— Reportage —


Ikonen: Tagebucheintrag TYPO San Francisco

mailChimp

Julius by Paul Frank war gestern, jetzt kommt Frederick von Chimpenheimer IV. Mit affenartiger Geschwindigkeit eroberte das Maskottchen des E-Mail-Marketing-Providers MailChimp in den vergangenen 12 Monaten die Spitze der US-Characters-Popularitätsskala. Dieser Erfolg ist sowohl das Ergebnis – teils provokanter – Auftritte auf den hauseigenen Webseiten (Mailchimp-Geschäftsbericht), als auch eines raffinierten viralen Marketings, vor allem in Designerkreisen. Ein geschickt gesponserter, lebensgroßer Plüschaffe, zum Beispiel im Co-working-Space von Tina Roth Eisenberg (aka swissmiss) in Brooklyn, garantiert immer wiederkehrende Auftritt in in ihren zehntausendfach gesehenen Fotos im Blog und auf Instagram. Neu hinzugekommen sind Billboards, also Großflächenauftritte in US-Metropolen. Die Beweggründe hierzu werden im hauseigenen Blog beschrieben: The Story Behind the MailChimp Billboards.

Das Foto oben zeigt einen Frederick-von-Chimpenheimer-Auftritt in der Howard-Street, direkt neben den Konferenz-Centern Moscone und Buena Yerba.

jessie

Mit einem im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Auftritt eröffnete Jessi Arrington gestern die 2. TYPO-San-Francisco-Konferenz. Mit ihrem Mann Creighton Mershon, der ihre Präsentation steuerte (»My KJ = Keynote Jockey …«), gründete sie vor kurzem das Designbüro Workshop. Beide entstammen der vitalen Design-Keimzelle Studio Mates in Brooklyn. Bisher trat Arrington durch ihre Liebe für Farbe in Erscheinung (Lucky so and so), oder übergeschnappte Aktionen wie ihre Regenbogen-Parade, die sie über Kickstarter finanzierte.

Arrington ist ein Energiebündel, und das ist ihr Problem … oder besser gesagt: Man wollte es zu ihrem Problem machen. Ihr wurde während des Studiums eine Behandlung gegen HDHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) empfohlen. Die körperlichen Übungen machte sie mit, die Medikamente nahm sie jedoch nicht ein. »Ich wollte mich der Symptome stellen, und nicht einfach nur Mittel dagegen nehmen.« Arrington brach die Hochschule ab heiratete. Eine TV-Doku-Soap über die amerikanische Medizinerin Temple Grandin, die an Autismus leidet, half Arrington dabei zu verstehen, wie ihr »Gehirn tickt«. Sie entdeckte ihre Ich-heit (You-ness) und arbeitet seit dem daran, aus der Schwäche eine Stärke zu machen und diese in das neu gegründete Designbüro Workshop als Kapital einzubringen.

Mehr über Jessi Arringtons Auftritt in San Francisco im TYPO-Blog … 

donald

Gestern Abend zu Gast beim TYPO-Empfang: Donald Ervin Knuth, geboren am 10. Januar 1938 in Milwaukee, Autor des Standardwerks »The Art of Computer Programming« und Urvater des Textsatzsystems TeX. Entwickler wie Raphael Schaad (Flipboard, links im Bild) beten ihn an. Knuth prägte den Begriff »literate programming« und damit des Wunsch, Computerprogramme mit derselben Sorgfalt wie einen literarischen Text zu verfassen sowie Quelltext und Softwaredokumentation zu vereinen. Für sein mehrbändiges Werk The Art of Computer Programming, an dem er immer noch arbeitet, schuf er mit TeX und Metafont Computerprogramme, die druckreifen Textsatz ermöglichen und die besonders im mathematisch-akademischen Bereich eingesetzt werden.

Seit 1992 befindet sich Knuth im Ruhestand, um sich ausschließlich der Fertigstellung von »The Art of Computer Programming« zu widmen. Seit Februar 2011 liegt Band 4A vor, der sich mit Kombinatorik beschäftigt. Band 4B und 4C sollen folgen, Band 5 (von sieben geplanten) hofft er bis 2020 fertigzustellen.

Mir begegnete der Name Donald Knuth kurz nach der Gründung von PAGE, 1986, also zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution. Sein Metafont war eine abstrakte Beschreibungssprache zur Definition von vektorisierten Satzschriften, also eine Alternative zu Adobes PostScript-Schriftformaten. Knuth entwickelte auch den zugehörigen Interpreter, der den Metafont-Code ausführt und Bitmap-Schriften bestimmter Auflösung erzeugte. Zum Einsatz kam die Font-Technologie in Knuths eigenem Schriftsatz-Programm TeX, mit dem er den zweiten Band seines »The Art of Computer Programming« selbst setzte, weil er mit der Qualität des Fotosatzes des ersten Bands unzufrieden war. Es war für mich daher gestern eine Riesenfreude, ihn 27 Jahre später persönlich kennenzulernen.

Genius Loci: Yorckstraße Ecke Mehringdamm

TYPO-Berlin-Sprecher Van Bo Le-Mentzel schreibt mir heute: »Ich bewerbe mich gerade beim Rathaus Kreuzberg mit einem Vorschlag für die Nachnutzung eines altes Klohäuschen – direkt gegenüber dem Rathaus – und suche Leute in Kreuzberg, die mit mir einen gemeinnützigen Verein gründen.« Der größte Teil der 100 qm große Anlage an der Kreuzung Yorckstraße Mehringdamm liegt fünf Meter unter dem Erdboden und ist seit 1993 geschlossen. Er steht meterhoch unter Wasser, so dass es einiges zu tun gäbe. Der Senat hat natürlich kein Geld für so was und will die Anlage zuschütten. Also müssen wir privat etwas unternehmen. FontShop macht mit, denn der geniale Ort liegt nur einen Steinwurf entfernt von unseren Büros.

Ein erster Schritt wäre, in den von Le-Mentzel gegründeten Verein einzutreten. Der Berliner Architekt und Hartz-IV-Möbeldeigner stellt sich einen Kulturraum vor, für Ausstellungen, Vorträge und ähnliche Aktivitäten. Auf dieser Facebook-Seite findet ihr mehr Informationen zu der Idee. Eine Ortsbeschreibung und ein weiteres Foto bei qiez.de. Weitersagen!

