Weil FontShop spezielle Fontpakete für diesen Zweck anbietet, werden wir des öfteren gefragt: »Was ist denn eine typische Web-to-print-Anwendung?« Na zum Beispiel der Logoschnuller wäre eine solche. Auf logo-schnuller.de können Mütter und Väter für ihre Kleinen einen personalisierten Qualitätsschnuller mit eingraviertem Namen bestellen. Während das Logo der Dienstleistung noch vielversprechend aussieht, fällt die typografische Qualität des Produktes leider etwas ab: der Babyname einheitlich in schwarz aus Comic Sans – passt nicht so richtig zu einem Sortiment mit zig Kunststofffarben und diversen Modellen. Eine Alternative könnten 3 ausgesuchte Web-2-Print-Fonts plus 6 Farben sein, mit denen die Webseitenbesucher selbst die (Sieb-)Druckvorlage erstellen. Das wäre individuelles Web-to-print.
— Reportage —
Schönes Web-to-print-Beispiel: Logoschnuller
Aachen: Afternoon Travel Type Performance

Im Rahmen eines Workshops unter der Leitung von Prof. Karel Boonzaaijer und Prof. Ilka Helmig beschäftigten sich Studierende des Fachbereichs 04 Gestaltung der FH Aachen für eine Woche mit dreidimensionaler Typografie. Es wurden über 100 Zeichen und Symbole konstruiert, mit denen die Studierenden im Rahmen des Kulturprojektes KULT.TOUR2009 den Aachener Bahnhof zum Mittelpunkt einer vierstündigen Performance machten.
Ziel war es, im Bahnhof, auf Bahnsteigen und in Zügen den Reisealltag durch unerwartete visuelle
und akustische Signale zu erweitern. In Form von typografischen Performances wurden Wörter und Texte in Spontan-installationen inszeniert, die Passantenströme neugierig gemacht und zum Verweilen angeregt. Video auf YouTube ansehen …
Niiu: Die schönsten Fehler
Seit 2 Wochen erhalte ich die erste individualisierte Zeitung Deutschlands, komponierte aus den Seiten anderer Tageszeitungen und aus Internet-Inhalten. Ausführliches über meine ersten Erfahrungen im Beitrag Niiu, meine eigene Tageszeitung, sowie in Was man bei Niiu beachten muss. Besonders tückisch sind jedoch Verarbeitungsfehler in den individuellen Exemplaren, von denen der Verlag möglicherweise nie erfährt, weil digitale Druckmaschinen nicht sprechen und auch die Leser schweigen. Ich habe hier mal 3 vergnügliche Beispiele dokumentiert:

27. 11. 2009: Weiße Seiten, statt doppelseitiger Anzeige

28. 11. 2009: Doppelseite auf die Breite einer Seite skaliert (rechts)

26. 11. 2009: die Beschnitt-Information im PDF der IBB-Anzeige wurden ignoriert (siehe schwarze Marken), so dass überstehender Motivhintergrund 2 Textspalten links und 4 Textspalten oben verdeckt
Was man bei Niiu beachten muss

