Anti-Anti-Design

von Florian Pfeffer

Gestern, kurz nach Veröffentlichung des Kommentars »Anti-Design« von Erik Spiekermann, schrieb mir Florian Pfeffer, Direktor der Stiftung :output in Amsterdam und Herausgeber/Gestalter des inter­na­tio­nalen Jahrbuches :output für Designprojekte aus Hochschulen: »Im Interesse zweier Generationen, die im Jahr 1964 (ich) bzw. im Jahr 2000 (meine Kinder) noch nicht geboren waren, möchte ich eine Replik auf den von Erik veröf­fent­lichten Artikel und das Manifest »First things first« schreiben.« Gesagt, getan, veröf­fent­licht …

Lieber Erik. Auch ich bin (unter anderem) »Design-Professor« – und zwar genau auf der Nachfolgestelle jener Person, auf die du in deinem Artikel anspielst – die nächste Generation eben. Ich bin außerdem Designer, Unternehmer und Kurator, ich spreche also nicht aus dem Elfenbeinturm. Und ich bin mit Dir eins, dass poli­ti­sche Plakate hier und heute gestal­te­ri­sche Bigotterie sind und dass es nicht beson­ders mutig ist, einen Artikel in einem Surfer-Magazin in Zapf Dingbats zu setzen.

Das alles voran­ge­stellt, finde ich den in deinem Artikel beschrie­benen Standpunkt aber ausge­spro­chen desil­lu­sio­nie­rend und visi­onslos. Er entlässt uns nicht aus dem Gefängnis, den beide Manifeste um uns Designer herum aufge­baut haben. Schlimmer noch, der Artikel macht das Gefängnis noch hoff­nungs­loser und die Mauern noch dicker: Nach fast 40 Jahren kommen wir zu dem Schluss, dass wir auch keine Lösungen haben. Aber immerhin funk­tio­nieren die Espressomaschine und die Zentralheizung noch … where do we go from here?

Deine Ehrlichkeit muss man dir hoch anrechnen.
Für das Manifest bedeutet dieser Umstand aber, dass es geschei­tert ist.
Es musste zweimal geschrieben werden und beim dritten Aufwärmen wird es schal.

Ich finde das nicht beson­ders über­ra­schend.
So nobel das Ziel des Manifestes, so eindi­men­sional seine Botschaft.

Das Manifest hat einen Geburtsfehler, der das Design auf Jahre hinaus in seiner Entwicklung blockiert hat: Es unter­scheidet zwischen »denen« (Hersteller von Hundekuchen, Kreditkarten, Haargel etc.) und »uns«, die mit Geld dazu gezwungen werden, für diese Dinge Werbung zu machen, das »kranke System stützen« und sich dafür schämen. Ich glaube, uns ist die histo­ri­sche Dimension dieses Geburtsfehlers gar nicht bewusst. Wo wäre Design heute ohne diesen Unterschied?

Dieser Unterschied ist unser Gefängnis: Wir müssen uns entscheiden, ob wir zu »denen« oder zu »uns« gehören. Es gibt keine Alternative. »Die« machen die Fehler, »wir« verkaufen sie … oder werden »Künstler-Designer«. Pest oder Cholera. Hat schon mal jemand auf slanted​.de nach­ge­zählt, wie viele von Designern gemachte (und in homöo­pa­thi­schen Auflagen selbst finan­zierte) Magazine über »Orte«, »froh sein« oder »Kunst, Design und Fotografie« jeden Monat raus­kommen? Das scheint die einzige real exis­tie­rende Alternative zwischen denen und uns zu sein. Deprimierend.

Ich will nicht die billige Polemik aufma­chen, dass wir alle Haargel, Kreditkarten und (so hoffe ich doch zumin­dest) Putzmittel verwenden bzw. Konsumkritik üben, während wir auf Designermöbeln sitzen. Das ist nicht das Problem.

Das Problem ist: Wir wollen als Designer mit der Planung und Herstellung sowie mit der Gestaltung der Umstände, unter denen diese Dinge das Licht der Welt erbli­cken, nichts zu tun haben. Das sollen die machen: Die Wirtschaft und die Politik. Wir machen das Drumherum, ob nun dafür (Werbung/Corporate Design), dagegen (poli­ti­sche Plakate) oder weder/noch (Kultur). Damit sind wir nur mitschuldig, unschuldig oder weder/noch-schuldig.

Das ist zu wenig!
Designer müssen endlich aus diesem Gefängnis ausbre­chen!
Weg mit den Grenzen von DIN A4, HKS und 72 dpi!
Ich fordere Designer auf, sich schuldig zu machen, und zwar richtig!

Damit würden wir tatsäch­lich Verantwortung über­nehmen und könnten haftbar gemacht werden.
Man müsste uns ernst nehmen, weil wir ernst­haften Schaden anrichten könnten.
Ganz nebenbei würde auch die Bezahlung besser werden (wie an dieser Stelle so oft gewünscht wird).

Warum sind die meisten Wirtschaftsführer Ingenieure?
Warum sind die meisten Politiker Lehrer oder Juristen?
Weil sie nicht das Gefühl haben, ihren Beruf zu verraten, wenn sie an die entschei­denden Stellen in unserer Gesellschaft aufsteigen. Wir hingegen glauben, dass wir aufhören würden, Designer zu sein, wenn wir »die Seiten wech­seln«. Dann wären wir einer von denen, schmut­zige Finger, der Feind … vorbei das schöne Leben aus Farben und Formen.

Bertold Brecht hat geschrieben: Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank?
Heute wissen wir: Wir können das Gründen von Banken nicht allein den Bankern über­lassen. Das wird nichts.

Ich will beileibe nicht behaupten, dass Designer die besseren Menschen, Politiker oder Banker wären.
Genauso wenig sind Frauen die bessern Kanzlerinnen oder führen weniger Kriege.

Aber: Wir vertrauen unsere Welt immer mehr Experten an, die die komplexen Probleme für uns lösen sollen.
Das bringt unsere Demokratie in Gefahr. Es ist heute beispiels­weise nicht mehr möglich, den korrupten Vorstand einer Hamburger Bank zu entlassen, weil das den Einsturz der Bank bedeuten würde. Wir sind in der Geiselhaft der Technokraten!