Beck’s »Song Reader«: ein Lettering hebt ab

Es hat immer etwas Magisches, wenn eine Zeichnung die Papierebene verlässt und in den dreidimensionalen Raum abhebt. Das entstehende Objekt verleiht dem Ursprungsbild eine zusätzliche Glaubwürdigkeit, die es belebt und unsere Sichtweise verändert. Diesen Effekt verdeutlicht in anschaulicher Weise ein Video, das mit Jessica Hische Umschlaggestaltung (Abbildung unten) für das Notenbuch Song Reader (Amazon Link) des kalifornischen Musikers Beck spielt. Auf der Suche nach dem Popmusik-Format für das digitale Zeitalter veröffentlichte Beck im Dezember sein 12. Album nicht als CD oder Platte, sondern als Buch, genauer: eine Kladde mit großzügig bedruckten Notenblättern und nostalgischen Illustrationen, deren Ästhetik an die fünfziger Jahre erinnert. Die japanische Künstlerin und Beck-Fanpage-Betreiberin Ham ließ sich von Hisches Titelgestaltung zu einer faszinierenden Papierschneidearbeit inspirieren, die sie im folgenden Video festhielt:

Weil das neue Beck-Werk kein wirkliches Album ist, sondern ein Sammlung von Notenblättern, ergibt sich seine Daseinsberechtigung für die »Konsumenten« alleine aus der Fähigkeit, Noten zu lesen und ein Instrument spielen zu können. Wer über diese Gabe verfügt, der gibt, wer sie nicht hat, der empfängt … zum Beispiel YouTube-Filme mit den Interpretationen der Stücke. Und weil die Beck-Liebhaberin Ham leider kein Instrument spielt, versuchte sie auf ihre Art etwas zu geben, mit Papier, Klebstoff und Schere.

Weitere Informationen auf Fontfeed …

Augenschmaus: »In einer deutschen Pension«

Seit längerer Zeit beobachte ich das bemerkenswerte Programm der Edition Büchergilde (vgl. u. a. Fontblog: 36 Versicherungsblüten, illustriert von Jens Bonnke). In dem Frankfurter Verlag erscheinen wunderbar ausgestattete Bücher, zeitgemäß Illustriert und lesefreundlich typografiert.

Die Büchergilde (Gutenberg) wurde 1924 als Buchgemeinschaft vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker auf Initiative seines Vorsitzenden Bruno Dreßler in Leipzig gegründet. In der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung stehend, ermöglichte sie ärmeren Leuten durch preiswerte Bücher den Zugang zu Bildung und Kultur. Nach dem Krieg baute der Sohn des Gründers, Helmut Dreßler, die Büchergilde in Frankfurt am Main wieder auf. Bis zu seinem Tode im Dezember 1974 engagierte sich Dreßler für handwerklich gut gemachte, illustrierte Bücher. Diese Tradition setzt sich bis heute fort.

Im Herbst 2002 wurde der eigenständige Verlag Edition Büchergilde ausgegliedert, um Eigenproduktionen auch auf dem freien Buchmarkt anzubieten. Seitdem erscheinen in dem jungen Verlag Belletristik, Sachbuch sowie die Künstleredition »Die Bibliothek von Babel« mit Umschlagillustrationen von Bernhard Jäger. Seit Herbst 2008 gibt der Ilija Trojanow in der Edition Büchergilde die Reihe »Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte« heraus.

Die neuste Veröffentlichung erscheint zum 90. Todestag der neuseeländischen Kurzgeschichten-Autorin Katherine Mansfield. Sie ist als Meisterin der Short Story in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Beneidet von ihrer Zeitgenossin Virginia Woolf, war sie Vorbild großer Autoren wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway. 1909 verbrachte Katherine Mansfield einigeMonate in einer Pension im bayerischen Bad Wörishofen. Hier verfasste sie ein Dutzend messerscharfer Porträts und funkelnde Gesellschaftsskizzen, die 1911 unter dem Titel »In einer deutschen Pension« erschienen und sie berühmt machten.

In Mansfields Erzählungen tummeln sich auffällig fröhliche Witwen neben verunsicherten jungen Ehefrauen, auch der Teller voller Fleisch zur Mittagsstunde wie auch die alleingelassenen Kinder der so fürsorglichen Mütter stehen unter der Beobachtung der Autorin. Gekonnt stellt sie die Vorurteile und Stereotypen der englischen und deutschen Mentalität auf den Prüfstein. Aus dieser Distanz und der daraus entstehenden Spannung zwischen den Mentalitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht ein Panoptikum, das durch das Können Katherine Mansfields sowohl Gesellschaftskritik übt als auch Klischees auf den Prüfstand stellt. Elisabeth Schnack hat die Geschichten übersetzt und mit einem ausführlichen biografischen Essay versehen.

Bebildert wurden die scharfzüngigen Texte mit üppigen Tableaus der Künstlerin Joe Villion, in denen sie Jugendstil-Elemente mit surrealen Bildideen und lebendigen Farben mixt. Villion wurde 1981 in München geboren, wuchs in Italien und Griechenland auf und lebt seit 2001 in Berlin. Dort studierte sie bei Henning Wagenbreth an der Universität der Künste. 2010 gewann sie den Gestalterpreis der Büchergilde für »Zazie in der Metro«, für das sie 2011 ebenfalls das Ehrendiplom der Stiftung Buchkunst für ausgezeichnete buchkünstlerische Leistungen erhielt.

Das 280-seitige Hardcover-Buch wurde in drei Sonderfarben plus schwarz gedruckt. Es enthält 21 Abbildungen und kostet 24,95 €. Gesetzt ist es übrigens aus der wunderbaren Proforma Book (10,5 auf 15 Punkt), entworfen von Petr van Blokland. (ISBN 978-3-86406-020-5)

Bemerkenswertes neues Bowie-Album-Cover [Update]

Am 11. März 2013 wird der britische Musiker, Produzent, Maler und Schauspieler David Bowie sein neues Studio-Album The Next Day veröffentlichen, das erste seit »Reality«, erschienen vor zehn Jahren. Heute, an seinem 66. Geburtstag, kam als Vorgeschmack die Single Where Are We Now (iTunes-Link) heraus. Das Video (YouTube-Link; Regie:  Tony Oursler) dazu blickt zurück auf Bowies Zeit in Berlin in den 1970er Jahren. Produziert wurden die 14 neuen Songs in New York von Tony Visconti, mit dem Bowie unter anderem auf »Young Americans« und »Scary Monsters (and Super Creeps)« zusammen arbeitete. Das Cover des Albums gestaltete der Londoner Designer Jonathan Barnbrook, mehrfach Sprecher auf TYPO-Konferenzen in Berlin und London.

