Seit 15 Jahren arbeitet der holländische Designer Diederik Corvers, Sprecher auf der TYPO Berlin 2010, mit Schrift und Typografie. In seinen kommerziellen und freien Arbeiten spielt die Textbehandlung stets eine zentrale Rolle. Corvers setzt meist eigene Fonts ein. Er produziert Bücher, Poster und CIs für verschiedene Auftraggeber in der Kulturszene. Seine autonomen Projekte finden sich im öffentlichen Raum, also da, wo Größe eher in Metern als in Punkt gemessen wird.
Heute schreibt er mir, dass seine wichtigste Schöpfung, die Schriftfamilie Ogentroost kurz vor der Fertigstellung steht. In einem reichlich bebilderten Interview mit der belgischen Designerin Veerle Pieters (Veerle’s Blog) erläutert er, warum die Arbeit an der Familie aufwändig war und so lange gedauert hat. Ein interessanter Blick hinter die Kulissen einer Schriftschöpfung: Ogentroost typeface
Im Zentrum von Lausanne, zu Füßen der Kathedrale Notre-Dame, liegt das angesagte Museum für Design und angewandte zeitgenössische Kunst, abgekürzt Mudac. Es versteht sich als Brückenbauer zwischen Kunstformen, die im traditionellen Verständnis etwas weiter auseinander liegen. Nirgendwo anders scheint eine Stefan-Sagmeister-Ausstellung besser hinzupassen, als an diesen Ort. Heute Abend war Vernissage.
Baby-boy: Das Leitmotiv der aktuellen Sagmeister-Retrospektive in Lausanne und die Hauptfigur des Ausstellungsplakats: die Baby-Karikatur
Aufgeblasener Affe: Gleich neben der Kathedrale, auf dem Stadthügel, erhebt sich die klare Silhouette des Mudac … doch in diesen Wochen ist etwas anders …
Ich wollte es erst nicht glauben, als ich bei der Recherche für meinen Beitrag über das neue Digitalmagazin »Berliner Zeiten« erfuhr, dass die gesamte Gestaltung des B.Z.-Ablegers auf iPads stattgefunden haben soll. Dann lud mich der Chefredakteur der B.Z. Peter Huth auch noch per Fontblog-Kommentar zum Testen der App ein. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Einen Tag später saß ich in seinem Büro am Kurfürstendamm und ließ mir die Software auf mein iPad spielen. Eben habe ich – in 20 Minuten – meine erste Magazinseite damit gebaut, ein Interview mit dem Idol meiner Jugend, Marianne Rosenberg (Abbildung ganz unten).
Es dauerte zunächst etwas, bis ich mich in die Logik der App eingefummelt hatte. Das liegt schlicht daran, dass sie für die interne Nutzung der B.Z.-Redaktion entwickelt wurde und nicht für die breiten Bedürfnisse einer Editorial-Design-Kundschaft. Das beginnt bereits bei der Bereitstellung der Inhalte. Da sich die monatlich erscheinende Berliner Zeiten aus dem bereits veröffentlichten Material der Mutterzeitung bedient, liegt das Material für eine Geschichte – fix und fertig aufbereitet und nicht editierbar – auf dem Server. Die Bausteine werden in einer Palette am Kopf der Arbeitsfläche angeboten, von links nach rechts sind das für meine Story die Headline, Dachzeile, Teaser, der Text und 2 Fotos. Am linken Bildschirmrand befindet sich die Werkzeugleiste mit den Funktionen: Struktur (eine Mischung aus Inhaltsverzeichnis und Materialsammlung), Raster, magnetische Positionierung (1 px, 5 px, 10 px, 25 pxund 50 px), Wiedergabe (vergleichbar mit Seite ansehen), Speichern und Laden. Beide Paletten stoßen in der linken oberen Ecke zusammen, ein Fingertipp auf das verbindende B.Z.-Logo in der Ecke fährt die Paletten ein oder aus.
Meine erste Amtshandlung ist das Aufrufen der hoch aufgelösten Aufmacherabbildung, Marianne Rosenberg mit kirschroten Lippen in frivoler Pose hinter eine regennassen Glasscheibe. Das Foto lässt sich beliebig mit Kneifgesten vergrößern, verkleinern und beschneiden. Ein doppelter Fingertipp öffnet ein Bildbearbeitungswerkzeug, mit dem sich das Foto farbig hinterlegen und in 10-%-Schritten transparent darüber kopieren ließe. Ich verzichte auf solche Spielereien, die ich gerne erfahrenen Layoutern überlasse.
