Das Ende der PostScript-Type-1-Schriften

Type-1 ist das plattformübergreifende Font-Format, das Adobe Mitte der 80er Jahre zusammen mit der Druckersprache PostScript vorstellte und 1991 offen legte; es war bis zuletzt das bevorzugte Format für die Veröffentlichung neuer Schriftentwürfe. TrueType ist ein von Apple und Microsoft entwickeltes Font-Format, das ebenfalls 1991 auf den Markt kam und gegen Type-1 antrat. Nach einem mehrjährigen »font war« entschlossen sich Adobe und Microsoft 1996 für einen neuen, gemeinsamen OpenType-Standard, der die alten Font-Formate vereint.

OpenType bietet die folgenden vier Vorzüge:

• eine einzige plattformübergreifende Font-Datei
• bis zu 64.000 Zeichen pro Font-Datei
• die Möglichkeit breite Sprachunterstützung (Unicode)
• die Möglichkeit »typografischer Funktionen«
Als Bestandteil dieser OpenType-Kooperation stellte Adobe seinen Adobe-Type-Manager-Rasterizer-Code Apple und Microsoft kostenlos zur Verfügung, damit in deren Betriebssystemen weiterhin Type-1-Fonts und OpenType-CFF-Fonts (OT-Fonts mit Type-1-Vektorbeschreibung) unterstützt werden (gültig seit OS X und Windows 2000).

Orgon-OT-Features

Seit 1999 entwickelt Adobe keine neuen Type-1-Fonts mehr, die bestehende Bibliothek wurde dem OpenType-Standard angepasst. Während einer Übergangszeit veröffentlichen viele kleiner Schriftenhäuser ihre Neuerscheinungen sowohl im Type-1-Format, als auch in OpenType; manche haben die Type-1-Produktion ebenso eingestellt.

Zwischenbemerkung: Viele Anwender erwarten von ihren Schriften, dass sie ewig laufen werden. Tatsächlich gibt es keine grafische Software, die – wie fast alle Schriften – seit Ende der 80er Jahre unverändert – ohne Upgrade – noch heute läuft. Manchen ist gar nicht bewusst, dass Fonts Software ist: Sie sind es, kleine Erweiterungen der Betriebssysteme. Un die Hersteller dieser Betriebssysteme alleine entscheiden, welche Schriften wie lange lauffähig sind und wann sie einen Trennstrich ziehen.

Avalon. Unter dem Codenamen »Avalon« wird von Microsoft, als Bestandteil von Windows Vista, eine neues Grafik-System breitflächig eingeführt (genauer: die Windows Presentation Foundation, WPF). WPF unterstützt keine Type-1-Schriften mehr, wohl aber OpenType-CFF-Fonts.

Was bedeutet dies für den bestehenden Schriftenvorrat?

Es bedeutet, dass in den Schriftmenüs von Anwendungsprogrammen, die für Avalon geschrieben werden, die installierten Type-1-Schriften nicht mehr auftauchen. Zur Zeit gibt es noch keine Grafikprogramme, die Avalon nutzen; sie werden gerade entwickelt.

Was bedeutet dies für zukünftige Schrift-Investitionen?

Type-1-Schriften werden in absehbarer Zeit von den ersten Programmen nicht mehr unterstützt. OpenType-Schriften dagegen laufen seit Jahren unter Mac OS X und unter Windows. Auch wenn manche Programme die typischen OpenType-Features (noch) nicht unterstützen (zum Beispiel die typografischen Automatiken), so laufen sie heute einwandfrei und werden das in Zukunft tun. Die sollten alle wissen, die Schriften kaufen/lizenzieren.

(Dieser Beitrag ist angeregt durch einen Report von Thomas Phinney (PDF), Adobe Systems)


23 Kommentare

  1. robertmichael

    das heisst also:
    nutze ich windows vista kann ich alle meine type 1 fonts nicht mehr verwenden? das macht mir angst.
    was genau ist avalon, die grafische oberfläche für schriften?

