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Adrian Frutiger, 1928–2015

Adrian Frutiger, Interlaken 2004, © Fontblog

Gestern wurde bekannt, dass der große Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in seinem langjährigen Wohnort Bremgarten bei Bern verstorben ist. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien, zum Leidwesen der Familie, die den Todesfall – auf ausdrücklichen Wunsch des Designers – nicht direkt der Öffentlichkeit preisgeben wollte. Es wird auch keine Trauerkarten und keine Todesanzeige geben.
Die Bescheidenheit Adrian Frutigers war legendär. Doch bei aller Zurückhaltung konnten er und seine Erben nicht verhindern, dass sich tausende Schriftbenutzer und zig Schriftentwerfer in den vergangenen 24 Stunden von Frutiger verabschiedeten sowie sich für sein einflussreiches Schaffen bedankten. Einige Beispiele:

Adrian Frutiger wurde am 24. Mai 1928 in Unterseen an der Aare, Kanton Bern, geboren. Nach einer Schriftsetzerlehre in Interlaken und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich (1949–1951) bei Alfred Willimann und Walter Käch arbeitete Frutiger zunächst als Grafiker in Zürich. Ein Jahr später wurde er Mitarbeiter der Pariser Schriftgiesserei Deberny & Peignot. Im Sommer 1962 gründete er mit Bruno Pfäffli und André Gürtler sein eigenes Grafikatelier in Arcueil bei Paris.

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954

Aufbau der Univers-Schriftfamilie bei Erscheinen 1954 (weitere Schnitte sind inzwischen hinzugekommen): die erste Ziffer steht für die Strichstärke, die zweite für die Buchstabenbreite, wobei gerade Ziffern »oblique« bedeuten

Die Schrift Univers, die Adrian Frutiger weltberühmt machte, geht auf Übungen zurück, die er bereits 1949 als 21jähriger an der Kunstgewerbeschule durchführte. Das eigentlich Neue an Univers war, dass eine Schriftfamilie erstmals als geschlossenes System entworfen und vermarktet wurde. Ausgangspunkt ist der Normalschnitt Univers 55, von dem aus sich alle weiteren herleiten. Der Kontrast ist so austariert, dass sich die Schrift auch für lange Texte eignet. Frutiger legte großen Wert auf die Abstimmung der Strichstärkenunterschiede zwischen Versalien und Gemeine. Für damalige Zeiten ist die Mittellänge ungewöhnlich hoch.

Univers brauchte 15 Jahre, bis sie überall bekannt und auf den unterschiedlichen Geräten (Blei und Fotosatz) verfügbar war. Dem Ende der 60 Jahre vorherrschenden rationalistischen Stil in der Typografie kam die kühle, systematisch entwickelte Familie entgegen. Sie entsprach dem Anspruch auf ›Total Design‹, wie Wim Crouwel und Ben Bos ihr Designbüro 1964 tauften. In Holland wurde Univers eine Art Nationalschrift, in den USA und Deutschland setzten die Grafiker eher auf Helvetica.

Der technische Wandel des Fotosatzes spornte Adrian Frutiger an: »Im Blei habe ich die Schrift und ihre Fähigkeit, mit immer denselben Lettern die ganze geistige Welt lesbar werden zu lassen, zuerst erlebt. Damit erwachte in mir das Bedürfnis, die bestmögliche Lesbarkeit zu entwickeln.« erinnert er sich rund 30 Jahre später in einer Biografie. »Schnell kam die Zeit, in der ein Text nicht mehr mit Bleibuchstaben, sondern durch einen Lichtstrahl gesetzt wurde. Die Aufgabe, die Schriften der alten Meister vom Hoch- in den Flachdruck umzudenken, war für mich die beste Schule. Als es jedoch um den Grotesk-Stil ging, hatte ich meine eigene Vorstellung: es enstand die Univers-Familie.«

1997 wurde Univers von Adrian Frutiger und Linotype komplett überarbeitet, auf 59 Schnitte erweitert und dreistellig nummeriert: Linotype Univers. 2004 erschien Univers Next mit weiteren Stilen (71 Schnitte), erweitertem Zeichensatz und systematischem Aufbau.

Schnittmuster fr das zweisprachige Flughafen-Leitsystem

Gesetzt aus aus Frutiger: Schnittmuster für das zweisprachige Leitsystem des »Aéroport Charles de Gaulle«, eröffnet im März 1974

Als der französische Ministerrat 1964 beschloss, auf dem dünn besiedelten Ackergelände nahe der Dorfschaft Roissy-en-France einen neuen Großflughafen zu errichten, wurde der junge Architekt Paul Andreu mit dem Entwurf betraut. Er veranstaltet er eine Serie von Workshops mit Architekten, Designern, Psychologen und Künstlern, darunter Adrian Frutiger, der mit seiner 1957 erschienenen Erfolgsschrift Univers die Beschilderung entwickeln sollte.

Doch Univers war ihm zu geometrisch und geschlossen für die schnelle Wahrnehmung auf Wegweisern. Also griff Frutiger auf einen 7 Jahre alten Sans-Serif Entwurf namens »Concorde« zurück, den er mit André Gürtler für das Satzunternehmen Sofratype gezeichnet hatte. Die Farbpsychologen legten für das Leitsystem einen gelben Hintergrund fest, die französischen Hinweise sollten in weiß, die englischen in schwarz aufgedruckt werden. Für die Präsentation griff Frutiger zu Letraset-Farbfolien. Das Wort ›Départ‹ schnitt er mit einer kräftigeren Concorde aus, das schwarze ›Departures‹ klebte er darunter auf. Die bessere Lesbarkeit gegenüber Univers überzeugte sofort alle. Und Paul Andreu war begeistert von der Idee einer eigenen ›Flughafenschrift‹.
Als der »Aéroport Charles de Gaulle« im März 1974 eingeweiht wurde, setzte auch das Leitsystem Maßstäbe. Typografen aus aller Welt wünschten sich die Schrift für Drucksachen. 1977 brachten die D. Stempel AG und Linotype Frutiger auf den Markt. Sie wird rasch zum Bestseller und mehrfach erweitert, zuletzt 1999 vom Schöpfer selbst.

