★ der Woche, Alana (2 Fonts) nur 67,– 49,– €

Alana Pro, entworfen von Laura Worthington, ist eine authentische, halb-verbundene Schreibschrift mit rauer Kontur. Aufgrund ihres lockeren Stils und des üppigen Zeichenvorrat beherrscht Alana sowohl den förmlichen als auch den festlichen Auftritt. Dafür sorgen über 300 Alternativzeichen, die in OpenType-fähigen-Programmen leicht anzurufen sind, darunter zwei weitere Großbuchstaben-Varianten und zig alternative Kleinbuchstaben, sowie Ligaturen und Zierrat.

Als Stern der Woche bietet FontShop die vielseitig einsetzbare Alana Pro Regular und Bold für nur 49,– € an, statt regulär 67,– €. Einfach beim Bestellen auf www.fontshop.com den Promocode DE_star_2013_17 eingeben … Weitere Informationen und Abbildungen zu Alana gibt es auch auf dieser Typographica-Seite (englisch).


TYPO Day Hannover: »… nicht für Arschlöcher!«

Erik Spiekermann vor einer Woche auf der TYPO San Francisco: “Live is in Beta”

Würden wir am kommenden Freitag in Hannover unseren beliebten TYPO-Day-Film mit Erik Spiekermann zeigen, könnte man die Besucher wenigstens vorwarnen: »Sie werden 23 mal das Wort ›Scheiße‹ hören, 5 mal ›Arschloch‹ und ein mal ›Leck mich‹ …«. Doch Spiekermann wird im Alten Rathaus live auf der Bühne stehen, als eloquente typografische Zeitbombe mit dem Label »Explicit« auf der Brust, und neben lehrreichen Thesen sicherlich auch drastische Erlebnisse einflechten. So wie er es vor einer Woche auf der TYPO San Francisco tat. Dass diese Auftritte gleichermaßen lehrreich, unterhaltsam und erhellend für jeden professionellen Designer sind … das ist die einzige Garantie, die wir den Besuchern von Hannover geben können.

Folie aus dem letzten Spiekermann-Vortrag im Yerba-Buena-Center of the Arts, San Francisco …

Der TYPO Day ist ein Tagesseminar für typografische Gestalter, Markenberater und Publisher, kuratiert von FontShop. Er verschafft einen Überblick zum aktuellen Stand der digitalen schriftlichen Kommunikation, mit über 50 Fallbeispielen zu Corporate-Design-Projekten, Web-Trends, Font-Techniken, mobile Kommunikation und programmierte Fonts. Weitere Sprecher am kommenden Freitag:

Weitere Informationen liefert unser Newsletter, der hier online zu lesen ist …

Die gute Nachricht: Es gibt noch ein paar Tickets für Hannover … Bitte schnell buchen, denn die Gefahr ist groß, dass einige Leser den nachfolgend eingebetteten TYPO-San-Francisco-Vortrag von Erik Spiekermann faven, verlinken und liken werden … Schneeballeffekt!  Übrigens ist der Auftritt im Video thematisch nicht identisch ist mit dem Vortrag für den TYPO Day in Hannover.


Neues Poster: Digital world seen by eBoy

Unsere Freunde von eBoy (Berlin, Vancouver) sind die ungekrönten Hofmaler des Cyberspace. Zu ihren Auftraggebern gehören Unternehmen wie Amazon, Google, Oracle und Panic, sowie die Sprachrohre der Szene: Wired, Der Spiegel, Fortune, The Guardian, das Spin Magazine und viele mehr. Ihr soeben erschienenes Pixel-Poster BazQux liefert auf großflächigen 1189 × 841 Millimetern ein aktuelles Wimmelbild der Netzwelt (coole 22,– €, plus Versand).

Folgende Mitwirkende habe ich bereits entdeckt: Wikipedia-Weltzeituhr, Google-Glass-Radfahrer, Android (geöffnet), Instagram-Mobil, BoingBoing-Meta-Floater (blau), Spotify-Floater, John McCarthy, eBaySucker, Kevin Kelly (mit Fahrrad), Engadget-Plane, eine Wikileaks-Einheit, Google-Plus-Baum, den Tumblr-Truck und ein Piece Of God. Viel Spaß beim Suchen. Bestellseite für das Poster …


★ der Woche, Equity (12 Fonts) nur 95,– 69,– €

Schriftsteller, Journalisten, Politiker … ihre Worte werden tagtäglich gedruckt, meist in gut lesbarer Form. Eine andere Berufsgruppe generiert und verbreitet massenhaft Drucksachen in erbärmlicher typografischer Qualität: Anwälte. Es ist zum Glück ein Berufsstand, der sich dieses Mankos bewusst ist und an seiner Lösung arbeitet. Zum Beispiel mit dem besten typografischen Anwalt, Matthew Butterick aus Los Angeles. Er  hat nicht nur das Buch »Typography for Lawyers« verfasst, sondern auch eine Schriftfamilie fürs Self-publishing veröffentlicht, Office-tauglich und bestens lesbar: Equity.

