100 beste Schriften (8)

Zwei Motive bewegten mich 1988 dazu, der International Typeface Corporation (ITC) eine neue Schrift vorzu­schlagen: erstens hatte ich die glatten, ›hübschen‹ Schriften satt, die von allen Herstellern auf den Markt kamen und zwei­tens fehlte eine moderne Korrespondenzschrift für Laserdrucker. ›Prima‹, sagte ITC ›dann mach das mal.‹
Mein Konzept sah vor, die Schreibmaschinen-Schriften Letter Gothic und Courier als Vorbilder zu nehmen, und daraus etwas neues zu schaffen. Dabei reprä­sen­tierte die Letter Gothic die schmal­lau­fende seri­fen­lose Version, Courier die breit­lau­fende Antiqua. Ich beschäf­tigte mich mit der Sans, mein Freund Gerard Unger bot an, den Grundstein für eine Serif zu legen.

Erik Spiekermann 1990 mit eine Vorversion der ITC Officina: fettere Punkturen, diskrete Mediävalziffern (Foto: Hanswerner Holzwarth)

Für die ersten Skizzen zur ITC Correspondence (Arbeitstitel) schielte ich mit einem Auge auf die Letter Gothic, mit dem anderen auf meine Post-Schrift (später: FF Meta; die Red.). Gerard Unger lieferte das Serif-Testwort ›Hamburgefonts‹, danach kam ihm ein wich­tiges Projekt dazwi­schen. Auch ich musste die Schrift liegen lassen. Dann war plötz­lich Frühjahr 1989.
Meine Rettung war Just van Rossum, der im Mai bei MetaDesign als Praktikant anfing. Er nahm sich meine Sans, berei­nigte die Ikarus-Daten und gene­rierte eine piek­feine Familie. Weil Gerard immer noch beschäf­tigt war, versuchten Just und ich daraus eine Slab-Serif zu konstru­ieren. Es sah prima aus. Ende 1989 gingen die Font-Daten zu URW, die per Automatik die abge­run­deten Ecken einbauten.
Als im Sommer ’90 die Kontrollabzüge von ITC aus New York kamen, war ich erst mal sauer, weil meine diskreten Mediävalziffern gegen Tabellenziffern ausge­tauscht waren, die URW gezeichnet hatte. Außerdem werde ich den Verdacht nicht los, dass jemand unsere kräf­tigen Punkturen leichter gemacht hat.

Erik Spiekermann (aus: Typen & Typografen, 1991)

Nachtrag: Im Frühjahr 2003 bringt FontShop mit Agfa und von Erik Spiekermann auto­ri­siert ein ITC Officina Komplettpaket im Sinne des Erfinders heraus


24 Kommentare

  1. Sascha Broich

    Glückwunsch Erik! Absolut verdient.

  2. franz

    Darf man den Entwurf von Gerard Unger zur Serif mal sehen?

  3. Markus

    Officina vor Gill und Univers?

  4. Jürgen Siebert

    ITC Officina ist seit ihrem Erscheinen der Bestseller der ITC Bibliothek, vor allem in den USA (Corporate-, Packaging, Corporate-Design). Das Doppelpack Sans/Serif war am Ende stärker als Optima und Gill Sans.

  5. Simone

    Hübschen Foto von Erik – hat sich gar nicht so viel verän­dert … trägt die Haare jetzt kürzer und keine Fliege mehr. Die Fliege, seien wir ehrlich, steht Otmar auch besser, oder?

  6. erik

    Die haare sind nicht kürzer, sondern weniger. Und das foto ist von 1989, nicht 2000.

    Ich bin über­wäl­tigt, mich in einer reihe zu sehen mit solchen namen wie Gill und Frutiger. Natürlich war die Univers viel wich­tiger für die schrift­ent­wick­lung als Officina, aber der kommer­zi­elle erfolg ist mit einer schrift für laser­dru­cker leichter zu erzielen, als mit einer doch sehr spröden satz­schrift. Ein grund für die verbrei­tung von Officina ist übri­gens die tatsache, dass sie jahre­lang kostenlos dem paket mit Adobe Illustrator beilag. Ich schätze, dass nur ganz wenige nutzer der schrift dafür eine lizenz bezahlt haben. Und für die ITC version (wie für alle ITC fonts), die über Linotype verkauft wurde, gab es jahre­lang keine lizenz­ge­bühren für die desi­gner. Finanziell gesehen, war ITC Officina etwas zu früh auf dem markt. Das hatte die große verbrei­tung zur folge, aber wenig geld. Trotzdem bin ich stolz und halte die schrift immer noch für ziem­lich gut.