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Bis heute im Einsatz: Die Schrift Frutiger auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris

Zwei Jahre nahm sich Adrian Frutiger Zeit für den »Relaunch« Frutiger Next. Alle Zeichen wurden neu digitalisiert, wobei die Grundformen nahezu unverändert blieben. Lediglich das ß und das et-Zeichens entstanden neu, s und t erfuhren ein dezentes Facelifting. Die Strichstärkenabstimmung ergab nun 6 statt 5 Stufen, und eine echte Kursive rundete Frutiger Next ab.

Univers und Frutiger sind nur zwei von über 20 Schriftfamilien, die Adrian Frutiger in rund 60 Jahren schuf. Dabei ist bemerkenswert, dass er in allen Schriftdesign-Stilen eine bahnbrechende Qualität schuf. Seine Avenir ist eine der besten geometrischen Sans-Schriften, Egyptienne F und Glypha werden von den Freunden der Slab-Serif-Schriften verehrt und seine Vectora ist immer noch einzigartig in der Klasse der Anglo-Grotesk-Schriften.

Alle diese Schriften tragen Adrian Frutigers Design-Philosophie in sich, nämlich dass »Lesbarkeit und Schönheit ganz nahe beieinander stehen und dass die Schriftgestalt in ihrer Zurückhaltung vom Leser nicht erkannt, sondern nur erfühlt werden darf. Die gute Schrift ist diejenige, die sich aus dem Bewußtsein des Lesers zurückzieht, um den Geist des Schreibenden und dem Verstehen des Lesenden alleiniges Werkzeug zu sein.« Mit anderen Worten: Die Qualität von Frutigers Schriften beruht nicht auf oberflächlichem bzw. formalen Kriterien, sondern einer strukturellen Leserlichkeit. Diese DNA in seinen Entwürfen zu entdecken bedarf eines geschulten Auges. So gesehen wäre es nicht überraschend, wenn auch die (noch) nicht so populären aber gleichermaßen vorzüglichen Schriften von Adrian Frutiger irgendwann den Durchbruch in der typografischen Welt schaffen.

Im Jahr 2007 führte der Berliner Filmemacher Sebastian Rohner ein langes Interview mit dem Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger. »Einer der größten Designer des 20. Jahrhunderts ist den meisten Menschen vollkommen unbekannt. Dieses Interview soll das ändern.« schrieb er in der Erläuterung des inzwischen auf YouTube freigegebenen Videos. Der aufschlussreiche Film wirft nicht nur ein Licht auf den bedeutenden Schriftentwerfer sondern auf eine Designdisziplin, die kaum exotischer sein könnte und doch alle (lesenden) Menschen berührt.


Hermann Zapf 1918—2015 [Update*]

Hermann Zapf 2011, Foto: Jürgen Röhrscheid

Hermann Zapf, Darmstadt, 2011 (Foto: Jürgen Röhrscheid)

Vorgestern Abend starb in Darmstadt der deutsche Kalligraf und Schriftentwerfer Hermann Zapf im Alter von 96 Jahren. Er schuf über 200 Schriften, darunter die weltweit bekannten Palatino, Aldus, Optima, ITC Zapf Chancery, ITC Zapf Dingbats und Zapfino. Als einer der ersten Typedesigner hat sich Zapf früh mit der Verarbeitung von Text am Computer beschäftigt. 1972 gestaltete er mit Marconi Antique einen der ersten Zeichensätze für computergestützten Mengensatz. Im März 2010 erhielt Hermann Zapf des Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Hermann Zapf wurde am 8. November 1918 in Nürnberg geboren. Er wollte Elektroingenieur werden, doch als Sohn eines aktiven Gewerkschafters machten ihm die NS-Politik eine Strich durch die Rechnung. Daher trat er eine Lehre als Retuscheur an, in der er seine Leidenschaft für die Kalligrafie entdeckt. Zapf begegnete dem legendären Offenbacher Typograf Rudolf Koch und studierte in seiner Freizeit die Bücher des britischen Berufskollegen Edward Johnston. 1938 zog Zapf nach Frankfurt am Main, wo er sich als selbstständiger Schriftkünstler und Kalligraf einrichtete. Ein halbes Jahr später entwarf er seine erste komplette Schrift, die gebrochene Gilgengart für den Stempelschneider August Rosenberger, der seit 1927 bei der Schriftgießerei D. Stempel AG arbeitete.

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Originalzeichnungen der Gilgengart Fraktur von Hermann Zapf vom 19. März 1939, mit einer Reihe von Versal-D-Varianten am Fuß der Seite

Im April 1939 wurde Hermann Zapf zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, um mit tausenden Arbeitern den 630 Kilometer langen Westwall (»Siegfriedlinie«) gegen Frankreich zu verstärken. Da er der harten körperlichen Arbeit nicht gewachsen war, versetzten die Offiziere Hermann Zapf in den Innendienst, wo er Lagerprotokolle in Kurrentschrift niederschrieb. Im September 1939 wurde seine gesamte Arbeitsgruppe zur Wehrmacht eingezogen, Zapf jedoch wegen Gesundheitsprobleme ausgemustert. Seine Kompanieführung versetzte ihn als Kartenzeichner nach Bordeaux, um dort geheime Karten für den Einzug in Spanien zu erstellen. Kurz vor Kriegsende kam Hermann Zapf in französische Gefangenschaft, wo er gut behandelt wurde und wegen seiner angeschlagenen Gesundheit bereits vier Wochen nach Kriegsende nach Nürnberg heimkehren konnte.

