
Für uns Typografen eigentlich nur von hinten interessant: Das DFB-Frauen-Trikot-Home-2011 (Foto: Wolfgang Kumm, dpa. Danke!)
Vorgestern habe ich mir im Fernsehen das Eröffnungsspiel der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ angesehen. Es war eine Quälerei für meine Augen … nicht wegen des Spiels der beiden Mannschaften, das hat mich richtig begeistert, wie 14 Millionen andere Zuschauer in Deutschland offensichtlich auch, sondern wegen der Beschriftung des DFB-Frauen-Trikots.
Das Dress trägt im Kragen das stolze Zitat »Blüh im Glanze dieses Glückes« und wurde vor 100 Tagen von Adidas und dem Deutschen Fußball Bund in Frankfurt vorgestellt. Bei solchen Premieren werden die Hemden zwar mit Ziffern, aber meist ohne Namenszüge präsentiert, so dass es für die Begutachtung der Beschriftung keine Grundlage gibt. Wobei man im aktuellen Fall sowieso gedacht hätte, es handele sich um eine Skizze der Schneiderin, weil die endgütigen Ziffern zur Pressekonferenz nicht fertig geworden waren.

Die Fußball-WM hätte so schön werden können, und die deutschen Trikots ein Verkaufsschlager … zum Beispiel mit Unit Rounded Medium und Bold, der Einzelschnitt für 59 € … für den Trikothersteller eine zumutbare Investition
Nun, mit dem Start der WM, entfaltet die DFB-Trikot-Typografie ihr ganzes Elend. Wie Preisschilder auf dem Wochenmarkt sind unsere Fußballfrauen beschriftet, das Kilo Bartusiak 3 €, eine Steige Garefrekes 18 €, Angerer pro Stück 1 €. … die Medien- und Werbebranche spricht in dem Zusammenhang gerne von Schweinebauchdesign. Comic Sans lässt grüßen … doch leider ist die Schrift auf den Damen-Trikots nicht nur genauso ungeeignet wie Comic Sans, sie ist grottenschlecht gestaltet. Erschwerend hinzu kommt, dass die Versalschrift unfassbar stümperhaft gesetzt ist: Lena Goeßling trägt den Erstklässler-Fehler Nr. 1 auf dem Rücken, das gemeine ß mitten im Namen (GOEßLING), bei Spielerinnen wie Alexandra Popp und Birgit Prinz sind die Lettern handbreit gesperrt. Wer macht so was – ohne Not? Der Schuhwart?
Wie jubelten Adidas und der DFB damals bei der Vorstellung: »Die amtierenden Welt- und Europameisterinnen werden zum ersten Mal ein Jersey tragen, das von Frauen für Frauen entworfen wurde. Der leicht taillierte Schnitt und die runden und eleganten Rückennummern sorgen für ein feminines Design. Als Hingucker findet man im Kragen der Trikots die Zeile ›Blüh im Glanze dieses Glückes‹, die der deutschen Nationalhymne entstammt. … Das Heimtrikot ist traditionsgemäß weiß gehalten. Die Hosen sind schwarz.« Wenn diese Rückennumern »elegant« sind, dürfte man Willi Lippens ab sofort nicht mehr »Ente« nennen sondern »Schwan« … die Geschichte der 1. Bundesliga und die der Typografie müssten neu geschrieben werden.

Auch nicht schlecht, und typisch deutsch: die FF DIN Round, Medium und Bold … nicht gerade originell, aber solide und rund
Entworfen wurden die Trikots von der Designerin Annette Kres. Zu ihrer jüngsten Kreation erklärte sie: „Inspirieren ließ ich mich von den schnellen und dynamischen Bewegungen des Fußballs. Diese Eigenschaften sind in kleinen Designelementen im Trikot wieder zu finden.« Die 29-Jährige studierte Mode-Design in Trier, sie lebt in Fürth und arbeitet beim Sportartikel-Hersteller Adidas in Herzogenaurach. Unter ihrer Leitung entwickelte erstmals ein Designteam der Abteilung Frauenfitness das Trikot für die Damen-Auswahl.

Die authentische Filzstift-Schrift FF Duper, von Martin Wenzel, mit drei Varianten pro Buchstaben (siehe A und A) … aber gehört eine Edding-Schrift auf ein Fußball-Trikot? Eher weniger …
Seit dem Wochenende ist die Schrift der Damen-Nationalmannschaft auch im Internet ein Thema, zum Beispiel auf Twitter. Der Westen, das Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, schreibt: Schrifttyp auf den deutschen Trikots sorgt bei Frauen-WM für Häme. Was die Leser des Fontblog schon lange wissen, nämlich seit den letzten beiden Fußball-WMs 2006 und 2010, kann die Redakteurin des Westen nur bestätigen: »Die Kritik prallt an Adidas, dem Hersteller der Trikots, ab.« Welche Schrift die Designerin verwendet hat, wolle sie nicht verraten. Muss sie auch nicht, denn mein Blogger-Kollege Michael Preidel, freier Art-Direktor und Autor von Esse est percipi, hat das längst herausgefunden: Trikot-Typografie.

Ach wär’s wenigstens Comic Sans … (Eer hätte gedacht, dass ich mich auch nur einmal hier im Fontblog nach dieser Schrift sehne.)
Die Beschriftung der Trikots wurde mit einem lausigen Free Font namens Action Man zusammen gefummelt, den man zum Beispiel auf dieser Seite laden kann: http://www.iconian.com. Macht das ruhig mal und scheut euch mal die Fontdaten an. Bei den 10 Fonts handelt es sich um einen Grundschnitt, dessen Varianten ohne jegliche optische Korrektur automatisch generiert sind, also verschrägt (statt kursiviert), horizontal verzerrt (statt extended), maschinell gefettet und schattiert … eine abscheuliches Typomonster.

Der scheußliche Free-Font ›Action Man‹, mit dem die Trikots unserer Fußball-Frauen verunstaltet sind; ihr müsst die Namen in dieser Schrift übrigens in Kleinbuchstaben setzen, um die Original-DFB-Ästhetik zu erreichen