Fontblog Artikel des Jahres 2008

Hessenwahl: Die neuen Plakate hängen

Wahlplakate Hessen 2009

Nach den miss­ver­ständ­li­chen Feiertagsgrüßen hängen seit gestern Köpfe und Botschaften in Hessens Straßen. Gewohnt austauschbar und flach bei den tradi­tio­nellen Parteien. Allein die Grünen beziehen nach­voll­ziehbar Stellung und gehen auf das Geschehene ein. In meinen Augen ist Tarek Al-Wazir der glaub­haf­teste der vier Spitzenkandidaten. Mit seinen Kommentaren während des wochen­langen Ypsilati-Schlingerkurses sprach er vielen Bürgern aus der Seele.


Nur heute: kostenloses Stromberg-Special

Langjährige Fontblog-Leser ahnen es: Als Stromberg-Fan kann ich dieses kleine Geheimnis nicht für mich behalten. Der Apple-Händler Gravis feiert irgend etwas … jeden Tag kommt eine Mail mit einem kostenlos-Download-Link zum iTunes-Store. »Nur heute gibt eine exklu­sive, bislang unver­öf­fent­lichte Folge der Serie bei iTunes gratis. Szenen aus allen drei bei iTunes erhält­li­chen Staffeln wurden zu einer neuen Geschichte verstrickt – um eine weitere Facette dieses etwas anderen TV-Helden aufzu­zeigen.« Dies sollte der rich­tige Link zum Stromberg-Themen-Special sein … Wenn’s nicht klappt, hier noch mal probieren …


Die (Ver-)Fangfrage der Hessen-SPD

Roland Koch ist der unver­fro­renste Taktiker unter den deut­schen Spitzenpolitikern. Nur er schafft es im Wahlkampf binnen weniger Monate eine 180°-Wende hinzu­legen. In dieser Saison war das der Schwenk vom Agitator zum Schmusekätzchen. Wenigstens hat er die Fehler des letzten Wahlkampfs öffent­lich einzu­ge­stehen und bedauert.

Dies ist der hessi­schen SPD nicht gelungen, ganz im Gegenteil: Sie verbiss sich in ihre Fehler. Nun ist die Partei derart gelähmt, dass ihr nichts anderes einfällt, als die doofe Frage: »Wirklich wieder Koch?«. Misslungene Politplakatkommunikation wie aus dem Bilderbuch: Erst eine Fangfrage stellen und dann noch Platz lassen für die nahe liegende Antwort.

Die FDP scheint in Urlaub. Sie schickt eine winter­lichte Ansichtskarte. »Alles Gute« liest sich wie »Alles wird gut«. Ist der Fatalismus der SPD etwa anste­ckend?


Weihnachtsmann vs. Nikolaus

Ich habe den Nikolaus gesehen. Gestern, im KaDeWe (Foto). Es war eine beein­dru­ckende Begegnung, denn seit meiner Kindheit ist mir kein Niklaus mehr über den Weg gelaufen. Er trug ein fest­li­ches Gewand, wallende Haare, einen echten Bart, siber­far­bene Lederstiefel und eine Zaubereule auf seiner Pelzmütze.

Der Nikolaus stirbt aus, gerade in den Einkaufswelt. An seiner Stelle ist eine Witzfigur getreten, mit langem Wattebart, roter Kutte, Geschenkesack und Rute: der Weihnachtsmann. Er ist eine Entwicklung von Coca Cola und wahr­schein­lich der erfolg­reichste Marketing-Coup des letzten Jahrhunderts, »eine Symbolfigur des weih­nacht­li­chen Schenkens« schreibt Wikipedia ganz richtig. Mit dem Nikolaus hat er nichts zu tun.

Der echte Nikolaus von Myra war ein Bischof im 4. Jahrhundert. Unter anderem wird er als Schutzpatron der Kinder verehrt. Ihm zu Ehren wurden schon im Mittelalter Kinder an seinem Namenstag beschenkt, dem 6. Dezember. Dieses Datum war früher auch der eigent­liche Bescherungstag, der erst im Laufe der Reformation und deren Ablehnung der Heiligenverehrung in vielen Ländern auf den 24. bzw. 25. Dezember rückte. Martin Luther ersetzte den Nikolaus durch den »Heiligen Christ«, aus dem über die Jahre das engel­ar­tige Christkind wurde. Vor allem in Süddeutschland schreiben Kinder vor Weihnachten dem Christkind einen Brief mit ihren Wünschen.


Fontblog zwitschert jetzt regelmäßig

Seit fast 2 Jahren »twit­tert« Fontblog in großen Abständen, nicht der Rede wert. Das ändert sich mit dem heutigen Tage. Warum? Ein Frage- und Antwortspiel:

Was ist Twitter?
Twitter ist ein soziales Netzwerk und ein Mikro-Blogging-Dienst. Angemeldete Benutzer können Nachrichten (»Updates« oder »Tweets« ) mit maximal 140 Zeichen senden und die Nachrichten anderer Benutzer empfangen.

