Artikel im März 2009


Wirbel um das Logo des NATO-Gipfels

Nato Summit Logo

Im April feiert die Nato 60-jähriges Jubiläum. Die Feierlichkeiten richten Deutschland und Frankreich gemeinsam aus. Der Nato-Gipfel am 3. und 4. April 2009 sollte in den Nachbarstädten Kehl und Straßburg statt finden. Kehl? Irgendwann merkten die Verantwortlichen, dass der 35.000-Einwohner-Ort für einen Gipfel mit 28 Staats- und Regierungschefs nicht geeignet ist (»Gipfel bei den Gartenzwergen«, Der Tagesspiegel). Also weicht die Nato kurzerhand auf das 54 km entfernte Baden-Baden aus, eine erfahrene Kongressstadt.

Nun war aber das Logo schon gestaltet und in die Welt gesetzt – ohne Baden-Baden drin. Mal abgesehen davon, dass nur noch wenig Platz für ein »Baden-Baden« im Signet ist, will die Nato das Zeichen nicht mehr antasten. Es ginge um die Symbolik des Brückenschlages zwischen Deutschland und Frankreich und deshalb seien nur Straßburg und Kehl genannt.

Die Wirte und Hotelliers in der Kurstadt werten die Nichterwähnung als einen Schlag ins Gesicht. Der Kreisvorsitzende des örtlichen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), Hans Schindler, sagte: »Das Festbankett findet in Baden-Baden statt.« Und wenn die Fernsehbilder um die Welt gingen, werde das Logo eingeblendet. Dies sei nicht in Ordnung, klagte Schindler. Seine Sorge sei, dass bei den nachfolgenden Generationen die Rolle von Baden-Baden als Veranstaltungsort in Vergessenheit geraten könne. »Wenn man in zehn Jahren im Internet in Google nach dem Ereignis sucht, taucht an erster Stelle Kehl auf«, gab Schindler weiter zu Bedenken.

Da habe ich eine Lösung, mein Alternativlogo, mit Baden-Baden drin. Das können sich die Gastwirte auf ihre Webseiten kleben, in die Fenster hängen und in die Speisekarten einbauen. Und wenn alle mitmachen, dann wird die Google-Bildersuche auch in 10 Jahren das alternative Baden-Baden-Logo zum Nato-Gipfel 2009 ganz oben in der Ergebnisliste zeigen.

Logo-Garniervorschlag für die Baden-Badener Hotels und Gaststätten:

Bad Nato Summit Logo

Schluss mit den schönen »kleinen Preisen«

Im Juli 2008 hat das Bundeskartellamt den Zusammenschluss der Discountketten Netto (gehört zu Edeka) und Plus (Tengelmann) genehmigt. Damit entsteht im deutschen Lebensmittelhandel ein neuer Billiganbieter – der drittgrößte hinter Aldi und Lidl – mit 3800 Filialen, 50 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr. Nur noch fünf Konzerne beherrschten heute 90 Prozent des Marktes: Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Tengelmann.

Zur Zeit werden die 2500 Plus-Märkte in Netto-Märkte umgewandelt. Damit verschwindet eines der markantesten Corporate Designs in der deutschen Geschäftslandschaft. Die Plus-Hausfarben Orange/Blau hatten einen hohen Wiedererkennungswert, auch typografisch war Plus mit seiner abgerundeten, »eurostiligen« Exklusivschrift führend im Discount-Bereich (mal abgesehen von ALDI Süd).

Damit ist nun Schluss. In der Plus-Filiale gegenüber FontShop (Bergmannstraße) hängen schon die ersten Ekel-Netto-Schilder (Foto oben). Sie zeigen vollkommen wirr zusammengewürfelte Wortgebilde auf farbigen Flächen, ohne ein Spur Gestaltung: PREISSENKUNG – GROSSE – 500 – auf Dauer – Discountpreise – BILLIGEN PREISE. Auf ähnlichem Niveau heute die Anzeige in den Berliner Tageszeitungen (Abbildung ganz oben).

