Die Wirbelsäule des deutschen Kommunikationsdesigns

Auf dieses Diagramm habe ich über 10 Jahre gewartet. Es war Ende der 90er Jahre, als FontShops Büronachbar MetaDesign in der Bergmannstraße langsam personell »ausblutete«. Wir mussten mit ansehen – Erik Spiekermann eingeschlossen –, wie Monat für Monat führende Köpfe Deutschlands größtes Designbüro verließen. Natürlich gingen die meisten, um sich mit einem eigenen Unternehmen zu verwirklichen. Doch viele gingen auch, weil sie keine Perspektive mehr in dem Kreuzberger Unternehmen sahen. So entstanden Factor Design, die Moniteurs, Xplicit, LeonardoWollein, eBoy, Formgebung, LucasFonts und viele weitere kleinere Designbüros.

Das britische Eye-Magazin hat diese Geschichte nun in einer Infografik gepackt: Six Degrees of Erik Spiekermann. Oberhalb der Zeitachse sehen wir Projekte, Schriften und Publikationen, die Spiekermann geschaffen hat, auf der unteren Hälfte sind Personen und ihre Projekte festgehalten, die einst in seinen Unternehmungen mitgewirkt haben.

Doch das Chart ist noch nicht komplett und 100 % fehlerfrei. Daher hat Erik Spiekermann gestern eine E-Mail an 402 ehemalige Kollegen geschickt, die den Veteranenkreis Realmeta bilden. Wenn deren Feedback vorliegt, wird das PDF zum gedruckten Poster für alle Ex- und immer-noch-Kollegen. Bis dahin gelten die 6 Stufen der Spiekermannisierung aus der Sicht von Eye, hier als PDF, doch Vorsicht – es ist 5 MB schwer.


18 Kommentare

  1. ok

    lustig, ich habe heute morgen auf dem weg zum kindergarten noch drüber nachgedacht, dass es zu jedem büro/designer mittlerweile ein buch gibt, nur nicht zu spiekermann, der es wahrscheinlich mehr verdient hätte als manch anderer nicht. ein poster ist ja schon mal ein erster schritt in die richtige richtung…

  2. Sebastian Nagel

    juhu, 3 stunden lese-, seh- und recherche-stoff.
    Bis man da mal alle Stränge weiterverfolgt und Zusammenhänge begriffen hat … :)

    (das pdf ließe sich übrigens – sauber generiert – ohne irgend einen verlust von 5MB auf 1,1MB reduzieren)

  3. erik spiekermann

    …ausbluten ist wohl nicht der richtige ausdruck. Nachdem uns Alex, Thomas und Uwe verlassen hatten um in Frankfurt explicit zu gründen, waren wir ende 1994 etwa 40 leute. Dann kamen die projekte für Audi und Volkswagen und 1997 waren wir bereits über 100. Viele gingen am anfang von MetaDesign Mark III (Mk II waren etwa zwölf leute in der Motzstraße ab 1984, Mark I maximal sechs in der Bamberger Straße ab 1979), weil ihnen die neue organisation nicht gefiel und weil sie sich nie damit anfreunden konnten, dass neben mir jetzt zwei weitere partner das sagen hatten, die sie sich nicht ausgesucht hatten. Mit diesen partner hatte ich ja einige jahre später auch meine probleme… Die mangelnde loyalität der späteren partner zur geschichte der firma zeigt sich auch darin, dass heute das gründungsdatum auf 1990 gelegt wird, was offensichtlich eine lüge ist.

  4. marcie

    Mich erinnert das ganze eher an einen Bandscheibenvorfall des deutschen Kommunikationsdesigns. Eine Jungsgeschichte. Gähn.

  5. HD Schellnack.

    Beeindruckende Legacy, die ganz nachdrücklich unterstreicht, wie viele Leben und Karrieren Erik in seiner Weise berührt hat.

  6. andi kissel

    @ok

    unser büro gleicht ab und an auch einem kindergarten ;-)
    dieses buch würde ich auch gerne lesen. wer macht es?