Designer hingegen sind Generalisten.
Sie arbeiten sich in eine Vielzahl von Themen ein.
Sie beschäf­tigen sich mit den Motivationen und Interessen von anderen Menschen.
Sie machen Dinge benutzbar und nütz­lich.
Sie machen Zukunftsvorstellungen und Strategien verständ­lich.
Sie entwerfen und stellen Lösungen für Probleme auf den Tisch – greifbar, konkret und über­prüfbar.
Sie vertrauen nicht immer dem »das haben wir schon immer so gemacht«“, sondern suchen neue Wege.

Das alles soll nur dazu gut sein, Magazine, Webseiten, Erscheinungsbilder und Plakate zu machen?

Für mich ist beispiels­weise Muhammed Yunus, der Erfinder des Mikro-Kredits, ein Designer im besten Sinne. So viel zu den verteu­felten Kreditkarten. Jetzt brau­chen wir nur noch die besseren Hundekuchen. Wir sollten ganz oben ins Regal greifen. Das können wir auch.

Die Grenzen in unseren eigenen Köpfen sind bekann­ter­massen am schwie­rigsten zu über­winden. Das Land dahinter ist aber aufre­gend. Und dort liegt sehr viel Zukunft für das Design.


45 Kommentare

  1. Johannes Erler

    Ich weiß gar nicht so genau, ob Erik den Artikel in seinem Sinne einge­stellt hat, oder um einfach nur auf ihn hinzu­weisen. Ich sehe Erik auch gar nicht in der von Florian beschrie­benen wir/die-Mentalität. Im Gegenteil. Aber das nur am Rande.

    Ansonsten gebe ich Dir, Florian, voll­kommen recht. Und ärgere mich seit Ewigkeiten über diese »Design ist Kunst oder Verrat«-Mentalität, wie sie vor allem auch an vielen Hochschulen propa­giert wird (in Karlsruhe natür­lich nicht ;-)

    Man kann in diesem Zusammenhang nur immer wieder auf das Bauhaus und auf Ulm verweisen. Wenn wir heute nicht mehr wissen, wohin die Reise geht, dann ist es viel­leicht nütz­li­cher mal nach­zu­schauen, was schon da war, anstatt immer wieder neue Manifeste raus­zu­hauen. Und wahr­schein­lich ist die Zeit der groß­spu­rigen und eitlen Manifeste ohnehin längst vorbei. Weil sie in ihrer werb­li­chen slog­an­haf­tig­keit von den vielen diffe­ren­zierten und sich stetig weiter­ent­wi­ckelnden Realitäten in null­kom­ma­nichts über­holt werden.

    Womit wir wieder beim Design wären. Denn gutes Design ist zunächst mal ein gutes Konzept, ein flexi­bler Mechanismus. Und erst dann (viel­leicht) eine Form. So gesehen doch wieder Sullivan. Der es im Übrigen nie so strikt meinte und gemacht hat, wie heute die meisten glauben.

  2. martin

    leider ist auch der rhythmus dieses texts von die und wir bestimmt. die sind die bösen tech­no­kraten und wir sind die netten desi­gner, die die welt zu einem besseren ort machen würden, wenn man uns nur lässt:

    „Designer hingegen sind Generalisten.
    Sie arbeiten sich in eine Vielzahl von Themen ein.
    Sie beschäf­tigen sich mit den Motivationen und Interessen von anderen Menschen.
    Sie machen Dinge benutzbar und nütz­lich.
    Sie machen Zukunftsvorstellungen und Strategien verständ­lich.
    Sie entwerfen und stellen Lösungen für Probleme auf den Tisch – greifbar, konkret und über­prüfbar.
    Sie vertrauen nicht immer dem »das haben wir schon immer so gemacht«”, sondern suchen neue Wege.“

    was ist los mit den desi­gnern?

    verfol­gungs­wahn?
    ich kenne zahl­reiche desi­gner, denen es zuwider ist sich mit den bedürf­nissen von menschen zu beschäf­tigen. das behin­dert nämlich die krea­ti­vität. da stößt man an wände und muss seine eigenen vorstel­lungen zurück­stellen. da kann man nicht einfach nur künstler sein.
    diese tral­a­lala-desi­gner-traum-welt, in der desi­gner die welt zu einem besseren ort machen, exis­tiert höchs­tens normativ als soll-zustand aber nicht in der realität und wird es auch nie. das schei­tert schon sehr schnell an den über­großen egos, die sich in diesem umfeld bewegen.

  3. Martin Jordan

    Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang wie in den letzten Jahren nicht Design- sondern Business- und Ingenieurschulen das gene­ra­lis­ti­sche Problemlösen der Designer über­nommen haben und ›Design Thinking‹ in ihre Lehrpläne aufnahmen.

    Sei es in St. Gallen, Stanford oder am Hasso Plattner Institut der Universität Potsdam: Ingenieure, Mediziner, Juristen, Medienwissenschaftler, Informatiker und BWLer nutzen dort die Methoden des nutzer­zen­trierten Gestaltens um ernst­hafte Probleme in der Welt zu lösen — während die Designstudenten davon nichts mitbe­kommen (oder mitbe­kommen wollen) und lieber in ihrer Kunsthochschule Phantasiemöbel oder unles­bare Plakate gestalten. Oder warum trifft man dort so wenige Designstudenten an – auch wenn diese Wege ihnen offen­stehen?

    Gehört viel­leicht ein inter­dis­zi­pli­närer Innovationszusatzstudiengang in jede gute Hochschule der Zukunft? Einer, der Designer — wie auch David Berman auf der Typo forderte — endlich zu Gestaltern einer besseren Welt und nicht nur einer besseren Milchverpackung macht …

  4. martin

    undwie sollen die/wir/ebenjene desi­gner das machen mit der welt retten, wenn nicht durch ne schöne milch­ver­pa­ckung oder poli­ti­sche plakate/aktionen??