Was ist daran sozial?
Das soziale Netzwerk basiert darauf, dass man »Freunden« folgt, also ihre Updates abon­niert. Benutzer, die den eigenen Updates folgen, nennt man »Follower«. Auf der Twitter-Startseite kann man die Updates seiner Freunde chro­no­lo­gisch sortiert sehen und eigene Updates eingeben.

Was unter­scheidet twit­tern vom bloggen?
Die Beschränkung der Nachrichten auf einen kurzen Text (mit maximal einem Link), ohne Bild. Der Dialog im Netz ist schneller und mobiler als Bloggen (Handy, iPhone, …). Das Twittern geschieht auf Augenhöhe, es gibt kein oben und kein unten, keine Trennung zwischen veröf­fent­li­chen und kommen­tieren. Jeder Twitterer bloggt auch.

Warum twit­tern und bloggen gleich­zeitig?
Während das Bloggen ein Veröffentlichen ausführ­li­cher Meinung und Kommentare ist, spie­gelt der Twitter-Dialog das Verfassen von Gedanken wider. Fontblog wird über Twitter Beiträge ankün­digen, singu­läre Gedanken veröf­fent­li­chen und Momentanzustände schil­dern. Im Gegenzug greift Fontblog über Twitter die Ideen Gleichgesinnter auf, um sie für das Schreiben im Fontblog zu nutzen.

Wie soll ich die ganzen Informationen verar­beiten?
Das verfolgen von Fontblog und Twitter kann mit denselben Tools geschehen. Wer einen RSS-Reader benutzt, kann die Fontblog-Twitter-Updates mit diesem abon­nieren (http://​twitter​.com/​s​t​a​t​u​s​e​s​/​u​s​e​r​_​t​i​m​e​l​i​n​e​/​6​6​5​5​0​3​.​rss). Twitter macht aber mehr Spaß, wenn man selbst unter twitter​.com mitmacht.

Was soll ich jetzt tun?
Auf twitter​.com gehen, einen kosten­losen Account anlegen und Fontblog »verfolgen«. Parallel dazu erfährst Du, wem Fontblog selbst folgt … das kann eine Anregung für Dich sein, auch diese Nachrichten zu empfangen. Über die Twitter-Suche und die Freunde anderer lädt man sich so nach einem ganz legalen Schneeballprinzip die Gäste seiner eigene Party ein.

Warum (erst) jetzt?
Weil die Zeit zwischen den Jahren die beste ist für neue Ideen und Vorsätze.


Ist Mister K die neue Zapfino?

Diese Frage ist mindes­tens so sinn­voll (oder dämlich) wie: Ist Duffy die neue Amy Winehouse? Jeder sieht den Unterschied, jeder hört ihn … warum also diese Vergleiche? Ganz einfach: Weil man nichts dagegen tun kann. Unser Gedächtnis, unsere Wahrnehmung ticken so. Die Experten nennen das »Lernen am Modell« oder »Beobachtungslernen«. Alles Neue, was der Mensch erkennt, versucht er in die vorhan­denen Regale des Gelernten abzu­legen. Und so erging es mir, als ich die Weihnachtskarten von FSI und FontShop sah.

Jeder sieht, dass FF Mister K eine unge­küns­telte Schreibschrift ist, während Zapfino als kunst­volle Federschrift ange­legt ist. Zu Recht enthält ihr Name das italie­ni­sche Wort für »fein«, die feine Federschrift von Hermann Zapf. Formal gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen beiden, außer dass es verbun­dene Schreibschriften sind, die ein hand­ge­fer­tigtes Vorbild in guter Qualität digital simu­lieren.

Warum gibt es über­haupt digi­ta­li­sierte Schreibschriften? Zwei Gründe: Erstens hat nicht jeder eine schöne Handschrift und zwei­tens fehlt vielen die Gerätschaft bzw. das Know-how (ganz sicher auch die Zeit), um die eigene Schrift zu scannen und so digital aufzu­be­reiten, dass sie mit der glei­chen Flexibilität in Photoshop weiter verar­beitet bzw. korri­giert werden kann wie andere grafi­sche Elemente. Stichwörter: verlust­frei skalierbar, positiv, negativ, farbig u. ä.

