Fontblog Persönliches

Städtemarketing aus der Sicht eines Dorfes

Juchhe, endlich mal wieder im Kino, »Hai-Alarm am Müggelsee«. Ich hatte mich Null infor­miert vorher, wusste nur, dass Henry Hübchen die Hauptrolle spielt und Leander Haußmann & Sven Regener sowohl für das Drehbuch, als auch die Regie verant­wort­lich sind. Was kann da schief gehen? Antwort: Alles!

Der Film ist selten dämlich und gleich­zeitig genial komisch. Aber: Man darf keine Erwartungen haben, so wie in meinem Fall. Sogar die Erwartung eines Kinofilms sollte man am besten zu Hause lassen. Denkt einfach, ihr geht zu einem Laienspiel. Tatsächlich ist dies der drama­tur­gi­sche Container, in den Haußmann/Regener die 103 Minuten gepackt haben. Zwar sind alle Mitwirkende teils preis­ge­krönte Profis, aber für Hai-Alarm schlüpften sie erst in die Laienrolle und dann in die Filmrolle. Oder war’s umge­kehrt? Egal, die Verweigerung jegli­chen Schauspiels ist Programm.

Die Hai-Alarm-Komödie ist promi­nent besetzt: Henry Hübchen als Bürgermeister, Michael Gwisdek als Schwimmmeister und Detlev Buck als Dorfpolizist

Der Unterhaltung tun diese Allüren keinen Abbruch, nur die gelernten Genrekonventionen geraten völlig durch­ein­ander. Doch auch blinde Hühner im Publikum finden ein Humorkorn. Ich habe mich herr­lich an der Entzauberung des Themas Städtemarketing ergötzt. Es zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, denn der (doku­men­ta­risch insze­nierte) Handlungsort Friedrichshagen am Müggelsee erhofft sich durch den Hai-Alarm mächtig Auftrieb, sogar ein »Hai-Alarm-Bier« ist bereits gebraut und szene­mäßig etiket­tiert. Dem Filmkomponisten Sven Regener ist es zu verdanken, dass es nun sogar eine Ballade über das Städtemarketing gibt (iTunes-Link).

Bei machen Szenen fühlte ich mich an die wunder­baren Debatten hier im Fontblog erin­nerte. Bis vor wenigen Monaten waren die visu­ellen Neuauftritte von Städte und Regionen unser Lieblingsthema. Denken wir an das Cottbus-Logo, die Otto-Dix-Stadt Gera, Ruhr hoch n, IngolStadtLandPlusBodensee, die Marke Region Stuttgart, Be Berlin, Mein Taunus, und viele andere … Irgendwann stellte ich die Frage: (Ist das) Städtemarketing in der Sackgasse? Hätte ich gewusst, dass jede einzelne dieser Unglücksgeschichten den Stoff für einen Kinofilm in sich birgt, ich wäre vor 5 Jahren Drehbuchautor geworden.

Wer jetzt noch Lust hat, den Hai-Alarm-Trailer zu sehen … hier ist er:


Ein Dankeschön fürs Archivieren nach Braunschweig

An der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig lehrt die Professorin Ulrike Stoltz seit 1999 Typografie; von 1991 bis 1998 war sie in der glei­chen Funktion an der FH Mainz aktiv. Ihr Wissen auf diesem Gebiet schöpft sie seit Jahrzehnten nicht nur aus der Fachliteratur der Uni-Bibliotheken, sondern auch aus aktu­ellen Werbedrucksachen. Zum Beispiel den Mailings von FontShop.

Wie es sich für eine Hochschule gehört, landen Broschüren und Fachzeitschriften weder in Stehsammlern, noch in irgend­wel­chen Kisten. Nein, sie werden gebunden. Ulrike Stoltz ließ unsere Mailing-Serien von der Buchbinderin Veronika Wehrstedt dauer­haft in vier dicke gelbe  Bücher verwan­deln.

Wir sind beein­druckt von der Sammelleidenschaft an der HBK Braunschweig und freuen uns, dass unser Wirken dort ein paar Jahre länger über­leben wird als anderswo. Vielen Dank auch an Dan Reynolds, der seit Jahresbeginn eben­falls in Braunschweig unter­richtet und die Fotos gemacht hat.

Frage: Sammelt noch jemand derart akri­bisch FontShop-Material? Wenn ja, bitte ein Foto an info@fontshop oder hier unten als Kommentar posten.