Stilistisch gesehen basiert Equity auf einer Lieblingsschrift von Butterick aus den 1930er Jahren, der Mono­type Ehrhardt. Sie entstand damals, wie Times New Roman, unter der Aufsicht des großartigen Stan­ley Mori­son. Seine Vorgaben lauteten: eine gut lesbare Antiqua im Stile einer Jan­son, aber mit den platzsparenden Eigenschaften der erfolgreichen Times New Roman. Equitys Erscheinungsbild basiert also auf den Werten einer bis heute geschätzten Bleisatzästhetik

Für die Verfasser und Bearbeiter von textgewaltigen Dokumenten (nicht nur Anwälte) bringt Equity komfortable Features mit, die das typografische Gestalten zum Kinderspiel machen. Als erstes sieht sie schon mal gut aus, wenn sie auf Laser- oder Tintenstrahldrucker ausgegeben wird. Dafür sorgt nicht zuletzt die außergewöhnliche Zweiteilung der Familie, in eine etwas kräftigere Grade-A- und eine leichterer Grade-B-Garnitur. Je nach Papierart dürfte Version-A auf Laserdruckern, Version B auf Inkjet-Printern ein klareres Schriftbild ergeben. Natürlich lässt sich Equity – für eine papierlose Dokumententransport – auch in PDFs einbetten, sogar editierbar. Großzügige Lizenzbedingungen erlauben das Editieren und Re-Formatierenm solcher PDFs im eigenen Büro an bis zu 20 Arbeitsplätzen. Sogar das Einbetten auf Websites und in E-Books ist gestattet, wie auch das amtliche Archivieren (court filing). Matthew Butterick selbst reicht seine Vorgänge beim kalifornischen Gerichtshof digital gesetzt in Equity ein. Weitere Informationen und viele Schriftmuster im Equity-PDF …

Bis zum kommenden Dienstag bietet FontShop die komfortabel zu verwendende Equity-Familie (TrueType-Fonts, stilverlinkt, separate Kapitälchen-Schnitte, großzügige Enduser-Lizenz) zum einmaligen Sonderpreis von nur 69 € (zzgl. MwSt) an. Einfach beim Ordern auf www.fontshop.com den Promocode DE_star_2013_16 eingeben.

(Foto: Matthew Butterick, aufgenommen von Marc Eckardt auf der TYPO Berlin 2012).


Ikonen: Tagebucheintrag TYPO San Francisco

mailChimp

Julius by Paul Frank war gestern, jetzt kommt Frederick von Chimpenheimer IV. Mit affenartiger Geschwindigkeit eroberte das Maskottchen des E-Mail-Marketing-Providers MailChimp in den vergangenen 12 Monaten die Spitze der US-Characters-Popularitätsskala. Dieser Erfolg ist sowohl das Ergebnis – teils provokanter – Auftritte auf den hauseigenen Webseiten (Mailchimp-Geschäftsbericht), als auch eines raffinierten viralen Marketings, vor allem in Designerkreisen. Ein geschickt gesponserter, lebensgroßer Plüschaffe, zum Beispiel im Co-working-Space von Tina Roth Eisenberg (aka swissmiss) in Brooklyn, garantiert immer wiederkehrende Auftritt in in ihren zehntausendfach gesehenen Fotos im Blog und auf Instagram. Neu hinzugekommen sind Billboards, also Großflächenauftritte in US-Metropolen. Die Beweggründe hierzu werden im hauseigenen Blog beschrieben: The Story Behind the MailChimp Billboards.

