Fontblog Designdiskurs

Steve-Jobs-Bio seit heute als Taschenbuch

Aber glaubt bitte nicht, dass an der Typografie des Titels etwas geändert wurde. Wir hatten hier im Fontblog ausführlich darüber diskutiert (Warum Steve Jobs ein Kontrollfreak war), wieso die Originalausgabe so aussieht wie sie aussieht, und warum der deutsche Titel lieblos (oder kenntnislos) lokalisiert wurde.

Der streitbare Werber Bernd Kreutz in Düsseldorf stieß auf seinem Reklamehimmel kurz darauf ins gleiche Horn: Die Leichenschänder von Bertelsmann. Wir wissen auch aus sicherer Quelle, dass Bertelsmann damals mitlas. Bewegt hat’s nicht viel. Das Cover der Taschbuchversion von btb ziert schlicht eine verkleinerte Version des Dreizeilers vom Herbst letzten Jahres, allein das Foto wurde entzerrt.


Das London-2012-Logo: Ein Fazit

Was wurde geschimpft und gelästert über das Londoner Olympia-Logo, als es am 4. Juni 2007 erstmals vorgestellt wurde (Fontblog berichtete: Das Olympia-Logo 2012 ist für alle da). Bereits ein Tag später habe ich das freie Konzept (das 1 Jahr später verworfen wurde) hier im Fontblog verteidigt: London 2012 will doch nur spielen. Die Debatten waren heiß und spannend, führten aber nicht weiter. Daher lautete mein Fazit am 11. Juni 2007 »Freiheit nicht erwünscht … Designer mögen es eher diktatorisch«. Diskussion beendet.

Zu den stärksten Kritikern der London-2012-Identity gehörte die britische Designpresse, allen voran Creative Review und Design Week. Letztere feiert das einst »Scherbenlogo« getaufte Signet heute als Design-Ikone (London 2012 design icons – the Olympic logo) und schreibt wörtlich: »Klug, energiegeladen und leicht unpraktisch … es reflektiert London.« Nur Schade, heißt es weiterhin, dass es über mehrere Jahre »wie eine Briefmarke eingesetzt wurde«, anstatt mit ihm zu spielen. Als einzigen Ableger der Ursprungsidee erinnert das Magazin an ein adidas-Video von Matt Pyke (Universal Everything), das vor 3 Jahren entstand:

London 2012 Olympics / Adidas launch from Universal Everything on Vimeo.

Creative Review wirbt heute im Blog für seine aktuelle Print-Ausgabe, in der sich Adrian Shaughnessy ausführlich mit dem London-2012-Logo und seinen Machern beschäftigt, die erstmals offen über den Entwurfsprozess reden. In einem Vorwort zeigt sich CR-Chefredakteur Patrick Burgoyne versöhnlich: “I still can’t bring myself to love it and I do think that the goals of 2012 could have been achieved with something more appealing. But I absolutely admire the thinking behind what Wolff Olins did for 2012. They set in motion, from the very beginning, a principle that London would reinvent what it means to host an Olympic Games. That principle succeeded brilliantly.”

Fazit: Weniger meckern, mehr wagen, Neues akzeptieren.


Und noch mal: Die vorbildliche Website von Zwölf

Weil’s so schön war: Auch heute wieder eine Website, die mir gefällt. Sie löst eine vergleichbare Aufgabe wie das gestrige Beispiel, jedoch anders. Stefan Guzy schrieb mir eben dazu: »Wir haben mal unser Online-Portfolio aktualisiert und ein paar neue typografische Projekte und Fotos aus der Werkstatt hochgeladen. Ein Videointerview gibt’s auch: zwoelf.net/portfolio. Beste Grüße«

Die beiden letzten Beiträge basieren übrigens auf offiziellen (Presse)-Mitteilungen, die auch andere Medien und Blogger erhalten haben. Ich schreibe am liebsten über Dinge die mir gefallen und Dinge die mir missfallen. Mittelmäßiges versandet. Gefälligkeiten für Freunde kommen mal vor … die beiden letzten Artikel gehören definitiv nicht dazu.