Zapfino feiert in diesen Tagen ihren 10. Geburtstag. Ihrem Durchbruch verhalf die Tatsache, dass sie 2000 von Apple in die Grundausstattung des neuen Mac OS X aufge­nommen wurde. Aufgrund ihrer Ausschmückung mit bis zu 8 Varianten pro Buchstaben und einer Ligaturautomatik konnten Apple-Vorführer auf Betriebssystemebene demons­trieren, wohin die Zukunft des digi­talen Schriftsatzes gehen wird – lange bevor OpenType auf den Computern der Designern lief: auto­ma­ti­sche Buchstabenverbindungen, ja das Wort »Zapfino« verwan­delte sich sogar in einen geschlos­senen Schriftzug, sobald man das letzte o getippt hatte.

Trotz der neuen tech­ni­schen Möglichkeiten sehen in den darauf folgenden Jahren aus Zapfino gesetzte Grußkarten, Weinetikette oder Logos seltsam einfallslos und mecha­nisch aus. Der Grund liegt in der etwas aufwän­di­geren Bedienung der Schrift (man könnte auch sagen an der Faulheit der Benutzer). Ihre wahre Größe entfaltet Zapfino erst, wenn man sich manuell aus den Glyphenvarianten bedient, 8 unter OS X und 10 bei der Zapfino OpenType. Tatsächlich stecken im Zapfinozeichensatz mehrere tausend Glyphen, die entdeckt und kombi­niert werden wollen. Wer seinen Gruß einfach so in den Computer tippt, nutzt weniger als 5 % der Schrift. Und genau das ist der Grund dafür, warum sich inzwi­schen viele Typografinnen und Typografen an der Schrift satt gesehen haben.

FF Mister K arbeitet mit der glei­chen Technik wie Zapfino, die sie aber auf andere Art nutzt. Ihre Stärke sind Hunderte bedingter Ligaturen. Dir Schrift ist voll­ge­packt mit fest verknüpften 2er-, 3er- und 4er-Buchstabenverbindungen. Dazu gibt es nur 1 (!) Set mit Glyphenvarianten, die man konsul­tiert, falls die Automatik hier und da mal ein unbe­frie­di­gendes Ergebnis liefert. Für Schwungbuchstaben steht ein zweiter Zeichensatz zur Verfügunge, der On-stage heißt. Ergebnis: FF Mister K liefert ganz auto­ma­tisch ein abwechs­lungs­rei­chen Schriftbild, das nur an wenigen Stellen korri­giert werden muss.

Julia Sysmäläinen, die Designerin von Mister K, war es, die auf diese Organisation ihrer Schrift bestand. Und die FontFont-Techniker bei FSI haben ihre Wünsche vorbild­lich umge­setzt. Julia ist keine haupt­be­ruf­liche Schriftentwerferin, sondern arbeitet als Kommunikationsdesignerin bei EdenSpiekermann. Daher kennt sie das Verhalten von Schriften und was sie dabei stört aus alltäg­li­cher Erfahrung.

Wenn es also zwischen Mister K und Zapfino formal kaum Ähnlichkeiten gibt, wenn sie sich zudem – bei glei­cher Technik (OpenType-Programmierung) – unter­schied­lich benehmen … warum soll dann Mister K die neue Zapfino sein. Ich glaube, wir werden ihr bald in vielen Anwendungen begegnen, wo Zapfino bisher die falsche Wahl war. Oder wo Zapfino einfach nur lieblos ange­wendet wurde. Der Hauptgrund für die Benutzung beider Schriften ist nazu iden­tisch: Designer wünschen sich eine persön­lich anmu­tende, verbun­dene Schreibschrift, die nicht nach Computer aussieht. Aus tech­ni­schen Gründen könnte FF Mister K hier zu schnel­leren Erfolgserlebnissen führen.


Unsere Weihnachtskarten

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: Die Weihnachtskarten von FSI FontShop International und der FontShop AG entstanden unab­hängig vonein­ander. Verantwortlich für die Produktion waren bei FSI Ivo Gabrowitsch und bei FontShop Claudia Guminski.

Die FSI-Karte ist eine In-House-Produktion. Ivo star­tete eine firmen­in­terne Umfrage und stellte die einfache Frage »Was verbin­dest Du mit Weihnachten«. Zu den Antworten ließ er den aktu­ellen Praktikanten Frank Grießhammer Illustrationen anfer­tigen, scannen und bear­beiten. Daraus baute Frank dann die Innenseite der Faltkarte. Als Schriften wählten beide FF Mister K (Design: Julia Sysmäläinen) und FF Chambers Sans (Design: Verena Gerlach).

Außenseite vorne der FSI-Weihnachtskarte (klicken um die Innendoppelseite zu sehen)

Die FontShop-Deutschland-Karte entstand extern, mit Hilfe des Designbüros Stereobloc. Sie wurde von Nicole Liekenbröcker entworfen. Für die Vorderseite verwen­dete sie digi­ta­li­sierten Weihnachtszierrat aus antiken Büchern. Die Rückseite enthält den Gruß und Platz für persön­liche Zusätze der FontShop-Mitarbeiter. Als Schrift wählten Claudia und Nicole FF Mister K und FF Netto (Logo).

