Artikel im März 2010


Wahl zum Goldenen Windbeutel 2010 ist eröffnet

Foodwatch wird dieses Jahr zum 2. Mal den »Goldenen Windbeutel« für die dreisteste Food-Werbelüge verleihen (Fontblog über die Wahl 2009 Wer verdient den Goldenen Windbeutel? und den damaligen Gewinner). Eine prominente Jury hat aus elf Produkten, die seit dem Goldenen Windbeutel 2009 auf www.abgespeist.de neu hinzugekommen sind, fünf nominiert. Nun entscheiden die Verbraucher, wer die unrühmliche Trophäe überreicht bekommt. Zur Auswahl stehen:

  • Beo Heimat Apfel-Birne von Carlsberg
  • Bertolli Gegrilltes Gemüse von Unilever
  • Der Gelbe Zitrone-Physalis von Pfanner
  • Duett Champignon Creme-Suppe von Escoffier
  • Monte Drink von Zott

Weiter Informationen über die 5 Produkte und warum sie nominiert wurden auf Page online. Fast interessanter als die 5 Nominierten ist ein Blick in die komplette Liste der Lebensmittel, die so gesund sein wollen, es aber meist nicht sind. Das 3-seitige PDF (Abb. oben links)  mit den 24 Produkten liegt hier zum Download bereit.

Hier kann über die 5 Favoriten abgestimmt werden …

Die TYPO-Tasche 2009, für 12 statt 25 €

Neu im Fontblog: der Stern der Woche, immer dienstags. Er löst das Produkt der Woche (PdW) ab. Heute ist unser die TYPO-Tasche 2009. Eigentlich sind es zwei Taschen, denn im Inneren der »Space«-Tasche steckt die kleiner Krimskrams-Tasche. Wie jede unserer Konferenztaschen wurde auch diese eigens für die TYPO entworfen und angefertigt (Design: Studio Adhoc). Das heißt: Es gibt nicht viele davon. Und wer sie trägt, ist ein ★.

Die äußeren Werte: 38 x 29 cm (kleine Tasche 25 x 22 cm), Nylon, anthrazit/grau, mit abgesetzten blauen Rand und blauer Innenseite. Statt 25 € kostet die »Space«-Tasche für die kommenden sieben Tage nur 12 € (keine Versandkosten). Zur Bestellung auf www.fontshop.de …

Neuer Wettbewerb: SOTA Catalyst Award

Die Society of Typographic Aficionados (SOTA), Veranstalter der jährlichen Typografie-Konferenz TypeCon, hat einen neuen Wettbewerb ins Leben gerufen. Der Catalyst Award wendet sich an junge Designer unter 30, die Außergewöhnliches in den Bereichen Schriftentwurf, Schriftgeschichte oder anderen typografischen Gebieten geleistet haben. Der Empfänger des Cataylst-Awards erhält eine Einladung zur kommenden TypeCon nach Los Angeles (17. – 22. August 2010), wo er seine Arbeit vor einem Fachpublikum präsentieren kann. Darüber hinaus winkt ein Taschengeld zur Deckung der Reisekosten von 1500 US-Dollar.

Einsendeschluss ist der 30. April 2010, am 21. Mai wird der Gewinner bekanntgegeben. Die Einsendung (< 12 MB) an catalyst@typesociety.org sollte folgendes enthalten:

  • ein PDF der Arbeit bzw. Abbildungen der Arbeit
  • eine Beschreibung der Arbeit und ihrer Präsentation (max. 100 Wörter)
  • eine Brief mit dem beruflichen Werdegang (max. 300 Wörter)
  • Optional: Link zu einer Website mit anderen eigenen Arbeiten

Kontaktinformationen nicht vergessen.

MoMA »kauft« @-Zeichen

Wie das New Yorker Museum of Modern Art heute in seinen Hausmitteilungen Inside/Out berichtet, hat die Abteilung Architecture and Design das @-Zeichen in seine Sammlung aufgenommen. »Es ist ein bedeutsamer und ermutigender Erwerb, der uns alle stolz macht.« heißt es auf der Internetseite des Museums. Doch was bedeutet die Anschaffung eines Schriftzeichens überhaupt, sowohl konzeptionell als auch praktisch?