Das Foto oben zeigt einen Frederick-von-Chimpenheimer-Auftritt in der Howard-Street, direkt neben den Konferenz-Centern Moscone und Buena Yerba.

jessie

Mit einem im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Auftritt eröffnete Jessi Arrington gestern die 2. TYPO-San-Francisco-Konferenz. Mit ihrem Mann Creighton Mershon, der ihre Präsentation steuerte (»My KJ = Keynote Jockey …«), gründete sie vor kurzem das Designbüro Workshop. Beide entstammen der vitalen Design-Keimzelle Studio Mates in Brooklyn. Bisher trat Arrington durch ihre Liebe für Farbe in Erscheinung (Lucky so and so), oder übergeschnappte Aktionen wie ihre Regenbogen-Parade, die sie über Kickstarter finanzierte.

Arrington ist ein Energiebündel, und das ist ihr Problem … oder besser gesagt: Man wollte es zu ihrem Problem machen. Ihr wurde während des Studiums eine Behandlung gegen HDHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) empfohlen. Die körperlichen Übungen machte sie mit, die Medikamente nahm sie jedoch nicht ein. »Ich wollte mich der Symptome stellen, und nicht einfach nur Mittel dagegen nehmen.« Arrington brach die Hochschule ab heiratete. Eine TV-Doku-Soap über die amerikanische Medizinerin Temple Grandin, die an Autismus leidet, half Arrington dabei zu verstehen, wie ihr »Gehirn tickt«. Sie entdeckte ihre Ich-heit (You-ness) und arbeitet seit dem daran, aus der Schwäche eine Stärke zu machen und diese in das neu gegründete Designbüro Workshop als Kapital einzubringen.

Mehr über Jessi Arringtons Auftritt in San Francisco im TYPO-Blog … 

donald

Gestern Abend zu Gast beim TYPO-Empfang: Donald Ervin Knuth, geboren am 10. Januar 1938 in Milwaukee, Autor des Standardwerks »The Art of Computer Programming« und Urvater des Textsatzsystems TeX. Entwickler wie Raphael Schaad (Flipboard, links im Bild) beten ihn an. Knuth prägte den Begriff »literate programming« und damit des Wunsch, Computerprogramme mit derselben Sorgfalt wie einen literarischen Text zu verfassen sowie Quelltext und Softwaredokumentation zu vereinen. Für sein mehrbändiges Werk The Art of Computer Programming, an dem er immer noch arbeitet, schuf er mit TeX und Metafont Computerprogramme, die druckreifen Textsatz ermöglichen und die besonders im mathematisch-akademischen Bereich eingesetzt werden.

Seit 1992 befindet sich Knuth im Ruhestand, um sich ausschließlich der Fertigstellung von »The Art of Computer Programming« zu widmen. Seit Februar 2011 liegt Band 4A vor, der sich mit Kombinatorik beschäftigt. Band 4B und 4C sollen folgen, Band 5 (von sieben geplanten) hofft er bis 2020 fertigzustellen.

Mir begegnete der Name Donald Knuth kurz nach der Gründung von PAGE, 1986, also zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution. Sein Metafont war eine abstrakte Beschreibungssprache zur Definition von vektorisierten Satzschriften, also eine Alternative zu Adobes PostScript-Schriftformaten. Knuth entwickelte auch den zugehörigen Interpreter, der den Metafont-Code ausführt und Bitmap-Schriften bestimmter Auflösung erzeugte. Zum Einsatz kam die Font-Technologie in Knuths eigenem Schriftsatz-Programm TeX, mit dem er den zweiten Band seines »The Art of Computer Programming« selbst setzte, weil er mit der Qualität des Fotosatzes des ersten Bands unzufrieden war. Es war für mich daher gestern eine Riesenfreude, ihn 27 Jahre später persönlich kennenzulernen.


★ der Woche, »Poster Design«, nur 35,90 14,98 €

Sucht man die unkonventionellsten Poster-Designer Europas, führt kein Weg an der spanischen Szene vorbei. Die visuellen Gestalterinnen und Gestalter auf der iberischen Halbinsel beherrschen alle Disziplinen der Plakatkunst, vom Kino- und Konzertplakat, über die Produktwerbung, bis hin zu Kulturplakaten und Ausstellungsankündigungen.

