Fontblog Artikel im Januar 2007

Mein »Tagesspiegel« ist heute ein Unikat

Die Düsseldorfer Künstlerin Leni Hoffmann erhält heute den mit 20.000 € dotierten Gabriele-Münter-Preis (GMP). Aus diesem Anlass hat sie der Berliner Tagesspiegel zu einer Kunstaktion einge­laden: Die Malerin versah jede Ausgabe der heutigen Auflage mit einem indi­vi­du­ellen Farbstreifen. Hierzu arbei­tete die Künstlerin am »offenen Herzen« der Zeitung, direkt in der Druckmaschine. Gute sechs Stunden stand sie in der Nacht an der Rotationspresse, um mit Schlauch und Pinsel die Farben auf einer reser­vierten seiten­hohen Fläche in der Dienstagsausgabe aufzu­tragen. »Pizzicato. 114 ist 441« nennt Hoffmann das Kunstprojekt, ein Zusammenspiel zwischen Künstlerin und Druckmaschine und eine »Anspielung auf das Motto der vier Musketiere: Einer für alle und alle für einen.« Der Tagesspiegel-Bericht zur Aktion … (Foto: FontShop)


Typografischer Zauberwürfel

Manuel Kiem, ein Fons-Hickmann-Schüler, entwi­ckelt gerade eine Art typo­gra­fi­schen Würfelstempel. Ich erfuhr über einen Fontblog-Kommentar zu diesem Beitrag von seinem Projekt. Seiner Seite konnte ich nicht entnehmen, ob es ihm bereits gelungen ist, ein komplettes Alphabet zu schreiben.

Ich kann mir vorstellen, dass man mit einer drei­ge­teilten Rubik’s-Cube-Architektur das Hundertfache von Zeichenvarianten erreicht … leider mit der Gefahr, die Reproduzierbarkeit zu verlieren. Ein beglei­tendes Büchlein könnte Aufgaben und Lösungen darstellen. Mir fällt eigent­lich nur ein Verlag ein, der daraus ein wunder­bares Produkt entwi­ckeln kann …


Neulich, bei Schmidt-Friderichs’ (Gastreportage)

Diebe, die diesen Artikel geklaut haben, klauten auch …

Mittwoch früh: Unser Lagerleiter konfron­tiert mich mit über 100 verschwun­denen Exemplaren eines 100-Euro-Fachbuchs. Ich raunze, er solle sein Lager in Ordnung halten und die Augen offen. Aber suchen hilft nicht, der Dieb hat sogar ordent­lich eine Palette umge­parkt, eine aus dem Weg geräumt und ein paar einzelne Bücher umgestapelt

Ich weiß um die Lust und Last, Bücher an den Mann und an die Frau zu bringen und denke laut: ›Wer Detailtypo klaut, klaut auch Lesetypo …‹ Der Lagerist zählt: Hier fehlen 150 Stück. Nun kenne ich meine Hitliste … Nach einer Stunde gebe ich schon Schätzwerte zu den Stückzahlen ab, gegen Mittag erstatten wir Anzeige: Über 1000 verschwun­dene Bücher im Wert von über 75.000,– Euro.

Was macht jemand, der auf drei Paletten Büchern hockt? Solche Mengen verkauft man nicht en passant. Bei Amazon finden wir einen Shop, nur Schmidt-Titel, alle ›neu‹, alle ca. 20 % billiger. Die Bewertungen des Verkäufers laufen schon einige Zeit – plötz­lich erscheinen die ›Inventurdifferenzen‹ in einem anderen Licht …
Die Kripo arbeitet auf Hochtouren und muster­gültig. Nach wenigen Tagen wird der Dieb über­führt, ein Teil der Ware wird eine Woche später sicher­ge­stellt. Zusammen mit einigen ›Inventurdifferenzen‹.

Hinter uns liegt eine schlaf­lose Woche, die auch anders hätte enden können. Ein solcher Deal kann das Ende sein. Ein kleiner Verlag, von Idealisten geführt, die höchste Qualität sauber kalku­lieren und deren Handeln weniger auf Gewinn als auf die Schönheit der Bücher zielt, hat keine großen Reserven. Zumal die Aktion ja doppelt trifft, denn wer die vermeint­li­chen Schnäppchen bestellt, kauft ja nicht mehr im Handel oder beim Verlag …
Glück im Unglück also, aber auch Anlass zu Fragen:

Müssen wir als Branche – aber auch Amazon im Speziellen – die Ladenpreisbindung besser, inten­siver und konse­quenter kommu­ni­zieren? Damit sich beispiels­weise die 360 Kunden unseres Diebes bewusst werden, dass neue Bücher zu güns­ti­geren Preisen viel­leicht Hehlerware sind, an denen sie gar kein Eigentum erwerben können?

