— Reportage —


10 Praxistipps zu Lion (1/3)

Warum? Ganz einfach: Ich arbeite seit 1986 an Macs, kenne die Geschichte des Betriebssystems aus dem Effeff, einschließlich verloren gegangener Funktionen und dauerhafter Ärgernisse. Und deshalb glaube ich, dass meine 10 Tipss für erfahrene Mac-Benutzer hilfreich sein könnten … für Einsteiger sind sie es sowieso.

1. Natürliches Scrollen, Trackpad-Bedienung.

Seit rund einem Jahr verwende ich an meinem MacBook keine Maus mehr, weil die Bedienung über Trackpad-Gesten immer raffinierter wurde … vorausgesetzt die Voreinstellungen stimmen. Zum Beispiel sollte »Klick durch Tippen« angehakt sein und bei »Sekundärklick« die Option »Mit zwei Fingern klicken oder tippen«. Im Ergebnis ergibt dies eine muskel- und gelenkschonende Fingerspitzen-Bedienung, weil man nicht mehr klicken, also das Trackpad nach unten drücken muss.

Mit »natürlichem Scrollen« bezeichnet Apple die seit Lion umgekehrte Laufrichtung des Fensterinhalts nach oben und unten sowie nach links und rechts. Diese entspricht jetzt den Gesten auf den Touchscreens von iPad und iPhone und nicht mehr der Bewegung des Rollbalkens. Dass Rollbalken seit über 30 Jahren in die falsche Richtung laufen, scheint ein Unfall der Computergeschichte zu sein, wenn man diesen neueren Kommentar das Apple-Lisa-Mitentwicklers Larry Tesler richtig interpretiert.

Wer seinen Mac weiterhin mit der Maus bedient, braucht sich weder um natürliches Scrollen noch um Gesten zu kümmern, sondern sollte das neue Scrollverhalten einfach gemäß der bisherigen Gewohnheit zurückstellen (Einstellungen ➔ Trackpad). Ich empfehle bei dieser Gelegenheit zugleich ein Augenmerk auf die rechte Maustaste (Sekundärtaste) und ihre Funktion zu werfen: das einblendbare Kontextmenü kommt bei mir jede Minute zum Einsatz, ich kenne aber kaum jemanden, der das benutzt … weil schwer zu entdecken.

2. Safari oder Chrome oder Firefox oder …

Seit rund einem Jahr setze ich Google Chrome als Browser ein. Und ich tue es weiterhin, obwohl ich Safari mindestens einmal in der Woche eine Chance gebe, zuletzt sogar täglich. Die neuste Version hat drei wunderbare integrierte Funktionen, die ich liebend gerne benutzen würde:

  1. den Reader, für das ungestörte Lesen und Drucken von Texten
  2. blitzschnelles Rückwärtsblättern im Tab-Fenster (Historie) und
  3. die Leseliste (Seiten ablegen zum Späterlesen).

Es hat aber auch drei Defizite in Bereichen, die ich viel häufiger benutze als Readern, Historie und Späterlesen. Und dabei würde mir Safari – über den Tag gerechnet – Minuten meiner Arbeitszeit stehlen:

  1. Das schnelle Schließen zuletzt geöffneter Tabs durch das Klicken auf eine Stelle – funktioniert in Safari nicht, weil das Schließkreuz auf der linken Seite der Tabs liegt, und sich ständig verschiebt bei dynamischer Tabbreite
  2. immer wieder Probleme mit essenziellen Extensions, zur Zeit mit der von 1Password
  3. Die Performance von WordPress ist unerträglich, genau so wie das Öffnen sicherer Seiten.

Fazit: Wer nicht mit WordPress arbeitet, das tabbed Browsing selten benutzt und seine Passwörter nicht mit 1Password verwaltet, wird mit dem aktuellen Safari so glücklich sein wie nie zuvor. Und Firefox? Steckt in einer selbst verschuldeten Sackgasse.

3. Finder: individuell sortierte Spaltenansicht

Darauf habe ich seit 10 Jahren gewartet: Dass sich die Spaltenansicht des Dateisystems im Finder individuell sortieren lässt (statt alphabetisch). Dass Spalten die schnellste und platzsparendste Navigation darstellen, war bereits kurz nach Erscheinen von OS X klar. Allein die unveränderbare alphabetische Sortierung war Unsinn. Jetzt kann man nach Art. Grüße, Etikett und einigem mehr sortieren lassen, aber das Nützlichste für den Workflow ist schicht und einfach: Änderungsdatum (oder auch zuletzt geöffnet). Damit stehen die Dateien, an denen man gerade arbeitet, immer ganz oben in den Listen/Spalten. Und da diese Sortierung nicht nur im Finder, sondern auch beim Öffnen-Dialog aus einer Anwendung heraus angeboten wird (z. B. das Laden eines gerade bearbeiteten Fotos), bedeutet dies gleich doppelte Zeitersparnis beim Suchen weiter zu verarbeitender Dateien.

Was ist der Pantone ColorChecker® Lighting Indicator?

Am Montag habe ich auf den raffinierten neuen Pantone Field Guide Fächer aufmerksam gemacht, der nicht nur schön verpackt ist, sondern gleich mehrere Funktionen in einem Tool vereint: Inspiration (Fächer), Kontrolle (Chip) und sogar einen Neutrallicht-Checker enthält. Nachdem Kunden bei uns angefragt haben, wie dieser funktioniert, soll seine Funktion hier kurz erläutert werden.