Die jüngste Ausgabe von Màrius Salas Retrospektive zeigt auf 320 farbenprächtigen Seiten unter anderem Arbeiten von Astrid Stavro, Bendita Gloria, Bisdixit, Carlitos y Patricia, Cla-Se, David Torrents, Folch Studio, Isidro Ferrer, Mucho, No-Domain, Pornographics, Smäll, Soon In Tokio, Two Points und Vasava. Und weil eine neue Auflage im Anmarsch ist, bietet FontShop das Buch für nur noch 14,98 € statt 35,90 € an (Preise inkl. MwSt.; so lange Vorrat reicht, versandkostenfrei). Zur Bestellseite …

Màrius Sala, Index Book, Gingko Press, 18,5 x 22,5 cm, 320 Seiten, Softcover, Englisch


Kopfkino: Chandler, illustriert von Thomas M. Müller

So lange Verlage Bücher wie dieses herausbringen, mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft des gedruckten Buchs. An Raymond Chandler »Der große Schlaf«, herausgegeben von der Edition Büchergilde, stimmt einfach alles: Es riecht gut, liegt gut in der Hand, ist wunderbar ausgestattet, aufregend bebildert, hervorragend gesetzt … und liefert eine spannende Story. Raymond Chandler, dessen 125. Geburtstag in wenigen Wochen gefeiert wird, gilt als der Pionier der »hardboiled detective fiction«. Sein erster Roman »The Big Sleep« machte ihn weltweit bekannt. Mit diesem schuf er die Figur des Detektivs Philip Marlowe, dessen Darstellung durch Humphrey Bogart im gleichnamigen Film ihm für immer ein Gesicht gegeben hat.

Der Verlag Büchergilde, die Herstellungsleiterin Cosima Schneider und der Illustrator Thomas M. Müller ziehen alle Register, um den Leser in eine Art Kinosessel zu versetzen. Weil die Hauptfigur Philip Marlowe raucht wie ein Schlot, wählten sie als Vorsatz ein Silberpapier, wie man es aus Zigarettenschachteln kennt. Schneider: »Ich wollte ein Papier, das etwas rauer ist und nicht so stark glänzt. Und es darf auch Gebrauchsspuren bekommen. Nun wird dieses Papier extra für uns hergestellt.«

Die 20 Illustrationen von Müller sind so konzipiert, als wäre man der Regisseur eines Kamera-Gegenschnitts: Die rechte Seite zeigt einen Raum, nach dem Umblättern sieht der Leser die andere Seite des Raumes. Dies war eine Idee Thomas Müllers, und die Herstellungsleiterin fand sie sofort großartig. Die Illustrationen sind übrigens mit Pinsel gezeichnet und am Computer koloriert. Anschießend hat Müller die Abbildungen auf gestrichenem Papier proofen lassen. Da das Buch jedoch auf offenem Werkdruck-Papier gedruckt ist, ließ man die Abbildungen mit einer seidenmatten Lackschicht überziehen, so dass sie im Buch genauso speckig rüberkommen wie im Atelier.

Thomas M. Müller, 1966 in Gera geboren, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der Kantonalen Schule für Gestaltung in Luzern. Heute lebt und arbeitet er in Leipzig. Über seine Arbeit für das Chandler-Buch sagt er: »Die Illustrationen schießen wie Billardkugeln zwischen dem Text umher. Sie sind ein bisschen flüchtig, nicht immer bietet sich der Blick vom Logenplatz aufs Geschehen. Sie sind Begleitmusik: manchmal bereichernd, manchmal störend. Sie machen Appetit, aber nicht satt.« Für die Büchergilde hat Müller die »Der Hardrock-Himmel« von T. C. Boyle sowie »Ein Ablehnungsbescheid und die Folgen« von Charles Bukowski illustriert, sowie mehrere Einbände, Umschläge und Vorsatzpapiere.

Als Leseschrift dient die wunderbar rauhe Poliphilus von Monotype, Auszeichnungsschrift ist die DIN. Dazu Cosima Schneider: »Es war von Anfang an klar, dass die Leseschrift nicht gerade und sauber sein, sondern ein bisschen abgegriffen wirken sollte. Ich habe schließlich eine Schrift gefunden, die aussieht wie eine klassische Antiqua, aber kleinere Unregelmäßigkeiten aufweist. Man kann sie sehr gut lesen, aber man merkt auch, dass sie ein paar dickere Stellen hat.«


Tod der Handschrift? Von wegen … !

