Internationales Teletext-Kunstfestival 2014

ITAF2014Es ist wie mit der Schreibmaschine und dem Gameboy: Kurz bevor sie vom Aussterben bedroht sind, findet sich eine treue Schar von Fans, die solche Technik-Dinos am Leben erhält, ja zum Kult macht. So könnte es auch dem Teletext ergehen, der in Deutschland Videotext heißt. Er begleitet das TV-Programm der großen Sender mit Nachrichten, Bauklötzchen-Texten und bildhaften Darstellungen, die in der Austastlücke des Fernsehsignals versteckt sind und sich mit der Fernbedienung aufrufen lassen.

Die Künstlerkooperation FIXC organisiert vom 14. 8. bis zum 14. 9. 2014 zusammen mit ARD Text, ORF Teletext, Schweizer Teletext und arte Teletext die Internationale Teletextkunstausstellung ITAF 2014. In diesem Zeitraum werden die Kunstwerke im Teletext der teilnehmenden Fernsehsender gezeigt. Mit der Eröffnung von ITAF 2014 am 14. 8. wird »Lucky Cat« von Dragan Espenschied als erstes Kunstwerk ins Museum für Teletextkunst einziehen.

Aus dem Programm:

  • Offizielle Eröffnung und eine Ausstellung von ITAF-Werken der Jahre 2012, 2013 und 2014 im Fernsehzentrum des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) in Berlin
  • Eröffnungsveranstaltung in der Z-Bar, Berlin
  • “ITAF in the house”, ein Dokumentationsprojekt zu Teletextkunst in der (privaten) Öffentlichkeit
  • Verleihung des Teletext-Kunstpreises
  • Finissage im MuseumsQuartier, Wien
  • Finissage im FISH, Helsinki

Weitere Informationen …


Heute ist Comic-Sans-Tag

comic_birthday

Der Moment ist gekommen, gleich zwei Festtage zu feiern, nein drei …
Da wäre zunächst mal der Comic-Sans-Tag, den die niederländischen Radiomoderatoren Coen Swijnenberg und Sander Lantinga 2009 ins Leben gerufen haben. Nach ihrer Definition fällt er stets auf den ersten Freitag des Monats Juli. Zweitens haben Comic-Sans-Entwerfer Vincent Connare und Microsoft die Schrift vor genau 20 Jahren herausgebracht, ein runder Geburtstag also. Dritter Grund zum Feiern ist der heute veröffentlichte »große Bruder« der Comic Sans, entworfen von Diederik Corvers und Serious Sans getauft.

comic_sampleDer als TYPO-2010-Sprecher bekannte Entwerfer von Ogentroost (Fontblog berichtete) sagt über seine Neuheit: »Sie sieht auf den ersten Blick ziemlich seriös aus. Aber weil sie direkt mit Comic Sans verwandt ist, kann Serious Sans eine gewissen Freundlichkeit nicht verbergen.« Pünktlich zur Premiere hat er die Website www.serioussans.com ins Leben gerufen, wo die neue Schrift ausführlich vorgestellt wird und geladen werden kann.

Corvers weiter: »Serious Sans erinnert an eine mit Filzstift gezeichnete Schrift. Die meisten Winkel und Ecken sind leicht gerundet, kaum eine Horizontale und Vertikale ist wirklich gerade.« Zu unser aller Freude bietet Diederik Corvers ab heute eine Basisversion der Serious Sans kostenlos an. Sie enthält 69 Zeichen, das sind alle Groß- und Kleinbuchstaben, die Ziffern, ein paar Satzzeichen und das @-Symbol. Die Vollversion wird 475 Glyphen enthalten und für 39 € erhältlich sein. Kursiv und Bold sind in Arbeit. Weitere Informationen …


Ed Sheeran’s Album Cover Fail

Left: Original Ed Sheeran Album cover with wrong glyph x; right: simulation with correct glyph × (multiply)

Links: Original-Cover von ×; Rechts: ungefähr so hätte es eigentlich gestaltet sein müssen (Simulation: Fontblog)

Es gibt jede Menge Musiker und Bands, die ihr 10. Album einfach X getauft haben: Def Leppard (2002), Inxs (1990), Peter Maffay (2000), Air Liquide (2001), Chicago (2003), und andere … Der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran hat gerade sein zweites Album herausgebracht, das nicht x heißt sondern ×, also »mal« oder im Englischen »multiply«; sein erstes Album hieß übrigens +. Leider zeigt das Albumcover einen falschen Titel, nämlich ein x.