Kevinismus – oder der Charme von Single-Covers

Kevin Keegan: Head Over Heals In Love b/w Move On Down, Vinyl, 17″, ℗ EMI Electrola Germany 1979, Schrift: Futura Condensed Extra Black

Wer mir eine Single schickt ist selber schuld. Sie lag im Päckchen von Hipstery*, das gestern auf meinem Schreibtisch landete. Und eigent­lich wollte ich etwas über die Kuriositäten dieses hippen Geschenkeladens schreiben. Doch die Single hat mich abge­lenkt.

Vinyl-Singles sind magic … und werden es für mich immer sein. Ihre Größe (zwischen Postkarte und DIN-A4), ihre Beschränkung (nur 2 Songs), das Material, ihre Haptik. Grafisch sind alte Single-Cover viel­sa­gender als LP-Cover. Singles mussten schnell verkaufen, LP-Cover durften tief­gründig aussehen, weil sie mona­te­lang im Plattenladen durch­ge­blät­tert wurden. Darum wurden Longplayer von Künstlern gestaltet, Single-Cover entstanden anonym am Fließband: Promofoto, eine scharfe Schrifttype drauf, ein biss­chen Rahmen oder grafi­scher Schnickschnack aus dem Scrap-book, fertig. In Single-Covern steckt mehr Zeitgeist, mehr Alltag, mehr Direktheit, mehr Charme. Es sind Anzeigen.

Anfang der 1980er Jahre hatte ich eine Jukebox, die ich stets mit frischem Futter versorge, weil sie voll-funk­ti­ons­fähig bei Freunden in einer Kneipe stand. Am Ende des Jahrzehnts stapelten sich vier Kartons voll mit 17-Zoll-Scheiben in meinem Regal, die ich bis heute hüte wie meinen Augapfel. Von manchen Lieblingssongs scanne ich hin und wieder mal ein Cover (1080 x 1080 Pixel), um es anschlie­ßend mit dem längst digi­ta­li­sierten Song in iTunes zusam­men­zu­führen. Ganz klar, dass meine liebste Ansicht am Bildschirm die Cover-Flow-Präsentation ist … Jukebox-Fever.

Meine Best-of-Singlekiste-Wiedergabeliste in der iTunes-Cover-Flow-Ansicht

Kevin Keegans »Head Over Heels in Love« hatte ich bisher nicht in meiner Sammlung … ledig­lich die gleich­na­migen, aber komplett anders­ar­tigen »Head Over Heels« von Abba und Tears for Fears. Gleichwohl löste auch diese Single ein Räderwerk von Assoziationen in meinem Gehirn aus. Das Cover war mir durchaus vertraut, immerhin hielt sich der Titel 15 Wochen in den deut­schen Charts, wo er im Sommer 1979 Platz 10 belegte. Er lief mit Powerplay im Radio, weil er von Chris Norman und Pete Spencer produ­ziert wurde, beide von »Smokie«und damals die Experten für massen­kom­pa­tible Popmusik. Die nicht enden wollenden Chart-Shows bescherten dem Song eine lange Lebensdauer, zum Beispiel unter den pein­lichsten Fußballer-Songs.

Schwiegermutter-Liebling

Wer war eigent­lich dieser Kevin Keegan? Er war ein beliebter und einer der besten Fußballspieler Englands in den 70er Jahren. Keegan gewann mit dem FC Liverpool 1973 und 1976 den UEFA-Pokal sowie 1977 den Europapokal der Landesmeister. Danach wech­selte er in die deut­sche Bundesliga zum Hamburger SV, und auch hier­zu­lande wurde er schnell eine Sympathiebombe. Keegan hatte maßgeb­li­chen Anteil am Aufstieg des Hamburger SV zu einem der belieb­testen Klubs in Deutschland Anfang der 1980er Jahre. 1979 wurde der HSV Deutscher Meister, wobei Keegan 17 Treffer beisteu­erte. Nach seiner Spielerkarriere war er auch mal engli­scher Nationaltrainer, 2008 been­dete er seine Fußball-Laufbahn.

Mir ist noch was in Erinnerung, nämlich dass 1979/1980 die ersten neuge­bo­renen Jungs in unserem Dorf Kevin getauft wurden. Das war die erste Kevin-Welle in Deutschland, wo der Name bisher keine Rolle spielte. Die zweite Kevin-Welle star­tete Ende der 80er. 1991 dann wurde Kevin mit einem Satz zum belieb­testen deut­schen Vornamen, was sowohl auf den erfolg­rei­chen Film »Kevin – Allein zu Haus« als auch auf den Karrierestart von Kevin Costner zurück­zu­führen ist. In den darauf­fol­genden Jahren bis etwa 2004 blieb der Name meist unter den 30 popu­lärsten.

