— Reportage —


Wie sich ein 7-jähriger das Versal-ß vorstellt

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FontShop hat Post bekommen, von Lukas Mascher, aus Berlin, 7 Jahre alt, 2. Klasse. Kurz vor Ende des Schuljahres schrieb er uns: »Ich wollte oich das große ß zeigen« und legte eine Reinzeichnung dazu. Seine Mutter erläuterte auf einem separaten Briefbogen: »Liebe FontShopler, nachdem Lukas gehört hat, dass es gar kein großes ß gibt, hat er eines erfunden und schickt es euch. Er wird (0der ist) Erfinder und hat den Mangel mal schnell behoben.«

versal_sz_lukasLieber Lukas, wir freuen uns, dass du Erfinder werden möchtest: Hilfreiche Ideen und Geräte machen viele Menschen glücklich, und erst recht den Erfinder selbst. Über einen Großbuchstaben ß, den wir auch Versal-Eszett nennen, haben sich tatsächlich schon einige Experten Gedanken gemacht. Da sich noch keine verbindliche Form durchgesetzt hat, wird der neue Buchstabe noch nicht in der Schule gelehrt. Einen Entwurf mit drei Bäuchen hat übrigens noch kein Schriftentwerfer zur Diskussion gestellt. Vielen Dank für den tollen Vorschlag. Mal sehen, wie deine Idee hier im Fontblog diskutiert wird.

Die 2014-FIFA-WM-Brazil-Typografie

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Da ich in den letzten Tagen mehrfach auf die Schrift der laufenden Fußball-WM angesprochen wurde, hier nun ein kleiner Beitrag dazu.

wm_pokalWarum haben in diesem Jahr nicht nur Fontblog, sondern auch andere typografische Instanzen kein Wort über den typografischen Murks der FIFA WM 2014 verloren? Vielleicht, weil wir gar nicht auf die Idee kamen, dass aus dem flott hingepinselten »Brasil« im vor vier Jahren vorgestellten Bildzeichen der WM, jemals ein komplettes Alphabet entstehen würde … das dann sogar für teuer lizenzierte Kommunikations- und Werbemittel eingesetzt wird. Zum Beispiel für die offiziellen WM-Team-Shirts (Abbildung unten), mit denen sich Lidl vor Wochen eingedeckt hat.

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Auch mir wurde erst mit Erscheinen dieser Kollektion bewusst, die von der FIFA amtlich abgesegnet ist, dass es sich bei dieser Schrift nicht um eine Neckarsulmer Geschmacksverirrung handelt. Doch mehr als ein Hilferuf über Twitter/Instagram war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr drin. Kann ja sein, dass der ein oder andere Kunde dieses Playmobil-Design lustig findet. Aber mit lustig verkauft man weder eine WM, noch T-Shirts. Das hat wohl auch Lidl zu spüren bekommen, denn noch vor dem Eröffnungsspiel hat der Discounter den gesamtem WM-Krempel um 20 % im Preis gesenkt, wo doch eigentlich bekannt ist, dass das Gros der Fan-Mitläufer sich erst während des Turniers ausrüstet.

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Was hat es nun mit dieser grausamen Schrift auf sich? Zunächst einmal steht sie 1A in der Tradition der FIFA-Schriften vergangener Fußball-Weltmeisterschaften. Wer erinnert sich nicht mehr an das »bekiffte-Smileys«-Logo der WM 2006 in Deutschland, mit dem leidenschaftlichen Techno-Font Welcome (den FontShop mit der kostenloses Trivia vorführte) … ach, niemand mehr?! Vollkommen verdrängt?! Das ist ja wunderbar.

Die T-Shirts von damals sind seit Jahren entsorgt. Vielleicht ist es ja geradezu die Absicht der FIFA, mit einem schnelllebigen 0815-Merchandising-Design das Vergessen zu beschleunigen. Das ist zwar alles andere als traditionsbewusst und nachhaltig gedacht, aber dem Fußballweltverband sind ja auch die leeren Stadien scheißegal, die so eine WM in Südafrika und Brasilien hinterlässt. Also finden wir uns einfach damit ab, dass die Menschen bei der nächsten WM keine Fan-Hemdchen von vor 4 Jahren auftragen, eine Hygienemaßnahme, die ins Corporate Design der FIFA-Turniere eingebaut ist.

So, und was gibt es jetzt noch Substantielles zu der aktuellen WM-Schrift zu sagen? Schriftentwerfer? Keine Ahnung … den muss auch nicht kennen. Schriftname? Pagode. Gibt’s die zu kaufen? Natürlich nicht, weil sie nur den FIFA-Exklusivpartnern zur Verfügung steht. Wer etwas ähnliches sucht, google mal nach »font« mit den Zusätzen »Brasil2014« und/oder »Samba«. Damit habe ich das Schriftmuster oben gebaut, Akzente und ß sind mit heißer Nadel selbstgestrickt.

Bis in 4 Jahren dann wieder … ach nee, das Design der WM 2018 wird ja schon Anfang Juli bekannt gegeben.