Ein Paradebeispiel dafür, warum es in der Typografie auf Kleinigkeiten ankommt, die eine große Wirkung haben können.


REGENERIERENDE FUßCREME von Hansaplast

packshotHansaplast hat eine neue Fußcreme herausgebracht. Sie wurde im Rahmen von dermatologischen Studien getestet. Ihre Formel habe sich zur Pflege bei extrem trockener Haut als äußerst wirksam und hautverträglich erwiesen. Bereits nach einer Woche Anwendungsdauer »erhöht die Creme die Hautfeuchtigkeit signifikant um 67 %« sagt Hansaplast. Weitere Informationen und Tipps gegen trockene Haut und Hornhaut findet ihr unter Harte Zeiten für Ihre Füße?

fusscreme_ausschnitt

Was mir zu dem Produkt auf den ersten Blick einfällt:

  • Hansaplasts Regenerierende Fußcreme enthält typografische Schadstoffe.
  • Kann ich einer dermatologischen Studie trauen, wenn sich ein Schreibfehler durch alle Abteilungen eines Unternehmens schleicht?
  • Hat die Einführung des Versal-Eszett zur Beliebigkeit bei der Benutzung des scharfen S geführt?
  • Nein, die Schrift Myriad von Adobe enthält kein versales Eszett.

Type Talk 12: Schreibschrift – Gewinner und Verlierer

slide_schreiben_1

Der kommende Type Talk (Mittwoch, 25. Juni, 19:00 Uhr, Apple Store Kurfürstendamm, Eintritt frei) widmet sich der Handschrift. Unser Referent ist Andreas Frohloff, gelernter Schildermaler, Kalligraf und heute typografischer Direktor der FontFont-Schriftbibliothek. Wie kein anderer versteht er die Brücke zu schlagen zwischen einem alten Handwerk und den heutigen digitalen Ausprägungen. Seine klassischen Schreibkurse sind sehr begehrt, vor allen unter jenen Schriftenfreunden und -entwerfern, die für ein paar Stunden den Computerarbeitsplatz verlassen, um den Bezug zum Ursprung der Schrift wieder herzustellen.

Frohloff selbst interessiert sich zunehmend für die digitale Simulation der Handschrift, auf dem Tablett oder am Computerbildschirm. Im Typetalk wird er mehrere Stifte und Apps vorstellen, mit denen sich nicht nur die traditionelle Kalligrafie simulieren lässt, sondern sogar weiter entwickeln, Kalligrafie 2.0.

slide_schreiben_2

Zur Einführung werde ich am kommenden Mittwoch kurz auf neuere Forschungsergebnisse eingehen, die sich dem Thema Schreiben & Lernen widmen. Dass Handschrift irgendwie eine Rolle beim Lernen spielt, ahnen wir alle, wir glauben es sogar zu spüren. Wie das genau funktioniert, versuchen gerade Wissenschaftler in aller Welt zu entschlüsseln. Neuere Erkenntnisse bestätigen nicht nur das ganz spezielle Zusammenspiel von Handschrift und Gehirn, sondern auch den Unterschied in der neuronalen Verarbeitung von verbundener Schreibschrift und von Blockbuchstaben.

slide_schreiben_3

Aktuelle Untersuchungen mit Studierenden sind dem Zusammenspiel von Lernen und Schreiben dicht auf den Fersen. Durch das Aufschreiben mit der Hand verarbeiten sie den Inhalt einer Vorlesung und packen ihn in einen neuen, eigenen Rahmen (reframe) … Diese Reflexion und Manipulation führt zu einem besseren Verständnis. Die Studien sagen nicht, dass das Schreiben auf Papier stattfinden muss. Und daher wird uns die Demo von Andreas Frohloff – am Ende seines Vortrags – die Augen für zukünftige Schreibszenarios auf dem Tablett öffnen.

Type Talk: Digitale Kalligrafie, mit Andreas Frohloff und einer Einführung von Jürgen Siebert, Mittwoch, 25. Juni 2014, 19:00 Uhr, Apple Store Kurfürstendamm, Eintritt frei, hier anmelden …


Leipzig: Schrift, vom Buch auf die Straße

schablone

Zusammen mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zeigt das Museum für Druckkunst Leipzig vom 27. Juni bis 28. September die Ausstellung »Vom Buch auf die Straße. Große Schrift von 1600 bis 1920«. Die Ausstellung findet im Rahmen des 250-jährigen Jubiläums der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig statt.