  7. BAR M Grafikdesign

    merci an marcie.

    Es ist erstaunlich, wie beliebt weiterhin Namedropping ist. Nicht, dass wir die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen nicht schätzen würden. Aber diese Konzentration auf die bekannten Gesichter ist doch auch ein bisschen langweilig, oder?

    Wie wärs mit denen hier? Klar, kann nur eine subjektive Auswahl sein.

  8. Holland

    zufällig vor ein paar Tagen beim umräumen entdeckt: brand eins //Heft 01 Februar 2002// mit einer »Das Scheidungskind, Die schwere Trennung vom Gründer bei Meta Design« Reportage von Jens Bergmann… Lesenswert.

  9. felix

    Bei allem Respekt für Hr. Spikermanns Arbeiten ich kann dieses selbstreferentielle Geschwurbel auch nicht sehen. Immer nur Design von Designern für Designer.

  10. erik spiekermann

    Das ist nicht selbstreferentiell.
    1. hat es eine unabhängige zeitschrift gemacht und
    2. geht es um die geschichte der gestaltungsszene in Deutschland.

    In diesem fall sind immerhin einige 100 leute involviert, darunter nicht die dümmsten der szene. Wer sich nicht für geschichte interessiert, hat offensichtlich keine. Dann brauchen wir auch keine artikel mehr über das Bauhaus, Ulm, Braun, oder ähnliches.

  11. TB

    Mal so am Rande ;-)

    Uli Mayer-Johanssen war auch in der Sendung
    “24 h Berlin” (Arte) zu sehen. Wie sie beim Frühstück
    mit Ihrem Mann die Tageszeitung las …

    Gruß
    T

  12. Punzenchef

    Das nenne ich mal eine echte Information, danke TB!

  13. Hans Schumacher

    Hatte gestern Eriks mail mit dem Hinweis aufs pdf im Postfach, mit Bitte um ‘corrections, ideas, praise and criticism’, und dann den eigenen Namen im pdf entdeckt – well, was soll man sagen – vielleicht gehts in Englisch: i’m deeply moved. Danke, Erik Spiekermann. HD Schellnacks Kommentar trifft es am Besten.

    PS: Sicher, nur ne Jungsgeschichte (wir waren noch klein, hätte Jens gesagt)

  14. Indra

    Das mit der Jungsgeschichte verstehe ich nicht. Es haben doch auch genügend tolle Damen Eriks (einfach beispielloses) Netzwerk gekreuzt.

  15. erik spiekermann

    @ Indra:

    vielen leuten geht es nicht um die sache, sonst hätten sie sich informiert. Sie meckern lieber vorauseilend. Die meckerkultur ist leider weiter verbreitet als die des inhaltlich streitens.

    Zur sache: wir wissen, dass bei Meta (wie heute bei Edenspiekermann) mindestens ebenso viele frauen wie männer gearbeitet haben und arbeiten. Und etliche davon haben eigene firmen gegründet. Steht alles im pdf, aber dazu müsste man nachsehen, was arbeit macht. Meckern geht schneller.

  16. HD Schellnack.

    Sind im Grafikdesign – so wie in allen Kulturbereichen – nicht inzwischen eh fast mehr Frauen als Männer unterwegs? Bei uns bewerben sich signifikant mehr Frauen als Männer. Ich glaube, das Web-Proggen ist noch eine kleine Männerdomäne, aber auch das ändert sich. Im Marketing und der Politik sitzen uns inzwischen auch sehr viel mehr Frauen als Partner gegenüber als noch vor zehn Jahren – eine Entwicklung, die ich ganz oft als ganz toll erfahren hab, auch wenn es Situationen gibt, wo ich plötzlich der einzige Mann am Tisch bin.

  17. Indra

    Also ich habe 90–95% Studentinnen. Die Jungs sind bei uns im Produktdesign.
    Bitte bitte liebe (gute) Jungs, bewerbt Euch, sonst brauchen wir bald eine Quote und Gleichstellungsbeauftragten im Kommunikationsdesign.

    Aber sorry – wir schweifen vom Thema ab, HD.

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