Die strahlend, bunte Welt von Trafo Pop

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Nachts auf den Straßen von Berlin kann es vorkommen, dass ein Schwarm leuchtender und blinkender Fahrradfahrer den Weg kreuzt. Das müssen Trafo Pop sein, ein Kollektiv fahrradbegeisterter Designer und Künstler, die gerne in der Dämmerung gemeinsam durch die Straßen radeln, um ihre selbstgebauten LED-Leuchtjacken spazieren zu fahren. Die LED-Screens auf den Klamotten werden mittels Miniatur-Computern gesteuert und sind frei programmierbar. Wie man sich eine solche Jacke selbst baut, verraten Trafo Pop gerne auch in Workshops.

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Neben “wearable electronics” bauen Trafo Pop weitere lichtbasierte Gerätschaften, die immer wieder für Aufsehen sorgen. Zum Beispiel den Trafo Stick, der auf der TYPO Berlin seinen großen Auftritt hatte. Der tragbare, blinkende Strick besteht aus einer LED-Leiste, einem Microcontroller und einem SD-Kartenleser. Vereinfacht ausgedrückt verkörpert dieser Stick einen Monitor mit nur einer senkrechten Pixelzeile, der eine horizontale Grafik Zeile für Zeile herausblitzt.

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Zum Füttern des 1 m langen Sticks erstellt man zunächst am Rechner eine Grafik mit einer Höhe von 144 Pixeln, sowie in beliebiger Breite. Diese kommt über die SD-Karte in den Stick, der sie auf Knopfdruck Zeile für Zeile ausspuckt, so dass bei Fotos mit Langzeitbelichtungen und horizontaler Stick-Bewegung hologrammartige Licht-Bildern im Raum entsteht. Das auf der TYPO verwendete Gerät haben Trafo Pop mit Studenten von Alexander Branczyk und Lars Harmsen an der FH-Dortmund gebaut. Der Workshop fand im Rahmen des Projektes Bitmob statt, initiiert und geleitet von Branczyk.

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Schnappschuss von der TYPO Berlin 2014: Yanone und seine Antithesis-Schrift, in den TYPO-Stage-Raum gestellt mittels Trafo-Stick

Bei allen Entwicklungen von Trafo Pop ist Usability ein wichtiger Punkt. Sie verwenden viel Energie darauf, alle Produkte anwenderfreundlich zu gestalten. Die LED-Jacken lassen sich über eine eigens entwickelte Mac-OS-X-App mit grafischem Interface steuern und programmieren. Dank anschaulicher Benutzerführung können auch technikfremde Trafo-Popper ganz schnell eigene Grafiken auf der Jacke erleuchten lassen. Nur so war es möglich, im Workshop mit Studenten Jacken zu bauen, die einen eigenen Font auf den LEDs darstellen und eine Message abzuspielen konnten.

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Achtung: Am Freitag den 18. Juli werden Trafo Pop den Creative Morning mit ihren Jacken und Geräten rocken, im Rahmen des Mercedes-Benz Fashion Design Lab im Bikini Berlin.

Maschine Grotesk

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Die Glyphen digitaler Schriften werden mathematisch über ihre Kontur definiert, auflösungsunabhängig mittels Vektorgleichungen. Der serifenlose Großbuchstabe I ist aus digitaler Sicht also kein senkrechter Strich, sondern ein aufrecht stehendes, langes Rechteck, dessen Fläche eine Farbe zugewiesen wird, meist schwarz. Und genau so interpretieren auch Schneideplotter und Zeichenmaschinen die Lettern eines Wortes, auf dass sie es zehntelmillimetergenau und randscharf ausgeben.

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Der Mensch schreibt allerdings anders: Er führt einen Stift oder eine Feder einige Millimeter übers Papier, wobei durch die Strichbreite eine lesbare Form entsteht. Auch die typografische Seele einer digitalisierten Druckschrift basiert letztlich auf der Handschrift, wie uns der große Gerrit Noordzij bis heute lehrt.

Buchstabeneigenschaften wie Strichstärkenkontrast, Anstrich, Abstrich, Winkel, Strichendung sind Eigenschaften, die von der Handschrift herrühren und bis heute die Leserlichkeit einer Satzschrift beeinflussen. Und weil eine konstruierte (statische) Schrift wie Helvetica ihre Herkunft unterdrückt, ihr also die eben aufgezählten Eigenschaften wegoperiert wurden, ist sie eine schlecht lesbare Schrift … selbst wenn sie Apple noch so toll für sein neues Betriebssystem OS X Yosemite bildschirmoptimiert hat (oder gerade deshalb, denn je perfekter die geometrischen Formen, umso verwechselbarer werden sie).

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Steffen Hartwig studiert Kommunikationsdesign an der Folkwang UDK in Essen, wo er eine Maschine entworfen hat, die wie ein Mensch schreibt. Gesteuert wird der Apparat von einer Font-Software namens Maschine Grotesk. Dieser Font ist praktische eine Handschrift für Maschinen und Apparate, die mit Zeichenwerkzeugen umgehen können. Auf dem Computer sind die Zeichen praktisch unsichtbar, nur ein abstrakter Pfad, eine Handlungsanweisung. Erst durch die analoge Ausführung werden sie lesbar.

Durch ihre simplen Glyphen bleibt das Schriftbild, selbst bei primitivsten Malwerkzeugen, entzifferbar. Je nach Werkzeug, Geschwindigkeit, Untergrund und anderen Einflüssen entsteht ein lebendiger »Schriftschnitt«, in dem jeder Buchstabe ein Unikat ist. Zwischen exakten Ausführungen mit einem Kugelschreiber auf Papier und mit breitem Tuschepinsel direkt auf den Lithografiestein gemalten Kalligrafien spannt sich ein breites Spektrum auf.