Unter der Leitung von Julia Blume, Prof. Fred Smeijers und Pierre Pané-Farré (alle HGB Leipzig) recherchierten Studierende der Fachklasse Type-Design in Leipziger Archiven und Bibliotheken nach Zeugnissen, die die visuelle Kraft und den Facettenreichtum von Schrift darlegen. Betrachtet wurde besonders der Zeitraum zwischen 1600 und 1920, aber auch frühere Belege und Tendenzen wurden einbezogen. Für die Ausstellung wurden Plakate, Schriftmuster, Postkarten, Drucksachen und Fotografien sowie Objekte und Filme ausgewählt. Ein Schwerpunkt lag hier auf Artefakten, die einen engen Bezug zu Leipzig aufweisen.

schabloneM

Schriften verließen ab dem 18. Jahrhundert zunehmend den Raum des Buches und prägten das Stadtbild besonders im 19. Jahrhundert. Ob politisch oder kommerziell: Buchstaben transportierten an Plakatwänden, Litfaßsäulen oder Schaufenstern Botschaften in die Öffentlichkeit. Neben gedruckten Erzeugnissen existierten von Hand gemalte Schriften auf Schildern und Schaufenstern, in Stein gehauene Straßenbeschriftungen oder wandfüllende Mauerbeschriftungen. Diese diversen Techniken der Umsetzung, wesentliche Entwicklungen in der Druckindustrie sowie Einflüsse aus Architektur und Malerei (z.B. Art Nouveau und Jugendstil) führten im ausgehenden 19. Jahrhundert im deutschen Sprachgebiet zu einer einzigartigen Vielfalt an Schriftformen.

Ein  Teil der Ausstellung zeigt die für Schrift häufig verwendete Methode des Schablonierens. Anhand eines rekonstruierten Schabloniertisches können Besucher diese Reproduktionstechnik selbst erproben. Eine Auswahl von historischen Objekten gibt Einblicke in die Herstellung und Entwicklung dieser manuellen Technik. Die Fachklasse Type-Design, die als profilbildender Strang der HGB Leipzig auf eine 110-jährige Tradition zurückblicken kann, ermöglicht somit auch einen Einblick in die eigene Arbeitsweise eines Schriftgestalters, bei der die historische Reflexion einen wesentlichen Anteil einnimmt.

Abbildungen oben: Schablonenring, Messing, New York Stencil Works, 1868-1871, Durchmesser 250mm; Mitte: Schablone M, Art Nouveau, um 1910. Höhe 158mm.


Buchtipp für Designer: »Die Aura des Wertvollen«

pricken_wertvoll Viele von uns glauben ein Gefühl dafür zu haben, was wertvoll ist. Tatsächlich ist Wert mindestens ein relatives Kriterium, wenn nicht sogar zu einem hohem Maße subjektiv. Der US-amerikanische Großinvestor Warren Buffet hat das mal so beschrieben: »Der Preis ist, was wir bezahlen. Der Wert ist, was wir bekommen.« Anders ausgedrückt: Die Dinge haben in hohem Maße einen Wert, den wir selbst ihnen geben. Ob etwas wertvoll ist, liegt also im Auge des Betrachters? Ganz so einfach ist es auch nicht. »Meine Frau begehrt dieses Paar Schuhe nicht deshalb, weil sie es als wertvoll wahrnimmt, sondern wertvoll erscheint es ihr nur deshalb, weil sie es begehrt.« so beschreibt der Autor und Kreativtrainer Mario Pricken (»Kribbeln im Kopf«) die psychologische Begleitmusik des Themas im Vorwort seines neuesten Buches »Die Aura des Wertvollen«, das gerade erschienen ist.

Vier Jahre lang hat Pricken über 300 Objekte untersucht und vorrangig nach jenen Faktoren Ausschau gehalten, die es – unabhängig von bestimmten Branchen, Lebensbereichen und Moden – schaffen, ein Ding zum Strahlen zu bringen. Im ersten Schritt stellte er sich die Frage, welche Parameter oder Codes ein Objekt enthalten muss, damit es in einem Menschen Wertvorstellungen auslöst. Anschließend gruppierte er diese Produkte zu Klassen (Designmöbel, Kosmetika, Mobiltelefone, …), analysierte diese und filterte schließlich jene Parameter heraus, die mit ihrer suggestiven Kraft üblicherweise nur im Verborgenen wirken.

