— Schriftgeschichten —


Das Redesign der Typoart-Schrift Kis

Da viel spekuliert wird über die Wiederveröffentlichungen der Typoart-Schriften, möchte ich heute mal einen  Blick auf die Schriftfamilie Kis Antiqua von Hildegard Korger werfen, die jetzt bei Elsner+Flake erschienen ist. Für das Redesign ist Erhard Kaiser verantwortlich, dem ich die nachfolgenden Informationen verdanke.

Die neu digitalisierte Version der Antiqua Kis, die übrigens auf Tótfalusi Kis Miklós (1650–1702) zurückgeht, wurde ausgebaut und mit neuer Zurichtung versehen. Hildegard Korger, emeritierte Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (und dort die ehemalige Lehrerin von Erhard Kaiser), hat diese Arbeit kritisch begleitet. Die Kis-Familie umfasst jetzt sechs Mitglieder: Antiqua und Kursive stehen im Text-Design jeweils als Regular- und Semibold-Schnitt, die Regular und Regular Italic auch als Headline-Design zur Verfügung. Die zwischen 1986 und 1990 entstandene Typoart-Kis findet sich mit neuer Zurichtung im jetzigen Headline-Schnitt wieder.

Das Figurensortiment der neuen Kis ist umfangreich. Es enthält neben dem Standard-Zeichensatz in allen sechs Schriften:
• Kapitälchen (mit zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• zahlreiche Ligaturen (auch das lange s und dessen Ligaturen),
• Versal-, Minuskel- und Kapitälchenziffern mit jeweils proportionaler und tabellarischer Zurichtung,
• Nominatoren und Denominatoren und deren Festbrüche (mit proportionaler und tabellarischer Zurichtung sowie zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• Superior und Inferior mit den daraus zusammengesetzten Festbrüchen (mit tabellarischer Zurichtung auf Halbgeviert sowie zugehörigen Währungs- und Satzzeichen),
• Ordinalzeichen (in Fette, Form und Zurichtung speziell angepaßt)
• Rechenzeichen (im Stand den Minuskelziffern angepaßt und mit tabellarischer Zurichtung auf Halbgeviert).

Die beiden mageren Kursiven bieten darüber hinaus Zierbuchstaben (Swashes) an. Diese sind nach historischen Quellen verbürgt. In allen drei Kursiven stehen zusätzlich die Ligaturen gg und gy zur Verfügung. Des weiteren gibt es in allen sechs Schriften Alternativformen zu einigen Figuren. So sind z. B. die wichtigsten Währungszeichen neben der notwendigen schmalen Ausführung auf Halbgeviert auch in der Normalversion vorhanden, die gerade beim Euro-Symbol erheblich breiter und besser ist. Ein weiteres Beispiel sind französische Anführungen für Versalsatz, die deutlich größer sind und höher stehen als jene für den Mischsatz.

Im umfangreichen Sortiment der Akzentbuchstaben wurde in jeder der sechs Schriften Wert darauf gelegt, die Akzente gut an die Versalien, Kapitälchen und Minuskeln anzupassen, nämlich jeweils unterschiedlich in der Größe und manchmal auch in der Form.

Das Kerning der Kis-Schriftfamilie neigt nicht zur Übertreibung. Eine Besonderheit ist, daß im Regular-Text-Schnitt nach Satzpunkt, Komma und weiteren Satzzeichen ein verkleinerter Wortabstand folgt. Auch vor allen Versalien ist der Wortabstand kleiner, besonders vor T, V und W, darüber hinaus vor einigen Ziffern.

Die sechs Schriften der Kis Antiqua Now werden als OpenType Pro Fonts für Apple Macintosh sowie im PC TrueType-Format für Microsoft Windows mit erweiterter lateinischer Zeichenbelegung angeboten. Zudem sind Codepage-bezogene Belegungen im Format OpenType und TrueType in west- und zentraleuropäischer Belegung erhältlich. Weitere Informnationen zur Geschichte der Schrift auf dieser Seite …

FF Dingbats 2.0: Premiere plus kostenloser Sample-Font

Wollten Designer vor 16 Jahren einen Text mit Symbolen aufpeppen, kamen sie an einer Schrift nicht vorbei: Zapf Dingbats – als Systemfont auf Macs und PCs (noch heute) vorinstalliert. Allerdings waren die 1979 entworfenen Zapf-Symbole schon in den 90er Jahren nicht mehr zeitgemäß.