Das Artwork des neuen Bowie-Albums basiert auf dem Original-Schwarzweiß-Cover der 1977 erschienen LP »Heroes«. Es war das 12. Studio-Album von Bowie, Folge 2 der »Berliner Trilogie«, die in Zusammenarbeit mit Brian Eno in den Hansa-Studios an der Mauer entstand. Das Coverfoto von Masayoshi Sukita war angeblich inspiriert von einem Gemälde des deutschen Expressionisten Erich Heckel mit dem Titel »Roquairol«, das Iggy Pop im selben Jahr bereits als Vorlage für das Cover seines eigenen Post-Punk-Albums »The Idiot« verwendete.

In seinem Weblog verrät Barnbrook mehr über die Hintergründe der auf den ersten Blick rätselhaften Verfremdung des klassischen Heroes-Covers. »Wir wollten etwas komplett anderes machen, in einer Zeit, wo alles schon mal da war. Normalerweise greift man zu alten Bildern, wenn Alben wiederveröffentlicht oder Best-of-Zusammenstellungen erscheinen. Wir aber beziehen uns auf den Titel ›The Next Day‹.« schreibt Jonathan Barnbrook. Das Heroes-Cover, verdeckt mit dem weißen Quadrat, verweise auf die Kraft großartiger Pop-Musik, die sich von der Zeit löse beziehungsweise ihre Vergangenheit vergesse.

Man habe sich für das Heroes-Cover als Basis entschieden, weil dieses am meisten verehrt werde und das schwarzweiße Motiv gut zur versonnenen Musik des neuen Albums passe. Auf die Frage »Warum ein weißes Quadrat?« antwortet Barnbrook: »Wir haben Hunderte verschiedene Methoden ausprobiert, das Originalmotiv zu verschleiern. Am Ende war das einfachste am stärksten. Es musste etwas sein, was einen direkten Kontrast zum darunter liegenden Foto bildet ohne gekünstelt zu wirken.« Die verwendete Schrift ist ein Eigenentwurf von Jonathan Barnbrook mit dem Arbeitstitel »Doctrine«, die in den nächsten Wochen bei VirusFonts erscheinen wird; auf dem Bowie-Cover feiert sie ihren ersten öffentlichen Auftritt.

[Update] Siehe auch »The Guardian«: Why David Bowie’s new album cover is a masterstroke

Der Universalleser kommt: DotDotDot

Vor 6 Wochen erfuhr ich erstmals per Mail von einer neuen Lese-Plattform und -App, deren universelles Konzept mich fasziniert: »Wir entwickeln gerade eine Longformat-Reading-App für iPad und Browser, mit der sich Texte sämtlicher Formate (eBooks, RSS, Webtexte) in Gruppen lesen, bearbeiten, archivieren und verwalten lassen. … Wir wollen im November einen ersten Beta-Release herausbringen.«

Dieser Tag im November scheint nun gekommen. Der Interface-Designer Thomas Weyres von der DotDotDot GmbH schreibt mir heute: »Wir sind nun, nach vielen Nächten, ein großes Stück weiter mit unserem Produkt. Noch ist Closed-Beta-Phase, man kann die App zur Zeit nur über einen Invite nutzen; diese schicken wir gerade in größeren Mengen raus. Im Moment können die Nutzer DRM-freie ePubs lesen, RSS-Feeds über den Google-Reader importieren und über unser Browser-Plugin Texte aus dem Web zum späteren Lesen archivieren.

Textstellen lassen sich markieren, kommentieren, mit Tags versehen und in eigenen Listen verwalten. Natürlich kann man auch Textstellen mit anderen teilen, zum Beispiel über Twitter und Facebook. Zu jeder zitierten Textstelle gibt es eine eigene Quote-Page mit Deeplink im Netz. Hier ein Beispiel: Zitat Gamification. Darüber hinaus kann man auch Textstellen per Email sharen.

In unserer Browserversion können über unser Plug-in jegliche Webtexte werbefrei in ordentlicher typografischer Darstellung gelesen, markiert, kommentiert und getaggt werden. Auch eBooks lassen sich importieren und direkt im Browser lesen. Wir implementieren gerade noch die Follower-Funktion und das Durchsuchen von Tags.«

Hier ein Video, das die grundlegenden Funktionen zeigt:

Die Entwickler verrieten mir noch, dass sie lange daran gearbeitet haben, Webtexte und eBooks ordentlich zu interpretieren. Gerade in typografischer Hinsicht sei das eine ziemlich knifflige Angelegenheit, weil in den unfassbar vielen Formatierungen im XML/HTML von eBooks jede Menge typografischer Katastrophen versteckt seien. Deren komplette Behebung ist zur Zeit noch in Arbeit … Beta-Tester mögen etwas Geduld mitbringen.

Ich darf 3 Invites zur App versenden … wer Lust hat, sich DotDotDot mal auf dem iPad anzusehen, bitte eine Mail an jsiebert-ät-fontshop.de

»Twang!«

oder: Wie ein Mathe-Prof Beatle werden wollte

Der aktuelle SPIEGEL widmet sich auf Seite 121 dem zweifelhaften Versuch eines kanadischen Professors, das Geheimnis der Beatles-Arrangements wissenschaftlich zu ergründen. Das ist nicht neu: Auch die Kompositionen von Johann Sebastian Bach versuchten Experten seit Jahrhunderten mathematisch zu erklären, freilich ergebnislos. Sicher ging Bach bei seinen Kompositionen (vor allem in »Die Kunst der Fuge«) systematisch vor, was ihn schon zu Lebzeiten den Ruf eines Kompositionslehrers einbrachte, ein darüber hinausgehender musikalischer Wert wurde jahrzehntelang bezweifelt. Doch genau diesen gab es, weil zwischen den berechenbaren Tönen stets unberechenbare Inventionen stecken. Erst Alban Berg gab der fruchtlosen Debatte 1928 eine Wende, als er nach einer Aufführung in Zürich an seine Frau Helene schrieb: »Gestern Kunst der Fuge gehört. Herrlich! Ein Werk, das bisher für Mathematik gehalten wurde. Tiefste Musik!«

Nun hat also der Mathematiker Jason Brownmittels Fourier-Transformation die Tiefen des Beatles-Œuvre ergründet. Seine Erkenntnis, laut SPIEGEL: Die bewegendsten Passagen der Beatles-Musik seien jene, die auf mathematischen Mustern beruhten. Brown wuchs in einem Vorort von Toronto auf, lernte früh Geige und Gitarre, wurde aber kein Musiker sondern Mathematiker … zum Glück, möchte man ergänzen, wenn man diesen Bühnenauftritt mit Beatles-Gitarren- und -Gesangspassagen auf seiner Webseite anschaut.

