmedien, bewirken – unab­hängig von ihren Inhalten – eine Veränderung der Wahrnehmung und des Denkens der Menschen, sie stellen neue Wirklichkeiten her: »Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns« (MM). Zuletzt griff Frank Schirrmacher mit seinem Sachbuch »Payback« auf McLuhans erwei­terten Medienbegriff zurück.

McLuhan (1911 – 1980), Liebling der Generation X, war kein Propagandist der neuen Medien, eher ein peni­bler Forscher des kultu­rellen Übergangs. Tom Wolfe nannte ihn nach einer Begegnung 1965 das »Orakel der modernen Zeit«, und »der wich­tigste Denker seit Newton, Darwin, Freud, Einstein und Pawlow.« Dieser sah Mitte des letzten Jahrhunderts voraus, wie Fernsehen und Computer unser Leben verän­dern würden, hatte eine Vorahnung vom Internet und prophe­zeite: »In the Age of Information, the moving of infor­ma­tion is by many times the largest busi­ness in the world.« Und: »The more the data banks record about each one of us, the less we exist.« Selbst den Narzissmus der sozialen Netze prognos­ti­zierte er: »Genau dann, wenn alle Menschen damit beschäf­tigt sind, an sich und anein­ander herum­zu­schnüf­feln, werden sie für die Vorgänge insge­samt anäs­the­siert.« (zitiert nach Der Spiegel, Nr. 29, 2011, S. 121).

Vor genau 50 Jahren schrieb McLuhan seinen ersten Bestseller The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man (deut­scher Titel: Die Gutenberg-Galaxis – Das Ende des Buchzeitalters). In der Abhandlung glie­dert er die Geschichte der kultu­rellen Entwicklung in vier Phasen: die orale Stammeskultur, die lite­rale Manuskriptkultur, die Gutenberg-Galaxis und das elek­tro­ni­sche Zeitalter. Das Buch endet mit dem Kapitel »The Global Village«, in dem die elek­tro­ni­schen Medien das Buch ablösen. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der die Wahrnehmung über das Ohr zurück­tritt und die visu­elle Aufnahme über das Auge im Vordergrund steht. Er verwendet den Begriff des globalen Dorfes nicht wertend, sondern schlicht beschrei­bend: »Anstatt zu einer großen Alexandrinischen Bibliothek zu werden ist die Welt zu einem Computer geworden, einem elek­tro­ni­schen Gehirn, genau wie kind­liche Science Fiction.«

Im Innersten war McLuhan ein Technikskeptiker, »ein Schamane, der von seinen Visonen über­holt wurde« (Spiegel). Der beken­nende Katholik und Anglistik-Professor war eine Kassandra des begin­nenden Medienzeitalters und der Hype um seine Thesen ein Reflex der über­drehten 60er Jahren. Das Ende der (blasierten) Gutenberg-Galaxis bedeu­tete für ihn nicht nur eine Hinwendung zur Technik, sondern ebenso eine will­kom­mene Gegenreformation und Eintritt in die neue Ökumene des Fernsehzeitalters. Die zentrale Hoffnung beschrieb McLuhans mit der Aussicht: »We return to the inclu­sive form of the icon«. Eine Kultur der Benutzeroberflächen, so sein Wunsch, wird weniger elitär sein als die Kultur der Schriftgelehrten.

Warum schreibe ich dies? Weil der morgige Geburtstag von McLuhan mit dem Erscheinen eines »gelben Meilensteins« (Ivo Gabrowitsch, FSI) zusam­men­fällt, dem FontBook fürs iPad. Natürlich: das ist nicht mehr als ein »Sack Reis« für die Menschheit. Für unser Unternehmen jedoch, das vor 22 Jahren gegründet wurde und zwei Jahrzehnte mit dem FontBook gewachsen ist, bedeutet der Schritt eine Art Kulturrevolution – viel­leicht auch für einige tausend FontBook-Benutzer. Mit Erscheinen der App steht fest: Es wird nie wieder ein gedrucktes FontBook geben. Dies ist für Typografen eine weitaus schlech­tere Nachricht als für Abiturienten die Tatsache, dass Wikipedia längst den Brockhaus im Regal verdrängt hat. Bibliophile werden die Digitalisierung des FontBook als Autoimmunerkrankung des Internet-Zeitalters brand­marken.