  2. Jürgen

    Avalon ist der Code-Name für die Windows Presentation Foundation (WPF), eine neue Präsentations-Programmierschnittstelle (API) für Microsoft Windows.
    Du musst keine Angst haben, denn nicht mal das aktuelle Microsoft Office 2007 ist ein natives WPF-Programm.
    Was Avalon für Vista ist Quarz für OS X.

  3. Martin Schröder

    Tatsächlich gibt es keine grafische Software, die – wie fast alle Schriften – seit Ende der 80er Jahre unverändert – ohne Upgrade – noch heute läuft.

    Stimmt nicht: TeX und Metafont funktionieren noch sehr gut. :-)

  4. thomas

    hmm, klingt für mich, als sollte sich der fontshop gedanken machen über eine UPDATE-politik, denn wenn fonts als software gelten, sollten auch update-»gesetze« gelten, wo die preise ungleich günstiger sein sollten, als ein neukauf. wobei ich davon ausgehe, jürgen, dass du das sogleich entkräftigen wirst. zu erwähnen ist weiterhin, dass trotz OT immer noch type-1 oder true-type bei der konstruktion zum einsatz kommen. das format verschwindet ja nicht komplett, die dateien werden nur anders kodiert.

  5. thomas

    martin: grafische software! ich denke nicht, das ein textprogramm dazu zählt. ;-)

  6. Jürgen

    Die Lizenzpolitik bestimmt (leider) nicht FontShop, das Handelshaus, sondern die uns beliefernden Unternehmen, also die Herausgeber der Schriften.

  7. Simon

    Hmm, also ich hätte keinerlei Skrupel, meine Fonts im Notfall durch einen Konverter zu jagen (was ja ohne Qualitätsverlust möglich sein sollte). Ich lasse mich doch nicht von Microsoft enteignen.

    Ob es überhaupt einen sinnvollen technischen Hintergrund für diese Restriktion gibt? Das Rendern von OpenType-CFF-Fonts ist eine Obermenge der Funktionalität des Renderns von Type-1 Fonts. Es kann einfach nicht sehr aufwendig sein, letzteres als Funktionalität beizubehalten.

    Viele Grüße,
    Simon

  8. Simon

    Ach, noch ein Nachklapp… :)

    Ob Fonts Software sind, hängt von der Interpretation des Begriffs “Software” ab. Wenn alle nichtmateriellen Bestandteile eines Computers “Software” sind, dann sind in der Tat Fonts genauso Software wie Word-Dokumente, Textdateien und ähnliches.

    Fonts sind allerdings – soweit ich das kenne – keine “aktiven” Softwarebestandteile im Sinne von “Programm” (Ok, Postscript Type-3 Fonts sind definitiv welche, spielen aber leider praktisch keine Rolle und lasse ich daher unberücksichtigt), sondern eine Datensammlung von (endlich vielen) Umrisszeichnungen und Ersetzungstabellen. Insbesonders sind sie nicht Turing-vollständig, d.h. ich kann keinen OpenType/TTF/Type1-Font entwickeln, der durch die Interpretation durch die Font-Rendering-Engine beliebige Berechnungen durchführt (Und das ist Absicht, ansonsten könnte man mit Fonts Denial-of-Service-Attacken fahren…).

    (Ok, eine Einschränkung fällt mir gerade noch ein, das sind die Hinting-Anweisungen. Inwiefern die einer echten “Programmiersprache” entsprechen, weiß ich nicht.)

    Ich fasse daher Fonts als umfangreiche Datenbanken auf, die von Betriebssystemen genutzt werden um Texte darzustellen. Das ist zwar unromantisch, aber meiner Meinung nach korrekter als “Erweiterung des Betriebssystems”.