Gasteditorial von Jochen Gros

Als Designer und Designtheoretiker reflektiert Jochen Gros seit 1974 verschiedene Entwicklungen der »Do-it-Yoruself«-Kultur, zunächst im Rahmen der Des-In-Gruppe mit selbst gebauten Möbeln aus Abfallmaterialien. Seit 1994 als Gründer des C-Labors und Initiator von Newcraft mit Enwürfen für die handwerkliche Fertigung durch computergesteuerte Maschinen, und seit dem Ausscheiden aus der HfG Offenbach 2004 nicht nur mit Icons im Stil von Handschrift, sondern nun auch mit dem Versuch einer digitalen Reanimation von Handschrift, d. h. einem alten grafischen Inbegriff des Selbermachens.

Prof. Gros ist Autor verschiedener Bücher und veröffentlicht seit 1976 in Fachzeitschriften wie form, Arch+, Domus etc. Auch im Fontblog meldet er nicht zum ersten Mal zu Wort.

 . . .

»Das Verschwinden der Handschrift im digitalen Zeitalter« wird vielfach beklagt, oder einfach hingenommen. Tatsächlich kündigte schon das iPad eine Trendwende an. Seitdem können wir auf Touchscreens nicht nur zeichnen, sondern im gleichen Zug auch eigenhändig schreiben. Und jede Nachricht, die wir auf diese Weise formulieren, ist auch als E-Mail zu versenden – so einfach wie bisher und womöglich sogar alltäglich.

Bisher galt:

  • Der Bedeutungsverlust der Handschrift beginnt mit dem Buchdruck
  • infolge der Schreibmaschine verschwindet das Schreiber-Handwerk aus dem Büro und
  • preiswerte Computer plus Tastatur verallgemeinern die Maschinenschrift bis hin zur Liebes-Mail und Trennungs-SMS.

Aber noch immer verwenden wir den Computer wie eine bessere Schreibmaschine, also mit einer Tastatur, und sei es einer virtuellen. Der Fortschritt besteht also weniger in einer grundsätzlich neuen Schreibweise, als darin, dass große und kleine Tastaturen inzwischen fast jedem in allen Lebenslagen so einfach zur Hand sind. Ute Mings bemerkt: »Spätestens ab der Pubertät brauchen die Besitzer von digitalen Apparaten kaum noch mit der Hand zu schreiben.«(1)

Auch Peter Praschl hält die aktuelle Diskussion zur Einführung der »vereinfachten Grundschrift« bereits für überholt: »Das Groteske an dieser Debatte, bei der es wie so oft in Bildungs- und Erziehungsfragen um alles oder nichts zu gehen scheint: Beide Positionen stehen auf völlig verlorenem Posten. Denn gleichgültig, welche Schreibschrift man deutschen Schülern beibringt – sie werden sie in ihrem späteren Leben kaum je verwenden.«(2)

Doch genau das steht inzwischen schon wieder in Frage.

Neu ist: Nach dem Aufkommen von Tablet-PCs und Smartphones können wir Handschrift nicht mehr nur als Verlierer, sondern auch als Gewinner der digitalen Technologie betrachten. Mit geeigneten Apps jedenfalls erweisen sich diese Apparate nicht länger als Bremse, sondern vielmehr als Ansporn zum alltäglichen Gebrauch von Handschrift.

Gleichzeitig verliert die Tastatur an Bedeutung. Einerseits indem sie auf dem Touchscreen nur noch ein mechanisches Gerät abbildet, das als solches besser funktioniert, und andererseits in Folge neuer, alternativer Eingabeverfahren für die Digitalisierung von Sprache und Schrift.

Zwar wird die Tastatur – im Gegensatz zur Maus, die sich auf dem iPad durch Fingerzeige erübrigt – auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, vor allem im Büro. Doch ihre virtuell verminderte Brauchbarkeit mindert auch die Brauchbarkeit der Maschinenschrift und in der Finger- oder Stifteingabe entwickelt sich erstmals eine auch für Handschrift geeignete Alternative.

Wirklich zu reanimieren ist Handschrift aber nur, wenn wir mit dem Finger oder Stift auch E-Mails schreiben.

Doch wer weiß heute schon, ob die großen E-Mail Clients wie Outlook, GMail, Thunderbird oder iMail jemals eigenhändige Schreibschrift ermöglichen? Macht nichts! Denn so wie es aussieht, werden wir unsere Mails ohnehin immer öfter mit ganz anderen Programmen verfassen: mit Apps, die auf eine breite Palette individueller Interessen eingehen, die verschiedene Schwerpunkte ausprägen, und die, ganz nebenbei, auch Mails exportieren.

