— Reportage —


Gibt es sportliche Schriften? [Update]

Blöde Frage, eigentlich … Es gibt Sportprodukte und -ereignisse, bei denen eine bestimmte Art von Schriften zum Einsatz kommt. Wie schon öfters hier im Fontblog diskutiert, halten professionelle Designer eine Menge dieser Schriften für schlecht gewählt … weil sie schwer lesbar sind, beliebig oder einfach nicht zum Sujet passen. Immer wieder stehen die Trikots der Fußball-Nationalmannschaften in der Kritik, deren Beschriftung dem Zufallsprinzip zu folgen scheint.

Seit Freitag suche ich nach sporttauglichen Schriften. Morgen werde ich hier im Blog ein buntes PDF mit 15 Sport-Fonts veröffentlichen. Bevor ich das tue, möchte ich gerne die Fontblog-Leser fragen, welche Schrift sie sich im Sport wünschen oder mit welcher sie zum Beispiel einen Verein typografisch inszenieren würden.

Die hier unten gezeigte Schrift Choc ist nicht in meiner Liste enthalten (aber die oben gezeigte FF DIN Round). Mit dem Schriftmuster will ich kurz vorführen, wie ihr eigene Schriftmuster in einem Kommentar hinterlassen könnt. Einfach auf www.fontshop.de eine Schrift suchen, den Mustertext »123 sportlich« eintippen und die mittlere Schriftgröße wählen. Mit einem Rechtsklick auf das Schriftmuster könnte ihr dieses in einem neuen Fenster (als Bild) öffnen, um aus der Adressszeile die Bildadresse herauskopieren. Dann per html-Code in einem Kommentar platzieren (eine Beschreibung steht unterhalb des Kommentarfensters). Ich bin gespannt :)

[Update: Das Spiel gefällt mir. Ich möchte Volltreffer gerne belohnen. Wer also eine Schrift gewählt hat, die auch morgen in meinem PDF auftaucht, bekommt ein Buch, eine Fachzeitschrift oder einen Kalender von mir zugesendet … das Typodarium 2011 zum Beispiel. Aber Achtung: Jeder hat nur einen Schuss.]

(Montage: deutschlandachter.de und Fontblog)

Design zählt: die iPhone-Signalstärkeanzeige

English version: Design matters – The iPhone Signal Strength Bars

Ein Dutzend unpräziser Pixel können ernste finanzielle oder juristische Probleme nach sich ziehen … Nur eine Woche nach dem Verkaufsstart wurde das neue Apple iPhone 4 Gegenstand einer Sammelklage. Eine schlecht konstruierte Antenne mindere den Empfang dramatisch, wenn das Smartphone auf eine bestimmte Art gehalten werde, zum Beispiel mit der linken Hand. Letzte Woche verschickte Apples PR-Abteilung einen offenen Brief an die Medien, in dem eine Erklärung und die Lösung des Problems umrissen sind. Die Antenne sei perfekt, aber »… bei unseren Untersuchungen haben wir erstaunt festgestellt, dass die Formel, die wir zur Kalkulation der Balkenanzeige bei einer bestimmten Signalstärke verwenden, total falsch ist. Unsere Formel zeigt fälschlicherweise in vielen Fällen bei einer bestimmten Signalstärke zwei Balken zuviel an.«

Zur Erläuterung: Die Signalanzeige links oben in der Menüleiste des iPhone besteht aus 5 Balken mit ansteigender Höhe. Apple sagt nun, das bei einer tatsächlichen Signalstärke von umgerechnet 2 Balken das iPhone 4 anzeigen würde. Wenn also Benutzer bei einem kritischen Griffwechsel einen Rückgang von 2 Stufen wahrnähmen, befänden sie sich wahrscheinlich in einer Gegend mit mäßigem Empfang, wüssten dies jedoch nicht, weil fälschlicherweise ein guter Empfang (mit 4 oder 5 Balken) angezeigt werde.

Um das Problem zu lösen, werde Apple im nächsten Update von iOS 4.0 eine von AT&T empfohlene Formel für die Ermittlung von Balken bei gegebener Signalstärke einbauen. »Die wirkliche Signalstärke bleibt gleich, aber die Balken auf dem iPhone zeigen diese erheblich genauer an; so erhalten Kunden eine viel bessere Anzeige des Empfangs in der jeweiligen Gegend. Wir vergrößern zudem die Balken eins, zwei und drei, damit sie leichter zu sehen sind.«

Mit dem letzten Satz deutet Apple ein wahrnehmungspsychologisches Problem dieser Art Anzeigen an, die wir auch von dynamischen WiFi-Signalanzeigen kennen. Ansteigende Balken (oder wachsende Kreisbögen) sind eine Metapher für Sendeleistung. Werden sie zugleich für die Anzeige einer Signalstärke eingesetzt, verfälscht sich die Darstellung, denn der Wegfall des höchsten Balkens (des größten Kreisbogens) signalisiert einen viel dramatischen Rückgang als zum Beispiel der Wegfall der nächstfolgenden Anzeigeelemente. Ist eine Anzeige dagegen linear aufgebaut, wie zum Beispiel das Batterie-Symbol, lassen sich Meilensteine wie 25 %, 50 % oder 75 % (Füllstand) unverfälscht ablesen.

Im Fall der iPhone-Signalstärkeanzeige lässt sich durch das Zählen von Pixeln rein rechnerisch schnell nachweisen, dass der Wegfall der beiden größten Balken einer Reduzierung der Balken-Displayfläche von 64 % entspricht, während die Signalstärke wahrscheinlich nur um 40 % zurückging.

Mein Vorschlag: alle Balken gleich hoch anlegen und ihnen einen Grauverlauf von hell nach dunkel geben (Abbildung oben rechts).