  5. Janni

    Wie martin bin auch ich der Meinung, dass wir Designer uns viel­leicht etwas mehr auf unseren eigent­li­chen Job konzen­trieren sollten als der großen Weltenrettung nach­zu­hängen und davon zu träumen, das ganz große Rad zu drehen.

    Wenn wir alle – und wir sind ja nicht gerade wenige – uns tagtäg­lich gewis­sen­haft, enga­giert und gekonnt in unserem Beruf einbringen, haben wir schon sehr viel bewirkt für diese Gesellschaft. Das ist viel­leicht nicht sonder­lich glamourös, wir sollten es aber auch nicht ständig klein­reden.

    Auch eine bessere Milchverpackung macht die Welt ein Stück besser – wenns auch nur ein kleines Stück ist.

  6. Martin Jordan

    @martin:
    Wie? Mit den Werkzeugen und Fähigkeiten, die Dir zur Verfügung stehen … oder fragst Du nach Fallstudien? Bitte schön:

    ➜ Die jungen Designerinnen von ‘We Are Snoook’ schufen inner­halb eines Jahres mit ‘myPolice’ eine Feedback-Plattform zur Bewertung der Polizeiarbeit in Großbritannien, die sowohl auf viel Interesse seitens der Bürger als auch Skepsis der Polizisten stieß, jedoch schon bald auch in anderen Ländern zur Evaluierung und Verbesserung der Arbeit der Polizei und der Kommunikation beitragen könnte.

    ➜ ‘IDEO’ kreierte ‘OpenIDEO’ — eine mode­rierte Plattform, wo Design Thinking von allen Bürgern genutzt werden kann um z.B. zusammen mit Jamie Oliver Tools zu entwi­ckeln, mit denen man Kindern gesün­derer Ernährung nahe bringt.

    ➜ ‘STBY’ half Menschen in Südengland die Notwendigkeit der Installation eines Wasserzählers zu kommu­ni­zieren (in England gibt es keine Wasserzähler, Wasser wird nicht nach Menge, sondern pauschal für ein Haus abge­rechnet).

    ➜ ‘Standford’-Studenten gingen der Frage nach wie die Todesrate unter Frühgeburten in Schwellenländern gesenkt werden kann und entwi­ckelten als Alternative zu 100.000-Dollar-Inkubatoren, die fernab in Krankenhäusern stehen, einen 25-Dollar-Minischlafsack, der schlicht mit heißem Wasser gefüllt wird und viele junge Leben retten kann.

    ➜ Studenten an der ‘HPI School of Design Thinking’ entwi­ckelte analoge und digi­tale Hilfsmittel damit sich behin­derte Menschen autark im Stadtraum von Berlin bewegen können und nicht mehr von Betreuern abhängig sind.

    @Janni: Zweifelsohne sollte jeder tun was er am besten kann und am liebsten macht — auch gern Milchverpackungen gestalten.

  7. Daniel

    Vielen Dank für Deine Antwort, Florian. Ich finde Du liegst genau richtig. Eriks Artikel hat schon etwas leicht Fatalistisches …

    Mir würde als Beispiel für eine konstruk­tive Beteiligung von Designern das Thema Stuttgart 21 einfallen: klar ist es lustig und sinn­voll, origi­nelle Protest-Plakate zu basteln. Viel span­nender fände ich hingegen eine möglichst vergleich­bare grafi­sche Darstellung der Vor- und Nachteile des Projekts: Streckenführung, Architektur, Fahrzeiten, Kosten etc. Dies wäre Informationsgestaltung im besten Sinn. Vielleicht ergän­zend zu den Schlichtungs-Gesprächen.

    Ein gutes Vorbild wäre hier Edward Tufte, der ausser als Buch-Autor als Berater für die Politik arbeitet, um mit über­sicht­li­chen Visualisierungen möglichst gute Grundlagen für komplexe Entscheidungen zu treffen.

  8. buzztjones

    Designer ist ein Job – wie jeder andere auch.

  9. Seb

    …Verrat«-Mentalität, wie sie vor allem auch an vielen Hochschulen propa­giert wird (in Karlsruhe natür­lich nicht ;-)

    Ha, würde ich so nicht unter­schreiben ehrlich gesagt. In Karlsruhe gibt es was das angeht durchaus eine gewisse Grundhaltung.

  10. Hendrik Hoppe

    Anstatt sich einen gehö­rigen Teil der eigenen Zeit mit Selfpromotion zu beschäf­tigen, indem man in der Designszene bespricht, was die Szene selbst ändern sollte – oder wie auch immer – wäre es doch nicht schlecht die Kritiker Lügen zu strafen, indem man diese Zeit anders inves­tiert!
    Wie wär’s damit seine Fähigkeiten für Pro Bono einzu­setzen und damit sinn­volle Dinge anzu­hüp­schen, wenn es denn schon nicht in der eigenen Macht liegt struk­tu­rell am Produkt Zigarette etwas zu ändern!

  11. Christoph

    Anstatt sich einen gehö­rigen Teil der eigenen Zeit mit Bloglesen zu beschäf­tigen …

  12. Jürgen Siebert

    Wir wollen doch an dieser Stelle nicht die Notwendigkeit in Frage stellen, ab und zu über seinen eigenen Job nach­zu­denken und die gewon­nenen Erkenntnisse mit anderen zu teilen …

  13. thomas junold

    hendrik: so einfach ist es nicht. glaubst du wirk­lich jede NPO schreit laut hurra, wenn du sagst, ich arbeit umsonst für euch? versuchs mal. abge­sehen davon, sollte sich sowas die waage halten, du möch­test ja auch was essen oder einen wein trinken können. »pro bono« und ein gutes gewissen macht nicht satt. (ps.: was bitte möch­test du an dem produkt ziga­rette ÄNDERN)

    ich glaube tatsäch­lich, dass wildes plakate gestalten keine lösung ist. schlicht und ergrei­fend die falsche ziel­gruppe. desi­gner für desi­gner und am ende reden wir doch wieder über die zurich­tung der schrift, statt über inhalte oder anliegen.

    ich denke eher, dass erik in der tat so ehrlich ist und lieber MIT firmen zusammen versucht etwas zu ändern, statt vor deren toren wild gestal­tete plakate zu schwenken.

    es ist meiner meinung nach durchaus möglich für viele firmen zu arbeiten und dennoch ein gesicht zu haben und dieses sogar zu wahren.

    im übrigen taugen recht wenige desi­gner wirk­lich zu hand­festen künst­lern mit einer ernst zu nehmenden botschaft, die die gesell­schaft oder einzel­per­sonen an den eiern packt. der rest ist dann wieder kunst­hand­werk!