Diese Drift von der E-Mail zur AppMail zeigt sich unter anderem in einer geradezu explodierenden Anzahl und Vielfalt grafischer Programme. Diese Programme bezeichnen sich zwar nach ihrem jeweiligen Schwerpunkt als Notepad-, Foto- oder Sketchbook-App, doch mit allen können wir auch Handschrift aufzeichnen und den Text – wahlweise zusammen mit Fotos und Zeichnungen – als E-Mail versenden bzw. auf Facebook, Twitter usw. veröffentlichen.

Wer also digitales Schreibzeug sucht, findet immer auch virtuelle Farbtöpfe, Buntstifte, Pinsel etc. und umgekehrt. Mit anderen Worten: Handschrift und Illustration begünstigen sich wechselseitig. Und damit begründet, ermöglicht, verursacht die digitale Technologie nicht nur eine graphologische, sondern vielmehr eine »grafische Wende« im Sinn von Grafik als »be-/schreibende Kunst«. (Wikipedia)

Die folgenden Beispiele konkretisieren nun einige der technischen und gestalterischen Möglichkeiten dieser »grafischen Wende« – wenn auch nur in fast verlernter Handschrift.

Notepads: Am einfachsten betrachten wir AppMail wie einen Notizzettel. Nur wird die Nachricht dann nicht auf Papier gekritzelt und an den Kühlschrank geheftet, sondern mit dem Finger oder Stift auf virtuelles Papier geschrieben und als Mail exportiert.

Hierzu empfehlen sich so einfache und kinderleicht zu bedienende Apps, wie Bamboo Paper und SketchTime.

Wer allerdings längere Texte oder ausführlichere Mails mit der Hand schreiben möchte, benötigt eine Art Lupe, mit der man vergrößert schreiben und die Schrift verkleinert darstellen kann. Das funktioniert, beispielsweise mit Jotter oder UPAD, schon nach kurzer Zeit recht flott.

Post-it fürs Internet: Bamboo Paper ist so einfach zu beschreiben wie ein Notizzettel

So kommt Handschrift ins Internet: Mit Jotter kann man direkt loslegen, so flott wie auf Papier und so lange man mag

Notebooks: Zu dieser Kategorie gehören überwiegend komplexere Apps, die aber alle auch grafische Tools enthalten und Handschrift ermöglichen. Verwendet werden digitale Notebooks vor allem in der Schule und Universität, aber auch im Beruf lassen sich damit z.B. Protokolle oder Memos aufzeichnen und geradezu ideal eignen sie sich für illustrierte Tagebücher.

Wer nun aber sein Notebook ohnehin tagtäglich verwendet, für den liegt es auch auf der Hand, damit gelegentlich eine Mail zu verfassen und den Text, so gut es geht, zu illustrieren. Empfehlenswert sind hier u.a. neu.Notes+ und Noteshelf.

Noteshelf ist nicht nur ein Multimedia-Schulheft oder -Tagebuch, alle Erzeugnisse lassen sich direkt als Mail senden

Foto-Apps: Vermutlich konzentriert sich heute schon ein Großteil persönlicher Mails, Tweets etc. auf eigene Fotos. Texte wirken dabei schon fast wie Attachments.

Und nun bieten Foto-Apps u.a. die Möglichkeit, den Text direkt in die Bilder hineinzuschreiben – auch mit der Hand. Für den Anfang eignet sich hierzu insbesondere A+Signature.

Eine umfangreiche Bildbearbeitung mit erfreulich einfacher Handhabung bietet vor allem Photoshop Touch. Stifte oder Pinsel zum Schreiben und Illustrieren gehören auch hier zum Programm. Weitere Skizzen sind aus anderen Apps, wie Zen Brush, zu importieren und auf verschiedenen Ebenen abzuspeichern.

Fotogrüße gehören heute zu den häufigsten Mails und Posts … mit A+Signature werden sie noch persönlicher

Auch Photoshop Touch exportiert alles als Mail, Tweet etc.

Sketchbooks: Virtuelle Skizzenbücher enthalten zwar in erster Linie künstlerische Werkzeuge zum Zeichnen und Malen, tatsächlich aber könnten diese Apps sogar eine Rückkehr zur Schönschrift in die Wege leiten, in etwa so wie Zen Brush, ein App für japanische und chinesische Kalligrafie.

Wer heute »Handschrift« sagt, sollte digitale Kalligrafie mit einschließen: So wie Zen Brush auf japanische Kalligrafie abhebt.