Beim patentierten Pantone ColorChecker® Lighting Indicator handelt es sich um einen Farbindikator am Ende des Fächers, mit dem ich prüfen kann, ob ich mich mit meinem Fächer aktuell in neutralem Licht befinde. Ich habe das in der obigen Abbildung versucht zu simulieren, links das Falbfeld aufgenommen bei Tageslicht, rechts unter einer Schreibtischlampe … und siehe da: Unter neutralem Licht sieht man eine gleichfarbige olivgrüne Farbfläche, unter nicht neutralem Kunstlicht sind zwei verschieden Farbflächen zu erkennen. Weitere Erläuterungen zu dem Testfeld auf dieser Pantone-Seite: www.pantone.com/lightingindicator

Berlin bekommt »Internet-Uni«, powered by Google

Unabhängiges Forschungsinstitut für Internet und Gesellschaft startet mit vier Partnern, Google ist Initiator und erster Geldgeber

Eric Schmidt, Executive Chairman von Google, hatte es Anfang des Jahres angekündigt, nun wird es Wirklichkeit: Gemeinsam mit führenden Universitäten und Forschungseinrichtungen initiiert Google ein unabhängiges Forschungszentrum für Internet und Gesellschaft in Berlin. Ich war heute morgen auf der Pressekonferenz zur Gründung des Instituts, dessen Forschungsergebnisse auch für die Kreativbranche von großem Interesse sind, zumal der Mitbegründer von Jovoto zu den Vätern des neuen Instituts gehört und mit auf dem Podium saß.

Die Humboldt-Universität zu Berlin (HU), die Universität der Künste Berlin (UdK) sowie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) werden bis Herbst 2011 gemeinsam das Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin gründen. Dies gaben die Präsidenten der drei Berliner Hochschulen, Prof. Jan-Hendrik Olbertz, Prof. Martin Rennert und Prof. Jutta Allmendinger, heute auf einer Pressekonferenz in Berlin bekannt. Das neue Institut wird von Google mitfinanziert (1,5 Mio pro Jahr, begrenzt auf 3 Jahre), ist aber in seiner wissenschaftlichen Arbeit und Organisation autonom. Ziel des Instituts für Internet und Gesellschaft ist es, die vom Internet ausgelösten und verstärkten Veränderungen der Gesellschaft besser zu verstehen und allen Gruppen die Mitgestaltung der digitalen vernetzten Zukunft zu ermöglichen.

Das Gründungsteam des Instituts für Internet und Gesellschaft, von l. nach r.: Dr. Max Senges (Google), Prof. Thomas Schildhauer (UdK), Dr. Jeanette Hofmann (WZB), Dr. Wolfgang Schulz (HBI), Prof. Ingolf Pernice (HU) und Ahmet Emre Acar (Ansprechpartner des Instituts)

Der Präsident der Universität der Künste Prof. Martin Rennert betonte die Bedeutung der Gestaltung für ein solches interdisziplinäres Instituts. »Die vielfältigen Fragestellungen – rechtliche, ethische, wirtschaftliche, aber auch politische –, welche uns durch neue Kommunikationstechniken auf den Tisch gekommen sind, müssen auch von Seiten einer Universität bearbeitet werden, die sich in all ihren Fächern der nuanciertesten Kommunikation durch Künste und Gestaltung widmet. Es gibt in der UdK Berlin keinen Studiengang, in welchem entsprechende Fragen nicht zum täglichen Brot gehören.« Die Einflüsse des Internets wirkten sich nicht nur stark auf die visuelle Kommunikation aus, sondern würden auch entscheidend von der Gestaltung mitgeformt.

Ebenfalls interessant für Designer: Prof. Thomas Schildhauer, Mitbegründer der Crowdsourcing-Plattform Jovoto, gehört ebenfalls zum Gründungsteam des neuen Instituts. Der Informatiker, Marketingexperte und Internet Forscher gründete 1999 und leitet seitdem als Direktor das größte An-Instituts der UdK, das Institute of Electronic Business (IEB). Sein Lieblingsthema sind die Schwarmintelligenz und internetbasierte Geschäftsmodelle. Auf der Pressekonferenz betonte er, dass das neue Institut als zentrale Anlaufstelle zur Beobachtung, Analyse und Bewertung internetbasierter Innovationen diene. »Insbesondere die Rolle des Nutzers im Innovationsprozess soll untersucht werden.«

Großen Wert werde in der neuen Forschungseinrichtung auf den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft gelegt. Dabei ermögliche die Expertise der Direktoren in den Themengebieten eine auf die Menschen fokussierte Untersuchung der Wechselwirkungen von Internet und Gesellschaft. Um die Unabhängigkeit des Instituts sicher zu stellen, existieren von Anfang an zwei Gesellschaften: Eine Fördergesellschaft gewährleistet die Finanzierung des Instituts; das unabhängige Institut als Forschungsgesellschaft bestimmt die Inhalte und Ziele. Ein wissenschaftlicher Beirat wird die Forschungsarbeit des Instituts kritisch begleiten.