Vor einer Woche stellte ich hier im Fontblog Niiu vor, die erste individualisierte Tageszeitung. Nun lese ich sie seit fast zwei Wochen und habe neue Erkenntnisse. Einige betreffen die Leser von Niiu, andere die Macher von Niiu. Ich sortiere und fasse kurz zusammen:
Die Leser einer individualisierten Tageszeitung müssen lernen, dass …
• die Ausgabe eines Nachbarn für sie wertlos ist
• der Satz »Hast Du gelesen …« ins Leere führt, wenn der Gegenüber seine eigene Niiu liest
• die Abbildung einer Zeitungsseite bei weitem kein Äquivalent zum Originaldruck ist
• Solo-Titelseiten frustrieren, weil sie nur Anmacher und unvollständige Beiträge enthalten
• die Lokales/Wirtschaft/Feuilleton mit einer rechten Seite beginnen
• der Seite 2/3 eine ungerade Seitenzahl vorausgehen muss
• 3 vertauschte Sport-Seiten aus BILD trotzdem harmonieren
• verkleinerte Zeitungsseiten langfristig Haltungsprobleme verursachen
Die Macher von Niiu müssen lernen, dass …
• ein »Bild des Tages« wortwörtlich zu nehmen ist
• Internet-Links in gedruckten Texten unsinnig sind
• Bandwurm-Links im Internet und gedruckt noch unsinniger sind
• feedburner.com eine technische aber keine journalistische »Quelle« ist
• die 1. Seite – wenn sie auch nicht verkaufen muss – die Visitenkarte der Zeitung ist
• wenn selbst grauer Text durch schlägt, das Papier zu weiß ist
Es bleibt spannend, allein die Verbesserungsfrequenz bei Niiu scheint um ein Vielfaches niedriger als die ihres Erscheinens.
Translations 03, live: Pixelgarten
Pixelgarten,
das sind Adrian Niessler & Catrin Altenbrandt. Sie studierten Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und arbeiten seit 2004 gemeinsam an freien und angewandten Projekten in den Bereichen Fotografie, Illustration und Grafik. Für Magazine, Verlage und Kulturinstitutionen realisieren sie Projekte, die über zweidimensionale Printmedien hinaus auch den Raum als Gestaltungselement einbeziehen. In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Publikationen rund um das Thema der Illustration und fotografischen Inszenierung in der dritten Dimension. Sprecher auf der TYPO 2009 Space.
Titel des Vortrags: »Erfreuliche Drucksachen«, geliehen von Jan Tschichold. Sie zeigen eine Vorher-Nachher-Doppelseite aus Tschicholds »Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie«, dem sie sich jedoch nicht anschließen wollen: Zwei zuvor lebendige Kleinanzeigen wurden von Tschichold typografisch »gleichgeschaltet«.
Pixelgarten verstehen sich als visuelle Forscher. Zu Beginn stellen sie ihr Foto- und Ausstelllungsprojekt »Um was es nicht geht vor«. Es folgt die Vorstellung ihres Buches »Drei D – Grafische Räume«, das einen aktuellen Trend im internationalen Grafikdesign aufgreift: Mehr und mehr visuelle Gestalter inszenieren ihre Entwürfe räumlich, um diese dann in Poster, Websites oder animierte Filme zu verwandeln. Dabei entstehen neue, suggestive Bilderwelten: vom spielerisch arrangierten Stillleben bis zur Raum füllenden Installation.
Weitere Projekte: All I do is think of you (Diesel-Wall, Berlin), Unfolded – Paper in Design, Art, Architecture and Industry (Buch, siehe Fontblog-Rezension), Neon Mosquito (für Neon Magazin)
Ende der Berichterstattung
Translations 03, live: Erik Kessels
Erik Kessels,
geboren 1966 im niederländischen Roermond, betreut als Creative Director und Mitgründer der Amsterdamer Werbeagentur KesselsKramer (Must-Klick!) internationale Marken wie Diesel, Oxfam oder Ben. Das Portfolio der Agentur reicht von klassischer Werbung bis hin zu Dokumentarfilmen. 2007 gründete KesselsKramer einen Ableger in London, das KK Outlet. Wie die Hauptagentur fungiert das Büro in London nicht nur als Werbeagentur, sondern auch als Galerie. Neben seiner Arbeit in der Agentur ist Erik Kessels passionierter Fotosammler und veröffentlichte zahlreiche Bücher mit Fotos aus seiner Sammlung, unter anderem die Bilderserien »Instant Men Wonder« und »2 Kilo of KesselsKramer«. Erik Kessels ist Vater dreier Kinder und lebt in Amsterdam.
Erzählt zunächst von der Gründung seiner Agentur 1996. Zuvor arbeitete er 9 Jahre in verschiedenen holländischen und internationalen Agenturen. Das Büro in Amsterdam ist in einer alten Kirche untergebracht. »Eine gute Idee kann in jedem Medium aufleben.« Er zeigt einige Arbeiten für Kunden aus der Wirtschaft: Ben, Diesel, Nike, J&B, Vitra … Dann zwei Werbespots, den billigsten (für ein Rugby-Turnier, 400 €) und den teuersten, den sie je gemacht haben (Bavaria-Bier, über 1 Mio €).
