— Reportage —


Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview: Making-of

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Er ist der einflussreichste Typedesign-Lehrer unserer Zeit: Gerrit Noordzij (82). Von 1960 bis 1990 war er Professor für Schriftdesign an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag, wo er bedeutende Schriftentwerfer direkt oder indirekt prägte, darunter Petr und Erik van Blokland, Jelle Bosma, Albert Jan Pool, Peter Verheul, Rudy Vanderlans, Just van Rossum, Albert Pinggera, Martin Wenzel, Frank Blokland, Luc(as) de Groot, Peter Matthias Noordzij, Hannes Famira und viele mehr. Auch die Arbeit der jüngsten Typedesign-Generation basieren auf den Theorien von Noordzij, zum Beispiel in den Werken von Ján Filípek, Martina Flor, Frank Grießhammer, Slávka Pauliková, Yanone und Alexander Roth.

Wir haben Gerrit Noordzij früh als Sprecher zur TYPO Berlin im Mai eingeladen. »Das Thema Roots ist genau mein Ding«, schrieb er, und sagte schon Ende letzten Jahres zu. Leider kam wenige Wochen später die Absage aus gesundheitlichen Gründen, er könne nicht reisen. Doch die TYPO-Programmdirektion wollte auf seinen Vortrag nicht verzichten. Also vereinbarten wir einen Besuch bei ihm zu Hause, um seine Gedanken auf Video festzuhalten und im Mai dem TYPO-Publikum zu präsentieren. Wir sollten eine Wandtafel mitbringen und ein paar gute Fragen. Gesagt, getan … am gestrigen Dienstag war es dann soweit.

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Wir trafen uns gegen 10:00 Uhr morgens in Gerrit Noordzijs Atelier, untergebracht im Erdgeschoss seines Wohnhauses, das in einem kleinen Örtchen 4 km südlich von Zwolle liegt, an der IJssel. Wir, das sind Erik van Blokland (ein Schüler Noordzijs), der Videograf Marten Toner (sein Vater: ein Schüler von Noordzij) und der Autor dieses Beitrags – kein Schüler von Noordzij, erste persönliche Begegnung. Der Schriftgelehrte empfing uns gut gelaunt und führte uns sogleich in sein Büro. Seine Frau brachte Kaffee und leckeren Käsekuchen. Wir bauten das Video-Equipment auf und installierten anschließend die Tafel.

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Prof. Gerrit Noordzij (links) und sein Schüler und Nachfolger an der Königlichen Akademie, Prof. Erik van Blokland

Ich hatte mir zum Warmwerden ein paar Fragen aufgeschrieben, die wir in Form eines Interviews durchgehen und aufzeichnen. Die Antworten überraschen mich, weil sie ausnahmslos in eine andere Richtung gehen, als ich erwartete. Zwischendurch greift Noordzij immer wieder zu Büchern, aus denen er Abbildungen zeigt, Zitate vorliest oder das Schriftbild unter die Lupe nimmt.

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Maarten Toner filmte mit einer 4K Blackmagic Production Camera, ausgestattet mit einem 90°-Sucher … mehr zum Equipment in seinem Blog

Wir führen das Gespräch in deutsch, was Noordzijs ausdrücklicher Wunsch ist. Er beherrscht die Sprache gut, muss aber nach einiger Zeit feststellen, dass die akute Neuralgie an seinem Vokabular zehrt. Manche Vokabeln fallen ihm erst beim zweiten Anlauf ein. Vielleicht liegt es auch an den Medikamenten: »Ich spüre jede der angegebenen Nebenwirkungen, nur die Hauptwirkung scheint nicht einzutreten«, wirft er mit einem Schmunzeln ein.

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Ich erlebe Gerrit Noordzij als humorvollen aber auch bestimmten Gesprächspartner. Seine Antworten kommen schnell. Zum Beispiel auf die bewusst provokant formulierte Frage, ob es es zu viele Schriftentwerfer gebe? Er schaut fast empör und entgegnet: »Nein … nein, nur müssen nicht alle versuchen, ihre Erzeugnisse auf den Markt zu schmeißen. Sie sollten erst mal eine innere Notwendigkeit verspüren. An meinen eigenen Schriften ist vieles zu bemängeln und auszusetzen. Aber sie hatten alle die Chance, meiner Unzufriedenheit zu begegnen. Bei jeder neuen Schrift war ich eine ganze Zeit lang zufrieden, und dachte mir ›Jetzt habe ich die Lösung‹. Ich habe mit Freude ein schönes Buch damit gesetzt, und dann noch eins … doch schon beim dritten Buch denke ich: ›Hier möchte doch etwas anders haben‹. Und schon entstand wieder eine neue Schrift. Aber ob wirklich andere nach einer solchen Schrift fragen auf dem Markt … das sind doch ziemlich wenige.«