Das neue Institut soll als An-Institut der Humboldt-Universität gegründet und in den Räumen der dortigen Juristischen Fakultät untergebracht werden. Die offizielle Eröffnung des Instituts für Internet und Gesellschaft ist für Ende Oktober 2011 geplant. Zum Start der Forschungsarbeit werden die Gründungspartner zu einem internationalen Symposium nach Berlin einladen.

Heute morgen im Bergmann-Kiez

In dieser Stunde startet die Berliner Fashion Week durch. Die Messen öffnen ihre Pforten und die großen Laufstegschauen beginnen. Den Auftakt im Zelt am Brandenburger Tor bestreitet der Nachwuchsdesigner Michael Sontag. Tausende Besucher strömen zu der auf Streetwear spezialisierten Messe Bread & Butter auf dem Flughafen Tempelhof, ein Steinwurf weg vom FontShop.

Die Straßen run um die Bread & Butter sind nicht nur mit Taxen und geschäftigen Mode-Menschen überfüllt: außergewöhnliche Werbemaßnahmen erregen die Aufmerksamkeit der Passanten. Das spanische Young-Fashion-Schuh-Label Coolway hat sich zum Beispiel eine hippe Guerilla-Marketing-Aktion ausgedacht. In den Fahrradständern des Bergmann-Kiez stecken 1:1-Pappkarton-Fahrradmodelle, beschriftet mit dem Coolway-Logo und dem Hinweis »Scan & Score«, die zum Einlesen eine QR-Codes auffordert.

An Ampeln hängen Karton-Ghettoblaster, an Laternenmasten Skateboards auf Pappe. Allein das Ziel der Barcode-Reise ist eher enttäuschend. Statt auf einer farbigen Produktseite landen die mobilen Surfer auf einer trostlosen Likify-Landing-Page, die zum Facebook-Liken auffordert. Da hätte ich mir aber einen spannenderen Abschluss gewünscht.

Vorankündigung: Typostammtisch-Pecha-Kucha

Am kommenden Donnerstag findet zum 25. Mal der Berliner Typo-Stammtisch statt, gegründet und veranstaltet von Ivo Gabrowitsch (@typostammtisch). Und wieder einmal nutzen zehn Mitwirkende diesen Abend in der Kreuzberger Gaststätte Max & Moritz dazu, ihre Vortragskunst in Form eines Pecha-Kucha-Referats weiter zu entwickeln: 20 Folien à 20 Sekunden, macht 6 min und 40 Sekunden Rededauer pro Kandidat. Hier das aktuelle Line-up:

  • Ole Schäfer »Rockdesign«
  • Alex Branczyk »Keine Bahnhofs-, eine Flughafenschrift!«
  • Jürgen Siebert »Die 10 größten Designjobmissverständnisse«
  • Frank Rausch »Money, Money, Money«
  • Georg Seifert »Glyphs (Teil 2)«
  • Andreas Frohloff »Einblicke in meine Federsammlung«
  • Christine Gertsch »Modono Mio«
  • Silke Schaffrath & Ilja Wanka »Kultur gut stärken«

Ihr seht: 2 Live-acts sind noch zu vergeben … mitmachen, lampenfiebern und ein Jahr später auf der TYPO-Bühne stehen.

In meinem Beitrag werde ich versuchen – anders, als die unendlich langen Bemühungen der europäischen Währungshüter bei der Griechenland-Rettung –, binnen Minuten ein überzeugendes Sanierungskonzept für die Grafikdesignbranche zu präsentiern. Auf 20 Folien entlarve ich – in einem Countdown à la David Letterman – die 10 dämlichsten Vorurteile der Designszene, beginnend mit Platz 10 (dem am wenigsten dämlichsten) und endend mit Platz 1 (dem top-dämlichsten Jobmissverständnis in der Designwelt). Eine Schnellumfrage unter einem Dutzend Design-Koryphäen hat mir dabei geholfen, die Thesen fundiert zu entwickeln. Jede der 10 Thesen wird auf 2 gespiegelte Sichtweisen präsentiert:

  1. als entlarvendes, bereits verinnerlichtes Selbstbild des Designers
  2. als sprach-taktisches Manöver seines Auftraggebers

Nachfolgend ein Beispiel zur Verdeutlichung, das nicht im Vortrag enthalten ist. Der Designer eines Buchumschlags hat das 800-seitige Werk inzwischen gelesen und glaubt, dass sein erster Entwurf (entstanden vor dem Lesen des Buchs) doch nicht so gut ist wie sei neuer (nach dem Lesen des Buchs entstanden). Seine (falsche) Selbstsicht: Der zweite Entwurf ist immer besser als der erste! (diese Aussage stünde dann auf meiner 1. Folie). Anschließend folgt die Sichtweise des Verlegers (= Auftraggeber, 2. Folie), die um einiges härter ist als das Selbstbild des Designers: »Glauben Sie, dass wir mit diesem Titelbild auch nur ein Buch mehr verkaufen werden?« Hammer, oder?! Und so geht das 10 mal volle Kanne weiter … 20 Slides.

Ich hoffe, wir sehen uns am Donnerstag im Max & Moritz.

Exklusivschrift für den Berlin Brandenburg Airport

[Dieser Beitrag erschien am 20. Mai unter dem Titel »Eine Flughafen-, keine Bahnhofsschrift« im TYPOblog und beschreibt die Präsentation der BBI-Hausschrift von Alex Branczyk auf der TYPO Berlin 2011. Der Text erscheint hier im Fontblog, leicht ergänzt und mit aktuellen Abbildungen versehen. Autor: Harry Keller.]