Dabei rüstet sich das FontBook nur für die Zukunft. Es wird leichter zu bedienen sein als die 1760-seitige Druckausgabe, bietet 20 mal so viel Informationen und ist auf jener Bühne ange­kommen, wo die schrift­liche Kommunikation in den kommenden Jahren zu Hause ist, dem Bildschirm. Zitat McLuhan: »Das nächste Medium, was immer es ist – viel­leicht die Ausweitung unseres Bewusstseins –, wird das Fernsehen als Inhalt mit einbe­ziehen, nicht als dessen bloßes Umfeld, und es in eine Kunstform verwan­deln. Der Computer als Forschungs- und Kommunikationsinstrument könnte die Recherche von Information stei­gern, die Zentralbibliotheken in ihrer bestehenden Form über­flüssig machen, die enzy­klo­pä­di­sche Funktion des Individuums wieder­her­stellen und in einen privaten Anschluss umkehren, über den indi­vi­duell zuge­schnit­tene Informationen sofort und für Geld abge­rufen werden können.«

Und so schließe ich mein Geburtstagsständchen mit einer anachro­nis­ti­schen Empfehlung, einem gedrucktes-Buch-Tipp, weil in Deutschland nicht als eBook erhält­lich: Die frisch erschie­nene McLuhan-Biografie von Douglas Coupland (Abb. oben). Wer wäre besser geeignet, das Leben und Werk des Kommunikations-Gurus nach­zu­er­zählen? Humorvoll und lite­ra­risch bril­lant bringt uns Coupland das Leben eines exzen­tri­schen Denkers nahe. Weitere Informationen und eine digi­tale Leseprobe beim Verlag Klett-Cotta …


Musik und Video: German Bold Italic

Es gibt inzwi­schen eine Menge Popmusik über Schrift und Typografie. Der neuste Titel aus diesem Segment ist wohl Futura, von den Battles (Album: Gloss Drop, iTunes-Link). Mein All-time Favorit – in Bild und Ton und Text – bleibt immer noch GBI (German Bold Italic) von Towa Tei und Kylie Minogue aus dem Jahr 1997. Und weil diese Preziose beson­ders den jüngeren Fontblog-Lesern noch unbe­kannt sein dürfte … gucksdu hier:


Spiegel Online seit eben werbefrei …

Schmeißfliegen auf frischem Hühnerkot (Foto: Soebe für Wikipedia)

… zumin­dest auf meinem Rechner (und denen meiner Familie). Ausschlag-gebend waren die nervigen Verfolger-Banner auf www​.spiegel​.de. Zitate zu Hause : »Arschkriecher-Advertising«, »Schmeißfliegen-Promo«, …Wer denkt sich so was aus und warum muss man den Menschen so lange auf den Geist gehen, bis sie Maßnahmen ergreifen?

Ich habe mich jahre­lang gegen Werbeblocker gewehrt, weil Werbung Bestandteil meines Berufslebens ist. Schließlich werden Anzeigen aus Schriften gebaut, Werbeagenturen sind unsere Kunden. Ich finde auch, dass ein Konditor Bock auf Süßes haben muss und in den Adern eines glaub­wür­digen KFZ-Mechanikers Benzin fließen sollte. Wenn der erste ständig über die Gefahren des Zuckerkonsums lamen­tiert und der zweite das Bahnfahren als einzig selig machende Fortbewegung anpreist, muss ich irgend­wann deren beruf­liche Hingabe in Frage stellen und unsere Wege werden sich früher oder später trennen.

SPIEGEL Online animiert mich einer­seits zum Lesen (durchaus mit werb­li­chem Aufwand), gleich­zeitig macht es mir genau diese Tätigkeit mit nervigem Werbe-Störfeuer madig. Eigentlich müssten wir getrennte Wege gehen. Da das Internet für solche Fälle jedoch clevere Hygienemaßnahmen bereit­stellt, habe ich mich für diesen Weg entschieden.

Mein Werbeblocker für Safari heißt Adblock (es gibt ihn auch für Chrome), und er wurde von Michael und Katie entwi­ckelt, denen ich per PayPal gleich 10 Dollar für das Tool gespendet habe.

Eine Bitte an die Leser: Kann mir jemand Bescheid sagen, wenn Spiegel Online die Nervbanner abge­schaltet hat, weil: Ich würde das jetzt nicht mehr mitkriegen, bin aber doch inter­es­siert, wie sich die Online-Werbewelt – typo­gra­fisch gesehen – so weiter­ent­wi­ckelt. Abschließend entschul­dige ich mich bei allen anderen Websites, die weniger aufdring­lich werben, und mich trotzdem nicht mehr in ihren Mediadaten mitzählen dürfen. Zum Glück ist mein Werbeblocker konfi­gu­rierbar, ich kann also, wenn ich das möchte, die Werbung auf anderen Seiten wieder einschalten.