Kevin und Chantal sind heute auch schon über 20

Zur Beschreibung der plötz­li­chen Popularität männ­li­cher Vornamen führten deut­sche Soziologen und Psychologen im Februar 2007 den Begriff Kevinismus ein; die weib­liche Form dieses Phänomens tauften sie Chantalismus. Beide beschreiben »die krank­hafte Unfähigkeit, mensch­li­chem Nachwuchs sozi­al­ver­träg­liche Namen zu geben.« Die renom­mierte Namensforscherin Gabriele Rodriguez hat dazu fest­ge­stellt, dass bildungs­ferne Schichten sich bei der Namensfindung sehr stark an den Medien orien­tieren würden und daher häufiger zu Namen wie Kevin oder Justin griffen. In gebil­deten Kreisen hörten die Kleinen heute eher auf Alexander oder Konstantin. Der Bestsellerautor Jan Weiler meint übri­gens, den Gegentrend zum Kevinismus ausge­macht zu haben, den er Emilismus nennt. »Da werden Kinder mit Namen beehrt, die vor rund 90 Jahren schwer in Mode waren: Anton, Paul, Emil, Carl und Friedrich.« Gerhard Müller von der Gesellschaft für deut­sche Sprache hält die These von den bevor­zugten Unterschichtnamen für »großen Quatsch«.

Egal ob richtig oder falsch: Es gibt Vorurteile. Dies bestä­tigte jüngst eine an der Universität Oldenburg verfasste Masterabeit, der zufolge bestimmte Schüler-Vornamen Vorurteile auf Lehrerseite auslösten. Der Name Kevin lege den Lehrern nahe, dass der Schüler verhal­tens­auf­fäl­liger sowie leis­tungs­schwä­cher sei und eher aus der Unterschicht komme. Ob solche Schüler auch schlechter behan­delt werden, ließ sich bisher nicht schlüssig belegen.

Danke für die Single!
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Hipstery ist der mega­starke Berliner Geschenke-Shop, der aus Vorurteilen prima Spiele und Sachen herstellt. Zum Beispiel ein Hipster-Kit, Denglish-Beutel und -T-Shirts, oder das unter­halt­same Berlin-Bingo, ein durch­ge­knallter Reiseführer.


TV-Sender sortieren, aber wie?

Es gibt Menschen, denen die Reihenfolge der TV-Stationen auf ihrer Fernbedienung komplett egal ist: Sie spei­chern die Programme so ab, wie sie vom Receiver gefunden werden. Ich gehöre zu der anderen Gruppe, die versucht, dem Sender-Chaos irgendwie eine Ordnung zu geben. Dieses Verhalten könnte ange­boren sein, oder eine Sucht … die prak­ti­sche Komponente am Sortieren ist Bequemlichkeit: Ich will einfach die mir wich­tigen Programm auf den 10 Nummerntasten der Fernbedienung ansteuern können. Der unwich­tige Kram, den ich nie ansehe, soll ganz hinten hin.

Nach welchen Kriterien sortiere ich nun? Es ist eine Mischung aus Popularität, Neugier und inhalt­li­chen Kriterien. Einige Sender stehen aus mnemo­tech­ni­schen Gründen da, wo sie hinge­hören, zum Beispiel ProSieben. Aber nicht: Das Vierte.

Die nach­fol­gende persön­liche Sortierung bezieht sich auf die in Berlin über TVB-T empfang­baren Sender.

Platz 1 bis 3 müssen bei Sortierfanatikern in meinem Alter, die zu einer Zeit TV gesehen haben, als es nur einen einzigen Kanal gab, histo­risch sortiert sein:

1. ARD (1950)
2. ZDF (1963)
3. RBB Berlin (1964)

Anschließend gilt es, eine Ordnung in die privaten Sender zu bringen. Bei mir ist es eine Mischung aus Bedeutung (Marktanteil) und Merkbarkeit. Seit einigen Jahren sortiere ich so:

4. RTL
5. Sat.1
6. Vox
7. ProSieben

Arte hat sich bei mir – trotz anderer Prophezeiung (siehe: Warum die arte-Werbung ein Rohrkrepierer ist) – auf Platz 8 einge­brannt:

