— Designdiskurs —


Edenspiekermann macht’s richtig

Als ich hier vor mehreren Wochen die ersten Webfonts vorstellte – Heute ist Webfont-Tag (1) vor allem aber Heute ist Webfont-Tag (2): Fragen & Antworten – entbrannte schnell eine Diskussion über Preise, Lizenzen, Technik und die Frage ›Mieten oder selbst hosten?‹. Was ich vermisst habe war eine wie auch immer formulierte Vorfreude auf neue Herausforderungen und Jobs für Designer. Erik Spiekermann drückte das in einem Kommentar damals so aus: »… diejenigen, die immer schon vernünftige typografie auch online fordern, (sollten) dankbar sein, dass es diese möglichkeiten endlich gibt. FontShop International ist vorgeprescht, weil in unserem typeboard leute aus der praxis sitzen, die ihren lebensunterhalt mit dem gestalten von kommunikation in unterschiedlichen medien verdienen. Die webdesigner in meinem büro sind auf jeden fall froh ….«

Die logische Konsequenz dieser Einstellung ist die heutige Pressemitteilung von Edenspiekermann, die eigentlich nichts Sensationelles vermeldet und doch beispiellos ist, weil ich sie von anderen Designbüros so noch nicht wahrgenommen habe. Unter der Headline »Typografische Freiheit fürs Web« wirbt die deutsch-niederländische Agentur um Aufträge für das lange Zeit brachliegende Feld der Netz-Typografie: »Ein für Webdesigner lang ersehnter Schritt erlaubt freies typografisches Gestalten im Internet. Dies ermöglicht Unternehmen und Marken künftig einen medienübergreifenden visuellen Auftritt. Edenspiekermann testet die neue Freiheit am eigenen Leib. Ab sofort erscheint die Homepage in der Hausschrift ESPI Sans & Slab.« Fazit: »Edenspiekermann plant, seinen Auftraggebern die neue Dienstleistung bald anbieten zu können.«

Das ist vorsichtig formuliert. Auch wenn das Angebot an Webfonts noch klein ist und der ein oder andere Browser noch nicht im Boot ist: Die Zeit ist reif für die ersten Akquisen!

Zwei neue Jobportale für Designer

Netzschaffende, Leipzig


Die Ausschreibungsplattform netzschaffende.de möchte Dienstleister und Aufträge im Bereich Webdesign, Programmierung, Texte zusammenbringen. Zu erledigende Aufgaben werden nach Qualitätsstandards erfasst. Diese Bewertung soll es Freelancern erleichtern, den passenden Auftrag zu finden und Angebote abzugeben. Darüber hinaus gibt es  Funktionen, mit denen die Zusammenarbeit einfacher und fairer werden soll:

• Kontakt zu Auftraggebern und Benachrichtigung bei neuen Projekten
• Sichere Bezahlung der Arbeit durch ein integriertes Treuhandkonto
• einfachere Projektabwicklung über ein unterstützendes Projektmanagementsystem
• Schutz der Ideen
• Entwürfe sind erst nach Auftragsannahme sichtbar

Netzschaffende.de wird gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen der EXIST-Initiative.

Whitelabel.me, Hamburg

Whitelabel.me ist ein Portal für Freischaffende im Bereich Marketing und Werbung, die sich »zeitsparend und hochwertig vielen Firmen gleichzeitig präsentieren wollen, um erfolgsversprechend Projekte zu akquirieren.« Auftraggeber besuchen den Marktplatz, um Freie mit bestimmten Spezifikationen und »zeitlicher Verfügbarkeit schnell und effizient in einem strukturierten Format finden und speichern wollen.«

Doch Whitelabel.me hat ein »Geschmäckle«, wie der Schwabe sagt. Während sich Netzschaffende.de um den Schutz von Ideen bemüht und seinen Respekt gegenüber dem Urheberrecht beweist, bedienen sich die Hamburger in ihrer Selbstdarstellung (PDF: Whitelabel.me_stellt_sich_vor) für ein »Max-Muster«-Profilfoto (Abb rechts) einfach mal bei unseren Freunden von Pixelgarten (Projekt: Um was es nicht geht). Ungefragt, wohlgemerkt. Kein gutes Omen.

»Grafikdesigner verdienen so wenig wie nie zuvor!«

Eine Gegenrede von Johannes Erler, Factor Design, Hamburg

johannes_erler_neuDie Veröffentlichung angeblicher Gehaltsstrukturen im Grafik-Design – zunächst durch den Stern und in der Folge (allerdings ohne den Hinweis, dass der Stern-Durchschnittswert auf Basis von weniger als 25 Befragten zustande kam) durch Welt kompakt und Welt mobil – hat für Wirbel gesorgt und bedarf der dringenden Korrektur.

Die veröffentlichte Tabelle (vgl. Fontblog: Gehaltscheck – Grafikdesigner sind heute Spitzenverdiener) geht vollkommen an der Realität vorbei und wirft ein falsches, schädigendes Licht auf unseren Berufsstand. In Wirklichkeit ist im Grafik-Design schon lange nicht mehr so wenig verdient worden, wie heute. Und nie waren die Perspektiven, dass sich dies in Zukunft deutlich bessern könnte, schlechter.

Als Inhaber eines seit vielen Jahren im Prinzip erfolgreichen und angesehenen Designunternehmens kann ich zunächst einmal feststellen, dass die Honorare seit etwa 10 Jahren mehr oder weniger stagnieren und durch die Inflation sogar deutlich rückläufig sind (geht man von 2 % Inflation aus, summiert sich dies folglich auf etwa 20 % Honorarrückgang).

