Adrian Frutiger, 1928–2015

Adrian Frutiger, Interlaken 2004, © Fontblog

Gestern wurde bekannt, dass der große Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in seinem lang­jäh­rigen Wohnort Bremgarten bei Bern verstorben ist. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien, zum Leidwesen der Familie, die den Todesfall – auf ausdrück­li­chen Wunsch des Designers – nicht direkt der Öffentlichkeit preis­geben wollte. Es wird auch keine Trauerkarten und keine Todesanzeige geben.
Die Bescheidenheit Adrian Frutigers war legendär. Doch bei aller Zurückhaltung konnten er und seine Erben nicht verhin­dern, dass sich tausende Schriftbenutzer und zig Schriftentwerfer in den vergan­genen 24 Stunden von Frutiger verab­schie­deten sowie sich für sein einfluss­rei­ches Schaffen bedankten. Einige Beispiele:

Adrian Frutiger wurde am 24. Mai 1928 in Unterseen an der Aare, Kanton Bern, geboren. Nach einer Schriftsetzerlehre in Interlaken und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich (1949–1951) bei Alfred Willimann und Walter Käch arbei­tete Frutiger zunächst als Grafiker in Zürich. Ein Jahr später wurde er Mitarbeiter der Pariser Schriftgiesserei Deberny & Peignot. Im Sommer 1962 grün­dete er mit Bruno Pfäffli und André Gürtler sein eigenes Grafikatelier in Arcueil bei Paris.

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954 (weitere Schnitte sind inzwi­schen hinzu­ge­kommen): die erste Ziffer steht für die Strichstärke, die zweite für die Buchstabenbreite, wobei gerade Ziffern »oblique« bedeuten

Die Schrift Univers, die Adrian Frutiger welt­be­rühmt machte, geht auf Übungen zurück, die er bereits 1949 als 21jähriger an der Kunstgewerbeschule durch­führte. Das eigent­lich Neue an Univers war, dass eine Schriftfamilie erst­mals als geschlos­senes System entworfen und vermarktet wurde. Ausgangspunkt ist der Normalschnitt Univers 55, von dem aus sich alle weiteren herleiten. Der Kontrast ist so austa­riert, dass sich die Schrift auch für lange Texte eignet. Frutiger legte großen Wert auf die Abstimmung der Strichstärkenunterschiede zwischen Versalien und Gemeine. Für dama­lige Zeiten ist die Mittellänge unge­wöhn­lich hoch.

Univers brauchte 15 Jahre, bis sie überall bekannt und auf den unter­schied­li­chen Geräten (Blei und Fotosatz) verfügbar war. Dem Ende der 60 Jahre vorherr­schenden ratio­na­lis­ti­schen Stil in der Typografie kam die kühle, syste­ma­tisch entwi­ckelte Familie entgegen. Sie entsprach dem Anspruch auf ›Total Design‹, wie Wim Crouwel und Ben Bos ihr Designbüro 1964 tauften. In Holland wurde Univers eine Art Nationalschrift, in den USA und Deutschland setzten die Grafiker eher auf Helvetica.

Der tech­ni­sche Wandel des Fotosatzes spornte Adrian Frutiger an: »Im Blei habe ich die Schrift und ihre Fähigkeit, mit immer denselben Lettern die ganze geis­tige Welt lesbar werden zu lassen, zuerst erlebt. Damit erwachte in mir das Bedürfnis, die best­mög­liche Lesbarkeit zu entwi­ckeln.« erin­nert er sich rund 30 Jahre später in einer Biografie. »Schnell kam die Zeit, in der ein Text nicht mehr mit Bleibuchstaben, sondern durch einen Lichtstrahl gesetzt wurde. Die Aufgabe, die Schriften der alten Meister vom Hoch- in den Flachdruck umzu­denken, war für mich die beste Schule. Als es jedoch um den Grotesk-Stil ging, hatte ich meine eigene Vorstellung: es enstand die Univers-Familie.«

1997 wurde Univers von Adrian Frutiger und Linotype komplett über­ar­beitet, auf 59 Schnitte erwei­tert und drei­stellig numme­riert: Linotype Univers. 2004 erschien Univers Next mit weiteren Stilen (71 Schnitte), erwei­tertem Zeichensatz und syste­ma­ti­schem Aufbau.

Schnittmuster fr das zweisprachige Flughafen-Leitsystem

Gesetzt aus aus Frutiger: Schnittmuster für das zwei­spra­chige Leitsystem des »Aéroport Charles de Gaulle«, eröffnet im März 1974

Als der fran­zö­si­sche Ministerrat 1964 beschloss, auf dem dünn besie­delten Ackergelände nahe der Dorfschaft Roissy-en-France einen neuen Großflughafen zu errichten, wurde der junge Architekt Paul Andreu mit dem Entwurf betraut. Er veran­staltet er eine Serie von Workshops mit Architekten, Designern, Psychologen und Künstlern, darunter Adrian Frutiger, der mit seiner 1957 erschie­nenen Erfolgsschrift Univers die Beschilderung entwi­ckeln sollte.