Nun wird mancher argumentieren: Wer billig verkauft darf auch billig aussehen. Dem stimme ich (1.) nicht zu, weil sich die Ansprüche der Verbraucher gewandelt haben und (2.) sind die Netto-Drucksachen nicht billig gestaltet, sondern einfach nur lieblos zusammengekloppt. Wenn die ihre Waren mit der gleichen Leidenschaft auswählen, einkaufen und prüfen …

Typografischer Relaunch bei Audi

Wer sich die jüngsten Printanzeigen von Audi genauer anschaut, wird eine subtile typografische Neuerung entdecken. Der Automobilhersteller verwendet nicht mehr die vor rund 12 Jahren von MetaDesign eingeführte und modifizierte Univers Extended – ›Audi Sans‹ genannt, sondern die neue AudiType. Auch für dieses Facelifting ist MetaDesign verantwortlich, das sich von Paul van der Laan (Type-invaders) und Pieter van Rosmalen (Caketype) eine neue Schriftfamilie für Audi entwerfen ließ. Paul und Pieter haben beide Typedesign an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag studiert.

Offiziell haben weder Audi noch seine CI-Agentur ein Wort über den typografischen Relaunch verloren. Ohne die Beweggründe genauer zu kennen, entdecke ich auch im Bereich Schrift eine Politik der kleinen Schritte. Das Fundament, oder sagen wir ruhig »Fahrgestell«, bleibt erhalten – Schriftbreite, Grauwert, Metrik –, doch die Karosserie wurde verfeinert. Und dies sehr elegant, weg vom Statischen hin zum Dynamischen, Höherwertigen.

Auf der TYPO 2007 hat Carl-Frank Westermann von MetaDesign diese Strategie sehr detailliert für das Audi-Sound-Branding erläutert, insbesondere das akustische Ending der Werbespots. Mit feinen Eingriffen in den Obertönen haben die MetaDesigner dem 2-Sekünder eine höhere Wertigkeit verliehen. Auch bei der Schrift scheint diese Operation vorzüglich gelungen.

Fitness First bringt Wartende ins Grübeln

Raffinierte Abribus-Werbung in Amsterdam: Die Sportstudiokette Fitness First gaukelt den Wartenden an der Bushaltestelle eine Waage unter der Sitzbank vor. Oder ist dort tatsächlich eine untergebracht. Eigentlich egal … die Botschaft wirkt in jedem Fall.

Agentur: N=5, Amsterdam, Holland
Kreativteam: Marco de Jong, Thijs Bontje, Jurriaan Noij
Quelle: ibelieveinadv.com

Google startet Display-Werbung

Google Display Anzeige (Simulation)

So werden bald Display-Anzeigen auf einer Google/YouTube-Seite aussehen … noch handelt es sich um eine Simulation, die fiktive TYPO-Anzeige wurde jedoch bereits mit dem von Google bereitgestellten Displaybuilder im Format 300 x 240 Pixel erstellt

Wie faz.net meldet, startet die Internet-Suchmaschine Google heute ihre lange erwartete Offensive im Markt für grafische Online-Werbung. Das Targeting-System, das die Werbung zielgerichtet ausliefern soll, heißt »Interest Based Ads« und verwaltet Anzeigen für das Google-Content-Netzwerk und die Videoseite Youtube; zum Content-Network gehören Websites, die Google-Anzeigen auf ihren Seiten zeigen, darunter auch viele Blogs. Google Suchergebnisseiten werden weiterhin von gestalteten Anzeigen verschont bleiben. Zum Google Displaybuilder … und zum Schulungsvideo yuf YouTube …

Wie würdet Ihr ein Symbol für die Rupie gestalten

Die Indische Regierung möchte ein Schriftzeichen für ihre Währung Rupie einführen und hat einen Wettbewerb hierfür ausgerufen. BBC berichtet fleißig darüber und interviewte die Euro-Experten vom FontShop zu diesem Thema. Erik Spiekermann hat auf gewohnt routinierte Weise und sehr sachkundig den Radio-Part übernommen (hier anhören), ich selbst durfte ein paar Zitate für den gedruckten Beitrag beisteuern (hier lesen).

Da ich die Ausschreibung nicht kenne, weiß ich nicht, wer dort unter welchen Umständen und mit welchen Erfolgsaussichten mitmachen könnte. Das sollte uns Außenstehende jedoch nicht daran hindern, einen kleinen Parallel-Wettbewerb hier im Fontblog zu veranstalten. Vielleicht reichen die Gedanken von Erik gegenüber BBC schon als Briefing aus. Zeigt mir Eure Entwürfe, hier in den Kommentaren! Und in 6 bis 12 Monaten vergleichen wir das mit dem Wettbewerbsgewinner.