Die TYPO und ihre Kinder

Am Ende einer TYPO-Konferenz werde ich von vielen Besuchern und auch Rednern gefragt: Wie haben dir die 3 Tage gefallen? Meine Antwort fällt meist zöger­lich aus, was mich irgendwie ärgert. Mein Herz sagt: Es war die beste TYPO von allen! Mein Verstand sagt: Du kannst das gar nicht beur­teilen, weil du befangen bist. Außerdem plane ich das Programm so, dass es den Besuchern gefallen soll und weniger mir.

Früher habe ich die Auswertung der Fragebögen abge­wartet, um mir ein endgül­tiges Bild vom Urteil der Besucher zu machen. Seitdem es Twitter gibt, strecke ich bereits während der Vorträge meine Fühler ins Publikum aus. Und siehe da: Es hat fast allen richtig gut gefallen. Dies bestä­tigt inzwi­schen auch die Online-Befragung unter den Besuchern: 77 % bewer­teten die TYPO Berlin 2011 mit sehr gut oder gut, 18 % fanden sie so lala, 5 % gefiel sie über­haupt nicht. Unter diesen 5 Prozent ist ein Besucher aus München, der alle 16 Konferenzen besucht hat und mir gegen­über per Mail zu dem Urteil kommt: »das war die schwächste typo aller zeiten«. In diesem Fall habe ich zwei Ratschläge:

  1. viel­leicht mal ein paar Jahre aussetzen oder prüfen, ob
  2. der Dampfer TYPO einen abwei­chenden Kurs aufge­nommen hat

Und damit bin ich endlich bei meinem Thema … den Jungstars der TYPO Berlin.

Sie heißen zum Beispiel Nadine Roßa, Patrick Marc Sommer (beide Design made in Germany),  Damian Gerbaulet und Malte Christensen – ganz oben im Uhrzeigersinn abge­bildet (Foto: ©Marc Eckardt für TYPO Berlin). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie einst als Zuschauer auf der TYPO Feuer gefangen haben, fürs Design, fürs Netzwerken … vor allem aber dafür, ihr Tun leiden­schaft­lich zu präsen­tieren.

Nadine Roßa lebt und arbeitet als frei­be­ruf­liche Illustratorin und Designerin in Berlin, nachdem sie letztes Jahr ihr Studium (Kommunikationsdesign) abge­schlossen hat; seit 2009 ist sie Mitherausgeberin des Magazins von Design made in Germany.
Patrick Marc Sommer lebt und arbeitet als Designer und Produktioner in Berlin. Er ist seit 2005 redak­tio­nell tätig, u. a. für Encore, Slanted (Typo Weblog & Magazin) und als Mitherausgeber des Magazins von Design made in Germany.
Damian Gerbaulet studierte Kommunikationsdesign bei Holger Jung (Jung von Matt) an der Hochschule Wismar. Er führt sein eigenes Branding-Studio in Berlin und hat gerade sein Buch »Kommunikationsdesign als Marke« veröf­fent­licht.
Malte Christensen ist Dipl.-Designer und arbeitet als Konzepter und Stratege für die Berliner Agentur mark veys; er stand bereits im vergan­genen Jahr auf der TYPO-Bühne … nun gehörte er laut Besucher-Befragung zu den 10 belieb­testen Sprechern.

Der ergrei­fendste Moment für mich (es waren gleich mehrere Stellen, an denen ich einen Kloß im Hals hatte) war der Vortrag von Malte Christensen. Vielleicht wäre es weniger emotional für mich ausge­fallen, wenn ich zuvor einen Blick in seine Präsentation geworfen hätte, was er mir noch 30 Minuten vor betreten der Bühne anbot (Mann ist der cool … wie viele erfah­rene TYPO-Hasen habe ich erlebt, die man vor ihrem Auftritt auf keinen Fall anspre­chen darf, schon gar nicht auf den bevor­ste­henden Vortrag).

Malte sprach auf der Bühne genau jene Werte an, die ich den Besuchern seit der ersten TYPO mit meiner Programmgestaltung vermit­teln möchte: Leidenschaft, Mut, den eigenen Weg gehen, authen­tisch bleiben, sich mit Freunden austau­schen, über diese Dinge spre­chen und die eigene Begeisterung auf andere über­tragen. Meine Frau und meine 15-jährige Tochter saßen eben­falls im Publikum. Marie wird in 2 Jahren die Schule verlassen und denkt gerade über ihre beruf­liche Ausrichtung nach. Am Ende von Maltes Vortrag flüs­terte sie mir zu: ›Papa, der hat mich total moti­viert … so will ich auch meinen Beruf ausüben‹. Jetzt versucht Euch mal in meine Lage zu versetzen … die Familie im Publikum, auch Nadine, Patrick und Damian, ein mitrei­ßender Sohn der TYPO auf der Bühne, der meine Tochter moti­viert, die TYPO jetzt 16 Jahre alt und erwachsen … äh Leute, ich hab das nicht mehr ausge­halten und musste meinen Vaterstolz – mit gebro­chener Stimme – auf der Bühne los werden. Buahh – Gänsehaut.