Auch die I Amsterdam-Kampagne stammt von KesselsKramer. Er zeigt eine Werbespot, der im Rahmen dieses Projekts entstand und gestern erst fertig wurde.
Natürlich fehlen die Beispiele ihres ersten und bekanntesten Kunden nicht, das Billighotel Hans Brinker Budget Hotel (500 Betten). Die gnadenlos offene Kampagne machte die Agentur binnen weniger Wochen weltbekannt, sogar CNN berichtete über die Plakate und Werbeclips. Erik Kessels zeigt mehrere Kampagnen für das Hotel aus den letzten Jahren. Nach 13 Jahren Werbung für Hans Brinker ist die Übernachtungszahl von 60.000 auf 145.000 gestiegen.
Nun stellt Erik Kessels die Eigenmarke Do® vor, unter der selbst entwickelte Produkte angeboten werden, die vom Benutzer zu individualisieren sind. Do Hit ist ein 1 x 1 x 1 m gr0ßer Metallwürfel plus Vorschlaghammer, mit dem man das Metall zu einem Sessel hämmern kann. Do Break ist eine Porzellanvase, innen mit Silikon beschichtet ist, die nach jedem Sturz weiter funktioniert und immer individueller aussieht. Do Scratch ist eine schwarz beschichtete Leuchte, aus der zunächst kein einziger Lichtstrahl nach außen dringt – erst durch selbst anzubringende Kratzer erfüllt sie ihre eigentliche Aufgabe. Do frame. ein Bilderrahmen, ist ein goldenes Klebeband mit Stuckdekor, das man auf der Wand Fotos oder Poster klebt.
Zum Abschluss zeigt Kessels Seiten aus einigen seiner Fotobüchern: »In almost every picture #1«, »In almost every picture #7«, »Useful Photography #2« und »In almost every picture #8«.
Translations 03, live: Rick Poynor
Rick Poynor,
studierte Kunstgeschichte in Manchester und Designgeschichte am Royal College of Arts in London. 1990 gründete er das Magazin »Eye«, dessen Chefredakteur er sieben Jahre war. Heute ist er als Autor für zahlreiche Magazine tätig und konzentriert sich auf die Themen Design, Medien und visuelle Kultur. Er gilt versierter Beobachter, Kritiker, Theoretiker und Impulsgeber der Design-Szene und hat wesentliche Anstöße zur Reflexion des Kommunikationsdesigns gegeben. Publikationen: »No More Rules: Graphic Design and Postmodernism«, »Violence: The world seen by the rest of the world«, »Designing Pornotopia: Travels in Visual Culture«. Rick Poynor wird Sprecher auf der TYPO 2010 sein.
Zu Beginn seiner Präsentation zeigt er Arbeiten, die in den 80er Jahren sein Interesse für Grafikdesign weckten, zum Beispiel Album-Cover gestaltet von Peter Saville und Vaughan Oliver. In den USA entwickelte sich zu dieser Zeit bereits eine Bewegung, die den kritischen Dialog im Design suchte. Einer der Wortführer war die Cranbrook Academy of Art. Er zeigt das Werk von Edward Fella (www.edfella.com), der sich mit 40 Jahren dazu entschloss, noch mal auf Cranbrook zu studieren. Er war einer der Wortführer des »theoretischen Designs« und beeinflusste viele mit seinem grafischen Dadaismus. Er hielt seine visuellen Erkenntnisse in Notizbüchern fest, die Kommilitonen als Anregung für eigene Arbeiten dienten.
Ein weiteres Vorbild für Autorschaft in Poynors Verständnis im Design ist David Carson. Er hatte nicht nur eine ästhetische Meinung, sondern auch eine politische. Einen Schritt radikaler in dieser ist Jonathan Barnbrook. Poynor zeigt ein Poster von Barnbrook, das er für das Adbusters Magazin entwarf und die Konsumgesellschaft anprangert.
Eine weitere Richtung, die Poynor sieht, ist die strategische Autorschaft: Bruce Mau, zum Beispiel. Bei seinem Buch über den Architekten Rem Kolhaas »S;M;L;XL« wirkte er als Designer des Buches als Koautor mit. Weitere Vertreter auf strategischem Gebiet: Zaha Hadid, Jorge Pardo und Elliott Earls, ein Designer, der sich als Künstler auf den Bühnen der Welt inszenierte, zum Beispiel der TYPO 2000.
Die Kehrtwende der Design-Autorschaft (neuere Zeit), das kritische Design: Experimental Jet Set, ihr Schaffen sieht auf den ersten Blick »Corporate« und gibt seine Tiefe erst beim zweiten Hinschauen preis. Erhellende Links: Daniel Eatock (eatock.com), Anthony Dunne & Fiona Raby (Critical Design FAQ), Zak Kyes (Z.A.K.), Metahaven (Metahaven Design Research).
Abschlussfrage: »Does making something make you its author?« Rick Poynor vertritt die Auffassung, dass Designer eine grundlegende Theorie/ein Konzept benötigen, auf dem ihr Schaffen ruht. Dies erleichtere ungemein die Diskussionen mit Auftraggebern. Be prepared!
Translations 03, live: der 2. Tag
Auf dem Weg zum Saal begegne ich verschiedenen typografischen Installationen, von denen ich einige zeigen möchte. Oben ist eine Fotowand abgebildet (klicken, um Ausschnitt zu sehen), auf der Buchstaben aus verbogenen (Zeit-)Schriften zu sehen sind.