Stadtmarketing Positivbeispiel Alzey

Simon Wehr machte mich eben auf die Dokumentation einer Stadtmarketing-Kampagne aufmerksam, bei der einiges richtig gelaufen ist. Um der rheinland-pfälzischen Stadt Alzey ein unverwechselbarer Profil zu geben und sich im Wettbewerb der Städte und Gemeinden in der Region nachhaltiger zu positionieren, ließen die Stadtväter ein Corporate Design entwickeln, das die Identität Alzeys unterstreichen soll. Hierzu wurde eine Corporate-Design-Arbeitsgruppe gegründet. Mitte April 2010 stellte das Team die neue »visuelle Visitenkarte« der Öffentlichkeit vor. Das Signet zeigt neben dem historischen Alzeyer Löwen und der Fiedel den Schriftzug »Alzey«. Als Claim entschied man sich für ein augenzwinkerndes »Heimliche Hauptstadt Rheinhessens«. Die integrierten Stadtfarben schwarz und gelb runden auf Briefbögen, Broschüren und anderen Werbeträgern das Erscheinungsbild ab.

Wie der gesamte Prozess abgelaufen ist, kann auf der Webseite des Designforum Rheinland-Pfals nachgelesen werden. Sven Lawall, der stellvertretende Fachbereichsleiter Zentrale Dienste der Stadt Alzey, erläutert die Beweggründe seiner Stadt, den Prozess, die Entscheidungen und die Umsetzung: Wie eine Kommune ihren Corporate-Design-Prozess meistert.

Digital-WIRED Nº 2: 25 % weniger MB

Die zwei Hauptkritikpunkte an der Erstausgabe des Magazins Wired fürs iPad:

  • zu großes Datenvolumen
  • statische Seiten (Diashow)

An beidem hat das WIRED-Designteam in den letzten 4 Wochen gearbeitet. Die aktuelle Ausgabe bringt nur noch 375 MB statt 480 MB auf die Waage. Einige Seiten lassen sich inzwischen auch zoomen. Ebenfalls neu: Der »Mantel« für alle Ausgaben ist jetzt eine 5,5 MB große Wired Magazine-Bibliothek-App; die als Runtime-Version erschienene Ausgabe 1 können Käufer der Erstausgabe in dieser kostenlos nachladen. Auch der Preis hat sich geändert: nur noch 2,99 € (3,99 €) für das Juli-Heft 2010.

Zur weitere Lektüre empfohlen:

WIRED Screen vs. WIRED Print

Gestern habe ich mir am Bahnhofskiosk das gedruckte Original (rechts) zur digitalen Premiere des Magazins WIRED gekauft (links). Anschließend bin ich das Heft und die iPad-App Seite für Seite durchgegangen, und je länger ich das tat, umso mehr wuchs mein Respekt vor der WIRED-App. Es ist in meinen Augen die gelungenste Umsetzung einer mehrseitigen kommerziellen Drucksache für den Bildschirm – ever. Warum?

Das US-amerikanisches Technologie-Zeitschrift WIRED wurde 1993 gegründet und galt jahrelang als das Zentralorgan der »kalifornischen Ideologie«. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2000 wurde die Redaktion drastisch reduziert, die thematische Ausrichtung einfallsloser, die Auflage sank. 2006 übernahm der Medienriese Condé Nast die Zeitschrift und päppelte sie wieder auf. Aktuell stehen Themen wie Gadgets, Produktdesign, Politik und Medien im redaktionellen Fokus. Man hört wieder auf WIRED und liest es.

Der internationale Verkaufsstart des iPads vor drei Wochen war auch die Premiere der digitalen WIRED (App-Store-Link). Sie ist das Vorzeigeprojekt von drei Mitstreitern: Apple, Adobe und natürlich dem Verlag selbst. Seit November 2009 arbeitete Condé Nast an der Tablett-Version seines Magazins, im Februar zeigte WIRED-Chefredakteur Chris Anderson auf der TED-Konferenz erstmals eine Demoversion. Das Video zum digitalen Launch machte in internationalen Verlagshäusern die Runde.

Die Magazin-App von WIRED wurde mit Adobe und ganz ohne Flash entwickelt. Das Softwarehaus will die Technologie (Arbeitstitel: Digital Publishing Platform) ab Sommer auch anderen Medienhäusern zur Verfügung stellen. Sie basiert auf den Programmen der Adobe Creative Suite (also InDesign, Photoshop, Illustrator & Co.) und Komponenten, die Adobe mit dem Milliarden-Kauf von Omniture im September letzten Jahres vereinnahmt hat. Die Plattform setzt sich aus Programmen, Technologien und Dienstleistungen zusammen, die es Verlage erlaube, ihre Produkte kostengünstig digital zu verlegen, zu produzieren und für eine breite Palette elektronischer Geräte zu vertreiben. Adobe verspricht den Magazinen, die ihre Software nutzen, mit dem bestehenden Workflow raffinierte E-Paper erzeugen zu können.

Die WIRED-App: hoch, quer, interaktiv …  und doch wie gedruckt

Anders als DER SPIEGEL setzt WIRED nicht auf einem Reader, der Texte und Bilder neu mischt, sondern eine gestalterisch durchkomponierten Diashow, die dem gedruckten Layout so nah wie möglich kommen möchte … und trotzdem Freiräume bereit hält, in denen sich digitale Inhalte sinnvoll entfalten können, sowohl auf redaktionellen Seiten als auch in Anzeigen.

Bevor man WIRED lädt, zum Preis von 3,99 € ($4.99) – was für uns hier in Deutschland ein Schnäppchen ist gegenüber den 11,00 € der importierten Druckausgabe –, sollte man den freien Speicherplatz auf seinem iPad überprüfen: 530 MB ist die App schwer, ein SPIEGEL, zum Vergleich, bringt nur rund 25 MB auf die Datenwaage. Am Ende dieses Beitrags wird klar sein, warum so viele MB und dass es durchaus noch Sparpotenzial gäbe.

Wer kurz nach dem Öffnen der WIRED-App und dem Erscheinen der Titelseite sein iPad kippt, erkennt einen ersten Grund für die Datenmengen: alle Seiten – auch die Anzeigen – liegen konsequent in zwei Ausführungen vor, nämlich im Hoch- und im Querformat. Um das Ausmaß dieses Angebots zu verdeutlichen, formuliere ich es noch mal negativ: Keine einzige Seite im digitalen Wired wird einfach nur gekippt, verkleinert, beschnitten oder mit schwarzen Balken ergänzt, um sie vom Hoch- ins Querformat zu bringen … ja, jede Seite wird in zwei individuell komponierten Formaten bereitgehalten, je nachdem für welche iPad-Orientierung sich der Leser entscheidet. Schon für diese logistische Premiere gebührt dem WIRED-Grafik-Team und den -Anzeigenkunden eine Goldmedaille für engagierte Mehrarbeit.