Dabei erklärt er das Phänomen der Beatles-Kompositionen völlig korrekt. Die Beatles hätten die Kunst der Transformation beherrscht, also die Fähigkeit, bekannte Muster zu erkennen und zu durchbrechen. Nun ist die Transformation zwar eine Methode der Beweisführung in der Mathematik, doch wer sie dort beherrscht ist noch lange nicht in der Lage, sie in musikalischen Arrangements einzusetzen. Anders ausgedrückt: Jeder ein Genie auf seinem Gebiet. Es gibt keine interdisziplinären Genies.

Dies beweist nicht zuletzt Jason Browns selbst komponierter und arrangierter »Beatles-Song« A Million Whys (iTunes-Link), der zwar nach Lennon-McCartney klingt, aber so belebend ist wie ein Beuteltee, der zum 5. mal aufgegossen wurde. Vergiss es, Jason, du wirst dich zwar der Magie der Beatles-Kompositionen mathematisch beliebig nähern können, das macht dich aber noch lange nicht zu einem Beatle.

Browns Lieblingsobjekt ist der gewaltige Eröffnungsakkord von A Hard Day’s Night (G¹¹(sus4)), 1964 von George Harrison auf einer 12-seitigen Rickenbacker 360 angeschlagen. Dieses 2 Sekunden »Tang!« war nicht nur der Auftakt des dritten Beatles-Albums und des zeitgleich erschienene Kinofilms, nein er wirkte wie der Auftakt zu einer 4 Jahre anhaltenden Periode allerhöchster Kreativität in der Popkultur. Keine andere Band, kein anderer Musiker (außer vielleicht Bob Dylan) konnte zu jener Zeit auf diese genial-minimalistische Weise mit einem Schlag den Startpunkt setzen.

Immerhin hat Brown mit seinen Frequenzanalysen herausgefunden, dass der Beatles-Arrangeur George Martin dem Hard-Day’s-Night-Akkord mit einem Klavier zusätzlich Fülle und Nachhall verliehen hat. Allein diese Erkenntnis bringt weder ihn, noch die Beatles-Fans weiter.

Berliner Leitungswasser: Was bisher geschah

Die Berliner Medien schlagen sich gerade um unseren langjährigen Freitag-Kolumnisten Michael Bukowski. Was ist da eigentlich los. Warum will er bald Berliner Leitungswasser in Flaschen abgefüllt verkaufen? Hier eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse, inklusive meiner Warnung für überregionale Leser: Achtung, das Berliner Leitungswasser kommt auch bald zu euch!

Freitag, 6. Mai 2011: Michael Bukowski schreibt erstmals im Fontblog über ein Nonsenswasser, das sich die Helden seiner satirischen Buchreihe »Lektüre für Nichtleser« ausgedacht hatten, die Balla-Balla-Werbeagentur Auweier Unhold & Partner. Weil 3478 deutsche Wassermarken zu wenig seien, entwickelten die Werber eine neue Produktlinie in den drei gleich schmeckenden Geschmacksrichtungen »Wasser nass«, »Wasser flüssig« und »Wasser überflüssig«. Denn: »Die ›Nassness‹ von Wasser ist der Core-Benefit des Produkts.« Die entscheidende Marketing-Aufladung bekommt das Wasser, indem die leeren Flaschen plus Leitungswasser in Containern per Schiff nach Chile zum Abfüllen transportiert werden sollten. Mit dem Claim »Berliner Leitungswasser aus chilenischer Abfüllung« wolle Auweier Unhold & Partner auf den gegenwärtigen Irrsinn des globalen Transports von Gütern aufmerksam machen, die auch regional vorrätig seien.

Freitag, 23. 3. 2012: Bukowski erhielt vor einigen Tagen eine Anfrage per Mail, ob er mit seinem »Wasser aus chilenischer Abfüllung« als Sponsor bei einem Kongress einsteigen möchte. Nach kurzem Zögern rief er die Kongressveranstalter an und erklärte, dass es dieses Produkt eigentlich gar nicht gäbe. Das mache jedoch gar nichts, denn er »möchte die Anfrage gerne als Anregung nutzen, das ganze wahr werden zu lassen«. Das tat er dann auch. Es kam die Bestätigung des Kongress-Teams und schon konnte es losgehen! Bukowski rief Fontblog-Leser auf, ein schönes Etikett zu gestalten.

Freitag, 13. 4. 2012: Sechs Leser hatten sich Gedanken zum neuen Wasser gemacht. Als Nebenprodukt entstanden überzeugende Werbesprüche, denn aufmerksame Kunden wissen seit langem: Was zu Hause fast umsonst aus dem Hahn kommt, lässt sich auch im Supermarkt kaufen und eigenhändig nach Hause schleppen. Ein gutes Konzept. Aber Bukowski spricht es als erster klar aus: »Why drink at home for free, if you can buy and carry!« Pflichtbewusst kaufte unser Kolumnist 12 Kästen Markenwasser, löste in der heimischen Badewanne die Etikette ab, klebte die neuen drauf und lieferte alles zum Kongress auf den Gendarmenmarkt.

Freitag, 18. 5. 2012: Michael Bukowski kramt noch mal die Satire von 2011 heraus und entfernt alle Klamauk-Komponenten. Was bleibt übrig? Diese nüchterne Erkenntnis: Wasser erweist sich bei genauerer Betrachtung als absolut sinnvolles und marktfähiges Produkt! »Wie das, fragen Sie? Sehen Sie selbst hier auf unseres neuen Website. Außerdem freuen wir uns, wenn Ihnen dieFacebook-Page von Wasser gefällt.« Der Satiriker macht ernst und ab jetzt in Sachen Wasser.