Das MoMA erläutert seine historische Entscheidung so: »Der Erwerb des @-Zeichens geht einen Schritt weiter als alle Akquisitionen der jüngeren Zeit. Er fußt auf der Annahme, dass der physische Besitz eines Objekts keine Voraussetzung mehr für seine Anschaffung ist. Dies ebnet uns Kuratoren einen völlig neuen Weg zum Taxieren der Welt und erlaubt uns Dinge anzuerkennen, die eigentlich ›nicht zu haben‹ sind – weil sie entweder zu groß sind (Gebäude, eine Boeing 747, Satelliten, …) oder weil sie einfach nur da sind und allen und niemandem gehören, wie das @. Solche Exponate müssen sich den gleichen Kriterien von Qualität, Relevanz und Einzigartigkeit stellen wie die übrigen Objekte der MoMA-Kollektion.«

Um zu verstehen, warum da MoMA das @-Zeichen in seine Sammlung aufgenommen hat, hilft ein Blick in die Geschichte des Symbols. Die meisten von uns kannten es als Affenschaukel, Klammeraffe oder Elefantenohr, bevor es als essenzieller Bestandteil von E-Mail-Adressen »lebensnotwendig« wurde. In dieser (neuen) Rolle trennt es den Benutzer- vom Domainname.

Es gibt mehrere Theorien über die Entstehung des @. Zwei davon sind im Mittelalter angesiedelt, wo es entweder als handschriftliche Verschmelzung (Ligatur) der Buchstaben a und d des lateinischen Wortes »ad« (deutsch »zu«, »zu etwas hin«) diente, oder aber als Abkürzungszeichen, beispielsweise nach einem Brief eines römischen Kaufmannes über Schiffsladungen als Abkürzung für das Wort »Amphore«.

Nach gängiger Typografen-Meinung ist das @ eine Ligatur, die schon zu Bleisatzzeiten in der Monotype-Bibliothek Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte. Seit den 1880er Jahren ist es auf englischen Schreibmaschinen nachgewiesen. Dabei handelte es sich um ein angelsächsisches kaufmännisches Wertzeichen, dessen Bedeutung aus der Preisangabe »five apples at 10 pence« = »5 apples @ 10 p« hervorging. In den deutschen Sprachraum wurde parallel dazu das französische à eingeführt, zum Beispiel für »5 Brötchen à 10 Pfennig«.

Da es zunehmend im Handel zum Einsatz kam, gelangte es sehr bald auf hiesige Schreibmaschinen und so letztlich auch auf unsere Computertastaturen. Im Englischen wird durchgängig die Aussprache »at« (wie in »I’m at home«) benutzt, und das Zeichen heißt »„commercial at«, früher »commercial a«. Im Deutschen wird das @ entweder »ät«, analog zum englischen Ausdruck, teilweise auch als »à« ausgesprochen.

Bei der Erfindung der E-Mail 1972 wurde nach einer weitgehend ungenutzten Glyphe im Zeichensatz amerikanischer Fernschreiber (ASCII) gesucht, das – zwischen Benutzer- und Rechnername gesetzt  – die beiden Adressbestandteile eindeutig trennen sollte. Dabei stieß der Elektroingenieur Ray Tomlinson auf das @. Es passte auch von der Benennung her (at = bei), weil der Name vor dem @ einen Benutzer und der Rechnername (Domain) hinter dem @  den Großrechner des Betriebs oder Instituts bezeichnete, bei dem er arbeitete.

Zurück zum MoMA. Was hat das Museum nun wirklich »gekauft«, fragt es sich selbst in seiner Ankündigung. Die Antwort böte Raum für Interpretationen, heißt es. Das @ ist weder Kunst, noch ein Designobjekt, selbst seine Form ist nicht eindeutig festgelegt, wie wir als Typografen alle wissen. Seine Bedeutung liegt in der weltweiten Benutzung. Es ist immateriell und künstlich, und trotzdem verfügt es über eine allgegenwärtige Kraft. Es ist kein Kunstwerk, was man schon alleine daran sieht, das es – auch das MoMA – keinen Cent gekostet hat.

Obwohl das @ nur schwer zu greifen ist, kommt auch das bedeutende Museum nicht umhin, es zu zeigen. Auf der Website entschied man sich für ein @-Zeichen aus der Schrift ITC American Typewriter Medium (Abbildung oben), die 1974 von Joel Kaden, Tony Stan und Ed Benguiat gezeichnet wurde und der Schrift des Fernschreibers Modells Teletype 33, auf dem die erste E-Mail verfasst wurde, am nächsten kommt.