Ende 1946 erreichte Hermann Zapf die Nachricht, dass ihm die D. Stempel AG eine Stellung anbot. Also zog er wieder nach Frankfurt am Main, wo er von 1947 bis 1956 künstlerischer Leiter bei Stempel wurde. Zwischen 1948 und 1950 war er auch nebenamtlich als Dozent für Typografie an der heutigen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach tätig. In dieser Zeit entwarf Zapf auch ein Dutzend Briefmarken für die Deutsche Bundespost, unter anderem für die Serie »Helfer der Menschheit«, die ersten Wohlfahrtsmarken der Nachkriegs-Bundesrepublik.

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Vier Marken der 16-teiligen Briefmarkenserie »Helfer der Menschheit« (1949 – 1953), 1952 entworfen von Hermann Zapf

Hermann Zapfs Schreibkunst wurde schon bald vermehrt nachgefragt. Anfang der 1950er Jahre war er als Buch-Typograf und -Grafiker für Verlagshäuser wie Suhrkamp, Insel (auch Insel-Bücherei), die Büchergilde Gutenberg oder den Carl Hanser Verlag tätig. Auch Werbeagenturen wünschten seine Schriftzüge für Anzeigen und Verpackungen, doch Zapf arbeitete aus Prinzip nicht für Werbeagenturen und blieb dieser Einstellung bis zu seinem Tod treu.

Zu Goethes 200. Geburtstag erschien 1949 in Frankfurt das Büchlein »Von der dreifachen Ehrfurcht – Gedanken Goethes über Erziehung zu edlem Menschentum«. Schriftenfreunde verehren diese Drucksache, weil sie aus einem Probegrad der von Hermann Zapf neu geschaffenen Palatino gesetzt ist. Ein Jahr später erschien die Schrift offiziell, sowohl für den Handsatz wie auch den Linotype-Maschinensatz. Der kursive und der halbfette Schnitt folgten 1951. Das Mainzer Gutenberg-Jahrbuch gehörte zu den ersten Benutzern der Palatino und adelte sie auf diese Art. Der internationale Durchbruch von Palatino kam, als 1956 die Standard Oil Company ihren Jahresbericht in dieser Schrift setzte.

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Der erste Palatino-Druck in einem Probegrad, 1949 im Büchlein »Von der dreifachen Ehrfurcht, Gedanken Goethes über Erziehung zu edlem Menschentum«, ein Privatdruck der Schriftgießerei D. Stempel AG (Abb: typografie.info)

Nach Palatino erschien ein weiterer Schrift-Bestseller, die Optima. Ihre kuriose Entstehungsgeschichte liest sich auf der Website Die 100 besten Schriften aller Zeiten wie folgt: »An 3. Oktober 1950 mustert ein Besucher die 276 Grabsteine der Franziskanerkirche Santa-Croce in Florenz mit anderen Augen als die übrigen Touristen. Die großen Namen Michelangelo, Rossini, Galilei oder Machivelli faszinieren ihn viel weniger als die in Stein gemeißelte Schriftvielfalt. Weil er seinen Notizblock im Hotel vergessen hat, hält Hermann Zapf einige Buchstaben auf einem 1000-Lire-Schein fest.

Wieder zu Hause in Frankfurt sind die Notizen der Durchbruch in einem Schriftprojekt, mit dem Zapf von der Gießerei Stempel beauftragt wurde: das Entwerfen einer Gebrauchsschrift zwischen Grotesk und Renaissance-Antiqua. 1952 waren nach sorgfältigen Lesbarkeitsstudien die Reinzeichnungen fertiggestellt, August Rosenberger schneidet die Schrift, die zwei Jahre später unter dem Namen Optima auf den Markt kommt.

Ihr ebenso filigranes wie klares Schriftbild war ein Novum und machte sie zum Liebling der Werbegestaltung, vor allem für Düfte und Luxusgüter. 50 Jahre nach ihrer Premiere erfuhr die Schrift eine komplette Überarbeitung unter der Bezeichnung Optima Nova.«

Die Grundidee für seine Optima hielt Hermann Zapf 1950 in Florenz auf einem 1000-Lire-Schein fest

Die Grundidee für seine Optima hielt Hermann Zapf 1950 in Florenz auf einem 1000-Lire-Schein fest (Abb: Monotype)

Seit den frühen 1960er Jahren beschäftigte sich Hermann Zapf mit der Kombination von Typografie und Computer-Software. Erste Verdienste bescherten ihm eine Mitgliedschaft beim International Center for the Typographic Arts (ICTA). In Deutschland dagegen wurden seine Ideen zum computergestützten Satz zu jener Zeit nicht sehr ernst genommen. Nach einer Vorlesung 1964 in den USA war die Universität von Texas in Austin interessiert an Zapf und bot ihm eine Professur an. Er lehnte jedoch ab, da seine Frau Gudrun Zapf-von Hesse nicht in den USA leben wollte.

1972 ging er für einen Lehrauftrag für Typografie an die Technische Universität Darmstadt, den er bis 1981 ausübte. 1976 wurde ihm vom Rochester Institute of Technology die Professur für computergestützte Typografie angeboten, die dort als weltweit erste aufgebaut wurde. Er nahm dieses Angebot an und unterrichtete im ständigen Wechsel zwischen Darmstadt und Rochester von 1977 bis 1987 auch am College of Graphic Arts and Photography.

Ab 1977 baute Hermann Zapf zusammen mit den Gründern der International Typeface Corporation (ITC) Aaron Burns und Herb Lubalin die Firma Design Processing International Inc. in New York auf. Ihr Ziel war die Entwicklung von Programmen für typografische Strukturen, die auch von Nichtspezialisten bedienbar sein sollten. Das Unternehmen bestand bis 1986. Nach dem Tode Lubalins gründete Zapf 1987 die Firma Zapf, Burns & Company, die bis 1991 existierte.