Zu beobachten, mit welchen Kniffen die besten Designer der Welt aus einer Querformatanzeige eine Hochformatanzeige zaubern, und diese teils mit interaktiven Komponenten ergänzen, war für mich schon alleine eine spannende Darbietungen in der WIRED-App, noch bevor ich überhaupt mit dem Lesen eines redaktionellen Beitrags begonnen hatte. Und das Zappen geht so einfach: wischen (= blättern), kippen, wieder wischen, kippen, wischen, kippen, und so weiter. Ganz nebenbei löst der Hoch-Quer-Service ein Problem, mit dem alle Magazine demnächst auf dem iPad zu kämpfen haben, sofern sie ihre Anzeigen auch digital verkaufen möchten: das Implementieren von doppelseitigen Anzeigen und/oder einseitigen in ein digitales Layout. Bei WIRED ist das clever gelöst: Eine doppelseitige Werbung im gedruckten Heft wird auf dem iPad im Querformat angezeigt, kippt man das Gerät, erscheint extra für die digitale Ausgabe eine Einseiten-Anzeige; im Falle einseitiger Printanzeigen passiert das Umgekehrte. Bei der ersten Werbung im Heft, von Mercedes-Benz, sieht das so aus:

Die doppelseitige Mercedes-Benz-Anzeige im gedruckten WIRED-Magazin …

… wird auf dem iPad zum Einseiter (Hochformat) und beim Kippen ins Querformat wieder zum Doppelseiten-Motiv; als zusätzliches Schmankerl ist ein HD-Vollformat-Werbefilm mit einer emotionalen Probefahrt des beworbenen Fahrzeugs integriert.

Navigation in der WIRED-App

Das Navigieren durch die digitale WIRED ist vielfältig und elegant gelöst, jeder Leser wird sein Lieblingstool finden. Das einmalige Tippen auf den Bildschirm lässt eine Kopf- und eine Fußleiste erscheinen. In der Kopfleiste stehen die Optionen Cover (ein Häuschen), Inhaltsverzeichnis (Liste) oder die »Wäscheleine« zur Auswahl. Das folgende Bild verdeutlicht die Funktion der Wäscheleine (blaues Icon):

Die Kopfnavigation vereint mehrere Funktionen: Artikel finden, Blättern, Kurzbeschreibung, Lesezeichen und Vorschau

Auf den ersten Blick sieht man alle redaktionelle Seiten mitsamt Anzeigen horizontal in Kleindarstellung aufgehängt, wobei mehrseitige Beiträge und Anzeigen vertikal aufgefächert sind. Diese Übersicht spiegelt auch die beiden Blätterrichtungen des digitalen Hefts wider: horizontal = zum nächsten Beitrag/zur nächsten Anzeige, vertikal = innerhalb eines (mehrseitigen) Beitrags/Anzeige. Wenn ich einen dreiseitigen Beitrag beim Lesen der zweiten Seite abbreche, wird diese Seite fürs spätere Durchblättern auf der horizontalen Achse festgehalten (Lesezeichen), was auch die Wäscheleine anzeigt. Ziemlich cool.

Eine zweite Art der Navigation verbirgt sich hinter dem Schieberegler in der Fußleiste. Wenn man diesen (während des Lesens betätigt), erscheint ein flottes Suchfenster im unteren Bildschirmbereich, das den gesamten Heftinhalt in Wort und Bild im Schnelldurchlauf präsentiert.

Bewegte Inhalte: aktuell und sinnvoll

Interaktive Inhalte sollten nicht zum Selbstzweck eingebaut werden. Uns alle nervt die Unart deutscher Zeitungsverlage, ihre Online-Seiten mit Bildergalerien aufzufüllen (auch »Klickhuren« genannt). Dass solche Diashows nun in den iPad-Readern von WELT und SPIEGEL wieder zu finden sind, ist hoffentlich ein vorübergehendes Phänomen, vielleicht der Kurzarbeit in den Redaktionen geschuldet. Bei WIRED gibt es solche Lückenbüßer nicht. Gleich auf der Titelseite lässt sich ein thematisch passender, exklusiver Trailer des neuesten Pixar-Films Toy Story 3 starten, der am vergangenen Wochenende Premiere in den USA feierte. Na klar ist das Werbung, und Pixar ist praktisch mit Apple verheiratet … aber es passt wenigstens zeitlich und thematisch mit der Titelstory zusammen … ganz im Gegensatz zu »Amerikas Öl-Desaster« und »Die große Oder-Flut« (1997), die der SPIEGEL auf dem Titel seiner iPad-App-Premiere multimedial zwangsverknüpfte.

Ein weiteres Beispiel (von runden einem Dutzend) für eine Bewegtbildinszenierung ist der doppelseitige Rückblick auf vergangene Mars-Expeditionen »Invaders of Mars«. Was in der gedruckten WIRED eine prall gefüllte Doppelseite einnimmt, …

… sieht am iPad auf den ersten Blick wie eine spartanischer Einseiter aus. Nur ein kleiner Button mit der Aufschrift »Swipe to see a history of Mars mission.« lässt mehr vermuten. Und tatsächlich, ein Fingerstreich verwandelt die Abbildung in ein dreidimensionales Planetenmodell, mit dem rotierenden Mars im Zentrum. Die Textkästen der Doppelseite, in denen die historischen Meilensteine protokolliert sind, entfalten sich aus der Tiefe des Raumes wie Falk-Pläne, einer nach dem anderen. Überraschend und geheimnisvoll, wie eine Marsmission.