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Wir sind begeistert von Noordzijs Kondition. Erst gegen Ende unseres fast 5-stündigen Besuchs zeigt er Konzentrationsschwächen, aber da hatten wir schon alles im Kasten, was ihm wichtig war. Zum Beispiel seine Interpretation von Roots, das Motto der TYPO Berlin. »Das Thema Wurzeln hat mich deshalb so angesprochen, weil es mich wieder an einen Briefwechsel mit Aaron Marcus erinnerte, dem damaligen Gast-Herausgeber von Visible Language, der vor 40 Jahre stattfand. Er arbeitete gerade an einem Themenheft mit dem Titel ›At the Edge of Meaning‹, in dem er untersuchte, wie weit man sich vom Kern einer Bedeutung entfernen kann, ohne unverständlich zu werden. Das war damals ein absolutes Avantgarde-Thema, und er war ein Führer der Bewegung. Er bat mich um einen Beitrag, und da habe ich ihm geschrieben, dass die Frage, wie weit man sich entfernen kann, nur sinnvoll sei, wenn man weiß, wovon man sich entfernt. Und so schlug ich ihm vor einen Beitrag zum Thema ›The Core of Meaning‹ zu schreiben, also das Herz der Bedeutung. Erst wenn man weiß, wo man herkommt, kann man sagen, wo man gerade ist. Wenn man diese beiden Positionen in dem geplanten Heft gegenüberstellt, könnte daraus eine interessante Diskussion werden. Er schrieb mir dann, das er sich darauf nicht einlassen möchte … und seitdem haben wir nichts mehr voneinander hören lassen. Aber die Frage hat mich immer beschäftigt, auch im Zusammenhang mit Schrift.« Worauf Noordzij an der Tafel seine Theorie über die Entstehung der lateinischen Schrift niederschreibt …

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Bei diesen Kostproben aus dem gestrigen Gespräch möchten wir es bewenden lassen. TYPO-Besucher, freut euch auf Freitag, den 16. Mai, wenn um 11:00 Uhr das Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview-Video Premiere feiert. Noch ist nicht sicher, ob es danach zum Download im Netz landen wird. Gerrit Noordzij möchte das nicht … vielleicht können wir ihn noch überreden. Fotos: Erik van Blokland (5), Jürgen Siebert (1), Standbild (1)

Type:Rider – Geschichte der Typografie als Spiel

Der Doppelpunkt, animiert als zwei Bälle, spielt die Hauptrolle im Videogame Type:Rider. Mit ihm bewegt man sich durch verschiedene Buchstaben-Labyrinthe, stets auf der Suche nach dem dritten Punkt, der die Türen öffnet. Am Ende wartet die Folterkammer, der Comic-Sans-Raum, das versteckte Überraschungslevel.

Type:Rider ist Geschicklichkeits- und Ratespiel in einem, erschienen am Montag dieser Woche. Es greift auf einen reichen Schatz an Bildmaterial und Dokumentarfilmen zurück, ohne übertrieben stark in Didaktik abzugleiten. Stattdessen bedient es sich bei der Poesie.

Dieser Film vermittelt einen ersten Eindruck:

Entworfen wurde Type:Rider von Cosmografik (alias Théo Le Du Fuentes), produziert von Ex nihilo und ARTE für Handys und Tablet-PCs. Das Bildmaterial lieferten hochrangige Institutionen, darunter die Bibliothèque Nationale de France, die Graphische Sammlung, das Druckereimuseum Lyon und die Bridgeman Art Library. Das Spiel zeichnet die Geschichte der Schrift nach, von den ersten Felszeichnungen bis hin zu den Digitalschriften. Dabei stand der Dichter und Schriftentwerfer Jérome Peignot Pate: »Befasst man sich mit der Geschichte der Buchstaben, so stößt man unweigerlich auf die Geschichte der Menschheit«.

Das Spiel kostet in iTunes und bei Google Play 2,69 €, erhältlich in fünf Sprachen und in 23 Ländern. Am Desktop-Rechner ist es auch über den Internetauftritt des deutsch-französischen Kulturkanals frei zugänglich, zum Spielen genügt eine Computertastatur, die ersten fünf Levels sind gratis.

Mein Fazit nach 2 Stunden Spielerei:

Plus: Spielerischer Einstieg in die Welt der Schriften, atmosphärischer Soundtrack, lehrreich, liebevoll animiert, bebildert und lokalisiert
Minus: Schlecht lesbare Textschrift, löchriger Blocksatz (vgl. Abb. unten), vernachlässigte Neuzeit (repräsentiert von Helvetica und Comic Sans)

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»Tundra hat dem ›stern‹ mehr Profil gegeben.«

Fontblog im Gespräch mit dem Schriftentwerfer Ludwig Übele

Mit seinem Büro LudwigType gehört der junge Berliner Typedesigner Ludwig Übele zu den Shooting-Stars der deutschen Foundry-Szene. Fontblog sprach mit ihm über das Handwerk der Schriftgestaltung, die Rolle seiner FF Tundra beim Redesign des  Magazins Stern und neue Projekte.

Fontblog: Wenn sich ein großes deutsches Magazin neu erfindet und visuell auffrischt, schauen wir Typografen zuerst auf die verwendeten Schriften. Der Stern hat sich für FF Tundra als Textschrift entschieden, was auch erfahrene Schriftenfans überrascht hat, denn Tundra hatte im Editorial-Design noch keinen großen Auftritt. Waren Sie auch überrascht?

Ludwig Übele: Ein bisschen schon. Ich wusste ja längere Zeit nichts davon, denn die Schrift wird ja nicht direkt bei mir lizenziert. Dass Tundra irgendwann in einem Magazin zur Andwendung kommt, überrascht mich weniger. Ich habe sie ja in erster Linie für Fließtext entworfen. Sie ist ziemlich schmal und hat eine einigermaßen große x-Höhe. Faktoren, die bei Zeitschriften und Zeitungen mit ihren schmalen Textspalten eine wichtige Rolle spielen.