(Abb: Wikipedia)

Die eigene Handschrift digitalisieren lassen

Da FontShop seinen HandFont-Service nicht mehr anbietet, hier zwei günstige Alternativen. Beide Dienste arbeiten maschinell, das heißt die Schriften werden nicht von Hand digitalisiert (wie das beim HandFont der Fall war), sondern automatisch. Dabei ist YourFont ein kostenloser Dienst, während eine Handschrift aus dem Fontifier mit 9 Dollar zu Buche schlägt, wobei mir hier die Ergebnisse auf den ersten Blick von besserer Qualität zu sein scheinen.

Auch FontShop digitalisiert weiterhin Handschriften, jedoch nicht mehr im Marktsegment »Just for Fun«. Wer eine Handschrift für den repräsentativen Einsatz im Dialogmarketing und in der Werbung digitalisieren lassen möchte, kann dies weiterhin bei FontShop durchführen lassen – auf professionellen Niveau, handgearbeitet, maßgeschneidert und mit allen (OpenType)-Raffinessen.

Periodensystem der Schriften

FontShops 100 Beste Schriften aller Zeiten waren (mit anderen Quellen) die Basis für dieses Periodensystem der Schriften. Eine Abbildung in besserer Auflösung liegt hier. (via)

Robothon (4): Schönere Buchstaben mit weniger Arbeit

Eine Gastreportage von Benjamin Hickethier

Robofab Model

Langjährige Fontblog-Leser erinnern sich vielleicht: Die Überschrift lehnt sich an das Motto von Andreas Trogischs Layout-o-mat an. Die Formel fasst am bestens zusammen, worum sich die Robothon ’09 Konferenz drehte. Im Originalton heißt das: ›Making simple things fast and complex things possible‹ (aus der Beschreibung von Erik van Bloklands Superpolator).

Es waren 2 + 1* Tag(e) Familien-/Klassentreffen für die sozial Interessierten und ein Must für alle die – professionell oder studierend – mit Fontproduktion zu tun haben. Auf dem schmalen Pfad zwischen ›nerdy aftertaste‹ (Kommentar auf Unzipped) und atemberaubendem Technikeinsatz für ein besseres Leben, war die Robothon (*insbesondere die Kombination mit den Events zur Verleihung des Gerrit-Noordzij-Preises und Ausstellungseröffnung der GNp-Austellung von Tobias Frere-Jones) eine Einladung, offen für alle Schriftgestalter und Freunde der Schriftgestaltung, sich auf den neusten Stand oder womöglich sogar den Stand der Technik ›von morgen‹ zu bringen … motivierend und inspirierend für alle Typoaffinen. ›The epicentre of the type design world‹, wie Yves Peters, der auch angereist war, schon im Vorfeld via Fontfeed ankündigte (Leseempfehlung, auch als Einführung in die Terminologie und Hintergründe).

Die Teilnehmerzahl der letzten robothon (2006) wurde verdoppelt. Zuletzt wurde sogar noch die Warteliste integriert, so dass ungefähr 120 Teilnehmer, bei einem geschätzten Anteil von 20 Prozent Teilnehmerinnen, das Auditorium der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten (KABK) in Den Haag gut füllten.

Die Organisatoren, LettError, Tal Leming (talleming.com), Paul van der Laan (type-invaders.com) und die Studierenden des type]media-Postgraduate-Kurses (new.typemedia.org) der KABK mit Jan Willem Stas leisteten Großartiges. Die Robothon und die Gerrit-Noordzij-Veranstaltungen waren ein großer Erfolg. Alle Präsentationen und Vorträge sollen in Kürze als Podcasts verfügbar sein – haben wir etwas Geduld, es gibt viel nachzubereiten.

Robofab Model

›Getting started‹

Erik van Blokland erläuterte die Basics, wie UFOs aufgebaut sind (unifiedfontobject.org) und die Grundlagen der Robofab-Umgebung, wobei er betonte: ›You don’t need to program to use UFO‹, und: auch Robofab kann man als Nicht-Programmierer benutzen. Punkt 2: »Robofab is a Hammer« (Hilfreiche Einführung bietet diese für die Konferenz zusammengestellte Step-by-step-Dokumentation).