Interaktive Infografik zur Geschichte der Marsmissionen in der WIRED-App: Eine Berührung mit dem Zeigefinger bringt den Mars zum Rotieren, aus der Tiefe des Alls entfalten sich die Infotexte zu den Marsausflügen

Redaktionelle Seiten

Nach dem Erscheinen der WIRED-App gab es sofort Kritik am Grundkonzept. Oliver Reichenstein (iA) schrieb in seinem Beitrag WIRED on iPad: Just like a Paper Tiger…, für meine Begriffe etwas voreilig: ”First, the paper magazine was crammed into the little iPad frame. In form of a PNG slide show. To compensate for the lack of interactive logic, this pretty package was provided with a fruity navigation. In the end it was spiced with in-app links, plucked with a couple of movies and salted with audio files (‘interactive’). Then it was off to marketing. And it sold 24,000 copies. Dammit. It’s the Nineties all over again.“

Es folgt eine längere Kritik an der Typografie und am Schriftbild des digitalen Heftes. Die meisten Punkte könnte man in gleicher Weise am gedruckten Heft monieren, haben also mit der Übertragung auf das iPad weniger zu tun. Eine Zoom-Funktion vermisse ich nicht, weil das Layout von vornherein großzügig und mit großer Schrift angelegt ist. Die interaktiven Inhalte empfinde ich als angemessen … auf zwei Filme hätte man vielleicht verzichten können. Dass Jonathan Hoefler und Tobias Frere-Jones eigens eine bildschirmoptimierte Schrift für das WIRED-App entwickelt haben, halte ich für eine Fehlinvestition, wenn auch in den kommenden Ausgaben die Schrift als Bild (.png) »eingefroren« wird: Dies kann man mit den PrePress-Fonts in gleicher Qualität durchführen, denn das manuelle Hinting, das für die Glättung von Buchstaben auf dem Bildschirm des Betrachters zum Tragen kommen soll, wird auf diese Art an den Rechnern der WIRED-Designerabteilung ausgehebelt.

Viel mehr gibt es zu den redaktionellen Seiten nicht zu sagen. Ihr Layout greift das der gedruckten Ausgabe auf. An manchen Stellen verbergen sich hinter Bildern und Grafiken zusätzliche Informationen. Vermisst habe ich eine kleine Markierung, die mir verrät, dass ein redaktioneller Beitrag mehrseitig ist. Im Augenblick erschließt sich dies allein durch ein Wischbewegung nach unten.

Vor wenigen Tagen meldete Condé Nast, dass die WIRED-App schon nach 14 Tagen häufiger abgesetzt wurde als das gedruckte Hefte im ganzen Monat. Während die Druckauflage im Schnitt etwas mehr als 80.000 Abnehmer pro Monat fände, haben sich bereits über 90.000 Nutzer eine Ausgabe für ihr iPad heruntergeladen, berichtet der New York Observer.

Fazit. Die SPIEGEL- und die WIRED-App definieren im Moment die Extrempositionen zweier Methoden, ein gedrucktes Magazin zum Lesen am Bildschirm aufzubereiten: als Book-Reader, mit skalierbarem Text aber beliebigem Layout (SPIEGEL) oder grafisch durchgestaltet, dem Bildschirm angepasst, mit statischer Typografie (WIRED). Im Moment ist WIRED meines Erachtens sehr viel dichter an der Ideallösung dran, die wahrscheinlich zwischen den beiden Polen liegt. Bemerkenswert ist die faire Integration von Anzeigen, technisch und redaktionell, die es dem Leser erlaubt, redaktionelle Seiten ungestört von Werbung am Bildschirm zu genießen (horizontales Blättern).

Und so ende ich wieder, in Anlehnung an den Schriftsteller Ferdinand von Schirach, der vor 7 Wochen für den SPIEGEL niederschrieb, warum er den Reader nicht mehr missen möchte, mit den Worten: Ich lese WIRED so schon lieber als in gedruckter Form.

Zur weitere Lektüre empfohlen:

DER SPIEGEL auf dem iPad: grafische Schlachtplatte

Hurenkind auf Seite 7/7 des Artikels »Überdosis Guido«, DER SPIEGEL Nr. 22,
iPad-Ausgabe, vom 31. Mai 2010

Wir schreiben das Jahr Vier nach der Geburtsstunde des mobilen Netzes, eingeleitete durch iPhone und iPod Touch. Wir schreiben das Jahr Null des Screen Publishing, auf das sich Zeitschriften- und Zeitungsverlage seit Monate vorbereiten. Vergangenen Freitag wurde das Apple iPad in Deutschland eingeführt, ein vernetztes Medienlesegerät, über das der Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im US-Fernsehen sagte: »Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.«

Der SPIEGEL ließ den Schriftsteller Ferdinand von Schirach vor fünf Wochen für ein Essay in der Printausgabe folgende Worte niederschreiben: »Der SPIEGEL hat eine App auf mein iPad geladen. Ende April ist sie für jeden erhältlich. Offen gesagt, ich lese das Heft jetzt so schon lieber als in gedruckter Form. Ich kann die Bilder vergrößern, das Heft liegt nicht mehr herum, ich kann gleich alle früheren Ausgaben mitnehmen – und vor allem: Es sieht schöner aus.«

Ich weiß nicht, welche App auf von Schirachs iPad geladen wurde … es muss eine andere gewesen sein, als jene, die seit Freitag kostenlos im App-Store angeboten wird. Mit dieser sieht nichts schöner aus als im gedruckten Heft, ganz im Gegenteil: Der SPIEGEL-Reader verzichtet auf gestaltete Artikel und überlässt sowohl das Zusammenspiel von Bild und Text dem Zufall, als auch den Umbruch – je nach eingestellter Schriftgröße. Nur ein Beispiel für ungezählte weiße Überlaufflächen und Hurenkinder zeigt das Aufmacherfoto dieses Beitrags. Dazu später mehr.

Vor drei Monaten brachte der SPIEGEL seinen iPhone-Reader auf den Markt. Die ersten Reaktionen waren nicht gerade positiv: »Schluder-Spiegel«, »… langweilig …«, »Guido für die Westentasche …«. Fontblog kam in seiner Rezension Fehlstart beim SPIEGEL-iPhone-App zu dem Fazit: »Die Überführung des gedruckten SPIEGEL in einen E-Reader ist missglückt. Es fehlen nicht nur essenzielle Werkzeuge (Vollbild-Titelseite, Lesezeichen, Suche, Zitierfunktion), der Dialog zwischen Text und Bild – eine Stärke der SPIEGEL-Printausgabe – wurde komplett aufgegeben.« Abschließend drückte ich die Hoffnung aus, dass der iPhone-Reader hoffentlich nicht die Blaupause für den iPad-Reader sein werde. Er wurde es. Die Enttäuschung ist umso größer, weil das Potential des 5 mal größeren iPad-Bildschirms nicht genutzt wird.