Brauchen wir einen Kreativquotienten?

Design-Modewörter

Der Journalist (Business Week), Buchautor und Design-Thinking-Verfechter Bruce Nussbaum hat einen Traum: Wenn sich sein Patenkind Zoe 2020 um einen Studienplatz bewirbt, sollen nicht nur ihr Wissen und der IQ gecheckt werden, sondern auch ihr CQ – der Creative Quotient. Er ist seine Erfindung. Das Buch dazu (»Creative Intelligence«) muss er noch schreiben. Und weil ihm dazu noch Ideen fehlen, setzte er den Geistesblitz im April einfach mal auf den FastCo-Blog und bat die Leser um Kommentar-Input: “I hope to have a conversation with the Fast Company audience on this blog about how we should teach, measure, and use CQ.” So generiert man heute in einem Aufwasch Buchinhalte und die Leser gleich mit.

Nussbaum ist ein Experte im Buzzword-Bingo. In den letzten Jahren ritt er voller Überzeugung auf der Design-Thinking-Welle. Heute verkündet er: »Das Zeitalter des Design Thinking ist zu Ende und ich widme mich einem neuen Rahmenmodell, der kreativen Intelligenz, kurz dem CQ. … Design Thinking hat dem Berufsstand und der Gesellschaft alles gebracht was möglich war, doch langsam erstarrt das Konzept, ja es richtet Schaden an«. Er verweist auf seine Kollegin Helen Walters, die der gleichen Ansicht sei. Im März 2012 kam sie in ihrem Leitartikel Design Thinking Won’t Save You (Design Thinking wird Sie nicht retten) zu dem Fazit: »Designberater hatten geglaubt, dass ein Prozesstrick Veränderungen bewirken könne.«

Design Thinking … nur ein Trick

Was war noch Mal Design Thinking? Es bedeutet, einen Schritt zurückzutreten von der akut zu lösenden Gestaltungsaufgabe und das Ganze anschauen. Es fordert Systemdenke: Das aktuelle Problem ist Teil eines Ganzen, das ich als Designer in seiner Gänze erst mal verstehen muss. Das tiefe Eindringen in ein Thema ist gefragt, oft gepaart mit einer umfangreichen Recherche, gefolgt von einer Analyse. Dies geschieht meist in einer Gruppe, multidisziplinär.

Eigentlich arbeiten Werbeagenturen und größere Designbüros schon sein Jahrzehnten nach dieser Methode. Warum also das neue, leicht überkandidelte Etikett Design Thinking? »Weil es sich gut verkauft« sagt der Core77-Kolumnist Don Norman. Beratungsunternehmen lieben solche Floskeln: »Beauftrage uns, und wir bringen die Magie des Designs in dein unproduktives, scheintotes Unternehmen … und das wird Wunder wirken« (Don Norman). Design als Geheimwaffe, hilflose PR-Welt.

Ein bisschen Zauber schadet nicht

Wie weit darf Design mit Heilsversprechen (= Buzzwords) gehen? Es ist ein bisschen wie in der Medizin: Wenn’s wirkt, war es nützlich und der Arzt wird geliebt. Wittert man hinter einer Therapie nur heiße Luft (Placebo), fällt dies auf den Arzt (=Designer), die Klinik (= Designbüro), die Branche (= Design) zurück. Niemand braucht ein Design-Patentrezept mit einem gut klingenden Namen, doch manchmal öffnet es Türen. Zum Beispiel für ein Umdenken bei notleidenden Unternehmen oder Marken. Vergessen wir nicht, dass die meisten Führungskräfte Design-Laien sind. Trotzdem müssen sie über Investitionen in diesem Bereich entscheiden. Ein verständliches, simples Modell überzeugt meist schneller, als eine tief schürfende Diskussion über Farbpsychologie, Typografie und Key-Visuals.