Nach der Veröffentlichung der aus Schutz- und Warnzeichen bestehenden FF Care Pack schien dem FontFont-Marketing [damals in den Händen von einem gewissen Jürgen Siebert] der Hamburger Designer Johannes Erler genau der Richtige für die Gestaltung einer modernen Alternative zum Platzhirschen zu sein. Die Anforderungen waren klar: die neue Schrift sollte umfangreicher ausgestattet sein – z. B. mit den Symbolen für neue Kommunikationsmittel – und eine homogene, zeitgemäße Formensprache aufweisen.

Gemeinsam mit Olaf Stein erfüllte Erler das Briefing von FSI FontShop International: FF Dingbats wurde nach ihrer Veröffentlichung 1993 nicht nur ein großer Erfolg sondern auch ein Maßstab für alle danach erschienenen Piktogramm-Fonts.

FF Dingbats 2.0
FF Dingbats 2.0: Neues »Look & Feel« für alle Glyphen und fast 50 Prozent mehr Symbole

In der Zwischenzeit hat sich die Welt weiter gedreht. USB-Sticks nehmen heute den Platz von Disketten ein, E-Mails den von Briefen, iPods den von Walkmans und Energiesparlampen lösen gerade die Glühbirne ab. Höchste Zeit, den jüngsten technischen Trends gerecht zu werden und die FF-Dingbats-Familie aufzufrischen. Ganz nebenbei hat sich die Font-Technologie weiter entwickelt, so dass sich auch in Sachen Ästhetik und Komfort neue Dimensionen für einen Dingbats-Font ergeben.

Für die Renovierung der FF Dingbats sicherte sich Johannes Erler die Hilfe seines Kollegen Henning Skibbe. Gemeinsam mit FSI überlegten sie, wie eine neue universelle Version der Schriftfamilie den gewachsenen Ansprüchen gerecht werden könnte. Veraltete und bezuglose Symbole sollten wegfallen, Lücken gefüllt, unübersichtliche Strukturen ausgeglichen und technische Innovationen berücksichtigt werden.

Mit der heute erscheinenden FF Dingbats 2.0 werden all diese Forderungen umgesetzt, wobei auch von den älteren Zeichen keins unangetastet blieb. Damit sprechen alle Symbole eine einheitliche und zeitgemäße Sprache. Aus ehemals 8 Fonts wurden durch die Aufnahme von rund 50 Prozent neuer Symbole nun 12 Fonts, wobei sich die Namensgebung heute intuitiver erweist. Im Zeichensatz »Strong Forms« gibt es die gebräuchlichsten Symbole speziell aufbereitet für kleine Schriftgrößen und den Einsatz am Bildschirm.

Für manche Symbole wurde eine OpenType-Funktionen integriert, die farbige Binnenräume erlaubt. Hierzu wurden Hintergrundflächen in die Fonts aufgenommen, die man zunächste hintereinander in ein OpenType-fähiges Programm tippt, dann einfärbt und anschließend mit der Funktion Formatvarianten (Formatsatz 1 in Adobe InDesign) übereinander legt. Selbst ohne OpenType-Unterstützung helfen diese Hinterleger weiter, zum Beispiel in Grafikprogrammen, wo man sie frei einfärben und bewegen kann.

FF Dingbats 2.0
FF Dingbats 2.0 – Layer-Funktion: Zuerst Layer auswählen, einfärben und OpenType-Funktion im Anwendungsprogramm aktivieren [hier »Formatvarianten« in Adobe Illustrator]

Neugierig geworden? Dann schnell den kostenlosen Testfont FF Dingbats 2.0 OT Sampler downloaden und ausprobieren. Die Abbildung ganz unten zeigt die enthaltenen Zeichen, die aus 12 verschiedenen FF-Dingbats-2.0-Fonts entnommen wurden.

Wer sich ausführlicher über FF Dingbats 2.0 informieren möchte, besuche die eigens eingerichtete Internetseite FFDingbatsFont.com [engl.], die unsere Kollegen bei FontShop USA gestaltet haben. Neben der Story hinter FF Dingbats 2.0 sind dort Screencasts, eine Galerie und viele Anwendungstipps zu finden. Der Kauflink am Ende der Site führt zum FontShop USA. Kunden in Deutschland kommen hier in ihren FontShop, wo die Schrift sowohl im TrueType- als auch im OpenType-Format angeboten wird.

Die (Factor-)Designer selbst widmen ihrer jüngsten Arbeit ein eigenes Monatsheft, das in den nächsten Tagen noch eine Titelseite und weitere Innenseiten erhält. Der aktuelle Zustand kann aber schon geladen und studiert werden. Die Abbildung ganz oben ist dem Heft entnommen.