Doch Univers war ihm zu geome­trisch und geschlossen für die schnelle Wahrnehmung auf Wegweisern. Also griff Frutiger auf einen 7 Jahre alten Sans-Serif Entwurf namens »Concorde« zurück, den er mit André Gürtler für das Satzunternehmen Sofratype gezeichnet hatte. Die Farbpsychologen legten für das Leitsystem einen gelben Hintergrund fest, die fran­zö­si­schen Hinweise sollten in weiß, die engli­schen in schwarz aufge­druckt werden. Für die Präsentation griff Frutiger zu Letraset-Farbfolien. Das Wort ›Départ‹ schnitt er mit einer kräf­ti­geren Concorde aus, das schwarze ›Departures‹ klebte er darunter auf. Die bessere Lesbarkeit gegen­über Univers über­zeugte sofort alle. Und Paul Andreu war begeis­tert von der Idee einer eigenen ›Flughafenschrift‹.
Als der »Aéroport Charles de Gaulle« im März 1974 einge­weiht wurde, setzte auch das Leitsystem Maßstäbe. Typografen aus aller Welt wünschten sich die Schrift für Drucksachen. 1977 brachten die D. Stempel AG und Linotype Frutiger auf den Markt. Sie wird rasch zum Bestseller und mehr­fach erwei­tert, zuletzt 1999 vom Schöpfer selbst.

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Zwei Jahre nahm sich Adrian Frutiger Zeit für den »Relaunch« Frutiger Next. Alle Zeichen wurden neu digi­ta­li­siert, wobei die Grundformen nahezu unver­än­dert blieben. Lediglich das ß und das et-Zeichens entstanden neu, s und t erfuhren ein dezentes Facelifting. Die Strichstärkenabstimmung ergab nun 6 statt 5 Stufen, und eine echte Kursive rundete Frutiger Next ab.

Univers und Frutiger sind nur zwei von über 20 Schriftfamilien, die Adrian Frutiger in rund 60 Jahren schuf. Dabei ist bemer­kens­wert, dass er in allen Schriftdesign-Stilen eine bahn­bre­chende Qualität schuf. Seine Avenir ist eine der besten geome­tri­schen Sans-Schriften, Egyptienne F und Glypha werden von den Freunden der Slab-Serif-Schriften verehrt und seine Vectora ist immer noch einzig­artig in der Klasse der Anglo-Grotesk-Schriften.

Alle diese Schriften tragen Adrian Frutigers Design-Philosophie in sich, nämlich dass »Lesbarkeit und Schönheit ganz nahe beiein­ander stehen und dass die Schriftgestalt in ihrer Zurückhaltung vom Leser nicht erkannt, sondern nur erfühlt werden darf. Die gute Schrift ist dieje­nige, die sich aus dem Bewußtsein des Lesers zurück­zieht, um den Geist des Schreibenden und dem Verstehen des Lesenden allei­niges Werkzeug zu sein.« Mit anderen Worten: Die Qualität von Frutigers Schriften beruht nicht auf ober­fläch­li­chem bzw. formalen Kriterien, sondern einer struk­tu­rellen Leserlichkeit. Diese DNA in seinen Entwürfen zu entde­cken bedarf eines geschulten Auges. So gesehen wäre es nicht über­ra­schend, wenn auch die (noch) nicht so popu­lären aber glei­cher­maßen vorzüg­li­chen Schriften von Adrian Frutiger irgend­wann den Durchbruch in der typo­gra­fi­schen Welt schaffen.

Im Jahr 2007 führte der Berliner Filmemacher Sebastian Rohner ein langes Interview mit dem Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger. »Einer der größten Designer des 20. Jahrhunderts ist den meisten Menschen voll­kommen unbe­kannt. Dieses Interview soll das ändern.« schrieb er in der Erläuterung des inzwi­schen auf YouTube frei­ge­ge­benen Videos. Der aufschluss­reiche Film wirft nicht nur ein Licht auf den bedeu­tenden Schriftentwerfer sondern auf eine Designdisziplin, die kaum exoti­scher sein könnte und doch alle (lesenden) Menschen berührt.


4 Kommentare

  1. Autsch,

    das tut weh, habe ich noch vor Kurzem seine Videos bestaunt. Er ruhe in Frieden.

  2. R. I. P.

    Sie werden ihn niemals vergessen lassen: https://www.fontshop.com/search?utf8=✓&q=Frutiger

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