Die anhaltende Krise hat zudem bewirkt, dass Kunden im vergangenen Jahr Reduzierungen von bereits verhandelten Honoraren gefordert haben und oft auch durchsetzen konnten. Zum Beispiel hat fast die gesamte, stark von der Anzeigenkrise betroffene Medienbranche (also z. B. die Verlage von Stern und Welt) schon Ende 2008 pauschal verordnete 10 % Honorarkürzung durchsetzen können. Die Angst vor der damals erst aufkommenden, bedrohlichen Wirtschaftskrise spielte den Verlagen in die Karten.

Das abgelaufene Geschäftsjahr hat unser Unternehmen mit einem Umsatzrückgang von fast 25 % beendet. Für die im Corporate Design tätigen Designbüros scheint dies einigermaßen normal zu sein. Andere Berufszweige (z. B. das Packaging) sind angeblich nicht in diesem Maße betroffen und haben dennoch ordentlich rudern müssen.

Durch Kurzarbeit und Kostenersparnis an anderen Stellen haben wir diesen Verlust zum Glück auffangen können. Wir beendeten das Jahr mit einer schwarzen Null. Und darüber bin ich zunächst einmal froh, vor allem deshalb, weil wir die Lage perspektivisch im Griff haben. Und auch, weil die Stimmung in unserem Büro nach wie vor gut ist und die Leute gern bei uns arbeiten.

Trotzdem, und darum soll es hier gehen, kann man sich vielleicht vorstellen, dass unter diesen Umständen Gehaltserhöhungen allenfalls äußerst moderat und eher symbolisch ausfallen können. Was mich wiederum zu dem Schluss bringt, dass unsere Gehaltsstruktur grundsätzlich den Umständen entsprechen angemessen und realistisch zu sein scheint.

In meinem Büro werden Gehälter für Designer zwischen 2.200 Euro (für Berufseinsteiger, die nach Beendigung des Studiums in der Regel noch einiges dazulernen müssen, um im Designalltag bestehen zu können) und 4.500 Euro (für verdiente, selbstständige Kräfte mit einigen Jahren Berufserfahrung) bezahlt. Der Schnitt liegt wohl bei etwa 3.200 Euro.

Die meisten unserer Mitarbeiter sind nicht länger als 5 bis 6 Jahre bei uns. Viele wechseln irgendwann das Büro, einige machen sich selbstständig. Ich würde sagen, dass bei uns eine normale Fluktuation herrscht.

Ob die Selbstständigkeit ein höheres Einkommen garantiert, wage ich zu bezweifeln. Ein bereits relativ hoher Tagessatz von 400 Euro für einen guten, erfahrenen Freien würde, auf 20 Arbeitstage hoch gerechnet, spannende 8.000 Euro ergeben. Doch derart durchgebucht ist kaum jemand, freie Tage durch Urlaub oder Krankheit sind nicht bezahlt und es gehen hohe Kosten für Geräte, Hard- und Software und manchmal Raum- oder Platzmiete ab. Unterm Strich verdient ein Freier nicht mehr, als ein einigermaßen gut bezahlter Fester, hat jedoch ein wesentlich höheres Risiko zu tragen.

Dass in anderen Büros nicht wesentlich mehr verdient wird, weiß ich übrigens auch (wobei ältere, kompetente Designer auf großen Etats und in großen Agenturen sicherlich höhere Einkommen erzielen. Aber so viele gibt es davon unterm Strich nicht).

Freuen kann sich, wer einen alten Anstellungsvertrag in einem großen Verlagshaus besitzt, der also aus einer Zeit stammt, als die Werbegelder noch üppig flossen. Aber diese Zeiten sind vorbei und kaum eine Designleistungen benötigende Branche entlässt heute dramatischer, als die Printmedien.

Wenn nun aber die erzielten Honorare die Kosten so gerade eben deckeln und ich – und das betone ich ausdrücklich – eigentlich der Meinung bin und den Wunsch habe, höhere Gehälter zu zahlen, weil die Qualität der Arbeit und der Einsatz, durch den diese Arbeit zustande kommt, mehr wert sind, dann stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht. Und zwar mit den Honoraren.

Es stimmt was nicht, mit den Honoraren

Die nämlich stehen den erbrachten Leistungen schon lange nicht mehr angemessen gegenüber und sind teilweise – ganz ohne Not – regelrecht beschämend. Womit wir  – mal wieder –  bei der generellen (Vermittlungs)krise unseres gesamten Berufsstandes wären.

In der Zeitschrift »Wirtschaftswoche« wurde vor einigen Wochen und anlässlich des red dot-awards der geschätzte Kollege Jochen Rädeker (Strichpunkt) zitiert, der eine der momentan üblichen, unseriösen Jobanfragen eines mittelständischen Unternehmens vortrug (Pitch / lächerliche Honorare / hanebüchene Vorstellungen vom Jobverlauf … er lehnte ab). Das jedoch ist die Realität, der wir uns zu stellen haben, und es werden garantiert ausreichend andere für Strichpunkt eingesprungen sein.

Justus Oehler (Pentagram Berlin) wurde im gleichen Artikel mit der Aussage zitiert, dass es eben einfach zu viele schlechte Designer gäbe, die den Markt und die Preise kaputt machen. Da ist leider auch was dran.