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Schildbürgerstreich: »Menschen verboten«

ein Bilderbogen von Philipp Heinlein

Seit etwa drei Jahren sammle ich durchgestrichene Menschen. Mich amüsiert das Vorhaben, jemanden mit einem Hinweisschild davon abzubringen, eine Bank zu überfallen, einen Baum auszureißen oder einen Bagger als Aufzug zu benutzen. Manche Ideen müssen einfach verboten werden, sonst wüsste man gar nicht, dass es sie gibt.

Natürlich kann man einen Menschen nicht einfach verbieten wie eine Zigarette. Selbst dann nicht, wenn er gerade etwas anstellen will. Hinter dem Anspruch, Andere zu verbieten, steckt kein guter Geist. Ein sechstes Gebot für Designer zu fordern liegt nahe: Du sollst keine Menschen durchstreichen. Gute Gestalter finden eine bessere Lösung.

In der Zwischenzeit wächst meine Sammlung ausgeixter Menschen aus aller Welt.

Indonesien 2013

Österreich 2013
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Fonts unter iOS 7: Was wirklich dahinter steckt

Nein … Text und Worte sind keine sinkenden Schiffe unter iOS 7, ganz im Gegenteil

Es mangelte nicht an Ferndiagnosen zur Typografie der neu vorgestellten Apple-Mobil-Oberfläche iOS 7. Die Live-Übertragung der Keynote von der Entwicklerkonferenz WWDC am letzten Montag hatte noch gar nicht begonnen, als die ersten Schriftenfreunde ihren Sorgen über Twitter Ausdruck verliehen. Unser Freund Stephen Coles machte sich bereits angesichts der leichten Helvetica auf den Werbebannern im Moscone-Center (San Francisco) große Sorgen:

Der Ex-New-York-Times-Art-Director Khoi Vinh verglich noch am selben Morgen die Oberfläche des neuen iOS mit der Kosmetik-Abteilung bei Macy’s:

Den frühere Adobe-Type-Kollege Thomas Phinney beschäftigte die iOS-7-Typo noch zwei Tage später:

Den frühen Vögeln, die bereits während der Keynote zwitscherten, möchte ich kurz in Erinnerung rufen,

  • dass es noch mindestens 4 Monate dauern wird, bis die finale Version des iOS 7 auf den Markt kommt
  • dass man die Leistung einer Schrift in einem dynamischen OS nicht anhand von Videos oder Screenshots beurteilen sollte
  • dass auf der Keynote kein Wort über die dem iOS zugrunde liegende Font-Technik verloren wurde, die sich augenfällig geändert hat.

In den Folgetagen der einwöchigen WWDC beruhigten sich langsam die Gemüter. Das lag vor allem an den ersten Vorträgen von Apple-Ingenieuren, die sich gezielt der neuen Fontbehandlung widmeten und erste Details durchsickern ließen.

Ian Baird, bei Apple in Cupertino verantwortlich für die Text-Behandlung auf den Mobilgeräten, nannte es in seiner Session »das coolste Feature in iOS 7«: Text Kit. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich eine neue Programmierschnittstelle (API) für alle Entwickler, in deren Apps Text eine entscheidende Rolle spielt. Text Kit setzt auf das hoch entwickelt Core Text auf, eine mächtige Unicode-Layout-Engine, deren Möglichkeiten allerdings nicht so einfach »anzuzapfen« waren. In Zukunft muss sich niemand mehr mit Core Text herumschlagen, weil Text Kit als Dolmetscher dazwischen geschaltet ist.

Text Kit ist eine schnelle, moderne Text-Layout und -Rendering-Engine, deren einfache Bedienung ins User-Interface-Kit integriert ist. Sie gibt den Entwicklern die volle Kontrolle über die Core-Text-Funktionalitäten, um auf diesem Weg das Verhalten von Schrift in allen User-Interface-Elementen fein abzustimmen. Hierfür hat Apple die Bausteine UITextView, UITextField und UILabel neu gebaut. Die gute Nachricht: Erstmals in der Geschichte von iOS ergibt sich eine nahtlose Verbindung von Text zu Animationen, sowie den Ansichten UICollectionViews und UITableView. Die schlechte Nachricht: existierende textlastige Apps müssen umprogrammiert werden, um den vollen Textkomfort unter iOS 7 unterstützen zu können.

Apple hat die Text-Layout-Architektur in iOS 7 neu aufgebaut, so dass Entwickler das Verhalten von Texten und Fonts mit bisher nicht gekannter Freiheit und Dynamik in das User-Interface ihrer Apps integrieren können

Was bedeuten die neuen Optionen in der Praxis. Erstmals lassen sich längere Texte in Apps lesefreundlich und optisch attraktiv in ein Seiten-Layout packen, wahlweise mit mehreren Spalten und freigeschlagenen Flächen für Abbildungen. Aufregende neue Möglichkeiten verbergen sich hinter den Stichwörtern »Interactive Text Color«, »Text-Folding« und »Custom Truncation«. So wird es beispielsweise bald möglich sein, dass sich beim Verfassen von Texten unter iOS die Schriftfarbe ändert, sobald die App eine dynamische Textkomponente erkannt hat (z. B. Hashtag, Twitter-Account-Name, etc. …). Das Zusammenfalten wir auch das Beschneiden längerer Texte zu einer Vorschau muss nicht mehr den vorgegebenen Optionen vorne/hinten/Mitte folgen, sondern kann vom Entwickler frei definiert werden.