FF Dingbats 2.0
Kostenloser FF Dingbats-2.0-Sample-Font: Diese Zeichen plus einige mehr enthält der Beispielfont

Ivo Gabrowitsch

Ist Mister K die neue Zapfino?

Diese Frage ist mindestens so sinnvoll (oder dämlich) wie: Ist Duffy die neue Amy Winehouse? Jeder sieht den Unterschied, jeder hört ihn … warum also diese Vergleiche? Ganz einfach: Weil man nichts dagegen tun kann. Unser Gedächtnis, unsere Wahrnehmung ticken so. Die Experten nennen das »Lernen am Modell« oder »Beobachtungslernen«. Alles Neue, was der Mensch erkennt, versucht er in die vorhandenen Regale des Gelernten abzulegen. Und so erging es mir, als ich die Weihnachtskarten von FSI und FontShop sah.

Jeder sieht, dass FF Mister K eine ungekünstelte Schreibschrift ist, während Zapfino als kunstvolle Federschrift angelegt ist. Zu Recht enthält ihr Name das italienische Wort für »fein«, die feine Federschrift von Hermann Zapf. Formal gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen beiden, außer dass es verbundene Schreibschriften sind, die ein handgefertigtes Vorbild in guter Qualität digital simulieren.

Warum gibt es überhaupt digitalisierte Schreibschriften? Zwei Gründe: Erstens hat nicht jeder eine schöne Handschrift und zweitens fehlt vielen die Gerätschaft bzw. das Know-how (ganz sicher auch die Zeit), um die eigene Schrift zu scannen und so digital aufzubereiten, dass sie mit der gleichen Flexibilität in Photoshop weiter verarbeitet bzw. korrigiert werden kann wie andere grafische Elemente. Stichwörter: verlustfrei skalierbar, positiv, negativ, farbig u. ä.

Zapfino feiert in diesen Tagen ihren 10. Geburtstag. Ihrem Durchbruch verhalf die Tatsache, dass sie 2000 von Apple in die Grundausstattung des neuen Mac OS X aufgenommen wurde. Aufgrund ihrer Ausschmückung mit bis zu 8 Varianten pro Buchstaben und einer Ligaturautomatik konnten Apple-Vorführer auf Betriebssystemebene demonstrieren, wohin die Zukunft des digitalen Schriftsatzes gehen wird – lange bevor OpenType auf den Computern der Designern lief: automatische Buchstabenverbindungen, ja das Wort »Zapfino« verwandelte sich sogar in einen geschlossenen Schriftzug, sobald man das letzte o getippt hatte.

Trotz der neuen technischen Möglichkeiten sehen in den darauf folgenden Jahren aus Zapfino gesetzte Grußkarten, Weinetikette oder Logos seltsam einfallslos und mechanisch aus. Der Grund liegt in der etwas aufwändigeren Bedienung der Schrift (man könnte auch sagen an der Faulheit der Benutzer). Ihre wahre Größe entfaltet Zapfino erst, wenn man sich manuell aus den Glyphenvarianten bedient, 8 unter OS X und 10 bei der Zapfino OpenType. Tatsächlich stecken im Zapfinozeichensatz mehrere tausend Glyphen, die entdeckt und kombiniert werden wollen. Wer seinen Gruß einfach so in den Computer tippt, nutzt weniger als 5 % der Schrift. Und genau das ist der Grund dafür, warum sich inzwischen viele Typografinnen und Typografen an der Schrift satt gesehen haben.

FF Mister K arbeitet mit der gleichen Technik wie Zapfino, die sie aber auf andere Art nutzt. Ihre Stärke sind Hunderte bedingter Ligaturen. Dir Schrift ist vollgepackt mit fest verknüpften 2er-, 3er- und 4er-Buchstabenverbindungen. Dazu gibt es nur 1 (!) Set mit Glyphenvarianten, die man konsultiert, falls die Automatik hier und da mal ein unbefriedigendes Ergebnis liefert. Für Schwungbuchstaben steht ein zweiter Zeichensatz zur Verfügunge, der On-stage heißt. Ergebnis: FF Mister K liefert ganz automatisch ein abwechslungsreichen Schriftbild, das nur an wenigen Stellen korrigiert werden muss.

Julia Sysmäläinen, die Designerin von Mister K, war es, die auf diese Organisation ihrer Schrift bestand. Und die FontFont-Techniker bei FSI haben ihre Wünsche vorbildlich umgesetzt. Julia ist keine hauptberufliche Schriftentwerferin, sondern arbeitet als Kommunikationsdesignerin bei EdenSpiekermann. Daher kennt sie das Verhalten von Schriften und was sie dabei stört aus alltäglicher Erfahrung.