Eine weitere Kooperation mit Donald E. Knuth, den er 1971 kennen lernte, unterstreicht Hermann Zapfs Faszination für den computer-gestützten Textsatz. Er wirkte an der Entwicklung der Schriften für das von Knuth entwickelte Satzprogramm TeX mit. Aus dieser Zusammenarbeit entstand später die wissenschaftliche Schriftenfamilie Euler für die American Mathematical Society. Zusammen mit Knuth gab Zapf 1989 eine Dokumentation dieser Schriften heraus. Sie umfasst neben den lateinischen Buchstaben eine griechische Version, eine Fraktur- und eine Schreibschrift. Die Dokumentation erschien unter dem Titel »AMS-Euler – A New Typeface for Mathematics«.

Technisch-wissenschaftlicher Satz mit Palatino und AMS Euler

Probesatz eines wissenschaftlichen Textes aus Palatino in Kombination mit AMS Euler, beide Entworfen von Hermann Zapf

Zurück in Deutschland entwickelte Zapf in Kooperation mit der Hamburger URW Software & Type GmbH die Software »hz-Programm«. Mit dieser war es möglich, die mikrotypografische Feinheiten eines gesetzten Textes automatisch zu verbessern, darunter das Kerning und die Spationierung von Textabsätzen. Die zugrunde liegenden Algorithmen wurden später von Adobe für das Programm InDesign lizenziert und verbergen sich heute in der Kerning-Einstellung der Zeichenpalette, wenn man »Optisch« wählt und damit die eingebaute Metrik eines Fonts aushebelt.

In den vergangenen 25 Jahren widmete sich Hermann Zapf, gemeinsam mit seinem Schriftenverlag Linotype in Bad Homburg, dem Erbe seines Schaffens. Er baute die Bestseller Optima und Palatino für das moderne digitale Publishing aus, ja er wagte sich sogar an Schriftexperimente wie einer Palatino Sans, die 2006 erschien. Die letzte große Originalveröffentlichung war die Zierschrift Zapfino. Sie entstand Anfang der 1990er Jahre aus der Zusammenarbeit mit dem kalifornischen Typedesigner David Siegel.

Fast 12 Monate arbeiteten Zapf und Siegel an einer Vorversion der Zapfino, wobei eine Feder-Kalligrafie aus dem Jahr 1944 Pate stand. Siegel hat 1993 an der Stanford-Universität die Idee für ein Chaos-Programm aufgeschnappt, das aus einem großen Vorrat von Alternativen Zeichenformen ein lebendiges, humanes Schriftbild generieren soll. Kurz vor Vollendung des Projektes stieg David Siegel aufgrund persönlicher Probleme aus.

1998 Jahre erinnert sich Hermann Zapf wieder an das Handschrift-Experimente, als er bei Linotype eine Präsentation der Apple-eigenen TrueType-GX-Font-Technologie sah, die Zeichen modulieren konnten. Aus GX wurde später AAT (Apple Advanced Typography), ein Komponente des Mac-OS-X-Betriebssystems, das mit neuen Schriften und der Zapfino erschien, um die Raffinesse automatischer Ligaturen und kontextsensitive Zeichenersetzungen zu demonstrieren. Heute verrichtet Zapfino ihren Dienst auf vielen Computern – plattformübergreifend und erweitert – dank der OpenType-Technik.

Auch das letzte Schrift-Design-Projekt, an dem Hermann Zapf beteiligt war, hat mit Zapfino zu tun, nämlich der Übertragung dieses Schreibschriftstils ins Arabische. Die libanesische Schriftentwerferin Nadine Chahine hat sich dieser Herausforderung gestellt und in monatelanger Arbeit den Kompromiss zwischen rechts-kursiver Lateinschrift und links-kursiver Arabic gefunden – unter den interessierten Augen des Originalentwerfers Hermann Zapf. Auf einem Creative Morning in Berlin hat sie jüngst das Projekt vorgestellt. Hier ist ein ausführlicher Blogbeitrag dazu – The Making of Zapfino Arabic (engl.) –, und hier ihr 20-minütige Vortrag als Video: A Question of Slanted Writing (engl.).

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Das letzte Schriftprojekt, an dem Hermann Zapf mitarbeitete und eines der letzten Fotos von ihm: die libanesische Schriftentwerferin Nadine Chahine diskutiert mit Zapf in seinem Darmstädter Arbeitszimmer das Konzept einer Zapfino Arabic (Foto: Monotype)

Hermann Zapf war seit 1951 mit Gudrun Zapf-von Hesse verheiratet. Die gelernte Buchbindermeisterin ist selbst eine renommierte Schriftdesignerin und heute 97 Jahre alt. Von 1946 bis 1954 unterrichtete sie an der Frankfurter Städelschule das Fach Schrift; gleichzeitig betrieb sie eine eigene Buchbinderwerkstatt in Frankfurt (von 1946 bis 1955). Sie entwarf für die deutschen Setzereien D. Stempel AG, H. Berthold AG und URW in Hamburg zahlreiche Schriften, aber auch für Auftraggeber in den USA, zum Beispiel Hallmark in Kansas City oder Bitstream in Cambridge.

Gudrun Zapf-von Hesse ist in den USA bekannter als in Deutschland und wurde 1991 mit dem Frederic W. Goudy Award ausgezeichnet, der dem deutschen Gutenberg-Preis vergleichbar ist und als die höchste amerikanische Auszeichnung auf dem Gebiet der Schrift- und Buchkunst gilt. 2001 wurde ihr und ihrem Mann zu Ehren das Zapffest in San Francisco ausgerichtet und der 2. September von San Franciscos Bürgermeister Willie Brown zum Hermann and Gudrun Zapf Day ausgerufen.

Quellen: Wikipedia, Linotype.de, 100 Beste Schriften, typografie.info, Jürgen Röhrscheid, Creative Mornings Berlin.