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»Über Überwachung«

Creative-Morning-Vortrag von Sascha Lobo, 23. Mai 2014 [Update]

[Update: Der komplette Vortrag als Video mit englischen Untertiteln hier bei Creative Mornings Berlin …]
Am vergangenen Freitag lud Creative Morning-Gastgeber Jürgen Siebert seine Gemeinde zum Thema Freedom ins Orangelab am Ernst-Reuter-Platz. Als Sprecher gewann er den Blogger und Spiegel-Online-Kolumnisten Sascha Lobo, der sich dem Thema Freiheit im Netz widmete. Lobo sprach über Überwachung, genauer: die Ursprünge der Datenverarbeitung im 2. Weltkrieg, den Wunsch, die Zukunft zu berechnen und warum wir uns gegen die »Überwachung der Welt« auflehnen müssen. Nachfolgend der Wortlaut der einstündigen Rede.

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Sascha Lobo auf der Bühne des 31. Creative Morning Berlin, im Orangelab (Foto: Jens Tenhaeff)

*  *  *

anfuehrEs geht um Überwachung, und die Geschichte der Überwachung. Ich hab’ mich dazu entschlossen, eine Hinleitung aufzuzeigen, auf den Grund, warum zur Stunde, wie wir inzwischen wissen dank Edward Snowden, warum zur Stunde die gesamte Welt mit Hilfe des Internets überwacht wird.

Das muss man sich vielleicht von Anfang an vergegenwärtigen: Es geht nicht um Internet-Überwachung, sondern es geht um Weltüberwachung, mit dem Internet. Das Netz ist daher als Instrument zu betrachten, um alles drumherum und darin zu überwachen.

Die Frage, warum das eigentlich passiert, wird vergleichsweise selten gestellt. Man liest in den Medien, dass die NSA, und nicht nur die, seit Juni 2013 ›alles überwacht‹. Dann hat man im Juli gelesen, dass die NSA nun ›wirklich alles überwacht‹. Und ab August wurde dann klar, dass sie vielleicht ›noch alleser‹ überwacht. Nicht nur, dass die Empörung vergleichsweise gering ausgefallen ist … und da ist Deutschland vielleicht etwas weiter vorn als andere Länder … aber auch in Deutschland haben sich aus meiner Perspektive viel zu wenig Leute darum gekümmert, was da passiert.

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Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview: Making-of

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Er ist der einflussreichste Typedesign-Lehrer unserer Zeit: Gerrit Noordzij (82). Von 1960 bis 1990 war er Professor für Schriftdesign an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag, wo er bedeutende Schriftentwerfer direkt oder indirekt prägte, darunter Petr und Erik van Blokland, Jelle Bosma, Albert Jan Pool, Peter Verheul, Rudy Vanderlans, Just van Rossum, Albert Pinggera, Martin Wenzel, Frank Blokland, Luc(as) de Groot, Peter Matthias Noordzij, Hannes Famira und viele mehr. Auch die Arbeit der jüngsten Typedesign-Generation basieren auf den Theorien von Noordzij, zum Beispiel in den Werken von Ján Filípek, Martina Flor, Frank Grießhammer, Slávka Pauliková, Yanone und Alexander Roth.

Wir haben Gerrit Noordzij früh als Sprecher zur TYPO Berlin im Mai eingeladen. »Das Thema Roots ist genau mein Ding«, schrieb er, und sagte schon Ende letzten Jahres zu. Leider kam wenige Wochen später die Absage aus gesundheitlichen Gründen, er könne nicht reisen. Doch die TYPO-Programmdirektion wollte auf seinen Vortrag nicht verzichten. Also vereinbarten wir einen Besuch bei ihm zu Hause, um seine Gedanken auf Video festzuhalten und im Mai dem TYPO-Publikum zu präsentieren. Wir sollten eine Wandtafel mitbringen und ein paar gute Fragen. Gesagt, getan … am gestrigen Dienstag war es dann soweit.

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Wir trafen uns gegen 10:00 Uhr morgens in Gerrit Noordzijs Atelier, untergebracht im Erdgeschoss seines Wohnhauses, das in einem kleinen Örtchen 4 km südlich von Zwolle liegt, an der IJssel. Wir, das sind Erik van Blokland (ein Schüler Noordzijs), der Videograf Marten Toner (sein Vater: ein Schüler von Noordzij) und der Autor dieses Beitrags – kein Schüler von Noordzij, erste persönliche Begegnung. Der Schriftgelehrte empfing uns gut gelaunt und führte uns sogleich in sein Büro. Seine Frau brachte Kaffee und leckeren Käsekuchen. Wir bauten das Video-Equipment auf und installierten anschließend die Tafel.

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Prof. Gerrit Noordzij (links) und sein Schüler und Nachfolger an der Königlichen Akademie, Prof. Erik van Blokland

Ich hatte mir zum Warmwerden ein paar Fragen aufgeschrieben, die wir in Form eines Interviews durchgehen und aufzeichnen. Die Antworten überraschen mich, weil sie ausnahmslos in eine andere Richtung gehen, als ich erwartete. Zwischendurch greift Noordzij immer wieder zu Büchern, aus denen er Abbildungen zeigt, Zitate vorliest oder das Schriftbild unter die Lupe nimmt.