Abflug und Landung: Die Schrift für den neuen Flughafen Berlin Brandenburg International

»Ist das jetzt Arial oder Helvetica? Keine Ahnung.« Über diese Art typografischer Weltfremdheit kann der TYPO-Berlin-Besucher nur milde lächeln. Natürlich kennen wir die Unterschiede zwischen diesen beiden Schriftarten: Am G, am R, am C, um nur einige zu nennen … ein Dutzend Websites widmet sich ausführlich der Anatomie dieser beiden Schritarten. Dass der flapsige Spruch aus dem Munde eines Vortragenden stammt, verwundert zunächst. Doch Alexander Branczyk darf das. Er hat die Schrift für den Berlin Brandenburg International Airport entwickelt.

Um diese ging es zunächst gar nicht. Stattdessen stellte er andere Projekte vor, zum Beispiel ein Haus in Berlin Marzahn, das aus Buchstabenreihen konstruiert ist. »Christlicher Garten« heißt der Bau, über den Fontblog schon mehrfach berichtete, und er ist zweifellos einen Besuch wert … Aber sollte nicht die neue BBI-Schriftart präsentiert werden? Das sah Branczyk dann auch irgendwann – fast widerwillig – ein und legte los.

Seine Büro Xplicit ist auf dem Typografiegebiet nicht unerfahren, schließlich entwickelte es die typografischen Komponenten im Spardabank- und Duravit-Erscheinungsbild. Im Vergleich mit diesen Projekten erscheint die Aufgabe, einen Flughafen mit Buchstaben zu bestücken, ungleich verantwortungsvoller, weshalb das Publikum zunächst einen Einblick in die Recherchearbeit bekam. Fazit: Viele Flughäfen sehen gleich oder zumindest ähnlich aus: Frutiger, Arial und Helvetica dominieren schwarz auf gelbem Grund das Bild der Airport-Leitsysteme.

Dagegen sträuben sich Branczyk und seine typophilen Mitstreiter von Xplicit, sowie der hinzugezogene Schriftentwerfer Georg Seifert. Sie und die für das Gebäudeleitsystem verantwortlichen Moniteurs Berlin fanden, dass es an der Zeit sei, die omnipräsente Frutiger abzulösen. Die Uniformität der internationalen Airports widerstrebt ihnen, sie wollen Individualität. Nicht eine Schrift für alle Flughäfen, sondern passende für jeden einzelnen.

Dennoch begann die Arbeit mit der Frutiger, schließlich ist diese für ihre Lesbarkeit bekannt und wurde ursprünglich von ihrem Namensgeber für den Charles de Gaulle Flughafen in Paris entworfen. Dann jedoch begannen bei Xplicit die Überlegungen, wie man die Schriftart an die Umgebung Berlin-Brandenburg anpassen könne. Zunächst fiel das Flughafengebäude selbst ins Blickfeld: Dieses empfängt den Reisenden mit einer geometrisch-kantigen, konstruktivistischen Architektur. Daran solle sich auch die Schrift orientieren, fand Xplicit und entschied sich gegen Verspachtelungen, gegen ein zu weiches, organisches Erscheinungsbild.

Stattdessen sollte die neue Type aufrecht, konstruiert, gerade und schlank wirken: Leichtigkeit ausstrahlen, als würde sie fliegen. Unter diesen Gesichtspunkten wurden die Buchstaben geöffnet, verschlankt, weniger bauchig konzipiert. Desweiteren ließ Xplicit typographische Feinheiten wie die tz-Ligatur der Berliner Straßenschilder einfließen – ob solche Details es letztendliche in die finale Schrift geschafft haben, durfte oder wollte Branczyk nicht verraten. Die Präsentation des gesamten Corporate Design fand erst am 3. Juni dieses Jahres statt, also nach Branczyks Präsentation im Haus der Kulturen der Welt.

Eine weitere Besonderheit findet sich bei der Anbringung des Leitsystems im Flughafen: Hier wird weitestgehend auf hängende, applizierte Schilder verzichtet. Stattdessen werden die Lettern direkt auf den dunklen Holzvertäfelungen des neuen Airports angebracht. Dadurch integriert sich die Schrift besser, sie wird Bestandteil der Architektur.

Lesbarkeits- und Funktionstest des Gebäudeleitsystems der Moniteurs

Ein Vortrag über eine einzige Schriftart – das gibt es nur auf der TYPO-Konferenz. Die rund 200 Zuhörer, darunter der Schriftenpapst Erik Spiekermann in der ersten Reihe, wissen selbstverständlich alle, welche Arbeit in der Erstellung einer solchen Schriftfamilie steckt, die sowohl für das Leitsystem, die Drucksachen wie auch die Website von BBI geschaffen wurde. Den eiligen Fluggästen hingegen, die Arial und Helvetica tatsächlich nicht unterscheiden können und ab dem kommenden Jahr tagtäglich durch BBI eilen und vom durchdachten Leitsystem profitieren werden, bleibt dies sicherlich verborgen.

