Die unglaubliche Reise des Mister K.

Julia Sysmäläinen ist genial. Ich muss das mal so simpel formulieren, auch auf die Gefahr hin, dass es als Floskel abgetan wird. Doch anders kann ich mir die Signale nicht mehr erklären, sie sie in den letzten Monaten aussendet. Und wenn man einen Menschen plötzlich nicht mehr versteht, aber fasziniert ist von dem was er tut … kann es einen unstrittigeren Beweis für Genialität geben?

Wer ist Julia Sysmäläinen? Eine sympathische finnische Designerin, die vor einigen Jahren nach Deutschland kam und bei Edenspiekermann arbeitet. Fontblog-Leser werden sie als Schöpferin der Schrift FF Mister K kennen, eine digitalisierte Schreibschrift mit OpenType-Zaubereien, inspiriert von der Handschrift Franz Kafkas, erschienen im Oktober 2008 (siehe typografie.info). Eigentlich hätte die Verbindung zu dem rätselhaften Schriftsteller, dessen Texte eine sirenenhafte Faszination ausüben, bereits eine Vorwarnung sein sollen.

Seit kurzem lässt  Sysmäläinen ihre Schrift unter der Identität @ffmisterk twittern. Als Kurzbiografie ist dort vermerkt: »Multilingual Talking Typeface. CAUTION: Not always polite.« In einer Art typografischen Kunstsprache macht ffmisterk seit Wochen Branchenvertreter oder Prominente von der Seite an. Das liest sich zum Beispiel so:

@stewf K-EHDOTUS: More INFORMATION-DENSE depiction for discussed topic !  http://twitpic.com/1wtnlf

oder so:

@BarackObama FULLY understand! When things become НЕУДОБНО later on — use:  http://twitpic.com/1vyn2u

Oder die Schrift spricht mit ihrer Entwerferin, wie vor einer Stunde:

@juliasys ME & cookbook ?! Just cut spicy ASCENDERS – best PERPETUALS + mix in СЛАДКИЕ ОСТАТКИ after CLOSING T http://twitpic.com/22w31h

Vor drei Wochen erhielt ich eine E-Mail von Julia zu einer Ausstellung im finnischen Lathi mit dem Titel »Travelling Letters – Letters in Art Tour« (18. Juni – 5. September 2010). Ich verstand zunächst nur Bahnhof. Nach stundenlangem Klicken durch finnische Kunst-Websites bat ich sie um eine verständliche Erläuterung, was dort genau geschehe. Sie schrieb: »Travelling Letters ist eine Serie von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und Design mit wechselnden Standorten in Nordost Europa. Kontinuierliches Rahmenthema ist das Verhältnis von Text, Schrift, Design und visueller Kunst. Die erste Ausstellung fand 2008 in St. Petersburg statt, gefolgt von Vilnius 2009 und Lahti 2010. Initiiert wurde das Projekt von der Vilnius Academy of Fine Arts zusammen mit dem Lahti Institute of Design.«

Die hier verlinkte Seite enthält eine Liste der 41 teilnehmenden Künstler, darunter der Schriftentwerfer Sami Kortemäki (Underware), die uns durch TYPO-Konferenzauftritte bekannten Philippe Apeloig, Ken Barber (House Industries) und Stefan Sagmeister sowie das Duo Jürgen Sanides & Julia Sysmäläinen mit ihrem Werk »Mister K: Means of Transport (yksityiskohta)«.

Das Exponat von Sanides/Sysmäläinen basiert auf der durch Kafkas Handschrift inspirierten »FF Mister K«, als Bestandteil einer Installation. Diese besteht aus Drucken, dreidimensionalen Wandtexten und einer Fahrrad-Typoplastik. Sysmäläinen über ihr Werk: »Es versinnbildlicht die Wiederbelebung des literarischen ›K‹ Franz Kafkas als digitalisierte Schreibschrift, die begonnen hat, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.«

Vollkommen ratlos aber fasziniert möchte ich zum Schluss dieses Beitrags mit den Lesern einen Blick auf ein Blatt werfen, das mir Julia als PDF sendet: »The Real Travels of Mister K«:

Abschließend noch eine Abbildung aus der Ausstellung und meine dringende Empfehlung, @ffmisterk zu folgen um in den Genuss einer wunderbar surrealen Twitter-Freundschaft zu kommen.


2 Kommentare

  1. Immer noch die gleiche Vroni

    Klasse.
    Wenn Kafka das wüsste.

  2. Indra

    Das trifft sich ja ganz wunderbar! Ich bin in Lahti Ende des Monats. Danke, Danke.

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