Freitag, 8. Juni 2012: Ich sitze in meinem Wagen und fahre richtig Unter den Linden zu einer Besprechung, als ich auf Radio Eins die Ankündigung der Moderatorin vernehme, dass sie gleich mit jemandem sprechen werde, der Berliner Leitungswasser in Flaschen abfüllen und verkaufen möchte. Und tatsächlich folgt wenige Minuten später das Interview mit unserem Fontblog-Kolumnisten. Ebenfalls im Studie als Gast: der Stromberg-Schauspieler Oliver Wnuk (Ulf), der dieser Idee spontan die Wertung »genial« verleiht, eine »Superidee«, vor allem weil es eine »typisch Berliner Spinneraktion« sei. Werben will er dafür nicht unbedingt … hat er aber doch: Hier das Interview in voller Länge …

Schönstes Notizbuch … nur hier zu gewinnen [beendet]

Als ich das Führerscheinpapier zwischen die Finger nahm, war ich verloren … die meisten Fontblog-Leser kennen das betongraue Papier gar nicht mehr, das der Fahrerlaubnis den Namen »Lappen« gab, diese gummierte Pappe. Sofort musste ich das ganze Buch durchtasten, das auf den ersten Blick wie ein Papiermusterbuch aussieht. Aber es ist mehr als das, es ist ein Notizbuch. Doch selbst als solches ist es mehr, denn »every paper tells a story«. Wer mich in meinem gläsernen Büro beobachtet hat, dachte sich wahrscheinlich: ›Wie kann sich ein Mensch nur so lange mit einem Buch aus leeren Seiten beschäftigen?‹

Es stimmt, das Buch ist leer. Aber im hinteren Deckel verbirgt sich ein bedruckter Notizblock, der sich wie ein spannender Krimi liest. Er enthält noch mal alle verwendeten Papiersorten und stellt diese in Worten und mit sympathischen Illustrationen vor.

Ob Metzger-, Strafbefehl-, Konfetti- oder Butterbrotpapier … wir haben sie alle schon mal in Händen gehalten, weil sie täglich im Einsatz sind. Und deshalb heißen sie hier auch »Held der Arbeit«. Man trifft sie morgens beim Verzehr der Stulle und abends auf dem Sofa bei der Spurensicherung im »Tatort«. Es sind die Underdogs der Papierwelt. Die meisten von ihnen sehen nie unbedruckt das Licht der Welt. Doch dieses Notizbuch holt sie aus dem Dunkel der Fabrikhallen, Kühlhäuser, Brieftaschen und Holzkisten und beschert ihnen einen Auftritt in der glitzernden Werbewelt … denn beim »Held der Arbeit«-Notizbuch handelt es sich um eine Geschenk für die besten deutschen Werber, die Jury des 48. ADC-Wettbewerbs.

In das 344 Seiten starke Buch haben die Hersteller von brandbook.de 24 verschiedene Papiere eingebunden, den Umschlag und das Vorsatzapier nicht mitgerechnet.

Weitere Besonderheiten:

  • edle, bronzefarbene Coverprägung auf graubraun durchgefärbtem Karton (Sonderanfertigung)
  • entkoppelter Buchrücken – für ein perfektes Aufschlagverhalten und absolute Planlage
  • textiles Fälzelband im Siebdruck in Tagesleuchtfarbe bedruckt
  • integriertes Booklet mit Erklärung zu den einzelnen Papieren
  • zu 80% von Hand gefertigt, da die Helden-Papiere zum Großteil nicht maschinell verarbeitet werden können

Format: 146 x 207 mm
Seitenanzahl: 344 Seiten
24 verschiedene Papiersorten (blanko)
Gestaltung & Produktion by brandbook.de

Wert: Ich würde mal sagen unbezahlbar, denn tatsächlich kann man dieses Notizbuch nicht kaufen. Aber hier im Fontblog können 3 Leser je ein Exemplar gewinnen, denn Brandbook hat mir drei »Held der Arbeit« geschenkt, weil ich so begeistert davon bin. Beantwortet mir einfach die folgende Frage: Zu welchem Papier hast Du ein ganz persönliches, emotionales Verhältnis? Einsendeschluss ist der kommende Montag, 4. Juni, 12:00 Uhr.

Bilderbogen: TYPO Berlin 2012

Vor einer Woche begann im Berliner Haus der Kulturen der Welt die 17. TYPO Berlin Konferenz. Unter dem Motto ›Sustain‹ widmete sich die Veranstaltung dieses Mal dem wertvollsten Rohstoff der Kreativbranche: der Idee. Sie ist eine unerschöpfliche Ressource, »die sich sogar vermehrt, wenn man sie teilt«. Doch eine Idee ist kein absolutes Gut. Je nach Wetterlage (meist von den wirtschaftlichen Umständen anhängig) kann eine Idee in unterschiedliche Richtungen wandern. Dies war für viele TYPO-Besucher eine neue Erkenntnis, wie wir aus Gesprächen erfuhren. Der Fotograf und vielfache TYPO-Teilnehmer Jens Tenhaeff formulierte es so: »Ich habe auf der TYPO Sustain gelernt, dass ich die Wertmaßstäbe in meiner Arbeit neu justieren muss.« Oder Markus Hanzer: »Die Kontraste der Positionen sind für mich inzwischen die eigentliche Botschaft.«

Nachfolgend zwei Dutzend Fotos von der TYPO 2012 (© Gerhard Kassner und Alex Blumhoff) mit ausführlicheren Bildunterschriften.

Die Dekoration von Bühne und Konferenzgebäude griff das Thema Sustain auf: natürlich Farben, Jute-Konferenztasche, zertifizierte Drucksachen. Der Journalist Henry Steinhau schreibt dazu in seinem Blog: »(Der) … stets auf Sorgfalt und Glaubwürdigkeit achtende TYPO-Veranstalter FontShop setzte sichtbare Impulse, etwa mit Sitzkissen, die aus Bannern und Planen vorheriger Konferenzen genäht sind; mit Programmheften und Taschen aus der Ökodruckerei; mit wiederverwendbaren Kaffeetassen und Wasserflaschen, Stichwort Müllvermeidung. Dies alles wirklich schön gestaltet, insofern attraktiv UND ökologisch korrekt; da nicken also gleich zwei Zeitgeister auf einmal, der gute Geschmack und das gute Gewissen.«

Drei Tage lang nahmen über 50 Kreativgrößen aus Design, Kunst und Medien und rund 1400 Besucher aus aller Welt in Vorträgen, Ausstellungen und Workshops das derzeitige Zauberwort der Branche unter die Lupe und fragen kritisch nach: Schlägt sich sich das Streben nach Nachhaltigkeit in konkreten Designlösungen nieder? Oder ist diese nur ein Schlagwort der Agenturen und Unternehmen, das der Sehnsucht nach Werten Rechnung trägt? Auch die Frage aller Fragen wurde gestellt: Muss dieser Job eigentlich wirklich realisiert werden? (Nat Hunter)

Eröffnungsredner ist Bernd Kolb. Die Zukunft erkennen, neue Herausforderungen meistern, Krisen bewältigen – in diesem Spannungsfeld wirkt Kolb seit mehreren Jahren. Einst als »Unternehmer des Jahres« gefeiert, verließ der damalige Vorstand für Innovation bei der Deutschen Telekom 2007 den Konzern, um sich als Innovationsmanager und »Change Agent« den wahren Herausforderungen unserer Zeit zu widmen. In dem von ihm gegründeten Club of Marrakesh versammelt er internationale Denker, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer, um mit ganzheitlichem Denken Innovationen zu entwickeln, die einflussreiche Partner umsetzen.