Wenn es also zwischen Mister K und Zapfino formal kaum Ähnlichkeiten gibt, wenn sie sich zudem – bei gleicher Technik (OpenType-Programmierung) – unterschiedlich benehmen … warum soll dann Mister K die neue Zapfino sein. Ich glaube, wir werden ihr bald in vielen Anwendungen begegnen, wo Zapfino bisher die falsche Wahl war. Oder wo Zapfino einfach nur lieblos angewendet wurde. Der Hauptgrund für die Benutzung beider Schriften ist nazu identisch: Designer wünschen sich eine persönlich anmutende, verbundene Schreibschrift, die nicht nach Computer aussieht. Aus technischen Gründen könnte FF Mister K hier zu schnelleren Erfolgserlebnissen führen.

»Nagelneue« Jan-Tschichold-Schrift

Die neue geometrische Schriftfamilie Iwan Reschniev basiert auf einer Titelsatzschrift von Jan Tschichold und ist soeben bei fonts.info erschienen. Sie wurde von Sebastian Nagel entworfen … mit Unterstützung der treuen Leserschaft des Forums typografie.info. In einer Pressemitteilung von heute liest sich die Entstehungsgeschichte so:

»August 2007 auf typografie.info: FlorianG zeigt die Titelseite von Christopher Burkes Buch »Jan Tschichold and New Typography«, und stellt eine kleine Quizfrage: ›Welche Schrift wird auf dem Umschlag verwendet?‹. Die Frage bleibt unbeantwortet.
Norbert Riedi aus Graubünden lässt das keine Ruhe, und bietet eine Bündner Nusstorte als Kopfgeld. Es stellt sich heraus, dass es sich um Tschicholds Entwurf einer »leicht und schnell konstruierbaren Schrift« handelt. Schmorkohl zeigt ein Bildchen, FlorianG bestätigt. Nusstorten gehen raus, mit dem Wermutstropfen, dass es die Schrift nicht digital gibt.
Sebastian Nagel fragt: ›Soll ich mal machen?‹ und macht dann, anhand der kleinen Vorlage und ein paar wenigen Informationen, mit viel Interpretation und möglichst wenig Fantasie. Dafür wird ihm von Norbert Riedi eine Nusstorte versprochen und nach einer ersten Testversion auch prompt gebacken und geliefert. Ein Genuss.
Zusätzlich motiviert, entstehen weitere Strichstärken und Erweiterungen des Zeichensatzes. Tschicholds Entwurf soll nicht verfälscht, aber in einigen Details (Satzzeichen) praxistauglicher gemacht werden. Zusätzlich gibt es einen ›Authentizitätsmodus‹ für Puristen.
Ein Name wird gesucht. ›Tschichold‹ ist zu groß für die Schrift. ›Nagel‹ wäre vereinnahmend. Der Entwurf stammt aus Jan Tschicholds Phase der ›neuen Typografie‹; sein Kampfname zu dieser Zeit: Iwan. Nun noch die Neugestaltung einbringen … Der Bündner Tortenbäcker Norbert Riedi schlägt ›Nagelneu‹ vor – übersetzt ins Rätoromanische: ›Reschniev‹. Das passt zu ›Iwan‹ und zur Schrift. Der Name ist gefunden: ›Iwan Reschniev‹.«

Iwan Reschniev ist ab sofort auf fonts.info in zwei Paketen auf CD-ROM und als Download verfügbar.  Schriftmuster-PDF …

Neuer FontFont: Mister K

Seit Monatsbeginn darf ich meine Liebe zur Schrift – Jürgen hatte das bereits erwähnt – nun als Marketingleiter der FontFont-Bibliothek ausleben. Diese wird bekanntlich vor allem mit zeitgenössischen Neuentwicklungen in Verbindung gebracht. Der neueste FontFont zeigt jedoch, dass dies die Veröffentlichung von Schriften mit historischem Hintergrund nicht ausschließt.