*Updates:

Kondolenzseite Fam. Zapf: In Memory of Prof. Hermann Zapf

Weitere Nachrufe:

The Hermann Zapf Sketchbook Project: Update, Kickstarter, 5. 6. 2015
Hermann Zapf (8 Nov 1918 – 4 Jun 2015), Typedrawers (Adam Twardoch), 5. 6. 2015
Zum Tod des Schrift-Connaisseurs Hermann Zapf, Deutschlandfunk, 6. 6. 2015
Hermann Zapf R.I.P, Nerdcore, 7. 6. 2015
Typen für die Welt, (Darmstädter) Echo, 7. 6. 2015
Remembering Hermann Zapf, Aespire (Brian Sooy), 7. 6. 2015
Hermann Zapf 1918–2015, InversBlog (Volker Ronneberger), 7. 6. 2015
The font designer behind Palatino and Zapf Dingbats, Quartz, 7. 6. 2015
Meister des Krimskrams, Süddeutsche Zeitung, 8. 6. 2015
Nachruf auf Hermann Zapf, Andreas Weber auf linotype.com, 8. 6. 2015
Hermann Zapf 1918-2015, Deutsche Briefmarken Zeitung, 8. 6. 2015
Hermann Zapf ist tot, PAGE online, 8. 6. 2015
Remembering Hermann Zapf, Kris Holmes, 8. 6. 2015
Es gibt keine Entschuldigung für schlechte Typographie, heise.de, 8. 6. 2015
(This obituary in English) Hermann Zapf 1918—2015, Übersetzung: Yves Peters, 8. 6. 2015
Hermann Zapf, 96, dies …, The New York Times, 9. 6.2015
Hermann Zapf, font legend … is dead at 96, The Week, 9. 6. 2015
In memoriam Hermann Zapf, 1918–2015, MyFonts.de (Florian Hardwig), 10. 6. 2015
Why we ❤ Zapf Dingbats, The Guardian, 10. 6. 2015
Type Legend Hermann Zapf Dies, FastCompany, 10. 6. 2015
Hermann Zapf (1918–2015), Artforum, 10. 6. 2015


Der Unterschied zwischen fontshop.de und … .com

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Kunden fragen: »Welches war noch mal der Unterschied zwischen fontshop.de und fontshop.com«. Ganz einfach, und das hat sich mit dem heutigen Relaunch auch nicht geändert:

  • Schriften im Download gibt es (weltweit) unter fontshop.com
  • alles andere (Font-CDs, Services, TYPO, News …) auf fontshop.de für deutsche Kunden

Ansichtskarte von Martina Flor

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Die argentinische Schriftkünstlerin Martina Flor hat einen Online-Grußkarten-Service ins Leben gerufen: Letter Collections. Um diese bekannt zu machen, schickt sie jeden Tag einer Freundin oder einem Freund, die/der gut vernetzt ist, eine gedruckte Ansichtskarte. Diesen Vorgang dokumentiert sie auf Instagram und Twitter. Die Motive wählt Martine Flor sorgfältig aus, passend zur Person.

Heute habe ich ihre Karte erhalten. »Something Wonderful is about to Happen«. Besser hätte ich es nicht sagen können … genau das empfinde ich im Moment. Vielen Dank, Martina, für den lieben Gruß.


Interaktive FF-Mark-Schriftporträt-Website

Seit 23 Jahren arbeite ich im Font-Business. Davor habe ich 5 Jahre lang als PAGE-Chefredakteur die Premieren wegweisender Schriftfamilien verfolgt, zum Beispiel von Avenir, Rotis und ITC Officina.

In alle diesen Jahren (und vielleicht auch in den Jahrzehnten davor), feierte meines Wissens noch keine Schriftfamilie eine ähnlich ausgetüftelte Premiere wie die neue FF Mark von FontFont.

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Hannes von Döhren und Erik Spiekermann bei der finalen Kontrolle der FF-Mark-Probedrucke

Klar, es gab damals große Empfänge, Pressekonferenzen in Paris, ganze Bücher oder Zeitungen zu einer neuen Schrift wurden gedruckt und teils kostenlos verteilt. Doch welchem Zweck dienten sie? Bis Anfang der 1990er Jahre wurden neue Schriften häufig dazu entwickelt, um die Investitionen in teure Satzmaschinen zu legitimieren, den Wettbewerb aufzumischen, Konkurrenten zu kopieren und manchmal auch, um eine neue ästhetische Qualität zu definieren. Daher richteten sich die Premieren vor allem an die Industrie, an Investoren und an Dienstleister. Danach kamen die Kreativen, also Typografen und Designer.

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Nach einem einstimmenden Intro mit Hintergrund-Video, das das Entwickler-Team bei der Arbeit an FF Mark zeigt, lassen sich alle 20 Schnitte der Schrift mit eigenen Texten ausprobieren, und zwar in echt, also mit Webfonts, deren Schriftgröße, Zeilenabstand, Ausrichtung, Farbe individuell justierbar sind

Seit der Befreiung der Schrift von der Maschine durch das Desktop Publishing werden neue Schriften endlich für deren Benutzer auf den Markt gebracht. Diese wollen bei einer Neuheit ganz genau wissen, was eine Schrift kann, wie sie gedruckt aussieht und wie sie am Bildschirm besteht. Und wenn ein neues Design auf einer Tradition aufbaut, dann möchten die zukünftigen Anwender mehr über die historischen Hintergründe erfahren. Schließlich wollen sie verzaubert werden, mit schönen Kurven, überraschenden Details, einem Übermaß an Beispielen und Anregungen. All dies leisten die heute freigeschaltete Schriftporträt-Website der FF Mark und das 136-seitige PDF FF Mark-Infoguide … auch wenn die Smartphone-Performance von www.ffmark.com noch nicht ausgereift ist.