Morag Myerscough hielt einen erfrischenden und farbenfrohen Vortrag und gab einen Einblick in die Vielzahl ihrer abwechslungsreichen und authentischen Arbeiten. Christiana Teufel, Slanted: »Ihre Gestaltung geht oft über die zweite Dimension hinaus, wie z. B. bei “the deptford project”, wo sie keine Mühen scheute Gleise verlegen zu lassen um einen alten Zug zu transportieren und ihn in ein Café umzugestalten. Ihr liegt es, aus alten Dingen Neues zu schaffen. Zum diesjährigen Thema “Sustain” passt ihre Herangehensweise sehr gut, wie sie an vielen Beispielen vorgeführt hat. Es ist ihr wichtig vorhandene Materialien zu nutzen, die Umgebung mit einzubeziehen und keine Angst vor Farben zu haben.«

Andreas Uebele zeigte in hohem Tempo viele schöne Arbeiten und jede Menge Bilder. Dazu erzählt er herrliche Geschichten, im Publikum ein ständiges Gekicher. »In dieser Leichtigkeit kann man seine Projekte also auch präsentieren, toll!« (Slanted)

Immer in der ersten Reihe: Die TYPO Berlin bringt internationale Designer und Designexperten nach Berlin. Neben den Vorträgen erweisen sich die Gespräche dazwischen als die eigentliche Energiequelle für den eigenen Kopf und die eigene Arbeit.

Ein TYPO-Aktivist der ersten Stunde: Seit über 20 Jahren begleitet Yves Peters die europäische Schriftenszene … als Autor, FontShopper, Blogger und seit einigen Jahren als gern gebuchter Redner.

Shoko Mugikura war – neben Susanne Zippel und Nadine Chahine – eine von drei Referentinnen des Non-Latin-Blocks am Samstag in der TYPO Show. Binnen 3 Stunden erfuhren die Besucher wie die japanische, die chinesische und die arabische Schrift funktionieren.

Er ist ein Designsammler, Designvermarkter und Designphilosoph: Jan Teunen. Er lebt seit über 30 Jahren mit seiner Frau Mieke und einer umfangreichen Kunstsammlung auf Schloss Johannisberg. Er versteht sich als Berater in kulturellen und gestalterischen Fragen und bezeichnet sich als Cultural Capital Producer. Seinen Vortrag untermalt er mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Kunstobjekten und Arrangements.

Neben dem Rednerpult hat Teunen eine Louis-Vuitton-Tasche abgestellt. „Fear is energy“ steht darauf geschrieben, aus der Tasche lugt ein Plastikschweinchen. Nach 10 Minuten schlägt der Redner die Brücke zu dem Spielzeug und unternimmet mit dem Publikum einen kleinen Exkurs in die Welt der Schweine. Es geht um die fragwürdige Praxis, nach der jungen Ferkeln in der Massentierhaltung das Ringelschwänzchen abgeschnitten wird, um zu vermeiden, dass die frustrierten Tiere sich gegenseitig aus Langeweile die Schwänze abbeißen. Eine Methode, die sich – mutmaßt Teunen – nur Menschen ausgedacht haben können, die in schlecht gestalteten Räumen saßen und allein den ökonomischen Profit im Sinn hatten. Teunen sieht einen Zusammenhang zwischen diesem gestalteten Umfeld und der Art und Weise, wie sich der Mensch darin verhält. Er hoffte, seine kleine Erzählung von der Angst der Schweine möge Gestalter inspirieren: Wer nachdenkt, umdenkt, wer anfängt, sein kulturelles Umfeld zu verändern, der kann dazu beitragen, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Was wäre die Schriftdesignszene ohne die Blokland-Brüder? Sie verbinden seit fast 30 Jahren auf geniale Weise Technik mit typografischer Ästhetik, programmieren, zeichnen, automatisieren und diskutieren. Nebenbei entwerfen sie vorzügliche Schriften und halten motivierende Workshops, in denen sie ihr Wissen gerne weitergeben. Einer der Höhepunkte der TYPO Berlin 2012 war die Type-Cooker-Session von Erik van Blokland und Paul van der Laan.

Am Ende von Nat Hunters Vortrag twitterte Jörg Gudehus: »Sehr viel besser kann ein Vortrag nicht sein. Nat Hunter ist auf den Punkt, zum Thema, gut vorbereitet, Super Folien (Keynote).« Nach 23 Jahren interessanter Arbeit schloss Hunter in diesem Jahr das von ihr mitbegründete Design Büro Airside. Das hatte verschiedene Gründe: Interessen und Ziele der Partner haben sich verändert, aber vielleicht auch die Gesamtheit der Gestaltungsszene. Ihr Credo: »Have Power to change the world.«

Auf der TYPO Stage dískutierten der FF-DIN-Entwerfer Albert Jan Pool und die Verleger Lupi Asensio und Martin Lorenz (Twopoints.net, Barcelona) über das Buch »I love DIN«. Niemand weiß besser über diese Schrift bescheid als Pool, der jahrelang ihre Wurzeln in Archiven und Museen erforscht hat.

Der Dialog zwischen den Kulturen ist eine Herzensangelegenheit für Nadine Chahine. Die gebürtige Libanesin ist Schriftgestalterin und die Expertin für das Arabische bei Linotype. Slanted schreibt über ihren lebhaften Auftritt in Berlin: »Zuerst räumt sie mit den Klischees auf … wie lustig, dass immer alle nur an Kamele, Wüste und Sand denken, wenn es um den arabischen Raum geht. Dabei ist diese Region so unglaublich vielfältig. In Dubai ist alles im Superlativ, riesige Gebäude usw. Dubai ist Konsum, Shopping, sehr westlich orientiert. Der Jemen ist traditionell, Beirut ist Party. Die arabische Gesellschaft ist wie eine Zwiebel, immer wieder entdeckt man neue Seiten. Die westlichen Medien allerdings haben eine bestimmte Erwartungshaltung an die arabische Gesellschaft und zeigen auch nur das, was diesem Klischeebild entspricht. Das kritisiert Nadine Chahine vehement. Auch in der arabischen Region hat jeder eine Familie und will ein schönes Leben, darin gleichen wir uns alle.«

Kann uns gutes Design aus der ökologischen, finanziellen, emotionalen oder sonstigen Krisen führen? Petz Scholtus aus Barcelona begreift sich als Öko-Designerin und verweist einleitend auf die 10 Design-Prinzipien von Dieter Rams aus den 70ern, um kurz darauf auf die Knappheit unserer Ressourcen zu verweisen und festzustellen: „Good design is complicated“. Was für ein Ritt. Sie sprach schnell und hatte die TYPO Hall ebenso schnell auf ihrer Seite.