8. arte

Bevor ich den ARD-Regionalprogrammen einen ganzen Block widme, folgen einige öffent­lich-recht­liche Qualitätssender, für die ich seit Jahrzehnten ehrlich meine GEZ-Gebühren zahle:

9. 3sat
10. extra
11. KiKa/ZDF_neo

Dann die Regionalprogramme, sortiert von Nord nach Süd

12. NDR
13. RBB Brandenburg
14. WDR
15. HR
16. mdr
17. SWR
18. BR

Nun die Nachrichtensender:

19. ZDF​.info
20. n-tv
21. phoenix
22. Eurosport
23. tv​.berlin
24. Euronews/Channel21
25. N24

Dann die »billigen« Privaten:

26. Kabel Eins
27. Super RTL
28. RTL II
29. Tele 5
30. Sixx
31. Music 1
32. Servus TV
33. Anixe
34. Spreekanal/Juwelo
35. Das Vierte
36. bibel​.tv

Ganz am Ende die Shopping-Kanäle:

37. QVC
38. HSE24

Wie sortiert ihr?


Yello kann’s doch noch …

… gut kommu­ni­zieren, meine ich. Vor zwei Tagen zwei­felte ich an der gelben Markenkultur (Kulturwende bei Yello Strom?), gesten dann die leicht verständ­liche Lösung, per Mail, gesendet von Sonja Wester (vom Yello Bloghaus), die meinen Beitrag bereits kommen­tiert hatte. Nachfolgend die Erläuterungen im Wortlaut … das sollte genauso öffent­lich sein wie mein Lamento. Und noch was Gutes: Habe eben meinen Privatvertrag auf Ökostrom von Yello umge­stellt (siehe Abbildung unten; FontShop läuft schon seit 2005 auf rege­ne­ra­tiver Energie).

»Erst mal zu unseren neuen AGB.
Viel hat sich dabei eigent­lich nicht geän­dert. Neben ein paar Formulierungen und Formatierungen (z.B. statt € 2,50 schreiben wir jetzt 2,50 €) ohne inhalt­liche Auswirkungen haben wir vor allem diese Punkte ange­passt:

Punkt 7: Preisänderungen.
Ändert sich Ihr Preis, erhalten Sie mindes­tens 6 Wochen vorher eine E-Mail mit den Details von uns. Bisher waren es 8 Wochen vorher. Hier haben wir uns an der aktu­ellen Gesetzeslage für den Strommarkt orien­tiert.

Punkt 15: Bonitätsprüfung.
Wir arbeiten jetzt mit der Firma Infoscore Consumer Data GmbH zusammen. Außerdem haben wir den Abschnitt etwas leichter verständ­lich formu­liert.

Punkt 18: Rechte beim Umzug.
Ziehen Sie um, können Sie Ihren Vertrag einen Monat zum Ende des Kalendermonats kündigen. Vorher galten 4 Wochen zum Auszugsdatum.

Jetzt zu unserem Ökostrom Angebot:
Wie schon im Blog ange­kün­digt kostet unser Ökostrom 0,3 Cent mehr pro Kilowattstunde. Wären bei Ihnen also statt 21,48 Cent mit Ökostrom 21,78 Cent. Der Grundpreis bleibt gleich.
Die Umstellung können Sie in Ihrem Mein Yello Bereich – den Sie ja auch schon kennen- unter „Daten ändern“ erle­digen. Wenn Sie sich beeilen, klappt’s sogar noch mit dem 1. März.

Wenn Sie noch Fragen haben, schreiben Sie mir einfach eine E-Mail.«

Vielen Dank für die schnelle Aufklärung.


Kulturwende bei Yello Strom?

Nicht von unge­fähr habe ich die Kommunikation von Yello Strom, auch hier im Fontblog, schon mehr­fach gelobt. Es fing alles mit der wunderbar über­sicht­li­chen Rechnung an, die ich im März 2006 erst­mals erhielt (sie erscheint noch heute in derselben Aufmachung): Rechnungsdesign – ein Riesenlob für Yello. Im März 2007 wies ich auf das Yello-Marken-Buch von Bernd Kreutz hin, das dieser noch mal als PDF und kostenlos zum Download anbot. Zuletzt würdigte ich im November 2009 den einst von FontShop modi­fi­zierten Corporate Font von Yello, die  FF DIN – Grund zur FFreude im Büro … Im Privatkreis schwärme ich eimal im Jahr vom bequemen Ablesen und Übermitteln des Stromzählerstands auf www​.mein​-yello​.de, mit sofor­tiger Berechnung meines Jahresverbrauchs und der papier­losen Übermittlung des neuen Abschlags.