Bis zum Wochenende schraubte der Verlag mit seinen Vorankündigungen (s. o.) die Erwartungen nach oben. Zitat aus der Eigenwerbung für den iPad-Reader: »Machen Sie sich bereit für ein völlig neues Leseerlebnis … Wischen Sie mit einem Fingerzeig durch die Artikel, entdecken Sie Deutschlands bedeutendstes Nachrichtenmagazin neu. … So haben Sie Deutschlands führendes Nachrichten-Magazin noch nie gesehen. …« Das Wischen mit dem Finger auf einem Touch-screen hat genauso wenig mit Magazinqualität zu tun wie das Umblättern einer Papierseite.

Es wird in diesem Beitrag weder über die Typografie des iPad-SPIEGEL gehen, noch über die klägliche Font-Behandlung des iPad oder das unkalkulierbare Rendering von Schriften auf seinem Bildschirm. Im Moment sehen statische Bilder von Texten (zum Beispiel im .jpg- oder .png-Format) auf dem iPad brillianter aus als skalierbar gesetzter Text aus Betriebssystem-Fonts – ein atypisches Betriebssystem-Phänomen, das noch nicht geklärt ist. Zu diesem Thema gibt es zwei international angesehene Beiträge von meinen Kollegen Steven Coles (Fontfeed) und Oliver Reichenstein (Information Architects), die beide vergangene Woche auf der TYPO-Berlin-Konferenz waren, wo Webfonts und Bildschirmtypografie Intensiv diskutiert wurden:

Die Analyse von Reichenstein beschäftigt sich mit der letzte Woche erschienenen iPad-Version des US-Magazins Wired, das im Moment als das Maß aller Dinge für iPad-Publishing gilt. Der Autor lässt kein gutes Haar an der Bildschirm-Wired, wobei ich nach Kenntnis der SPIEGEL-App sagen muss: Er mäkelt auf hohem Niveau. Sicher ist das ein oder andere Layout-Problem bei Wired noch nicht gelöst (z. B. die Transformation von Doppelseiten), auch die Mikrotypografie ist mangelhaft – aber das Heft ist wenigstens gestaltet, und es macht Freude, die Seiten anzusehen und zu lesen. Der SPIEGEL dagegen präsentiert sich ungestaltet, in einem automatisierten 2- oder 3-Spalten-Raster. Ja, man kann ihn lesen, der Lesehunger wird gestillt, aber es ist kein Genuss … Fabrikbuletten fürs Gehirn.

Dabei beginnt es zunächst hoffnungsvoll – bis auf den Preis, natürlich. 3,99 € für die digitale Fassung gegenüber 3,80 € für die gedruckte Ausgabe widerspricht sowohl den Gepflogenheiten der Branche als auch den Erwartungen der Leser. Die Herausgeber begründen das mit Apples Preispolitik … als ob es die Preisstufen 2,99 €, 2,39 € und 1,59 € nicht gäbe. Im gleichen Atemzug wird auf das günstige Abo hingewiesen, so dass der Verdacht naheliegt, die App und ihr hoher Preise dienen lediglich als Lockmittel für das digitale Abo.

Hoffnungsvoll stimmen die großflächige Titelseite und das Inhaltsverzeichnis, übrigens der einzige Heftbaustein des digitalen SPIEGEL, der für die Screendarstellung umgestaltet wurde. Am Fuße des digitalen Covers fällt ein zweites Banner auf, das einen SPIEGEL-TV-Dokumantarfilm aus dem Jahr 1997 (Enttäuschung Nr 1) ankündigt, aber nicht mit dem Film verlinkt ist (Enttäuschung Nr 2). Man muss den 26-Minuten-Clip aus dem Inhaltsverzeichnis heraus starten. Die oben erwähnte digitale Wired-Ausgabe enthält übrigens einen vergleichbaren Link zu einem Film auf der Titelseite, der immerhin sofort mit einem Fingertipp startet, thematisch zur Pixar-Titelgeschichte passt und neu ist (»An exclusive clip from Toy Story 3«).

Man könnte jetzt noch ein paar Worte darüber verlieren, warum die Inhaltsseiten unbedingt weiß auf schwarz gesetzt sein müssen … Doch selbst solche, in Typografiekreisen üblicherweise kontrovers diskutierten Details, sind Peanuts gegenüber dem, was DER SPIEGEL auf den nächsten 200 bis 300 iPad-Seiten präsentiert, ein gestalterisches Schlachtfeld.

Das SPIEGEL-Inhaltsverzeichnis der gedruckten Ausgabe (oben, klicken zum Vergrößern) und das der iPad-Fassung (unten) – weiße Schrift auf schwarzem Grund, nur die Top-Themen werden angerissen; den kompletten Inhalt der digitalen Ausgabe liefert ein Menü, das sich aus der Titelleiste aufrufen lässt

Alle Beiträge des gedruckten Hefts werden vom iPad-Reader in ein starres Seitenlayout gepresst, das entweder 2-spaltig (Hochformat) oder 3-spaltig (Querformat) aufgebaut ist. Am Kopf einer jeden Seite befindet sich – weiß in rotem Balken – der Kolumnentitel (zum Beispiel »Deutschland« oder »Sport«). Links oben in der ersten Spalte steht immer ein Bild, das – egal wie groß es in der gedruckten Ausgabe inszeniert wurde –, auf Spaltenbreite reduziert wird; immerhin lassen sich alle Fotos mit einem Fingertipp auf Bildschirmbreite skalieren. Größere Geschichten beginnen mit einem zweispaltigen Aufmacher-Foto, sowie zweispaltigen Headlines und Anreißertexten. Soweit die Fakten.

Warum funktioniert dieser elektronische Baukasten nicht? Weil er viel zu simpel strukturiert ist für ein gedrucktes Magazin, dessen Dramaturgie weitaus raffinierteren Regeln folgt. Wie andere Zeitschriften auch arbeitet der SPIEGEL mit grafischen Elementen, die sich entweder auf einzelnen Seiten entfalten (Bild, Text, Headlines, Bildunterschriften, Microtypografie, …) oder den Heftrhythmus bestimmen (Editorial, Meldungsseiten, Titelgeschichte, Essaya, Vermischtes, Makrotypografie…). Die iPad-App beherrscht kein einziges dieser Werkzeug aus beiden Regie-Baukästen. Sie scheint gerade mal den technischen Unterschied zwischen Bild und Text zu kennen.