Der TYPO-Manager und -Organisator Bernd Rudolf im Gespräch mit Prof. Jay Rutherford von der Bauhaus-Universität Weimar.

Andy Altmann gründete das Designsbüro Why Not Associates gleich nach dem Studium am Royal College of Art mit einigen Mitstudenten. In den 25 Jahren seines Bestehens arbeitete das Unternehmen für namhafte Auftraggeber wie Malcom McLaren, Royal Academy of Arts, Centre Pompidou, BBC, Tate Modern oder die Royal Mail und galt lange Zeit als rebellische Wildcard.

Heute, älter und gemäßigter, sieht er sich mehr als »grafischer Problemlöser, denen immer die größten Problemfälle zugeschoben werden«. Großes Bindeelement aller Arbeiten ist die Liebe für experimentelle Typografie – die Andy Altmann auch in der Zusammenarbeit mit dem Künstler Gordon Young beweist. Mit ihm konzipierte er den Comedy Carpet, ein über 2000 qm großer Platz in Blackpool, der mit 160.000 Granitbuchstaben, eingebettet in Beton, typografisch gestaltet wurde.

1949 gewann Frithjof Bergmann mit einem Aufsatz zur »Welt, in der wir leben wollen« ein Studienjahr in Oregon und blieb in Amerika. Zunächst schlug er sich als Tellerwäscher, Preisboxer, Fließband- und Hafenarbeiter durch. Später schrieb er Theaterstücke und lebte fast 2 Jahre lang als Selbstversorger auf dem Land bei New Hampshire. Er studierte Philosophie an der Universität Princeton, promovierte mit einer Arbeit über Hegel und erhielt Lehraufträge in Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley.

1984 gründet er das erste Zentrum für Neue Arbeit in der Automobilstadt Flint in Michigan. Seitdem sind einige solcher Zentren in verschiedenen Ländern entstanden. »New Work« ist für Bergmann die Leiter, die wir von der aktuellen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur aufsteigen in ein System der Arbeit und Kultur, das humaner und intelligenter ist, und – oh ja! – mehr Spaß macht. New Work sagt Nein zur absoluten, mit Gewissheit vertretenen Überzeugung, dass es keine Alternative zu mehr Geschäft und zur Ankurbelung der Wirtschaft gibt.

Der Schriftentwerfer und Anwalt Matthew Butterick hat sich in den letzten Monaten zum Sprachrohr der Typedesign-Szene entwickelt. Was ihm Sorge bereitet: Angesichts der zunehmenden beschleunigten Migration von Printmedien zu elektronischen Medien ignorieren viele elektronisch publizierende Autoren die Typografie, womit sie gefährliche Präzedenzfälle schaffen. In seinem Vortrag belegte er, warum die historisch gute Beziehung zwischen Schrift und Technik bröckelt. Er argumentiert, dass Autoren, Gestalter und Leser sich stärker engagieren müssen, damit die Typografie nicht vom Strom sinkender Erwartung weggespült wird. Das Video seines Auftritt ist hier zu sehen …

Adrian Shaughnessy moderierte zusammen mit Simone Wolf die TYPO Hall. Fünfzehn Jahre lang war er Creative Director bei Intro. In dieser Zeit gewann das von ihm und anderen 1998 gegründete Designstudio einen D&AD Silver Award und zahlreiche andere Preise. 2004 verließ er Intro, um sich als freier Consultant dem Schreiben und kreativen Projekten zu widmen. Heute leitet er Shaughnessy Works, eine Consulting Firma für Design und Editorial-Projekte. Überdies ist er Mitgründer und Verlagschef von Unit Editions. Shaughnessy ist Autor und Art Director zahlreicher Bücher über Design.

Viel Andrang an der (frei zugänglichen) TYPO Stage, wo Erik van Blokland und Paul van der Laan ihre typografischen Kochkurs veranstalteten.

Alex Branczyk organisierte mit 16 Studierenden der FH Dortmund Sustain-Installationen im und um das Haus der Kulturen der Welt.

Der Vortrag von Martin Grothmaak lieferte unterhaltsame Einblick in aktuelle Projekte seines Stuttgarter Designbüros. Er lieferte lehrreiche Hintergrundinformationen über seine Arbeitsweise und Haltung. Grothmaak diskutierte Wertvorstellungen über den Umgang mit Projektpartnern und die Beständigkeit im Bearbeiten, die Herangehensweise an Projekte und gleichzeitig das Erhalten von persönlichen Eigenschaften, wie Hunger und Feuer. Es ging um wichtige, dauerhafte Werte, wie Vertrauen und Partnerschaft, Commitment, das gegenseitige Herausfordern, den Anspruch für höchste Qualität in Inhalt und Ästhetik und den Grenzgang zwischen Design, Kunst und Poesie.

Oliver Reichenstein (Information Architects) sprang kurzfristig als Sprecher ein, weil ein Redner kurzfristig erkrankte. Am Ende wurde sein Auftritt als der beste bewertet. Reichenstein stellte die noch nicht veröffentlichte neue Website seines Büros vor, mit der er eine neue typografische Qualität ins Netz bringen will, die er Responsive Typography nennt. So werden beim Betrachter der Website am iPad im Querformat andere Fonts ausgeliefert als beim Betrachten im Hochformat, damit der Text 100 % identisch wiedergegeben wird – nicht zu fett, nicht zu mager, einfach nur identisch.

Der krönende und auch der schnellste Abschluss der TYPO Berlin 2012: Das Präsentationsnaturtalent Jessica Hische stellte sich einfach auf die Bühne der TYPO Hall und tänzelte den Besuchern eine Dauerfeuer ihres noch recht kurzen Berufslebens vor. Kommentar danach von Peter Rudolph auf Twitter:

Warum 2012 doch ein bisschen wie 1984 ist

Apple scheint in Sachen Kommunikation auf dem Weg der Besserung. Das Unternehmen hat gemerkt, dass es sich heute, angesichts einer Kundenzahl von einer Milliarde, etwas gesprächiger zeigen muss als gegenüber zehn Millionen Fanboys in den 80er Jahren. Malware im App-Store, die Knebel-EULA bei iBooks Author, die Übermittlung vertraulicher Adressbuch-Daten, die Arbeitsbedingungen bei Foxconn …  neuerdings dauert es nur noch wenige Stunden, bis Apple einen Missstand abstellt oder zumindest ein paar Sätze dazu sagt.