Heute kam Post von Yello und ich frage mich, ob im Kölner Hauptquartier eine Kulturbankrott statt­ge­funden hat. In übelstem PR-Sprech will man mir neue AGBs unter den Hintern schieben, was mit blumigster Prosa verklau­su­liert wird: »Als Yello Kunde sind Sie es gewohnt, dass wir Klartext reden. Ob am Telefon, per E-Mail oder auch per Brief – einfache und faire Kommunikation mit unseren Kunden steht für uns an erster Stelle.« Ziemlich hohl, aber rein inhalt­lich kann ich dem nicht wider­spre­chen. »Das gilt auch fürs Kleingedruckte.« Nun regt sich erste Skepsis in mir: Kleingedrucktes ist selten einfach und fair.

»Wir machen’s kurz.« heißt es dann … ich werfe einen Blick auf das zweite Blatt des Briefes, dann wieder auf den ersten Bogen, dann wieder auf den zweiten (zwei­seitig bedruckt), wieder zurück auf den ersten und denke mir: ›Wenn die mir jetzt den Inhalt von Blatt zwei bzw. die Unterschiede in den beiden Spalten auf Blatt zwei mit den verblei­benden drei Sätzen zusam­men­fassen, dann gebührt ihnen eine Goldmedaille für Kommunikation. Ich lese weiter: »Unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen – kurz AGB – sind jetzt noch über­sicht­li­cher und leichter verständ­lich.« Soll das ein Witz sein? Seite zwei ist in einer drei Punkt großen Schrift zwei­spaltig, vorne und hinten, komplett voll­ge­druckt – ohne Lupe nicht lesbar? Was soll der Quatsch? Ob die AGB »leichter verständ­lich« sind, kann ich gar nicht nach­prüfen, ohne Lupe.

Drum heißt es jetzt wahr­schein­lich auch: »Für Sie werden diese neuen AGB übri­gens ganz auto­ma­tisch gültig – lehnen Sie sich entspannt zurück. Nur wenn Sie mit der Änderung der AGB nicht einver­standen sind, geben Sie uns bitte bis zum 12. März per Brief oder E-Mail Bescheid.« Hallo?! Darf ich das mal über­setzen? Eigentlich wolltet Ihr doch schreiben: Wir finden es lästig, dass wir recht­lich gezwungen sind, Millionen Kunden mit einem solchen Brief über unsere geän­derten Geschäftsbedingungen zu infor­mieren. Viel lieber wäre uns, wir könnten das »auto­ma­tisch« hinter deren Rücken tun und ein paar Millionen Euro Papier-, Druck- und Portokosten sparen sowie jegli­chen Widerspruch im Kein ersti­cken.

»Haben Sie noch Fragen?« heißt es weiter. Ich denke mir: ›Fragen habe ich keine‹ …, aber ich wünsche mir, das Unternehmen per Gesetzt dazu gezwungen werden, die Änderungen Ihrer Geschäftsbedingungen mit einem Highlighter zu markieren und mir den Grund dieser Änderungen seiten­weise und verständ­lich zu kommen­tieren. »Dann rufen Sie uns einfach kostenlos unter 0800 – 99999978 an oder schreiben Sie eine E-Mail an immerda@yellostrom.de … wie sind gerne für Sie da. Viele Grüße …« und so weiter.

Das werde ich tun. Der E-Mail füge ich eine PDF dieses Blog-Beitrags bei und den Satz »Ich bin mit der Änderung der AGB nicht einver­standen!« Mal sehen, was passiert. Fortsetzung folgt.


Drei ganz persönliche Geschenktipps

»Schanze, 1980« vom Thomas Henning, 96 Seiten, Junius Verlag

Er war der erste Kreativprofi, dem ich begeg­nete, als ich 1986 nach Hamburg kam um PAGE zu gründen: der Fotograf und Designer Thomas Henning. Er arbei­tete damals für das Schwestermagazin MACup, und ich wurde Zeuge, wie er dort binnen sechs Wochen ein Redesign einführte. Mit Ansagen wie »Du schaffst das schon …« oder »… vorher gehen verlassen wir nicht das Büro.« trieb er unsere Kollegen zu Höchstleistungen an. Er gab nicht eher Ruhe, bis die simplen Programme Freehand 1.0 und PageMaker 1.5 Ergebnisse ausspuckten, die seinen profes­sio­nellem Anspruch stand hielten.