Die folgende Abbildung demonstriert das Unvermögen der App. Weil sie nicht zwischen einer längeren Geschichte und einer Feature-Seite (mit mehreren abgeschlossenen Meldungen) unterscheidet, zerlegt sie die (üblicherweise dreistimmige) Begrüßungsseite einer jeden SPIEGEL-Ausgabe (genannt »Hausmitteilung«) in drei einzelne Seiten, aufgebaut nach ihrem Schema F: Bild links oben erste Spalte, dann der Text … wenn es nicht genug davon gibt, bleibt die zweite Spalte einfach leer.

Not macht erfinderisch. Da die »Hausmitteilung« wie ein Brief aufgemacht ist – mit Betreff und Datum, die App jedoch für jeden der 3 Beiträge eine Überschrift fordert, werden diese kreativ aus Betreff und Datum generiert. Erfahrene Leser können sich den Sinn der Wortfetzen nach jahrelangen Lesen der Printausgabe zusammenreimen. Neue Leser, denen der Bezug zur Vorlage fehlt, werden nie verstehen, warum drei Beiträge den gleichen Kolumnentitel tragen (»Hausmitteilung«), ihre Headline jeweils mit »Betr.« beginnt, der erste Beitrag ein Datum in der Überschrift enthält und 50 % weiße Fläche neben den Texten steht. Wie man mit dieser gestalterischen Haltung alte Leser behalten und neue gewinnen möchte, ist mir nicht ganz klar.

Wo wir schon bei Haltung sind: Die SPIEGEL-iPad-App tritt all das mit Füßen, was Bildredakteure, Grafiker, Layouter, Produktion und Schlussredaktion seit Jahrzehnten entwickelt haben. Im Impressum von Deutschlands bedeutendstem Nachrichtenmagazin zähle ich für diese Aufgaben 51 verantwortliche Personen (die »Titelbild«-Redaktion nicht mitgerechnet). Kann es sein, dass die Entwickler der SPIEGEL-iPad-App nie mit diesen Fachleuten gesprochen haben bzw. keine Vorstellung von deren Fähigkeiten haben?

Werfen wir einen genaueren Blick auf das Thema Bildbehandlung. 13 Personen sorgen beim SPIEGEL dafür, dass sich die Leser Woche für Woche an unverbrauchten, qualitativ hochwertigen Fotos erfreuen können. Sie wissen, welche Art Foto sich auf großer Fläche entfalten kann, und welches Motiv selbst in Briefmarkengröße noch Kraft ausstrahlt. Mit diesem Wissen komponieren sie Doppelseite für Doppelseite, setzen manches Foto in den Anschnitt, platzieren Portraits in die Mitte zwischen zwei Spalten, lassen andere aus dramaturgischen Gründen über den Bund laufen. Es kann ja sein, dass manche dieser Kunstgriffe nur auf Papier funktionieren. Sicherlich gilt es auch, fürs elektronische Layout neue Regeln zu entwickeln … doch dass die Prinzipien des Bildlayouts von heute auf morgen über Bord geworfen werden müssen, ist eine Beschränkung der SPIEGEL-App, mit der sie sich selbst in eine Sackgasse manövriert.

Oben: Wuchtiger Bildauftakt für die Titelgeschichte des gedruckten Hefts. Angela Merkel beschwört die Schuldenkurve des Bundes, Grafik und Foto bilden eine Einheit, die sich über die gesamte Doppelseite entfaltet. (Am Fuß der folgenden drei Doppelseiten in der Printausgabe begegnen wir übrigens einem Internetphänomen, dass nun auch im Gedruckten Einzug hält: die Fotostrecke, auch Bildergalerie genannt.)

Unten: Das iPad kennt keine Doppelseiten, damit müssen die Zeitschriftenmacher erst mal lernen umzugehen. Ausgesprochen mutig ist es von einem »Leseerlebnis« zu sprechen, wenn eine SPIEGEL-Titelgeschichte auf dem iPad nach der Startseite mit 14 gleich strukturierten Layouts abgewickelt wird – alle mit Foto oben links und zwei Spalten Text. Bemerkenswert auch die versteckte Funktion: größere Schrift, mehr Bilder. Im vorliegenden Fall wächst die Titelgeschichte von 15 auf 23 Seiten und präsentiert 8 weitere Fotos, die den Lesern der Kleinschriftversion verborgen bleiben.

Abschließend ein Wort zur Interaktivität. Hinter manchen Aufmacherfotos verbergen sich Animationen, die durch eine im Foto integrierte Play-Taste angedeutet sind. Meist handelt es sich um Diashows, also die selbst ablaufende Form jener Bildergalerien, die uns schon im Internet langweilen – in der App jetzt unterlegt mit billiger Begleitmusik. Besonders peinlich ist eine 45-Sekunden-Slideshow mit dem Titel »Angelas Männer« (zur Geschichte »CDU – Team mit elf Torhütern«), die mit Powerpoint-Texteffekten um sich wirft wie der Kassenbericht eines Kleintierzuchtvereins.

Fazit: Das SPIEGEL-iPad-App liefert Bilder und Texte so brettsteif wie zu Bleisatzzeiten, doch selbst da wusste man Schusterjungen und Hurenkinder zu vermeiden. Der redaktionelle Inhalt einer (dramaturgisch geordneten) Printausgabe wird über den Reader in gleichförmig gestalte Seiten gekippt, die ohne jegliche Umbruchintelligenz zusammengeschustert sind. Multimedial Ergänzungen sind entweder abgestandene Zweitverwertungen oder nichts sagende Standbildanimationen. Die SPIEGEL-App bestätigt, dass E-Reader für Bücher eine geeignete Technik sein mögen, bei Magazinen jedoch an ihre Grenzen stoßen.

So … und jetzt lade ich mir den neuen SPIEGEL als PDF (geht ja nur am Desktop-Rechner), sende ihn an das iPad und lese dies mit einem geeigneten Reader. Später mehr dazu.