Auf rund 200 Seiten legt Mario Pricken dar, wie und mit welcher Intention bestimmte Produkte Geschichten erzählen, die Emotionen bei ihren Konsumenten wecken. Diese Emotionen bindet uns an Produkte. Insgesamt 80 Parameter hat Pricken identifiziert, die sich zum Beispiel in den Biografien wertvoller Autos, Uhren, Genussmittel, Kunstwerke oder auch Dienstleistungen wiederfinden. Das können Elemente der Einzigartigkeit sein, der Verknappung, der Wirkung von Zeit oder inszenierter Übergaben. Am Ende liefert das Buch einen umfassenden Fragenkatalog als Anregung für die Entwicklung eigener Ideen, um Produkten oder Services jene Aura zu verleihen, die Begehren auslöst.

»Die Aura des Wertvollen« ist sowohl ein Werkstattbuch für kreative Vordenker und Markenentwickler, als auch ein Lesebuch für den Konsumenten in uns. Es zielt auf Intuition und Verstand, ist zugleich inspirierend, unterhaltsam und leicht verständlich – nicht zuletzt durch die minimalistischen Illustrationen von Christina Hrdlicka und Maximilian Mauracher.

Mario Pricken: »Die Aura des Wertvollen«, Publicis Publishing, Erlangen 2014, 252 Seiten, 24,4 x 22,2 x 2,1 cm, 39,90 €, ISBN 978-3895784385


»Captcha« Designfestival: Befreiung der Schrift

CAPTCHA-logo-redaptcha ist ein neues Designfestival vom 2. bis zum 8. August, kreiert und organisiert von Studierenden der Fakultät für Gestaltung in Mannheim. Ihre Motivation: ausgewählte Themen intensiver erforschen und sich mit Designern und anderen Hochschulen austauschen. Die »revolutionäre Premiere« des Festivals ruft auf zur »Befreiung der Schrift«. Als Befreier sind renommierte Gäste aus den Bereichen Design und Gestaltung eingeladen. Da die Sprecher in unterschiedlichen Design-Bereichen (Analog, Digital, Print, Installation) aktiv sind, entsteht für die Besucher ein breit gefächerter kreativer Input. Moderiert wird die Veranstaltung vom Plakatdesigner Götz Gramlich.

Mit Workshops, einem Symposium und einer Ausstellung wollen die Veranstalter der Nachweis führen, dass Schrift heute viel mehr ist, als nur ein Mittel zur Nachrichtenübermittlung. In verschiedenen Kursen und Workshops entstandene Ausstellungsstücke bilden ein breites Spektrum der gestalterischen Möglichkeiten ab. Über Illustrationen, Printgestaltungen, Foto- und Videoarbeiten und interaktiven Ansätzen entsteht so ein erster Eindruck wie Schrift und Zeichen weiter entwickelt werden können.

Für insgesamt 80 Studierende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es vier Workshops, in denen sich die Teilnehmer experimentell mit Schrift und Zeichen auseinandersetzen. Sie werden das Leitmotiv »Befreiung der Schrift« von verschiedenen Seiten aus beleuchten und so den vielfältigen Methoden der Gestaltung gerecht werden.

Weitere Informationen: Captcha Mannheim …


12 Alternativen zur FIFA-WM-Schrift 2014

Über das Briefing der FIFA beziehungsweise deren Agentur The Works Ltd zur Brazil-0815-Schrift Pagode kann man nur spekulieren. Zwei Schnitte wurden gefordert – Regular und Bold –, der grafische Stil: irgendwas zwischen verspielt, spontan und handgemacht. Das Ergebnis: Kindergarten. Nichts gegen kindliche Schriften, ausgeschnittene Buchstaben oder Pinselstriche. Das Problem von Pagode ist, dass ihre Buchstaben keinen gemeinsamen Nenner haben. Und weil ihre Formen beliebig sind, ist Pagode keine Schrift sondern eine Ansammlung von Glyphen. Ein solches Konglomerat funktioniert noch halbwegs in der floralen visuellen Sprache der WM 2014, und in deren definierter Farbwelt. Außerhalb sind die Pagode-Lettern beliebig, was bei einer Produktserie wie den Lidl-Team-Shirts unmittelbar deutlich wird. Die Trikots sehen nicht offiziell lizenziert aus, obwohl sie es sind, sondern wie selbst mit einem Testilstift beschriftet.