  14. Immer noch die gleiche Vroni

    @ Hendrik
    Dinge „anhüp­schen“, gut gesagt:-)

    das ist doch genau das grund­le­gende Verständnisproblem, das
    1. blöder­weise von Auftraggebern meist gewollt ist
    2. und blöder­weise als Riss auch noch quer durch alle Designer geht.

    Wir gelten in unserer Gesamtheit als Anhübsch-Sklaven.

    Mindestens die Hälfte der Designer (von mir gefühlt aber mehr) WILL aber auch nicht mehr. Das sind dann die „Verräter in den eigenen Reihen“. :-)

    Meine Einzel-Macht als Anhübsch-Verweigerer ist gering.

    Was jeder Einzelne beitragen kann:
    solche Auftraggeber nicht nehmen.

    Denn es gibt andere Auftraggeber, die sehr wohl ursäch­lich mit dem Gestalter arbeiten wollen. Es sind leider die Wenigeren. Auf Deutsch: Reich wird kein Anhübschverweigerungs-Gestalter.

    Was Design-Verbände beitragen können:

    Einen Des.-Ing.-Studiengang hervor­bringen. Bin sehr dafür.
    Denn ein als sich ursäch­lich empfin­dender Designer muss Technik-und Verfahrens-Expertise und betriebs­wirt­schaft­liche bis Marketing-Expertise haben. Er wird sonst nicht ernst genommen. Industrie- oder Produktdesigner sind da schon eher auf dem Weg als Typografen und Illustratoren. Industriedesigner werden nach meinem Dafürhalten bereits jetzt schon ernster genommen.

    Beispiel aus einem andern Bereich:
    Wer seinen Doktor machen will als Naturwissenschaftler, kann das z.B. entweder als Dr. rer. nat oder als Dr.-Ing.
    Letzterer wird m. E. mehr respek­tiert.
    Mei, wir sind hier in Ingenieurland. :-)

  15. Magnus Hengge

    Es ist wirk­lich wichtig, den Dualismus zwischen den Lagern zu über­winden. Das gilt übri­gens nicht nur bei Designern und ihren Auftraggebern, sondern ganz gene­rell. Es macht nie Sinn, in gut und böse einzu­teilen, um sich auf eine der Seiten zu stellen und mit dem Finger auf die andere Seite zu zeigen. Meiner Erfahrung nach, verstehen das die meisten Kommunikationsdesigner und so kann ich auch sehen, dass immer mehr Designer nicht nur den Weg über die Autorenschaft, sondern auch den Weg der inter­dis­zi­pli­nären Kooperation gehen. Es besteht doch gar keine Not gerade in dieser Zeit mal wieder auf unserer Zunft herum­zu­ha­cken. Ich sehe eine posi­tive Entwicklung.

  16. erik spiekermann

    Florian:
    du hast ja durchaus recht.

    Eine pole­mi­sche Kolumne jedoch, wie ich sie für Blueprint jeden Monat schreibe, ist keine Handlungsanweisung. Wenn ich die Stunden und Tage wieder hätte, die ich in Gremien wie Berufsverbänden (wo und wie lange ich überall Präsident, Vorstand oder sonstwas war, weiss ich schon nicht mehr, aber alles ehren­amt­lich), Designinstitutionen, Wettbewerbsjurys, staat­li­chen Anhörungen, als Gutachter und unbe­zahlter Referent für Hochschultagungen und andere Aktivitäten verbracht habe, wäre ich wohl einige Jahre jünger. Das habe ich für unseren Berufsstand getan, weil ich es leid war, immer nur als nach­ran­giger Verhübscher verheizt zu werden. Wenn ich die Situation der Gestalter heute mit der vor 40 Jahren vergleiche, als ich anfing, dann ist sie erheb­lich besser. Damals gab es über­haupt keine Büros in Deutschland, die mehr als sechs Leute hatten und ange­stellte Grafiker gab es fast nur in Werbeagenturen. Das kann deine Generation nicht wissen, weil ihr das vorge­funden habt, was jetzt Standard ist. Aber von alleine ist nichts gekommen, daran waren viele Kollegen betei­ligt, die sich nie als Revolutionäre oder Weltverbesserer aufge­spielt haben.

    Meckern hat mir nie gereicht, und wenn man etwas verän­dert durch gedul­dige Arbeit auch an der design­po­li­ti­schen Basis, hat man keine Zeit, damit auch noch groß in der geschlos­senen Designeröffentlichkeit anzu­geben. Ich nehme aber an, dass ich den Bundespreis vor allem dafür bekommen habe und nicht für irgend­eine Schrift oder ein Plakat.

  17. Designer

    Ein schönes Plädoyer von Florian.
    Wir Designer sollten endlich mal in die Offensive gehen.
    Die Anforderungen um bei einer Um- oder Neugestaltung unserer Umwelt mitzu­wirken sind uns doch auf den Leib geschnei­dert:

    – Kritische Reflexion und Analyse der Umwelt
    – Kulturelles und Geschichtliches Verständnis
    – Systematisches Denken, Planen und Entwerfen
    – Kreatives Suche nach Lösungen
    – Organisation von Komplexität
    – Interdisziplinäre Arbeitsweise
    – Kommunikation von Inhalten, Informationen und Notwendigkeiten
    – Organisation und Gestaltung von Formen, Strukturen und Prozessen
    – Medien- und Bildkompetenz

    Und um Wolfgang Welsch zu zitieren:
    „Die ökolo­gi­sche Herausforderung macht eine Umstrukturierung all unserer Lebensbedingungen erfor­der­lich, die von den globalen Problemen der Ökonomie und Politik bis zu den persön­li­chen Lebensverhältnissen reicht. Einem erwei­terten Design kommt für diese Umgestaltung eminente Bedeutung zu. Daher besteht Konvergenz zwischen den post­mo­dern-kultu­rellen Anforderungen und der ökolo­gi­schen Herausforderung. Die globalen ökolo­gi­schen Herausforderungen können nur durch ein neues Design im erwei­terten Sinn gelöst werden. Das post­mo­derne Abrücken von Vorstellungen der Herrschaft, der Zentralität und die post­mo­derne Aufmerksamkeit auf Außenfolgen des Handelns kongru­ieren mit solchen Forderungen der Ökologie. Auch der Übergang vom Objekt-Design zum Rahmen-Design entspricht den Forderungen der Ökologie. Die Aufgabe der Designer verla­gert sich damit zuneh­mend von der Objektgestaltung (worauf sich die Moderne konzen­triert hat) zur Rahmengestaltung. In diesem Sinn könnte das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Designs werden“.

