bukowskigutentag 1/14: Datensalat

In Beiträgen und Diskussionen zur digi­talen Krise und zum Zerfall unserer Grundrechte werden verschie­dene Arten der Datenpreisgabe oft munter durch­ein­an­der­ge­wür­felt. Das ist nicht hilf­reich, um das Problem zu verstehen, geschweige denn etwas dagegen zu unter­nehmen. Eine Sortierung tut not, um sich nicht im aktu­ellen Datensalat zu verirren.

Grundsätzlich kann klar zwischen drei verschie­denen Typen der Datenpreisgabe unter­schieden werden:

1. Unwissentlich und unfrei­willig

Die anlass­lose Totalüberwachung von Geheimdiensten geschieht ohne Zustimmung und Wissen der Überwachten und ist mit den Grundrechten nicht vereinbar. Seit Snowden weiß man nur, dass jeder jeder­zeit über­wacht werden kann.

Unsere Staaten und Regierungen sind leider nicht fähig oder/und nicht willens, etwas dagegen zu unter­nehmen. Im Gegenteil werden die Budgets aufge­stockt. Diese Überwachung für sich wäre schon ein ausrei­chend schwer­wie­gendes Problem. Leider wird es noch kompli­zierter.

2. Wissentlich, aber unfrei­willig

Man weiß um das digi­tale Echo, das jeder Schritt in der analogen Welt heute auslöst, kann dem aber nicht entkommen. Zum Beispiel erweist es sich als ein nahezu unmög­li­ches Unterfangen, eine Reise zu unter­nehmen, die von keinem Unternehmen oder Geheimdienst mitge­schnitten wird. Niemand kann sich Überwachungskameras entziehen und Smartphones sind unsere persön­liche Allzweckwanzen.

Diese unfrei­wil­lige Datenpreisgabe wird von Unternehmen mone­ta­ri­siert und selbst­ver­ständ­lich auch von Diensten mitge­schnitten. Ebenfalls ein schwer­wie­gendes Problem, aber es kommt noch schlimmer.

3. Wissentlich und frei­willig

Es sind nicht mehr nur die relativ neuen globalen Player wie Amazon oder Google, die ihr Geschäftsmodell auf eine Datenbasis stellen. Im Zuge der totalen Verschmelzung von analoger und digi­taler Sphäre entdeckt zuneh­mend die gute, alte Realwirtschaft die Vorteile des Datengeschäfts.

Aber schon in der alten, analogen Welt erweist sich der vermeint­lich private Konsum tatsäch­lich als sozial rele­vanter und leider oft asozialer Akt. Wenn ein Mofafahrer die Luft mit unver­branntem Öl und Benzin aus seinem Zweitakter verpestet, schä­digt er Gesundheit von Mitmenschen. Bekanntlich ist das völlig legal und die Kollateralschäden des privaten Konsums sind nicht einge­preist. Wären sie es, müsste unser Mofafahrer wohl eintau­send Euro pro Kilometer an Schadensersatz bezahlen.

Der Mofafahrer ist natür­lich ein plaka­tives unmit­tel­bares Beispiel für private Vorteilsnahme (hier die güns­tige Mobilität) zu Lasten der Allgemeinheit (Schädigung anderer). Indirekt schä­digt auch jeder Industriefleischverzehrer seine Mitmenschen wie die Umwelt (gefol­terte Tiere, Antiobiotika-Resistenzen uvm.).

Dieser Systemfehler, auf dem unser Wirtschaftsmodell spätes­tens seit dem Beginn der indus­tri­ellen Revolution basiert, wird heute in Zeiten der digi­talen Vollvernetzung mit modernen Mitteln fort­ge­führt. Den Konsumenten werden immer mehr Angebote unter­breitet und Anreize gelie­fert, mit Daten zu bezahlen. Sie wissen, dass sie von den Unternehmen über­wacht werden, und sie stimmen dem zu. Dieser Daten-Deal findet genau wie die Zweitaktverbrennung nicht im luft­leeren Raum statt, sondern hat Auswirkungen auf Mitmenschen und die Gesellschaft. Ein anschau­li­ches Beispiel liefern Versicherungen.