Gut, böse, hässlich: Supermarkt-Typografie

Ein jeder mache den Selbsttest: Was fällt dir zu Lidl ein? Was fällt dir zu Edeka ein? Was fällt dir zu Penny ein? Was fällt dir zu Netto ein? Es gibt Supermarktketten, die habe sich – visuell oder mit bestimmten Produkten – in unserer Erinnerung verankert. Andere lösen partout kein Bild in unserem Gehirn aus. Oder nur Puzzlesteine. Denke ich an Aldi (Nord), assoziiere ich eine Halle mit vielen Paletten, Kartons und Büchsen. Zu Penny fällt mir gar nichts ein. Rewe ist aufgeräumt, dort gibt es alles, neben der billigen Eigenmarke ja! sogar prima Premium-Produkte.

Zwei aktuelle und leseswerte Blogbeiträge (bei Faz.net/Supermarktblog und Fonts in use) beschäftigen sich mit dem Thema Lebensmittelketten und ihre Typografie. Mit dem Autor des Beitrags Netto verpasst seiner Eigenmarke ›BioBio‹ schon wieder ein neues Design, Peer Schader, habe ich kurz gesprochen. Wir haben gemeinsam die Schriften identifiziert, mit denen BioBio damals, zwischenzeitlich und heute wieder in Erscheinung tritt. Meine Vermutungen zur Schriftwahl sind in seinem Beitrag zitiert, aber nicht so scharf, wie ich es hier machen kann und werde:

Schader glaubt, dass der grauenhafte visuelle Auftritt von Netto System habe … man wolle eben billig aussehen. Ich dagegen glaube, dass sich der visuelle Auftritt von Netto (und manch anderer Billigläden) auf purem Unvermögen stützt. Bei der Schriftwahl von BioBio gehe ich von einer Zufallsentscheidung aus: Man hat genommen, was gerade auf dem Grafikrechner geladen war, nämlich die allgegenwärtigen Klassiker der Betriebssysteme bzw. der mit dem Grafikprogramm gelieferten Fonts. Anders kann ich mir die Beliebigkeit der Textgestaltung nicht erklären.

Billig sein ist eine wichtige Markenqualität im Discount-Bereich. Wie alle anderen Markeneigenschaften auch, muss sie professionell kommuniziert werden. Plus hat das einst mit den »kleinen Preisen« vorgemacht, auch MediaMarkt und Easy Jet verstehen es, preisbewusste Kunden gezielt anzusprechen. Darum bin ich verwundert, dass viele Menschen (durchaus auch Designer) die Eigenschaft billig mit minderwertig in der Kommunikation gleich setzen. Leider finden wir viel zu häufig Bestätigungen für die Gleichung billig = schlecht gemacht. Richtig und ökonomisch schmerzhaft ist aber die Gleichung: schlecht gemacht = schlechte Werbung.

Erinnern wir uns noch mal an das heftig diskutierte Schrottschild für die Berliner Fahrschule Edelweiß: Ronald W. ist sauer auf uns Typografen. Es blieben drei überraschende Erkenntnisse, nach 137 Kommentaren:

  • der Schöpfer wusste nicht, was er (typografisch) tat
  • weniger (Effekte) wäre mehr gewesen und damit:
  • gute Typografie ist billiger als schlechte Typografie

Die Autorin des zweiten lesenswerten Beitrags zur Supermarkt-Typografie ist die Hochschullehrerein und TYPO-Moderatorin Indra Kupferschmid. Für das englischsprachige Blog Fonts In Use hat sie sich mit der Schriftwahl der nordhessischen Handelskette Tegut auseinandergesetzt, deren Erfolgsgeschichte in ihrer Heimatstadt Fulda begann und im Handelsmarketing als Vorbild taxiert wird. Ich schätze mich glücklich, just in der letzten Woche zum ersten Mal einen Tegut betreten zu haben, dessen Filialen sich inzwischen bis in meine südhessische Heimat ausgebreitet haben. Das Einkaufen hat richtig Freude gemacht. Ich fühlte mich als Kunde ernst genommen, was viel mehr mit Regalen, Wegen, dem Angebot und Tageslicht aus Fenstern zu tun hatte als mit der – in der Tat vorzüglichen – Typografie. Aber lest selbst: Good groceries deserve good typography.

Sorry, Coca-Cola, versteh’ nur Bahnhof

Heute Morgen auf meiner Cola-Dose: »Warum dann nicht auch alles kann und zero muss?« Wer kann mir übersetzen Satz das? (mehr Zero-Büchsen hier …)

Die Vorratsdaten von Malte Spitz, sichtbar gemacht

Wir wissen es alle, und doch erschreckt uns diese interaktive Grafik: Das Bewegungsprofil des Grünenpolitikers Malte Spitz, ermittelt aus den Vorratsdaten seines Handys und über einen Zeitraum 6 Monaten grafisch dargestellt. Bereits Ende Februar veröffentlichte ZEIT Online diese Grafik, die inzwischen auch international für aufsehen sorgt.

Was sich genau aus den gespeicherten Handy-Daten ermitteln lässt, konnten sich die meisten Menschen bis dato nur in ihrer Phantasie ausmalen, praktische Beispiele gab es keine. Malte Spitz hat sich deshalb entschlossen, seine Vorratsdaten aus dem Zeitraum August 2009 bis Februar 2010 offen zu legen. Zuvor musste er sie erst mal bekommen, was nur über eine Klage gegen die Telekom gelang. Die ZEIT bietet diese Daten über Google.docs sogar als Spreadsheet zum Download an.