  18. Immer noch die gleiche Vroni

    @ Designer

    „Die Aufgabe der Designer verla­gert sich damit zuneh­mend von der Objektgestaltung (worauf sich die Moderne konzen­triert hat) zur Rahmengestaltung.“

    Ich denke, Rahmengestaltung der in Niedergang empfun­denen Welt kann nie allein Aufgabe des ‚ganz tollen neuen Designers‘ sein. Das wäre dann Aufgabe aller, die sich in Gestaltungsprozessen befinden.
    Geht also nur in Zusammenarbeit mit „denen“ (irony). Integral. Und da müssen manche großen hoch­mü­tigen Designer-Egos umdenken, dass sie aufgrund ihrer sensa­tio­nellen Fähigkeiten die Einzigen wären, die die Welt retten könnten. Wenn sie denn gerettet werden muss.
    (Da scheiden sich zur Zeit die Geister, ob diese Grundannahme des Niedergangs denn wirk­lich so stimmt.)

    :-)

  19. manuel

    hmmm… ich finde die ganze diskus­sion sehr span­nend. aber was is, wenn anti-design zum neuen trend wird? Alle nur noch „hau drauf“ – „ich bin anders“ – „frohe heile welt“-gestaltung machen?

    wer gestaltet dann die tägli­chen wegwerf­ar­tikel und die nächste CI für die neue „Bank meines vertrauens“?!?

  20. manuel

    mal am rande des chaos

    mein beitrag wurde um 23.02uhr geschrieben und nicht wie hier zu sehen um 00.02uhr

    vor lauter disku­tieren vergessen die Uhr umzu­stellen? :D

  21. Nana

    @ Vroni

    geht ja nicht darum die Welt zu retten, sondern sie (jeder nach seinen Möglichkeiten) lebens­werter zu machen. Designer sind schließ­lich haupt­säch­lich dazu da, Prozesse, Dinge und Objekte (des Alltags) im Sinne des Menschen zu verbes­sern. Das dies den übli­chen Gestalterhorizont (DIN A4, HKS und 72 dpi) über­steigen kann, dafür gibt es genü­gend Beispiele.

    Wer denkt, die Welt in der wir leben ist gerecht und schon in Ordnung so, ist entweder blind oder naiv.

  22. Immer noch die gleiche Vroni

    Nana,
    nein, die Welt ist nicht in Ordnung so.
    Aber auch nicht kurz vor der Katastrophe, die nur von einer bestimmten Menschenkaste aufge­halten werden kann.

    Und doch, es gibt auch noch andere Menschen, die keine Designer sind und dennoch Prozesse gestalten, es wollen und es können: Leute, die gute Produkte, Dienstleistungen oder Kulturelles aufbauen und in die Wege bringen.

    Warum müssen manche Gestalter immer in Deutungs-Extremen baden: Entweder als Büttel oder gar Sklave des Kommerzes oder als omni­po­tenter Heilsbringer (und alle anderen sind doof?) . Ist doch Blödsinn.

  23. BigWhoop

    Designer retten nicht die Welt. Sie werden weiterhin Milchverpackungen gestalten und damit rein gar nichts an irgend­einer verkopften Sache verraten. Tragt lieber mal Omis Einkaufstüten in die Wohnung oder enga­giert euch in einem gemein­nüt­zigen Verein. Damit wird die Welt für andere und im eigenen Spiegel besser. Bis dahin seht zu einen gescheiten Versalausgleich hinzu­be­kommen.

  24. Frank

    Ohjeohje.

    Soviel Luxusproblemjammern auf einmal​.Es ist doch ganz einfach:

    Design = Angewandte Gestaltung, Dienstleistung, Job.
    Kunst = Ist was anderes.

    Fertig.Aus.Punkt.

    Wieso glauben ausge­rechnet Designer immer, irgend­einen „höheren“ Auftrag zu haben als z.b. der gemeine Fabrikarbeiter ? Weil man sich ja immerhin mit so was wie „Kunst“ beschäf­tigt ? Weil man eigent­lich gerne Künstler wäre ? Weil man als Designer ja schon irgendwie mehr dazu berufen (und natür­lich irgendwie auch mehr quali­fi­ziert) ist ,die Welt zu retten als der von mir schon zitierte Fabrikarbeiter ? Ham wa‘ gelacht.

    Design is a Job.

    Checkt’s endlich und hört auf zu jammern.

    Sagt einer, der selber (Corporate) Design macht.

  25. tim

    Designer (in der schlimm verall­ge­mei­nerten Form) haben leider größte Probleme mit Inhalten und Positionen. Gestalten kann man vieles, der Horizont von A4, HKS und dpi ist aller­dings enorm komfor­tabel, immer­noch „cooler“ als Betriebswirtschaft (was ja auch keiner hier dauer­haft und ausschließ­lich machen wollte) und gejam­mert wird gerne, dann jammern nämlich alle mit. Kaum einer meiner gestal­tenden Bekannten –so erscheint es mit oft– hat einen Horizont abseits der Form, Inhalte geben im besten Fall das Mittel zum Zweck, um dann eine schöne Hülle darum zu setzen. Unsere gesamte Sichtweise auf den Begriff „Kreativität“ ist nicht viel mehr als Stricken, Sticken und Seidenmalerei. Das ist aller­dings höchs­tens Kreativhandwerk und (das ist nicht mein Gedanke, aber ich nehme ihn gerne auf) eher konser­vativ als kreativ. Was machen „Kreative“ um nach der Ausbildung Geld zu verdienen? Im mutigsten Fall ein eigenes Büro eröffnen und dann auch wieder das selbe wie die unzäh­ligen und zu vielen anderen auch. Würde das irgendwer sehenden Auges als kreativ-inno­va­tiven Ansatz beschreiben, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten?