Wie lautet nun die Antwort auf die Frage: Brauchen wir einen Kreativquotienten? Wir brauchen weder den CQ, noch ein Buch dazu. Kreativität ist als isolierter Rohstoff wertlos … sowohl in Kunst und Kultur, als auch im Design. Erst wenn sie sich mit einer Intention paart, entstehen Ideen und Produkte.

(Abb: ©ƒstop, # 1123.049, Photographer: Carl Smith)


Braucht die Welt einen »Made in Berlin«-Stempel?

Was soll man auf eine solche Frage anderes antworten, als: Natürlich nicht! Was braucht die Welt überhaupt? Sicher keinen Sack Reis, der in China umfällt. Viele 1000 Säcke Reis …unbedingt … zur Verfügung gestellt von wohlhabenden Erzeugern für rund 900 Millionen hungernde Menschen auf diesem Planeten.
  
Wenn das nur so leicht zu realisieren wäre, wie es ausgesprochen ist.

Bleiben wir beim Thema dieses Blogs, der visuellen Kommunikation. Gütesiegel, Herkunftsbezeichnungen, Testplaketten, Markenzeichen … es gab noch nie so viele davon wie heute. Zuletzt berichtete ich hier im Blog unter anderem über den Blauen Engel, das neue Stiftung-Warentest-Abzeichen, das Bio-Logo der EU, das EU-Sicherheitslogo für Versandapotheken, ein Siegel für Bio-Mineralwasser, das HTML-5-Logo oder das neue Logo Stiftung Preußischer Kulturbesitz – selbst das deutsche Ei hat seit wenigen Tagen ein Logo. Dazwischen ging es immer wieder mal um Standort-Werbung, für Cottbus, das Ruhrgebiet, die Region Stuttgart, Olympiabewerber und natürlich Be Berlin.

Herkunftslogos verkleistern. Wenn das Image einer Stadt für Produkte oder Dienstleistungen positiv verankert ist, reicht ihr Name als Qualitätsmerkmal. Ein Start-up mit dem Ortsnamen San Francisco in der Adresse steht positiver da als eines aus Hamburg. Einer Zeitschrift aus Hamburg unterstellen Leser eine professionellere Qualität als einer aus Dortmund. Dortmunder Bier muss besser schmecken als Leipziger Bier. Aber Bücher aus Leipzig sind ordentlicher gesetzt und gedruckt als Bücher aus Düsseldorf. Das ist alles so wahr wie falsch … aber die menschliche Beurteilung basiert nun mal auf Urteil und Vorurteil.

Der Berliner ist dafür bekannt, das er vor Großmauligkeit kaum laufen kann. Seitdem die Spreemetropole wieder Hauptstadt ist, steht die Größenwahnsinnsampel auf grün, grüner geht’s nicht. Seit einigen Jahren lieben uns auch noch die Touristen …  Kunst, Design und Mode feiern sich pausenlos in Berlin … seit Montag sendet auch noch Thomas Gottschalk täglich live vom Gendarmenmarkt … wo soll das noch hinführen. Zu weniger Schulden? Die Stadt ist sexy, aber arm. Können Logos daran was ändern? Das lokale Weblog techberlin glaubt: Ja. Und so rief es im November 2011 zur Findung eines Made-In-Berlin-Badge auf, ein Abzeichen, mit dem sich Start-ups zukünftig schmücken sollen, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark (und locken die kalifornischen Investoren in unsere Büros).

Das »offizielle« Made-in-Berlin-Signet, Platz 1 beim techberlin-Wettbewerb

Nun steht der Sieger fest (Abb. oben), gewählt von der Leserschaft, was nicht immer die beste Wahl garantiert. Mir gefällt Platz 3 viel besser (Abb. ganz oben), nicht nur weil er die Schrift FF Ernestine enthält und aus der Feder unserer Freundin Nadine Roßa stammt … das Signet bringt genau die Portion Ironie (und Sympathie) mit, die es für die Einführung und Akzeptanz eines solchen Siegels braucht. Misslingt das Experiment, war‘s wenigstens ein schöner Versuch – schön im Sinne von ästhetisch.