Hinter wie vielen Preisbindungsverstößen steht daneben noch ein Diebstahl, der bis dato als Inventurdifferenz tole­riert wurde?

Wie viele Presseexemplare verste­cken sich in der schönen Rubrik ›neu & gebraucht‹?

Was macht man als Verlag mit Kunden eines Diebes, die leicht­gläubig bestellt haben – deren Kreditkarten belastet sind, die aber nun ihre Ware nie bekommen? Oder noch schlimmer: Mit denen, die gegen vermeint­lich billiges Geld Bücher ›getauscht‹ haben, die ihnen juris­tisch nicht gehören …

Wo virtu­elle Marktplätze für Schnäppchen wie Pilze aus dem Boden schießen, wird es zuneh­mend leichter, Diebesgut zu verkaufen. Umso heftiger müssen wir uns die Frage stellen, ob wir Verlage uns mit einkal­ku­liertem MA und dem derzei­tigen aktiven Ausloten der preis­bin­dungs­recht­li­chen Grenzen wirk­lich einen Gefallen tun. Wir können von unseren Käufern nur so viel Preis-Gefühl erwarten, wie wir ihnen ›aner­ziehen‹ …

Wir hatten das Glück einer äußerst enga­gierten Polizeidienststelle, der Kooperation von Yahoo und Unterstützung von allen Seiten. Und wir haben gelernt, dass sich ›Konkurrenzbeobachtung‹ heute nicht mehr auf Verlage mit ähnli­chem Programm beschränkt, sondern andere Anbieter derselben Bücher durchaus mit einschließt.

Karin und Bertram Schmidt-Friderichs, Mainz, 29. Januar 2007


Warum die arte-Werbung ein Rohrkrepierer ist

(Gerrit van Aaken gewidmet, dessen Urteil ich sehr schätze; Abbildung links: Peter Thede, rechts: ich)

Die arte-Werbung kennt jeder, doch ich behaupte mal, die Botschaft dahinter haben nur die wenigsten empfangen. Dabei ist sie verblüf­fend einfach: Wir sollen arte auf Position 8 unserer Fernbedienung spei­chern … acht=arte. Ich weiß nicht, warum die verant­wort­liche Agentur keinen Weg gefunden hat, diesen simplen und einpräg­samen Appell leicht­ver­ständ­lich mitzu­teilen. Ob auch hier wieder zu viele Leute mitge­redet haben?

Dass die Anzeige nicht funk­tio­niert, hat auch mit Typografie zu tun. Und mit dem doppel­deu­tigen Claim »ICH HABE ARTE UMGELEGT«, den manche Empfänger mit Sex, andere mit »12 Uhr Mittags« in Verbindung bringen … aber garan­tiert nicht mit der Botschaft: Bitte program­miere mal deine Fernbedienung um! Eine Ich-Botschaft ist schon gar nicht mit dem Portrait in Einklang zu bringen, das keinen Zapper zeigt, sondern ein arte-Programm-Thema darstellt.

Die Typografie. Es gibt zwei Textblöcke: das Kleingedruckte und der ins Foto inte­grierte Claim. Dieser ist auf einer Industrie-Beschriftungstafel ange­bracht, wie man sie in den Hotels der 70er Jahre ange­troffen hat und in den Jahrzehnten danach in Büros oder Behörden (Update: Tatsächlich sollen die Tafeln von Steckbrief-Portraits imitiert werden). Ich glaube, dass foto­gra­fierte Claims keine Claims sind, sondern Bestandteil eines Fotos. So auch hier. Da wird den aufwendig in Szene gesetzten (teuer!) Arte-Identifikationsfiguren eine Selbstbezichtigung um den Hals gehängt, die auch unmit­telbar ins Leere läuft. Was habe ich als Betrachter hier zu tun? Was ist meine Rolle? Multiple Botschaften. Man blät­tert weiter. Das Kleingedruckte … liest sowieso keiner.
Kein Witz … erst gestern, nach vier Jahren, habe ich mich erst­mals dazu gezwungen, eine arte-Anzeige (im Süddeutschen Magazin) zu verstehen, wozu ich sie von oben bis unten durch­ge­ar­beitet habe. Die Kopflastigkeit dieser Kampagne, die seit 4 Jahren in Top-Medien geschaltet werden (für einen 7-stel­ligen Betrag, wie stern short­news 2003 berich­tete; Update: im SPIEGEL von morgen steht die rechte Anzeige auf Seite 9), spottet jeder Beschreibung.