Nun gut. Die TYPO ist vorbei, aber das Wirken ihrer jüngsten Protagonisten geht weiter. Zum Beispiel in zwei bemer­kens­werten Büchern, die hier bei mir auf dem Schreibtisch liegen, der Stoff zweier Vorträge zwischen Buchdeckeln. Ich möchte sie nicht einzeln vorstellen, sondern gleich hier in der Familienchronik.

»Kommunikationsdesign als Marke« (Amazon-Link) von Damian Gerbaulet beschäf­tigt sich mit Selbstvermarktung und Markenentwicklung im Kommunikationsdesign. Es erschien im Hamburger Verlag Norman Beckmann, der es zum studen­ten­freund­li­chen Preis vom 19,95 € auf den Markt bringt. Nach einer inten­siven Untersuchung der Herkunft und des Wesens des Phänomens Marke, beleuchtet Gerbaulet die Eigenheiten und Hürden der Kommunikationsdesign-Branche. Ausgehend von den theo­re­ti­schen Erkenntnissen wird ein eigens entwi­ckelter zykli­scher Prozess vorge­stellt, der als Leitfaden und Denkanstoß zur Markenentwicklung im Kommunikationsdesign dient.
 Holger Jung beschei­nigt dieser Methode im Vorwort: »Die außer­ge­wöhn­lich plakativ und persön­lich einge­setzte Typografie, das gekonnte Durchbrechen längerer Textpassagen und das Hervorheben und Betonen wich­tiger Aussagen sind hier kein krea­tiver Selbstzweck, sondern geben inhalt­liche Führung und stei­gern das Lesevergnügen.« In der Tat: Das Werk ist ein Leckerbissen für Hirn und Auge.

Es gewährt Einsichten in eine komplexe Branche, der ein »gesün­deres« Maß an Selbstdarstellung gut täte – wir spra­chen hier im Fontblog öfters darüber. In Gesprächen mit renom­mierten Gestaltern (u. a. Kurt Weidemann † und Stefan Sagmeister) hinter­fragt Damian Gerbaulet anhand der jewei­ligen persön­li­chen Werdegänge und Positionen das Verhältnis von Persönlichkeit, Marke und Kommunikationsdesign näher. Das Buch füllt eine Lücke in der Grafik-Design-Ausbildung und ist daher vor allem dem Nachwuchs drin­gend zu empfehlen.

Typoversity, heraus­ge­geben von Nadine Roßa, Andrea Schmidt und Patrick Marc Sommer, riecht erst mal ganz wunderbar, wenn man es ausge­packt hat und aufschlägt. Auf 240 Seiten präsen­tiert das Buch (eben­falls bei Norman Beckmann erschienen, Preis; 24,90 €, Bestelllink) aktu­elle Projekte aus Ausbildung und Studium. Die Autoren lassen aber auch jede Menge Lehrende zu Wort kommen, von denen einige den TYPO-Besuchern bekannt sein dürften. In Interviews mit Prof. Heike Grebin, Prof. Nora Gummert-Hauser, Prof. Jürgen Huber & Christian Hanke, Prof. Indra Kupferschmid, Prof. Jay Rutherford, Prof. Betina Müller, Prof. Ulrike Stoltz, Prof. Rayan Abdullah und Dan Reynolds berichten die Lehrenden über ihr Lehrkonzept und verraten, wie es ihnen gelingt, Studierende für Typografie zu moti­vieren und zu begeis­tern.

Typoversity disku­tiert die Rolle der Typografie für die gestal­te­ri­sche Arbeit und ihre gesell­schaft­liche Relevanz. Es beant­wortet Fragen wie: Wie steht es um den typo­gra­fi­schen Nachwuchs in Deutschland? Wie gehen die Studierenden mit Typografie um? Wie sieht die typo­gra­fi­sche Ausbildung in Deutschland und anderswo aus? Die Ausbildung hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre durch den Wandel der Technik enorm verän­dert. Sie ist sowohl schneller und globaler geworden, und nicht immer kann die Lehre folgen. Typoversity hilft, den Überblick zu behalten, den Wandel besser zu verstehen und die eigenen Schwerpunkte zu finden. Wie für das oben vorge­stellte Buch von Gerbaulet gilt auch für Typoversity: Dem Design-Nachwuchs drin­gend zu empfehlen!