Persönliche Anmerkung: Damit niemand glaubt, ich stehe mit dem SPIEGEL auf Kriegsfuß … Ich lese das Magazin seit 1975, fast ununterbrochen, war jahrelang Abonnent und will es auch weiter lesen. Und ich möchte es so früh wie möglich und so bequem wie möglich lesen. Seitdem die Sonntagszustellung in Berlin eingestellt wurde, bin ich kein Abonnent mehr. Umso mehr hoffe ich auf eine attraktive digitale Lieferung meiner liebsten Nachrichtenlektüre am Samstagabend.

Andere Stimmen zur SPIEGEL-App für das iPad:

Popikonen (5): Bang Bang (Nancy Sinatra)

Es war nicht ihr größter Hit, ganz im Gegenteil: Nancy Sinatras eigenwillig arrangierte Remake von Chers Hit »Bang Bang (My Baby Shot Me Down)« erregte seinerzeit kaum Aufsehen und erschien nicht als Single. Erst 2003, als der Regisseur Quentin Tarantino die übersinnliche Sinatra-Interpretation im Soundtrack seines Films Kill Bill – Volume 1 einsetzte, wurde der Titel einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Rainald Grebe baute Passagen des Songs in seinem Titel »Bengt« ein.

Das oben eingebettet Video zeigt einen TV-Auftritt von Nancy Sinatra, in dem sie den Zuschauer zum Playback von Bang Bang in ihren Bann zieht. Auf den ersten Blick ein Massenprodukt, aber doch besonders. Wir schreiben das Jahr 1967. Farbe des Jahres: Rosa. Accessoire des Jahres: Fransen. Kombination des Jahres: Minikleid und Stiefel. Man beachte das Bühnenbild. Wir lernen: Wenn das Produkt stimmt, lasst es für sich sprechen … nur keine Ablenkungen.

Danke an Boris Kochan für den Tipp.

Die Datenstruktur einer Twitter-Meldung

Eine Twitter-Statusmeldung besteht zwar nur aus den berühmten 140 Zeichen, doch mit diesen wird ein Vielfaches an zusätzlichen Daten hinter den Kulissen mit transportiert. Der Datenexperte Raffi Krikorian, Gründer der Synthesis Studios und im Moment mit dem Aufbau der Twitter-Geo-Plattform beschäftigt, hat eine strukturierte Grafik zu einem typischen Twitter Status Objekt erstellt.

Hier seine Erläuterung zum Schaubild. »Die Menge der Metadaten einer Twitter-Meldung nimmt seit Monaten zu und wird es auch weiterhin tun. Sicher habt ihr euch schon gefragt, was die ganzen Felder bedeuten. Hier ist eine nützliche Landkarte. Ich habe sie in JSON gebaut (= JavaScript Object Notation, ein schlankes, offenes Datenaustauschformat) statt in XML, weil wir planen, XML ab Version 2.0 unseres APIs nicht mehr zu unterstützen.«

Raffi hat das Diagramm als PDF in seinem Blog mehack.com veröffentlicht, wo es im Beitrag Map of a Twitter status object geladen werden kann.

Popikonen (4): Pet Sounds (The Beach Boys)

Das Album »Pet Sounds« war die Antwort der Beach Boys auf »Rubber Soul« von den Beatles. Als Brian Wilson das Beatles-Album im Sommer 1965 hörte, war er sofort beeindruckt von der homogenen Stimmung der Platte und beschloss, ein Album mit ähnlichem Anspruch zu komponieren. Während er in den Monaten zuvor Surf-Hits am laufenden Band produzierte, schlug er erstmals auch wehmütige Töne an (»God Only Knows«).

Bahnbrechend war aber vor allem die für die damalige Zeit revolutionäre Produktion. Wilson gehört zu den ersten Musikern überhaupt, die nach und nach volle künstlerische Kontrolle über ihr Material anstrebten. Mit den besten Studiomusikern der damaligen Zeit und einem ständig verfügbaren Orchester schuf der älteste der Wilson-Brüder bemerkenswerte Sounds, indem er Instrumente übereinander legte und gänzlich neuartige Klangfarben schuf. Als die Beatles 1966 »Pet Sounds« zu Ohren kam, ließen sie sich wiederum zu ihrem Meisterwerk »Sgt. Peppers« inspirieren.

Für das Cover von Pet Sounds verpflichteten die Beach Boys den Art-Director Tommy Steele, der versuchte, das beste aus dem vorgegebenen Material zu machen. Das Foto lieferte der Hausfotograf von Capitol Records, George Jerman. Es entstand im Frühjahr 1965 im Streichelzoo des San Diego Tierparks. Als Schrift wählte Steele die Cooper Black, entworfen von Oswald B. Cooper Anfang der 1920er Jahre, die durch das Album zu neuem Ruhm gelangte.

Zur Erbauung habe ich der obigen LP-Abbildung noch die Vorder- und Rückseite einer Single aus dem Jahr 1965 hinzugefügt (»California Girls« b/w »Let Him Run Wild«). Auch hier ist das Bildmaterial ähnlich skurril wie unpassend: die Beach Boys als Touristen in Berlin, bewaffnet mit Foto- und Super-8-Kamera neben der Gedächtniskirche und beim Anbaggern schöner Berlinerinen vorm Café Kranzler.

Die ganz oben abgebildeten T-Shirt-Entwürfe basieren auf einer Idee des holländischen Designbüros Experimental Jetset. Im Februar 2001 entwarf es das Motiv John Paul Ringo George für das japanisch-Amerikanische T-Shirt-Label 2K by Gingham (gesetzt aus Helvetica). Der Vierzeiler gilt nicht nur als die kürzeste Pop-Märchen der Welt, er wurde auch ungezählte Male kopiert und adaptiert. Ich habe die Reihenfolge der Beatles-Namen in die »historisch-amtliche« verändert und das analoge Beach-Boys-Motiv (gesetzt aus Cooper Black) hinzugefügt.