Schnell wurden auch höhere Anforderungen gestellt. Nach Adobe’s Miguel Sousa, der das Adobe Font Developer Kit vorstellte (AFDKO 2.5) – vergleichbar mit dem FontShop-International-Tool FontQA (Fontblog berichtete) (wie mir Viktor Nübel versicherte, sei das FSI-tool benutzerfreundlicher) – setzte Tal Leming fort mit Sessions über seine fantastischen Werkzeuge (tools.typesupply.com). Anschaulich formulierte er noch einmal die Vorteile des Scriptens: »I hate Kerning more than you do«, also arbeitete er rund 7 Jahre an der MetricsMachine, die einen professionellen workflow schafft für handgemachtes, hochqualitatives und optimiertes Kerning [»Watching somebody kerning may be more attractive than watching somebody coding« – Tal]. Seine Software Prepolator hilft, Glyphen für das Interpolieren zu vergleichen und vorzubereiten, und zwar einfach, mit einer simplen Benutzeroberfläche, und vor allem: schnell!

Das WYSIWYG-Sliden in einigen Vorträgen, vor allem Eriks Superpolator und Tal Lemings Prepolator [Erik: »These two tools are really good friends«], kam all jenen Teilnehmern entgegen, denen die Python-Konversationen in den Scripting- und Coding-Sessions zu wenig typografische Reize boten. Großen Anklang fanden hier auch Georg Seiferts (schriftgestaltung.de) Font-Editor Glyphs und die diversen vorgestellten FontLab-Plugins bzw. -Tools, z. B. Yanones (yanone.de) Autopsy mit hübschen Statistiken und praktischen Benutzeroberflächen, die UFO-Software des Ex-type]media-Studenten Fredrik Berlaen (typemytype.com) oder die Remix-Tools des Ex-Reading-Studenten Tim Ahrens (remix-tools.com), der auch auf der TYPO 2009 sprechen wird (hier kann man jede Woche ein TYPO-Ticket gewinnen).

Viele vorgestellte und vorgeführte Tools bedienen sich im Ansatz oder in der Bedienung Multiple-Master-ähnlicher Technologien. Anders als im ursprünglichen Multiple-Master-Format ist die Justierung der Parameter der Buchstabenmodifikation nicht in der Hand der Enduser, sondern des Schriftgestalters, die damit auch die Kontrolle über die Konsistenz der Form der einzelnen interpolierten Glyphen behalten.

GNp Ausstellung

Ein Blick auf das Schaffen des Gerrit-Noordzij-Preisträger 2006, Tobias Frere-Jones, bot die hierfür aufgebaute Ausstellung (Foto: Frank Grießhammer)

Preise und Ausstellung

Ein Bezug zu Interpolation und Multiple-Master fand sich auch in der an die Robothon ’09 anschließenden Verleihung des Gerrit-Noordzij-Preises (GNp), vor dem Hintergrund von Gerrit Noordzijs Lehre und Theorien, der als Lehrer die Begeisterung unter seinen Studenten Erik und Petr van Blokland, Just van Rossum u. a. entfacht hatte, sich intensiv nicht nur mit dem Erbe und den Erfahrungen der Schriftgeschichte, sondern auch mit der Entwicklung, die die Technik nimmt, auseinanderzusetzen. Und obwohl Gerrit Noordzij, der trotz Erkrankung selbst das Wort ergriff, seine Debatten und Uneinigkeiten mit dem diesjährigen Preisträger Wim Crouwel bekräftigte – Raster contra Schriftschreiben bzw. im Originalwortlaut ›grid should control the design vs. rather the other way round‹ – zollten beide einander großen Respekt. Tobias Frere-Jones als Preisträger 2006 hielt die Laudatio auf Wim Crouwel und führte interessante Gedanken über Crouwels Vorwegnahme/Avantgardefunktion/Technikbegeisterung aus, nicht nur dass Crouwel sich mit Pixeln beschäftigte, lange bevor diese im Allgemeinbewusstsein angekommen waren, sondern er berechnete bereits Inter- und Superpolation mittels Algorithmen und Formeln. ›Living with computers gives funny ideas‹, mit diesem passenden Zitat von Wim Crouwel schloss Tobias Frere-Jones.

Als Preis (der Gerrit-Noordzij-Preis wird vom jeweils vorigen Preisträger geschaffen, und ist undotiert) hatte Tobias für Wim Crouwel eine Schnittübersicht der Gotham auf Metall (Email) anfertigen lassen – die Schrift dorthin zurückgebracht wo sie herkommt (Schild-Lettering). Frere-Jones Gedanken zum Preis auf dieser Seite.

Crouwel selbst bedankte sich und stellte bescheiden klar, dass er ja eigentlich selten ins Type-design, so gut wie nie in den Entwurf ganzer Alphabete, involviert war. Die meisten seiner Schriften sind Entwürfe für Plakate, von denen einige nachträglich, in den letzten Jahren, vervollständigt digitalisiert wurden. Vielmehr empfindet Wim Crouwel nach eigener Aussage ›einen gewissen Neid für Schriftentwerfer, die ihr Leben ganz den abstrakten Formen, den Buchstaben, widmen können‹.