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Eine interaktive Weltzeituhr präsentiert vier von neun (!) Ziffernsätze der FF Mark, zusammen mit verballhornten Zeitzonen-Metropolen … eine Anspielung auf die Bauhaus-Tradition der Schrift

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Alle zehn Schnitte der FF Mark im Strichstärken-Fächer: Man tippe ein Schriftzeichen auf der Tastatur, um dieses (1) in unterschiedlichen Stärken zu sehen, oder (2) es mit einer anderen Strichstärke zu vergleichen, oder (3) …

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… alle Strichstärken transparent übereinander gelegt auf einem Leuchtkasten zu sehen

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In der Layout-Box lässt sich die Wirkung von FF Mark für verschiedene Einsatzbereiche testen, zum Beispiel Zeitungen, Buchcover, Tablet-Screen oder Computermonitor

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Ausführliche historische Betrachtung zu den Wurzeln der FF Mark, recherchiert und verfasst vom jungen Schrifthistoriker Ferdinand Ulrich


Freitag: Der 1. Type Talk in Berlin

Liebe Berliner Freundinnen und Freunde der Typografie,

ich wünsche mir, dass diese Veranstaltung am kommenden Freitag »ausverkauft« sein wird! Der Type Talk ist eine neue, monatliche Vortragsreihe über grafische Gestaltung. Kostenlos! Hier kann man sich anmelden … (alle Events am Fuß der Seite).

Wir leben in einer typografischen Metropole. Das wissen vor allem jene Kolleginnen und Kollegen, die beruflich mit Schrift zu tun haben. Dies sollten aber noch mehr Designer und Grafiker wissen, weil immer noch zu viele Drucksachen und Websites schwer lesbar und schlecht strukturiert sind. Der Apple Store Kurfürstendamm gibt uns nun die Möglichkeit, einmal im Monat im Theatersaal junge Talente in die Welt der Schrift zu entführen.

Also: erzählt euren Freunden, dass wir ab sofort verständlich über visuelle Kommunikation sprechen. Und wer selbst etwas zu diesem Thema zu sagen hat, sende mir bitte eine Mail.

Bis Freitag

Jürgen Siebert, Programmdirektor und Moderator des Type Talk im Apple Store Kurfürstendamm

Den ersten Type Talk bestreitet Tim Ahrens zum Thema »Neue Typografie im Web«. Fontblog-Leser kennen Tim als international erfahrenen Type-Designer und Redner, der mit seiner Frau Shoko Mugikura das Schriftenlabel Just Another Foundry betreibt. Neben zahlreichen Font-Familien entwickelte der ehemalige Architekt erfolgreich Design-Software, wie die Font-Remix-Tools und den FontFonter. Als Berater im Bereich Webfonts ist er unter anderem für Adobe Typekit tätig, für FontShop referiert er regelmäßig auf den TYPO Days über Webfonts und Web-Typografie.

Tim Ahrens’ aktuelles Forschungsgebiet sind die neuen typografischen Herausforderungen im Webdesign. Er vertritt die These, dass wir im Web nicht das imitieren sollten, was seit Jahrhunderten im Gedruckten praktiziert wird. Die vieldiskutierte Fluidität moderner Webseiten lässt das Zusammenspiel von Parametern wie Schriftgröße und -art, Zeilenlänge und -abstand in neuem Licht erscheinen. »Jetzt ist es unsere Aufgabe, diese Abhängigkeiten dem Computer beizubringen und so ein Optimum an Lesefreundlichkeit zu erreichen.« proklamierte er jüngst auf den Leipziger Typotagen. Er kämpfe dafür, dass sich die Webtypografie von vordergründigen Gags verabschiede und endlich durchdachte Anwendung entwickle, zum Wohle der Lesbarkeit.

(Foto: Copyright © 2013 Apple Inc.)


Städtemarketing aus der Sicht eines Dorfes

Juchhe, endlich mal wieder im Kino, »Hai-Alarm am Müggelsee«. Ich hatte mich Null informiert vorher, wusste nur, dass Henry Hübchen die Hauptrolle spielt und Leander Haußmann & Sven Regener sowohl für das Drehbuch, als auch die Regie verantwortlich sind. Was kann da schief gehen? Antwort: Alles!

Der Film ist selten dämlich und gleichzeitig genial komisch. Aber: Man darf keine Erwartungen haben, so wie in meinem Fall. Sogar die Erwartung eines Kinofilms sollte man am besten zu Hause lassen. Denkt einfach, ihr geht zu einem Laienspiel. Tatsächlich ist dies der dramaturgische Container, in den Haußmann/Regener die 103 Minuten gepackt haben. Zwar sind alle Mitwirkende teils preisgekrönte Profis, aber für Hai-Alarm schlüpften sie erst in die Laienrolle und dann in die Filmrolle. Oder war’s umgekehrt? Egal, die Verweigerung jeglichen Schauspiels ist Programm.

Die Hai-Alarm-Komödie ist prominent besetzt: Henry Hübchen als Bürgermeister, Michael Gwisdek als Schwimmmeister und Detlev Buck als Dorfpolizist

Der Unterhaltung tun diese Allüren keinen Abbruch, nur die gelernten Genrekonventionen geraten völlig durcheinander. Doch auch blinde Hühner im Publikum finden ein Humorkorn. Ich habe mich herrlich an der Entzauberung des Themas Städtemarketing ergötzt. Es zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, denn der (dokumentarisch inszenierte) Handlungsort Friedrichshagen am Müggelsee erhofft sich durch den Hai-Alarm mächtig Auftrieb, sogar ein »Hai-Alarm-Bier« ist bereits gebraut und szenemäßig etikettiert. Dem Filmkomponisten Sven Regener ist es zu verdanken, dass es nun sogar eine Ballade über das Städtemarketing gibt (iTunes-Link).