Mit wenigen Zeilen Code lässt sich unter iOS 7 die Uhrzeit in ansehnlicher Typo darstellen, mit proportionalen Ziffern und korrektem Trennzeichen

Den Ästheten unter den Typografen sei verraten, dass Kerning- und Ligatur-Support über das gesamte iOS 7 eingeschaltet sein werden. Selbst auf hochentwickelte grafische Effekte, wie die verblüffend realistische Büttenpapier-Ästhetik (Apple nennt diese Makros »Font Descriptors«), lässt sich unter iOS 7 jetzt spielend leicht zugreifen. Zur Beruhigung: Der Buchdruck-Zauber ist im Moment der einzig verbliebene Skeuomorphismus, der in iOS 7 überlebt hat, ausgerechnet in der Notizen-App. Betrachten wir ihn nur als ein Beispiel, was in Zukunft abrufbar sein könnte. Ob man es in Anspruch nimmt, bleibt jedem Entwickler selbst überlassen.

Die heißeste typografische Nummer im neuen iOS 7 ist allerdings Dynamic Type. Meines Wissens werden die Apple-Mobilgeräte damit die ersten elektronischen Geräte sein, die eine Schriftqualität als selbstverständlich erachten, wie sie zuletzt nur im Bleisatz derart konsequent gepflegt wurde. Wohlgemerkt: Wir sprechen von einem Betriebssystem, keine Anwendung oder einem Typografie-Job. Die optische Schriftgrößenanpassung gab es natürlich auch im Fotosatz und im Desktop Publishing … nicht wirklich automatisch und mit einigen Sackgassen (Adobe Multiple Master). Und sicherlich gibt es auch jede Menge Displays in Industrieprodukten, die verschiedene »Grades« für kleine und große Texte verwenden. Doch bei iOS ist die optische Textgröße ein Feature, mit verblüffenden Möglichkeiten, die darauf aufbauen.

Der Dynamic-Type-Wasserfall aus iOS 7 (Mitte), links der Headline-Font im Wasserfall, rechts der Font fürs Kleingedruckte: Noch sind die Laufweiten nicht perfekt … was kein Problem ist, denn iOS gestattet die Modifikation derselben, entweder durch Apple oder den Entwickler

Erstmals ist es Benutzern möglich, dank Dynamic Type die Lesetextgröße in allen Apps (die mit Text Kit für iOS 7 aktualisiert wurden) mittels Schieberegler unter Einstellungen → Allgemein  → Textgröße in 7 Stufen dem eigenen Geschmack anzupassen. Falls die größte Schriftgröße nicht ausreicht, haben Sehbehinderte unter Einstellungen → Allgemein → Bedienungshilfen die Möglichkeit, Dynamic Type bis zur Maximalgröße aufzudrehen; zusätzlich gibt es an derselben Stelle noch die Optionen »Lesbarkeit verbessern« (stellt die Schrift – bei gleicher Größe – auf einen leicht fetteren Grad um) und »Hintergrund-Kontrast« optimieren.

Fazit: Wenn iOS 7 in wenigen Monaten serienreif ist, wird das Betriebssystem selbst vielleicht noch nicht die beste Typografie liefern (mit Neue Helvetica). Aber die dem OS zugrunde liegende Text-Layout- und Rendering-Technik bietet (den Entwicklern und Apple selbst) alle Optionen, Texte in bisher nicht gekannter Dynamik und Lesequalität auf die Retina-Bildschirme zu zaubern.

Perfekter Eisbrecher: die Minikarten von Moo

Es gibt viele Online-Druckereien, auch für Visitenkarten, aber wie es die britische Plattform Moo macht, ist einmalig: Stupid simple, von der Gestaltung bis zur Lieferung. Und mit viel Liebe fürs Detail.

Die ersten Moo-Kärtchen erhielt ich schon vor 5 oder 6 Jahren, von Stephen Coles. Ich war nicht nur über das Format der Cards verblüfft, sondern auch über die individuelle Gestaltung und ihre Vielfalt. Jede trug eine andere Rückseite, mit eigenem Design. Bei Stephen waren das überwiegend Schriftmuster, aber auch selbst gemachte Fotos. Das muss doch ein Vermögen kosten. Eben nicht: keine 20 € für 100 Mini-Cards.

Da ich ausreichend mit Firmenkarten ausgestattet bin, habe ich lange keine Gelegenheit gehabt, eine der neueren Methoden des Online-Kartendrucks zu testen. Erst als wir in der Familie für selbst gemachte Postkarten ein paar digitale Druckereien im Netz durchforstetetn, stießen ich wieder auf Moo, inzwischen mit komplett deutschsprachiger Website aktiv. Die Ansichtskarten ließen ich noch mal vom altbewährten Fotolabor printen, aber der Visitenkarten-Spielerei konnten ich nicht widerstehen.