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Maarten Toner filmte mit einer 4K Blackmagic Production Camera, ausgestattet mit einem 90°-Sucher … mehr zum Equipment in seinem Blog

Wir führen das Gespräch in deutsch, was Noordzijs ausdrücklicher Wunsch ist. Er beherrscht die Sprache gut, muss aber nach einiger Zeit feststellen, dass die akute Neuralgie an seinem Vokabular zehrt. Manche Vokabeln fallen ihm erst beim zweiten Anlauf ein. Vielleicht liegt es auch an den Medikamenten: »Ich spüre jede der angegebenen Nebenwirkungen, nur die Hauptwirkung scheint nicht einzutreten«, wirft er mit einem Schmunzeln ein.

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Ich erlebe Gerrit Noordzij als humorvollen aber auch bestimmten Gesprächspartner. Seine Antworten kommen schnell. Zum Beispiel auf die bewusst provokant formulierte Frage, ob es es zu viele Schriftentwerfer gebe? Er schaut fast empör und entgegnet: »Nein … nein, nur müssen nicht alle versuchen, ihre Erzeugnisse auf den Markt zu schmeißen. Sie sollten erst mal eine innere Notwendigkeit verspüren. An meinen eigenen Schriften ist vieles zu bemängeln und auszusetzen. Aber sie hatten alle die Chance, meiner Unzufriedenheit zu begegnen. Bei jeder neuen Schrift war ich eine ganze Zeit lang zufrieden, und dachte mir ›Jetzt habe ich die Lösung‹. Ich habe mit Freude ein schönes Buch damit gesetzt, und dann noch eins … doch schon beim dritten Buch denke ich: ›Hier möchte doch etwas anders haben‹. Und schon entstand wieder eine neue Schrift. Aber ob wirklich andere nach einer solchen Schrift fragen auf dem Markt … das sind doch ziemlich wenige.«

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Wir sind begeistert von Noordzijs Kondition. Erst gegen Ende unseres fast 5-stündigen Besuchs zeigt er Konzentrationsschwächen, aber da hatten wir schon alles im Kasten, was ihm wichtig war. Zum Beispiel seine Interpretation von Roots, das Motto der TYPO Berlin. »Das Thema Wurzeln hat mich deshalb so angesprochen, weil es mich wieder an einen Briefwechsel mit Aaron Marcus erinnerte, dem damaligen Gast-Herausgeber von Visible Language, der vor 40 Jahre stattfand. Er arbeitete gerade an einem Themenheft mit dem Titel ›At the Edge of Meaning‹, in dem er untersuchte, wie weit man sich vom Kern einer Bedeutung entfernen kann, ohne unverständlich zu werden. Das war damals ein absolutes Avantgarde-Thema, und er war ein Führer der Bewegung. Er bat mich um einen Beitrag, und da habe ich ihm geschrieben, dass die Frage, wie weit man sich entfernen kann, nur sinnvoll sei, wenn man weiß, wovon man sich entfernt. Und so schlug ich ihm vor einen Beitrag zum Thema ›The Core of Meaning‹ zu schreiben, also das Herz der Bedeutung. Erst wenn man weiß, wo man herkommt, kann man sagen, wo man gerade ist. Wenn man diese beiden Positionen in dem geplanten Heft gegenüberstellt, könnte daraus eine interessante Diskussion werden. Er schrieb mir dann, das er sich darauf nicht einlassen möchte … und seitdem haben wir nichts mehr voneinander hören lassen. Aber die Frage hat mich immer beschäftigt, auch im Zusammenhang mit Schrift.« Worauf Noordzij an der Tafel seine Theorie über die Entstehung der lateinischen Schrift niederschreibt …

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Bei diesen Kostproben aus dem gestrigen Gespräch möchten wir es bewenden lassen. TYPO-Besucher, freut euch auf Freitag, den 16. Mai, wenn um 11:00 Uhr das Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview-Video Premiere feiert. Noch ist nicht sicher, ob es danach zum Download im Netz landen wird. Gerrit Noordzij möchte das nicht … vielleicht können wir ihn noch überreden. Fotos: Erik van Blokland (5), Jürgen Siebert (1), Standbild (1)

Type:Rider – Geschichte der Typografie als Spiel

Der Doppelpunkt, animiert als zwei Bälle, spielt die Hauptrolle im Videogame Type:Rider. Mit ihm bewegt man sich durch verschiedene Buchstaben-Labyrinthe, stets auf der Suche nach dem dritten Punkt, der die Türen öffnet. Am Ende wartet die Folterkammer, der Comic-Sans-Raum, das versteckte Überraschungslevel.

Type:Rider ist Geschicklichkeits- und Ratespiel in einem, erschienen am Montag dieser Woche. Es greift auf einen reichen Schatz an Bildmaterial und Dokumentarfilmen zurück, ohne übertrieben stark in Didaktik abzugleiten. Stattdessen bedient es sich bei der Poesie.