Zahlen Sie bar oder mit Daten?

Nehmen wir Auto- oder Krankenversicherungen, die ihr Geschäftsmodell auf die Datenbasis stellen. Je mehr man über den Kunden weiß, desto präziser kann man die eigenen Leistungen tari­fieren. Im ersten Schritt bedeutet das: Kunden, die ihre Autofahrten oder ihren Gesundheitsstatus tracken lassen, erhalten Vergünstigungen. Akzeptiert die Masse der Bevölkerung dieses Modell, werden Versicherungen für alle anderen teurer, die bei Datenverweigerung zu Problemkandidaten werden, weil sie zum Beispiel für die Versicherung teure Lebensgewohnheiten verbergen könnten (riskanter Fahrstil, Zigaretten, Alkohol …). Wenn die einen, die sich tracken lassen, weniger zahlen, zahlen die anderen mehr. Denkbar wäre auch, dass Versicherungen zukünftig gar keine Kunden mehr ohne Tracking akzep­tieren. Fazit: Die Summe privater Konsumentscheidungen wirken sich auf alle anderen Konsumenten aus.

“Wer nichts zu verbergen hat, …

Wenn sich der Großteil der Bevölkerung auf den Daten-Deal einlässt, sich die Masse der Menschen also frei­willig über­wa­chen lässt, hat das Auswirkungen auf jeden, der sich dem System entziehen möchte. Wenn alle nach dem Zuckerberg-Prinzip “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten” handeln, dann verkehrt sich das Prinzip für jeden, der sich dem entziehen will, ins Gegenteil: Wer seine Daten nicht preis­geben möchte, macht sich verdächtig. Sprich: “Wer etwas zu verbergen hat, muss wohl etwas zu befürchten haben.”

Und jetzt?

Wir hätten also die drei verschie­dene Varianten der Datenpreisgabe sortiert. Was folgt daraus? Ganz einfach: Dass eine Lösung des Problems in noch weitere Ferne rückt. Nehmen wir das Beispiel Verschlüsselung.

Selbstverständlich sind Initiativen wie “Reset the Net” zu begrüßen. Aber können Sie wirk­lich etwas bewirken? Wenn man hier mal eine E-Mail verschlüs­selt, auf der anderen Seite aber täglich die Daten-Deals mit diversen Unternehmen akzep­tiert und von zahl­rei­chen anderen unfrei­willig getrackt wird, ist das unge­fähr so wirksam, als würde man mit einem Fingerhut Wasser aus einem sinkenden Boot schippen, während man mit der anderen Hand eimer­weise Wasser nach­kippt.

Ein weiteres Beispiel für den Versuch zivilen Widerstands wäre die Vermeidung. Die beste Verschlüsselung von Daten erzielt man dann, wenn Daten gar nicht erst entstehen. Das ist beispiels­weise bei einer Barzahlung der Fall. Man kann das machen, es bleibt aber ein eher homöo­pa­thi­scher Eingriff und die Nischen für rein analoge Transaktionen schwinden.

Eines von drei Lecks stopfen

Natürlich sind Verschlüsselung und andere Maßnahmen im Einzelfall und bei sensi­blen Inhalten sinn­voll. Aber insge­samt gesehen bleibt es immer der Versuch, eines von drei Lecks in einem Boot zu stopfen. Denn der private Widerstand einzelner ändert nichts am Geschäftsmodell unserer Gesellschaft. Wenn alle ihre Daten frei­willig verkaufen dürfen und im Alltag immer öfter unfrei­willig hergeben müssen, dann braucht sich auch niemand mehr Sorgen um Überwachung zu machen. Die Überwachung gibt’s dann gratis und inklu­sive. Denn auf alles, was Unternehmen an Daten sammeln, können letzten Endes auch die Geheimdienste zugreifen.

Der Daten-Deal beginnt heute gerade erst seine Wirkung zu entfalten, wenn die Realwirtschaft flächen­de­ckend auf das Datengeschäft umsteigt und bald jede Zahnbürste vernetzt sein wird. Mit dem oder einem Internet hat das alles nicht mehr viel zu tun. Es fehlt noch ein aktu­eller Begriff für unsere schöne, neue Welt.

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


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