Zwar bietet Moo sieben Arten von Karten an, aber das Konzept der MiniCards begeistert mich am meisten. Weil man sie nicht einfach nur aushändigt, sondern die Rückseite passend zum Gesprächpartner wählt (oder gleich zwei oder drei weg gibt), kommt man sofort ins Gespräch: Die Visitenkarte als Eisbrecher.

Das Gestalten der Karten macht große Freude. Natürlich bietet das Template für die Vorderseite nicht die komplette typografische Freiheit wie in Adobe InDesign oder Quark XPress, aber wir gestalten hier ein Cent-Produkt, keine 2-Euro-Karte. Immerhin gibt es ein Dutzend Schriften zu Auswahl, darunter auch einige kommerzielle, zum Beispiel ITC Officina und FF Meta. Übrigens kann man bei regulären Visitenkarten auch die Vorderseite mit einem Foto (oder Logo) ergänzen. Entwürfe gehen nicht verloren, sondern bleiben so lange in der Inline-Werkstatt liegen, bis sie beendet sind. Zwischendurch erinnert der Moo-Roboter per Mail an unerledigte Jobs.

Um die Rückseite zu gestalten, muss man sich erst mal ein paar Bilder in die Werkstatt laden. Dies geschieht entweder direkt von der Festplatte des Computers, oder man zapft ein Album der privaten Lieblings-Fotoplattform an: Flickr, Picasa, SmugMug, Etsy und Facebook stehen zur Auswahl, wahlweise auch ein QR-Code-Generator. Je mehr Bilder dem Kartendesign hinzugefügt werden, um so mehr unterschiedliche Karten entstehen. Moo teilt am Ende die Gesamtauflage, zum Beispiel 100 oder 200 Karten, durch die Anzahl der bereitgestellten Fotos. So ergibt sich zum Beispiel bei 12 Fotos und insgesamt 200 Karten pro Karte eine Auflage von 16 oder 17 Exemplare. Zur Erinnerung und Steigerung der Vorfreude lassen sich alle Motive gesammelt auf einem Quittungsbogen drucken. Doch die Lieferung dauert nicht lange. Nach 8 bis 14 Tagen kommen die Karten, in einer schönen Archivbox mit Register, lustigen Bordkarten und – aufgepasst – einem Gutschein zwischen den Karten für die nächste Bestellung.

Weil ich schon mehrmals bestellt habe, liegen hier 3 Gutscheine für je 50 Classic-Businss-Karten. Die würde ich gerne unter drei Kommentatoren verlosen. Sendet mir bis kommenden Freitag (31. Mai 2013), 12:00 Uhr, eure verrückteste Visitenkarten-Anekdote, durchaus mit Foto (500 Pixel breit).

Über Moo: Gegründet 2004, 60 Vollzeit-Mitarbeiter und Büros in London und in Rhode Island, USA. Das Unternehmen druckt jeden Monat mehrere Millionen Businesskarten und hat Kunden in über 180 Ländern; drei Webby Awards und laut Guardian unter den Top-Ten der besten Start-Up-Unternehmen im Vereinigten Königreich.

Ikonen: Tagebucheintrag TYPO San Francisco

mailChimp

Julius by Paul Frank war gestern, jetzt kommt Frederick von Chimpenheimer IV. Mit affenartiger Geschwindigkeit eroberte das Maskottchen des E-Mail-Marketing-Providers MailChimp in den vergangenen 12 Monaten die Spitze der US-Characters-Popularitätsskala. Dieser Erfolg ist sowohl das Ergebnis – teils provokanter – Auftritte auf den hauseigenen Webseiten (Mailchimp-Geschäftsbericht), als auch eines raffinierten viralen Marketings, vor allem in Designerkreisen. Ein geschickt gesponserter, lebensgroßer Plüschaffe, zum Beispiel im Co-working-Space von Tina Roth Eisenberg (aka swissmiss) in Brooklyn, garantiert immer wiederkehrende Auftritt in in ihren zehntausendfach gesehenen Fotos im Blog und auf Instagram. Neu hinzugekommen sind Billboards, also Großflächenauftritte in US-Metropolen. Die Beweggründe hierzu werden im hauseigenen Blog beschrieben: The Story Behind the MailChimp Billboards.

Das Foto oben zeigt einen Frederick-von-Chimpenheimer-Auftritt in der Howard-Street, direkt neben den Konferenz-Centern Moscone und Buena Yerba.

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Mit einem im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Auftritt eröffnete Jessi Arrington gestern die 2. TYPO-San-Francisco-Konferenz. Mit ihrem Mann Creighton Mershon, der ihre Präsentation steuerte (»My KJ = Keynote Jockey …«), gründete sie vor kurzem das Designbüro Workshop. Beide entstammen der vitalen Design-Keimzelle Studio Mates in Brooklyn. Bisher trat Arrington durch ihre Liebe für Farbe in Erscheinung (Lucky so and so), oder übergeschnappte Aktionen wie ihre Regenbogen-Parade, die sie über Kickstarter finanzierte.