Dieser Film vermittelt einen ersten Eindruck:

Entworfen wurde Type:Rider von Cosmografik (alias Théo Le Du Fuentes), produziert von Ex nihilo und ARTE für Handys und Tablet-PCs. Das Bildmaterial lieferten hochrangige Institutionen, darunter die Bibliothèque Nationale de France, die Graphische Sammlung, das Druckereimuseum Lyon und die Bridgeman Art Library. Das Spiel zeichnet die Geschichte der Schrift nach, von den ersten Felszeichnungen bis hin zu den Digitalschriften. Dabei stand der Dichter und Schriftentwerfer Jérome Peignot Pate: »Befasst man sich mit der Geschichte der Buchstaben, so stößt man unweigerlich auf die Geschichte der Menschheit«.

Das Spiel kostet in iTunes und bei Google Play 2,69 €, erhältlich in fünf Sprachen und in 23 Ländern. Am Desktop-Rechner ist es auch über den Internetauftritt des deutsch-französischen Kulturkanals frei zugänglich, zum Spielen genügt eine Computertastatur, die ersten fünf Levels sind gratis.

Mein Fazit nach 2 Stunden Spielerei:

Plus: Spielerischer Einstieg in die Welt der Schriften, atmosphärischer Soundtrack, lehrreich, liebevoll animiert, bebildert und lokalisiert
Minus: Schlecht lesbare Textschrift, löchriger Blocksatz (vgl. Abb. unten), vernachlässigte Neuzeit (repräsentiert von Helvetica und Comic Sans)

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»Tundra hat dem ›stern‹ mehr Profil gegeben.«

Fontblog im Gespräch mit dem Schriftentwerfer Ludwig Übele

Mit seinem Büro LudwigType gehört der junge Berliner Typedesigner Ludwig Übele zu den Shooting-Stars der deutschen Foundry-Szene. Fontblog sprach mit ihm über das Handwerk der Schriftgestaltung, die Rolle seiner FF Tundra beim Redesign des  Magazins Stern und neue Projekte.

Fontblog: Wenn sich ein großes deutsches Magazin neu erfindet und visuell auffrischt, schauen wir Typografen zuerst auf die verwendeten Schriften. Der Stern hat sich für FF Tundra als Textschrift entschieden, was auch erfahrene Schriftenfans überrascht hat, denn Tundra hatte im Editorial-Design noch keinen großen Auftritt. Waren Sie auch überrascht?

Ludwig Übele: Ein bisschen schon. Ich wusste ja längere Zeit nichts davon, denn die Schrift wird ja nicht direkt bei mir lizenziert. Dass Tundra irgendwann in einem Magazin zur Andwendung kommt, überrascht mich weniger. Ich habe sie ja in erster Linie für Fließtext entworfen. Sie ist ziemlich schmal und hat eine einigermaßen große x-Höhe. Faktoren, die bei Zeitschriften und Zeitungen mit ihren schmalen Textspalten eine wichtige Rolle spielen.

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Schildbürgerstreich: »Menschen verboten«

ein Bilderbogen von Philipp Heinlein

Seit etwa drei Jahren sammle ich durchgestrichene Menschen. Mich amüsiert das Vorhaben, jemanden mit einem Hinweisschild davon abzubringen, eine Bank zu überfallen, einen Baum auszureißen oder einen Bagger als Aufzug zu benutzen. Manche Ideen müssen einfach verboten werden, sonst wüsste man gar nicht, dass es sie gibt.

Natürlich kann man einen Menschen nicht einfach verbieten wie eine Zigarette. Selbst dann nicht, wenn er gerade etwas anstellen will. Hinter dem Anspruch, Andere zu verbieten, steckt kein guter Geist. Ein sechstes Gebot für Designer zu fordern liegt nahe: Du sollst keine Menschen durchstreichen. Gute Gestalter finden eine bessere Lösung.

In der Zwischenzeit wächst meine Sammlung ausgeixter Menschen aus aller Welt.

Indonesien 2013

Österreich 2013
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Fonts unter iOS 7: Was wirklich dahinter steckt

Nein … Text und Worte sind keine sinkenden Schiffe unter iOS 7, ganz im Gegenteil

Es mangelte nicht an Ferndiagnosen zur Typografie der neu vorgestellten Apple-Mobil-Oberfläche iOS 7. Die Live-Übertragung der Keynote von der Entwicklerkonferenz WWDC am letzten Montag hatte noch gar nicht begonnen, als die ersten Schriftenfreunde ihren Sorgen über Twitter Ausdruck verliehen. Unser Freund Stephen Coles machte sich bereits angesichts der leichten Helvetica auf den Werbebannern im Moscone-Center (San Francisco) große Sorgen:

Der Ex-New-York-Times-Art-Director Khoi Vinh verglich noch am selben Morgen die Oberfläche des neuen iOS mit der Kosmetik-Abteilung bei Macy’s:

Den frühere Adobe-Type-Kollege Thomas Phinney beschäftigte die iOS-7-Typo noch zwei Tage später:

Den frühen Vögeln, die bereits während der Keynote zwitscherten, möchte ich kurz in Erinnerung rufen,

  • dass es noch mindestens 4 Monate dauern wird, bis die finale Version des iOS 7 auf den Markt kommt
  • dass man die Leistung einer Schrift in einem dynamischen OS nicht anhand von Videos oder Screenshots beurteilen sollte
  • dass auf der Keynote kein Wort über die dem iOS zugrunde liegende Font-Technik verloren wurde, die sich augenfällig geändert hat.