»Gibt es nicht schon genug Schriften…?« oder:

Warum wir in die Zukunft der Typografie investieren müssen

von Matthew Butterick

[Dieser Beitrag wurde heute morgen im Fontfeed in englischer Sprache veröffentlicht. Ich freue mich, dass ich ihn übersetzen und hier veröffentlichen darf – als letzter Designdiskurs des Jahres. Sein Autor Matthew Butterick ist Sprecher der TYPO Berlin im Mai 2012.]

Es ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage an Schriftentwerfer … die sie gleichzeitig verärgert, weil sie unterstellt, dass ihr Job überflüssig oder nutzlos sei: »Gibt es nicht schon genug Schriften?« Ich selbst bekam sie zum ersten Mal vor 20 Jahre gestellt. Damals empfand ich sie absurd. Das Schriftsetzen befand sich gerade auf dem Weg in die Desktop-Publshing-Ära. Genug Schriften? Wir hatten kaum welche.

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Deutsches Design Museum in Berlin?

Der Rat für Formgebung (Frankfurt am Main) hat Künstler, Galeristen, Designer, Museumsleiter und Ausstellungsmacher, Journalisten und Hochschullehrer gebeten, über die Gründung eines Design-Museums zu diskutieren. Auf der Website www.deutschesdesignmuseum.de sind plakative Thesen zu dieser Idee veröffentlicht. Sie sollen eine »ergebnisoffene Debatte« anstoßen. Bitte beteiligen Sie sich dort … und hier im Fontblog.

Stellvertretend 5 von 13 Thesen:

  • Man kann heute nicht mehr nur Stühlchen ins Museum stellen. Wir müssen über den Designbegriff reden.
    Volker Albus
  • Viele Museen für Design sind wie Gräber. Aber Design ist etwas Lebendiges. Hans-Peter Jochum
  • Gesellschaftliche Entwicklungen ragen in Kunst und Design hinein. Dieses Verhältnis muss auf nicht reduktionistische Weise erforscht werden. Isabelle Graw
  • Wäre es nicht befreiend, auf eine Sammlung zu verzichten? Andreas Murkudis
  • Design ist das denkbar populärste Thema. Ulf Poschardt

Das eBook wird uns lange begleiten

Eine Erwiderung von Martin Holland

Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle die wunderschöne App des SZ-Magazins gelobt und eBooks wurden in einem zugehörigen Artikel als »Zwischending« bezeichnet, die von bald Apps abgelöst würden. Dem möchte ich an dieser Stelle widersprechen, anhand eines eigenen Beispiels.

Zunächst aber kurz zu mir: Ich arbeite für das Augsburger Redaktionsbüro Contentplus Communications und wir haben Anfang September den „Contentplus City Guide Augsburg“ veröffentlicht, für dessen technische Umsetzung ich zuständig war. Es gibt ihn als ePUB bei iBooks oder ePubli und als leicht angepasste Kindle-Version.

Aber genug der Werbung: Ich schreibe hier, weil ich weiß, dass ein gut gemachtes und durchdachtes eBook all die Vorteile bietet, die Jürgen Siebert der App des SZ-Magazins anrechnet. Gleichzeitig leidet es nicht unter dem gravierenden Nachteil, dass es an ein bestimmtes Gerät oder Betriebssystem gebunden ist:

In einem ePUB (dem Standard schlechthin, der nur von dem in dieser Beziehung antiquierten Kindle nicht angezeigt wird) kann die Bildgeschichte aus »Sagen Sie jetzt nichts« genauso spannend inszeniert werden wie in der App. Auch eingebettete Videos sind möglich, werden aber bislang nur in iBooks wiedergegeben. Genauso kann Axel Hacke per integrierter Audiodatei in einem eBook seine Kolumne selbst vortragen. Noch hat iBooks bei der Unterstützung des ePUB-Standards einen immensen Vorsprung, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis ähnlich gute Programme für Android etc. erscheinen. Spätestens dann können ePUBs den großen Vorteil, auf jeder Plattform zu funktionieren, vollständig ausspielen.