Und so befindet sich das deutsche Grafik Design eingangs des Jahres 2010 in der ziemlich bedauerlichen Zwickmühle, zwischen Wirtschaftskrise, Misshandlung des Designbegriffes durch jeden, der einen Computer bedienen kann, und Unwissen über Nutzen, aber eben auch Kosten von Designleistungen auf Kundenseite. Und da nützt es am Ende herzlich wenig, wenn vielerorts jubiliert wird, dass die Designbranche wächst und angeblich heute niemand mehr ohne Design auskommt. Denn welche Art von Design da gemeint ist, lässt sich kaum sagen, weil der Begriff dermaßen schwammig geworden ist, dass er den seriösen Designern am Ende eher schadet, als hilft.

Es wird voraussichtlich Jahre dauern, bis dieses Bild korrigiert ist. Und Artikel, wie in Stern und Welt werfen das Design erneut zurück, weil sie ein Klischee bestätigen, das so längst nicht mehr stimmt. Dafür gehören den Redakteuren dieser Blätter die Ohren lang gezogen.

Letztlich helfen uns am Ende nur die sorgfältige Dokumentation erbrachter Qualitätsleistungen und der Wille und Mut, diese Leistungen öffentlich zu machen. Einzelkämpfertum nützt wenig, weil die Möglichkeiten des einzelnen, sich gegen beauftragende Unternehmen angemessen durchzusetzen, eher gering sind. Statt dessen würde eine Bündelung der Kräfte  – in Büros (vielleicht sogar mit ganz anderen Hierarchiemodellen, als heute üblich) und im Zusammenspiel der vielen guten Büros – mehr bewirken. Es wird dringend Zeit, dies zu organisieren. Es tut sich jedoch auch was.

Pitches gehören abgeschafft, der Nutzen von Design muss besser herausgearbeitet werden, die Ausbildung muss besser werden (hier gilt es sich persönlich zu engagieren!). Und nicht zuletzt müssen wir selbst es organisieren, dass jeder potentielle Kunde zunächst einmal kompetent an die Hand genommen wird. Verständnis zu schaffen ist nämlich die beste Grundlage einer guten Beziehung.

Die Stern-Zahlen sind eine schöne Vision und hoffentlich keine Utopie. Der Weg dorthin ist lang.

»Wehret den Anfängen«, Schweiz?

Ralph du Carrois hat die Schweizer Flagge etwas umgestaltet. Er schreibt: »Bei dem Plakat das zum Bürgerentscheid zum Minarett-Verbot in der Schweiz hing wird einen bang ums Herz und das Grafikerhirn beginnt Analogien zu kreieren.« Er schuf eine grafische Interpretation, zu der ich gerne verlinke, die ich hier jedoch nicht zeigen möchte. Kommentare? Ja, gerne …

Design-Crowdsourcing: Schaden für die Volkswirtschaft?

volkssport_stapelkamp

Auf der Veranstaltung Volkssport Design (Berlin, Ende Oktober 2009, Fontblog berichtete) rechnete der Kölner Designexperte Prof. Torsten Stapelkamp dem Publikum vor, was es volkswirtschaftlich bedeutet, wenn sich mehrere Dutzend Designer auf Dienstleistungsportalen (z. B. designenlassen.de) »um einen Auftrag prügeln«.

In einem Kommentar zu Teil 2 Meiner Berichterstattung erläutert Prof. Stapelkamp die Kalkulation nochmals detailliert. Da ich das Rechenmodell für wichtig und diskussionswürdig halte, bestelle ich seinen Kommentar einfach mal in den Designdiskurs.

Dies ist Stapelkamps Berechnung zu einem durchschnittlichen Design-Crowdsourcing-Projekt, mit realistischen Vergütungszahlen, also Listenpreise statt Selbstausbeutung (70 €/h):

Aufwand für jeden beteiligten Kreativen: mind. 10 h
Erforderlicher Stundensatz zur Deckung aller Kosten: 70 €

Durchschnittliche Teilnehmerzahl/Projekt: 119
Durchschnitt. Umsatz/Projekt: 347 € (designenlassen.de: »Preisgeld«)
Gewinn nach Abzug aller Kosten: 0 €
Verlust pro Teilnahme: ca. 700 € (10 h x 70 €)
Anzahl derer mit Totalverlust: 118 Teilnehmer
Anzahl der ausgewählten Teilnehmer: 1 Teilnehmer
Verlust pro ausgewähltem Projekt: 353 € (= 700 € – 347 €)
Bei mehr als 10 h entsprechend höher.

Kalkulatorische kollektive Arbeitsleistung: 10 x 70 € x 119 = 83.300 €.
Volkswirtschaftlicher Schaden: 82.953 € (83.300 € – 347 €)

Um volkswirtschaftlich korrekt zu kalkulieren, sind zu den 82.953 € Schaden noch der Energieverbrauch/-verschwendung (Computer, Fahrzeuge, Büroheizung etc.) addieren.