In den Folgetagen der einwöchigen WWDC beruhigten sich langsam die Gemüter. Das lag vor allem an den ersten Vorträgen von Apple-Ingenieuren, die sich gezielt der neuen Fontbehandlung widmeten und erste Details durchsickern ließen.

Ian Baird, bei Apple in Cupertino verantwortlich für die Text-Behandlung auf den Mobilgeräten, nannte es in seiner Session »das coolste Feature in iOS 7«: Text Kit. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich eine neue Programmierschnittstelle (API) für alle Entwickler, in deren Apps Text eine entscheidende Rolle spielt. Text Kit setzt auf das hoch entwickelt Core Text auf, eine mächtige Unicode-Layout-Engine, deren Möglichkeiten allerdings nicht so einfach »anzuzapfen« waren. In Zukunft muss sich niemand mehr mit Core Text herumschlagen, weil Text Kit als Dolmetscher dazwischen geschaltet ist.

Text Kit ist eine schnelle, moderne Text-Layout und -Rendering-Engine, deren einfache Bedienung ins User-Interface-Kit integriert ist. Sie gibt den Entwicklern die volle Kontrolle über die Core-Text-Funktionalitäten, um auf diesem Weg das Verhalten von Schrift in allen User-Interface-Elementen fein abzustimmen. Hierfür hat Apple die Bausteine UITextView, UITextField und UILabel neu gebaut. Die gute Nachricht: Erstmals in der Geschichte von iOS ergibt sich eine nahtlose Verbindung von Text zu Animationen, sowie den Ansichten UICollectionViews und UITableView. Die schlechte Nachricht: existierende textlastige Apps müssen umprogrammiert werden, um den vollen Textkomfort unter iOS 7 unterstützen zu können.

Apple hat die Text-Layout-Architektur in iOS 7 neu aufgebaut, so dass Entwickler das Verhalten von Texten und Fonts mit bisher nicht gekannter Freiheit und Dynamik in das User-Interface ihrer Apps integrieren können

Was bedeuten die neuen Optionen in der Praxis. Erstmals lassen sich längere Texte in Apps lesefreundlich und optisch attraktiv in ein Seiten-Layout packen, wahlweise mit mehreren Spalten und freigeschlagenen Flächen für Abbildungen. Aufregende neue Möglichkeiten verbergen sich hinter den Stichwörtern »Interactive Text Color«, »Text-Folding« und »Custom Truncation«. So wird es beispielsweise bald möglich sein, dass sich beim Verfassen von Texten unter iOS die Schriftfarbe ändert, sobald die App eine dynamische Textkomponente erkannt hat (z. B. Hashtag, Twitter-Account-Name, etc. …). Das Zusammenfalten wir auch das Beschneiden längerer Texte zu einer Vorschau muss nicht mehr den vorgegebenen Optionen vorne/hinten/Mitte folgen, sondern kann vom Entwickler frei definiert werden.

Mit wenigen Zeilen Code lässt sich unter iOS 7 die Uhrzeit in ansehnlicher Typo darstellen, mit proportionalen Ziffern und korrektem Trennzeichen

Den Ästheten unter den Typografen sei verraten, dass Kerning- und Ligatur-Support über das gesamte iOS 7 eingeschaltet sein werden. Selbst auf hochentwickelte grafische Effekte, wie die verblüffend realistische Büttenpapier-Ästhetik (Apple nennt diese Makros »Font Descriptors«), lässt sich unter iOS 7 jetzt spielend leicht zugreifen. Zur Beruhigung: Der Buchdruck-Zauber ist im Moment der einzig verbliebene Skeuomorphismus, der in iOS 7 überlebt hat, ausgerechnet in der Notizen-App. Betrachten wir ihn nur als ein Beispiel, was in Zukunft abrufbar sein könnte. Ob man es in Anspruch nimmt, bleibt jedem Entwickler selbst überlassen.

Die heißeste typografische Nummer im neuen iOS 7 ist allerdings Dynamic Type. Meines Wissens werden die Apple-Mobilgeräte damit die ersten elektronischen Geräte sein, die eine Schriftqualität als selbstverständlich erachten, wie sie zuletzt nur im Bleisatz derart konsequent gepflegt wurde. Wohlgemerkt: Wir sprechen von einem Betriebssystem, keine Anwendung oder einem Typografie-Job. Die optische Schriftgrößenanpassung gab es natürlich auch im Fotosatz und im Desktop Publishing … nicht wirklich automatisch und mit einigen Sackgassen (Adobe Multiple Master). Und sicherlich gibt es auch jede Menge Displays in Industrieprodukten, die verschiedene »Grades« für kleine und große Texte verwenden. Doch bei iOS ist die optische Textgröße ein Feature, mit verblüffenden Möglichkeiten, die darauf aufbauen.