Bei machen Szenen fühlte ich mich an die wunderbaren Debatten hier im Fontblog erinnerte. Bis vor wenigen Monaten waren die visuellen Neuauftritte von Städte und Regionen unser Lieblingsthema. Denken wir an das Cottbus-Logo, die Otto-Dix-Stadt Gera, Ruhr hoch n, IngolStadtLandPlusBodensee, die Marke Region Stuttgart, Be Berlin, Mein Taunus, und viele andere … Irgendwann stellte ich die Frage: (Ist das) Städtemarketing in der Sackgasse? Hätte ich gewusst, dass jede einzelne dieser Unglücksgeschichten den Stoff für einen Kinofilm in sich birgt, ich wäre vor 5 Jahren Drehbuchautor geworden.

Wer jetzt noch Lust hat, den Hai-Alarm-Trailer zu sehen … hier ist er:


Ein Dankeschön fürs Archivieren nach Braunschweig

An der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig lehrt die Professorin Ulrike Stoltz seit 1999 Typografie; von 1991 bis 1998 war sie in der gleichen Funktion an der FH Mainz aktiv. Ihr Wissen auf diesem Gebiet schöpft sie seit Jahrzehnten nicht nur aus der Fachliteratur der Uni-Bibliotheken, sondern auch aus aktuellen Werbedrucksachen. Zum Beispiel den Mailings von FontShop.

Wie es sich für eine Hochschule gehört, landen Broschüren und Fachzeitschriften weder in Stehsammlern, noch in irgendwelchen Kisten. Nein, sie werden gebunden. Ulrike Stoltz ließ unsere Mailing-Serien von der Buchbinderin Veronika Wehrstedt dauerhaft in vier dicke gelbe  Bücher verwandeln.

Wir sind beeindruckt von der Sammelleidenschaft an der HBK Braunschweig und freuen uns, dass unser Wirken dort ein paar Jahre länger überleben wird als anderswo. Vielen Dank auch an Dan Reynolds, der seit Jahresbeginn ebenfalls in Braunschweig unterrichtet und die Fotos gemacht hat.

Frage: Sammelt noch jemand derart akribisch FontShop-Material? Wenn ja, bitte ein Foto an info@fontshop oder hier unten als Kommentar posten.


Kevinismus – oder der Charme von Single-Covers

Kevin Keegan: Head Over Heals In Love b/w Move On Down, Vinyl, 17″, ℗ EMI Electrola Germany 1979, Schrift: Futura Condensed Extra Black

Wer mir eine Single schickt ist selber schuld. Sie lag im Päckchen von Hipstery*, das gestern auf meinem Schreibtisch landete. Und eigentlich wollte ich etwas über die Kuriositäten dieses hippen Geschenkeladens schreiben. Doch die Single hat mich abgelenkt.

Vinyl-Singles sind magic … und werden es für mich immer sein. Ihre Größe (zwischen Postkarte und DIN-A4), ihre Beschränkung (nur 2 Songs), das Material, ihre Haptik. Grafisch sind alte Single-Cover vielsagender als LP-Cover. Singles mussten schnell verkaufen, LP-Cover durften tiefgründig aussehen, weil sie monatelang im Plattenladen durchgeblättert wurden. Darum wurden Longplayer von Künstlern gestaltet, Single-Cover entstanden anonym am Fließband: Promofoto, eine scharfe Schrifttype drauf, ein bisschen Rahmen oder grafischer Schnickschnack aus dem Scrap-book, fertig. In Single-Covern steckt mehr Zeitgeist, mehr Alltag, mehr Direktheit, mehr Charme. Es sind Anzeigen.

Anfang der 1980er Jahre hatte ich eine Jukebox, die ich stets mit frischem Futter versorge, weil sie voll-funktionsfähig bei Freunden in einer Kneipe stand. Am Ende des Jahrzehnts stapelten sich vier Kartons voll mit 17-Zoll-Scheiben in meinem Regal, die ich bis heute hüte wie meinen Augapfel. Von manchen Lieblingssongs scanne ich hin und wieder mal ein Cover (1080 x 1080 Pixel), um es anschließend mit dem längst digitalisierten Song in iTunes zusammenzuführen. Ganz klar, dass meine liebste Ansicht am Bildschirm die Cover-Flow-Präsentation ist … Jukebox-Fever.

Meine Best-of-Singlekiste-Wiedergabeliste in der iTunes-Cover-Flow-Ansicht

Kevin Keegans »Head Over Heels in Love« hatte ich bisher nicht in meiner Sammlung … lediglich die gleichnamigen, aber komplett andersartigen »Head Over Heels« von Abba und Tears for Fears. Gleichwohl löste auch diese Single ein Räderwerk von Assoziationen in meinem Gehirn aus. Das Cover war mir durchaus vertraut, immerhin hielt sich der Titel 15 Wochen in den deutschen Charts, wo er im Sommer 1979 Platz 10 belegte. Er lief mit Powerplay im Radio, weil er von Chris Norman und Pete Spencer produziert wurde, beide von »Smokie«und damals die Experten für massenkompatible Popmusik. Die nicht enden wollenden Chart-Shows bescherten dem Song eine lange Lebensdauer, zum Beispiel unter den peinlichsten Fußballer-Songs.

Schwiegermutter-Liebling

Wer war eigentlich dieser Kevin Keegan? Er war ein beliebter und einer der besten Fußballspieler Englands in den 70er Jahren. Keegan gewann mit dem FC Liverpool 1973 und 1976 den UEFA-Pokal sowie 1977 den Europapokal der Landesmeister. Danach wechselte er in die deutsche Bundesliga zum Hamburger SV, und auch hierzulande wurde er schnell eine Sympathiebombe. Keegan hatte maßgeblichen Anteil am Aufstieg des Hamburger SV zu einem der beliebtesten Klubs in Deutschland Anfang der 1980er Jahre. 1979 wurde der HSV Deutscher Meister, wobei Keegan 17 Treffer beisteuerte. Nach seiner Spielerkarriere war er auch mal englischer Nationaltrainer, 2008 beendete er seine Fußball-Laufbahn.