Zwischenspiel: Nat King Cole »Natur Boy«

Erste Fontblog-Leser beklagen sich, dass es etwas ruhig hier geworden ist. Stimmt und ändert sich bald. Meine Fühler stehen inzwi­schen wieder auf Empfang. Und so erfuhr ich heute durch meiner Lieblings-Jazzsängerin Meldoy Gardot über Twitter von diesem Filmschnipsel aus dem Jahr 1951. Nat King Cole inter­pre­tiert mit seinem Samtstimme den Song »Nature Boy«, der ihm 1948 zum Durchbruch verhalf.

»Nature Boy«, heute ein Jazz-Klassiker, ist die einzige bedeu­tende Komposition des seiner­zeit völlig unbe­kannten kali­for­ni­schen Aussteigers Eden Ahbez. Der Titel handelt von einem Jungen, der weit umher­reist, um am Ende fest­zu­stellen, dass »zu lieben und geliebt zu werden« das »größte Geschenk« sei.

Ahbez wollte den Song Nat King Cole persön­lich präsen­tieren, als dieser in Los Angeles mit seinem Trio auftrat. Cole nahm das Manuskript nicht selbst entgegen, da er Amateuren, die im ihre Lieder anboten, aus dem Weg ging. Also über­reichte Ahbez Noten und Text auf zerknülltem Papier einem Saaldiener. Cole sah sich das Werk einige Tage später an und erkannte sein Potenzial. Er war auf der Suche nach einem Song, mit dem er die in den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkten pro-jüdi­schen Gefühle anspre­chen konnte. Er probierte den Titel in seinen Konzertprogrammen aus, wo er gut ankam. Auch die Song-Legende Irving Berlin riet dazu, den Titel zu kaufen.

Bei der im August 1947 aufge­nom­menen Interpretation wurde Nat King Cole nicht nur von seinem Trio, sondern einem Studio-Orchester begleitet. Ein halbes Jahr später stand »Nature Boy« acht Wochen auf Rang 1 der natio­nalen Charts. Auch Frank Sinatra nahm »Nature Boy« 1948 ins ein Repertoire auf, konnte aber, behin­dert durch den Recording Ban, keine groß­or­ches­trale Version aufnehmen. Gleichwohl landete seine Interpretation in den US-Charts, wie auch die Fassungen con Sarah Vaughan und Dick Haymes. Auf diese Art domi­nierte der Song 1948 die ameri­ka­ni­sche Populärmusik bis Zeitungen darüber berich­teten, dass die senti­men­tale Melodie und der Text eine derart melan­cho­li­sie­rende Wirkung hätten, dass bereits drei Frauen und vier Männer zum Selbstmord veran­lasst worden seien. (Quelle: Wikipedia)


Datei gesucht: FF_Tyson_Karte.pdf [Update]

Liebe Fontblog-Leser: Ich habe eine Datei verloren, und zwar das PDF des Neville-Brody-Posters »Tyson/Tubbs« mit dem Dateinamen FF_Tyson_Karte.pdf (siehe Abb. rechts). Ich hatte es in diesem uralten Fontblog-Beitrag zum Download ange­boten, aber kein Backup davon zurück­be­halten. Wer kann es mir mailen? Danke. J“S.

[Update] Datei gefunden … und gleich mit dem rechten Bild verlinkt. Danke.


LEGO Schriftentwerfer-Starter-Kit

Vor ein paar Tagen besuchte ich den LEGO Flagship Store in der Berliner Tauentzienstraße, unweit des KaDeWe. In einem Wühlglas neben der Kasse entdeckte ich eine Tüte ohne Namen für 3,99 €, die unschwer als Schriftentwerfer-Starter-Kit (6+) zu iden­ti­fi­zieren ist. Sie enthält 7 Gevierte, 7 Aufsteller und 27 schwarze Buchstabenteile, mit denen sich zauber­hafte Wörter setzen lassen, inklu­sive Kerning. Ich habe mir gleich 3 Päckchen davon gegriffen und sie eben mal auspro­biert.

Weil ich mehr über das Set wissen wollte, habe ich im LEGO-Online-Shop die Bestellnummer einge­geben, und siehe da, die Tüte ist neu, hat aber auch einen Namen: LEGO Valentinstag Buchstaben-Set. Na das passt doch wunderbar. Oder auch nicht. Wer bastelt wohl seiner Liebsten oder seinem Liebsten in 4 Tagen ein »Love-you« aus Spielzeugsteinchen? Ach so ja, Schriftdesigner natür­lich …