  26. Stephan

    Design ist eine Herausforderung des Intellekts. Also keine Tat sondern Geistes- oder Erkenntnisvermögen. Nun darf man sich freuen über so viel stra­te­gi­sches Denkvermögen und Weitsicht zu verfügen, könnte dabei aber den Fehler begehen den allei­nigen Anspruch auf Erkenntnis zu haben, sich gar als Denkelite zu sehen, die als einzige Probleme sieht und Lösungen ersinnen kann. Design ist eine Dienstleistung, es ist, das Öffnen des Fensters so zu gestalten, dass sich der Anwender letzten Endes nicht die Finger dabei verbiegt. Designer sind per se keine Weltverbesserer. Der von Erik Spiekermann ange­spro­chene Wunsch, unsere Fähigkeiten besser für drän­gende Fragen als nur für die Umsatzsteigerung bei einem Lightbier einzu­setzen, setzt voraus, dass Designer gene­rell dazu in der Lage wären. Die Antwort darauf kann nicht gene­rell für Designer gelten, sondern muss von jedem selbst gefunden werden. 42 wäre eine Möglichkeit.

    Die Verbesserung des Lebens anderer ist ohne dikta­to­ri­sche Mittel ein demo­kra­ti­scher Prozess. Damit wird es poli­tisch. Politik findet aber in der Öffentlichkeit statt und nicht am Mac. Also müsste ich als Designer mal mein gemüt­li­ches Apple-Biotop verlassen, müsste Leute für eine Idee begeis­tern, mich in Gremien enga­rieren, evtl. Gelder auftreiben, um dann einem Kindergarten sinn­volles Klettergerät oder ein paar Grünpflanzen in der Stadt zu spen­dieren. Aber dazu müsste ich als Designer mal mein gemüt­li­ches Apple-Biotop verlassen, müsste Leute für eine Idee …

    Ach das hatte ich schon. Da ist wohl oft der Wunsch Vater des Gedanken.

    Liegt die Ursache des Dilemmas also darin, das ein Designer intel­li­gent genug ist Probleme zu erkennen, zu analy­sieren und Lösungen zu erdenken, oft aber dann doch ein mutloser, jammernder Mensch, der sich nicht in der Lage sieht seine Ideale prak­tisch in die Tat umzu­setzen und seinen Frust darüber im Corporate Design anderer kompen­siert? Is nur so ’ne Frage.

  27. Nana

    @ tim
    dem kann ich nur zustimmen.

  28. David

    Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnel­lere Pferde.

    Henry Ford

  29. Alexander Leu

    Wenn ein Designer das Bedürfnis hat, über die übli­chen Vorstellungen unseres Berufes hinaus­zu­denken und dementspre­chend handelt (wie oder was auch immer), dann sollte man diesen Menschen ermu­tigen und fördern statt nur zu sagen „Das sei nicht unsere Aufgabe, Wir können eh nichts ändern. Kannste eh lassen. Gibt eh nichts!
    So ein Schwachsinn.

    Der Beruf des Designers ist eine „Definition“. Menschen sind aber nicht in Schubladen zu stecken. Es wäre blöd­sinnig zu behaupten, dass wir unser Handeln von einer Definition einschränken lassen. Das ist eine ganz typi­sche Denkweise, die Innovation verhin­dert. Der Mensch defi­niert sich nicht durch seinen Beruf sondern durch das, was er im Laufe des Lebens auf dem Weg mitbe­kommen hat.

    Natürlich kann ein Designer seinen Beruf auch nur durch Magazine, Webseiten, Erscheinungsbilder, Plakate, DIN A4, HKS und 72 dpi defi­nieren. Ist ja völlig in Ordnung. Gibt ja Leute die wollen nichts anderes oder bzw. wollen genau das machen.

    Aber ich finde es nicht richtig, wenn Leute diese Überzeugung als etwas gesetztes vertreten und diesen Status Quo vertei­digen, indem sie sagen, dass alles andere nicht unsere Berufung sei. Es kann doch nicht sein, dass wir Menschen vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, nur weil das nicht ins Berufsbild passt. Merkt ihr noch was?!

    Es geht hier über­haupt nicht darum, dass wir unseren Beruf durch etwas „sinni­geres“ konter­ka­rieren wollen. Das mag zwar unter­schwellig mitschwingen. Aber ist das jetzt was schlimmes? Im Gegenteil! Man kann es als Motor ansehen. Dann soll er es versu­chen. Aber abge­sehen davon, glaube ich nicht, dass jemand, der entspre­chend handelt und diese Verantwortung in unserer Gesellschaft aus einer ehrli­chen Motivation über­nimmt, darum ging, dass er für sich was konter­ka­rieren möchte.

    Ich glaube es liegt auch daran, dass wir einfach keine Vorstellungen davon haben, wie sowas gehen soll oder uns sind zu wenige Praxisfälle bekannt, in der ein Kommunikationsdesigner diesen Weg ging. Und wenn, dann sehen wir ihn nicht mehr als Designer sondern als was anderes. Weil das nicht in unser Modell passt. Weil wir ihn nicht einordnen können. Nicht in unsere Vorstellungen fügt. Also ist er auch kein Designer mehr sondern Künstler, Initiator, Erfinder oder im besten falle etwas unde­fi­nier­bares (dann ist es was neues). Siehe Absatz 2.