FF Mister K Pro: In Kürze erscheinender FontFont

Die finnische Grafik- und Schriftgestalterin Julia Sysmäläinen fühlte sich derart von den Manuskripten des Schriftstellers Franz Kafka inspiriert, dass sie beschloss, seine Handschrift mit ihren außergewöhnlich kräftigen kalligrafischen Eigenschaften zu einem Script-Font umzusetzen. Dabei meisterte die studierte Philologin die Herausforderung, Kafkas zum Teil exzentrische Buchstabenformen in einen gleichmäßigen typografischen Fluss zu bringen. Sie verpasste der FF Mister K Pro nicht nur einige hundert Ligaturen, die jeweils aus zwei, drei oder sogar vier Einzelzeichen bestehen, sondern integrierte Alternativzeichen für verschiedene Buchstabenverbindungen, um Wiederholungen von Buchstabenformen, die es bei einer echten Schreibschrift nicht gibt, zu reduzieren. Hinzu kamen hilfreiche OpenType-Funktionen wie zum Beispiel stilistische Alternativen für verschiedene Arten der Schraffierung sowie des Unter- und Durchstreichens.

Am Ende entstanden drei völlig unterschiedliche Einzelschnitte. Neben dem normalen Schnitt auch Crossout, mit dem umfangreich ganze durchgestrichene Absätze gestaltet werden können und Onstage, der noch einmal deutlich extravaganter und schnörkeliger wirkt. Mit allen enthaltenen Fremdsprachen und Features enthält allein der Standardschnitt ganze 1.517 Zeichen.


Dass man auch ganz witzige Sachen mit der FF Mister K Pro gestalten kann, beweist die ebenfalls aus Finnland stammende Designerin Oili Kokkonen.

Die Schreibschrift FF Mister K wird in Kürze im FontShop erhältlich sein. Bis dahin darf unter den belesenen Fontblogkommentatoren gern diskutiert werden, aus welchen von Kafkas Werken der Name der Schreibschrift abgeleitet wurde. Auch ein downloadbares Specimen-PDF soll die Wartezeit auf den neuesten FontFont verkürzen.

Neu: FF Netto, von Daniel Utz

»In gewisser Weise ist die Arbeit eines Kritikers leicht. Wir riskieren wenig, aber genießen dabei unsere Macht über jene, die sich und ihre Werke unserem Urteil stellen. Wir ziehen Gewinn aus negativen Kritiken – sie machen Spaß, beim Schreiben wie beim Lesen.

Dennoch müssen wir Kritiker der bitteren Wahrheit ins Auge sehen, dass selbst durchschnittliches Werk im Grunde genommen bedeutsamer ist als unsere Kritik. Manchmal aber riskiert ein Kritiker wirklich etwas, und zwar bei der Entdeckung und Verteidigung des Neuen.

Gestern Abend habe ich etwas Neues erlebt: ein außergewöhnliches Gericht aus völlig unerwarteter Quelle. Es ist eine krasse Untertreibung, wenn ich sage, dass die Mahlzeit und ihr Macher meine Vorurteile infrage stellten.

Sie haben mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich habe nie ein Geheimnis aus meiner Abneigung gegen das berühmte Motto des Küchenchefs Gusteau gemacht: ›Jeder kann kochen.‹ Aber erst jetzt verstehe ich wirklich, was er meinte. Nicht jeder kann ein großer Künstler werden, aber ein großer Künstler kann von überall herkommen.«

Der Text stammt aus dem Pixar-Film Ratatouille. Ein gefürchteter Restaurant-Kritiker namens Anton Ego glaubt, in seinem 40-jährigen Berufsleben alles schon mal köstlicher gegessen zu haben. Kurz: die Pariser Gastronomie ödet ihn an. Dann überrascht ihn der stümperhafte Koch Linguini im Restaurant »Gusteau« mit dem einfachen Bauerngericht Ratatouille. Ego ist begeistert und schreibt des nachts die oben zitierten Zeilen. Anschließend geht er in den verdienten Ruhestand und genießt endlich das Leben … und die leckeren Gerichte seiner Heimatstadt.

Ich weiß nicht, warum mir die Schlüsselszene aus »Ratatouille« einfiel, als ich heute Abend mit der neuen Schrift FF Netto von Daniel Utz herumspielte. Vielleicht, weil ich schon so viele Schriften gesehen habe. Vielleicht, weil FF Netto so einfach erscheint wie ein Bauerngericht – und doch so raffiniert zubereitet ist. Oder sie macht mich einfach nur sprachlos, den sie spricht für sich selbst – mit Buchstaben und Piktogrammen. Im übrigen sagt das oben rechts abgebildete FF-Netto-PDF vom Entwerfer selbst sowieso alles. (In Rente gehe ich deswegen nicht)