Arrington ist ein Energiebündel, und das ist ihr Problem … oder besser gesagt: Man wollte es zu ihrem Problem machen. Ihr wurde während des Studiums eine Behandlung gegen HDHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) empfohlen. Die körperlichen Übungen machte sie mit, die Medikamente nahm sie jedoch nicht ein. »Ich wollte mich der Symptome stellen, und nicht einfach nur Mittel dagegen nehmen.« Arrington brach die Hochschule ab heiratete. Eine TV-Doku-Soap über die amerikanische Medizinerin Temple Grandin, die an Autismus leidet, half Arrington dabei zu verstehen, wie ihr »Gehirn tickt«. Sie entdeckte ihre Ich-heit (You-ness) und arbeitet seit dem daran, aus der Schwäche eine Stärke zu machen und diese in das neu gegründete Designbüro Workshop als Kapital einzubringen.

Mehr über Jessi Arringtons Auftritt in San Francisco im TYPO-Blog … 

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Gestern Abend zu Gast beim TYPO-Empfang: Donald Ervin Knuth, geboren am 10. Januar 1938 in Milwaukee, Autor des Standardwerks »The Art of Computer Programming« und Urvater des Textsatzsystems TeX. Entwickler wie Raphael Schaad (Flipboard, links im Bild) beten ihn an. Knuth prägte den Begriff »literate programming« und damit des Wunsch, Computerprogramme mit derselben Sorgfalt wie einen literarischen Text zu verfassen sowie Quelltext und Softwaredokumentation zu vereinen. Für sein mehrbändiges Werk The Art of Computer Programming, an dem er immer noch arbeitet, schuf er mit TeX und Metafont Computerprogramme, die druckreifen Textsatz ermöglichen und die besonders im mathematisch-akademischen Bereich eingesetzt werden.

Seit 1992 befindet sich Knuth im Ruhestand, um sich ausschließlich der Fertigstellung von »The Art of Computer Programming« zu widmen. Seit Februar 2011 liegt Band 4A vor, der sich mit Kombinatorik beschäftigt. Band 4B und 4C sollen folgen, Band 5 (von sieben geplanten) hofft er bis 2020 fertigzustellen.

Mir begegnete der Name Donald Knuth kurz nach der Gründung von PAGE, 1986, also zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution. Sein Metafont war eine abstrakte Beschreibungssprache zur Definition von vektorisierten Satzschriften, also eine Alternative zu Adobes PostScript-Schriftformaten. Knuth entwickelte auch den zugehörigen Interpreter, der den Metafont-Code ausführt und Bitmap-Schriften bestimmter Auflösung erzeugte. Zum Einsatz kam die Font-Technologie in Knuths eigenem Schriftsatz-Programm TeX, mit dem er den zweiten Band seines »The Art of Computer Programming« selbst setzte, weil er mit der Qualität des Fotosatzes des ersten Bands unzufrieden war. Es war für mich daher gestern eine Riesenfreude, ihn 27 Jahre später persönlich kennenzulernen.

Genius Loci: Yorckstraße Ecke Mehringdamm

TYPO-Berlin-Sprecher Van Bo Le-Mentzel schreibt mir heute: »Ich bewerbe mich gerade beim Rathaus Kreuzberg mit einem Vorschlag für die Nachnutzung eines altes Klohäuschen – direkt gegenüber dem Rathaus – und suche Leute in Kreuzberg, die mit mir einen gemeinnützigen Verein gründen.« Der größte Teil der 100 qm große Anlage an der Kreuzung Yorckstraße Mehringdamm liegt fünf Meter unter dem Erdboden und ist seit 1993 geschlossen. Er steht meterhoch unter Wasser, so dass es einiges zu tun gäbe. Der Senat hat natürlich kein Geld für so was und will die Anlage zuschütten. Also müssen wir privat etwas unternehmen. FontShop macht mit, denn der geniale Ort liegt nur einen Steinwurf entfernt von unseren Büros.

Ein erster Schritt wäre, in den von Le-Mentzel gegründeten Verein einzutreten. Der Berliner Architekt und Hartz-IV-Möbeldeigner stellt sich einen Kulturraum vor, für Ausstellungen, Vorträge und ähnliche Aktivitäten. Auf dieser Facebook-Seite findet ihr mehr Informationen zu der Idee. Eine Ortsbeschreibung und ein weiteres Foto bei qiez.de. Weitersagen!

Beck’s »Song Reader«: ein Lettering hebt ab

Es hat immer etwas Magisches, wenn eine Zeichnung die Papierebene verlässt und in den dreidimensionalen Raum abhebt. Das entstehende Objekt verleiht dem Ursprungsbild eine zusätzliche Glaubwürdigkeit, die es belebt und unsere Sichtweise verändert. Diesen Effekt verdeutlicht in anschaulicher Weise ein Video, das mit Jessica Hische Umschlaggestaltung (Abbildung unten) für das Notenbuch Song Reader (Amazon Link) des kalifornischen Musikers Beck spielt. Auf der Suche nach dem Popmusik-Format für das digitale Zeitalter veröffentlichte Beck im Dezember sein 12. Album nicht als CD oder Platte, sondern als Buch, genauer: eine Kladde mit großzügig bedruckten Notenblättern und nostalgischen Illustrationen, deren Ästhetik an die fünfziger Jahre erinnert. Die japanische Künstlerin und Beck-Fanpage-Betreiberin Ham ließ sich von Hisches Titelgestaltung zu einer faszinierenden Papierschneidearbeit inspirieren, die sie im folgenden Video festhielt:

Weil das neue Beck-Werk kein wirkliches Album ist, sondern ein Sammlung von Notenblättern, ergibt sich seine Daseinsberechtigung für die »Konsumenten« alleine aus der Fähigkeit, Noten zu lesen und ein Instrument spielen zu können. Wer über diese Gabe verfügt, der gibt, wer sie nicht hat, der empfängt … zum Beispiel YouTube-Filme mit den Interpretationen der Stücke. Und weil die Beck-Liebhaberin Ham leider kein Instrument spielt, versuchte sie auf ihre Art etwas zu geben, mit Papier, Klebstoff und Schere.