Stapelkamps Fazit: »Durch designenlassen.de werden pro Projekt 119 Personen aktiviert, um Zeit, Energie und Ideenpotenzial für einen einzigen ›fiesen Möpp‹ zu vergeuden, der sich ein Logo, ein Corporate oder einen Internetseitenentwurf für durchschnittlich 347 € erschnorren möchte. Dabei entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von rund 83.000 €, zuzüglich der Energieverschwendung von 119 Personen/Computern/Fahrzeugen/Büros.«

Werbung heute, Werbung vor 30 Jahren

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Ein Video zum nahenden 3. Media Convergence Forum in New York (20., 21. Oktober 2009) erinnerte das katalanische Blog barcelonaschiringuito an die oben abgebildete Illustration  der Financial Times (©). Alle sprechen von der Verschmelzung der Medien … während sich die Anzahl der Kommunikationskanäle vervielfacht. Nur wenige Marken sind in der Lage, alle Medien zu bedienen. Fluch oder Segen? (via)

Studieren, arbeiten, spielen …

oder: Was taugt ein Bachelor-Abschluss im Design? von Jürgen Siebert

An den Designhochschulen beginnt in den nächsten Tagen das Wintersemester. Mancherorts ist es die letzte Möglichkeit, einen Diplomstudiengang zu beginnen, einige FHs dagegen entlassen bereits die ersten Bachelor-Absolventen.

arbeitszimmer_studentin

Bis 2010 müssen nach dem Bologna-Vertrag die neuen Studiengänge eigentlich Europa-weit eingeführt sein. Einige Kunsthochschulen sträuben sich jedoch bis heute. Sie vertreten die Meinung, dass man künstlerisch-gestalterische Praxis nicht im Rahmen von Modulen und Punktesystem im Schnelldurchlauf erwerben kann.
Mich würden Eure Erfahrungen als Absolventen, Arbeit-, bzw. Auftraggeber aus dem Designbereich interessieren.

Ist es möglich sich in (nur) drei Jahren umfassend auf die Tätigkeit als Gestalter vorzubereiten, wie es manche FHs in Deutschland anbieten? In den USA dauert ein BA-Design-Studium überraschenderweise meistens vier Jahre.

Fördert die neue Studienstruktur wirklich den internationalen Austausch? Oder sind die Studenten heute aufgrund der kürzeren Studienzeiten viel zu gehetzt und gestresst, um auch noch ein Semester ins Ausland zu gehen? Gibt es in Deutschland für ausländische Studenten genügend attraktive Studienangebote, z. B. Masterprogramme in englischer Sprache, wie etwa in den Niederlanden?

Als Außenstehender empfand ich es als überraschend schwierig, mich über die konkreten Inhalte der neuen Studiengänge im Internet zu informieren. Ich traf auf kompliziert aussehende Studienpläne und -ordnungen, kryptisch formulierte Ziele und »Kompetenzen künftiger Designer/innen«.

Was sollen sie können, die zukünftigen Absolventen eines Designstudiums und in welcher Form lernt man das am besten?

(Abbildung aus Study, Work, Play von Fancy @ ZOOM)

Obama-Logo-Streit in den USA

Health-Care-Logo vs Reichsadler

Auch in den USA werden Logos verrissen – aber auf ganz andere Art, als wir das hier im Fontblog gewöhnlich tun. Im Moment steht ein Signet aus dem Hause des Präsidenten unter Beschuss. Der US-amerikanischer Radiomoderator und Entertainer Rush Limbaugh hat mit seiner vorgestrigen Sendung für Empörung gesorgt. Er sieht in dem Mobilisierungslogo für das von Barack Obama mit großem Engagement vorangetriebene Gesundheitsprogramm eine Verwandtschaft zur Nazi-Symbolik: »Wenn Ihr das Obama-Health-Care-Logo genauer anschaut, werdet ihr feststellen, dass es verdammt dicht an einem Nazi-Hakenkreuz-Emblem dran ist.« Er spricht von einem »Vogel mit gespreizten Flügeln« (Aufzeichnung des Radiobeitrags).

Schon die undifferenzierte Beschreibung lässt darauf schließen, dass Limbaugh eher auf der Suche nach einem Sommerloch-Thema ist als über unredliches Design aufzuklären. Er kann weder das Symbol des Reichsadlers namentlich benennen, noch den Hermesstab (ein Stab mit 2 Flügeln, den 2 Schlangen mit einander zugewendeten Köpfen umschlingen – nicht zu verwechseln mit dem Äskulapstab), der in den USA von vielen medizinischen Einrichtungen als Kennzeichen eingesetzt wird.

Alda Ekberg von Associated Content ist der Ansicht, dass Limbaugh einen subtilen Vergleich konstruiert hat, um Mitglieder der Linken als Nazis bezeichnen zu können. »Mit anderen Worten: Er hat sein Allzeittief erreicht.« Der Daily News Blog schreibt: »Obamas Logo zeigt den Hermesstab, das ›Nazi-Hakenkreuz-Emblem‹ einen Adler. … So könnte man endlos weitermachen, um die falschen These Limbaughs zu entlarven. Unglaublich wie ignorant und kleingeistig manche Menschen sein können.«

Rush Limbaugh begann seine Radiosendung 1988 und wurde bald zur meist gehörten Talkshow in den USA. Er sieht sich als konservatives Gegengewicht zu den seiner Auffassung nach überwiegend liberalen Zeitungen und dem Fernsehen. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass Limbaugh den Vertrag mit seinem Arbeitgeber Premiere Radio Networks bis 2016 verlängert hat und dafür insgesamt mehr als vierhundert Millionen Dollar erhält. Nach den 12-Uhr-Nachrichten redet Limbaugh drei Stunden lang »vornehmlich über Politik, über die Welt, das Leben, gerne über sich selbst.« (FAZ).

Den oben rechts abgebildeten Reichsadler habe ich Wikipedia entnommen. Die Verwendung dieser Symbole in der Öffentlichkeit ist in der Bundesrepublik Deutschland verboten (§ 86a StGB). Die Strafbarkeit ist ausgeschlossen, wenn die Verwendung oder Verbreitung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient (§ 86 Abs. 3 StGB).