  30. Alexander Leu

    Nachtrag: In den Hochschulen merkt man aktuell eine Tendenz, dass sich etwas verän­dert. Damit meine ich nicht, die neuen Medien. Denn dieser Hype der Veränderung war schon vor paar Jahren und wird langsam selbst­ver­ständ­lich. Sondern dass vermehrt Projekte und Diplomarbeiten entstehen, deren Motivation über das klas­si­sche Grafikdesign, Printdesign und Installationen hinaus­gehen. Man darf gespannt sein, wie man unseren Beruf in 20 Jahren defi­niert und wie man an Hochschulen ausbildet…

    Darum sage ich: Macht es einfach! Und lasst euch von niemanden irgendwas einreden. Vor allem nicht, wie unser Beruf auszu­sehen hat.

  31. Immer noch die gleiche Vroni

    @ Alexander Leu

    „Es kann doch nicht sein, dass wir Menschen vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, nur weil das nicht ins Berufsbild passt. Merkt ihr noch was?!“

    Nein, das kann tatsäch­lich nicht sein.
    Das Vorschreiben, was zu tun oder was zu lassen wäre, geht jedoch bereits los, wenn ener­gisch postu­liert wird, DIE DESIGNER („müssen aus ihrem Gefängnis ausbre­chen“, „sollten ganz oben ins Regal greifen“, etc.).

    Der pauschale Plural.
    Merken Sie noch was?

    Nichts ist dagegen zu sagen, wenn sich Gruppen, Wortführer berufen fühlen, ihren Beruf breiter zu verstehen. Willkommen.

    Doch was DEN DESIGNER gleich zum besseren umfas­sen­deren Menschen machen soll, nur weil er diesen Beruf in irgend­einer Form ausübt, das ist nicht verstehbar.

    Ähnliche Diskussion: FRAUEN, Qualifikation „Frau“. Diese sind auch nicht per se die besseren Menschen, die ein Land, ein Unternehmen besser führen könnten, nur weil sie Frauen sind („emotional intel­li­genter“, „umsich­tiger“, etc.) und deswegen endlich höher ins Regal langen sollten.

    Bevor große Töne gespuckt werden, es mal mit einfa­chen, unspek­tu­lä­reren Schritten versu­chen. Ich sah oft, wie vor dem Auftraggeber vorschnell und narziss­tisch belei­digt einge­knickt wurde, statt ihn ins Boot zu holen oder um die Idee zu kämpfen. (Mein Ex-Chef war ein guter Kämpfer alter Schule. Nach ihm wurde von der GL nur nach taktiert und getrickst, aber nicht mehr mit offenem Visier gekämpft…). Damit gute Ideen nicht zum Teufel gehen. Grafiker grade habe ich da sehr oft als harmo­nie­süch­tige Weicheier empfunden, die an der „Front“ zu schnell aufgeben.

  32. Seb

    @Stephan 26.
    Kann ich nur so unter­schreiben! das trifft es genau

  33. Matthias

    Man hat bei Sterneköchen gelernt, jahre­lang die schönsten Kochbücher gesam­melt, sich origi­nelle Rezepte ausge­dacht, gut einge­kauft und das Mise-en-place vorbe­reitet. Dann kommt die erste Bestellung: Bulette mit Pommes und ne Cola light. Vielleicht liegt es an dieser Diskrepanz, dass sich manche Kreative in Restwirtschaft, Politik und Gesellschaft mit so wenig Selbstvertrauen bewegen. Oder in den Zynismus verfallen, zwar alles längst durch­schaut zu haben, aber doch nichts ändern zu können (oder zu wollen). Kann ich bestens nach­voll­ziehen, aber gesund ist das auf Dauer nicht. Florians Anstoß ist ja nun aber nicht, Milchtüten zu gestalten, die die Welt retten (hat sich nicht Sagmeister mal für so etwas feiern lassen?), sondern viel­mehr die eigenen grund­le­genden Fähigkeiten selbst­ver­ständ­lich und selbst­be­wusst auch in anderen Bereichen anzu­wenden. So, wie das andere Berufsgruppen (BWLer, Juristen, Lehrer) schon immer getan haben. Also: Steht zu dem, was ihr könnt. Wenn ihr wollt.

  34. Flint

    @ Frank

    … thumbs up. so sieht’s mal aus. :)

  35. Janni

    Jedenfalls braucht sich niemand zu beschweren, dass unsere Kunden oft nicht bereit sind, unsere Arbeit ange­messen zu entlohnen, wenn wir ständig selbst davon reden, dass wir doch eigent­lich viel lieber was „wirk­lich Wichtiges“ machen würden.

  36. Amus

    Designer müssen endlich aus diesem Gefängnis ausbre­chen!
    Weg mit den Grenzen von DIN A4, HKS und 72 dpi!

    Wie wahr, wie wahr.

    Leider fühlen sich viele Designer von Gefängnissen umgeben, die gar nicht exis­tieren. Solange Hochschulprofessoren unwi­der­spro­chen, von 72dpi schreiben dürfen, solange frage ich mich, was an Hochschulen eigent­lich unter­richtet wird.

    Bitte aufwa­chen!

  37. Florian Pfeffer

    Ich finde die Diskussion, die sich hier entsponnen hat, ziem­lich inter­es­sant. Dennoch gibt es hier mögli­cher­weise ein paar Missverständnisse, was meinen Text betrifft:

    Ich habe nie behauptet, dass Designer die besseren Menschen oder gar omni­po­tente Heilsbringer wären. Wer meinen Text genau liest, kann fest­stellen, dass ich genau das Gegenteil sage.

    Ich habe auch nicht gesagt, dass Design die Welt retten wird. Dieses Bild entspringt dem Genre des Superman-Heftes/Hollywood-Films und ist daher zwar unter­hal­tend – aber in der Realität nicht beson­ders hilf­reich. „Entwurf“ als eine Art und Weise Lösungen zu finden, hat aber großes Potential bei der Umsetzung des Projektes, die Welt smarter, einfa­cher, gerechter, trans­pa­renter und „zugäng­li­cher“ zu machen. An diesem (niemals endenden) Projekt arbeiten viele Berufe – warum nicht auch Designer? Und wenn Designer … warum nur mit tradi­tio­nellen Medien und Werkzeugen und nicht auch (!) mit ganz neuen Methoden? Ja, viel­leicht sogar als Unternehmer mit einem ganz neuen Geschäftsmodell? Oder in einem Landtag? Oder als CEO eines Groß-Konzerns? Oder als Initiator einer NGO?