Schriftentwerfer und ihre Handschriften


Cameron Adams, ein Webdesigner in Sydney, Australien, hat einige Schriftentwerfer angesprochen und um eine handgeschriebene Zeile gebeten. Die Ergebnisse hat er nun in seinem Blog The Man in Blue veröffentlicht. Diese Fragen brannten ihm auf den Nägeln: »Beherrschen große Typografen ihren Stift anders als wir Laien? Erkennt man in der Handschrift Details, die sich in den Satzschriften der Entwerfer wiederfinden? Lässt die Digitalisierung der schriftlichen Kommunikation die Handschrift verkümmern? Erkennt man bei jüngeren Schriftentwerfern eine Unterentwicklung der Handschrift?«

Auf dieser Seite sind die Ergebnisse zu bewundern, Schriftproben von Erik Spiekermann (mit 7 verschiedenen Schreibwerkzeugen), Göran Söderström (Autodidakt), Nikola Djurek (Typonine, Kroatien), Sebastian Lester (London, Entwerfer der Soho), Mark Simonson, Kris Sowersby (Mitentwerfer der FF Meta Serif), Eduardo Manso (Barcelona), Veronika Burian (FF Maiola), Marian Bantjes (kanadische Illustratorin, TYPO-2008-Sprecherin) und Dino dos Santos (DSType).

Demnächst in Ihrem Font-Menü

/

Typophile rief die besten Schriftentwerfer der Welt dazu auf, ein Bild ihrer aktuellen Arbeit zu veröffentlichen. Wir sehen dort Work-in-progress von Nick Shinn (Shinntype), Alejandro Paul (Sudtipos), Jürgen Weltin (für Linotype), Jeremy Mickel (Village), Goran Soderstrom (Psy/Ops), Mark Simonson, Sebastian Nagel, Tim Ahrens (Abbildung oben) und vielen anderen Designern.

Da die FontFont-Schriftentwerferinnen und -entwerfer diskret sind, verlieren sie vor der Veröffentlichung ihrer Neuheiten kein Wort über ihre Arbeit. Das ist gut so, danke. Ich werde hier auch keine Neuentwürfe zeigen, möchte aber schon mal den Relaunch zweier Klassiker ankündigen, bei denen die FontFont-Techniker die OpenType-Technik ausgesprochen raffiniert einsetzen.

FF Trixie OT HD (Arbeitstitel)

Die Original-Trixie (links) von Erik van Blokland erschien 1991 im PostScript-Type-1-Format. Um sicher mit der Schrift arbeiten zu können, war die Zahl der Stützpunkte begrenzt. Dabei enthielt Trixie Text noch mal weniger Stützpunkte als Trixie Plain, damit eine DIN-A4-Seite gesetzt aus Trixie (Text) in akzeptabler Zeit aus dem Laserdrucker kam. Ihr kantiger Charme war ein technischer Kompromiss, verhinderte aber nicht den Erfolg der Schriftfamilie.

Heute gibt es diese technische Einschränkung nicht mehr, so dass Erik van Blokland seine Trixie-Familie jüngst komplett überarbeitete und mit intelligenter OpenType-Technik verknüpfte. Die neue Familie gliedert sich in drei Pakete. FF Trixie OT und Pro (2. von links) basiert auf den alten Konturen, ist die Brücke zur Vergangenheit und der Garant für Kontinuität und Kompatibilität (zum Beispiel beim Aktualisieren alter Dokumente bzw. Templates). FF Trixie Rough (3. von links) basiert auf den altbekannten Konturen, weist jedoch ein Vielfaches an Details auf, so dass sie auch auf Plakaten und in Headlines authentisch »wie Schreibmaschine« wirkt. Ein optischer und technischer Leckerbissen wird FF Trixie HD (rechts), die komplett neu gezeichnet ist. Auffälligstes visuelles Erkennungszeichen ist die Farbbandstruktur der Buchstaben. Das ist nicht wirklich neu … doch für jedes Zeichen gibt es 7 alternative Glyphen, so dass Trixie-Headlines und -Texte noch lebendiger aussehen werden; in Adobe InDesign werden die Alternativen automatisch über die OT-Funktion »kontextbedingte Variante« durchgespielt. Weitere zuschaltbare Effekte sind Grundlinienversatz, historische Formen sowie »Zensur«- und »Schmier«-Schnitte. Die HD-Pro-Version bietet neben den reinen kyrillischen und griechischen Glyphen zwei Spaßvarianten, die ich noch nicht verraten möchte. Die neue FF Trixie wird in einigen Wochen erscheinen.