Und so habe ich mich riesig gefreut, nach über zwei Jahrzehnten wieder mal Arbeiten von Thomas Henning zu sehen, noch dazu aus den 80er Jahren. Sein neues Buch »Schanze, 1980« (19,90 €, Amazon-Link) widmet sich einem Hamburger Stadtteil, der von Fans bis heute abgöt­tisch geliebt wird. Um 1980 war das Viertel um das Schulterblatt und vor der Sternschanze eine unwirt­liche Nachbarschaft. Zwar sorgte das Gewürzwerk Hermann Laue in der Schanzenstraße für gut aroma­ti­sierte Luft, doch konnte der Geruch nach gemah­lenem Zimt und Nelken den Gestank, der im Sommer vom Schlachthof herüber­wehte, nicht über­de­cken. Draußen zu sitzen war wegen der Geruchsbelästigung und der fehlenden Sitzgelegenheiten nicht üblich.

Es gab auch nicht viel zu gucken im Schanzenviertel, denn noch hatte es die »krea­tive Szene« nicht erobert. Tagsüber bevöl­kerten einkau­fende Frauen und alte Menschen mit zerfurchten Gesichtern die Straßen. Auf planierten Trümmergrundstücken spielten Kinder vieler Hautfarben. Eine wich­tige Funktion erfüllte spät abends der Automatenladen im Abbruchhaus: Er hatte als einziges Geschäft im Viertel nach 19:00 Uhr geöffnet. Thomas Henning hat diese Stimmung mit wunder­baren sozi­al­do­ku­men­ta­ri­schen Farbbildern fest­ge­halten. Ein Zeitdokument, ohne jede kunst­fo­to­gra­fi­sche Prätention, inspi­riert von den Protagonisten der ameri­ka­ni­schen New Color Fotography der 1970er Jahre.

»Eat!«, Food-Design-Kalender von Henning Otto und Elisabeth Plass, 124 Seiten, NBVD Verlag

Dieser liebe­voll gestal­tete Ringbuchkalender zeigt Design und Kunst mit Essbarem. 54 Designer, Künstler und Architekten zeigen visu­elle Strömungen und beson­dere gestal­te­ri­sche Lösungen aus dem Umfeld von Essen, Trinken und Ernährung; in leckeren Appetit-Happen über das ganze Jahr 2012 verteilt. Weil Essen ein Kulturgut ist, liegt der Zubereitung, Inszenierung und Vermarktung von Nahrungsmitteln ein großes ästhe­ti­sches Interesse zugrunde. Grund genug dieses Thema im aufwändig produ­zierten Designkalender »Eat!« in den Mittelpunkt zu stellen.

Die versam­melten Arbeiten infor­mieren über Zeitgenössisches aus der Szene und liefern zugleich Inspiration und Anregungen. Kulinarische Kunstinstallationen und -Happenings, inter­es­sante Produkte, konzep­tio­nelle Food-Fotografie, Brand- und Grafik-Design rund um das Thema Esskultur. Ein wesent­li­ches Kriterium für die Auswahl der Projekte war, dass sie den Pfad des guten, künst­le­ri­schen Geschmacks nicht verlassen; denn mit Essen spielt man nicht.

Der Kalender ist unter anderem direkt beim Verlag, über Amazon sowie im gut sortierten Buchhandel für 17 EUR erhält­lich.

»Deutschland – lerne zeich­nend Bundesländer…«, Graffiti-Ausmalbuch, 48 Seiten

Besonders inter­es­sant für Kleinstädter: Wem die Betonmauern in der Umgebung zu karg sind, könnte dieses preis­werte Buch (6,95 €) dem Jugendzentrum oder Nachbarkindern spenden. Das Graffiti-Ausmalbuch fördert nicht nur das Farbgefühl sondern vermit­telt zugleich geogra­fi­sches Wissen, nämlich die Namen der deut­schen Bundesländer und ihrer Hauptstädte – spie­le­risch. Im Klappentext heißt es: »Graffiti fördert im frühen Alter Kreativität, Farbenlehre und das Lernen von Buchstaben und Typografie! Das Graffiti Ausmalbuch Deutschland soll zum einen dazu beitragen, das einsei­tige nega­tive Vorurteil gegen­über Graffiti zu rela­ti­vieren, und gleich­zeitig eine etwas coolere Lernhilfe darstellen. Das Malbuch enthält eine Auswahl von Illustrationen der deut­schen Bundesländer und Landeshauptstädte von 28 heimi­schen Graffiti-Künstlern, die in jungen Jahren begonnen haben und mitt­ler­weile ihren Lebensunterhalt in der Kreativ-Industrie bestreiten.« Dieses Buch gibt es sogar auf www​.font​blog​.de, gemeinsam mit dem Schwestertitel »Graffiti Ausmalbuch: Malen wie die Profis«.