Gute Laune beim TYPO-Gewinnspiel

Noch herrscht gute Laune beim TYPO-Gewinnspiel – jedenfalls sprechen die eingereichten Fotos dafür. Ich hoffe, dass es so bleibt. Denn es werden täglich mehr Teilnehmer … doch leider können pro Woche nur drei etwas gewinnen. An diesem Montag sind das:

• 1 TYPO-3-Tages-Ticket (Wert 670 €): Tanja Jung
• 4 TYPOnight-Tickets (Wert ca. 60 €): Tea Jankovic
• 1 Buch »Corporate Design Preis 2009« (Wert 29,95 €): Arno Matysik

Der 3. Preis für die laufende Woche ist das neue Brand-Eins-Buch »Die Welt in Zahlen 2010« im Wert von 22,00 €.

Popikonen: The Who »I’m Free«

Die neu Reihe »Popikonen« erzählt persönliche Erinnerungen an Popsongs, die musikalisch und visuell Maßstäbe setzten (angeregt durch Radio Eins’ »Bermudadreieck – Versunkene Songs«).

Als ich am 27. September 1969, wie jeden letzten Samstag im Monat, um 15:30 die Fernsehsendung »Beat Club« einschaltete, war ich nach wenigen Minuten ziemlich enttäuscht. Statt einer gewohnt bunten Musik- und Newsmischung aus den Hippie-Metropolen, widmeten sich Dreiviertel der Sendung einer einzigen Band: The Who. Erst ein paar Wochen später begriff ich, dass sie ein Dutzend Songs ihrer Wochen zuvor erschienenen Rock-Oper »Tommy« aufführten … darunter das bemerkenswerte »I’m Free.«

Gestern schaute ich mir die 40 Jahre alte Sendung noch mal an (iTunes-Link), und mir wurde klar, dass Beat-Club-Regisseur Mike Leckebusch ein Musikvideo-Meisterwerk geschaffen hatte, zu einer Zeit, als es noch keine Musikvideos gab. Er war dafür bekannt, die damals möglichen analogen Schwarzweiß-Effekte bis zur Grenze – ja Übertreibung – auszureizen. Bei »I’m Free« inszenierte er die Musiker als Schattenrisse, mit sanften Hell-Dunkel-Überblendungen.

Diese Abstraktion reduzierte den visuellen Auftritt der Who auf ihre Körpersprache. Wir sehen einen statischen John Entwistle († 2002) am Bass, den charismatischen Lockenkopf Roger Daltrey (traditionell in Fransenjacke) das Mikrofon am langen Kabel herum schleudernd und einen entfesselten Keith Moon († 1978) an den Drums, der mit den Schlagstöcke wie ein Torrero auf die Becken einsticht. Geradezu atemberaubend ist die Choreografie des genial-ungezügelten Rhythmus-Gitarristen Pete Townshend. Sein aggressiver Stil, die Saiten mit dem rotierenden ausgestreckten rechten Arm anzuschlagen, beeinflusste wenig später die Entwicklung der Musikstile Hard Rock und Heavy Metal (eine schlechte Kopie des Beat-Club-Videos auf YouTube).

Danke, Riller & Schnauck, … [Update]

… dass ihr unsere Straße mit euren BMW-Fußmatten zugemüllt habt (Fontblog berichtete: Below the line* … oder unterhalb der Gürtellinie). Die Fotos entstanden heute morgen, 24 Stunden nach der Aktion – ausschließlich in meiner Wohnstraße. Die meisten KFZ-Halter haben euren Dreck einfach liegen gelassen. Würdet ihr bitte mal einen Wagen vorbeischicken, und den Mist wieder einsammeln.

[Update:] Alles wird gut: Die Matten (»Rote Teppiche«) wurden wieder restlos eingesammelt. Danke.

Jetzt mal Musik: »Satellite« unter die Lupe genommen

Einen solchen Musiklehrer hab’ ich mir immer gewünscht … Der Pianist, Sänger und Erzieher Klaus Kauker aus Oberhausen erläutert in einem YouTube-Video die Schwächen unseres »Songs für Oslo«. Zur Erinnerung: Vor einer Woche fiel im Finale der Casting-Show »Unser Star für Oslo 2010« (ARD/Pro7) die Entscheidung, welche deutsche Interpretin mit welchem Titel zum Eurovision Song Contest in die norwegische Hauptstadt reist.