Der ABC-Journalist Bill Weir wurde nun in Absprache mit Apple zu Foxconn geladen, um für das Nachrichtenmagazin Nightline einen Blick in die Produktion von iPhone und iPad zu werfen (Video der 15-Minuten-Sendung). Die Fabrik im chinesischen Shenzhen beschäftigt 240.000 Arbeitskräfte. Lohnarbeiter aus der Provinz übernachten und essen auf dem Werksgelände, um anschließend wieder für 12 Stunden ihren Arbeitsplatz einzunehmen.

Eine Szene in der faszinierenden Reportage erinnerte mich unmittelbar an den legendären Macintosh-Werbespot aus dem Jahr 1984 (Abbildung oben), der nur einmal – beim Super-Bowl – ausgestrahlt wurde, aber in die Geschichte der Werbung eingegangen ist. Eine Foxconn-Managerin informiert die Arbeitskräfte ihrer Abteilung per Lautsprecher über die Essenspause, worauf zig Arbeitskräfte wie gleichgeschaltet den Weg zur Kantine antreten, weiter begleitet von der blechernen Mikrofonstimme:

Markus Hanzer »Genesis«, kostenloses iBook [Update]

Wahrscheinlich ist es das erste iBook im Selbstverlag, das von einem professionellen Gestalter mit der neuen Macintosh-Software iBooks Author erstellt wurde, die Apple vor 2 Wochen vorgestellt hat … Der österreichische Designer und mehrfache TYPO-Berlin-Sprecher Markus Hanzer hat es gestern veröffentlicht. Unter dem Titel »Genesis« setzte er sich auf der TYPO Berlin 2011 mit den Veränderungen in seinem Beruf auseinander. Der viel beachtete Vortrag lieferte nun den Inhalt für sein kostenloses e-Book, das im iTunes-Store zum Download bereit liegt.

Das Buch beleuchtet die unterschiedlichen Vorstellungen, die sich im Laufe der Geschichte über den Mensch als Gestalter entwickelt haben und fragt danach, welche dieser Ansätze noch von Bedeutung sind. In jedem Diskurs über Gestaltung taucht früher oder später die Frage auf : Wer hat die Zügel in der Hand? Wer hat die Welt in ihrer uns erfahrbaren Form geschaffen? Ist das Werk gelungen? In welchem Rahmen sind Veränderungen denkbar und wer hat das Recht ein Urteil zu fällen?

Je mehr Gestaltungsarbeit sich von traditioneller Handarbeit entfernt, indem wir mit Programmen und vorgefertigten Templates und Designelementen von der Stange arbeiten, desto komplexer wird die Rechtslage, die uns vorgibt, wie weit unsere Handlungsspielräume noch reichen, welche Rechte den so genannten Urhebern eingeräumt werden, wer, was als sein geistiges Eigentum bezeichnen darf, und somit auch, welche Schranken und Grenzen der Gestaltung gesetzt werden. Wer hat das Recht die Welt umzugestalten und wer darf wann andere zur Kasse bitten, wenn diese vorgefundene Gestaltungselemente benutzen wollen?

Es zeigt sich, dass Gestaltung nach wie vor der gemeinschaftlichen Konstruktion eines Weltbilds dient. Beim Design werden zentrale Fragen verhandelt, zum Beispiel wie wir zu unserer Umwelt stehen, wie wir unser Zusammenleben ordnen und welchen Zielen wir unsere Lebensenergien widmen? Es geht gar nicht mehr darum, jeden denkbaren Raum mit Zeichen zu füllen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem sich Zusammenleben entfalten kann. Oder wie die von Markus Hanzer zitierten Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger meinen: »Veränderung führt über das Erlebnis der Alternative. Wandel benötigt sinnlich erfahrbare Modelle anderer Realitäten; Prototypen einer anderen Wirklichkeit. Denn wir verwandeln uns in das, was wir betrachten, da die Energie der Wahrnehmung folgt. Wir sind somit verantwortlich für unsere Aufmerksamkeit.«

Fazit: Das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Heer an Gestalterinnen und Gestaltern wird dringend gebraucht, sollte es gelingen, dass jene die Hilfe suchen, diese auch finden.

Ich sprach mit Markus Hanzer über die Produktion seines e-Books:

Fontblog: Markus, wie hast Du das e-Book produziert?

Hanzer: Ich habe die Datei mit iBooks Author generiert … und – um ehrlich zu sein – sogar eines der angebotenen Templates benutzt.

Wie aufwendig war das für dich?

Nach dem ich mit Keynote sehr vertraut bin, bewege ich mich hier auf gewohntem Terrain. Unmittelbare Benutzung ohne jede Gebrauchsanweisung ist überhaupt kein Problem. Das Programm macht vielleicht Designer die sich primär mit QuarkXPress und Indesign beschäftigen nicht sehr glücklich, da Feinjustierungen in diesem Umfang nicht vorgesehen sind. Aber so schnell etwas veröffentlichen zu können, finde ich revolutionär.

Was kostet die Software?

Das Programm ist kostenlos, der Vertrieb meines Buches über den iTunes-Book-Store ebenso.

Was hat Apple davon?

Apple will damit jede Menge Publikationen in seinen Store spülen und damit auch den Verkauf des iPads voran treiben. Die Möglichkeiten die das iPad bietet sind durchaus berauschend und wir stehen ja hier absolut noch in den Anfangstagen.

Wo werden wir demnächst iBooks sehen?

Vor allem im Bildungsbereich, in dem Apple auch mächtig Gas gibt, sehe ich einschneidende Möglichkeiten Unterricht spannender, lebendiger, einprägsamer und individueller zu machen.

Brechen auch für Autoren neue Zeiten an?

Ob es für Autoren auf diesem Weg leichter wird, ein Publikum zu finden, sei dahingestellt … Die Zeit wird es weisen.

[Update: 2 weitere Fragen]

Hat Apple Dein Buch geprüft?

Ich habe keine Ahnung ob Apple das Buch geprüft hat. Sie haben mit mir in keiner Weise kommuniziert. Ich habe auch kein Bestätigungsmail oder sonst ein, wie immer geartete Nachricht bekommen.

Wie lange dauerte die Freigabe?

Ein paar Stunden. Falls man bei Apple in die Datei schaut, was ich annehme, hängt die Bearbeitung sicher davon ab, wie viele Uploads in einem bestimmten Zeitraum erfolgen.