Danach die Headline, in diesem Fall ein Zitat. Sie öffnet sich in einem skalierbaren Fenster, und umbricht automatisch beim Verändern der Fenstergröße. Ein doppelter Fingerzeig auf den Text öffnet ein Bearbeitungswerkzeug, das weitaus mehr Optionen anbietet als die Bildbearbeitung, darunter Schriftart, -größe, Zeilenabstand, Ausrichtung, Spaltenzahl und -breite, Rahmen, Rahmenfarbe … und natürlich lässt sich auch die Schrift mit Farbe und Transparenzen inszenieren. Eigens für das Lesen am iPad gibt es noch die beiden Einstellungen »Textbox hat exakt die angelegte Größe« und »Textbox passt sich im Live-View automatisch an«.
Nach der Headline platziere ich die Dachzeile und den Teaser, denen ich den gleichen Stil zuweise. Nun noch ein bisschen Hin- und Herschieben, und fertig ist die Magazinseite … im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, ich habe weder Design studiert, noch praktiziert. Ich kann sie jetzt auf den Server der B.Z. laden, oder lokal auf meinem iPad.
Das Faszinierende an dieser Methode der iPad-Magazingestaltung ist die 100-prozentige Wysiwyg-Bearbeitung (What you see is what you get). Ich sehe beim Aufbau der Seite, beim Festlegen der Schriftgröße immer exakt das, was die Leser später auf ihrem iPad sehen werden. Weder werden Bilder umgerechnet, noch Texte skaliert, neu gerendert und/oder interpoliert. Das Ergebnis der B.Z.-Layout-App sind kristallklare Seiten, die mit den im iPad eingebauten Schriften arbeiten und am Ende ein schlankes Magazin ergeben, das rund 20 MB wiegt.
Entwickelt wurde die native Layout-App von Markus Glasmeier. Er hat sich inzwischen selbstständig gemacht und arbeitet gerade unter dem Namen eXPublica an einem neuartigen Redaktionssystem, mit dem man auf iOs- und Android-basierten Geräten redaktionelle Inhalte publizieren kann. Wie leistungsfähig das B.Z.-Programm bereits ist, beweist allein der Umstand der Entstehung der Erstausgabe von Berliner Zeiten: Die B.Z.-Chefin vom Dienst Irina Praß soll sie angeblich an einem Urlaubswochenende auf Sylt mit ihrem iPad zusammengebaut haben.
Eigentlich sollte die lang erwartete iPad-Tageszeitung »The Daily« Mitte Januar an den Start gehen. Im Dezember hofften die Apple-Jünger noch, dass Steve Jobs und der News-Corporation-Boss Rupert Murdoch ihr Vorzeigeprojekt gemeinsam vorstellen würden. Dann meldete sich zunächst der Apple-Gründer krank, anschließend musste seine Company das Abo-Modell für den Bezug von The Daily über den App-Store neu programmieren.
Der Medien-Mogul Murdoch, 1931 in Australien geboren, gilt als Vorreiter für den Wandel in der Verlagslandschaft. Er verlangte als einer der ersten von den Online-Lesern seiner Zeitungstitel Geld. Zu seiner News Corporation gehören unter anderem das Wall Street Journal sowie die Londoner Times und Sun. Murdoch kontrolliert darüber hinaus das Filmstudio 20th Century Fox, die Fox-Fernsehsender und den Bezahlsender Sky. Doch auch Murdoch macht Fehler: Im Jahr 2005 kaufte er für 580 Mio. Dollar MySpace, dessen Bedeutung nach und nach sank.