Petr van BloklandVon der Society of Typographic Aficionados bekam Gerrit Noordzij den SOTA Award (der, mit Verlaub, aussieht wie ein gläserner Fußballpokal), garniert mit einem Vortrag von Chris Vermaas, Gerrit Noordzij-Schüler und Freund von Tobias Frere-Jones. Unter der Devise ›Type, Beer and Cigarettes‹ wurde anschließend die Ausstellung von Tobias Frere-Jones feierlich eröffnet, und leitete in den (noch) geselligeren Teil des Abends über. Davon gab es natürlich, wie es sich bei so einer Konferenz gehört, nicht zu knapp – außer dem GNp-/Robothon-Diner die bereits erwähnte Party am Donnerstag in Delft; allein das Gebäude ist ein Erlebnis: es drückt, laut Petr, das Gleichgewicht aus ›zwischen Zusammenhang und Unterschiedlichkeit, als Fundament für die Vision des Büros‹. Dem holländischen Grachtenhaus ist ein funktionaler Neubau angesetzt (siehe Foto), mit einer Brücke verbunden, und Arbeits- und Wohnraum zugleich für Petr und Claudia Mens und ihr Büro (petr.com).

Petr van Bloklands Designtheorien (›Designing the design process‹) und Unterricht an der KABK wären einen eigenen Fontblog-Beitrag wert. Er hat auf der TYPO 2006 Play mit seinem ›Design Game‹ großes Interesse geweckt. Für HD Schellnack war Petr van Blokland »die Entdeckung der Typo«, was er auf einem meterlangen Blogbeitrag genauestens darstellte.

Am Samstag fand noch ein GNp-Seminar statt, ergänzend zur rRobothon, für ein breiteres Publikum, doch trotz begrenzter Teilnehmerzahl war das Auditorium ebenso voll wie zur Verleihung des Noordzij-Preises (zu der sich natürlich die größten Namen des holländischen Designs die Ehre gaben). Ein interessanter Faden wob sich durch die Vorträge, der gleichzeitig die Klammer um GNp und robothon bildete – das Bauen auf historischen Vorbildern, die Auswertung der Erfahrung aus Traditionen und Prozessen, und vor allem ihre Zugänglich- und Nutzbarmachung für heute. Paul Barnes stellte ›modern typography‹-Projekte vor, Revivals–Wiederbelebungen moderner klassischer Schriften, aus denen er z. B. die ›Marian‹ und die ›Brunel‹ entwickelte. Rich Roat präsentierte ein kleines House-Showreel mit Betonung auf der pädagogischen Note, wenn man ›on the shoulders of giants‹ steht, muss man den Typografie-historischen ›giants‹ auch credits geben.

Tobias Frere-Jones erklärte Research und Arbeit an der ›Archer‹, und zum Schluß erzählte Piet Schreuders seine liebenswerte Geschichte der ›The Baeu Hunks‹ (den Vortrag, den er auch schon auf der TYPO 2006 hielt), von CD-Covern und vor allem Backcovern und Linernotes, zur vergessenen und verloren geglaubten Musik der ›Laurel-&-Hardy‹-Filme. Die verbliebenen Saxophon-Reste der ›Beau Hunks‹, einer niederländischen Kapelle, die sich zur Neueinspielung der Laurel-&-Hardy-Musik zusammengefunden hatte, spielten zum großen Finale auf.

Benjamin Hickethier

Hingehen: Neues Museum, Tag der offenen Tür

Das Event nennt sich »Der erste Blick« und geht noch bis heute Abend, 18 Uhr. Drei Tage waren dann die Räume des frisch renovierten Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel zu bewundern – leer, ohne Exponate, ein Delikatesse für Architekten und Architekturinteressierte.

Bevor das Ägyptische Museum mit der Papyrussammlung und das Museum für Vor- und Frühgeschichte im Oktober 2009 wieder ihre angestammten Häuser mit einer neuen Präsentation ihrer Sammlungen einnehmen, gewähren die Staatlichen Museen zu Berlin der geneigten Öffentlichkeit einen ersten Blick in die restaurierten Räumlichkeiten des Hauses.