Popikonen (3): Beatles vs. Stones

Meine Kindheit und Jugend erstreckte sich über die gesamten 1960er Jahren (Einschulung 1960). Politisch war die Zeit geprägt vom Kalten Krieg zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion. Die alltägliche Schwarzweißmalerei lieferte nicht nur den Stoff für kommerziell erfolgreiche Kulturprodukte (zum Beispiel die James-Bond-Filme … der erste erschien 1962), sie schlug auch bei ganz privaten Bekenntnissen durch. So gab es beispielsweise an Karneval bei der Entscheidung Cowboy oder Indianer kein entweder oder: einmal Indianer, immer Indianer, womit gleichzeitig der Feind feststand. Das Überlaufen in der folgenden Faschingssaison wurde mit Ausgrenzung quittiert. Ähnlich verhielt es sich mit dem Bekenntnis Beatles oder Rolling Stones. Ich kenne nur wenige Freunde, die Alben beider Lager im Plattenschrank hatten. Meist waren es Musiker, die sich von der Qualität einer Komposition oder eines Arrangements begeistern ließen, frei von Ideologien. Womit wir bei der Ursache des Kalter-Krieg-Denkens wären: Engstirnigkeit.

Die Beatles oder die Stones werden gerne zitiert, wenn jemand den Erfolg eines Popmusikers belegen möchte, zuletzt beim Oslo-Star Lena Meyer-Landrut. Weil ARD und ProSieben das Finale der Show über Wochen vorbereiteten, und die 3 Finalsongs noch in derselben Nacht zum Download anbieten konnten (wovor ich großen Respekt habe), belegten die 3 Titel binnen weniger Stunden die ersten drei Plätze der deutschen Charts, was weder den Beatles, noch den Stones oder Elvis je gelang. Bei allem Respekt vor der Leistung von Lena M-L: Sie nach dem 3-Hit-Wonder mit diesen weltweit erfolgreichen und nicht nur auf musikalischem Gebiet einflussreichen Künstlern zu vergleichen, ist absurd.

Tatsächlich hat nach den Beatles keine andere Band die Pop-Musik in vergleichbarem Ausmaße beeinflusst. Auch die Stones nicht, ganz im Gegenteil: Mick Jagger lag den Fab-Four während der Aufnahmen von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band zu Füßen, um 5 Monate später das musikalisch und visuell vergleichbare Album Their Satanic Majesties Request herauszubringen, das damals, wie St. Peppers, als psychedelisch eingestuft wurde (Abbildungen der beiden Cover, oben).

Ein Maß für den Einfluss der Beatles ist zunächst einmal die schiere Menge der Cover-Versionen ihrer Songs (»Yesterday« soll laut Wikipedia über 3000 mal gecovert worden sein). Nach St. Peppers wurde jede Veröffentlichung der Liverpooler von Musikern in aller Welt sofort nach Erscheinen studiert und analysiert. Vor allem unter Jazz- und Orchester-Musikern. Drei Beispiel, die ich hier zitieren möchte, belegen diesen Einfluss. Da ist zum einen die gerade erschienene und preiswerte Verve-Compilation Beatles vs. Stones, (iTunes-Link), die 18Hits beider Bands liefert, unter anderem Interpretiert von Count Basie, Wes Montgomery, Sergio Mendes, Monty Alexander und Ella Fitzgerald.

Zwei echte Perlen sind Alben von Ramsey Lewis (»Mother Nature’s Son«, Amazon-Link) und George Benson (»The Other Side of Abbey Road«, iTunes-Link). Der Jazzpianist und -Keyboarder Lewis knöpfte sich gleich nach Erscheinen das »Weiße Album« der Beatles vor (1968) und interpretierte seine 10 Lieblingssongs, darunter auch so schwer zugängliche Titel wie »Mother Nature’s Son«, »Dear Prudence«, »Good Night« und »Everybody’s Got Something to Hide Except Me and My Monkey.« Der Gitarrist und Sänger George Benson widmete sich ein Jahr später dem aktuellen Album Abbey Road, und schuf aus dem Material das ruhige. überwiegend instrumentale Album »The Other Side of Abbey Road«.

Die Unhandlichkeit des iPads

Auf meiner Reise durch den Taunus stieß ich gestern auf einen amüsanten Beitrag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Rundschau (FR). Er widmet sich dem morgigen US-Verkaufsstart des Apple iPad (Online-Version: »Dreimal werden wir noch wach«). Der Artikel kommt zu diesem originellen Fazit: »Das vielleicht größte Manko aber ist die Unhandlichkeit: Auf den von Apple veröffentlichten Bildern nutzen die Leute häufig ein hochgeschlagenes Bein als Unterlage – irgendwo muss das Ding ja abgelegt werden.«

OK, das iPad ist keine Tageszeitung und längst nicht so handlich wie die FR, die – anders als der große Nachbar FAZ – statt im Nordischen Format als Tabloid erscheint. Sicher wäre es auch toll, wenn man das iPad falten, den Kamin damit anzünden und Fliegen totschlagen könnte. Drückt auch dieser (weit hergeholte) Nachteil des iPads die Angst der Journalisten vor den elektronischen Medien aus?

Zur Entschuldigung der beiden Autoren sei nachgetragen, dass erst die Print-Schlussredaktion dem Fazit die richtige Würze gab. Sie strich aus Platzgründen den nicht unwichtigen Satz »Die Hände braucht man schließlich zur Bedienung«. Die Online-Fassung des Artikel liefert den kompletten Text. Womit wir beim entscheidenden Nachteil von Zeitungen wären: Immer zu wenig Platz für redaktionelle Texte. (Abb. © Apple Inc.; Standbild aus iPad-Werbevideo)

Frage zur Verwendung des Schrägstr/chs

Da ich gerade auf Reisen bin, und meine Bibliothek nicht konsultieren kann, gebe ich die Frage von Andrea Wagner einfach mal an die Fontblog-Leserschaft weiter. Sie schrieb mir heute per Mail: »Bei uns im Büro ist eine hitzige Diskussion entbrannt bezüglich der korrekten Verwendung des Schrägstriches /, bei der auch Quellen wie die ›Detail-Typografie‹ oder das Internet nicht eindeutig sind. Unser spezieller Fall sieht so aus ›…umfasst den Entstehungsprozess / die Entwicklung …‹. Die Lektorin will die Leerräume unbedingt entfernt haben, aber meiner Meinung nach verändert sich dadurch der inhaltliche Bezug. Ich würde die Leerzeichen lassen, da es sich um eine ähnliche Situation handelt, wie bei Vor- und Zunamen: ›Hans Müller / Georg Meier‹.« Was meinen die Fontblog-Leser?