Die Vorteile des Schriftenlexikons als App wiegen schon deutlich schwerer. Vor allem mit der typografischen Darstellung tun sich einige Reader nämlich noch immer viel zu schwer. Verschiedene Programme (wie Adobe Digital Editions für PC und Mac oder Aldiko für Android) sind aber bereits heute fähig, eingebettete Schriftarten anzuzeigen, wie im Standard gefordert. Ausgerechnet iBooks lässt das aber noch nicht zu. Auch hier bin ich aber der festen Überzeugung, dass es bald Programme für alle Plattformen gibt, die das unterstützen.

Bis auf die leider noch aktuellen Probleme hinsichtlich der korrekten Anzeige, die aber, und das ist wichtig, bei eBooks nicht systembedingt sind, hat eine App also keine für immer währenden Vorteile. Dafür gibt es aber schwerwiegende Nachteile, die in der Natur einer App wurzeln: Eine App wird immer nur für ein bestimmtes Betriebssystem erstellt und erreicht so nur einen Teil des Marktes. Außerdem ist sie in der Produktion wesentlich teurer als ein ePUB. Daneben ist auch nie gesichert, dass die App ein Update des zugehörigen Betriebssystems, geschweige denn den Wechsel auf ein Nachfolgegerät mitmacht.

ePUBs dagegen sind leicht zu erstellen (ich habe dafür das kostenlose Programm Sigil benutzt), komplett durchsuchbar und offen für künftige Innovationen wie beispielsweise Vorlesefunktionen. Sie können bereits jetzt auf vielen Geräten geöffnet werden, wenn auch mit den erwähnten Einschränkungen hinsichtlich der Anzeige. Ich muss natürlich eingestehen, dass heute noch einige Anstrengungen nötig sind, um ein eBook so zu erstellen, dass es in iBooks, in Aldiko für Android und auf dem Kindle gut aussieht. Auf dem PC liefern das Firefox-Plugin EPUB-Reader, der Sony Reader, oder das bereits etwas ältere Adobe Digital Editions dann aber bereits die erwarteten Resultate.

Gerne möchte ich jetzt auch noch kurz auf unser eigenes ePUB eingehen, auch weil es rein technisch meines Wissens wenig Konkurrenz gibt. Bislang beschränken sich die meisten eBooks auf wenige Designelemente, ohne dass die bereits bestehenden Möglichkeiten ausgenutzt werden, geschweige denn etwas neues probiert wird

Beim »Contentplus City Guide Augsbug« haben wir uns entschieden, eine möglichst große Reichweite zu erzielen. Auch deswegen gibt es noch keine multimedialen Inhalte. Unser Ziel war es, einen Reiseführer im anspruchsvollen Layout zu erstellen, der vor allem auf dem iPad das Gefühl vermittelt, ein wirkliches Buch in den Händen zu halten. Probleme, die bei der Erstellung aufgetaucht sind, hatten fast ausnahmslos damit zu tun, dass iBooks die Standards größtenteils einhält, Adobe Digital Editions, auf dem die Android-App Aldiko basiert, aber nur partiell oder fehlerhaft. So wurden zum Beispiel hochformatige Bilder auf dem quer gehaltenen Smartphone abgeschnitten. Für die Kindle-Version habe ich keine Möglichkeit gefunden, die kleinen Icons einzubauen und auch die Unterstützung der entsprechenden ASCII-Symbole folgt keiner Logik, war also nicht hilfreich. Mitwachsende Icons gibt es deswegen nur im ePUB.

Ein anderes Problem waren die »Hurenkinder« und »Schusterjungen«, die noch immer auf einigen Geräten auftauchen. Im integrierten CSS steht der entsprechende Befehl für ihre Vermeidung und wird hoffentlich bald überall umgesetzt. Prinzipiell nur in iBooks problematisch war wiederum die Farbe von Verweisen, deren Anpassung Apple noch verhindert. Sobald das aber mit einem Update behoben ist, wird die bereits eingebaute, dezentere Farbgebung auch angezeigt. Die eingebauten Karten kann man derzeit nur in iBooks auf 200 % vergrößern. In allen Versionen ist aber das hochaufgelöste Bild eingebaut. Auch dieses Feature wartet also noch auf die allgemeine Umsetzung des Standards.