Gestern Abend war es soweit. Im New Yorker Guggenheim Museum traten die Schöpfer von The Daily vor die Presse, allen voran der 79-jährige Rupert Murdoch, scheu und steif, eingeschnürt von einer stahlblauen Krawatte. In einer 10-minütigen Ansprache dankte er zunächst Steve Jobs und Apple für des iPads und die Zusammenarbeit mit seinen Redakteuren und Designern. The Daily wird es nur als iPad-Produkt geben, nicht als gedruckte Version, nicht als Internetausgabe* und zunächst auch nicht auf anderen Geräten. Für Murdoch ist es ein weiterer Versuch, digitale Zeitungsinhalte kostenpflichtig zu machen. »Wir müssen das Nachrichtengeschäft wieder existenzfähig machen«, sagte er in New York. Das iPad zwinge die Branche dazu, »unser Handwerk neu zu erfinden.«
Eine rund 120 Köpfe zählende Daily-Redaktion bereitet Tag für Tag die Inhalte für die erste Tablet-Zeitung auf. Laut SPIEGEL hat Murdoch in die Entwicklung der Digitalzeitung rund 30 Millionen Dollar investiert. Pro Woche werde die Produktion »nur« eine halbe Million Dollar kosten, das sei ein Bruchteil der Kosten, die bei einer herkömmlichen Tageszeitung für Druck und Vertrieb anfallen. Ganz nebenbei bricht die Redaktion mit einigen Gepflogenheiten der Medienbranche, »allein schon, weil der iPad-Hersteller Apple kräftig mitmischt und einen Anteil vom Kuchen haben will.« (DER SPIEGEL)
Gestern Abend in New York: die Daily-Mannschaft stellt die erste iPad-Tageszeitung vor (das gesamte Event als Video … nach dem Klick)
Mit Stolz verkündete Murdoch daher, dass eine Ausgabe von The Daily nur 14 Cent koste. Der Betrag ergibt sich aus dem eigens für die Zeitung entwickelten Abo-Modell, nämlich 99 Cent für ein Wochenabo (= 7 Ausgaben), gebucht mit einem Klick im App-Store. Die ersten beiden Wochen sind kostenlos. Ein Daily-Jahresabo kostet 40 Dollar. Im deutschen App-Store ist The Daily im Moment nicht erhältlich. Ich habe mit die Zeitung über meinen US-Account geladen. Ein solcher Account ist übrigens am einfachsten einzurichten, wenn man sich einen iTunes-Gutschein aus den USA besorgt.
Zentraler Navigations-Dreh- und Angelpunkt bei The Daily: das Ressort-Karussell
Wie fühlt sich The Daily nun an? Die App serviert die Medieninhalte anders als WIRED (vgl. Fontblog: WIRED Screen vs. WIRED Print) und auch anders als DER SPIEGEL (vgl. Fontblog: DER SPIEGEL auf dem iPad: grafische Schlachtplatte) … was nicht schwer ist, denn die Zeitung wurde von Grund auf für das iPad konzipiert und muss kein gedrucktes Vorbild simulieren. Gleichwohl trifft man auf vertraute Gesten und Design-Eigenschaften (z. B. die 100-prozentige Aufbereitung der Seiten im Hoch- und Querformat), aber auch eine Menge neuer Ansätze.
Wie alle Printmedien baut auch The Daily auf eine Themenstruktur. Die Ressorts sind der Zielgruppe entsprechend gewählt und heißen News, Gossip, Opinion, Arts & Life, Apps & Games und Sports. Die Leser können in diese Ressorts über eine Kopf-Navigation einsteigen … oder man dreht das Karussell. Diese Metapher hat in etwa den Stellenwert eines Mac-OS-Finders oder einer Homepage, es ist das Navigationszentrum. Die Performance wie auch die Gestaltung des Karussells machen eine wackeligen Eindruck: schlecht aufgelöste Vorschaubilder, hakelige Rotation. Der Guardian schreibt: »Mit dem himmelblauen Hintergrund und der weißen Beschriftung wirkt es wie eine schlechte Microsoft-Kopie von Coverflow.« Das Karussell ist stets mit einem Fingertippen anwählbar, über ein kleines Icon in der rechten oberen Bildschirmecke.