FF Dingbats OT 4C (Arbeitstitel)

Seit über zwei Jahren arbeitet Johannes Erler (Factor Design) an einer neuen FF Dingbats. In den letzten Monaten unterstützt ihn Henning Skibbe, worauf das Projekt einen großen Schritt nach vorne machte. So viel kann ich verraten: alle Symbole wurden neu gezeichnet, vereinheitlicht, ergänzt und sinnvoller sortiert. Selbstverständlich sind auch eine Unmenge neuer Zeichen hinzugekommen. Das Raffinierteste wird die Möglichkeit des einfachen, blitzerfreien Einfärbens der Innenräume und der Konturen sein, wiederum gelöst mit OpenType-Technik. Lasst Euch überraschen. Die neue FF Dingbats wird voraussichtlich zum Jahresende 2008 erscheinen.

Erziehung durch Bilder: Piktogramme von Gerd Arntz

PAGE online weist darauf hin, dass im Arntz Web Archiv erstmals eine größere Auswahl der über 4000 Piktogramme des deutschen Grafikers Gerd Arntz online zu bewundern sind, die dieser in der 1920er und 30er Jahren für die Bildersprache Isotype entworfen hatte.

Gerd Arntz (1900 – 1988) wurde in Remscheid als Sohn eines Eisenfabrikanten geboren. Nachdem er für kurze Zeit in der Fabrik seines Vaters arbeitete, entschloss er sich 1919 zu einer Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstschule. Die ersten wegweisenden Grafiken entstanden Mitte der 20er Jahre, als sich der politisch links orientierte der »Gruppe progressiver Künstler« (auch: »Kölner Progressive«) um Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert anschloss. Gesellschaftliche Zusammenhänge sollten über das Bild aufgezeigt werden, besonders solche, die Krieg und Kapitalismus betreffen.

Die Darstellung sozialer Bezüge waren für Arntz der Anstoß zur Ausarbeitung von universal verständlichen Symbolen. Sie entstanden aus der künstlerischen Verbindung zu Seiwert und bildeten in den 30er Jahren den Kern seiner Grafiken.

Arntz’ didaktisches Bestreben führte ihn zur Bildersprache Isotype, deren Entwicklung von dem Wiener Soziologen und Philosophen Otto Neurath angeregt wurde. Isotype steht für »International System of Typographic Picture Education« (Internationales System der Erziehung durch Bilder). Neurath war der Ansicht, dass im Anfangsstadium des Lernens Bilder hilfreicher seien als Worte. Er entwickelt, unter anderem mit Gerd Arntz, Piktogramme und Regeln für deren Verwendung, um komplexe Sachverhalte eindeutig und exakt wiederzugeben. Alternative Bedeutungen oder Assoziation wurden durch Farbe oder Textur vermittelt.

Zwischen 1929 und 1934 lebte Arntz in Österreich, um dort als Leiter der grafischen Abteilung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums (GWM) unter der Direktion von Neurath die »Wiener Methode der Bildstatistik« zu entwickeln. Hierfür erarbeitete er unzählige Bildsymbole, die durch eine möglichst einfache Darstellung sofort verständlich waren. 1934 emigrierte Arntz in die Niederlande. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte er in Den Haag das Erbe des 1945 verstorbenen Neurath weiter.

50 Jahre ☮

Am Karfreitag 1958 machte sich eine Gruppe britischer Rüstungsgegner auf den 50 Kilometer langen Weg von London zum Atomwaffenlabor Aldermaston. Dabei trugen sie ein eigens für diesen Anlass entworfenes Zeichen auf Schildern vor sich her: das inzwischen weltbekannte Friedenssymbol ☮.

Das umgedrehte V in einem Kreis, der durch eine vertikale Mittellinie geteilt wird, entwarf der Friedensaktivist Gerald Holtom, im Zivilberuf Textildesigner. Zunächst wollte er ein Kreuz für Plakate und Spruchbänder verwenden. Erst im letzten Moment entschied er sich für ein Symbol ohne religiösen Hintergrund. Wie Holtom sich erinnerte, brachte er das Signet am 21. Februar 1958 zu Papier, wobei es eine ganz banale Bedeutung hatte: Die Striche stellen die beiden Buchstaben N und D im Marine-Winkeralphabet dar – N = zwei Arme unten, D = ein Arm unten, einer oben –, der Kreis rundherum steht für die Weltkugel. »ND« bedeutet »Nuclear Disarmament«, mit der Weltkugel gemeinsam also die Forderung nach weltweiter nuklearer Abrüstung.