    Ich habe schliess­lich nie dafür plädiert, keine Gestaltung im klas­si­schen Sinne (A4, HKS, 72dpi – ich weiss, ich darf nicht mehr „72 dpi“ sagen … sorry) mehr zu machen – das wäre ja lächer­lich. Ich habe gesagt, dass wir uns von dem klas­si­schen Designbegriff nicht einsperren lassen sollten (= keine neue Wege gehen, weil das dann ja kein Design mehr wäre). Und ich habe ausserdem gesagt, dass wir unsere Talente, die wir (hoffent­lich) haben, auch auf andere Dinge anwenden können – nicht wertvollere/bessere Dinge, sondern andere/mehr/weitere Dinge.

    Zuletzt: Ganz oben ins Regal zu greifen, ist nicht arro­gant oder vermessen. Es ist notwendig … weil, unten im Regal liegt schon jovoto.

  38. Immer noch die gleiche Vroni

    Schade, dass vorbei­ge­redet wurde.

    Es geht in Zukunft breiter ums Lösungen Finden.
    Nicht ums Bildchen- und Buchstaben Malen.

    Ersteres mach ich schon lange so.
    (Aber ich weiß ja nicht, wie andere arbeiten.)

  39. Amus

    An diesem (niemals endenden) Projekt arbeiten viele Berufe – warum nicht auch Designer? Und wenn Designer … warum nur mit tradi­tio­nellen Medien und Werkzeugen und nicht auch (!) mit ganz neuen Methoden? Ja, viel­leicht sogar als Unternehmer mit einem ganz neuen Geschäftsmodell? Oder in einem Landtag? Oder als CEO eines Groß-Konzerns? Oder als Initiator einer NGO?

    Ehrlich gesagt, erlebe ich in der Praxis, warum das so ist.

    Die meisten Designer jammern zwar über ihr Dasein, wollen aber in Wirklichkeit nur klas­si­sche Gestaltungsaufgaben über­nehmen. Wenn es erfor­der­lich wird, mehr zu verstehen, wenn man hinter die Kulissen des Geschäfts eines Kunden schauen muss, dann erlebe ich eigent­lich ganz selten, dass Designer aufblühen. In vielen akade­mi­schen Berufen ist es selbst­ver­ständ­lich, dass man sich auch mit anderen Wissengebieten ausein­an­der­setzen muss. Maschinenbauingenieure mit Betriebswirtschaft, Informatiker mit Medizin, Physiker mit Jura usw. usf.

    Ich habe noch nie erlebt, dass ein Designer auf die Idee käme, ein MBA-Studium zu machen oder sich parallel zu seinem Designstudium mit BWL ausein­an­der­zu­setzen.

    Schlimmer noch, viele Designer weigern sich sogar, tech­ni­sche Zusammenhänge im eigenen Beruf zu verstehen. Da höre ich immer nur „Ich bin doch kein Programmierer“, „kein Reinzeichner“, „kein Drucker“ etc.

    Und deshalb ist der Ruf von Designern auch so schlecht. Man braucht sie nur für bestimmte Aufgaben, aber der viel beschwo­rene Blick über den Tellerrand ist in Wirklichkeit gar nicht da.

  40. Immer noch die gleiche Vroni

    Amus,
    inter­es­sant.

    Ich kenne auch die Gegenseite:
    Auftraggeber, die bass erstaunt sind und es auch nicht wollen, wenn ein Designer sich mit Technik, BWL und Marketing ausein­an­der­setzt.

    Das Schubladendenken exisi­tiert auf beiden Seiten.

  41. R::bert

    @ Amus
    Was Du ansprichst ist eher eine Frage der Diskrepanz zwischen Spezialisierung oder alles können wollen oder sollen, aber (meis­tens) nichts richtig.
    ·························································································································
    Wem aber das »Aufhellen« unserer Gesellschaft wirk­lich am Herzen liegt, der findet einen Weg, gerade als Kreativer. Dann handelt es sich ja um eine Haltung des Wollens anstatt des Müssens. Also eine reine Motivationsgeschichte.

  42. Ralf

    schluss mit der diskus­sion. zurück an die arbeit.

  43. Inga J. Weihe

    Innerlich beru­higt bin ich, dass es einen Diskurs inner­halb des Designs gibt. Ein Designer der Zukunft muss Prozesse mitge­stalten und sich in den Innovationsprozess einbringen, denn wer noch glaubt, die Zukunft liegt im Dekorieren, wird nicht an der Zukunft parti­zi­pieren. Designer sollten quer­denken können, und sind somit die, die Änderungen herbei­führen und begleiten. Auch dieses Querdenken-Können muss eine Ausbildung fördern, und darf dabei auch auf Kunst zurück­greifen, um die Gehirnhälften mal in Schwung zu bringen und Blicke links und rechts des Weges zuzu­lassen. Den Autisten vor der Maschine, die sich im Schlaf durch Programme bewegen können, und glauben, dass die Maschine unsere (Welt-)Probleme löst, sei gesagt, geht mal an die frische Luft und sorgt lieber dafür, dass sie frisch bleibt. Danke hier an Martin Jordan (Grüße!), der inter­es­sante Projekte zur Veränderung aufge­zählt hat.
    Wir sollten als Designer klar machen, dass wir mehr können; denn der Beruf ist doch nach außen sehr einseitig konno­tiert. Nail Design stand irgendwie nicht in meinem Vorlesungsverzeichnis.

  44. Alexandriner

    Bertold Brecht hat geschrieben: Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank? Heute wissen wir: Wir können das Gründen von Banken nicht allein den Bankern über­lassen. Das wird nichts.

    Ich will beileibe nicht behaupten, dass Designer die besseren Menschen, Politiker oder Banker wären. Genauso wenig sind Frauen die bessern Kanzlerinnen oder führen weniger Kriege.

    Ein sehr schön designter Satz, wenn ich sie mir beide betrachte.

  45. Alexandriner

    Wow, der Korrekturzeitraum ist wieder da – sehr gut!

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