Sicher, bei uns wäre digitale Kalligrafie erst einmal erneut und wohl auch in erneuten Formen zu kultivieren. Am besten mit druckempfindlichen Stiften, wie Jot Touch und Pogo Connect, die den Duktus virtueller Pinsel- oder Federstriche schon recht gut abbilden.

Zu den einfachsten Apps mit annähernd künstlerischem Anspruch gehört Paper 53. In der Szene gilt das Programm als cool, sein Leistungsumfang lässt aber noch zu wünschen übrig.

Handgeschriebene Einladungen sind stets etwas besonderes … mit Paper 53 wirken sie sogar ohne Schönschrift schon cool

Nahezu professionelle Werkzeuge bieten u.a. Procreate und ArtStudio. Doch nun gilt es, auch das Design der Illustrationen weiterzuentwickeln, d.h. den Text nicht nur mit Strichgesichtern zu emotionalisieren, sondern vielmehr mit visuellen Begriffen zu konnotieren.

Procreate bietet alle Möglichkeiten der Vektorgrafik,auch zum Schreiben mit der Hand und zum eigenhändigen »Einschreiben« linearer Illustrationen

Nach der Wende? Eigentlich wäre jetzt auch dem Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann zuzustimmen, der meint: »Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhetischer Natur. Wer in Zukunft Schönschrift lernen will, kann das im Kunstunterricht tun.«(3)

Doch während Brügelmann damit bereits der Abschaffung des Schreibschriftunterrichts das Wort redet, könnte der Kunstunterricht ihn heute schon wieder verstärkt einfordern, um Handschrift zusammen mit den neuen, digitalen Illustrationsformen weiter zu schulen. Warum nicht nach dem Motto: Schreiben hilft denken, illustrieren hilft einsehen, und am besten ist beides zugleich.

So gesehen wirkt die grafische Wende aber nicht nur als sinnvolle Einheit von Handschrift und Illustration, zu prüfen ist jetzt auch, welche Form von Handschrift in Mails, Notebooks usw. am besten ankommt und wie digitale Illustrationen den Text möglichst einsichtig visualisieren, d.h. emotionalisieren und konnotieren.

Das beginnt mit dem Bearbeiten und Einfügen von Fotos, d.h. mit einer Form von Illustration, die inzwischen kaum mehr jemanden technisch, zeitlich, oder finanziell überfordert. Für eigenhändige Skizzen allerdings benötigen wir wohl erst einmal grundlegend neue gestalterische Impulse, Beispiele, Vorbilder und am Ende womöglich, mit der Kalligrafie vergleichbare Schulung.

Auszugehen wäre hier z.B. von Emoticons und Smileys – wie von einer Avantgarde der digitalen Illustration.
Nun allerdings gilt es, diese Figuren im Kontext der »grafischen Wende« gewissermaßen in Handschrift zu übersetzen, d.h. so zu gestalten, dass sie mit einer durchgezogenen Linie zu zeichnen und wie Buchstaben von jedem nachzuzeichnen sind..

Vor allem aber sollten wir die Smileys jetzt nicht mehr nur als Strichgesichter betrachten, sondern buchstäblich verkörpern, sozusagen als Smileyman und Smileywoman mit Hand und Fuß zum Ausdruck von Gebärden und mit einem kompletten Körper, zur Darstellung von Sex oder Kleidung. Und wenn dann noch gleichermaßen linear gezeichnete Tiere, Pflanzen und Gegenstände hinzu kommen, dann erweitert sich die Körpersprache schon fast zu einer elementaren Bildersprache im Stil von Handschrift – bestens geeignet, nicht zuletzt um einzelne Wörter eigenhändig zu illustrieren und gelegentlich zu ersetzen. (4)

Offen bleibt hier allerdings die Frage, wie weit wir tatsächlich schon bereit sind, unsere Mails nicht nur mit Buchstaben, sondern auch mit digitalen Farben, Pinseln und Stiften zu formulieren. Und trotzdem gilt: Nur im Zusammenspiel von Handschrift und Illustration gewinnt die grafische Wende ihre sinnvollste, bedeutsamste und sicher auch reizvollste Perspektive: eine Art Renaissance der illustrierten Schrift.