In der Karussell-Ansicht mit ausgeklappter Schalttafel wird die Zeitung zum Multimedia-Drehkreuz, mit TV- und Vorlesefunktion
Am Fuß des Karussells lässt sich ein Bedienfeld einblenden, das einen bisher nicht gekannten multimedialen Zugang zu den Inhaten einer Zeitung gestattet. Ein Vorlauf-Knopf bringt das Karussell in Schwung und lässt es so lange drehen, bis man es an einem interessanten Beitrag stoppt. Der Shuffle-Button springt nach dem Zufallsprinzip zu Artikeln, die der Benutzer noch nicht gelesen hat. Ein TV-Knopf knipst ein moderierte Video-Einführung mit den Themen des Tages an und der Kopfhörer-Schalter steht für die Vorlesefunktion – nicht für alle Beiträge aber die interessantesten. Damit bietet The Daily nicht nur Präsentationsformen, die man je nach Laune auswählen kann, sondern auch beeinträchtigten Menschen den Konsum einer Zeitung erleichtern.
Typografische Katastrophen: Löcher im Text und gesperrte Zeilen beleidigen das Auge der Leser
Übrigens wird The Daily schon gleich nach dem Start von Werbekunden umgarnt. Beim Start der App wird das 2-wöchige Probeabo als gute Tat des US-Netzbetreibers Verizon angekündigt, und zwischen den Beiträgen gibt es bereits reichlich Werbung, überwiegend von Hollywood-Filmen und Technik-Unternehmen.
Eines ist allen digitalen Medien gemein – sofern sie sich nicht auf die pure Wiedergabe einer gedruckten Seite in PDF-Form reduzieren: die Typografie ist unter aller Sau. Zwar benutzt The Daily vorzügliche Schriften (unter anderem die FF Unit Slab von Erik Spiekermann), aber die guten Schriften auch gut zu verwenden – da scheinen Welten dazwischen zu liegen. Alleine sich vom Blocksatz zu verabschieden würde enorm helfen.
Fazit: The Daily nennt sich Tageszeitung und ist vielleicht gar keine. Das liegt sowohl an der Gestaltung (Magazin-Layout) wie auch am Lieferanten der Inhalte, dem Medien-Mogul Rupert Murdoch, Herrscher über Zeitungen, Internet-Plattformen und TV-Sendern. Sein jüngstes Produkt vermischt schriftliche Nachrichten mit gesprochenen Worten, bewegten Bildern, 360°-Bildern und Foto-Strecken zu einem völlig neuen Medium. Es könnte auf den ersten Blick funktionieren … nur der »Leser« muss diese Melange erst mal verdauen.
Seit Montag gibt es im TYPOblog die werktägliche Serie Die schönsten Bilder aus 15 Jahren. Gestern stand ich vor dem Problem, 850 Serienfotos von Besuchern der TYPO 2005 zu einem 3:20-Minuten-Filmchen zusammenzudampfen – auf die Dauer meiner Hintergrundmusik. Bei den meisten Bildprogramme (iView, iPhoto, Aperture, GraphicConverter) ist 1 Sekunde die geringste Standbilddauer, zu wenig für meine Bildmenge, denn auf diese Art ergäbe sich ein 14-Minuten-Film.
Die kleinen weißen Punkte unter der Frequenzkurve (links) sind die Beat-Marker und wechseln die Dias
Eine kleine Recherche im Netz brachte mich auf iMovie, das ich zum ersten Mal benutzte. Dort lässt sich sehr einfach eine schnell geschnittene Diashow erstellen. So geht’s:
Neues Projekt starten (⌘N)
Auf die Notentaste (♫) klicken und einen Song aus iTunes wählen
Im Icon der Musikdatei das Context-Menü (✲) öffnen und …
Bilder aus iPhoto/Aperture hinzufügen (über die Kamerataste)
Ansehen
Meine Begleitmusik ist der Titel »Zum Zum« des des slowenischen Musikers, Komponisten und Schauspielers Magnifico, bürgerlich Robert Pešut. Ich liebe sein jüngstes Album Magnification (iTunes-Link), das im Herbst 2010 herauskam. Die Musik von Magnifico, der sowohl in Slowenien als auch Serbien seine Wurzeln hat, lässt sich nicht klar verorten. Verantwortlich hierfür ist der wunderbare Stilmix aus Balkan-Bläser, Disko-Beats, Surf-Gitarren, amerikanischer Folk, ex-jugoslawischer Rock, Gypsy-Gesänge und Liebeschnulzen. Dieser Mischung ist es zu verdanken, dass er in keine Schublade passt. Mehr Informationen über Magnifico findet ihr auf der Website unserer Kreuzberger Nachbarn Piranha, die ihn zum Star gemacht haben und mir das OK für die Verwendung des Songs gaben. Von Piranha erfuhr ich auch, dass Magnifico am kommenden Dienstag mit seiner Band im Festsaal Kreuzberg (Skalitzer Str. 130, U-BHF Kottbusser Tor) ein Konzert gibt (25. Januar 2011, um 21 Uhr.) Das schau ich mir an!