Das Neue Museum ist Teil des Weltkulturerbes Berliner Museumsinsel. Das zwischen 1843 und 1855 errichtete Gebäude gilt als Hauptwerk des Architekten und Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler und bildet sowohl als Teil der Gesamtanlage der Museumsinsel wie auch als Einzelbauwerk des späten Klassizismus’ eines der bedeutendsten Dokumente des Museumsbaus im 19. Jahrhundert. Mit neuen industrialisierten Bauverfahren und mit der Verwendung von Eisenkonstruktionen schrieb das Museum zudem ein Stück Technikgeschichte.

Nachdem David Chipperfield 1997 den Auftrag für das viel diskutierte Restaurierungskonzept zum Wiederaufbau erhielt, begannen die Arbeiten unter seiner Leitung im Jahr 2003. Dem Grundsatz folgend, das Erhaltene bewahren und zugleich durch Neues erkennbar ergänzen, entstand ein Bauwerk, das denkmalpflegerische und restauratorische Gesichtspunkte mit moderner Museumsarchitektur in sich vereint.

In der Nachkriegszeit versank die Ruine des Neuen Museums in einen Dornröschenschlaf. Andere Museen der Museumsinsel nutzten die weniger beschädigten Räume als Magazin. Erst 1986 begannen Arbeiten zum Wiederaufbau, die vorerst mit weiteren (vermeidbaren und unvermeidbaren) Abbrüchen und damit Verlust an historischer Bausubstanz verbunden waren.

Chipperfield ersetzte den zerstörten Südostrisalit und den Nordwestflügel durch Ersatzbauten mit gleichem Volumen. Das Ziegelmauerwerk der neuen Fassaden folgt in Material und Gliederung dem erhaltenen Nordrisaliten und dem Südwestflügel. Der ARchitekt verzichtet auf die Rekonstruktion verlorener Innenausstattungen, insbesondere des großen Treppenhauses. Stattdessen sichert, repariert und vervollständigt er die Ruine des Neuen Museums, das einer enthistorisierenden Rekonstruktion ebenso entgehen soll wie einer romantisierenden Alt-Neu-Rhetorik oder der Monumentalisierung seiner Zerstörung.

Die Gesellschaft Historisches Berlin e.V. kritisiert neben dem Neubau des Eingangsgebäudes die Art des Wiederaufbaus. In ihrer im März 2006 eingereichten Petition mit über 14.000 Unterschriften an den Deutschen Bundestag wandte sich die Gesellschaft gegen die Errichtung des nach einem Entwurf von David Chipperfield 2001 zunächst geplanten gläsernen Eingangsgebäudes.

Begründet wurde das mit der Befürchtung, dass der Neubau des Eingangsgebäudes zwei Drittel der Westfassade des Neuen Museums verdecken könnte. Als Argument wurde auch der möglicherweise drohende Verlust des Weltkulturerbe-Status der Museumsinsel als Folge der Gestaltung des Neubaus angeführt. Die Gesellschaft forderte die originalgetreue Wiederherstellung der Fassaden und der großen Treppenhalle. (Quellen: Wikipedia, smb; Fotos: Fontblog)

Robothon (3): Live und in Farbe

Wenn Ihr diesen Link http://194.171.57.63/kabklivestream.sdp mit der Quicktime-Applikation öffnet (Menü Ablage, URL öffnen …), könnt ihr das Fenster vergrößern und die visuelle Präsentation besser verfolgen.

Robothon (2): mit Slidern auf Achsen nach Delft

»Das linke Foto zeigt Erik van Bloklands Präsentation des Superpolators. Sein Auftritt erschien mir wie eine Allegorie für die gesamte Veranstaltung, die durch die Vorträge wie mit Slidern auf Achsen bewegt wird, auf Achsen von Hackercamp zu Typedesignstudententreff, LettError-Python-Entertainment zu Adobe-Firmenpräsentation oder Robofab-for-beginners zu Codefeinmechanikermesse.

Heute finden eher kleinere und kürzere Präsentationen von einzelnen Tools statt, mit denen gestern auch der Tag ausklang – mit Tal Lemings ›kurzer Einführung‹ in App-Building — Defcon, Defcon AppKit,
Vanilla ›and the art of making tools‹, danach übernahm er den sozialen Teil des Programms: ›Dinner by yourself or with friends‹, diese beiden Parameter waren variabel.

Ab sieben Uhr versammelte man sich wieder, zur Party im ›Buro‹ (=Büro + Wohnhaus) von Petr van Blokland und Claudia Mens in Delft.

Das zweite Foto zeigt Yanones Präsentation seines Fontlab-tools Autopsy