Diese klebrige Inschrift wurde erst am zweiten Tag richtig sichtbar, nachdem die Besucher hundertfach darüber gelaufen sind.

Sagmeisteresk 1: Reißzwecken in Baumrinde

Sagmeisteresk 2: Wörter im Kiesbett

Meine Sicht auf die Dinge … der Saal füllt sich langsam
Translations 03, live: Lars Müller
Lars Müller,
ist 1955 in Oslo geboren, der Norweger lebt seit 1963 in der Schweiz. Nach einer Berufslehre als Grafiker und Lehr- und Wanderjahren in den USA und Holland eröffnete er 1982 sein Atelier in Baden (Schweiz). Seit 1996 ist er Partner der interdisziplinären Designgruppe Integral Concept, die in Paris, Mailand und Baden wirkt. 1983 begann Lars Müller seine Arbeit als Verleger von Büchern zu Typografie, Design, Kunst, Fotografie und Architektur. Seit 1985 lehrt er regelmäßig an verschiedenen Hochschulen. Lars Müller ist Mitglied der Alliance Graphique Internationale.
Der Verlag stellt sein Programm als »Schule des Sehens« vor, als präzise Auswahl aus der unüberschaubaren Flut visueller Ereignisse und versammelt Autoren, Gestalter und Künstler, die Ihrerseits für Qualität und Auseinandersetzung einstehen: Josef Müller-Brockmann, Edgar Reinhard, Jasper Morrison, Peter Zumthor, Thomas Flechtner.
Thema seines Vortrags: »Der Autor als Gestalter«, also er dreht das Thema der Veranstaltung einfach um. Müller spricht deutsch mit Schweizer Akzent. Er fragt das Publikum »Wie politisch fühlen Sie sich heute?« »Werden Sie die gleiche Partei wieder wählen?« Müller glaubt, dass Autorenschaft eine politische Meinung voraussetzt. Das muss nicht militant sein. Müllers politische Initialisierung waren Aktionen in der Schweizer Anti-Atomkraftbewegung. Auch Müllers Lehrer und Vorbilder waren stets politische Autoren: Richard Paul Lohse, Josef Müller Brockmann, Richard Buckminster Fuller und Le Corbusier, der 39 Bücher geschrieben und selbst gestaltet hat.
»Ich bin, wie die Amerikaner sagen, ›the analog guy‹ – der mit dem Buch.« Zwischenfrage von Lars Müller »Warum, zum Teufel, wollen alle Bücher gestalten?« Das Buch ist eine körperbezogene Sache (er zeigt ein Buch, auf dessen Titel schlicht »2 Kilo« steht). Das sei der falsche Ansatz. Sein erstes Buch »Die gute Form« war eher bescheiden angelegt. Es handelte vom Design in der Schweiz der 50er und 60er Jahre, ein Selbstauftrag. Er arbeitete sich mittels Bücher in Inhalte hinein. Sein nächste »Opfer« war El Lissitzky.
Sein Verlagsprogramm spiegelt immer auch seine persönlichen Interessen wider. Bücher können zu Freundschaften führen und umgekehrt: das kann ein Mench sein (Ruedi Baur) oder eine Schrift (Helvetica).
Sein aufwändigstes Cover, ein Relief: Herzog & de Meuron »Naturgeschichte«
Ende der Berichterstattung für heute.