pagode_alternativen

Die hier gezeigten Verwandten zur FIFA-Schrift Pagode tummeln sich auf dem gleichen Spielplatz: kindlich-naiv, unkonventionell, laut, teils  provokativ – ein durchaus spannendes Terrain im Schriftdesign. Sie alle wurden von angesehene Schriftentwerfern geschaffen, darunter Max Kisman, Hannes von Döhren, Cyrus Highsmith, Richard Kegler und Rian Hughes. Und obwohl ihre Lettern schriftintern starke Kontraste aufweisen, haben ihre Designer auf eines geachtet: eine gemeinsame formale Sprache. Diese manifestiert sich in den Formen und Dimensionen von Vertikalen, Horizontalen und Innenräumen, aber auch in den seit Jahrhunderten geltenden Regeln für das Zusammenspiel lateinischer Buchstaben. Erst wenn dies gelingt, entsteht ein Glyphen-Gebinde, das sich Schrift nennen darf und belastbar ist für die Kommunikation von Marken, Produkten oder Veranstaltungen. Pagode erfüllt dieses Kriterium nicht.


Die 2014-FIFA-WM-Brazil-Typografie

brazil_karte

Da ich in den letzten Tagen mehrfach auf die Schrift der laufenden Fußball-WM angesprochen wurde, hier nun ein kleiner Beitrag dazu.

wm_pokalWarum haben in diesem Jahr nicht nur Fontblog, sondern auch andere typografische Instanzen kein Wort über den typografischen Murks der FIFA WM 2014 verloren? Vielleicht, weil wir gar nicht auf die Idee kamen, dass aus dem flott hingepinselten »Brasil« im vor vier Jahren vorgestellten Bildzeichen der WM, jemals ein komplettes Alphabet entstehen würde … das dann sogar für teuer lizenzierte Kommunikations- und Werbemittel eingesetzt wird. Zum Beispiel für die offiziellen WM-Team-Shirts (Abbildung unten), mit denen sich Lidl vor Wochen eingedeckt hat.

deutschland_shirt

Auch mir wurde erst mit Erscheinen dieser Kollektion bewusst, die von der FIFA amtlich abgesegnet ist, dass es sich bei dieser Schrift nicht um eine Neckarsulmer Geschmacksverirrung handelt. Doch mehr als ein Hilferuf über Twitter/Instagram war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr drin. Kann ja sein, dass der ein oder andere Kunde dieses Playmobil-Design lustig findet. Aber mit lustig verkauft man weder eine WM, noch T-Shirts. Das hat wohl auch Lidl zu spüren bekommen, denn noch vor dem Eröffnungsspiel hat der Discounter den gesamtem WM-Krempel um 20 % im Preis gesenkt, wo doch eigentlich bekannt ist, dass das Gros der Fan-Mitläufer sich erst während des Turniers ausrüstet.

brasilientypo

Was hat es nun mit dieser grausamen Schrift auf sich? Zunächst einmal steht sie 1A in der Tradition der FIFA-Schriften vergangener Fußball-Weltmeisterschaften. Wer erinnert sich nicht mehr an das »bekiffte-Smileys«-Logo der WM 2006 in Deutschland, mit dem leidenschaftlichen Techno-Font Welcome (den FontShop mit der kostenloses Trivia vorführte) … ach, niemand mehr?! Vollkommen verdrängt?! Das ist ja wunderbar.

Die T-Shirts von damals sind seit Jahren entsorgt. Vielleicht ist es ja geradezu die Absicht der FIFA, mit einem schnelllebigen 0815-Merchandising-Design das Vergessen zu beschleunigen. Das ist zwar alles andere als traditionsbewusst und nachhaltig gedacht, aber dem Fußballweltverband sind ja auch die leeren Stadien scheißegal, die so eine WM in Südafrika und Brasilien hinterlässt. Also finden wir uns einfach damit ab, dass die Menschen bei der nächsten WM keine Fan-Hemdchen von vor 4 Jahren auftragen, eine Hygienemaßnahme, die ins Corporate Design der FIFA-Turniere eingebaut ist.

So, und was gibt es jetzt noch Substantielles zu der aktuellen WM-Schrift zu sagen? Schriftentwerfer? Keine Ahnung … den muss auch nicht kennen. Schriftname? Pagode. Gibt’s die zu kaufen? Natürlich nicht, weil sie nur den FIFA-Exklusivpartnern zur Verfügung steht. Wer etwas ähnliches sucht, google mal nach »font« mit den Zusätzen »Brasil2014« und/oder »Samba«. Damit habe ich das Schriftmuster oben gebaut, Akzente und ß sind mit heißer Nadel selbstgestrickt.

Bis in 4 Jahren dann wieder … ach nee, das Design der WM 2018 wird ja schon Anfang Juli bekannt gegeben.


Büchergilde Gestalterpreis 2014 an Martin Stark

prof_unrat

Zeitgleich mit dem Erscheinen der illustrierten Neuausgabe von Heinrich Manns »Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen« vergibt die Büchergilde Gutenberg den Gestalterpreis 2014 an den Illustrator Marin Stark. Alle zwei Jahre vergibt das Frankfurter Verlagshaus seinen Gestalterpreis für ein illustriertes Buch, um junge Künstler zu fördern und die Kunst der Buchillustration in einer zeitgemäßen Form weiterzuentwickeln. Die Entscheidung für Martin Stark, der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studierte, fiel einstimmig. Er »verbindet gekonnt verschiedene Bildebenen, Bilder aus dem Film ›Der blaue Engel‹, expressionistische Bilder, Comic-haftes und Modernes zu einem individuellen und überzeugenden Stil. Perspektivwechsel, Proportionsänderungen und der Schwarzweißraum sind wunderbar inszeniert«, so die Jury in ihrer Begründung.

9783864060397_Mann_ProfUnratMit dem 1905 erschienen Roman »Professor Unrat« begründete Heinrich Mann seinen Weltruhm. Der strenge Gymnasialprofessor Raat, den alle nur ›Unrat‹ nennen, ist besessen von einem unbändigen Hass auf alles und jeden. Er malträtiert die Schüler mit nahezu unlösbaren Klausuren und genießt es, wenn sie die Versetzung nicht schaffen. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erlangte 1930 mit der Verfilmung »Der blaue Engel« große Popularität. Doch das Werk brachte Heinrich Mann auch Ablehnung ein. In Lübeck wurde es kritisiert, weil man den Roman als Kritik am Bürgertum der Stadt verstand, obwohl Mann lediglich von einer »norddeutschen Kleinstadt« schreibt.

Martin Stark hat das 232-seitige Buch mit 35 schwarzweißen Illustrationen versehen. Bei der Typografie entschied sich die Herstellerin Cosima Schneider für die Perpetua von Eric Gill, der Buchrücken ist aus Leinen, die Fadenheftung und das Lesebändchen sind knallrot wie der Titelsatz. Zur Buchbestellung bei der Büchergilde …


Berlin: Ausstellung »Das Luzerner Plakat«

plakat

Das internationale Plakatfestival Weltformat präsentiert demnächst in Berlin eine Auswahl von Arbeiten namhafter Gestalterinnen und Gestalter aus Luzern, der Heimatstadt des Festivals in der Zentralschweiz. Die Ausstellung ermöglicht einen Einblick in das aktuelle Schaffen von renommierten Grafiker/innen sowie aufstrebenden Newcomern. Aktuell genießt die Luzerner Plakatgestaltung eine starke internationale Wahrnehmung, die durch diverse Auszeichnungen und Ausstellungen im Ausland bestätigt wird. Unter den ausgestellten Plakaten sind Arbeiten von Niklaus Troxler, Felix Pfäffli, Melchior Imboden, Erich Brechbühl, Hi, und vielen anderen zu sehen. Zusätzlich werden auch die gerade ausgewählten 30 Siegerplakate des »Mut zur Wut« 2014 Wettbewerbs zu bewundern sein. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Berliner Grafiker Sven Lindhorst-Emme realisiert.

Vernissage: Freitag 11. Juli ab 20 Uhr
Finissage: Sonntag 20. Juli ab 20 Uhr
Ausstellungsort: Alte Metzgerei, Weserstrasse 44, 12045 Berlin