    Und wenn ich wieder in Berlin bin, dann suche ich nach den origi­nal­zeich­nungen, die ich für die Officina mit 6H blei­stift gemacht hatte. Damals ging das noch so.

  7. erik

    Darf man den Entwurf von Gerard Unger zur Serif mal sehen?

    Wenn ich nach den zeich­nungen schaue, werde ich viel­leicht auch den finden. War im prinzip eine Courier (also breiter laufend als Letter Gothic) mit hollän­di­schem touch. Sehr schön. Könnte man immer noch machen. Vielleicht sollte ich mal mit Gerard reden.

  8. robertmichael

    platz 8, ich bin erstaunt, glück­wunsch. :)
    für mich ist die offi­cina (wie die meta) eine zeit­lose schrift, die ich gerne sehe.

  9. franz

    Vielleicht sollte ich mal mit Gerard reden.

    Würde das begrüßen :-)
    Und sehen würde ich den Entwurf, wie gesagt, auch gerne mal, klingt span­nend, weil eine Courier mit dem „dutch touch“ sprengt gerade meine Vorstellungskraft…

  10. Andreas

    Das zeigt wieder mal, dass »Ranglisten« nach kommer­zi­ellen Grundsätzen doch eher lang­weilig sind.
    Ich mag die Officina sehr und finds super, dass Schriften und deren Gestalter Erfolg haben – die Bedeutung der Officina kann aber in keinster Weise mit einer Univers oder einer Gill vergli­chen werden – da schließe ich mich Erik an.
    Als Anregung: wie wärs mit einer Umfrage zu den bedeu­tendsten Schriften aller Zeiten?

  11. HD Schellnack

    Whoa, Erik sieht ein biss­chen as wie ein verrückter Professor aus einem Disney-Film. «Immer wenn er Glyphen nahm…»

    So unwichtig find ich die Zina nicht. Irgendwie gehört die in ihre Zeit, wie später die Meta ja auch. Zeitsymptom, so wie DuranDuran und Schulterpolster :-D

  12. David

    Glückwunsch, echt vedient. Ich weiß gar nicht für welche dieser Schriften ich mich entscheiden sollte.
    David

  13. Heinrich

    (wie wärs mit einer Umfrage zu den bedeu­tendsten Schriften aller Zeiten?)

    wer wird den gefragt? ranking hin oder her ist aber belegbar.

  14. Andreas

    @ Heinrich: wer wird den gefragt?

    Alle, die ihren Senf dazu abgeben wollen oder können. Daraus würde jeden­falls eine leben­dige Diskussion entstehen.

  15. Heinrich

    @ andreas

    das wäre aber auch nur eine top 100, die freaks ermit­telt haben.
    es gibt doch hunderte büros die solide arbeit machen und sich an solchen diskus­sionen nicht betei­ligen, wie man es auch machen würde ist eh alles nur meinung einer minder­heit. aber darum geht es hier nicht, font­shop möchte ihre fonts loswerden und macht das auf eine ziem­lich sympa­ti­sche weise.

  16. Nora Gummert-Hauser

    hallo erik, herz­li­chen glück­wunsch! sich hier im rampen­licht sonnen und dann bei der typo­berlin nicht aufkreuzen, sondern im sonnigen italien weilen. das ist nicht ok ;-)

  17. erik

    bei der typo­berlin nicht aufkreuzen, sondern im sonnigen italien weilen. das ist nicht ok

    Ich finde, die Typo hat mich oft genug gesehen, da kann eine pause nicht schaden. Sonst gehöre ich irgend­wann zu den möbeln, die man raus­schleppen muss, weil sie nicht von alleine gehen.

  18. Nora Gummert-Hauser

    na, da wäre ich aber gern beim schleppen dabei!

  19. Grafiker

    Mitlerweile ein moderner Klassiker. Die ITC Officina gehört eindeutig zu den noch immer unter­schätzten Schriftarten. Wenn wir für Copy-Texte keine Helvetica nehmen kommt meist die Officina zum Einsatz. Sie wirkt fast immer elegant ohne aufdring­lich zu sein. Insbesondere im Einsatz mit anderen Schriftarten.

    Das nächste Ziel: Ein komplett typo­gra­phi­sches Corporate-Design entwi­ckeln aus einer Mischung von Officina und Helvetica. :-)

  20. Naseweisz

    ich entschul­dige mich schonmal im Vorraus für evtl auftre­tende Unannähmlichkeiten, will hier keinem zu nahe treten.. Bei den ganzen Glückwünschen für Eriks Erfolge stellt sich mir leider immer wieder die Frage, „Wer fährt mit den 12000 Fahrrädern?“.. nimmt er eigent­lich jeden Tag ein anderes und kann man sich die anderen, sofern diese nicht in Benutzung sind ausleihen? liebe grüße

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