Das Logo ging vom Ostermarsch 1958 aus um die ganze Welt, unter anderem verbreitet durch Mitarbeiter Martin Luther Kings bei den US-Bürgerrechtsbewegungen. Später wurde es als Symbol des Widerstandes gegen den Vietnamkrieg und der 68er-Bewegung benutzt. Gerald Holtom sah den Siegeszug seines Zeichens mit Genugtuung und Stolz. Um es möglichst weit zu verbreiten, hatte er bewusst darauf verzichtet, es gesetzlich schützen zu lassen. Auch deshalb wird es bis heute wie kaum ein anderes für kommerzielle Zwecke verwendet.

Das Peace-Symbol ☮ hat im Unicode-Zeichenraum die Position U+262E.

Eine andere Diskussion: Meta vs. Textra

In den Kommentaren zur Diskussion »Polo vs. Meta« wurde der Wunsch geäußert: »Jetzt müsste nur jemand FF Meta und Linotype Textra vergleichen«. Textra stammt aus dem Jahr 2002 und wurde von Jochen Schuss und Jörg Herz gestaltet. Erik Spiekermann antwortete darauf: Habe ich mal gemacht: Hat aber niemanden interessiert.« Vielleicht lag es daran, dass seine Abbildungen zu pixelig waren. Also habe ich mal das Polo-Meta-PDF in ein Meta-Textra-PDF umgewandelt. Spiekermann meint, dass dieser Vergleich eine andere Diskussion Wert sei, nämlich zum Thema »das Herstellen neuer Schriften auf Basis der Daten einer anderen.« Die Diskussion ist eröffnet.

Das Gerücht, Meta sei eine Kopie von Polo

Vor einer Woche war ich zu Gast bei MetaDesign in der Berliner Leibnizstraße, wo ich einem wunderbaren Vortrag von Kurt Weidemann lauschen durfte. Anschließend unterhielt ich mich mit Kurt über die kommende TYPO-Konferenz. Hintergrund: Wir hatten den liebenswerten Streiter bereits 3 Wochen zuvor schriftlich eingeladen, am Fontfight teilzunehmen, Weidemann ./. Spiekermann.

Weidemann erzählte mir, dass die Einladung ganz oben auf seinem Schreibtisch läge und er noch mit sich hadere. Er scheue sich nicht vor einem Wortgefecht mit Erik Spiekermann (eigene Anmerkung: mein Wunsch wäre ein Wortgefecht einschl. Versöhnung). Doch da gebe es noch die Geschichte mit Georg Saldens Schrift Polo. Sie hätte Spiekermann als Vorlage für die Meta gedient, und an diesem Thema komme er nicht herum. Dann stünde er jedoch als Advokat für Salden auf der Bühne, was eigentlich keinen Sinn mache.

Ach, geht diese Diskussion schon wieder los? Offensichtlich haben ein Salden-Auftritt auf dem Forum Typografie 2007 in Düsseldorf und die Gespräche danach ihre Wirkung nicht verfehlt. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Aussage »Metas Formmerkmale stammen im Wesentlichen von der GST-Polo, die Georg Salden von 1972–1976 entwickelt hat.« neuerdings wieder im Internet auftauchen. Dabei steht in Wikipedia seit 3 Jahren ganz richtig: »Wesentliche Formmerkmale wie die ausgebogenen Anstriche sowie Kopfserifen an i und j stammen von der Letter Gothic.«

Georg Salden sieht seine Arbeit in unregelmäßigen Abständen kopiert. Zuletzt von PAGE und Ole Schäfer (Fontblog berichtete). Dabei hatte Ole Schäfer die Aussage »eine neue PAGE-Textschrift muss sich mit der Polo messen lassen« als Kompliment gemeint, als qualitative Messlatte für seine Neuschöpfung, die nun wirklich etwas ganz anderes wurde als Polo. Doch Salden hatte kein Ohr für Schmeicheleien, stattdessen zuckte wieder mal sein Nervus Plagiarius.

Polo und Meta haben so viel gemeinsam wie eine Schlange und ein Regenwurm. Die Entstehung der Meta ist oft genug, und durchaus mit verschiedenen Sichtweisen niedergeschrieben worden, zum Beispiel bei den 100 Besten Schriften und im Magazin Baseline (1986, PDFs auf dem Spiekerblog). Mir könnte die Diskussion egal sein, würde sie nicht einen TYPO-Programmpunkt gefährden, der mir sehr wichtig ist. Wir wollen in 3 Monaten einen gut gelaunten Kurt Weidemann im Haus der Kulturen begrüßen. Und dafür kämpfe ich … auch mit diesem PDF (1 S, 650 K): Polo vs. Meta. Wer Augen hat, der sehe …