Offener Brief an www.designenlassen.de

Der Kölner Designer Stefan Maas (MAAS+CO), Mitglied der Allianz deutscher Designer, hat seinem Berufsverband und dem Fontblog heute morgen seinen offenen Brief an den Nürnberger »Marktplatz für Kreativdienstleistungen« www.designenlassen.de in Kopie überbracht, den ich hier gerne zur Diskussion stelle. (Abb: www.designenlassen.de)

Sehr geehrter Herr Kubens, sehr geehrter Herr Sobolewski,

auf diesem Wege muss ich Ihnen zu Ihrer Internetseite www.designenlassen.de. gratulieren. Ihr zweifellos kreatives und neuartiges Geschäftsmodell könnte tatsächlich eine neue Zeit in der Designbranche anbrechen lassen, allerdings meiner Meinung nach eher eine Endzeit. Das von Ihnen praktizierte Designverständnis wirft diesen Beruf in seiner öffentlichen Wahrnehmung locker um 20 Jahre zurück und ist Rufschädigung pur.

Schon der Name ist für einen potenziellen Auftraggeber wenig hilfreich. Jeder, der sich mit professioneller Gestaltung beschäftigt hat, weiß, dass Design eine sehr persönliche Dienstleistung ist. Das hat zur Folge, dass der „Maßanzug“ für den Auftraggeber nicht ohne dessen Mitwirkung entstehen kann. Wer glaubt, man könnte das Thema komplett delegieren oder mit Minimalbriefing als Lotterie ausschreiben, hat schlicht keine Ahnung und wird zu entsprechenden Ergebnissen kommen, die den Kunden selten begeistern.

Soviel zur fachlichen Seite. Mit Interesse lese ich weiterhin auf der Startseite Ihres Projekts, dass sich am 16. Mai 2009 um 18:00 Uhr 1.664 Designer um 43 Projekte mit einem Gesamtbudget von 15.190,00 € balgen. Rechts daneben erfahre ich, dass die in der Liste aufgeführten Projekte ein durchschnittliches Budget von ca. 350,00 € aufweisen. Wie man von solchen „Preisgeldern“ als Designer existieren soll, bleibt unklar. Wenn ich die oben genannten Zahlen zum Beispiel mit den Honorarempfehlungen der Berufsverbände vergleiche, dann wird deutlich, dass es sich hier um den Sachverhalt der „Liebhaberei“ handelt, wie es das Finanzamt ausdrücken würde. Das erinnert mich an eine Denkweise, die man in der Praxis bei Unternehmen ohne Designvorkenntnisse leider manchmal antreffen kann: sollen die Designer doch froh sein, dass sie was Kreatives machen dürfen; aber dann auch noch Geld verdienen; das muss doch nicht sein. So oder so ähnlich lautet zusammenfassend Ihre Botschaft an potenzielle Auftraggeber.

Insofern ist der Name Ihres Projekts treffend: designen lassen; lassen Sie das mit dem Design doch einfach sein. Solange Sie Geld damit verdienen, dass Designer sich für ein Taschengeld um Jobs balgen, kann Ihnen das natürlich egal sein, solange Ihr Geschäftsmodell funktioniert.

Diejenigen, die sich auf Ihr Angebot einlassen, kann man nur bedauern. Sie brauchen dringend einen Grundkurs in kaufmännischem Denken und werden wohl demnächst ein Fall für Hartz 4 oder 5 sein. Es ist durchaus beeindruckend zu sehen, dass man mit den heutigen Marketingmitteln sogar moderne Formen von Sklaverei so schick verpacken kann, dass sie attraktiv wirken. Und man bekommt sogar Förderpreise für diesen Unfug.

Beste Grüße

Stefan Maas, Dipl. Des. AGD

»Krieg der Zeichen« — Eine Leserkritik …

… als Antwort auf die Kritikerkritik »Stadtgespräche«
von Friedrich Grögel

Dieses Buch stinkt. Ich weiß nicht, woher das genau kommt, aber es kam mir schon öfter unter: manche aktuellen Drucksachen überraschen einen beim Auspacken als erstes durch einen unangenehmen, beißenden, chemischen Geruch.

Dieser erste Kontakt verstimmt das Gemüt, zumal ein Klebchen auf der Schutzfolie stolz »printed in Germany with Love« verkündete. Doch auch der zweite Eindruck, der haptische, ist keineswegs erfreulich. Das Hochglanz-Plaste-Hardcover wirkt wie von einem Billigverlag à la »Buchclub« und nicht wie eine Herzensangelegenheit des wichtigsten deutschsprachigen Verlags für Grafik und Typografie.

Da ich auf den Inhalt äußerst gespannt war, hatte ich leider keine Zeit, das Buch auslüften zu lassen und unterwarf mich für eineinhalb Tage den schalen Ausdünstungen der 288 Seiten.