Weitere Informationen auf Fontfeed …

Augenschmaus: »In einer deutschen Pension«

Seit längerer Zeit beobachte ich das bemerkenswerte Programm der Edition Büchergilde (vgl. u. a. Fontblog: 36 Versicherungsblüten, illustriert von Jens Bonnke). In dem Frankfurter Verlag erscheinen wunderbar ausgestattete Bücher, zeitgemäß Illustriert und lesefreundlich typografiert.

Die Büchergilde (Gutenberg) wurde 1924 als Buchgemeinschaft vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker auf Initiative seines Vorsitzenden Bruno Dreßler in Leipzig gegründet. In der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung stehend, ermöglichte sie ärmeren Leuten durch preiswerte Bücher den Zugang zu Bildung und Kultur. Nach dem Krieg baute der Sohn des Gründers, Helmut Dreßler, die Büchergilde in Frankfurt am Main wieder auf. Bis zu seinem Tode im Dezember 1974 engagierte sich Dreßler für handwerklich gut gemachte, illustrierte Bücher. Diese Tradition setzt sich bis heute fort.

Im Herbst 2002 wurde der eigenständige Verlag Edition Büchergilde ausgegliedert, um Eigenproduktionen auch auf dem freien Buchmarkt anzubieten. Seitdem erscheinen in dem jungen Verlag Belletristik, Sachbuch sowie die Künstleredition »Die Bibliothek von Babel« mit Umschlagillustrationen von Bernhard Jäger. Seit Herbst 2008 gibt der Ilija Trojanow in der Edition Büchergilde die Reihe »Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte« heraus.

Die neuste Veröffentlichung erscheint zum 90. Todestag der neuseeländischen Kurzgeschichten-Autorin Katherine Mansfield. Sie ist als Meisterin der Short Story in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Beneidet von ihrer Zeitgenossin Virginia Woolf, war sie Vorbild großer Autoren wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway. 1909 verbrachte Katherine Mansfield einigeMonate in einer Pension im bayerischen Bad Wörishofen. Hier verfasste sie ein Dutzend messerscharfer Porträts und funkelnde Gesellschaftsskizzen, die 1911 unter dem Titel »In einer deutschen Pension« erschienen und sie berühmt machten.

In Mansfields Erzählungen tummeln sich auffällig fröhliche Witwen neben verunsicherten jungen Ehefrauen, auch der Teller voller Fleisch zur Mittagsstunde wie auch die alleingelassenen Kinder der so fürsorglichen Mütter stehen unter der Beobachtung der Autorin. Gekonnt stellt sie die Vorurteile und Stereotypen der englischen und deutschen Mentalität auf den Prüfstein. Aus dieser Distanz und der daraus entstehenden Spannung zwischen den Mentalitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht ein Panoptikum, das durch das Können Katherine Mansfields sowohl Gesellschaftskritik übt als auch Klischees auf den Prüfstand stellt. Elisabeth Schnack hat die Geschichten übersetzt und mit einem ausführlichen biografischen Essay versehen.

Bebildert wurden die scharfzüngigen Texte mit üppigen Tableaus der Künstlerin Joe Villion, in denen sie Jugendstil-Elemente mit surrealen Bildideen und lebendigen Farben mixt. Villion wurde 1981 in München geboren, wuchs in Italien und Griechenland auf und lebt seit 2001 in Berlin. Dort studierte sie bei Henning Wagenbreth an der Universität der Künste. 2010 gewann sie den Gestalterpreis der Büchergilde für »Zazie in der Metro«, für das sie 2011 ebenfalls das Ehrendiplom der Stiftung Buchkunst für ausgezeichnete buchkünstlerische Leistungen erhielt.

Das 280-seitige Hardcover-Buch wurde in drei Sonderfarben plus schwarz gedruckt. Es enthält 21 Abbildungen und kostet 24,95 €. Gesetzt ist es übrigens aus der wunderbaren Proforma Book (10,5 auf 15 Punkt), entworfen von Petr van Blokland. (ISBN 978-3-86406-020-5)

Bemerkenswertes neues Bowie-Album-Cover [Update]

Am 11. März 2013 wird der britische Musiker, Produzent, Maler und Schauspieler David Bowie sein neues Studio-Album The Next Day veröffentlichen, das erste seit »Reality«, erschienen vor zehn Jahren. Heute, an seinem 66. Geburtstag, kam als Vorgeschmack die Single Where Are We Now (iTunes-Link) heraus. Das Video (YouTube-Link; Regie:  Tony Oursler) dazu blickt zurück auf Bowies Zeit in Berlin in den 1970er Jahren. Produziert wurden die 14 neuen Songs in New York von Tony Visconti, mit dem Bowie unter anderem auf »Young Americans« und »Scary Monsters (and Super Creeps)« zusammen arbeitete. Das Cover des Albums gestaltete der Londoner Designer Jonathan Barnbrook, mehrfach Sprecher auf TYPO-Konferenzen in Berlin und London.