Die Schweizer Typografie-Legende Jost Hochuli (links) und sein Schüler Roland Stieger vom Büro TGG, St. Gallen, sprechen im FontShop über gute gestaltete Bücher und die Notwendigkeit von »Apfel i«
Anfang der 1990er Jahre hat FontShop die beiden Standardwerke »Das Detail in der Typografie« und »Bücher machen« zu hunderten an seine Kunden versendet. Ihr Autor: Jost Hochuli, einer der angesehensten Buchgestalter und -Typografen unserer Zeit. Heut war er im FontShop, eine Premiere für beide – denn persönlich waren wir uns bisher noch nicht begegnet.
Jost Hochuli studierte an der Kunstgewerbeschule St. Gallen. Danach arbeitete er als Setzer bei der Druckerei Zollikofer; an der Kunstgewerbeschule Zürich bildete er sich weiter. 1959 schloss er seine Abbildung in Adrian Frutigers Klasse an der Pariser Ecole Estienne ab. Seitdem arbeitet Hochuli als freischaffender Designer und Typograf, spezialisiert auf Buchgestaltung. Im Jahr 1979 war er Mitbegründer der VGS Verlagsgemeinschaft St. Gallen, für die er viel gestaltete. Seit 1967 lehrt Hochuli an Schulen in Zürich und St. Gallen. Er war Herausgeber der jährlich erscheinenden »Typotron«-Broschürenserie (1983-1998) und der Edition »Ostschweiz« (seit 2000).
Hochuli weilte anlässlich seiner Ausstellung »Buchgestaltung in St. Gallen« in Berlin, die noch bis zum 22. 1. 2011 (8:00-20:00 h) an der Kunsthochschule Weißensee zu bewundern ist (Fontblog berichtete: Jost Hochuli in Berlin). Ein persönlich überreichtes Apfel i brachte ihn sofort ins Schwärmen, über die Präzision und die Freiheit des digitalen Gestaltens. Er selbst entwirft zwar nicht mehr so viel am Computer, aber das Internet, Webshops und E-Mail sind seine täglichen Begleiter.
Meine Gretchenfrage hob ich mir bis zum Ende des Besuchs auf: Hat Jost Hochuli eventuell ein Thema für die TYPO 2011? Er zögerte. »Eigentlich wollte ich nur noch Seminare für bis zu 50 Zuhörer geben.« Ich erschrak. Er habe da zwar einige Vorträge, die er hin und wieder mal halte, aber er fände es langweilig, immer dieselben Referate zu halten. Ich versprach ihm, dass kaum ein TYPO-Besucher seine Vorträge kennen werde. Sein ebenfalls anwesender Schüler Roland Stieger unterstützte mich glücklicherweise: »Ich war schon drei mal auf einer TYPO, das erste Mal 2000. Ein Vortrag von Ihnen würden dort wunderbar hinpassen.«
Dann zitierte ich eine Passage aus dem Podiumsgespräch vom Freitag (Fontblog berichtete), als er über den Tunnelblick der Basler und der Züricher Schule lästerte – es fiel sogar die Vokabel »faschistoid«. Auf einmal begannen seine Augen zu leuchten. »Sie bringen mich auf eine Idee. Noch niemand hat etwas über die Entwicklung vom Bauhaus zur Swiss Typography gesagt.« Bingo. Genau das wollen wir von ihm hören. Wir einigten uns auf den Arbeitstitel »Bauhaus – Zürich – Basel … und nebenan«. Mehr wird noch nicht verraten. Freut euch auf die TYPO 2011.
Die Idee ist sympathisch. Zum 30. Geburtstag des IKEA-Regalbestsellers Billy wurde von der Frankfurter Agentur Ogilvy & Mather die Facebook-App Billygram erdacht. Unter dem Motto »Wechselnde Inhalte – doch Billy bleibt immer gleich. Seit 30 Jahren.« konnten sich Billy-Fans über Facebook animierte Kurzmitteilungen zusenden, die aus Billy-Buchstaben bestehen. Der unten eingebettete Film zeigt, wie es funktioniert: Fleißige gelb-blau gekleidete Helferlein sortieren die dunklen Bücher in einem weißen Billiy-Regal so lange, bis sich die eingetippte Nachricht als gepixelter Fototext lesen lässt.
Die Aktion wurde bereits im April 2010 angetreten, ich erfahre aber erst heute davon, weil die Kampagne inzwischen mit Preise bedacht wurde (zum Beispiel eine Bronzemedaille beim DMMA OnlineStar 2010) und für das Werbeblatt Horizont zu den kreativen Highlights 2010 gehört. Nun bin ich seit 8 Wochen nicht mehr auf Facebook, und auch davor habe ich den Kanal selten genutzt – eigentlich nur, um hier und da mal ein »Gefällt mir« zu vergeben, was sich nach wenigen Wochen als die »sinnloseste Social-Media-Erfindung 2010« herausstellte. Doch selbst wenn ich nicht persönlich über ein interessantes typografisches Thema stolpere, erfahre ich meist von Lesern und Freunden davon.
Beim Betrachten des Filmchens, das auch erst 90 (!) mal auf YouTube angesehen wurde, dämmerte es mir: Ist das wieder so eine Idee, die im Selbstauftrag entstand um einen Kreativpreis zu gewinnen … aber nie richtig abhob? Es könnte so gewesen sein, denn der Duktus der Ansprache klingt verdächtig nach einem Briefing (»The Challange. …« »The Idea. …«). Verräterisch auch der Mustertext im Video: »Hi Jury!« … womit kein russischer Billy-Fan gemeint ist, sondern das Facebook-Mitglied Jury Member.
Agentur: Ogilvy & Mather Frankfurt
Executive Creative Director: Michael Kutschinski
Kreativdirektion: Dr. Ulf Schmidt, Uwe Jakob
Text: Marcus Pfeiffer
Art Director: Daniel Schweinzer
Motion Design: Klaus Martin Michaelis
Flash Animators: Valentina Kusmin, Jens Steffen, Sebastian Hilbert
Typografie: Daniel Schweinzer, Tanja Oppel
Wenn das kein perfektes Last-Minute-Geschenk für Typografie-Verrückte ist: komplette Werke der Weltliteratur, gesetzt in 3 Pt. und gedruckt auf einem 130 g Alster-Werkdruck-Poster im Format 70 x 100 cm.
Die Designer der Plakate, Blotto Design in Berlin, beschäftigten sich immer wieder mal mit Fragen wie: »Ist es möglich, einen kompletten Roman auf eine einzige Seite zu drucken? Wird der Text lesbar sein? Verbirgt sich hinter dem Werk ein geheimes Raster, eine Struktur? Was werden Leser und Schriftfreunde sagen, wenn wir so etwas setzen und drucken?«
Andreas Trogisch und sein Team machten es einfach, und die ersten Fachleute sind verblüfft, zum Beispiel Rene Wanner in der Schweiz: Experimental posters from Blotto Design, Berlin. Inzwischen sind 4 Bücher auf diese Art gedruckt worden: Das Kapital, Band 1 (Karl Marx), Faust Teil 1 & 2 (Johann Wolfgang von Goethe), Die Ilias (Homer) und Macbeth (William Shakespeare), letzteres sogar als Tabelle. Sie alle sind zu begutachten und zu bestellen (20 € das Stück) auf der eigens eingerichteten Website All The World’s A Page.
Auf dieser Seite schreiben die Designer: »Stellt Euch vor, alle 200 000 Wörter aus Karl Marx’ Kapital sind mit einem Blick zu erfassen, ohne eine Seite umzublättern. Im Zeitalter von E-Book und iPad hat Blotto Design mit diesem Projekt auch einen ironischen Kommentar zur Verbreitung von digitalem Text gegeben, der – unabhängig vom Medium – jedwede Form annehmen kann, auch die eines Plakats.«
Der Beginn von Karl Marx’ Das Kapital, piekfein gesetzt in 2,55 Pt Malaga (Xavier Dupré) mit Kapitälchen, zweifarbig – zum Größenvergleich eine Büroklammer
Mit dem Erscheinen der BILD-App hat der Verlag Axel Springer gestern das eigene Online-Angebot unter www.bild.de für iPad-Nutzer gesperrt. Stattdessen leitet der Safari-Browser den Besucher auf die Werbeseite bildgehtapp.bild.de weiter (Abbildung oben). Ein weiterer Fingertip führt direkt in den App Store zur 79 Cent teuren iPad-App. Mit dem Apple iPhone lässt sich die mobile Bild-Website jedoch wie gewohnt mit dem Safari nutzen.
Um die Bild-Website wie gewohnt auf dem iPad zu nutzen, empfiehlt das Computer-Magazin Chip den alternativen Browser Mercury Web Browser Lite (kostenlos). Dieser erlaubt in den Einstellungen die Manipulation der User-ID, indem man bei »Identify Browser as« zum Beispiel Opera, Firefox oder einen anderen Browser eingibt, der bei Axel-Springer als Nicht-iPad-Browser identifiziert wird.
… aus dem Hause MetaDesign. Auch in diesem Jahr erfreut das Berliner Designbüro die FontShop-Mannschaft mit ihrer traditionellen Grußkartenbox – ein Dutzend aufwändig gestalteter und vor allem (wieder)verwendbarer Weihnachts-Faltkarten. Mein Favorit ist das oben gezeigte Zimtstern-Rezept für Grafiker, das sich der weit verbreiteten Pantone-Colorchip-Metapher bedient. Sieben geprägte und lackierte Farbfelder stehen für die Zutaten und ihre Farbe, jeweils mit Mengenangabe; auf Seite 4 der Karte befindet sich das ausführliche Rezept in Prosa. Großartig.
Beinahe hätte ich diesem Buch Unrecht getan. Heute morgen grübelte ich noch darüber, ob es schon mal die Fontblog-Überschrift »Akademischer Scheiß« gegeben hat. Wenn nicht, wäre heute der Tag dafür. Noch nie habe ich ein »Einführung in die Typografie in Händen gehalten«, die keine Typografie enthält und noch dazu typografisch schlecht gestaltet ist. Was ist denn her eigentlich los? Thema verfehlt? Erst mal mittagessen.
Ich gebe offen zu, dass mich akademisch Ausschweifendes zu Tode langweilt. Den Beweis, dass ich mit dieser Auffassung nicht alleine bin, lieferte mir in den letzten Jahren der ein oder andere TYPO-Auftritt. Wenn schon vor Beginn eines Vortrags ein Drittel der Besucher den Saal verlässt, weil gerade ein Overhead-Projektor (Polylux) auf die Bühne geschoben wird, folgt garantiert ein zweites Drittel 15 Minuten später, wegen unerträglicher Umständlichkeit des Gesprochenen und Gezeigten. Auf einer Designkonferenz für Kommunikationsprofis geht so was nicht durch.
Und so ziehe ich mir den Schuh auch nicht an, dass ich das Buch (die Broschüre), um das es hier geht, auf den ersten Blick falsch verstanden hätte. Manchmal gibt es keinen zweiten Blick … heute gab es ihn mehr oder weniger zufällig, weil ich beim Mittagstisch was Gedrucktes lesen wollte. Gutes Design muss auf den ersten Blick funktionieren, anmachen. Man verwechsle das bitte nicht mit Verflachung. Übersetzt in die Sprache der Popmusik: es darf gerne so eingängig wie ABBA oder Petshop Boys sein, bei Gorillaz oder Kanye West wird’s richtig spannend – doch was unter Alternative oder World Music läuft, erfordert Geduld, und diese ist im Job nur in unbegrenzten Mengen verfügbar.
Beim Mittagessen lese ich erst mal das Vorwort. Keine gute Visitenkarte, denn es ist (1.) zu klein gesetzt für den Leseabstand, der sich ergibt, wenn man eine große Schale vietnamesischen Salat unterm Kinn stehen hat und 35 cm darüber das aufgeschlagene Buch … (2.) ist es aus der dicktengleichen Schreibmaschinen-Schrift Letter Gothic (Linotype) gesetzt, die (3.) unfassbar mager im Offset-Druck zu Papier kommt – als ob es nicht die kräftigere, proportionale FF Letter Gothic Roman von Albert Pinggera gäbe. Die Autoren müssen sie kennen, denn sie empfehlen in ihrem Buch unsere Website 100besteschriften.de, auf der ich ausführlich auf die Schwäche der alten und die Stärke der neuen Letter Gothic eingehe.
Zumindest inhaltlich spricht das Vorwort von »Read + Play« eine klare Sprache: »Read + Play verrät keine Details sondern ist der Navigator durch den Dschungel des Fachwissens. Seine Aufgabe ist es, eine Orientierung zu geben, welche Bereiche in der Typografie besonders relevant sind und welche Bücher, Publikationen oder Links darüber hinaus weiterführende Auskünfte geben.« Jetzt verstehe ich: Das vertiefende Studium beginnt erst nach der Lektüre von Read + Play, in der Fachliteratur, die das Buch ausführlich und fundiert empfiehlt. Es ist also keineEinführung in die Typografie, sondern ein Inhaltsverzeichnis zur Einführung in die Typografie. Also doch Thema verfehlt, nein: Thema falsch benannt.
Und dieses Thema ist wichtig. Darum ist auch dieses Buch wichtig, auch weil es so etwas zuvor noch nie gab. Read + Play gliedert sich in vier Kapitel. In Teil A geht es um das Beziehungsgeflecht zwischen Typografie, Kommunikation, Kultur und Gesellschaft. In Kapitel B werden typografische Grundsatzfragen behandelt. In Kapitel C diskutieren Lehrende der FH Mainz (gleichzeitig Arbeitsplatz der Herausgeber) über verschiedene im Buch auftauchende Fragestellungen. Kapitel D enthält Kurzbeschreibungen der empfohlenen Publikationen sowie weitere Links und Hinweise. Das Werk richtet sich damit gleichermaßen an Studienanfänger und Fortgeschrittene.
Abschließend ein Wort zur Zweisprachigkeit des Buches, die in meinen Augen nicht lesefreundlich gelöst ist. Mal abgesehen davon, dass sich der Sinn des vorderen Titel (deutsch) und der des gleich gestalteten hinteren (englisch) Titels bei einem Werk, das »Read + Play« heißt nur auf den dritten Blick erschließt: die Sprachen stören sich gegenseitig, weil sie miteinander verwoben sind. Man liest immer nur die rechte Seite – in seiner gewählten Sprache, die linke steht auf dem Kopf und ist in der zweiten Sprache verfasst und stammt aus dem hinteren Teil des Buches, wenn man gerade im vorderen Teil der ersten Sprache liest. Verstanden?! Nein?! Genau das ist es, was ich ursprünglich »akadmischen Scheiß« nennen wollte. Da das Werk aber im Willbergschen Sinne (dessen Bücher Wegweiser Schrift, Lesetypografie und Erste Hilfe in Typografie selbstverständlich zu Recht dringend empfohlen werden) das konsultierende Lesen voraussetzt, darf es das. Und so gesehen, passt es auch wieder zusammen.
Daher meine dringender Empfehlung an Typografie-Neu-/Quer-/Seiten- und Vonwoauchimmer-Einsteiger: Kauft das 144-seitige Read + Play von Prof. Jean Ulysses Voelker und Peter Glaab, fadengeheftet, für nur 18,50 € im Shop von designinmainz.de.
Vergangenen Dienstagabend lud FontShop seine Berliner Kunden ins Kulturforum, um dort gemeinsam die Ausstellung Welt aus Schrift anzusehen (Fontblog berichtete: Sehen wir uns in 3 Wochen?). Binnen 24 Stunden meldeten sich 300 Interessierte zu dieser Veranstaltung an. Dies war für uns der Anlass, neben Erik Spiekermann einen zweiten Ausstellungsführer zu engagieren, nämlich Florian Hardwig. (Fotos: Alexander Blumhoff und Bernd Rudolf; klicken zum Vergrößern)
Florian Hardwig (links) und Erik Spiekermann führten jeweils 150 Besucher durch die Ausstellung, ausgestattet mit Funkmikrofon und kabelloser Verstärkerbox
FontShop-Vorstand Jürgen Siebert und die beiden Schriftexperten begrüßen die Besucher im Foyer der Kunstbibliothek und erläutern, was in den kommenden 2 Stunden passieren wird