Eine Werber-Bilderbuchkarriere

Lieber Bernd Kreutz,

da ist es also, das tele­fo­nisch ange­kün­digte »Werk«. Sie spra­chen von einem »Familienalbum«. Doch was ich gestern auspackte, sieht auf den ersten Blick wie eine Mao-Bibel im XXL-Format aus: knall­roter, typo­gra­fi­scher Einband, 956 Seiten schwer. Allein der kapi­ta­lis­ti­sche Aufkleber konter­ka­riert den sozia­lis­ti­schen Einband: »Beta-Version, 99,90 €«. Ich dachte erst, das sei ein Witz. Aber nach dem 2-minü­tigen Ober-Buchchecker-Check (Impressum, Barcode, Amazon) merkte ich: Es ist Ihr Ernst. Das fand ich dann richtig witzig.

Ich nahm den »Backstein« abends mit nach Hause, legte ihn erst Mal auf meinen Schreibtisch. Fünf Minuten später stehe ich schon wieder davor, um ihn in die Hand zu nehmen. Eigentlich keine Überraschung für mich, als Physiker ist mir das Phänomen der Massenanziehung bekannt. Noch vor dem Abendbrot mit der Familie habe ich das erste Drittel Ihrer Chronik durch­forstet. Das zweite Drittel folgte nach der Tagesschau, heute morgen der Rest.

Worum ich Sie beneide:

  • die Sperrsitzkarte für das Beatles-Konzert 1966 im Krone-Bau
  • ein ordent­li­ches Auto mit 30 Jahren
  • die schönen Werbemädels Ende der 60er Jahre
  • Ihr ausge­prägtes Kinn und natür­lich
  • den aufrechten Gang nach 40 Jahren Werbung

Ich hoffe, Sie haben immer die Wahrheit geschrieben ;-) Auf Seite 581 steht »Ich rauche nicht mehr« … das Buch roch aller­dings nach Zigarettenqualm (wahr­schein­lich der DHL-Bote, die paffen unge­niert in Ihren Fahrzeugen).

Conclusio: Ich gratu­liere zu einer deut­schen Bilderbuchkarriere. Hab’ viele alte Bekannte gerne wieder gesehen, aus einer Zeit, als die Werbung bei uns zu Recht mehr Ansehen genoss.

Jürgen Siebert


Der (Reklame-)Himmel steht wieder offen

Es war eine depri­mie­rende Nachricht, am 24. Dezember 2007, als der frische und erfri­schende Werbeblogger Bernd Kreutz (kreut​zund​partner​.de) nach 200 Tagen, wie ange­kün­digt, sein Internet-Tagebuch Reklamehimmel schloss. Kreutz machte Yello Strom unver­wech­selbar, er ist einer der geni­alsten Markenexperten im Land. Er weiß was gut ist und was schlecht (uner­reicht seine Abrechnung mit der dilet­tan­ti­schen Markenführung der Telekom 2001: Die Farbe Magenta und das Verhältnis von Macht und Recht), und dass man, frei nach Stephen Fry (siehe meinen Kommentar zum letzten Beitrag), Form und Funktion genauso wenig trennen kann wie Stil und Inhalt. Dieser Bernd Kreutz also regt sich über den verkorksten Steve-Jobs-Schutzumschlag bei C.Bertelsmann genau so auf wie ich (»… eine Schande für das deut­sche Verlagswesen«), und hat deshalb seinen Reklamehimmel wieder geöffnet … Herr Kreutz, es gibt ausrei­chend Gründe, ihn so schnell nicht wieder zu schießen. Weitermachen!