Der Dynamic-Type-Wasserfall aus iOS 7 (Mitte), links der Headline-Font im Wasserfall, rechts der Font fürs Kleingedruckte: Noch sind die Laufweiten nicht perfekt … was kein Problem ist, denn iOS gestattet die Modifikation derselben, entweder durch Apple oder den Entwickler

Erstmals ist es Benutzern möglich, dank Dynamic Type die Lesetextgröße in allen Apps (die mit Text Kit für iOS 7 aktualisiert wurden) mittels Schieberegler unter Einstellungen → Allgemein  → Textgröße in 7 Stufen dem eigenen Geschmack anzupassen. Falls die größte Schriftgröße nicht ausreicht, haben Sehbehinderte unter Einstellungen → Allgemein → Bedienungshilfen die Möglichkeit, Dynamic Type bis zur Maximalgröße aufzudrehen; zusätzlich gibt es an derselben Stelle noch die Optionen »Lesbarkeit verbessern« (stellt die Schrift – bei gleicher Größe – auf einen leicht fetteren Grad um) und »Hintergrund-Kontrast« optimieren.

Fazit: Wenn iOS 7 in wenigen Monaten serienreif ist, wird das Betriebssystem selbst vielleicht noch nicht die beste Typografie liefern (mit Neue Helvetica). Aber die dem OS zugrunde liegende Text-Layout- und Rendering-Technik bietet (den Entwicklern und Apple selbst) alle Optionen, Texte in bisher nicht gekannter Dynamik und Lesequalität auf die Retina-Bildschirme zu zaubern.

Perfekter Eisbrecher: die Minikarten von Moo

Es gibt viele Online-Druckereien, auch für Visitenkarten, aber wie es die britische Plattform Moo macht, ist einmalig: Stupid simple, von der Gestaltung bis zur Lieferung. Und mit viel Liebe fürs Detail.

Die ersten Moo-Kärtchen erhielt ich schon vor 5 oder 6 Jahren, von Stephen Coles. Ich war nicht nur über das Format der Cards verblüfft, sondern auch über die individuelle Gestaltung und ihre Vielfalt. Jede trug eine andere Rückseite, mit eigenem Design. Bei Stephen waren das überwiegend Schriftmuster, aber auch selbst gemachte Fotos. Das muss doch ein Vermögen kosten. Eben nicht: keine 20 € für 100 Mini-Cards.

Da ich ausreichend mit Firmenkarten ausgestattet bin, habe ich lange keine Gelegenheit gehabt, eine der neueren Methoden des Online-Kartendrucks zu testen. Erst als wir in der Familie für selbst gemachte Postkarten ein paar digitale Druckereien im Netz durchforstetetn, stießen ich wieder auf Moo, inzwischen mit komplett deutschsprachiger Website aktiv. Die Ansichtskarten ließen ich noch mal vom altbewährten Fotolabor printen, aber der Visitenkarten-Spielerei konnten ich nicht widerstehen.

Zwar bietet Moo sieben Arten von Karten an, aber das Konzept der MiniCards begeistert mich am meisten. Weil man sie nicht einfach nur aushändigt, sondern die Rückseite passend zum Gesprächpartner wählt (oder gleich zwei oder drei weg gibt), kommt man sofort ins Gespräch: Die Visitenkarte als Eisbrecher.

Das Gestalten der Karten macht große Freude. Natürlich bietet das Template für die Vorderseite nicht die komplette typografische Freiheit wie in Adobe InDesign oder Quark XPress, aber wir gestalten hier ein Cent-Produkt, keine 2-Euro-Karte. Immerhin gibt es ein Dutzend Schriften zu Auswahl, darunter auch einige kommerzielle, zum Beispiel ITC Officina und FF Meta. Übrigens kann man bei regulären Visitenkarten auch die Vorderseite mit einem Foto (oder Logo) ergänzen. Entwürfe gehen nicht verloren, sondern bleiben so lange in der Inline-Werkstatt liegen, bis sie beendet sind. Zwischendurch erinnert der Moo-Roboter per Mail an unerledigte Jobs.

Um die Rückseite zu gestalten, muss man sich erst mal ein paar Bilder in die Werkstatt laden. Dies geschieht entweder direkt von der Festplatte des Computers, oder man zapft ein Album der privaten Lieblings-Fotoplattform an: Flickr, Picasa, SmugMug, Etsy und Facebook stehen zur Auswahl, wahlweise auch ein QR-Code-Generator. Je mehr Bilder dem Kartendesign hinzugefügt werden, um so mehr unterschiedliche Karten entstehen. Moo teilt am Ende die Gesamtauflage, zum Beispiel 100 oder 200 Karten, durch die Anzahl der bereitgestellten Fotos. So ergibt sich zum Beispiel bei 12 Fotos und insgesamt 200 Karten pro Karte eine Auflage von 16 oder 17 Exemplare. Zur Erinnerung und Steigerung der Vorfreude lassen sich alle Motive gesammelt auf einem Quittungsbogen drucken. Doch die Lieferung dauert nicht lange. Nach 8 bis 14 Tagen kommen die Karten, in einer schönen Archivbox mit Register, lustigen Bordkarten und – aufgepasst – einem Gutschein zwischen den Karten für die nächste Bestellung.

Weil ich schon mehrmals bestellt habe, liegen hier 3 Gutscheine für je 50 Classic-Businss-Karten. Die würde ich gerne unter drei Kommentatoren verlosen. Sendet mir bis kommenden Freitag (31. Mai 2013), 12:00 Uhr, eure verrückteste Visitenkarten-Anekdote, durchaus mit Foto (500 Pixel breit).