Palms, USA

Das erste deutschsprachige Textbuch zur grafischen Kultur des öffentlichen Raums

In »Krieg der Zeichen – Spurenlesen im urbanen Raum« geht es darum, die grafischen und schriftlichen Phänomene der Stadt in eine Ordnung zu bringen, zu erläutern und zu interpretieren. Dabei greift Markus Hanzer auf eine überbordende Fülle von Beispielen zurück, die er fotografisch dokumentiert hat. Das Bildmaterial stammt überwiegend aus europäischen Straßen: aus Österreich (der Heimat des Autors), Deutschland, der Schweiz, Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Irland, Norwegen, Italien, Ungarn, Kroatien, Griechenland, und Malta. Viele Fotos sind ebenfalls in den USA aufgenommen. Für Südamerika stehen Vertreter aus Brasilien und Argentinien. Bilder aus der Türkei, Indien, Sri Lanka, Kamboscha, Thailand und Vietnam spielen eine untergeordnete Rolle. Der abgedeckte Schriftraum kann letztlich mit der Sphäre des Lateinischen Alphabets gleichgesetzt werden.

Das Thema ist sicherlich »Special Interest« und nicht für jeden etwas. Andererseits liegt »Schrift im öffentlichen Raum« bereits seit Jahren in der Luft und eine textreiche, inhaltliche Auseinandersetzung stand nach einer großen Zahl kleiner Veröffentlichungen im Sinne von Fotoalben und Kuriosa-Sammlungen auf der Tagesordnung. Das wachsende Interesse ist auch durch die enorme Zahl von Blogs und Websites zum Thema belegt, ebenso wie durch den grafischen Trend zum Hand-made der letzten Jahre und die rasant wachsende Anzahl von Fonts auf der Basis von Handschriftlichkeit, Schriftmalerei und Lettering.

Im deutschsprachigen Raum war ein Werk überfällig, das für sich beansprucht, einen Überblick über die visuelle Kultur des öffentlichen Raums zu geben. Interessierte mussten bisher auf englischsprachige Veröffentlichungen zurückgreifen, etwa auf »Signs – Lettering in the Environment« von Phil Baines und Catherine Dixon oder auch die älteren, zu Unrecht wenig bekannten Standardwerke von Alan Bartram und Nicolete Gray.

Die Stadt als Schauplatz eines andauernden Krieges

»Krieg der Zeichen« von Markus Hanzer geht von einem gewalttätigen Bild aus, das im Großen und Ganzen über das ganze Buch hinweg durchgehalten wird : »Dieses Buch versteht sich als Bericht von der Front eines Kriegs der Zeichen und versucht, Beweggründe und Methoden zu beschreiben, die im Kampf um Aufmerksamkeit sichtbar werden. Es erzählt von kleinen Grabenkämpfen und großen Schlachten, von Guerilla-Taktiken, von Siegern und Verlierern.« Der gewählte Vergleich zum Krieg liefert in der Folge viele sprachliche Bilder für Kapitel- und Seitenüberschriften. So handelt etwa der erste Teil von »Kriegsparteien und Waffengattungen«.

Was unter Waffengattungen zu verstehen ist, begreift man, wenn man die ersten drei Doppelseiten gelesen hat und sich bewusst geworden ist, dass man den Schlüsselbegriff des Abschnitts besser im ersten Absatz sucht als in den Überschriften. Diese neigen leider dazu, durch die Versteigung in eine Metaebene den Gliederungspunkt zu verbergen, statt ihn zu präsentieren. Letztlich ist das erste Kapitel eine kleine Mediengeschichte von der Grab- und Monumentinschrift über das Papiergeld, den Brief, das Buch, die Zeitung und das Plakat zum Kino, Fernsprecher, Fernsehen und Internet. Dabei bilden die im öffentlichen Raum fotografierten Zeichen lediglich die Folie für einen kritischen Mediendiskurs, der, geschult an Naomi Klein (»No Logo! – Der Kampf der Global Players um Marktmacht«, zu finden in Hanzers Literaturanhang), die Welt der öffentlichen Zeichen überwiegend als illegitime Versuche der Fremdsteuerung des Individuums durch staatliche und wirtschaftliche Mächte darstellt.

Auf die grafische Beschaffenheit, Gestaltungsprinzipien und Kontexte dieser Zeichen wird nicht eingegangen. Bereits hier fragt sich der Leser, ob ein gestaltungsfeindlicher Soziologe oder ein praktizierender Designer zu ihm spricht. Ein Kulturwissenschaftler kann es nicht sein, da die Präsentation der Medien weder Bezug nimmt auf die historische und technikgeschichtliche Situation ihrer Entstehung, noch auf die kulturellen Effekte, die die Medien zeitigten: etwa auf die Ausstellung der Gesetze in der Griechischen Polis, die Kultur des Flugblatts in der Reformation oder die Briefkorrespondenzen des 18. Jahrhunderts.

Die Zeichen werden aus einem einzigen, zeitgenössischen und eindimensional-konsumkritischen Blickwinkel gelesen und interpretiert.

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Verschiedene Versuche, Ordnung zu schaffen

Im zweiten Teil wird das Material nicht nach Medien, sondern nach formal-stilistischen Kriterien und Techniken geordnet. Vom Disloziert-Poetischen über das Individualistisch-Handschriftliche zum Standardisierten, vom Offiziellen über das Kommerzielle zum Persönlichen, vom Teuren zum Billigen, vom Handwerklichen zum Industriellen, vom Verwurzelten zum Globalisierten. Wird in diesem Teil die Organisation des Materials interessanter, so gilt dies leider nicht für die Entwicklung der textlichen Ebene, die all zu oft auf beschreibendem Niveau verharrt oder sich in Allgemeinplätzen ergeht. Dies ist um so bedauerlicher, als die Überschrift dieses zweiten Teils verspricht, zu erklären, »Wodurch Zeichen ihre Macht ausüben«. Diese Frage bleibt im ganzen Buch unbeantwortet.

Im dritten Teil widmet sich der Autor dem »Kampf der Kulturen«. Auf Bildebene werden (hauptsächlich) Südfrankreich, San Diego und Amsterdam in die Schlacht geschickt. Auf der Textebene erfahren wir aber nichts über konkrete lokale Differenzen der Zeichenqualitäten sondern werden mit der Existenz von Mechanismen und konsensfähigen Regeln der individuellen geschmacklichen Exponierung, mit visueller Integration und postkolonialer Patchwork-Identität, mit Authentitizität und dem Auslagern von Botschaften an übergeordnete gesellschaftliche Instanzen konfrontiert, die, wie so vieles, nicht besprochen, sondern lediglich zur Sprache gebracht werden.

Der vierte Teil »Historische Dimensionen« vereint ein Potpourri von Aspekten in sich, die man grob unter das Thema Zeit stellen kann. Das betrifft öffentliche Gedenkinschriften (verknüpft mit der Frage nach der Interpretationshoheit über Geschichte), Jahreszahlen an Fassaden, das Anbringen von öffentlichen Uhren (mit dem Zweck, den Einzelnen besser zu kontrollieren und ohne die Erwähnung der Begeisterung für Mechanik im Barock) und Schriftformen, die zeitlich und stilistisch Epochen zugeordnet werden können (Fraktur, »Westernschriften«). Ebenfalls hier einsortiert werden die Überlagerung von Schichten, der Zerfall, die Wegwerfgesellschaft und der Dreck. Einen inhaltlichen Zusammenhalt über das Oberthema Zeit hinaus gibt es nicht, ebensowenig wie die Möglichkeit, das Säbelrasseln des Titels in diesem Kapitel ins Bild zu schmuggeln.

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Ausweitung der Kampfzone

Der fünfte Teil »Raumordnung und Schlachtfelder« holt uns ins Kriegsgeschehen zurück. Es wird überwacht, verboten und begrenzt. Infrastruktur ergänzt Hierarchie und der Einzelne ist erneut gefangen zwischen den Fronten. Ein falscher Schritt und es droht Versorgungsentzug, Ausgrenzung oder Genickschuss.

Fühlen wir uns bereits gegängelt, abhängig und permanent geblendet, gibt uns nun der sechste Teil »Kampf um Kunden« den Rest. Auf beachtlichen 40 Seiten werden wir mit mannigfaltigen Möglichkeiten konfrontiert, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir sind schwach, wir werden verlockt, von Werbung bedrängt und umzingelt, suchen Zuflucht in vertrauten Qualitäten (die alten, guten!), dann wieder mit Fastfood gequält, in Hotels eingelagert, zu Fitness, Beauty und Lifestyle genötigt, von Marken angefixt und ausgesaugt, um schließlich in den Schlund einer Unterhaltungsindustrie gestoßen zu werden, in der wir so lange Konsumkarussel fahren bis wir uns übergeben und endlich einschlafen, aber natürlich erst, nachdem wir so richtig schön im Puff waren. Das auffälligste an diesem Kapitel ist sicher, dass vier Doppelseiten Las Vegas gewidmet sind, dem Herz der Finsternis, der Epigone des Kampfes der Industrie gegen das Indiviuum. Es bleibt die Frage, warum Menschen wie du und ich täglich mit unseren Füßen für die Erhaltung dieses Systems abstimmen. Und warum der Autor Mitinhaber einer Agentur ist.

Es folgen zwei Teile zu Informationssystemen und Kollektivem Gedächtnis, deren Tenor einmal mehr lautet: Misstraue den Botschaften, denn oft sind sie böse. Misstraue den Institutionen, denn die wenigsten sind legitimiert.

Interessant wird es dann von Seite 234 bis Seite 245, auf denen es um die »Verteidigung privater Positionen« geht, nämlich um Graffiti und Streetart. Hier wird der Basso continuo des asymmetrischen Kriegs im öffentlichen Raum endlich einmal leiser und die Sympathie des Autors für das Eingreifen des Andersdenkenden im Geschrei der Zeichen bricht sich Bahn. Was für eine Wohltat!

Ein bisschen Frieden

Zum Ende des Buches wird der Ton versöhnlich, Zeichen der Vermittlung, des Ausgleichs, des Leben-und-Lebenlassens werden gesucht. Zeichen der Gemeinschaft, der Waffenruhe, des Friedens gar. Hier nun wird die Qualität der öffentlichen Zeichen auf den Punkt gebracht: »Wo es gelingt, Auseinandersetzungen auf eine Zeichenebene zu übertragen, müssen wir uns nicht mehr direkt die Schädel einschlagen.« Das Kriegsgeschrei der Zeichen, das uns über 250 Seiten Angst einflößte, bekommt jetzt eine positive Bedeutung. Das kommt einigermaßen überraschend. Dankbar ist man trotzdem.

Im Schlusskapitel »Optische Heimat« verheißen die Bilder (aus Frankreich, Brasilien und Thailand) eine Reflexion über visuelle Identitäten in Zeiten offener Grenzen für Waren und (viele) Menschen. Leider erfüllt sich diese Erwartung nicht. Stattdessen wird resümiert, dass die Stadt ein Spiegel gesellschaftlicher Konflikte ist, festgehalten, dass jede Gruppe einer Stadt ihre Zeichen setzen können muss, um sich akzeptiert zu fühlen, unterstellt, dass multinationale Konzerne Vielfalt als Markthindernis sehen, repetiert, dass das Internet die Welt kleiner gemacht hat und territoriale Grenzen an Bedeutung verloren haben. Aber letztlich werden wir »nur im urbanen Raum […] weiterhin mit verschiedenen Zeiten, Kulturen und Zivilsationen konfrontiert«. Schade, dass genau diese Konfrontation weder aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben, noch im Kontext städtischer Räume analysiert wird.

San Francisco

Wo ist die Stadt?

In »Krieg der Zeichen – Spurenlesen im urbanen Raum« verfolgt Markus Hanzer mitnichten die Spuren der Zeichen im öffentlichen Raum, sondern einen gesellschafts- und medienkritischen Diskurs, den man als »konsumkritischen Mainstream« bezeichnen könnte. Die gefundenen Zeichen entwickeln kein System aus sich selbst, sondern werden in ein Wahrnehmungs- und Interpretationssystem eingefügt, in dem die Erscheinung lediglich als Sprungbrett für einen Text dient, der dem eingangs gesetzten Bild von Krieg und Kampf unterworfen ist. Die formalisierte Konzeption in Doppelseiten führt zu erheblichen inhaltlichen Redundanzen und Allgemeinplätzen.

Diese drei Faktoren – Degradierung der Zeichen zu Anlässen, formalisierte Konzeption, sowie Unterwerfung der Betrachtung unter ein negatives Leitbild – führen dazu, dass der viele Text zu einer Bürde wird, die dem Betrachter des vielschichtigen und hervorragend ins Bild gesetzten Materials auferlegt wird. In Anbetracht von Umfang und Geruch des Buches ist diese Last groß.

Auch sehnt man sich nach der Lebendigkeit, der Kreativität der Stadt, der positiven Deutung der Stadt als Ort der Wahl, der Verwirklichung, der übersprudelnden Kraft. Wo ist das Vibrieren New Yorks, das Fragmentarische Berlins, das Strahlende von Paris? Das Selbstbewusstsein Lissabons, das Morbide Barcelonas, die Langeweile LAs? Wo ist die Begegnung der Polis, die Befreiung der Republik? Wo ist die Verneigung vor guter Gestaltung, grandioser Inszenierung, handwerklicher Brillianz? Wo ist die Freude, die Lust am Leben, das Prickeln, das Abenteuer? Wo ist die Stadt?

Fotos: Friedrich Grögel

»Krieg der Zeichen: Spurenlesen im urbanen Raum« von Markus Hanzer, Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2009; 288 reich bebilderte Seiten, 39,80 Euro (FontShop-Link)

Retrodesign: das Buch und ein erhellendes Gespräch

Kein Buch beschäftigte mich in den letzten Tagen mehr als Retrodesign Stylelab von Achim Böhmer und Sara Hausmann. »Retrodesign ist Zukunft« lautet ein Zitat, das mich beim Blättern auf der ersten Doppelseite herausfordert. In diesem kurzen Satz steckt das Geheimnis von Retrodesign, was ich allerdings erst nach 300 Seiten begreife. Dazwischen lerne ich, dass ich eine viel zu enge Sichtweise des Begriffs im Kopf hatte. Retrodesign ist mehr, als Nostalgie, Kopiererei oder Rückbesinnung (tatsächlich ist es das genau Gegenteil von alledem, doch dazu später mehr). Retrodesign ist eine eigene, die Stilepochen begleitende Periode. Retrodesign hört nie auf, ist immer da.

Das Buch von Böhmer/Hausmann ist Nachschlagewerk, Geschichtsbuch und Denkanstoß in einem. Es ist vorzüglich recherchiert – natürlich wunderbar gestaltet – und gliedert sich in 3 methodische Teile: Gegenüberstellung, Charakteristik und Zeitimpuls. In allen 3 Teilen werden die folgenden Designstile durchdekliniert: Dekonstruktivismus, Postmoderne, Punk, Pop, Space Age, Organisches Design, Schweizer Schule, Art déco, Konstruktivismus, Dada, Plakatstil, Art Nouveau, Japonismus, Arts & Crafts, Historismus, Klassizismus, Rokoko/Barock, Renaissance.

Durch die Gegenüberstellungen faszinierender Designentwürfe der Retro-Avantgarde mit Designklassikern sowie einem tiefen Einblick in die Charakteristika der Gestaltungsstile, öffneten sich mir die Augen für neue innovative Designentwicklungen. Weil darüber hinaus die entscheidenden Impulse für das Entstehen wichtiger Designströmungen beleuchtet werden, schließen sich in meinem Gehirn Trends und Stränge, die bisher unnötigerweise getrennt voneinander existierten. Dieses Buch versetzte mich in die Lage, Retrodesign als anspruchsvolle Sprache intelligenten Designs zu erkennen. Wenn Designer es lesen, werden sie diese Erkenntnis in ihrer Praxis gezielt einsetzen können.

Als ich das Buch durchgearbeitet hatte, war ich aufgewühlt. Ich musste mit jemandem reden. Zum Glück ermutigte mich die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs dazu mit den beiden Autoren höchstpersönlich zu reden, was Anfang dieser Woche gelang. So entstand das folgende Interview … gleich nach der Werbung.

Achim Böhme, Sara Hausmann: Retrodesign Stylelab, Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2009, 25,5 x 29 cm, geprägter Kunstledereinband, Buchblock im Tampondruck allseitig bedruckt, 318 Seiten mit über 800 farbigen Abbildungen, 89 € (versandkostenfrei bei FontShop bestellen).

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Die Zukunft des Designers, aus Sicht der SPD