Aus den 35.831 Zeilen (= Meldungen des Handys an die Telekom) haben ZEIT Online und OpenDataCity ein halbes Jahr aus dem Leben des Politikers nachgezeichnet. Hierzu reicherten die Infografiker die Geodaten mit frei im Netz verfügbaren Informationen aus dem Leben des Abgeordneten an, ermittelt aus TwitterBlogeinträge und Webseiten. In der Summe ergeben diese Daten ein Bild, das Ermittler »Profil« nennen: Ein glasklares Protokoll über den Tagesablauf inklusive der Gewohnheiten und Vorlieben des Malte Spitz.

Im Wortlaut: Spiekermanns Masterplan

Die Rede von Johannes Erler zur gestrigen Ausstellungseröffnung »erik spiekermann. schriftgestalten«

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Frau Dr. Jaeggi,
lieber Erik,

vielen Dank für die Einladung, ein paar Worte zur Eröffnung dieser Ausstellung sagen zu dürfen. Ich fühle mich geehrt.

Dieser Abend ist ja so etwas, wie ein Heimspiel für Erik Spiekermann. Wir sind in Berlin, das ist seine Stadt. Wir befinden uns an einem Ort, an dem man den Begriff Design ausnahmsweise einmal nicht grundlegend erklären muss. Und wenn ich mich umschaue, dann sehe ich viele bekannte Gesichter. Die meisten unter Ihnen kennen Erik und seine Arbeit, viele von Ihnen haben Ihn über viele Jahre begleitet.

Ich werde Ihnen Erik Spiekermann also nicht in aller Ausführlichkeit vorstellen. Ich werde nicht über den Schriftengestalter und Typografen Erik Spiekermann sprechen, der gleich mehrere der einflussreichsten Schriften der vergangenen 20 Jahre geschaffen hat, von denen gleich vier vor kurzem in die ständige Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen wurden.

Ich werde nicht über den Designer und Bürogründer Erik Spiekermann sprechen, der vor ein paar Wochen erst den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk erhielt und den sicher noch so manch ähnliche Ehrung erwartet.

Ich werde auch nicht über den Unternehmer Erik Spiekermann sprechen, der mit dem FontShop aus seiner Passion für Schrift ein gutes Geschäft gemacht hat. Immerhin ist der FontShop heute der weltweit größte Vertrieb digitaler Schriften.

Und ich werde zuletzt dann auch nicht über den begnadeten Netzwerker Erik Spiekermann sprechen, der die größte Designkonferenz Europas, die Typo Berlin, begründete und dem mittlerweile weltweit über 100.000 Menschen auf Twitter folgen (zum Vergleich: ich habe ungefähr 370 Freunde auf Facebook…).

Über all diese interessanten und erstaunlichen Facetten erfahren Sie heute Abend von mir rein gar nichts. Und im Übrigen sollen Sie sich ja auch noch die Ausstellung anschauen.

Nein, mein Thema ist ein anderes. Mir geht es nicht um das WAS, mir geht es um nicht weniger, als das WARUM! Ich werde gleich also das große Geheimnis des Erik Spiekermann enthüllen, das all diese Leistungen überhaupt erst möglich gemacht hat. Er hat es mir selbst erzählt!

Am Anfang meiner Recherchen stand zunächst ein Artikel, den ich vor einigen Monaten für den Rat für Formgebung zu schreiben hatte. Es ging also um die bereits erwähnte Auszeichnung für das Lebenswerk und mit dem hatte ich mich entsprechend zu beschäftigen.

Wenn man alles, was Erik in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschaffen und geleistet hat, zusammenträgt, erkennt man zunächst die ungeheure Menge an Leistungen. Ich kann das ganz gut beurteilen, weil ich ja auch schon ein paar Sachen gemacht habe und aber bereits jetzt, mit Mitte 40, feststellen muss, dass ich da, wo Erik heute ist, nicht mehr hinkommen werde. Ich schaffe das einfach nicht mehr, ich habe einfach nicht mehr genug Zeit, zumindest wenn ich weiter so arbeite, wie bisher.

Das ist dann natürlich schon eine erste Erkenntnis: so etwas schafft man nämlich nicht allein. Und wenn man sich Eriks Arbeit anschaut, wird man schnell erkennen, dass er das alles tatsächlich selten allein gemacht hat. Er hatte immer Mitstreiter, Kollaborateure, Partner in Crime, die ihn gern unterstützt haben.Das ist überhaupt nicht selbstverständlich, weil Designer oft auch große Individualisten und Egozentriker sind. Und das ist noch nicht einmal unlogisch, weil viele Entscheidungen im Design letztlich einsame Entscheidungen sein müssen. Um so erstaunlicher und bewundernswerter ist es für mich, wenn ich dann sehe, wie Erik diese scheinbaren Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzt und es immer wieder schafft, viele Menschen um ein Thema herum zu versammeln, die zusammen natürlich viel mehr schaffen können, als ein Einzelner.

Das ist aber immer noch nicht das Geheimnis von dem ich sprach. Schon eher auf die richtige Spur kommt, wer im Überblick den Masterplan erkennt, der wohl hinter all dieser Aktivitäten zu stecken scheint (und an dieser Stelle muss man auch noch erwähnen, dass Erik viel schreibt. Bücher und Artikel und Vorträge). Dieser Masterplan heißt: Kommunikation. Um die dreht sich alles. Eriks zentrale Botschaft lautet: ohne Kommunikation geht nichts. Er hält sie für das Brot, das Gesellschaften nährt und zusammenhält, und Schrift für das Korn, also die wichtigste Zutat (was erklärt, warum er diese wichtige Zutat besser gleich selbst herstellt).

Erik hat ein ehrliches Interesse daran, Dinge zu erklären und zu verdeutlichen. Für mich ist das DIE zentrale Motivation und die edelste Aufgabe eines Kommunikationsdesigners, der Design nicht als schöne Oberfläche, sonders als Organisationsprinzip jenseits jeder verordneten Ästhetik betrachtet. Und im Übrigen ist dies zu vermitteln bis heute das große Problem unserer Branche, die immer noch auf die Oberfläche reduziert wird. Wir Designer kommen da einfach nicht aus dem Quark und Erik ist als einer der ganz wenigen schon erheblich viel weiter. Man hört ihm zu, man versteht ihn und man glaubt ihm.

Was aber treibt ihn nun dazu an? Ist da eine besonders heftige Form von Sendungsbewusstein zu entdecken? Vielleicht sogar eine Art Weltverbesserungssyndrom? Möchte Erik Spiekermann vielleicht einmal Bundeskanzler werden oder besser noch UN-Generalsekretär? Oder hat sich Erik Spiekermann nicht weniger vorkommen, als das ungeschriebene Gesetz von der Unfähigkeit des Menschen, vernünftig kommunizieren zu wollen, außer Kraft zu setzen? Denn die meisten können und WOLLEN es ja ganz offensichtlich nicht. Wahrscheinlich , weil wir, archaisch betrachtet, immer noch niemals und niemandem unsere überlebenswichtigen Feuerstellen und Jagdgründe preisgeben würden?

Das wären natürlich alles hohe und hehre Ziele. So ist es aber nicht. Denn als ich neulich mit Erik zusammensaß, um Material für ein Buch zu sammeln und schon ganz viel zusammenhatte, weil Erik die ganze Zeit am reden war und wie so oft gar nicht aufhören konnte und ich mich fragte, wie ich das alles bloß jemals sortiert bekommen würde, da habe ich dann ganz zum Schluss doch mal sehr gezielt nachgefragt.

Ich fragte also: »Erik, sag mal, WARUM machst du das alles eigentlich?«

Und Erik antwortete nach kurzem Nachdenken und gar nicht mal laut, sondern eher nachdenklich: »Wahrscheinlich, weil ich so eine Plaudertasche bin …«

Und dann erzählte er mir, wie er als kleiner Junge und gerade erst der Sprache mächtig, ein unstillbares Interesse an allem, was um ihn herum passierte, entwickelte und diese ständigen glücklichen Entdeckungen und Sensationen aber keinesfalls für sich behalten, sondern immer auch alle anderen mitteilen wollte. Und wie er so die Sprache für sich entdeckte und später auch die Schrift. Und wie er nach und nach seine Fähigkeiten zu kommunizieren so weit verfeinert hatte, dass er sie sogar beruflich nutzen konnte. Und Letzteres hat er mir übrigens gar nicht mehr erzählt, sondern ich habe es mir zusammmengereimt, weil es einfach Sinn macht. Weil es keine bessere Motivation und keine bessere Lehre gibt (was auch erklärt, warum Erik nie Design studiert hat).

Kommunikation also, wie sie tatsächlich gemeint ist. Um Informationen zu vermitteln, um aufzuklären, um Menschen miteinander zu verbinden.

Nicht jene Kommunikation als Selbstzweck, wie man sie z.b. in der verschwurbelten Rethorik deutscher Außenminister oder japanischer Regierungssprecher findet. Auch nicht die Kommunikation, die heute fast jede Werbeagentur für sich reklamiert, die genau so nicht mehr genannt werden will: Werbeagentur. Sondern zukünftig: Kommunikationsagentur. Weil ja Kommunikation die neue Werbung ist. Und schon gar nicht die Kommunikation der so genannten Kommunikationsgesellschaft, die man z. B. in Millionen von Internetforen bewundern darf, wo sich Menschen eigentlich gegenseitig helfen wollen und am Ende nur noch mehr verwirren, weil schon jeder Satzbau zum Desaster gerät.

Nein, es geht um jene Kommunikation als Mittel zum Zweck der reinen, klaren Informationsübertragung. Und genau die pflegt und vermittelt Erik Spiekermann schon sein ganzes Leben lang, ganz einfach aus einem inneren Antrieb und aus Neugierde, weil das Leben toll oder zumindest hochinteressant war (und ist). Und weil möglichst viele Menschen davon erfahren sollen.

Das ist ja fast schon eine evolutionäre Weiterentwicklung der Spezies Mensch, wenn man, wie eben erwähnt, eigentlich davon ausgehen muss, dass der Mensch zum Mauern neigt. Und das hört sich vielleicht naiv an und ist gleichzeitig als Motivation doch so klar und eindeutig, wie ein gutes Stück Information selbst.

Wahrscheinlich muss es auch Geheimnisse geben. Aber die Vorstellung einer Welt voller freundlicher und optimistischer Plaudertaschen finde ich zwar ziemlich laut und manchmal ein bisschen anstrengend aber auch sehr schön.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Der »Christliche Garten« kann wachsen

Vor fast einem Jahr berichtete ich zum ersten Mal über das Projekt Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn: So geht professionelles Design …. Der Berliner Designer Alexander Branczyk machte mich darauf aufmerksam, weil einer der Gärten von einer kolossalen schmiedeeisernen Schriftinstallation beherrscht wird. Vor wenigen Tagen wurde das letzte Teilstück eingefügt. Nachfolgend einige Aufnahmen die anlässlich des Richtfests entstanden sind.

Der Erholungspark Marzahn liegt am nördlichen Fuß des Kienbergs und wurde am 9. Mai 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier von Berlin als »Berliner Gartenschau« und »Geschenk der Gärtner an die Hauptstadt der DDR« (Ost-Berlin) eröffnet. Mit den angrenzenden frei zugänglichen Erholungsflächen des Kienbergs und dem direkt östlich anschließenden Wuhletal ergibt sich eine Gesamtfläche von über 100 Hektar Grün.

Zwei Jahre nach der Wende wurde die Anlage in Erholungspark Marzahn umbenannt. Spiel- und Liegewiesen kamen hinzu, Bäume wurden gepflanzt und Sondergärten eingerichtet. Seit Oktober 2000 ist der Park durch seine Gärten der Welt auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. 2005 wurde der Chinesische Garten als drittschönste Parkanlage Deutschlands ausgezeichnet. Inzwischen gehört der junge Erholungspark zu den 365 Orten im Land der Ideen.

Nach dem Chinesische Garten (2000), dem Japanischen und dem Balinesischen (2003), folgte 2005 der mit Unterstützung der Allianz Umweltstiftung errichtete Islamische Garten. Inzwischen bereichern noch der Koreanische Garten, ein Irrgarten mit Labyrinth, der Karl-Foerster-Staudengarten und ein Italienischer Renaissancegarten die Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn.

Seit 2007 laufen die Vorbereitungen für einen Christlichen Garten, die mit einem Planungs-Wettbewerb begannen. Auch dieses Projekt wird von der Allianz Umweltstiftung gefördert. Eine hochkarätige Fachjury kürte den Entwurf des Berliner Büros Relais Landschaftsarchitekten zum Gewinner, der im Moment realisiert wird.

Abgeleitet von der Urform der Christlichen Gärten, dem klösterlichen Kreuzgang, entsteht in ein »moderner« Klostergarten. Eine quadratische Gartenfläche mit einem Wegekreuz aus hellem Kies, Pflanzflächen aus Buchs und weiß blühenden Stauden sowie einem Wasserbecken, als Symbol für das Wasser als Quelle des Lebens.

Hauptattraktion des Christlichen Gartens wird der Wandelgang: Seine Wände bestehen aus goldlackierten Aluminiumflächen, in die Textpassagen aus dem Alten und Neuen Testament eingearbeitet sind. Damit wird daran erinnert, dass das Christentum eine Religion der Bücher und der Schrift ist.

Die typografische Gestaltung hat Alexander Branczyk (Abb. oben, mit Mütze und Schallschutz) übernommen. Die hier eingestreuten Abbildungen haben er und sein Team vor einigen Tagen beim Richtfest aufgenommen. Branczyk hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, für das Projekt eine wunderbare exklusive Schrift zu entwerfen, deren Aussehen von der Aufgabe und der Herstellungstechnik bestimmt ist.

Die Herstellung der Lettern setzte dem Schriftgestalter einerseits Grenzen, andererseits nutzt er die verbleibenden Freiheitsgrade für spleenige Ausschweifungen. Das Ergebnis zeigt die einzigartige Qualität von Branczyks Schriftentwürfen, die er sich Anfang der 90er Jahre in Nachtsitzungen für das Technomagazin Frontpage angeeignet hat: für jede Ausgabe eine neue Headline-Schrift, darunter ging gar nichts. Schnell, zügellos, präzise – aber mit raffiniert kalkulierten Störungen … so lässt sich seinen Typostil charakterisieren.

Einfügen des letzten »gußeisernen« (tatsächlich ist es Aluminium) Teilstücks in den Wandelgang des Christlichen Gartens

Fleißige Hände verschrauben schließlich das letzte Teilstück mit dem Rest der Metallkonstruktion

Eine neue Schrift entsteht: Ogentroost

Seit 15 Jahren arbeitet der holländische Designer Diederik Corvers, Sprecher auf der TYPO Berlin 2010, mit Schrift und Typografie. In seinen kommerziellen und freien Arbeiten spielt die Textbehandlung stets eine zentrale Rolle. Corvers setzt meist eigene Fonts ein. Er produziert Bücher, Poster und CIs für verschiedene Auftraggeber in der Kulturszene. Seine autonomen Projekte finden sich im öffentlichen Raum, also da, wo Größe eher in Metern als in Punkt gemessen wird.

Heute schreibt er mir, dass seine wichtigste Schöpfung, die Schriftfamilie Ogentroost kurz vor der Fertigstellung steht. In einem reichlich bebilderten Interview mit der belgischen Designerin Veerle Pieters (Veerle’s Blog) erläutert er, warum die Arbeit an der Familie aufwändig war und so lange gedauert hat. Ein interessanter Blick hinter die Kulissen einer Schriftschöpfung: Ogentroost typeface