Über Moo: Gegründet 2004, 60 Vollzeit-Mitarbeiter und Büros in London und in Rhode Island, USA. Das Unternehmen druckt jeden Monat mehrere Millionen Businesskarten und hat Kunden in über 180 Ländern; drei Webby Awards und laut Guardian unter den Top-Ten der besten Start-Up-Unternehmen im Vereinigten Königreich.

Ikonen: Tagebucheintrag TYPO San Francisco

mailChimp

Julius by Paul Frank war gestern, jetzt kommt Frederick von Chimpenheimer IV. Mit affenartiger Geschwindigkeit eroberte das Maskottchen des E-Mail-Marketing-Providers MailChimp in den vergangenen 12 Monaten die Spitze der US-Characters-Popularitätsskala. Dieser Erfolg ist sowohl das Ergebnis – teils provokanter – Auftritte auf den hauseigenen Webseiten (Mailchimp-Geschäftsbericht), als auch eines raffinierten viralen Marketings, vor allem in Designerkreisen. Ein geschickt gesponserter, lebensgroßer Plüschaffe, zum Beispiel im Co-working-Space von Tina Roth Eisenberg (aka swissmiss) in Brooklyn, garantiert immer wiederkehrende Auftritt in in ihren zehntausendfach gesehenen Fotos im Blog und auf Instagram. Neu hinzugekommen sind Billboards, also Großflächenauftritte in US-Metropolen. Die Beweggründe hierzu werden im hauseigenen Blog beschrieben: The Story Behind the MailChimp Billboards.

Das Foto oben zeigt einen Frederick-von-Chimpenheimer-Auftritt in der Howard-Street, direkt neben den Konferenz-Centern Moscone und Buena Yerba.

jessie

Mit einem im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Auftritt eröffnete Jessi Arrington gestern die 2. TYPO-San-Francisco-Konferenz. Mit ihrem Mann Creighton Mershon, der ihre Präsentation steuerte (»My KJ = Keynote Jockey …«), gründete sie vor kurzem das Designbüro Workshop. Beide entstammen der vitalen Design-Keimzelle Studio Mates in Brooklyn. Bisher trat Arrington durch ihre Liebe für Farbe in Erscheinung (Lucky so and so), oder übergeschnappte Aktionen wie ihre Regenbogen-Parade, die sie über Kickstarter finanzierte.

Arrington ist ein Energiebündel, und das ist ihr Problem … oder besser gesagt: Man wollte es zu ihrem Problem machen. Ihr wurde während des Studiums eine Behandlung gegen HDHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) empfohlen. Die körperlichen Übungen machte sie mit, die Medikamente nahm sie jedoch nicht ein. »Ich wollte mich der Symptome stellen, und nicht einfach nur Mittel dagegen nehmen.« Arrington brach die Hochschule ab heiratete. Eine TV-Doku-Soap über die amerikanische Medizinerin Temple Grandin, die an Autismus leidet, half Arrington dabei zu verstehen, wie ihr »Gehirn tickt«. Sie entdeckte ihre Ich-heit (You-ness) und arbeitet seit dem daran, aus der Schwäche eine Stärke zu machen und diese in das neu gegründete Designbüro Workshop als Kapital einzubringen.

Mehr über Jessi Arringtons Auftritt in San Francisco im TYPO-Blog … 

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Gestern Abend zu Gast beim TYPO-Empfang: Donald Ervin Knuth, geboren am 10. Januar 1938 in Milwaukee, Autor des Standardwerks »The Art of Computer Programming« und Urvater des Textsatzsystems TeX. Entwickler wie Raphael Schaad (Flipboard, links im Bild) beten ihn an. Knuth prägte den Begriff »literate programming« und damit des Wunsch, Computerprogramme mit derselben Sorgfalt wie einen literarischen Text zu verfassen sowie Quelltext und Softwaredokumentation zu vereinen. Für sein mehrbändiges Werk The Art of Computer Programming, an dem er immer noch arbeitet, schuf er mit TeX und Metafont Computerprogramme, die druckreifen Textsatz ermöglichen und die besonders im mathematisch-akademischen Bereich eingesetzt werden.

Seit 1992 befindet sich Knuth im Ruhestand, um sich ausschließlich der Fertigstellung von »The Art of Computer Programming« zu widmen. Seit Februar 2011 liegt Band 4A vor, der sich mit Kombinatorik beschäftigt. Band 4B und 4C sollen folgen, Band 5 (von sieben geplanten) hofft er bis 2020 fertigzustellen.

Mir begegnete der Name Donald Knuth kurz nach der Gründung von PAGE, 1986, also zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution. Sein Metafont war eine abstrakte Beschreibungssprache zur Definition von vektorisierten Satzschriften, also eine Alternative zu Adobes PostScript-Schriftformaten. Knuth entwickelte auch den zugehörigen Interpreter, der den Metafont-Code ausführt und Bitmap-Schriften bestimmter Auflösung erzeugte. Zum Einsatz kam die Font-Technologie in Knuths eigenem Schriftsatz-Programm TeX, mit dem er den zweiten Band seines »The Art of Computer Programming« selbst setzte, weil er mit der Qualität des Fotosatzes des ersten Bands unzufrieden war. Es war für mich daher gestern eine Riesenfreude, ihn 27 Jahre später persönlich kennenzulernen.