Vorderseite der FontShop-Weihnachtskarte (klicken um die Rückseite zu sehen)

Als ich dann letzte Woche beide Karten auf meinen Schreibtisch legte, musste ich nicht nur zugeben, dass beide Karten die Spielregeln vom letzten Jahr perfekt einhielten (Die 10 pein­lichsten Weihnachtsgrußfehler – man beachte Fehler 08) … sie boten auch ausrei­chend ästhe­ti­schen Mehrwert. Dabei punktet die FSI-Karte mit einem Schuß mehr Individualität und 100 % mehr Fläche.

Warum ich das schreibe? Es ist meine Vorbereitung für einen Beitrag über FF Mister K und Zapfino.


Zwei freche Weihnachtssongs

Jedes Jahr vor Weihnachten erwei­tere ich mein Christmas-Pop-Archiv, das zur Zeit 644 Titel enthält. In diesem Jahr kamen 46 neue hinzu, die meisten davon werden nie den Radioäther errei­chen. Zwei Songs verdienen eine beson­dere Erwähnung.

Da wäre zum einen Another Christmas Song, von Stephen Colbert aus seinem Mix-Album »A Colbert Christmas – The Greatest Gift of All!«. Stephen Colbert ist ein US-Komödiant, bekannt für seine Auftritte in der »Daily Show« sowie seit 2005 als Moderator der Sendung »The Colbert Report«. In der ersten Sendung prägte er das Wort »Truthiness« für eine Wahrheit, die nicht mit dem Kopf, sondern mit Herz oder Bauch empfunden wird. Truthiness wurde 2006 von der American Dialect Society zum Wort des Jahres gewählt. Ein weiteres beliebtes Colbert-Zitat lautet: »Ich glaube nicht an die Realität. Sie ist ja bekannt für ihre links­li­be­ralen …

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Auf zur Robothon-Konferenz nach Den Haag

Die RoboFab-Entwickler (u. a. Letterror, …) laden zur Robothon-Konferenz nach Den Haag, die am Donnerstag und Freitag den 5./6. März 2009 in der Royal Academy of Arts statt­finden wird. Die Veranstaltung wendet sich an Font-Techniker und beleuchtet neue Tools für das Schriftentwerfen und den Produktions-Workflow. Am 2. Tag lockt ein weiterer typo­gra­fi­scher Event, nämlich die Verleihung des Gerrit Noordzij Award an Tobias Frere-Jones (mit Ausstellung).

Wer sich bis zum 31. Januar zum Robothon anmeldet spart 50 €.


Die Ecofont-Schnapsidee oder

Erst denken, dann weiter erzählen!

von Jürgen Siebert

Fallt bitte nicht auf diesen Quatsch rein: Eine Schrift mit Löchern drin (www​.ecofont​.eu) soll den ökolo­gi­schen Fußabdruck von Gedrucktem verbes­sern. Aber Ihr seid ja alle Typografieprofis. Und als solche wisst Ihr, dass sich mit einer Light-Schrift mehr Toner sparen als mit einer breit laufenden Käseschrift. Eine kontrast­reiche und schmal laufende Sansserif spart sogar Toner und Papier.

Die Ecofont-Idee ist ein mathe­ma­ti­scher Bluff, mehr nicht. Mal ange­nommen, die Punkte würden im Laser- oder Tintenprinter messer­scharf ausge­spart, was bei Textschriftgrößen nicht der Fall sein wird, dann ist eine Schrift mit Löchern drin eine Zumutung fürs Auge. Eine sorg­fältig ausge­wählte Schrift in 70 % Schwarz zu setzen und zu drucken dürfte nicht nur eine bessere Ökobilanz erzielen, sie wäre sogar immer noch gut lesbar.

Übrigens kehrt sich der angeb­liche Nutzen 1:1 in einen Verlust um, wenn man die Schrift negativ setzt. Und um noch mal die Mathematik zu bemühen: jedes Löchlein besteht aus mindes­tens 4 zusätz­li­chen Buchstaben … eine zwei­stel­ligen Anzahl von Bohrungen im durch­schnitt­li­chen Buchstaben erhöht dessen Vektorbeschreibung um das Mehrfache an Stützpunkten, was nichts anders als mehr Rechenpower=Energie bedeutet.

Ich hoffe nur, dass nicht irgendein Bürokrat in Brüssel diesem Blödsinn glaubt.

PS: Die Abbildung ist übri­gens der Ecofont-Seite entnommen und entlarvt die Idee in zwei­fa­cher Weise: Negativ gesetze Käseschrift verbraucht mehr Toner (links) und ein leich­terer Schnitt (rechts) erzielt mehr Effekt als Löcher in einer Bold.