Das Artwork des neuen Bowie-Albums basiert auf dem Original-Schwarzweiß-Cover der 1977 erschienen LP »Heroes«. Es war das 12. Studio-Album von Bowie, Folge 2 der »Berliner Trilogie«, die in Zusammenarbeit mit Brian Eno in den Hansa-Studios an der Mauer entstand. Das Coverfoto von Masayoshi Sukita war angeblich inspiriert von einem Gemälde des deutschen Expressionisten Erich Heckel mit dem Titel »Roquairol«, das Iggy Pop im selben Jahr bereits als Vorlage für das Cover seines eigenen Post-Punk-Albums »The Idiot« verwendete.

In seinem Weblog verrät Barnbrook mehr über die Hintergründe der auf den ersten Blick rätselhaften Verfremdung des klassischen Heroes-Covers. »Wir wollten etwas komplett anderes machen, in einer Zeit, wo alles schon mal da war. Normalerweise greift man zu alten Bildern, wenn Alben wiederveröffentlicht oder Best-of-Zusammenstellungen erscheinen. Wir aber beziehen uns auf den Titel ›The Next Day‹.« schreibt Jonathan Barnbrook. Das Heroes-Cover, verdeckt mit dem weißen Quadrat, verweise auf die Kraft großartiger Pop-Musik, die sich von der Zeit löse beziehungsweise ihre Vergangenheit vergesse.

Man habe sich für das Heroes-Cover als Basis entschieden, weil dieses am meisten verehrt werde und das schwarzweiße Motiv gut zur versonnenen Musik des neuen Albums passe. Auf die Frage »Warum ein weißes Quadrat?« antwortet Barnbrook: »Wir haben Hunderte verschiedene Methoden ausprobiert, das Originalmotiv zu verschleiern. Am Ende war das einfachste am stärksten. Es musste etwas sein, was einen direkten Kontrast zum darunter liegenden Foto bildet ohne gekünstelt zu wirken.« Die verwendete Schrift ist ein Eigenentwurf von Jonathan Barnbrook mit dem Arbeitstitel »Doctrine«, die in den nächsten Wochen bei VirusFonts erscheinen wird; auf dem Bowie-Cover feiert sie ihren ersten öffentlichen Auftritt.

[Update] Siehe auch »The Guardian«: Why David Bowie’s new album cover is a masterstroke

Der Universalleser kommt: DotDotDot

Vor 6 Wochen erfuhr ich erstmals per Mail von einer neuen Lese-Plattform und -App, deren universelles Konzept mich fasziniert: »Wir entwickeln gerade eine Longformat-Reading-App für iPad und Browser, mit der sich Texte sämtlicher Formate (eBooks, RSS, Webtexte) in Gruppen lesen, bearbeiten, archivieren und verwalten lassen. … Wir wollen im November einen ersten Beta-Release herausbringen.«

Dieser Tag im November scheint nun gekommen. Der Interface-Designer Thomas Weyres von der DotDotDot GmbH schreibt mir heute: »Wir sind nun, nach vielen Nächten, ein großes Stück weiter mit unserem Produkt. Noch ist Closed-Beta-Phase, man kann die App zur Zeit nur über einen Invite nutzen; diese schicken wir gerade in größeren Mengen raus. Im Moment können die Nutzer DRM-freie ePubs lesen, RSS-Feeds über den Google-Reader importieren und über unser Browser-Plugin Texte aus dem Web zum späteren Lesen archivieren.

Textstellen lassen sich markieren, kommentieren, mit Tags versehen und in eigenen Listen verwalten. Natürlich kann man auch Textstellen mit anderen teilen, zum Beispiel über Twitter und Facebook. Zu jeder zitierten Textstelle gibt es eine eigene Quote-Page mit Deeplink im Netz. Hier ein Beispiel: Zitat Gamification. Darüber hinaus kann man auch Textstellen per Email sharen.

In unserer Browserversion können über unser Plug-in jegliche Webtexte werbefrei in ordentlicher typografischer Darstellung gelesen, markiert, kommentiert und getaggt werden. Auch eBooks lassen sich importieren und direkt im Browser lesen. Wir implementieren gerade noch die Follower-Funktion und das Durchsuchen von Tags.«

Hier ein Video, das die grundlegenden Funktionen zeigt:

Die Entwickler verrieten mir noch, dass sie lange daran gearbeitet haben, Webtexte und eBooks ordentlich zu interpretieren. Gerade in typografischer Hinsicht sei das eine ziemlich knifflige Angelegenheit, weil in den unfassbar vielen Formatierungen im XML/HTML von eBooks jede Menge typografischer Katastrophen versteckt seien. Deren komplette Behebung ist zur Zeit noch in Arbeit … Beta-Tester mögen etwas Geduld mitbringen.

Ich darf 3 Invites zur App versenden … wer Lust hat, sich DotDotDot mal auf dem iPad anzusehen, bitte eine Mail an jsiebert-ät-fontshop.de