Mir ist noch was in Erinnerung, nämlich dass 1979/1980 die ersten neugeborenen Jungs in unserem Dorf Kevin getauft wurden. Das war die erste Kevin-Welle in Deutschland, wo der Name bisher keine Rolle spielte. Die zweite Kevin-Welle startete Ende der 80er. 1991 dann wurde Kevin mit einem Satz zum beliebtesten deutschen Vornamen, was sowohl auf den erfolgreichen Film »Kevin – Allein zu Haus« als auch auf den Karrierestart von Kevin Costner zurückzuführen ist. In den darauffolgenden Jahren bis etwa 2004 blieb der Name meist unter den 30 populärsten.

Kevin und Chantal sind heute auch schon über 20

Zur Beschreibung der plötzlichen Popularität männlicher Vornamen führten deutsche Soziologen und Psychologen im Februar 2007 den Begriff Kevinismus ein; die weibliche Form dieses Phänomens tauften sie Chantalismus. Beide beschreiben »die krankhafte Unfähigkeit, menschlichem Nachwuchs sozialverträgliche Namen zu geben.« Die renommierte Namensforscherin Gabriele Rodriguez hat dazu festgestellt, dass bildungsferne Schichten sich bei der Namensfindung sehr stark an den Medien orientieren würden und daher häufiger zu Namen wie Kevin oder Justin griffen. In gebildeten Kreisen hörten die Kleinen heute eher auf Alexander oder Konstantin. Der Bestsellerautor Jan Weiler meint übrigens, den Gegentrend zum Kevinismus ausgemacht zu haben, den er Emilismus nennt. »Da werden Kinder mit Namen beehrt, die vor rund 90 Jahren schwer in Mode waren: Anton, Paul, Emil, Carl und Friedrich.« Gerhard Müller von der Gesellschaft für deutsche Sprache hält die These von den bevorzugten Unterschichtnamen für »großen Quatsch«.

Egal ob richtig oder falsch: Es gibt Vorurteile. Dies bestätigte jüngst eine an der Universität Oldenburg verfasste Masterabeit, der zufolge bestimmte Schüler-Vornamen Vorurteile auf Lehrerseite auslösten. Der Name Kevin lege den Lehrern nahe, dass der Schüler verhaltensauffälliger sowie leistungsschwächer sei und eher aus der Unterschicht komme. Ob solche Schüler auch schlechter behandelt werden, ließ sich bisher nicht schlüssig belegen.

Danke für die Single!
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Hipstery ist der megastarke Berliner Geschenke-Shop, der aus Vorurteilen prima Spiele und Sachen herstellt. Zum Beispiel ein Hipster-Kit, Denglish-Beutel und -T-Shirts, oder das unterhaltsame Berlin-Bingo, ein durchgeknallter Reiseführer.


TV-Sender sortieren, aber wie?

Es gibt Menschen, denen die Reihenfolge der TV-Stationen auf ihrer Fernbedienung komplett egal ist: Sie speichern die Programme so ab, wie sie vom Receiver gefunden werden. Ich gehöre zu der anderen Gruppe, die versucht, dem Sender-Chaos irgendwie eine Ordnung zu geben. Dieses Verhalten könnte angeboren sein, oder eine Sucht … die praktische Komponente am Sortieren ist Bequemlichkeit: Ich will einfach die mir wichtigen Programm auf den 10 Nummerntasten der Fernbedienung ansteuern können. Der unwichtige Kram, den ich nie ansehe, soll ganz hinten hin.

Nach welchen Kriterien sortiere ich nun? Es ist eine Mischung aus Popularität, Neugier und inhaltlichen Kriterien. Einige Sender stehen aus mnemotechnischen Gründen da, wo sie hingehören, zum Beispiel ProSieben. Aber nicht: Das Vierte.

Die nachfolgende persönliche Sortierung bezieht sich auf die in Berlin über TVB-T empfangbaren Sender.

Platz 1 bis 3 müssen bei Sortierfanatikern in meinem Alter, die zu einer Zeit TV gesehen haben, als es nur einen einzigen Kanal gab, historisch sortiert sein:

1. ARD (1950)
2. ZDF (1963)
3. RBB Berlin (1964)

Anschließend gilt es, eine Ordnung in die privaten Sender zu bringen. Bei mir ist es eine Mischung aus Bedeutung (Marktanteil) und Merkbarkeit. Seit einigen Jahren sortiere ich so:

4. RTL
5. Sat.1
6. Vox
7. ProSieben

Arte hat sich bei mir – trotz anderer Prophezeiung (siehe: Warum die arte-Werbung ein Rohrkrepierer ist) – auf Platz 8 eingebrannt:

8. arte

Bevor ich den ARD-Regionalprogrammen einen ganzen Block widme, folgen einige öffentlich-rechtliche Qualitätssender, für die ich seit Jahrzehnten ehrlich meine GEZ-Gebühren zahle:

9. 3sat
10. extra
11. KiKa/ZDF_neo

Dann die Regionalprogramme, sortiert von Nord nach Süd

12. NDR
13. RBB Brandenburg
14. WDR
15. HR
16. mdr
17. SWR
18. BR

Nun die Nachrichtensender:

19. ZDF.info
20. n-tv
21. phoenix
22. Eurosport
23. tv.berlin
24. Euronews/Channel21
25. N24

Dann die »billigen« Privaten:

26. Kabel Eins
27. Super RTL
28. RTL II
29. Tele 5
30. Sixx
31. Music 1
32. Servus TV
33. Anixe
34. Spreekanal/Juwelo
35. Das Vierte
36. bibel.tv

Ganz am Ende die Shopping-Kanäle:

37. QVC
38. HSE24

Wie sortiert ihr?