Das sind verschiedene technische Probleme, auf die ich im Lauf der Arbeit gestoßen bin. Sie hatten aber fast ausschließlich damit zu tun, dass das ePUB auch auf anderen Geräten so aussehen sollte wie in iBooks. Für Bücher, die nur aus Text bestehen, gibt es diese Einschränkungen bei der Anzeige nicht und hier werden die Vorzüge der größeren Reichweite überdeutlich. Da sie nicht unter den Anzeigeproblemen leiden und die Reader zum Lesen sowieso ungeschlagen sind, profitieren heute also ganz besonders Romane von den ungezählten Readern/Programmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das gleiche bald auch für layoutlastigere Bücher gilt und eBooks ihren festen Platz in unserem Leben einnehmen werden.


Gute Typografie, jetzt (5): Du-mich-auch-Typografie

Gestern Abend feierte das Some Magazine seine neueste Ausgabe in der Berliner VUP Lounge (HBC). Die Zeitschrift verortet sich selbst »irgendwo zwischen Design und Kunst« (aus der Einladung). Sie wird von Studenten (Markus Postrach, Markus Lange, Falko Walter) an der Kunthochschule Burg Giebichenstein in Halle bei Professor Sven Voelker produziert. Dieser saß auch gestern als einer von drei Diskutanten auf dem Podium, neben dem Designer, Journalist und Moderator Maximilian Dax und Erik Spiekermann. Das Trio sprach über die Herstellung des Magazins, über Berufszwänge, den Luxus des studentischen Treibenlassens, lebensgefährlich-falsche Beschilderungen an Flughäfen und Typografie. Da wurde es dann spannend für mich.

Es gäbe zu viele Schriften, hieß es einmal. Früher hat Spiekermann dieser These widersprochen, mit dem Konter, es könne nie genug Musik oder Weine geben … jeder solle etwas für seinen Geschmack passendes finden. Gestern schwieg er. Sven Völker brüstet sich des weiteren damit, dass er eigentlich kaum Schriften kenne außer Arial, Helvetica und Akzidenz Grotesk … aber eigentlich Arial die beste sei und für alle Zwecke ausreiche. Auch hier kein Mucks von Spiekermann, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über Arial zu lästern. Man kann sie ja durchaus mögen und als selig machend preisen. Ich hoffe nur, dass diese steile These nicht in Halle gelehrt wird.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass Voelker viel mehr Künstler als Designer ist. Als Künstler darf ich mit gutem Recht darauf bestehen, Musikstücke zu komponieren, die aus nur einem Ton bestehen, oder Bilder mit nur einer Farbe malen oder ein Magazin herausgeben, das aus Arial gesetzt ist. Allerdings ist Typografie keine Kunst, sondern eine Dienstleistung. Der Unterschied besteht darin, dass ich als Editorial Designer das Lesen meines Magazins so angenehm wie möglich machen möchte. Das ist der Auftrag, den ich von den Autoren meines Magazins bekommen habe, denn sie möchten, dass ihre Texte gelesen werden.

Mehrmals im Monat landen Hefte auf meinem Schreibtisch, oft voluminöse, die ich hier mal als »Kunst-Magazine« bezeichnen möchte. Damit meine ich aber nicht so etwas wie art, aus dem Hause Gruner + Jahr, sondern Zeitschriften, die von Künstlern gemacht werden und nicht von Dienstleistern. Da diese Sorte Zeitschriften kein neues Phänomen sind, habe ich mir schon vor Jahren einen Schnelltest zur ersten Begutachtung angewöhnt, unter Zuhilfenahme aller Sinne. Ich rieche, höre, fühle und schaue auf solche Druckwerke, indem ich sie einmal von vorne und einmal von hinten mit dem Daumen durch scanne. Das dauert rund 5 Sekunden. Bleibe ich hängen, wird es eine Abendlektüre, bleibt nix hängen, landet es im Papierkorb. Früher habe ich statt des Papierkorbes einen Stapel aufgehäuft, der dann nach 2 Jahren im Papierkorb landete. Andere Menschen legen sich solche Magazine auf den Tisch (Coffee-table-Literatur) und warten … oft mehrere Wochen. Nur eines geschieht nicht: Dass sie noch mal reinschauen. Dies kann an den Fotos liegen (nicht meine Disziplin) oder an der Typografie. Diese ist meine Metier. Ich nenne die nicht dem Lesen verpflichtete Textgestaltung auch gerne Du-mich-auch-Typografie.

