Kopfkino: Chandler, illustriert von Thomas M. Müller

So lange Verlage Bücher wie dieses herausbringen, mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft des gedruckten Buchs. An Raymond Chandler »Der große Schlaf«, herausgegeben von der Edition Büchergilde, stimmt einfach alles: Es riecht gut, liegt gut in der Hand, ist wunderbar ausgestattet, aufregend bebildert, hervorragend gesetzt … und liefert eine spannende Story. Raymond Chandler, dessen 125. Geburtstag in wenigen Wochen gefeiert wird, gilt als der Pionier der »hardboiled detective fiction«. Sein erster Roman »The Big Sleep« machte ihn weltweit bekannt. Mit diesem schuf er die Figur des Detektivs Philip Marlowe, dessen Darstellung durch Humphrey Bogart im gleichnamigen Film ihm für immer ein Gesicht gegeben hat.

Der Verlag Büchergilde, die Herstellungsleiterin Cosima Schneider und der Illustrator Thomas M. Müller ziehen alle Register, um den Leser in eine Art Kinosessel zu versetzen. Weil die Hauptfigur Philip Marlowe raucht wie ein Schlot, wählten sie als Vorsatz ein Silberpapier, wie man es aus Zigarettenschachteln kennt. Schneider: »Ich wollte ein Papier, das etwas rauer ist und nicht so stark glänzt. Und es darf auch Gebrauchsspuren bekommen. Nun wird dieses Papier extra für uns hergestellt.«

Die 20 Illustrationen von Müller sind so konzipiert, als wäre man der Regisseur eines Kamera-Gegenschnitts: Die rechte Seite zeigt einen Raum, nach dem Umblättern sieht der Leser die andere Seite des Raumes. Dies war eine Idee Thomas Müllers, und die Herstellungsleiterin fand sie sofort großartig. Die Illustrationen sind übrigens mit Pinsel gezeichnet und am Computer koloriert. Anschießend hat Müller die Abbildungen auf gestrichenem Papier proofen lassen. Da das Buch jedoch auf offenem Werkdruck-Papier gedruckt ist, ließ man die Abbildungen mit einer seidenmatten Lackschicht überziehen, so dass sie im Buch genauso speckig rüberkommen wie im Atelier.

Thomas M. Müller, 1966 in Gera geboren, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der Kantonalen Schule für Gestaltung in Luzern. Heute lebt und arbeitet er in Leipzig. Über seine Arbeit für das Chandler-Buch sagt er: »Die Illustrationen schießen wie Billardkugeln zwischen dem Text umher. Sie sind ein bisschen flüchtig, nicht immer bietet sich der Blick vom Logenplatz aufs Geschehen. Sie sind Begleitmusik: manchmal bereichernd, manchmal störend. Sie machen Appetit, aber nicht satt.« Für die Büchergilde hat Müller die »Der Hardrock-Himmel« von T. C. Boyle sowie »Ein Ablehnungsbescheid und die Folgen« von Charles Bukowski illustriert, sowie mehrere Einbände, Umschläge und Vorsatzpapiere.

Als Leseschrift dient die wunderbar rauhe Poliphilus von Monotype, Auszeichnungsschrift ist die DIN. Dazu Cosima Schneider: »Es war von Anfang an klar, dass die Leseschrift nicht gerade und sauber sein, sondern ein bisschen abgegriffen wirken sollte. Ich habe schließlich eine Schrift gefunden, die aussieht wie eine klassische Antiqua, aber kleinere Unregelmäßigkeiten aufweist. Man kann sie sehr gut lesen, aber man merkt auch, dass sie ein paar dickere Stellen hat.«


3 Kommentare

  1. Frank

    Weiß jemand wo es das Buch als eBook oder Hörspiel gibt?
    Schon mal Danke und noch ein schönen Tag.
    LG Frank

  2. Jens Tenhaeff

    Ich liebe Poliphilus. Schön zu sehen, dass sie wieder benutzt wird. Leider hat man hier vergessen, den Ästhetik-Satz einzuschalten.

  3. Joshua K.

    Die Poliphilus mag hübsch sein, fürs Deutsche ist sie jedoch wegen des riesigen f-Rüssels, der entweder Löcher bewirkt oder mit folgenden Buchstaben überlappt, ungeeignet. Die FF DIN paßt überhaupt nicht zu der Schrift. Verbünde fehlen leider auch. Das Buch mag ansonsten gut hergestellt sein — „hervorragend gesetzt“ ist es jedoch nicht. Gut finde ich, daß es der herkömmlichen Rechtschreibung folgt.

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