    Viele Grüße,
    Simon

  9. Simon

    Ich bin in Schreiblaune… :-)

    Ich glaube übrigens, dass Type-1-Fonts noch lange von allen relevanten Programmen unterstützt werden, selbst wenn diese auf Avalon basieren, schon alleine um die Kunden nicht zu vergrätzen. Programme wie InDesign werden dann halt ihren eigenen Font-Renderer für Type1-Fonts mitbringen. Man muss ja nicht unbedingt den Renderer des Betriebssystems verwenden. Unter Linux hat sich z.B. die frei verfügbare Bibliothek freetype etabliert, die auf aktuellen Linux-Distributionen 99% des sichtbaren Texts auf dem Bildschirm rendert. Das Betriebssystem oder das System für die Graphische Benutzeroberfläche (X11) sind da gar nicht involviert, außer dass das Betriebssystem den Zugriff auf die Font-Datei ermöglicht und X11 anschließend ein Pixel-Bild eines Buchstabens auf den Bildschirm bringt. Wenn die Programmentwickler der Meinung sind, dass sie trotz Avalon weiter Type-1 Fonts unterstützen müssen, werden sie äquivalente Lösungen umsetzen (oder direkt Freetype verwenden, welches auch für Windows und OS-X verfügbar ist).

    Also, ich sehe bis auf weiteres erstmal keine Type-1-Dämmerung :)

    Viele Grüße,
    Simon

  10. thomas

    hmm bist du sicher, dass du dann echtes wysiwyg in sagen wir indesign hast? das ist doch essentiell beim gestalten. und bei einer emulation, wie sauber sie auch immer sein mag, hätte ich persönlich schon wieder schiß. wir reden hier nicht von html oder, welches eh userbasiert ankommt, sondern von printprodukten, die auf den punkt exakt sein müssen, ohne wenn und aber. ;-)

  11. Sebastian Nagel

    Indesign bringt doch auch jetzt schon seinen eigenen Renderer mit, oder irre ich mich?

  12. Ole Schäfer

    Moin, zunächst einmal ist Schrift eine gestalterische Leistung, dies sollte man nicht vergessen, die Technik spielt dabei nur eine Rolle, insofern sie funktionieren muss.
    Das Recht (verschiedener Länder) sagt: Schriftsoftware (Schriftname, Outlines, Technik) einer Schrift sind schützbar, somit erübrigt sicht die Diskussion was Software ist.

    PostScript/T1 wird es noch lange geben, weil sehr viele Anwender und vor allem Firmen oft mit sehr alten Programmen und Systemen arbeiten. OpenType ist Gegenwart und Zukunft und man schützt seine Investition wenn man OpenType einsetzt.

    Vom Konvertieren von Schriften würde ich die Finger lassen. Erstens ist die Qualität miserabel, zweitens läuft man Gefahr sich strafbar zu machen. Die meisten Schrifthersteller verbieten inzwischen die Bearbeitung von Schriften und hierzu gehört auch das Konvertieren. Einmal abgesehen davon, habe ich schon viel Konvertierungsmüll gesehen, also Schriften die beim Konvertieren z.B. von T1 zu TTF plötzlich Zeichen verloren haben …

    Es ist billiger neue Schriften einzusetzen, als Gefahr zu laufen, dass sie nicht funktionieren wenn man sie benötigt. Vielleicht sollte man einmal nachrechnen was man über die Jahre für System- und Softwareupdates ausgegeben hat. Dann sieht man wie preisgünstig Schriften sind.

    Man kann OpenType vielmehr als Chance sehen. Grosse Firmen haben sich schnell daran gewöhnt OpenType Schriften mit internationalem Zeichensatz einzusetzen. Warum sollten Schriftdesigner nicht auch in der Lage sein für OpenType sinnvoll Design und Funktion miteinander zu verbinden.

    Denn egal ob Blei, Fotosatz, PostScript oder OpenType, die Form hängt vom Schriftdesigner ab. Die Technik muss nur funktionieren.