Folgt man dieser Vision, dann werden künftige Apps aber auch noch Bilder-Fonts (nach chinesischem Muster) verwenden und damit zugleich professionell gestaltete Illustrationen allgemein zur Verfügung stellen (5). So etwas funktioniert per Tastatur, d.h. mit der alphabetischen Bezeichnung einer Zeichnung, über ein Menü, oder mit Handskizzen, die sich automatisch in die entsprechenden Figuren aus einem Bilder-Font verwandeln.

Vermutlich aber lassen sich viele Illustrationen am Ende sogar sprachgesteuert in die Zeile einschreiben.

Pst: Handschrift und visuelle Begriffe entgehen vorläufig noch der Zensur.

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(1) Ute Mings: Verschwindet die Handschrift? > Bayern2 > Kulturjournal 25.09.2012

(2) Peter Praschl: Das Ende der Handschrift? > SZ-Magazin 15.02.2912

(3) Hans Brügelmann in einem Beitrag von Julia Koch: Lernforscher und Lehrer fordern die Abschaffung des Schreibschriftunterrichts > Der Spiegel 03.01.2011

(4) Jochen Gros: AppMail Emoticons – Draw-it-yourself Icons in the style of handwriting, Apple iBookstore 2012

(5) Jochen Gros: Pictoperanto – Pictograms, Icons, Pictorial Fonts (Deutsch/Englisch), BoD 2011


★ der Woche, »I Heart Design«, nur 39,90 14,98 €

Die letzten 28 Exemplare, auch beim Verlag ist das Buch vergriffen: »I Heart Design«, herausgegeben von Steven Heller, ist eine Zusammenstellung von 80 Lieblingswerken,  ausgewählt von 80 prominenten Grafikdesignern, Typografen, Hochschullehrern, Autoren und Designkennern. Sie alle haben Vorlieben und Vorurteile: Modern gegen post-modern, Sans gegen Serif, dekorativ gegen reduziert … Aber sie wären heute keine wegweisenden Stimmen, wenn sie nicht irgend etwas im Designs hemmungslos lieben würden. Das Objekt ihrer Liebe kann unterschiedlicher Art sein, vom Buch über ein Möbelstück bis hin zu einem Buchstaben. Und so treten unter anderem auf: das weltberühmte CBS-Auge, die unvergessene Kodak-Identität, die Coca-Cola-Flasche, das Sticky-Fingers-Albumcover der Rolling Stones, die Schrift Banco, das Pininfarina-Magazin, der Superman-Filmvorspann, und viele mehr …

FontShop hat die letzten Exemplare dieses zeitlosen Buchs erworben und bietet es für nur 14,98 € an (statt früher 39,90 €). Hier bestellen …

Wer noch mehr Argumente für die Kaufentscheidung benötigt:


Gewinner 2 x 2 Tickets »Zauberflöte«

Die Gewinner der letzten beiden Opernticket-Paare (»Die Zauberflöte«, am 18. Mai 2013 in der Komischen Oper, Berlin) aus den Anmeldern der vergangengen Woche sind: Kay Krause (Leipzig) und Lina Müsebeck (Wismar).


Bernd Möllenstädt 1943—2013

Erst heute erfuhr ich vom Tod des Schriftentwerfers Bernd Möllenstädt. Bekannt wurde er in den 1980er Jahren mit seiner serifenlose Linear-Antiqua Formata (1984), aus der er 8 Jahre später die Signata entwickelte, mit stärkerem Strichstärken-Kontrast. Formata wurde die Hausschrift der Allianz-Gruppe, sowie von Neckermann Reisen, Postbank, Infratest Burke und Škoda als Markenschrift verwendet. Neben seinen eigenen Entwürfen hat Bernd Möllenstädt Logos und Signets für die Commerzbank, Mauser Office, Privatbrauerei Hoepfner und die Süddeutsche Zeitung gestaltet.

Möllenstädt, 1943 geboren in Mühlheim/Ruhr, hat nach einer Lehre zum Schriftsetzer ein Grafik-Design-Studium absolviert. Ab 1968 war er verantwortlich für das Schriftatelier der Berthold Types. Im Jahre 1990 wurde er Nachfolger von Günter Gerhard Lange als künstlerischer Leiter für Schriftgestaltung der Berthold Types in Berlin. Seit 1998 arbeitete er als selbstständiger Schriftentwerfer.


Die Stiftung Buchkunst sucht …

… Buchideen von und für morgen. Prototypen sind teilnahmeberechtigt. Weitere Informationen …