Milka-Retro-Tafeln mit typografischen Anmachern

Eben im Supermarkt entdeckt: Die neuen 4 Retro-Schokoladentafeln von Milka im Stil der 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Der Hersteller schreibt dazu: »Vier typi­sche Spezialitäten dieser Jahrzehnte entführen Genießer auf eine Reise in die Vergangenheit … Die Retro-Tafeln bieten den Geschmack vergan­gener Jahrzehnte im Tafelformat: Als süßer Hit der Wirtschaftswunderzeit steht die Milka 100 Gramm Tafel ›à la Vanille Pudding‹ für die 50er Jahre. … Die Tafel ›à la Heiße Liebe‹ präsen­tiert die Flower-Power-Zeit. … Für die schrillen 70er steht die Milka 100 Gramm Tafel ›à la Nussecke‹: Zartherbe Schokolade mit einer Nougatcrèmefüllung und Keksstückchen erin­nern an Schlager und Schlaghosen. Bleiben noch die 80er Jahre: … die Tafel ›à la Kalter Hund‹ – zarte Milch Alpenmilch Schokolade mit knackigen Butterkeksen und fein­herber Schokoladencrème – macht Lust auf Retro-Genuss.«

Die limi­tierten Editionen sind nur für kurze Zeit erhält­lich, solange der Vorrat reicht. (Alle Abbildungen: Kraft Foods)


Welches ist die 101. beste Schrift?

Wolfgang von MetaDesign weiß es, denn er hat diese Fragen eben in einem Kommentar auf www​.100bes​te​schriften​.de gestellt, und ich habe sie ihm sofort beant­wortet: direkt unter seinem Kommentar. Ihr könntet jetzt 100 Schriftgeschichten durch­kli­cken (nicht zu empfehlen), oder einfach den RSS-Feed http://​feeds​.feedburner​.com/​1​0​0​b​e​s​t​e​s​c​h​r​i​f​ten abon­nieren (sehr zu empfehlen).


100 Beste … das goldene Magazin bestellen

Wer es bis morgen nicht im Briefkasten hat, darf das »100 beste Schriften«-Magazin dann am Montag auf der FontShop-Webseite bestellen. Wir versenden jedoch erst ab Dienstag, denn eines können wir nicht finan­zieren: dass alle 30.000 Empfänger 2 Exemplare bekommen. Darum meine drin­gende Bitte: Wer bis Montag ein Exemplar hat, möchte bitte denje­nigen Vorrang gewähren, die mit leeren Händen da stehen. Wir haben Anfragen von Schulklassen, Studierenden, Hochschul-AGs und vielen privaten Schriftfreunden, die nie in den Genuss des goldenen Hefts kommen werden, wenn hier hunderte Doppelbestellungen eingehen.


Besucherandrang bei www​.100bes​te​schriften​.de

Das Interesse an der Webseite zu FontShops »100 beste Schriften« über­trifft alle … ›Erwartungen‹ kann ich nicht sagen, weil ich mir zuvor gar keine gemacht habe … über­trifft alle unsere Erfahrungen mit den eigenen Webseiten.

Gestern verbuchten wir auf www​.100bes​te​schriften​.de 8600 Besucher, die 63.800 Seiten betrach­teten. Rund 35 % waren aus Deutschland, 24 % aus den USA, 5 % Großbritannien, Polen 4 %, Kanada 4 % und der große Rest aus aller Welt. Das PDF unserer Gold-Broschüre wurde rund 4300 mal heruntergeladen.

Enttäuschend ist noch die Abonnentenzahl des RSS-Kommentar-Feeds: rund 68. Um eine leben­dige Diskussion am Leben zu erhalten, brau­chen wir hier eine kriti­sche Masse von mindes­tens 300 Schriftfreundinnen und -freunde, wofür ich in den kommenden Tagen werben werde. Wer nicht abon­niert wird nie erfahren, dass ich auf der Quay-Sans-Seite eine Abbildung und einen Text einge­fügt habe, der die Frage von Sharif beant­wortet, warum seine Lieblingsschrift von Kritikern als ›zu geschlossen‹ bewertet wird.