    Gruss Ole

  13. Martin Frech

    Wo ist das Problem? Wenn man sich auf die Arbeit in Digitalien einlässt, gehört das zum Spiel. Abgesehen von der Lebenszeit des Geräteparks — die Updatefrequenz einiger nicht gerade preiswerter Anwendungsprogramme ist deutlich höher als die der Schriftfonts; Herr Schäfer hat das schon erwähnt. Aber auch die Investitionen in Schriften sind ja Betriebsausgaben und werden entsprechend abgeschrieben. Korrekte Kalkulationen vorausgesetzt, sollten neue Schriften also nicht existenzgefährdent sein — zumal sie auch deutliche Vorteile mitbringen und die Übergangszeit nicht gerade kurz bemessen ist.
    Ärgerlich wird es natürlich, wenn es die benötigte Schrift nicht als OT-Font gibt oder wenn man für nichtkommerzielle Projekte arbeitet. Dann wird es tatsächlich Zeit, sich mit TeX zu beschäftigen, das mit den alten Fonts gut zurechtkommt (@thomas: TeX ist übrigens ein ausgewachsenes Satzprogramm; und dank Herrn Knuths wegweisendem Softwaredesign auch zukunftskompatibel).

  14. thomas

    kann tex saubere pdfs schreiben, oder was geben sie der druckerei ab?
    wir leben im zeitalter von indesign und quark und nicht mehr in einer programmierumgebungsbasierten layouterstellung!!!

    es gibt softwarefirmen, die wurden zu recht wegen schlechter update-politik immer wieder angegriffen.

    nur weil ich digital arbeite heisst das nicht, dass ich jedes spiel mitspielen muss, nur weil der hersteller das will.

    ich mag OT ja auch. meine fonts verlassen auch den rechner in diesem format und JA ich habe mich schon geärgert, dass ein zu altes system die eben NICHT unterstützt hat.

  15. Martin Frech

    Ja, aus den TeX-Quellen kann man auch korrekte pdf-Dateien erzeugen (wenn man aktuell von TeX redet, meint man das Gesamtsystem; das sich mit einem Installer aufsetzen lässt).
    Wegen der Dominanz einiger Werkzeuge jedoch ein Zeitalter auszurufen, ist imho zu viel der Ehre für die jeweiligen Anbieter; das wären ja fünf oder mehr Zeitalter in 20 Jahren (z.B. das Page-Maker-Z., das Ventura-Publisher-Z., das Frame-Maker-Z., das Quark-Xpress-Z., das InDesign-Z.).
    Welches Werkzeug ich nutze, entscheiden entweder der Kunde oder — idealerweise — die Anforderungen des Jobs. Und da gibt es durchaus welche, bei denen TeX punktet.

  16. joachim

    In jeder auch nur entfernt aktuellen TeX-Distribution ist die Engine pdfTeX enthalten, die aus TeX-Quellcode direkt PDF-Dateien erzeugt (und avancierte Techniken wie z.B. optischen Randausgleich ermöglicht); seit einiger Zeit gibt es die Variante XeTeX, die beliebige im Betriebssystem installierte Schriften nutzen kann, Unicode verwendet und fast alle OpenType-Features entsprechend ausgestatteter Fonts (wie auch Apples AAT) voll unterstützt. In dieser Beziehung hinkt TeX somit im Vergleich zu kommerziellen, GUI-basierten Software-Werkzeugen nicht etwa hoffnungslos hinterher, sondern ist vielen von ihnen sogar um Pferdelängen voraus. Dass TeX nicht denselben Verwendungsbereich abdeckt wie beliebeige DTP-Software, sondern auf Textsatz spezialisiert ist, steht auf einem anderen Blatt.

  17. dave

    Ich kann dem nur zustimmen, dass Schrift ein Stück Software ist, dass zudem an einer sehr sensiblen Stelle zwischen Betriebssystem und Applikation, bei der Darstellung auf Bildschirm und Print nicht zu vernachlässigen ist.
    Aber: Die Schriftenhersteller sollten Ihrer Verpflichtung nachkommen, technische einfwandfreie Sätze zu entwickeln. Vor einiger Zeit eine AdBuchSB gekauft, der Bold-Schnitt ist doch tatsächlich falsch benammst, so dass er im Schriftmenü irgendwo weiter unten auftaucht, jedenfalls nicht dort, wo die restlichen Schnitte untergebracht sind. Ich spreche da von einer korrekt lizenzierten und gekauften Schrift, die nicht einmal die billigste ist.
    Ich konnte mir nun mit FontLab abhelfen. Was machen die tausend anderen User, die das gleiche Problem haben?

  18. Senat

    sehr gute Informationen hier Danke.

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