Der Siegertitel »Satellite«, zunächst vorgetragen von Jeniffer Braun in der ursprünglichen Fassung als Ballade (das Video von Jeniffers Auftritt), gewann in der beschleunigten Fassung, interpretiert von Lena Meyer-Landrut (das Video von Lenas Auftritt). Doch nicht nur das Tempo wurde verändert, auch die Tonartfolge. Und was viele in der Mitte des Titels nur spüren, eine gewisse Unschlüssigkeit, kann Klaus Kauker exakt erklären. Kaum einer versteht das, aber wir alle glauben ihm jedes Wort. (via Stefan Niggemeier)

Wenn es uns irgendwann mal gelingt, Design auf diese Weise zu erklären, ist unsere Branche gerettet.

Neue Kategorienamen im Fontblog

Seit eben laufen zwei Kategorien im Fontblog unter einem neuen, treffenderen Namen (die Inhalte bleiben unverändert):

Geschmackspolizei wurde Gelbe Karte
In die Tonne wurde Rote Karte

Noch mal Post, von Flymint

Heute in meinem Büro-Postfach: Ein persönlicher Brief, ohne Absender, anonym abgestempelt im Briefzentrum 07. Das Kuvert enthält …

… eine handgeschriebene grüne Karte mit einer langen Internetadresse, nur für mich: www.modern-ist-anders.de/Juergen-Siebert (die Landing-Page ist nicht mehr erreichbar). Dazu ein Hochglanzfoto (Quelle: Fotolia, Bildnummer 9807783 … kann ich dem Dateinamen auf der Rückseite entnehmen).

Ich suche die Internetadresse auf und werde in eine Flash-Diashow gelockt, die mich mit vier Bildern plus drei (schwer lesbaren, weil typografisch katastrophalen) Fragetexten innerhalb von 54 Sekunden davon überzeugen möchte …

… dass die Flymint GmbH in Jena eine der raffiniertesten Dialog-Marketing-Methoden anbietet, nämlich genau das, was ich gerade erlebt habe: Flymint hat für sich selbst geworben. Mit einem handgeschriebenen Brief und einer PURL (= persönliche URL), eigentlich keine Raketenwissenschaft. Auf der Webseite von Flymint erfahre ich, das ein solches Mailing rund 10 x so viel kostet wie eine konventionelle Aussendung, dafür aber 20 x erfolgreicher ist, was nach Adam Riese zu einer Kostenersparnis von 50 % führen kann.

B & B haben ein neues Buch gestaltet

Eben erreicht mich eine Mail aus Schwäbisch-Gmünd:

Lieber Jürgen,

12 Stunden zeigt ein Ziffernblatt …
12 Stunden sind das Maß unseres analogen Zeitbegriffs …
12 Stunden x 2 sind ein Tag …
12 Monate hat das Jahr …

12 Monate begleitete das Thema unsere Entwurfsarbeit,
um Momentaufnahmen auf 208 Seiten in Szene und Licht
zu setzen.

›Twelve Faces of Time‹ portraitiert in 12 individuellen Kurzgeschichten 12 Welt-Meister der Uhrmacherkunst und ihre Leidenschaft, Technik und Kunst aus bis zu 300 handgefertigten Einzelteilen in einem Unikat zusammenzuführen. B & B gibt Einblicke in Zeitzeichen einer nur scheinbar vergangenen Zunft. Viel Vergnügen …«

Wenn Baumann & Baumann ein Buch gestaltet haben, dann ist das eine Meldung im Fontblog wert. Zumal wir alle wissen, dass viele Designer regelrechte Uhrnarren sind. Mehr über das 200-seitige Meisterwark auf der Verlagsseite …

Below the line* … oder unterhalb der Gürtellinie?

Als ich heute morgen vom Küchenfenster aus auf unsere Straße schaute (Zehlendorf), dachte ich zunächst, ein Handwerker hätte seine Firmentafeln verloren. Später dann stelle ich fest: Der Berliner BMW-Händler Riller & Schnauck ließ im gesamten Viertel Fußmatten vor die Fahrertüren der geparkten Oberklassewagen auslegen. Ob der sie nachher wieder einsammelt? Einige meiner Nachbarn haben den A3-großen Filz schlicht ignoriert.
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* Below the line (engl. für unter der Linie, Abk. BTL) bezeichnet im Marketing alle »nicht-klassischen« Werbe- & Kommunikationsmaßnahmen, zum Beispiel Promotion-Team-Aktionen und nicht für jedermann erkennbare Aktionen, die Zielgruppen direkt und persönlich ansprechen.