Der Typograf

Bei aller Popularität von iMac, iPod, iPhone und iPad: Die erste Industrie außer­halb der Computerbranche, die Steve Jobs revo­lu­tio­nierte, war die Druckvorstufe – 500 Jahre nach Gutenberg. Dies war Anfang 1985, als er mit seinem Unternehmen Apple und den Partnerfirmen Adobe, Linotype und Aldus das Desktop Publishing (DTP) erfand. An den Apple-Computern Lisa und Macintosh war es erst­mals möglich, profes­sio­nelle Drucksachen auf dem Schreibtisch zu gestalten und auf Offsetfilm zu belichten. Nebenbei befreite DTP die typo­gra­fi­sche Gestaltung, durch WISIWYG-Darstelllung (What You See Is What You Get) und endlich frei verfüg­bare Schriftarten, die zuvor an Satzmaschinen gebunden waren. Auf einmal enstanden die ersten unab­hän­gigen »Gießereien« für digi­ta­li­sierte Schriften (Emigre, The Font Bureau, Alphabets) und die Anbieter solcher Fonts, auch FontShop.

Spätestens seit seiner Rede vor Studenten in Stanford 2005 ist Jobs’ Leidenschaft für Typografie einem brei­teren Publikum bekannt. Er berichtet, dass im Reed College hervor­ra­gende Kalligrafie-Kurse ange­boten wurden, in denen er alles über Serifen und seri­fen­lose Schriften lernte, zum Beispiel was passiert, wenn man den Abstand zwischen einzelnen Buchstaben verän­dert, und was gute Typografie ausmacht. Wörtlich resü­mierte er: “None of this had even a hope of any prac­tical appli­ca­tion in my life. But ten years later when we were desi­gning the first Macintosh computer, it all came back to me, and we desi­gned it all into the Mac. It was the first computer with beau­tiful typo­graphy. If I had never dropped in on that single course in college, the Mac would have never had multiple typefaces or propor­tio­nally spaced fonts, and since Windows just copied the Mac, it’s likely that no personal computer would have them.”

Die Verdienste des genialen Unternehmers aus Cupertino werden häufig auf die Stichworte Marketing und Design redu­ziert. Wer den Erfolg Apples richtig verstanden hat weiß, dass es weit mehr ist. Doch die visu­elle Gestaltung war immer die sicht­bare Komponente des Apple-Erfolgs, bei der sich Jobs oft persön­lich einmischte. Ob beim Produktdesign, mit seinen Keynotes, der Architektur der Apple-Stores oder dem iOS auf dem Retina-Bildschirm: exqui­sites Grafikdesign und eine vorzüg­liche Typografie gehören zu den Kernqualitäten der Apple-Kommunikation und -Strategie. In den Worten der Typografie: Der Raum zwischen den Dingen und ihre Beziehung zuein­ander sind mindes­tens so wichtig wie die Dinge selbst.

Meine beruf­liche Laufbahn fußte von Anfang an auf dem, was sich der Visionär Steve Jobs ausdachte, um die Welt zu verbes­sern. Als Wissenschaftsjournalist kam ich 1986 nach Hamburg zum MACup-Verlag, Herausgeber des ersten euro­päi­schen Mac-Magazins. Im September desselben Jahres grün­deten wir PAGE, eine Zeitschrift fürs Desktop Publishing, die wir selbst­ver­ständ­lich auch mit diesem Verfahren produ­zierten. 1991 holte mich Erik Spiekermann nach Berlin in den FontShop, dem ersten Handelshaus für Schriften. Es folgten weitere Meilensteine … FontFont, FontBook, FUSE, FontBook fürs iPad … die auf dem basierten, was Steve Jobs der Medienindustrie bis zuletzt (iPad 2) persön­lich in die Wiege legte. Vielen Dank dafür, Steve.

»Keiner will sterben«, sagte Jobs am Ende der oben zitierten Stanford-Rede, »selbst Leute, die in den Himmel möchten, wollen nicht sterben, um dahin zu kommen. Und doch ist der Tod das Ziel, das wir alle gemein haben.« Ohne Dramatik fügte er an: »Und das ist so, wie es sein sollte, denn der Tod ist höchst­wahr­schein­lich die beste Erfindung des Lebens. Er bewirkt den Wandel. Er entrüm­pelt das Alte, um Platz zu machen für das Neue. Und das Neue seid Ihr.«

© Abbildung oben (Danke an Sebastiaan de With (Cocoia) für die Abdruckgenehmigung): das iPhone zeigt die Apple-Homepage von heute morgen ab ca. 03:00 MEZ
© Abbildung unten: Standbild aus dem Video des Apple Special Event vom 4. Okt. 2011, in dem mehr­fach der reser­vierte Sessel für den Firmengründer einge­blendet wurde