PS: Um Missverständnissen vorzubeugen. Das Some-Magazin (und viele vergleichbare) sind wunderbare Projekte und ich freue mich, dass Designhochschulen in diesem Land die technischen Möglichkeiten und die Sponsoren haben, auf professionellen Niveau Zeitschriften zu produzieren. Das war vor 20 Jahren undenkbar. Doch die Studierenden sollten wissen, dass sie solche Magazin überwiegend für sich selbst und die eigene Fortbildung erstellen, so wie Maler ihre Skizzen und Architekten ihre Modelle. Nur weil es zum Wesen einer Drucksache gehört, dass sie in mehreren tausend Exemplaren entsteht, heißt das nicht automatisch, dass diese bei jedem Empfänger einen sofortigen Lesereflex auslöst. Das sollte man wissen, als Jungredakteur, um nicht enttäuscht zu sein, wenn die Leserschaft ausbleibt. Besonders freut es mich auch, dass die Einladung zu der Veranstaltung (siehe oben) und auch Some #3 nicht in Arial gesetzt sind.


Gute Typografie, jetzt (3): kostenlose Lehrmittel

Dass schlechte Typografie teurer und zeitraubender ist als gute Typografie, haben wir in der Diskussion um die »Fahrschule Edelweiß« gelernt: Ronald W. ist sauer auf uns Typografen. Überaus erfreulich ist darüber hinaus, dass es jede Menge kostenloses Lehrmaterial gibt, um gute Typografie zu lernen und umgehend zu praktizieren.

Ein Klassiker ist das 15-seitige PDF Typokurz von Christoph Bier. Das Papier liefert den schnellsten Überblick zu elementaren (mikro)typografischen Regeln, die der Leserlichkeit eines Textes dienen. Sie alle lassen sich von jedermann (und mit jede Textverarbeitung) sofort umsetzen. Der leicht verständliche Leitfaden ist in weniger einer Stunde durchgearbeitet … da gibt es keine Ausrede mehr für schlecht gesetzten Text.

Auch FontShop bringt immer wieder mal nützliches Lehrmaterial in Umlauf, zum Beispiel unsere drei Font-Fibeln. Sie widmen sich den technischen Formaten digitalisierter Schriften bzw. ihrer Einsatzgebiete: Büro (Font-Fibel 1), Internet (Font-Fibel 2) und Drucksachen-Gestaltung (Font-Fibel 3). Seit kurzem liegen die drei Faltblätter auf der PDF-Plattform Issuu, so dass ihr sie entweder gleich hiert unten aufrufen und am Bildschirm durchlesen könnt, oder herunterladen … zum Drucken und später lesen.

Font-Fibel 1: Webfonts (4 S), PDF herunterladen …

Font-Fibel 2: Office-Fonts (4 S), PDF herunterladen …

Font-Fibel 3: OpenType-Fonts (4 S), PDF herunterladen …

Eine letzte Drucksache, die ich heute empfehle ist unser Apfel i, herausgekommen im Dezember 2010. Es gibt noch wenige gedruckte Exemplare davon, von denen ich morgen gerne 10 kostenlos versende. Einfach unten einen Kommentar hinterlassen, mit funktionierender E-Mail-Adresse (bleibt für andere unsichtbar), so dass ich die Postanschrift ermitteln kann. First come first go … [Aktion ist beendet].

Ganz eilige laden sich Apfel i über Issuu (Download-Link) oder werfen gleich hier einen Blick hinein: