— Designdiskurs —


Braucht die Welt einen »Made in Berlin«-Stempel?

Was soll man auf eine solche Frage anderes antworten, als: Natürlich nicht! Was braucht die Welt überhaupt? Sicher keinen Sack Reis, der in China umfällt. Viele 1000 Säcke Reis …unbedingt … zur Verfügung gestellt von wohlhabenden Erzeugern für rund 900 Millionen hungernde Menschen auf diesem Planeten.
  
Wenn das nur so leicht zu realisieren wäre, wie es ausgesprochen ist.

Bleiben wir beim Thema dieses Blogs, der visuellen Kommunikation. Gütesiegel, Herkunftsbezeichnungen, Testplaketten, Markenzeichen … es gab noch nie so viele davon wie heute. Zuletzt berichtete ich hier im Blog unter anderem über den Blauen Engel, das neue Stiftung-Warentest-Abzeichen, das Bio-Logo der EU, das EU-Sicherheitslogo für Versandapotheken, ein Siegel für Bio-Mineralwasser, das HTML-5-Logo oder das neue Logo Stiftung Preußischer Kulturbesitz – selbst das deutsche Ei hat seit wenigen Tagen ein Logo. Dazwischen ging es immer wieder mal um Standort-Werbung, für Cottbus, das Ruhrgebiet, die Region Stuttgart, Olympiabewerber und natürlich Be Berlin.

Herkunftslogos verkleistern. Wenn das Image einer Stadt für Produkte oder Dienstleistungen positiv verankert ist, reicht ihr Name als Qualitätsmerkmal. Ein Start-up mit dem Ortsnamen San Francisco in der Adresse steht positiver da als eines aus Hamburg. Einer Zeitschrift aus Hamburg unterstellen Leser eine professionellere Qualität als einer aus Dortmund. Dortmunder Bier muss besser schmecken als Leipziger Bier. Aber Bücher aus Leipzig sind ordentlicher gesetzt und gedruckt als Bücher aus Düsseldorf. Das ist alles so wahr wie falsch … aber die menschliche Beurteilung basiert nun mal auf Urteil und Vorurteil.

Der Berliner ist dafür bekannt, das er vor Großmauligkeit kaum laufen kann. Seitdem die Spreemetropole wieder Hauptstadt ist, steht die Größenwahnsinnsampel auf grün, grüner geht’s nicht. Seit einigen Jahren lieben uns auch noch die Touristen …  Kunst, Design und Mode feiern sich pausenlos in Berlin … seit Montag sendet auch noch Thomas Gottschalk täglich live vom Gendarmenmarkt … wo soll das noch hinführen. Zu weniger Schulden? Die Stadt ist sexy, aber arm. Können Logos daran was ändern? Das lokale Weblog techberlin glaubt: Ja. Und so rief es im November 2011 zur Findung eines Made-In-Berlin-Badge auf, ein Abzeichen, mit dem sich Start-ups zukünftig schmücken sollen, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark (und locken die kalifornischen Investoren in unsere Büros).

Das »offizielle« Made-in-Berlin-Signet, Platz 1 beim techberlin-Wettbewerb

Nun steht der Sieger fest (Abb. oben), gewählt von der Leserschaft, was nicht immer die beste Wahl garantiert. Mir gefällt Platz 3 viel besser (Abb. ganz oben), nicht nur weil er die Schrift FF Ernestine enthält und aus der Feder unserer Freundin Nadine Roßa stammt … das Signet bringt genau die Portion Ironie (und Sympathie) mit, die es für die Einführung und Akzeptanz eines solchen Siegels braucht. Misslingt das Experiment, war‘s wenigstens ein schöner Versuch – schön im Sinne von ästhetisch.

»Gibt es nicht schon genug Schriften…?« oder:

Warum wir in die Zukunft der Typografie investieren müssen

von Matthew Butterick

[Dieser Beitrag wurde heute morgen im Fontfeed in englischer Sprache veröffentlicht. Ich freue mich, dass ich ihn übersetzen und hier veröffentlichen darf – als letzter Designdiskurs des Jahres. Sein Autor Matthew Butterick ist Sprecher der TYPO Berlin im Mai 2012.]

Es ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage an Schriftentwerfer … die sie gleichzeitig verärgert, weil sie unterstellt, dass ihr Job überflüssig oder nutzlos sei: »Gibt es nicht schon genug Schriften?« Ich selbst bekam sie zum ersten Mal vor 20 Jahre gestellt. Damals empfand ich sie absurd. Das Schriftsetzen befand sich gerade auf dem Weg in die Desktop-Publshing-Ära. Genug Schriften? Wir hatten kaum welche. (weiterlesen …)

Deutsches Design Museum in Berlin?

Der Rat für Formgebung (Frankfurt am Main) hat Künstler, Galeristen, Designer, Museumsleiter und Ausstellungsmacher, Journalisten und Hochschullehrer gebeten, über die Gründung eines Design-Museums zu diskutieren. Auf der Website www.deutschesdesignmuseum.de sind plakative Thesen zu dieser Idee veröffentlicht. Sie sollen eine »ergebnisoffene Debatte« anstoßen. Bitte beteiligen Sie sich dort … und hier im Fontblog.

Stellvertretend 5 von 13 Thesen:

  • Man kann heute nicht mehr nur Stühlchen ins Museum stellen. Wir müssen über den Designbegriff reden.
    Volker Albus
  • Viele Museen für Design sind wie Gräber. Aber Design ist etwas Lebendiges. Hans-Peter Jochum
  • Gesellschaftliche Entwicklungen ragen in Kunst und Design hinein. Dieses Verhältnis muss auf nicht reduktionistische Weise erforscht werden. Isabelle Graw
  • Wäre es nicht befreiend, auf eine Sammlung zu verzichten? Andreas Murkudis
  • Design ist das denkbar populärste Thema. Ulf Poschardt

Das eBook wird uns lange begleiten

Eine Erwiderung von Martin Holland

Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle die wunderschöne App des SZ-Magazins gelobt und eBooks wurden in einem zugehörigen Artikel als »Zwischending« bezeichnet, die von bald Apps abgelöst würden. Dem möchte ich an dieser Stelle widersprechen, anhand eines eigenen Beispiels.

Zunächst aber kurz zu mir: Ich arbeite für das Augsburger Redaktionsbüro Contentplus Communications und wir haben Anfang September den „Contentplus City Guide Augsburg“ veröffentlicht, für dessen technische Umsetzung ich zuständig war. Es gibt ihn als ePUB bei iBooks oder ePubli und als leicht angepasste Kindle-Version.

Aber genug der Werbung: Ich schreibe hier, weil ich weiß, dass ein gut gemachtes und durchdachtes eBook all die Vorteile bietet, die Jürgen Siebert der App des SZ-Magazins anrechnet. Gleichzeitig leidet es nicht unter dem gravierenden Nachteil, dass es an ein bestimmtes Gerät oder Betriebssystem gebunden ist:

In einem ePUB (dem Standard schlechthin, der nur von dem in dieser Beziehung antiquierten Kindle nicht angezeigt wird) kann die Bildgeschichte aus »Sagen Sie jetzt nichts« genauso spannend inszeniert werden wie in der App. Auch eingebettete Videos sind möglich, werden aber bislang nur in iBooks wiedergegeben. Genauso kann Axel Hacke per integrierter Audiodatei in einem eBook seine Kolumne selbst vortragen. Noch hat iBooks bei der Unterstützung des ePUB-Standards einen immensen Vorsprung, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis ähnlich gute Programme für Android etc. erscheinen. Spätestens dann können ePUBs den großen Vorteil, auf jeder Plattform zu funktionieren, vollständig ausspielen.

Die Vorteile des Schriftenlexikons als App wiegen schon deutlich schwerer. Vor allem mit der typografischen Darstellung tun sich einige Reader nämlich noch immer viel zu schwer. Verschiedene Programme (wie Adobe Digital Editions für PC und Mac oder Aldiko für Android) sind aber bereits heute fähig, eingebettete Schriftarten anzuzeigen, wie im Standard gefordert. Ausgerechnet iBooks lässt das aber noch nicht zu. Auch hier bin ich aber der festen Überzeugung, dass es bald Programme für alle Plattformen gibt, die das unterstützen.

Bis auf die leider noch aktuellen Probleme hinsichtlich der korrekten Anzeige, die aber, und das ist wichtig, bei eBooks nicht systembedingt sind, hat eine App also keine für immer währenden Vorteile. Dafür gibt es aber schwerwiegende Nachteile, die in der Natur einer App wurzeln: Eine App wird immer nur für ein bestimmtes Betriebssystem erstellt und erreicht so nur einen Teil des Marktes. Außerdem ist sie in der Produktion wesentlich teurer als ein ePUB. Daneben ist auch nie gesichert, dass die App ein Update des zugehörigen Betriebssystems, geschweige denn den Wechsel auf ein Nachfolgegerät mitmacht.

ePUBs dagegen sind leicht zu erstellen (ich habe dafür das kostenlose Programm Sigil benutzt), komplett durchsuchbar und offen für künftige Innovationen wie beispielsweise Vorlesefunktionen. Sie können bereits jetzt auf vielen Geräten geöffnet werden, wenn auch mit den erwähnten Einschränkungen hinsichtlich der Anzeige. Ich muss natürlich eingestehen, dass heute noch einige Anstrengungen nötig sind, um ein eBook so zu erstellen, dass es in iBooks, in Aldiko für Android und auf dem Kindle gut aussieht. Auf dem PC liefern das Firefox-Plugin EPUB-Reader, der Sony Reader, oder das bereits etwas ältere Adobe Digital Editions dann aber bereits die erwarteten Resultate.

Gerne möchte ich jetzt auch noch kurz auf unser eigenes ePUB eingehen, auch weil es rein technisch meines Wissens wenig Konkurrenz gibt. Bislang beschränken sich die meisten eBooks auf wenige Designelemente, ohne dass die bereits bestehenden Möglichkeiten ausgenutzt werden, geschweige denn etwas neues probiert wird

Beim »Contentplus City Guide Augsbug« haben wir uns entschieden, eine möglichst große Reichweite zu erzielen. Auch deswegen gibt es noch keine multimedialen Inhalte. Unser Ziel war es, einen Reiseführer im anspruchsvollen Layout zu erstellen, der vor allem auf dem iPad das Gefühl vermittelt, ein wirkliches Buch in den Händen zu halten. Probleme, die bei der Erstellung aufgetaucht sind, hatten fast ausnahmslos damit zu tun, dass iBooks die Standards größtenteils einhält, Adobe Digital Editions, auf dem die Android-App Aldiko basiert, aber nur partiell oder fehlerhaft. So wurden zum Beispiel hochformatige Bilder auf dem quer gehaltenen Smartphone abgeschnitten. Für die Kindle-Version habe ich keine Möglichkeit gefunden, die kleinen Icons einzubauen und auch die Unterstützung der entsprechenden ASCII-Symbole folgt keiner Logik, war also nicht hilfreich. Mitwachsende Icons gibt es deswegen nur im ePUB.

Ein anderes Problem waren die »Hurenkinder« und »Schusterjungen«, die noch immer auf einigen Geräten auftauchen. Im integrierten CSS steht der entsprechende Befehl für ihre Vermeidung und wird hoffentlich bald überall umgesetzt. Prinzipiell nur in iBooks problematisch war wiederum die Farbe von Verweisen, deren Anpassung Apple noch verhindert. Sobald das aber mit einem Update behoben ist, wird die bereits eingebaute, dezentere Farbgebung auch angezeigt. Die eingebauten Karten kann man derzeit nur in iBooks auf 200 % vergrößern. In allen Versionen ist aber das hochaufgelöste Bild eingebaut. Auch dieses Feature wartet also noch auf die allgemeine Umsetzung des Standards.

Das sind verschiedene technische Probleme, auf die ich im Lauf der Arbeit gestoßen bin. Sie hatten aber fast ausschließlich damit zu tun, dass das ePUB auch auf anderen Geräten so aussehen sollte wie in iBooks. Für Bücher, die nur aus Text bestehen, gibt es diese Einschränkungen bei der Anzeige nicht und hier werden die Vorzüge der größeren Reichweite überdeutlich. Da sie nicht unter den Anzeigeproblemen leiden und die Reader zum Lesen sowieso ungeschlagen sind, profitieren heute also ganz besonders Romane von den ungezählten Readern/Programmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das gleiche bald auch für layoutlastigere Bücher gilt und eBooks ihren festen Platz in unserem Leben einnehmen werden.

Gute Typografie, jetzt (5): Du-mich-auch-Typografie

Gestern Abend feierte das Some Magazine seine neueste Ausgabe in der Berliner VUP Lounge (HBC). Die Zeitschrift verortet sich selbst »irgendwo zwischen Design und Kunst« (aus der Einladung). Sie wird von Studenten (Markus Postrach, Markus Lange, Falko Walter) an der Kunthochschule Burg Giebichenstein in Halle bei Professor Sven Voelker produziert. Dieser saß auch gestern als einer von drei Diskutanten auf dem Podium, neben dem Designer, Journalist und Moderator Maximilian Dax und Erik Spiekermann. Das Trio sprach über die Herstellung des Magazins, über Berufszwänge, den Luxus des studentischen Treibenlassens, lebensgefährlich-falsche Beschilderungen an Flughäfen und Typografie. Da wurde es dann spannend für mich.

Es gäbe zu viele Schriften, hieß es einmal. Früher hat Spiekermann dieser These widersprochen, mit dem Konter, es könne nie genug Musik oder Weine geben … jeder solle etwas für seinen Geschmack passendes finden. Gestern schwieg er. Sven Völker brüstet sich des weiteren damit, dass er eigentlich kaum Schriften kenne außer Arial, Helvetica und Akzidenz Grotesk … aber eigentlich Arial die beste sei und für alle Zwecke ausreiche. Auch hier kein Mucks von Spiekermann, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über Arial zu lästern. Man kann sie ja durchaus mögen und als selig machend preisen. Ich hoffe nur, dass diese steile These nicht in Halle gelehrt wird.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass Voelker viel mehr Künstler als Designer ist. Als Künstler darf ich mit gutem Recht darauf bestehen, Musikstücke zu komponieren, die aus nur einem Ton bestehen, oder Bilder mit nur einer Farbe malen oder ein Magazin herausgeben, das aus Arial gesetzt ist. Allerdings ist Typografie keine Kunst, sondern eine Dienstleistung. Der Unterschied besteht darin, dass ich als Editorial Designer das Lesen meines Magazins so angenehm wie möglich machen möchte. Das ist der Auftrag, den ich von den Autoren meines Magazins bekommen habe, denn sie möchten, dass ihre Texte gelesen werden.

Mehrmals im Monat landen Hefte auf meinem Schreibtisch, oft voluminöse, die ich hier mal als »Kunst-Magazine« bezeichnen möchte. Damit meine ich aber nicht so etwas wie art, aus dem Hause Gruner + Jahr, sondern Zeitschriften, die von Künstlern gemacht werden und nicht von Dienstleistern. Da diese Sorte Zeitschriften kein neues Phänomen sind, habe ich mir schon vor Jahren einen Schnelltest zur ersten Begutachtung angewöhnt, unter Zuhilfenahme aller Sinne. Ich rieche, höre, fühle und schaue auf solche Druckwerke, indem ich sie einmal von vorne und einmal von hinten mit dem Daumen durch scanne. Das dauert rund 5 Sekunden. Bleibe ich hängen, wird es eine Abendlektüre, bleibt nix hängen, landet es im Papierkorb. Früher habe ich statt des Papierkorbes einen Stapel aufgehäuft, der dann nach 2 Jahren im Papierkorb landete. Andere Menschen legen sich solche Magazine auf den Tisch (Coffee-table-Literatur) und warten … oft mehrere Wochen. Nur eines geschieht nicht: Dass sie noch mal reinschauen. Dies kann an den Fotos liegen (nicht meine Disziplin) oder an der Typografie. Diese ist meine Metier. Ich nenne die nicht dem Lesen verpflichtete Textgestaltung auch gerne Du-mich-auch-Typografie.

PS: Um Missverständnissen vorzubeugen. Das Some-Magazin (und viele vergleichbare) sind wunderbare Projekte und ich freue mich, dass Designhochschulen in diesem Land die technischen Möglichkeiten und die Sponsoren haben, auf professionellen Niveau Zeitschriften zu produzieren. Das war vor 20 Jahren undenkbar. Doch die Studierenden sollten wissen, dass sie solche Magazin überwiegend für sich selbst und die eigene Fortbildung erstellen, so wie Maler ihre Skizzen und Architekten ihre Modelle. Nur weil es zum Wesen einer Drucksache gehört, dass sie in mehreren tausend Exemplaren entsteht, heißt das nicht automatisch, dass diese bei jedem Empfänger einen sofortigen Lesereflex auslöst. Das sollte man wissen, als Jungredakteur, um nicht enttäuscht zu sein, wenn die Leserschaft ausbleibt. Besonders freut es mich auch, dass die Einladung zu der Veranstaltung (siehe oben) und auch Some #3 nicht in Arial gesetzt sind.

Gute Typografie, jetzt (3): kostenlose Lehrmittel

Dass schlechte Typografie teurer und zeitraubender ist als gute Typografie, haben wir in der Diskussion um die »Fahrschule Edelweiß« gelernt: Ronald W. ist sauer auf uns Typografen. Überaus erfreulich ist darüber hinaus, dass es jede Menge kostenloses Lehrmaterial gibt, um gute Typografie zu lernen und umgehend zu praktizieren.

Ein Klassiker ist das 15-seitige PDF Typokurz von Christoph Bier. Das Papier liefert den schnellsten Überblick zu elementaren (mikro)typografischen Regeln, die der Leserlichkeit eines Textes dienen. Sie alle lassen sich von jedermann (und mit jede Textverarbeitung) sofort umsetzen. Der leicht verständliche Leitfaden ist in weniger einer Stunde durchgearbeitet … da gibt es keine Ausrede mehr für schlecht gesetzten Text.

Auch FontShop bringt immer wieder mal nützliches Lehrmaterial in Umlauf, zum Beispiel unsere drei Font-Fibeln. Sie widmen sich den technischen Formaten digitalisierter Schriften bzw. ihrer Einsatzgebiete: Büro (Font-Fibel 1), Internet (Font-Fibel 2) und Drucksachen-Gestaltung (Font-Fibel 3). Seit kurzem liegen die drei Faltblätter auf der PDF-Plattform Issuu, so dass ihr sie entweder gleich hiert unten aufrufen und am Bildschirm durchlesen könnt, oder herunterladen … zum Drucken und später lesen.

Font-Fibel 1: Webfonts (4 S), PDF herunterladen …

Font-Fibel 2: Office-Fonts (4 S), PDF herunterladen …

Font-Fibel 3: OpenType-Fonts (4 S), PDF herunterladen …

Eine letzte Drucksache, die ich heute empfehle ist unser Apfel i, herausgekommen im Dezember 2010. Es gibt noch wenige gedruckte Exemplare davon, von denen ich morgen gerne 10 kostenlos versende. Einfach unten einen Kommentar hinterlassen, mit funktionierender E-Mail-Adresse (bleibt für andere unsichtbar), so dass ich die Postanschrift ermitteln kann. First come first go … [Aktion ist beendet].

Ganz eilige laden sich Apfel i über Issuu (Download-Link) oder werfen gleich hier einen Blick hinein:

Gute Typografie, jetzt (2): Zitat Matthew Butterick

“If you believe typography matters — visually, historically, culturally — consider it your duty to help make sure it doesn’t get washed away by declining expectations.” Matthew Butterick, Sep 6 2011, Fonts in Use

»Wenn du glaubst, Typografie sei wichtig – visuell, historisch, kulturell –, betrachte es als deine Pflicht mitzuhelfen, dass sie nicht durch sinkende Erwartungen zugrunde geht.« Matthew Butterick, 6. 9. 2011 auf Fonts in Use

Matthew Butterick studierte an der Harvard University Visuelle Kommunikation und Mathematik, bevor er Mitte der 90er Jahre bei The Font Bureau Schriften entwarf und digitalisierte. Später gründete er in San Francisco das Web-Design-Büro Atomic Vision, das er 1999 verkaufte. Butterick zog nach Los Angeles, um seinem Berufsleben eine neue Richtung zu geben. Er studierte Jura und wurde Anwalt. Doch seine Leidenschaft für gut gestaltete Texte ist ungebrochen. 2008 rief er die Website Typography for Lawyers ins Leben. Matthew Butterick war Sprecher auf der ersten FontShop-Konferenz FUSE95.

Ich fordere leidenschaftliche Typografie

(Aufklärung tut not. Deshalb habe ich in diesem Beitrag eine kleine Adobe-InDesign-Schulung versteckt … Wer ausschließlich typografische Nachhilfe wünscht, gehe einfach nur die Bilder und Bildunterschriften durch. Wer mitdiskutieren möchte, lese die Absätze dazwischen.)

Sagt: Wollen wir mal alle zusammen für bessere Typografie im Land kämpfen? Meine Tochter Marie (15) fragte mich am Wochenende: »Warum sind eigentlich die amerikanischen und englischen Bücher so viel schöner gemacht als die deutschen?« Na weil die typografische Kultur dort weiter entwickelt ist, antwortete ich. Außerdem probieren die gerne mal was Neues aus.

Bleiben wir kurz beim Buch. Selbst ein jahrzehntealter Wettbewerb wie Die Schönsten Deutschen Bücher leistet kaum einen Beitrag zur typografischen Kultur. Er spornt zwar die kleinen Kunst-, Kinder- und Coffee-Table-Buchverlage an, aber auf das große Brot-und-Butter-Verlagsbusiness färbte er nicht ab. Doch …: die Schulbücher sind in den letzten 10 Jahren besser geworden. (weiterlesen …)

Die Web-Häuptlinge hassen Typografie…

… aber nicht mehr lange. von Seth Godin*

Es begann wahrscheinlich mit HTML, und danach Yahoo, natürlich. Doch eBay überspannte den Bogen, bevor Google und Facebook es zur Methode erhoben: Eine beschissene Typografie, kein bisschen darauf zu achten wie man was sagt sondern und nur was man sagt – der typische Erst-die-Technik-Ethos des Internets.

Sergey Brin formulierte einst, dass Ausgaben für Marketing die Quittung für lausige Produkt sei, und natürlich ist ein gut gestalteter Text eine Form des Marketings. Sergey hat keine Ahnung vom Marketing, denn großartige Produkte sind Marketing, und erst recht keine Ahnung vom Nutzen guter Typografie.

Es ist die Typografie, die Apple auf den ersten Blick vom Rest des Marktes unterscheidet. Es ist die typografische Gestaltung, die ein selbstverlegtes Buch meist alt aussehen lässt gegenüber einem »richtigen«. Typografie (genauer: die falsche) ist eine Gefahrenquelle in Flugzeugen: Wer hat festgelegt, das Sicherheitshinweise IN GROSSBUCHSTABEN GESCHRIEBEN SEIN MÜSSEN?

Die Wahl einer Schrift, ihre sorgfältige Zurichtung und ihre Leserlichkeit ergeben einen starken Eindruck. Wenn deine Visitenkarte nichts anderes ist als Arial auf einem Stück Karton, teilst du den Empfängern etwas mit … ziemlich genau das Gegenteil von dem, was du ursprünglich mit der Karte beabsichtigt hast.

Ironie der Geschichte: Es waren die Computer, allen voran Apple, die das Gestalten von Drucksachen in unsere Hände legten. Und dieselbe Computerindustrie nahm es uns wieder weg, entwertete unsere Ausdrucksmöglichkeiten um zu demonstrieren wie beschäftigt wir mit dem Programmieren sind, auf dass nichts mehr vertrauensvoll oder reizvoll aussehen kann. Typekit und andere Webfont-Dienste packen dieses Problem nun beim Schopf, und es ist ziemlich sicher, dass die nächste Generation von Unternehmen online besser aussehen wird als die von heute.

Gute Typografie ist etwas aufwändiger als schlechte, aber sie macht sich um ein Vielfaches bezahlt … nein: sie ist ein echtes Schnäppchen. Hier ein paar brauchbare Bücher (englisch; eine deutschsprachige Alternative) und ein nettes Tool, gefunden bei Swiss-Miss.
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*Übersetzung des Artikels The web leaders hate typography (but not for long) von Seth Godin, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Seth Godin ist ein New Yorker Autor, Unternehmer und Marketing-Experte. Sein Lieblingsthema: die post-industrielle Revolution. Er schrieb 13 Bestseller die in 30 Sprachen übersetzt wurden.

Minimalismus: Chance oder Gefahr für große Marken?

Das Design-Beratungsunternehmen Antrepo Design Industry fragt sich: Kann es in einem maximierten Markt minimalistisches Design geben? »Unser neustes Projekt beschäftigt sich mit Vereinfachung. Wir haben versucht, für weltweit bekannte Markenprodukte ein reduziertes Packaging-Design zu entwickeln. Wir glauben, dass sich jedes Produkt nach einer gewissen Zeit auf Minimalisierung untersuchen lassen sollte.« Die Designer von Antrepo praktizierten ein 2-stufiges redesign: a) minimal und b) extrem minimal.

Das interdisziplinäre Design-Blog Ignant schreibt zu dem Experiment: »Natürlich sind Geschmäcker verschieden und während die breite Masse eher die farbenfrohe Variante vorzieht, würden mich zwei Farben, eine Typo und möglichst wenig Schnick-Schnack viel mehr ansprechen.« Es steht also die Frage im Raum: Erreichen weltberühmte Marken mit einem reduzierten Design möglicherweise ein anderes, neues Publikum? Oder aber: Reicht auch Stammkunden der schlichte Nutella-Schriftzug, um zu ihrem Lieblingsprodukt zu greifen? Sollte es für bestimmte Marken zwei Packaging-Design-Schienen geben?

Weitere überarbeitete Marken auf dieser flickr-Seite. (Via: Gerrit van Aaken)

Anti-Anti-Design

von Florian Pfeffer

Gestern, kurz nach Veröffentlichung des Kommentars »Anti-Design« von Erik Spiekermann, schrieb mir Florian Pfeffer, Direktor der Stiftung :output in Amsterdam und Herausgeber/Gestalter des internationalen Jahrbuches :output für Designprojekte aus Hochschulen: »Im Interesse zweier Generationen, die im Jahr 1964 (ich) bzw. im Jahr 2000 (meine Kinder) noch nicht geboren waren, möchte ich eine Replik auf den von Erik veröffentlichten Artikel und das Manifest »First things first« schreiben.« Gesagt, getan, veröffentlicht …

Lieber Erik. Auch ich bin (unter anderem) »Design-Professor« – und zwar genau auf der Nachfolgestelle jener Person, auf die du in deinem Artikel anspielst – die nächste Generation eben. Ich bin außerdem Designer, Unternehmer und Kurator, ich spreche also nicht aus dem Elfenbeinturm. Und ich bin mit Dir eins, dass politische Plakate hier und heute gestalterische Bigotterie sind und dass es nicht besonders mutig ist, einen Artikel in einem Surfer-Magazin in Zapf Dingbats zu setzen.

Das alles vorangestellt, finde ich den in deinem Artikel beschriebenen Standpunkt aber ausgesprochen desillusionierend und visionslos. Er entlässt uns nicht aus dem Gefängnis, den beide Manifeste um uns Designer herum aufgebaut haben. Schlimmer noch, der Artikel macht das Gefängnis noch hoffnungsloser und die Mauern noch dicker: Nach fast 40 Jahren kommen wir zu dem Schluss, dass wir auch keine Lösungen haben. Aber immerhin funktionieren die Espressomaschine und die Zentralheizung noch … where do we go from here?

Deine Ehrlichkeit muss man dir hoch anrechnen.
Für das Manifest bedeutet dieser Umstand aber, dass es gescheitert ist.
Es musste zweimal geschrieben werden und beim dritten Aufwärmen wird es schal.

Ich finde das nicht besonders überraschend.
So nobel das Ziel des Manifestes, so eindimensional seine Botschaft.

Das Manifest hat einen Geburtsfehler, der das Design auf Jahre hinaus in seiner Entwicklung blockiert hat: Es unterscheidet zwischen »denen« (Hersteller von Hundekuchen, Kreditkarten, Haargel etc.) und »uns«, die mit Geld dazu gezwungen werden, für diese Dinge Werbung zu machen, das »kranke System stützen« und sich dafür schämen. Ich glaube, uns ist die historische Dimension dieses Geburtsfehlers gar nicht bewusst. Wo wäre Design heute ohne diesen Unterschied?

Dieser Unterschied ist unser Gefängnis: Wir müssen uns entscheiden, ob wir zu »denen« oder zu »uns« gehören. Es gibt keine Alternative. »Die« machen die Fehler, »wir« verkaufen sie … oder werden »Künstler-Designer«. Pest oder Cholera. Hat schon mal jemand auf slanted.de nachgezählt, wie viele von Designern gemachte (und in homöopathischen Auflagen selbst finanzierte) Magazine über »Orte«, »froh sein« oder »Kunst, Design und Fotografie« jeden Monat rauskommen? Das scheint die einzige real existierende Alternative zwischen denen und uns zu sein. Deprimierend.

Ich will nicht die billige Polemik aufmachen, dass wir alle Haargel, Kreditkarten und (so hoffe ich doch zumindest) Putzmittel verwenden bzw. Konsumkritik üben, während wir auf Designermöbeln sitzen. Das ist nicht das Problem.

Das Problem ist: Wir wollen als Designer mit der Planung und Herstellung sowie mit der Gestaltung der Umstände, unter denen diese Dinge das Licht der Welt erblicken, nichts zu tun haben. Das sollen die machen: Die Wirtschaft und die Politik. Wir machen das Drumherum, ob nun dafür (Werbung/Corporate Design), dagegen (politische Plakate) oder weder/noch (Kultur). Damit sind wir nur mitschuldig, unschuldig oder weder/noch-schuldig.

Das ist zu wenig!
Designer müssen endlich aus diesem Gefängnis ausbrechen!
Weg mit den Grenzen von DIN A4, HKS und 72 dpi!
Ich fordere Designer auf, sich schuldig zu machen, und zwar richtig!

Damit würden wir tatsächlich Verantwortung übernehmen und könnten haftbar gemacht werden.
Man müsste uns ernst nehmen, weil wir ernsthaften Schaden anrichten könnten.
Ganz nebenbei würde auch die Bezahlung besser werden (wie an dieser Stelle so oft gewünscht wird).

Warum sind die meisten Wirtschaftsführer Ingenieure?
Warum sind die meisten Politiker Lehrer oder Juristen?
Weil sie nicht das Gefühl haben, ihren Beruf zu verraten, wenn sie an die entscheidenden Stellen in unserer Gesellschaft aufsteigen. Wir hingegen glauben, dass wir aufhören würden, Designer zu sein, wenn wir »die Seiten wechseln«. Dann wären wir einer von denen, schmutzige Finger, der Feind … vorbei das schöne Leben aus Farben und Formen.

Bertold Brecht hat geschrieben: Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank?
Heute wissen wir: Wir können das Gründen von Banken nicht allein den Bankern überlassen. Das wird nichts.

Ich will beileibe nicht behaupten, dass Designer die besseren Menschen, Politiker oder Banker wären.
Genauso wenig sind Frauen die bessern Kanzlerinnen oder führen weniger Kriege.

Aber: Wir vertrauen unsere Welt immer mehr Experten an, die die komplexen Probleme für uns lösen sollen.
Das bringt unsere Demokratie in Gefahr. Es ist heute beispielsweise nicht mehr möglich, den korrupten Vorstand einer Hamburger Bank zu entlassen, weil das den Einsturz der Bank bedeuten würde. Wir sind in der Geiselhaft der Technokraten!

Designer hingegen sind Generalisten.
Sie arbeiten sich in eine Vielzahl von Themen ein.
Sie beschäftigen sich mit den Motivationen und Interessen von anderen Menschen.
Sie machen Dinge benutzbar und nützlich.
Sie machen Zukunftsvorstellungen und Strategien verständlich.
Sie entwerfen und stellen Lösungen für Probleme auf den Tisch – greifbar, konkret und überprüfbar.
Sie vertrauen nicht immer dem »das haben wir schon immer so gemacht«”, sondern suchen neue Wege.

Das alles soll nur dazu gut sein, Magazine, Webseiten, Erscheinungsbilder und Plakate zu machen?

Für mich ist beispielsweise Muhammed Yunus, der Erfinder des Mikro-Kredits, ein Designer im besten Sinne. So viel zu den verteufelten Kreditkarten. Jetzt brauchen wir nur noch die besseren Hundekuchen. Wir sollten ganz oben ins Regal greifen. Das können wir auch.

Die Grenzen in unseren eigenen Köpfen sind bekanntermassen am schwierigsten zu überwinden. Das Land dahinter ist aber aufregend. Und dort liegt sehr viel Zukunft für das Design.

Das Doppelleben des Designers (Anti-Design)

von Erik Spiekermann

Der nachfolgende Beitrag erschien vorgestern unter dem Titel “The Designer’s Double Life” auf der Website des britischen Magazins Blueprint und wurde über Twitter tausendfach empfohlen. Ich habe mir beim Autor die Genehmigung zum Übersetzen und veröffentlichen hier im Fontblog geholt. Foto: Jürgen Siebert.

Wenn Architekten vom Funktionalismus genervt sind, ändern sie Louis Sullivans Lehrsatz »Form follows function« in »Form follows fun« um und schmücken ihr Gebäude mit beliebigen Elementen. Türmchen, Betonsegel, Stufenpyramiden, Bögen, Architrave und jede Menge Zierrat, der keinen Zweck erfüllt außer Zierrat zu sein. Wenn Grafikdesigner gelangweilt sind von der Perfektion ihrer neuen Rechner, die ihre Arbeit pixelgenau rendern, rebellieren sie mit einem selbst geschriebenen Programm, das die Konturen von Buchstaben per Zufall verändert und Texte bei jedem Druck anders aussehen lässt. Ein Editorial Designer, dem der gelieferte Text eines Autors nicht gefiel, setzte ihn einfach aus einer unlesbaren Dingbats-Schrift.

Dieser Akt unfassbar mutiger Missachtung machte ihn berühmt, zumindest in jenen Kreisen der Studenten, die dazu verdammt waren, ihr Leben als Layout-Sklave in einer Werbeagentur zu fristen. Mich nannte mal einen Design-Professor Verräter, weil ich meine Mitarbeiter dazu anhielt, für finstere kapitalistische Unternehmen zu arbeiten, während er seinen eigenen Kampf gegen die Ausbeutung unseres Berufsstandes lobend hervorhob, der darin bestünde, Plakate gegen die Verbreitung von Aids und Hunger zu entwerfen. Er dachte, dies seien unglaublich mutige Botschaften gegen das Establishment. Wen wundert’s, dass er heute, nach 30 Jahren in einem sicheren Job, die staatliche Rente genießt während ich immer noch die Peitsche über die armen Abhängigen in meinem Büro schwinge.

Es war schon immer leicht, in der sicheren Umgebung von Kunstzeitschriften oder Galerien zu protestieren, vor einem Publikum aus Designern, die viel lieber Künstlern wären, wenn es eine Aussicht auf ein sicheres Einkommen gäbe. Es ist in der Tat schwer mit dem Widerspruch zu leben, Botschaften zu entwerfen die Menschen dazu bewegen sollen, Geld auszugeben, das sie nicht haben, für Dinge, die sie nicht brauchen. Wenn sie die Hochschule verlassen haben, möchten Designerinnen allzu gerne Kinderbücher illustrieren und Designer Plakate gegen das Böse in der Welt gestalten. Monate später sind sie froh vor einem Computer zu sitzen, der am laufenden Band endlose Variationen diagonal gestreifter Etiketten für die nächste  »Light«-Produkterweiterung ausspuckt. Natürlich ist unsere Welt in einem traurigen Zustand. Öffentliche Einrichtungen sind pleite, der Verkehr ist ein Alptraum, die Luft ist das Atmen nicht wert, an käufliche Politiker und hohe Arbeitslosenquoten haben wir uns gewöhnt. Sollten wir unser Fähigkeiten als Kommunikatoren, Strategen und Problemlösen nicht auf die wichtigen Themen des Lebens richten? Den öffentlichen Verkehr? Effiziente und nachhaltige Energiequellen schaffen, bezahlbare Wohnungen und einen lebenswerten Kiez?

Als das First-Things-First-Manifest von 1964, unterschrieben von 22 britischen Designgrößen, im Jahr 2000 wiederveröffentlicht wurde, unterschrieben es jede Menge Designer aus aller Herren Länder. Viele von ihnen arbeiteten und arbeiten immer noch in einem Umfeld, das im Manifest so beschrieben wurde:

… Designer … setzen ihr Talent und ihr Phantasie dafür ein, Hundekuchen zu verkaufen, Designerkaffee, Diamanten, Putzmittel, Haargel, Zigaretten, Kreditkarten, Turnschuhe, Kosmetik, Light-Bier und Geländelimousinen. Kommerzielle Arbeit hat unsere Rechnungen bezahlt, aber viele Grafikdesigner haben sie inzwischen zum einzigen werden lassen, was ein Grafikdesigner tut. Und genauso nimmt die Außenwelt inzwischen das Design wahr. Die Zeit und Energie unseres Berufes wird dafür benutzt die Nachfrage nach Dingen zu schüren, die bestenfalls unwichtig sind …

Auch ich habe das Manifest unterschrieben, weil ich daran glaube, dass wir unsere Fähigkeiten viel eher dafür einsetzen sollten, die drängenden Fragen zu lösen als die oben zitierten. Aber wovon sollen wir dann leben? Regierungen und Behörden sind die schlechtesten Auftraggeber, die man sich vorstellen kann. Sie unterschätzen und unterbewerten unsere Arbeit dauerhaft. Wir werden als das wahrgenommen, was wir hauptsächlich tun: Leute, die dem hässlichen Gesicht des Kapitalismus ein Make-up verpassen. Außerhalb der kommerziellen Welt traut uns niemand einen wertvollen Beitrag zu. Dieser Teufelskreis wird nicht durchbrochen, indem man gegen seine Teuflischkeit protestiert. Wir werden uns keine Freunde außerhalb unserer kleinen eigenen Welt machen, wenn wir die Hand beißen, die uns füttert. Am Abend in Kunstgalerien mit unserer nicht-kommerziellen Arbeit gegen Konsumterror und Überdesign protestieren, um am nächsten Morgen wieder unserer gewohnten Arbeit nachzugehen mag unser Gewissen beruhigen, es löst aber nicht die Zwiespältigkeit unserer Arbeit.

Nicht dass ich eine Lösung hätte … Wenn mein Sohn mir vorwirft, dieses kranke System zu stützen, kann ich nur darauf verweisen, wenigstens unseren Mitarbeitern ein menschenwürdiges Umfeld zu bieten. Wir haben eine Zentralheizung, Espressomaschine, schnelle Computer und eine angenehme Beleuchtung. Wir zahlen pünktlich Gehälter, gewähren 30 Tage Urlaub im Jahr, Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub und niemand wird eingestellt ohne Zustimmung der zukünftigen Kollegen. Wir arbeiten auch nicht für echt-böse Produkte, wie Zigarettenmarken oder Banken. Obwohl wir niemanden umbringen und uns selbst nicht für unsere Kunden umbringen lassen, respektieren sie uns und wir respektieren sie und sie behandeln uns genauso gut wie wir sie behandeln. Wir bieten ein Umfeld mit so wenig wie möglich Entfremdung. Es geht nicht darum, was wir tun, sondern wie wir es tun. Ein ehrlichere Antwort fällt mir nicht ein.